Das ander Kapitel

Solches wurde ich bald gewahr, daher stellete ich mein vorig gottlos

Leben allerdings ab. Ich ging zwar auf Partei, zeigete mich aber gegen

Freund und Feind so leutselig und diskret, daß alle, die mir unter die

Hände kamen, ein anderes glaubten, als sie von mir gehöret hatten.

Ich sammlete mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin

und wieder auf dem Lande in hohle Bäume verbarg, dann ich hatte mehr

Feinde in der Stadt Soest und im Regiment, die mir und meinem Gelde

nachstellten, als außerhalb und bei den feindlichen Guarnisonen.

Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feuerröhren nicht weit von Dorsten

und paßte einer Bedeckung mit etlichen Fuhrleuten auf, die nach Dorsten

kommen sollte. Ich hielt selbst Schildwacht, weil wir dem Feinde nahe

waren. Da sah ich einen Mann daherkommen, fein ehrbar gekleidet, der

redete mit sich selbst und focht dabei seltsam mit den Händen.

»Ich will einmal die Welt strafen, es sei dann, mir wolle es das große

~Numen~ nicht zugeben!«

Woraus ich mutmaßete, er möcht etwan ein mächtiger Fürst sein, der so

verkleideter Weise herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu

erkunden. Ich dachte, ist dieser Mann vom Feind, so setzt es ein gutes

Lösegeld, wo nicht, so willst du ihn aufs höflichste traktieren. Sprang

derohalben hervor und präsentierte mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen.

»Der Herr wird belieben, vor mir hin in den Busch zu gehen.«

Er antwortete sehr ernsthaftig: »Solcher ~Tractation~ ist

meinesgleichen nicht gewohnt.«

Ich tummlete ihn höflich fort. »Der Herr wird sich vor diesmal in die

Zeit schicken.«

Als die Schildwachen wieder besetzt waren, fragte ich ihn, wer er

sei. Er antwortete großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein,

wannschon ich es wüßte: Er sei auch ein großer Gott!

Ich gedachte, er mochte mich vielleicht kennen und etwan ein Edelmann

von Soest sein und so sagen, um mich zu hetzen, weil man die Soester

mit dem großen Gott und dem göldenen Fürtuch zu vexieren pfleget, ward

aber bald in, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen

hätte, der sich überstudieret und in der Poeterei gewaltig verstiegen,

dann er gab sich vor den Gott Jupiter aus. Ich wünschte zwar, daß ich

den Fang nicht getan, mußte den Narren aber wohl behalten. Mir ward ohn

das die Zeit lang, so gedachte ich diesen Kerl zu stimmen.

»Nun dann, mein lieber Jove, wie kommt es doch, daß deine hohe Gottheit

ihren himmlischen Thron verlässet und zu uns auf Erden steiget? Vergib

mir, o Jupiter, meine Frage, die du vor fürwitzig halten möchtest, dann

wir seind den himmlischen Göttern auch verwandt und eitel ~Sylvani~,

von den ~Faunis~ und ~Nymphis~ geboren, denen diese Heimlichkeit billig

unverborgen bleiben sollte.«

»Ich schwöre beim ~Styx~,« antwortete er, »daß du nichts erfahren

solltest, wann du meinem Mundschenken ~Ganymed~ nicht so ähnlich

sähest! Zu mir ist ein groß Geschrei über der Welt Laster durch die

Wolken gedrungen, darüber ward in aller Götter Rat beschlossen,

den Erdboden wieder mit Wasser auszutilgen. Weil ich aber dem

Menschengeschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin, vagiere ich jetzt

herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkündigen. Obwohl ich

alles ärger finde, als es vor mich gekommen, so will ich doch nicht

alle Menschen zugleich und ohn Unterscheid ausrotten, sondern allein

die Schuldigen.«

Ich verbiß das Lachen, so gut ich konnte.

»Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst

sein. Schickest du zur Straf einen Krieg, so laufen alle verwegenen

Buben mit, welche die friedliebenden, frommen Menschen nur quälen

werden; schickest du eine Teuerung, so ists eine erwünschte Sache vor

die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickest du

aber eine Sterben, so haben die Geizhälse und alle übrigen Menschen ein

gewonnenes Spiel, indem sie hernach viel erben. Wirst derhalben die

ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen.«

»Du redest von der Sache wie ein natürlicher Mensch,« antwortete

Jupiter, »als ob du nicht wüßtest, daß es einem Gott möglich ist, die

Bösen zu strafen, die Guten zu erhalten! Ich will einen deutschen

Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe seines Schwertes

vollenden.«

Ich meinte: »So muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo

man Soldaten braucht, da ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muß der

Unschuldige sowohl als der Schuldige herhalten.«

»Ich will einen solchen Helden schicken, der keiner Soldaten bedarf und

doch die ganze Welt reformieren soll. In seiner Geburtsstunde will ich

ihm verleihen einen wohlgestalten und stärkeren Leib, als ~Herkules~

einen hatte, mit Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstand überflüssig

gezieret. ~Mercurius~ soll ihn mit unvergleichlich sinnreicher Vernunft

begaben, ~Vulcan~ soll ihm ein Schwert schmieden, mit welchem er die

ganze Welt bezwingen und alle Gottlosen niedermachen wird, ohne fernere

Hilfe eines einzigen Menschen. Eine jede große Stadt soll vor seiner

Gegenwart erzittern, und eine jede Festung, die sonst unüberwindlich

ist, wird er in der ersten Viertelstunde in seinem Gehorsam haben.

