Solches wurde ich bald gewahr, daher stellete ich mein vorig gottlos
Leben allerdings ab. Ich ging zwar auf Partei, zeigete mich aber gegen
Freund und Feind so leutselig und diskret, daß alle, die mir unter die
Hände kamen, ein anderes glaubten, als sie von mir gehöret hatten.
Ich sammlete mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin
und wieder auf dem Lande in hohle Bäume verbarg, dann ich hatte mehr
Feinde in der Stadt Soest und im Regiment, die mir und meinem Gelde
nachstellten, als außerhalb und bei den feindlichen Guarnisonen.
Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feuerröhren nicht weit von Dorsten
und paßte einer Bedeckung mit etlichen Fuhrleuten auf, die nach Dorsten
kommen sollte. Ich hielt selbst Schildwacht, weil wir dem Feinde nahe
waren. Da sah ich einen Mann daherkommen, fein ehrbar gekleidet, der
redete mit sich selbst und focht dabei seltsam mit den Händen.
»Ich will einmal die Welt strafen, es sei dann, mir wolle es das große
~Numen~ nicht zugeben!«
Woraus ich mutmaßete, er möcht etwan ein mächtiger Fürst sein, der so
verkleideter Weise herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu
erkunden. Ich dachte, ist dieser Mann vom Feind, so setzt es ein gutes
Lösegeld, wo nicht, so willst du ihn aufs höflichste traktieren. Sprang
derohalben hervor und präsentierte mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen.
»Der Herr wird belieben, vor mir hin in den Busch zu gehen.«
Er antwortete sehr ernsthaftig: »Solcher ~Tractation~ ist
meinesgleichen nicht gewohnt.«
Ich tummlete ihn höflich fort. »Der Herr wird sich vor diesmal in die
Zeit schicken.«
Als die Schildwachen wieder besetzt waren, fragte ich ihn, wer er
sei. Er antwortete großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein,
wannschon ich es wüßte: Er sei auch ein großer Gott!
Ich gedachte, er mochte mich vielleicht kennen und etwan ein Edelmann
von Soest sein und so sagen, um mich zu hetzen, weil man die Soester
mit dem großen Gott und dem göldenen Fürtuch zu vexieren pfleget, ward
aber bald in, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen
hätte, der sich überstudieret und in der Poeterei gewaltig verstiegen,
dann er gab sich vor den Gott Jupiter aus. Ich wünschte zwar, daß ich
den Fang nicht getan, mußte den Narren aber wohl behalten. Mir ward ohn
das die Zeit lang, so gedachte ich diesen Kerl zu stimmen.
»Nun dann, mein lieber Jove, wie kommt es doch, daß deine hohe Gottheit
ihren himmlischen Thron verlässet und zu uns auf Erden steiget? Vergib
mir, o Jupiter, meine Frage, die du vor fürwitzig halten möchtest, dann
wir seind den himmlischen Göttern auch verwandt und eitel ~Sylvani~,
von den ~Faunis~ und ~Nymphis~ geboren, denen diese Heimlichkeit billig
unverborgen bleiben sollte.«
»Ich schwöre beim ~Styx~,« antwortete er, »daß du nichts erfahren
solltest, wann du meinem Mundschenken ~Ganymed~ nicht so ähnlich
sähest! Zu mir ist ein groß Geschrei über der Welt Laster durch die
Wolken gedrungen, darüber ward in aller Götter Rat beschlossen,
den Erdboden wieder mit Wasser auszutilgen. Weil ich aber dem
Menschengeschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin, vagiere ich jetzt
herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkündigen. Obwohl ich
alles ärger finde, als es vor mich gekommen, so will ich doch nicht
alle Menschen zugleich und ohn Unterscheid ausrotten, sondern allein
die Schuldigen.«
Ich verbiß das Lachen, so gut ich konnte.
»Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst
sein. Schickest du zur Straf einen Krieg, so laufen alle verwegenen
Buben mit, welche die friedliebenden, frommen Menschen nur quälen
werden; schickest du eine Teuerung, so ists eine erwünschte Sache vor
die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickest du
aber eine Sterben, so haben die Geizhälse und alle übrigen Menschen ein
gewonnenes Spiel, indem sie hernach viel erben. Wirst derhalben die
ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen.«
»Du redest von der Sache wie ein natürlicher Mensch,« antwortete
Jupiter, »als ob du nicht wüßtest, daß es einem Gott möglich ist, die
Bösen zu strafen, die Guten zu erhalten! Ich will einen deutschen
Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe seines Schwertes
vollenden.«
Ich meinte: »So muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo
man Soldaten braucht, da ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muß der
Unschuldige sowohl als der Schuldige herhalten.«
»Ich will einen solchen Helden schicken, der keiner Soldaten bedarf und
doch die ganze Welt reformieren soll. In seiner Geburtsstunde will ich
ihm verleihen einen wohlgestalten und stärkeren Leib, als ~Herkules~
einen hatte, mit Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstand überflüssig
gezieret. ~Mercurius~ soll ihn mit unvergleichlich sinnreicher Vernunft
begaben, ~Vulcan~ soll ihm ein Schwert schmieden, mit welchem er die
ganze Welt bezwingen und alle Gottlosen niedermachen wird, ohne fernere
Hilfe eines einzigen Menschen. Eine jede große Stadt soll vor seiner
Gegenwart erzittern, und eine jede Festung, die sonst unüberwindlich
ist, wird er in der ersten Viertelstunde in seinem Gehorsam haben.
