Den Ort liegen zu lassen war nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse
hätte viel Blut gekostet und wäre doch noch mißlich gestanden, ob
mans übermeistert hätte. Die Stücke und alles Zugehör von Münster
und Ham herzuholen, da wäre viel Mühe, Zeit und Unkosten darauf
geloffen. Indem man bei Groß und Klein ratschlagte, fiel mir ein, ich
sollte mir diese Occasion zu Nutz machen, um mich zu erledigen. Ich
ließ meinen Obrist-Leutenant wissen, daß ich Anschläge hätte, durch
welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre, wann ich nur
Pardon erlangen und wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte. Da
lachten etliche: wer hangt, der langt! Andere, die mich kannten, auch
der Obrist-Leutenant selbst glaubten mir, weswegen er sich in eigener
Person an den General-Feldzeugmeister wandte. Der hatte hiebevor auch
vom Jäger gehöret, ließ mich holen und solange meiner Bande entledigen.
Als er mich fragte, was mein Anbringen wäre, antwortete ich:
»Gnädiger Herr etc., obzwar mein Verbrechen und Eurer Exzellenz
rechtmäßig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so
heißet mich doch meine alleruntertänigste Treue, die ich dero
römischen kaiserlichen Majestät meinem allergnädigsten Herrn bis in
den Tod zu leisten schuldig bin, dem Feind einen Abbruch zu tun und
erstallerhöchst gedachter römischer kaiserlicher Majestät Nutzen und
Kriegswaffen zu befördern ...«
Der Graf fiel mir in meine allerschönste Rede: »Hast du mir nicht
neulich den Mohren gebracht?«
»Ja, gnädiger Herr.«
»Wohl, dein Fleiß und Treue möchten vielleicht meritieren, dir das
Leben zu schenken. Was hast du aber vor einen Anschlag?«
»Weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine
Wenigkeit davor, der Feind werde bald accordieren, wann er nur
eigentlich glaubte, daß wir Stücke bei uns haben.«
»Das hätte mir wohl ein Narr gesagt,« fiel der Graf ein. »Wer wird sie
aber überreden, solches zu gläuben?«
»Ihre eigenen Augen. Ich habe ihre hohe Wacht mit meinem Perspektiv
gesehen. Die kann man betrügen, wann man nur etliche Holzblöcke, den
Brunnenrohren gleich, auf Wägen ladet, dieselben mit großem Gespann in
das Feld führet und hiebevor ein Stückfundament aufwerfen lässet.«
»Mein liebes Bürschchen, es seind keine Kinder darin. Die werden die
Stück auch hören wollen, und wann der Posse dann nicht angeht, so
werden wir von aller Welt verspottet.«
»Gnädiger Herr, ich will schon Stücke in ihre Ohren lassen klingen,
wann ich nur ein paar Doppelhacken und ein ziemlich groß Faß haben
kann. Sollte man aber wider Verhoffen nur Spott daraus erlangen, so
werde ich, der Erfinder, denselben mit meinem Leben aufheben.«
Obzwar nun der Graf nicht dran wollte, so persuadierte ihn jedoch mein
Obrist-Leutenant dahin, daß er sagte, ich sei in dergleichen Sachen
glückselig. Der Graf willigte endlich ein und meinte im Scherz zu ihm,
die Ehre so er damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen.
Also wurden drei Blöcke zuwegen gebracht und vor jeden vierundzwenzig
Pferde gespannt, die führeten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht,
dreien Doppelhacken gab ich zweifache Ladung, die ließ ich durch
ein Stückfaß losgehen, gleich ob es drei Losungsschüsse hätten sein
sollen. Das donnerte dermaßen, daß jedermann Stein und Bein geschworen
hätte, es wären Quartierschlangen oder halbe Kartaunen. Unser
General-Feldzeugmeister mußte der Gugelfuhre lachen und ließ dem Feind
abermals einen Accord anbieten mit Anhang, wann sie sich nicht noch
diesen Abend bequemen würden, daß es ihnen morgen nicht mehr so gut
werden sollte.
