Das dreizehnte Kapitel

Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten

begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und

Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich

sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte

gebrauchen lassen.

Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug

ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den

Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann

obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich

an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe

eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und

Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter

den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte

weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen

ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten

und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten

geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den

Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel

unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil,

es mochte aber wenig erklecken.

Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit

einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an

Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt

erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner

Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht

länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und

teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen

Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch

aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und

fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter

an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses ~Rencontre~ zu

Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte

zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so

getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber

ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte,

wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant ~chargierten~, bis sie

endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst

gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich

kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf

einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich

mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte.

Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen

Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte

meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte

Tabakpfeife.

Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer

von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ

sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine

ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von

seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm

sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig

beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte

ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher

Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man

weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft,

auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun

müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen

Duellen, ward er aber auf ~Convoi~, Partei oder sonst einen Anschlag

kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken.

Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst

zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich

weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten

hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte

Paradeis, einem Frauenkloster, auf ~Salvaguardi~ zu legen. Dort sollte

er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen

frommen und stillen Kerl gebeten.

»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht

behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!«

Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen

glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten

westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat

Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen

pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener

Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte,

und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch

gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so

erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides.

Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück

haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest

schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack

mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte

ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem

Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu

lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd

und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt

wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß

ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch,

daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er

nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen ~Salvaguardi~-Sold und

montierte sich damit aufs beste.

Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster

war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier

salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero

nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter.

Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in

allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm

Bescheid zu tun, wann er wollte.

Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen

Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm

und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher

Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle

Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte.

Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter

liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner

guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument

schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und

schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und

Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker

sein.

Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam,

daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen

noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen,

hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben.

Ich machte ihm die Grabschrift:

Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,

Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.

Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen

Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe

des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt

anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt,

daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren.

Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer

zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen

er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen

wollte. Er schickte nach mir und sagte:

»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.«

»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in

dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.«

»Dein Bart ist noch viel zu klein.«

»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist.

Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ~aestimieret~

werden.«

»Wann die ~Courage~ so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich

passieren lassen.«

»Das kann in der nächsten ~Occasion~ probiert werden,« gab ich zu

verstehen. Und er ließ mich bleiben.

Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren

Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von

neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich

mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich

fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen

Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und

Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich

hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem

Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden,

sondern suchte auch meine Freundschaft.

Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund

und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir

hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten

und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald

zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich

meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an

verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward.

Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche

Guarnisonen übriggelassen zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war

ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen bald hier, bald dort schier

täglich vor den Toren, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten

die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest

wie Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz.

Zuletzt kam es dahin: wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war,

mußte ich solches verrichten, wodurch mein Beutel so groß ward als

mein Name. Meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger, die

vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich und den Landmann

hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten, dann ich wußte

meine Widerwärtigen zu strafen und die, so mir nur den geringsten

Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte

meiner Beuten verspendierte oder auf Kundschaft auslegte. Derhalben

entging mir keine Partei, kein ~Convoi~, noch eine Reis' aus des

Gegenteils Posten, alsdann ich ihr Vorhaben durchkreuzte und allen

Anschlägen mit Glück begegnete. Darneben erzeigte ich mich gegen meine

Gefangenen überaus diskret, sodaß sie mich oft mehr kosteten als die

Beute wert war, sonderlich unterließ ichs nicht, denen Offizierern,

obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und

Herrendienste eine ~Courtoisie~ zu tun.

Durch solch ein Verhalten wäre ich zeitlich zum Offizier befördert

worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte. Wer in solchem

Alter ein Fähnlein wollte, mußte ein Guter von Adel sein, zudem mein

Hauptmann an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte. Also

brachte ichs allein zum Gefreiten. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie

ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen und konnte vor

solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 36 / 78 题