Das sechste Kapitel

Wann ich so durch die Gassen daherprangete und mein Pferd unter mir

tanzte, da sagte das alberne Volk wohl: »Sehet, das ist der Jäger! Min

God, wat vor en prave Kerl is nu dat!« Ich spitzte die Ohren gewaltig

und ließ mirs gar sanft tun. Aber ich Narr hörete meine Mißgönner

nicht, die mir ohn Zweifel wünschten, daß ich Hals und Bein bräche.

Verständige Leute hielten mich gewißlich vor einen jungen Lappen,

dessen Hoffart notwendig nicht lang dauern würde.

Meine Gewohnheit war, herum zu terminieren und alle Wege und Stege,

alle Gräben, Moräste, Büsche und Wasser zu bereiten, um vor eine

künftige Occasion des Orts Gelegenheit so offensive als defensive

zu Nutz machen zu können. Einst ritt ich unweit der Stadt bei einem

alten Gemäuer vorüber, darauf vor Zeiten ein Haus gestanden. Ich drang

mit meinem Pferd in den Hof ein, zu sehen, ob man sich auch auf den

Notfall zu Pferd darin salvieren könne. Als ich nun bei dem Keller,

dessen Gemäuer noch rund umher aufrecht stund, vorüberreiten wollte,

war mein Pferd, das sonst im geringsten nichts scheute, weder mit Liebe

noch Leid dahin zu bringen. Ich stieg ab und führete es an der Hand

die verfallene Kellersteigen hinunter, wovor es doch scheuete, damit

ich mich ein andermal darnach richten könnte. Mit guten Worten und

Streichen brachte ich es endlich so weit, indem ward ich gewahr, daß

es vor Angst schwitzte und die Augen stets nach der Ecke des Kellers

richtete, dahin es am allerwenigsten wollte, ob ich auch gleich nichts

gewahrete. Ich stund mit Verwunderung, und wie mein Pferd je länger,

desto ärger zitterte, da kam mich ein solches Grausen an, als ob man

mich bei den Haaren aufzöge und einen Kübel voll kalt Wasser über mich

abgösse. Mein Pferd stellete sich immer seltsamer, doch konnte ich

nichts sehen, also daß ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich

müßte vielleicht mitsamt dem Pferd verzaubert sein. Derowegen wollte

ich wieder zurück, aber mein Pferd folgte mir nicht. Dahero ward ich

noch ängstlicher und so verwirrt, daß ich schier nicht wußte, was ich

tät. Zuletzt nahm ich meine Pistole auf den Arm und band mein Pferd an

eine Holderstockwurzel, der Meinung, aus dem Keller zu gehen und Leute

zu suchen, die meinem Pferde heraushülfen. Indem fällt mir ein, ob

nicht in dem Gemäuer vielleicht ein Schatz läge, dahero es so ungeheuer

sein möchte. Ich sehe mich um, sonderlich nach der Ecke, dahin mein

Pferd nicht wollte, und ward eines Stückes im Gemäuer gewahr, so groß

als ein gemeiner Kammerladen, welches in Farbe und Arbeit dem andern

Gemäuer nicht allerdings glich. Ich wollte hinzugehen, da sträubten

sich alle meine Haare gen Berg und das bestärket mich in der Meinung,

daß ein Schatz verborgen sein müsse.

Hundertmal lieber hätte ich Kugel gewechselt, als mich in solcher Angst

befunden. Ich ward gequält und wußte doch nicht recht von wem, dann ich

sahe oder hörte nichts. Ich wollte durchbrennen, vermochte aber die

Stiegen nicht hinauf zu kommen, weil mich eine starke Luft aufhielt. Da

lief mir die Katze wohl den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich

sollte meine Pistole lösen, damit mir die Bauren im Feld zuliefen. Ich

war so erzörnt oder viel mehr desperat, da ich sonst kein Mittel noch

Hoffnung sahe, aus diesen ungeheuern Wunderort zu kommen, daß ich mich

gegen den Ort kehrete, wo ich die Ursache meiner seltsamen Begegnus

vermeinete, und traf obgemeldtes Gemäuerstück mit zweien Kugeln so

hart, daß es ein Loch gab, zwo Fäuste groß.