Zuletzt wird er den größten Potentaten der Welt befehlen und die

Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides: Götter

und Menschen ein Wohlgefallen darob haben sollen.«

Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohn

Blutvergießen und das Kommando über die ganze weite Welt ohn sonderbare

große Gewalt und starken Arm geschehen? O Jupiter, ich bekenne dir

unverhohlen, daß ich diese Dinge weniger als ein sterblicher Mensch

begreifen kann.«

»Weil du nicht weißt, was meines Helden Schwert vor eine seltene

Kraft an sich haben wird. Wann er solche entblößet und nur einen

Streich in die Luft tut, so kann er einer ganzen Armada, wenngleich

sie hinter einem Berg stünde, auf einmal die Köpfe herunterhauen,

sodaß die armen Teufel ohne Kopf daliegen müssen, eh sie einmal

wissen wie ihnen geschehen. Er wird von einer Stadt zur andern

ziehen und das halsstarrig und ungehorsam Volk, Mörder, Wucherer,

Diebe, Schelme, Ehebrecher, Hurer und Buben ausrotten. Er wird jeder

Stadt ihren Teil Landes, um sie her gelegen, im Frieden zu regieren

übergeben. Von jeder Stadt durch ganz Deutschland wird er zween von

den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben

ein Parlament machen, die Städte mit einander auf ewig vereinigen,

die Leibeigenschaften samt allen Zöllen, Accisen, Zinsen, Gülten und

Umgelten durch ganz Deutschland aufheben und solche Anstalten machen,

daß man von keinem Frohnen, Wachen, Contribuieren, Geldgeben, Kriegen,

noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen wird. Alsdann werde ich

mit dem ganzen Götterchor oftmals herunter zu den Deutschen steigen und

die Musen von neuem darauf pflanzen. Ich will dann nur deutsch reden

und mit einem Wort mich so gut deutsch erzeigen, daß ich ihnen auch

endlich, wie vordem den Römern, die Beherrschung über die ganze Welt

werde zukommen lasse.«

Ich sagte: »Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herren dazu

sagen?«

Er antwortete: »Hierum wird sich mein Held wenig bekümmern. Er wird die

Großen in drei Teile unterscheiden und diejenigen, so unexemplarisch

und verrucht leben, gleich den Gemeinen strafen, denen andern aber

wird er die Macht geben, im Land zu bleiben oder nicht. Wer bleibet

und sein Vaterland liebet, der wird leben müssen wie andere gemeine

Leute, die dritten aber, die ja Herren bleiben und immerzu herrschen

wollen, wird er durch Ungarn und Italien in die Moldau, Wallachei, in

Macedoniam, Thraciam, Griechenland, ja, über den Hellespontum in Asiam

hineinführen, ihnen dieselbigen Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in

ganz Deutschland mitgeben und sie alldort zu lauter Königen machen.

Alsdann wird er Konstantinopel in einem Tag einnehmen und allen Türken,

die sich nicht bekehren, die Köpfe vor den Hintern legen. Daselbst

wird er das römische Kaisertum wieder aufrichten und sich wieder

nach Deutschland begeben und mit seinem Parlament eine Stadt mitten

in Deutschland bauen, welche viel größer sein wird und goldreicher

als Jerusalem zu Salomonis Zeiten, deren Wälle sich dem tirolischen

Gebirg und ihre Wassergräben der Breite des Meeres zwischen Hispania

und Afrika vergleichen sollen. Er wird einen Tempel darin bauen und

eine Kunstkammer aufrichten, darin sich alle Raritäten der ganzen Welt

versammeln.«

Ich fragte den Narren, was dann die christlichen Könige bei der Sache

tun würden, und er antwortete:

»Die in England, Schweden und Dänemark werden, weil sie deutschen

Geblütes und Herkommens, die in Hispania, Frankreich und Portugal,

weil die alten Deutschen selbige Länder hiebevor regieret haben, ihre

Kronen, Königreiche und inkorporierten Länder von der deutschen Nation

aus freien Stücken zu Lehen empfangen. Alsdann wird, wie zu Augusti

Zeiten, ein ewiger beständiger Friede zwischen allen Völkern in der

ganzen Welt sein.«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 40 / 78 题