Zuletzt wird er den größten Potentaten der Welt befehlen und die
Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides: Götter
und Menschen ein Wohlgefallen darob haben sollen.«
Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohn
Blutvergießen und das Kommando über die ganze weite Welt ohn sonderbare
große Gewalt und starken Arm geschehen? O Jupiter, ich bekenne dir
unverhohlen, daß ich diese Dinge weniger als ein sterblicher Mensch
begreifen kann.«
»Weil du nicht weißt, was meines Helden Schwert vor eine seltene
Kraft an sich haben wird. Wann er solche entblößet und nur einen
Streich in die Luft tut, so kann er einer ganzen Armada, wenngleich
sie hinter einem Berg stünde, auf einmal die Köpfe herunterhauen,
sodaß die armen Teufel ohne Kopf daliegen müssen, eh sie einmal
wissen wie ihnen geschehen. Er wird von einer Stadt zur andern
ziehen und das halsstarrig und ungehorsam Volk, Mörder, Wucherer,
Diebe, Schelme, Ehebrecher, Hurer und Buben ausrotten. Er wird jeder
Stadt ihren Teil Landes, um sie her gelegen, im Frieden zu regieren
übergeben. Von jeder Stadt durch ganz Deutschland wird er zween von
den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben
ein Parlament machen, die Städte mit einander auf ewig vereinigen,
die Leibeigenschaften samt allen Zöllen, Accisen, Zinsen, Gülten und
Umgelten durch ganz Deutschland aufheben und solche Anstalten machen,
daß man von keinem Frohnen, Wachen, Contribuieren, Geldgeben, Kriegen,
noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen wird. Alsdann werde ich
mit dem ganzen Götterchor oftmals herunter zu den Deutschen steigen und
die Musen von neuem darauf pflanzen. Ich will dann nur deutsch reden
und mit einem Wort mich so gut deutsch erzeigen, daß ich ihnen auch
endlich, wie vordem den Römern, die Beherrschung über die ganze Welt
werde zukommen lasse.«
Ich sagte: »Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herren dazu
sagen?«
Er antwortete: »Hierum wird sich mein Held wenig bekümmern. Er wird die
Großen in drei Teile unterscheiden und diejenigen, so unexemplarisch
und verrucht leben, gleich den Gemeinen strafen, denen andern aber
wird er die Macht geben, im Land zu bleiben oder nicht. Wer bleibet
und sein Vaterland liebet, der wird leben müssen wie andere gemeine
Leute, die dritten aber, die ja Herren bleiben und immerzu herrschen
wollen, wird er durch Ungarn und Italien in die Moldau, Wallachei, in
Macedoniam, Thraciam, Griechenland, ja, über den Hellespontum in Asiam
hineinführen, ihnen dieselbigen Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in
ganz Deutschland mitgeben und sie alldort zu lauter Königen machen.
Alsdann wird er Konstantinopel in einem Tag einnehmen und allen Türken,
die sich nicht bekehren, die Köpfe vor den Hintern legen. Daselbst
wird er das römische Kaisertum wieder aufrichten und sich wieder
nach Deutschland begeben und mit seinem Parlament eine Stadt mitten
in Deutschland bauen, welche viel größer sein wird und goldreicher
als Jerusalem zu Salomonis Zeiten, deren Wälle sich dem tirolischen
Gebirg und ihre Wassergräben der Breite des Meeres zwischen Hispania
und Afrika vergleichen sollen. Er wird einen Tempel darin bauen und
eine Kunstkammer aufrichten, darin sich alle Raritäten der ganzen Welt
versammeln.«
Ich fragte den Narren, was dann die christlichen Könige bei der Sache
tun würden, und er antwortete:
»Die in England, Schweden und Dänemark werden, weil sie deutschen
Geblütes und Herkommens, die in Hispania, Frankreich und Portugal,
weil die alten Deutschen selbige Länder hiebevor regieret haben, ihre
Kronen, Königreiche und inkorporierten Länder von der deutschen Nation
aus freien Stücken zu Lehen empfangen. Alsdann wird, wie zu Augusti
Zeiten, ein ewiger beständiger Friede zwischen allen Völkern in der
ganzen Welt sein.«