Als der Schuß geschehen, wieherte mein Pferd und spitzte die Ohren,

was mich herzlich erquickte. Ich faßte einen frischen Mut und ging ohn

Forcht zu dem Loch, da brach die Maur vollends ein. Ich fand einen

reichen Schatz an Silber, Gold und Edelsteinen. Es waren aber sechs

Dutzend altfränkische silberne Tischbecher, ein großer göldner Pokal,

etliche Duplet, eine altfränkische göldene Kette, unterschiedliche

Diamanten, Rubine, Saphire und Smaragde, alles in Ringe und Kleinodien

gefasset, ~item~ ein ganz Lädlein voll großer Perlen, aber alle

verdorben und abgestanden, dann ein verschimmelter lederener Sack mit

achtzig von den ältesten Joachimsthalern aus feinem Silber, sodann 893

Goldstücke mit dem französischen Wappen und einem Adler. Dieses Geld,

die Ringe und Kleinodien steckte ich in meine Hosensäcke, Stiefeln,

Hosen und Pistolenhalftern und, weil ich keinen Sack bei mir hatte,

schnitt ich meine Schabracke vom Sattel und füllete sie zwischen Zeug

und Futter mit Silber- und Goldbechern, hing die gölden Kette um den

Hals, saß fröhlich zu Pferd und wandte mich meinem Quartier zu. Wie

ich aber aus dem Hof kam, rissen zween Bauren vor mir eilends aus, ich

ereilete sie leichtlich, weil ich sechs Füße und ein eben Feld hatte

und rief sie an. Da erzählten sie mir, daß sie vermeinet hätten, ich

wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem, ödem Edelhof wohne und Leute,

die zu nahe kämen, elendiglich zu traktieren pflege. Aus Furcht vor

dem Ungeheuer käme oft in vielen Jahren kein Mensch an diesen Ort.

Die gemeine Sage ginge im Land, es wäre ein eiserner Trog voller

Geldes darin, den ein schwarzer Hund hüte zusamt einer verfluchten

Jungfer. Sollte aber ein fremder Edelmann, der weder seinen Vater noch

seine Mutter kenne, ins Land kommen, so werde er die Jungfer erlösen,

den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließen und das

verborgene Geld davonbringen. Derlei alberne Fabeln erzählten sie

mir noch viel. Ich fragte, was sie dann beide da gewollt hätten. Sie

sagten, sie hätten einen Schuß samt einem lauten Schrei gehöret, da

seien sie zugeloffen. Sie wollten viel Dings von mir wissen, und ich

hätte ihnen sattsam Bären aufbinden können, aber ich konnte schweigen

und ritt meines Wegs in mein Quartier. --

Diejenigen, die wissen, was Geld ist, und dahero solches vor ihren

Gott halten, haben dessen nicht geringe Ursach, dann ist jemand in der

Welt, der des Geldes Kräfte und beinahe göttliche Tugenden erfahren

hat, so bin es ich: Ich weiß wie einem zu Mut ist, der einen ziemlichen

Vorrat hat, und wie der gesinnet sei, der keinen einzigen Heller

vermag. Kräftiger als alles Edelgestein ist Geld, dann es vertreibet

die Melancholei wie der Diamant, es machet Lust und Beliebung zu den

~Studiis~ wie der Smaragd, darum werden gemeiniglich mehr reicher als

armer Leute Kinder Studenten; es nimmt hinweg Forchtsamkeit, machet den

Menschen fröhlich und glückselig wie der Rubin; oft ist es dem Schlafe

hinderlich, wie die Granate; hingegen hat es auch eine große Kraft,

die Ruhe und den Schlaf zu befördern, wie der Hyazinth; es stärket das

Herz und machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild wie

der Saphir und Amethyst; es vertreibet böse Träume, machet fröhlich,

schärfet den Verstand und so man mit jemand zanket, machet es, daß man

sieget wie der Sardonyx, vornehmlich wann man den Richter brav damit

schmieret; es löschet die geile Begierden, weil man schöne Weiber um

Geld kriegen kann. In Kürze, es ist nicht auszusprechen, was das liebe

Geld vermag, wann man es nur richtig brauchen und anzulegen weiß.

