Das erste Kapitel

In Soest suchte ich Ruhm und Gunst in Handlungen, die sonst strafwürdig

gewesen wären. Ich war ehrgeizig geworden, und meine Torheit ließ

mich Leib- und Lebensgefahr vor gering anschlagen. Wann andere

schliefen, hielten mich meine wunderlichen Grillen wach, und ich sann

auf neue Fündgen und Listen. So erfand ich eine Gattung Schuhe, die

man den Absatz zuvorderst anziehen konnte, deren ließe ich dreißig

unterschiedliche Paar machen. Wann ich solche unter meine Burschen

austeilete, war es unmöglich, uns aufzuspüren, dann wir trugen bald

diese, bald unsere rechten Schuhe an den Füßen, und es sahe am Ziele

aus, als wann zwo Parteien allda zusammengekommen wären und mit

einander verschwunden seien. Ohndas verwirrete ich unsere Spur, so

daß mich niemand hätte auskünden können. Ich lag oft allernächst bei

denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne suchten, und noch öfter

etliche Meilwegs von dem Busch, den sie umstellten und durchstreiften.

Also ließ ich auch an Scheid- und Kreuzwegen unversehens absteigen und

den Pferden die Eisen das hinterst zu vörderst aufschlagen. Ganz zu

geschweigen der gemeinen Vorteil, die man brauchet, wann man schwach

auf Partei ist und doch vor stark aus der Spur judiziert werden will.

Wann ich nicht auf Partei dorfte, so ging ich sonst aus zu stehlen,

und dann war kein Stall vor mir sicher. Rindviehe und Pferden wußte

ich Stiefel und Schuhe anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straße

brachte. Die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber nicht

reisen mögen, wußte ich meisterlich fort zu bringen, wann sie schon

grunzten und nicht daran wollten. Ich machte ihnen mit Mehl und Wasser

einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Badeschwamm in sich

saufen, an welchen ich einen starken Bindfaden gebunden hatte. Ließ

nachgehends diejenigen, um welche ich buhlete, den Schwamm voll Mus

fressen und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne Wortwechsel

geduldig mitgingen und mir die Zeche mit Schinken und Würsten

bezahleten.

Was ich brachte, teilete ich sowohl den Offizierern als meinen

Kameraden getreulich mit. Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut darzu

zu sein, daß ich die Armen bestehlen, Hühner fangen oder andere geringe

Sachen hätte mausen sollen.

Dahero fing ich an nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikuräisch

Leben zu führen, weil ich meines Einsiedels Lehren vergessen und

niemand hatte, der meine Jugend regierte. Meine Offizierer schmarotzten

bei mir und reizten mich viel mehr zu allen Lastern, wo sie mich hätten

strafen und abmahnen sollen. So ward ich endlich gottlos und verrucht,

daß mir kein Schelmstück zu groß schien, und zuletzt auch heimlich

beneidet, beides: von Kameraden und Offizieren, da ich mir einen

größeren Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten.

Während ich im Begriffe stund, mir einige Teufelslarven und

darzugehörige Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen,

vermittels deren ich Freund und Feind in Schröcken setzen könnte,

bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werle aufhielte, welcher ein

trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lasse und hin und her

auf dem Land, sonderlich bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen

mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübe,

maßen dahero gräuliche Klagen auf mich einkamen. Solches gedachte ich

ihm nicht zu schenken, weit weniger zu leiden, daß er sich länger

meines Namens bediene. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in

Soest auf Degen und Pistolen ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er

aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß

ich mich an ihm revangieren wollte, so ich ihn auf Partei ertappte,

werde er von mir als Feind traktiert werden. Darauf verbrannte ich

in Soest vor meinem Quartier offentlich meine ganze grüne Kleidung,

unangesehen, daß sie über hundert Dukaten wert war, und fluchte in

solcher Wut noch darüber hin, daß der nächste, der mich mehr »Jäger«

nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und

sollte es auch meinen Hals kosten. Ich wollte auch keine Partei mehr

führen, ich hätte mich zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen.

Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, davon wurden die Parteien

vom Gegenteil so kühn und sicher, daß sie schier täglich vor unsern

Schlagbäumen lagen. Was mir aber gar zu unleidlich viel war, daß der

Jäger von Werle noch immer fortfuhr sich vor mich auszugeben.