Darauf wurden alsbald beiderseits Geißeln geschickt, der Accord
geschlossen und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben.
-- Das kam mir trefflich gut, dann der Graf schenkte mir nicht allein
das Leben und ließ mich noch selbige Nacht auf freien Fuß stellen,
sondern er befahl dem Obrist-Leutenant in meiner Gegenwart, daß er
mir das erste Fähnlein, so ledig würde, geben sollte. Das kam dem
Obrist-Leutenant ungelegen, dann er hatte der Vettern und Schwäger so
viel.
Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich
so stattliche Hoffnungen hatte, und gesellete mich allgemach zu den
Offizierern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten,
was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete. Sie waren deswegen meine
ärgsten Feinde und stelleten sich doch als meine besten Freunde gegen
mich. So war mir der Obrist-Leutenant nicht gar grün, weil er mich
vor seinen Verwandten hätte befördern sollen. Mein Hauptmann war mir
abhold, dann ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel prächtiger
hielt als er. Also hassete mich auch mein Leutenant wegen eines
einzigen Wortes halber, das ich neulich unbedachtsam hatte laufen
lassen. Wir waren miteinander in der letzten Cavalcada kommandiert,
eine gleichsam verlorene Wacht zu halten. Als nun die Schildwacht an
mir war, kroch der Leutenant auch auf dem Bauch zu mir und sagete:
»Schildwacht, merkst du was?« Ich antwortete: »Ja, Herr Leutenant.« --
»Was da! Was da!« sagte er. -- »Ich merke, daß sich der Herr förchtet.«
Von dieser Zeit an hatte ich keine Gunst mehr bei ihm, und wo es am
ungeheuersten war, ward ich zum ersten hinkommandiert. Nicht weniger
feindeten mich die Feldwaibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen ward.
Was aber gemeine Knechte waren, die fingen auch an in ihrer Liebe und
Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie
verachte, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern zu den
großen Hansen gesellete. Ich lebte eben dahin wie ein Blinder in aller
Sicherheit und ward je länger, je hoffärtiger.
Ich scheuete mich nicht einen Koller von sechzig Reichstalern, rote
scharlachene Hosen und weiße atlassene Ärmel, überall mit Gold
und Silber verbrämt, zu tragen, welche Tracht damals den höchsten
Offizierern anstund. Ich war ein schröcklich junger Narr, daß ich den
Hasen so laufen ließ, dann hätte ich mich anders gehalten und das
Geld, das ich so unnützlich an den Leib hing, an gehörige Ort und Ende
verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen,
sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht.
Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich nicht als Edelmann wußte,
damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Livrei hätte kleiden
können. Und ich gedachte, alle Dinge hätten ihren Anfang -- wann du ein
Wappen hast, so hast du schon ein eigne Livrei, und wann du Fähnrich
wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wannschon du kein Junker
bist. Ich ließ mir also durch einen ~Comitem Palatinum~ ein Wappen
geben. Das waren drei rote Larven in einem weißen Feld und auf dem
Helm das Brustbild eines jungen Narren in kälbernem Habit mit ein Paar
Eselsohren, vorn mit Schellen gezieret. Und dünket mich wahrlich schon
jetzt keine Sau zu sein. So mich jemand damit hätte foppen wollen, so
wären ihm ohn Zweifel Degen und ein Paar Pistolen präsentieret worden.
Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging
ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wann sie irgends Jungfern
besuchten, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren,
Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß gestehen, daß ich andern
vorgezogen wurde, aber auch, daß verwöhnte Schleppsäcke mich einem
wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der
Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre. Ich sagte, so man mich der
holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstach, daß mirs
genug sei, wann ich noch zur Zeit meine Freude an einem blanken Degen
und einer guten Muskete hätte. Die Frauenzimmer billigten auch solche
Reden, da keiner war, der das Herz hatte, mich heraus zu fordern oder
Ursach zu ein Paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindlichen Worten
zu geben, zu denen ich mich bereit zeigte.