Das meinige war seltsamer Natur, es machte mich hoffärtiger, es

hinderte mir den Schlaf, es machte mich zu einem bekümmerten

Rechenmeister, es machte mich geizig.

Einmal kam mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittieren, mich irgends

hinsetzen und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster aussehen, dann

gereuete mich aber wieder mein freies Soldatenleben und die Hoffnung,

ein großer Hans zu werden. Oder verwünschete ich wiederum mein

unvollkommen Alter und ich sagte zu mir selber, dann so nähmest du eine

schöne, junge, reiche Frau und kauftest du irgendeinen adeligen Sitz

und führtest ein geruhiges Leben. Allein ich war noch viel zu jung.

Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, der redete zu Zeiten sehr

subtil und war etliche Wochen gar klug, hatte mich auch über alle Maßen

lieb. Er warnete mich: »Liebster Sohn, schenkt euer Schindgeld, Gold

und Silber hinweg!«

»Warum, mein lieber Jove?«

»Darum, damit Ihr Euch Freunde dadurch machet und Eurer unnützen Sorgen

los werdet. Lasset die Schabhälse geizig sein. Haltet Euch, wie es

einem jungen, wackeren Kerl zustehet!«

Ich dachte der Sache nach. Zuletzt verehrete ich dem Kommandanten

ein paar silberner und vergöldter Duplet, meinem Hauptmann ein paar

silberner Salzfässer, aber es wurde ihnen das Maul nach dem Übrigen

nur wässeriger, weil es rare Antiquitäten waren. Meinem getreuen

Spring-ins-Feld schenkte ich zwölf Reichstaler. Auch er riet mir, ich

solle meinen Reichtum von mir tun, dann die Offizierer sähen nicht

gern, daß der gemeine Mann mehr Geld hätte als sie. Auch wären etlich

um Geldes halber heimlich ermordet worden. Es ginge um im ganzen Läger,

und jeder mache den gefundenen Schatz größer, als er an sich selbst

sei, er müsse oft hören, was unter den Burschen vor ein Gemürmel gehe.

Er ließe Krieg Krieg sein, und setzte sich irgendwo in Sicherheit.

Ich sagte zu ihm: »Höre, Bruder, wie kann ich die Hoffnung auf mein

Fähnlein so leicht in den Wind schlagen!«

»Hol mich dieser und jener, wann du ein Fähnlein bekommst. So die

andern sehen, daß ein Fähnlein ledig, möchten sie tausendmal eh dir den

Hals brechen helfen. Lerne mich nur keine Karpfen kennen, mein Vater

war ein Fischer!«

Ich erwog diese und meines Jupiters Reden und bedachte, daß ich keinen

einzigen angeborenen Freund hätte, der sich meiner in Nöten annehmen,

oder meinen Tod rächen würde. -- Indem sich nun eben eine Gelegenheit

präsentierte, daß ich mit hundert Dragonern, etlichen Kaufleuten und

Güterwägen von Münster nach Köln convoieren mußte, packte ich meinen

Schatz zusammen und übergab ihn einen von den vornehmsten Kaufleuten zu

Köln gegen spezifizierte Handschrift aufzuheben. Meinen Jupiter brachte

ich auch dahin, weil er in Köln ansehnliche Verwandte hatte, gegen die

er meine Guttaten rühmete, daß sie mir viel Ehre erwiesen.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 46 / 78 题