Indessen jedermann meinete, ich läge auf der Bernhaut, kündigte ich

meines Gegenteils von Werle Tun und Lassen aus und machte meinen

Anschlag darauf. Meine beiden Knechte, sonderlich Spring-ins-Feld,

hatte ich nach und nach abgerichtet wie die Wachtelhunde. Davon

schickte ich den einen nach Werle zu meinem Gegenteil. Der wandte

vor, daß ich nunmehr anfinge zu leben, wie ein anderer Kujon und

verschworen hätte nimmer auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr

bei mir bleiben mögen. Er wisse alle Wege und Stege im Lande und könne

manchen Anschlag geben, gute Beute zu machen. Der einfältige Narr von

Werle glaubte meinem Knecht und nahm ihn an. So bekam ich Wind, daß sie

in einer bestimmten Nacht auf eine Schäferei zuhielten, etliche fette

Hämmel zu holen. Ich bestach den Schäfer, daß er seine Hunde anbinden

und die Ankömmlinge unverhindert in die Scheuer minieren lassen sollte,

so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Indessen paßte

ich und Spring-ins-Feld mit einem andern Knecht auf, die ich hiebevor

beide mit meinen Teufelslarven und Kleidern wohl ausstaffieret.

Da nun der Jäger von Werle und sein Knecht ein Loch durch die Wand

gegraben hatten, wollte der Jäger haben, daß der Knecht zum erstenmal

hineinschliefe. Der aber sagte: »Ich sehe wohl, daß Ihr nicht mausen

könnt, man muß zuvor visieren, ob Bläsi zu Hause sei oder nicht.«

Er zog hierauf seinen Degen und hing den Hut an die Spitze, stieß

etliche Male durchs Loch. Als solches geschehen, kroch der Jäger als

erster hinein, aber Spring-ins-Feld erwischte ihn gleich bei der

Degenhand. Da hörete ich, daß sein anderer Gesell durchgehen wollte,

und weil ich nicht wußte, welches der Jäger sei, eilete ich nach und

ertappte ihn.

»Was Volks?« -- »Kaiserisch.« -- »Was Regiments, ich bin auch

kaiserisch, ein Schelm, der seinen Herrn verleugnet!« -- »Wir seind von

den Dragonern von Soest,« sagte er, »Bruder, ich hoffe, Ihr werdet uns

passieren lassen.« -- »Wer seid Ihr dann aus Soest.« -- »Mein Kamerad,

den Ihr im Stall ertappet, ist der Jäger.« -- »Schelmen seid ihr! Warum

plündert ihr dann euer eigen Quartier, der Jäger von Soest ist so kein

Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« -- »Ach, von Wörle

wollt ich sagen,« antwortete er mir.

Indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Spring-ins-Feld mit

meinem Gegenteil auch daher.

»Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? Wann ich

kaiserliche Waffen nicht respektierte, so wollte ich dir gleich eine

Kugel durch den Kopf jagen. Ich bin der Jäger von Soest und du bist

ein Schelm, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst und den

andern auf Soldatenmanier mit mir missest.«

Indem legte Spring-ins-Feld uns zwei gleiche Degen vor die Füße. Der

arme Jäger erschrak so gewaltig, daß er seine Hosen verderbte, davon

schier niemand bei ihm bleiben konnte. Er und sein Kamerad zitterten

wie nasse Hunde, sie fielen auf die Knie und baten um Gnade. Aber

Spring-ins-Feld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus: »Du

mußt einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« -- »Ach,

hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht des Raufens halber herkommen!

Der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun, was du

willst.«

Mein Knecht zwang ihm den Degen in die Hand, er zitterte aber so, daß

er ihn nicht halten konnte. Der Schäfer kam herbei und stellte sich,

als ob er von den beiden Teufeln nichts sähe, er fragte mich, was ich

mit diesen beiden Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken hätte, ich

sollte es an einem andern Ort ausmachen, dann unsere Händel gingen ihm

nichts an. Er gäbe monatlich seine Konterbission und wolle in Frieden

leben. Zu den beiden sagte er, warum sie sich von mir einzigem Kerl

geheien ließen und mich nicht niederschlügen.

»Du Flegel,« rief ich, »sie haben dir deine Schafe stehlen wollen!«

Da sagte der Bauer: »So wollte ich, daß sie meinen Schafen müßten den

Hintern lecken.« Damit ging er weg.

Ich drang auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte vor Forcht

schier nicht mehr auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete. Er

und sein Kamerad brachten so bewegliche Worte vor, daß ich ihm endlich

alles verziehe und vergab.

Aber Spring-ins-Feld war damit nicht zufrieden, er zwang den Jäger an

dreien Schafen zu tun, was der Baur gewünscht hatte, und zerkratzte

ihn mit seinen Teufelskrallen noch darzu so abscheulich im Gesicht,

daß er aussahe, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher

schlichten Rache ich mich zufrieden gab.

Der Jäger von Werle verschwand bald aus der Gegend, weil er sich zu

sehr schämte, dann sein Kamerad sprengte aller Orten aus und beteuret

es mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel

hätte, die mir auf den Dienst warteten. Darum ward ich noch mehr

geförchtet, hingegen aber desto weniger geliebet.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 39 / 78 题