Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten
begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und
Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich
sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte
gebrauchen lassen.
Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug
ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den
Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann
obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich
an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe
eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und
Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter
den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte
weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen
ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten
und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten
geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den
Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel
unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil,
es mochte aber wenig erklecken.
Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit
einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an
Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt
erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner
Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht
länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und
teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen
Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch
aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und
fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter
an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses ~Rencontre~ zu
Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte
zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so
getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber
ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte,
wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant ~chargierten~, bis sie
endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst
gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich
kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf
einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich
mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte.
Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen
Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte
meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte
Tabakpfeife.
Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer
von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ
sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine
ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von
seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm
sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig
beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte
ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher
Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man
weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft,
auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun
müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen
Duellen, ward er aber auf ~Convoi~, Partei oder sonst einen Anschlag
kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken.
Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst
zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich
weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten
hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte
Paradeis, einem Frauenkloster, auf ~Salvaguardi~ zu legen. Dort sollte
er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen
frommen und stillen Kerl gebeten.
»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht
behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!«
Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen
glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten
westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat
Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen
pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener
Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte,
und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch
gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so
erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides.
Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück
haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest
schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack
mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte
ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem
Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu
lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd
und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt
wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß
ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch,
daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er
nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen ~Salvaguardi~-Sold und
montierte sich damit aufs beste.
Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster
war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier
salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero
nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter.
Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in
allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm
Bescheid zu tun, wann er wollte.
Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen
Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm
und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher
Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle
Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte.
Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter
liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner
guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument
schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und
schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und
Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker
sein.
Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam,
daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen
noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen,
hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben.
Ich machte ihm die Grabschrift:
Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,
Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.
Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen
Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe
des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt
anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt,
daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren.
Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer
zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen
er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen
wollte. Er schickte nach mir und sagte:
»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.«
»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in
dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.«
»Dein Bart ist noch viel zu klein.«
»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist.
Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ~aestimieret~
werden.«
»Wann die ~Courage~ so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich
passieren lassen.«
»Das kann in der nächsten ~Occasion~ probiert werden,« gab ich zu
verstehen. Und er ließ mich bleiben.
Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren
Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von
neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich
mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich
fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen
Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und
Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich
hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem
Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden,
sondern suchte auch meine Freundschaft.
Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund
und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir
hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten
und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald
zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich
meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an
verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward.
Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche
Guarnisonen übriggelassen zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war
ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen bald hier, bald dort schier
täglich vor den Toren, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten
die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest
wie Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz.
Zuletzt kam es dahin: wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war,
mußte ich solches verrichten, wodurch mein Beutel so groß ward als
mein Name. Meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger, die
vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich und den Landmann
hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten, dann ich wußte
meine Widerwärtigen zu strafen und die, so mir nur den geringsten
Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte
meiner Beuten verspendierte oder auf Kundschaft auslegte. Derhalben
entging mir keine Partei, kein ~Convoi~, noch eine Reis' aus des
Gegenteils Posten, alsdann ich ihr Vorhaben durchkreuzte und allen
Anschlägen mit Glück begegnete. Darneben erzeigte ich mich gegen meine
Gefangenen überaus diskret, sodaß sie mich oft mehr kosteten als die
Beute wert war, sonderlich unterließ ichs nicht, denen Offizierern,
obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und
Herrendienste eine ~Courtoisie~ zu tun.
Durch solch ein Verhalten wäre ich zeitlich zum Offizier befördert
worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte. Wer in solchem
Alter ein Fähnlein wollte, mußte ein Guter von Adel sein, zudem mein
Hauptmann an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte. Also
brachte ichs allein zum Gefreiten. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie
ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen und konnte vor
solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen.