Meine beiden Herzbrüder hatte ich verloren, das ganze Läger vor
Magdeburg war mir verleidet, ich ward meines Standes so müd und satt,
als wann ich's mit lauter eisernen Kochkesseln gefressen hätte.
Olivier, der ~Secretarius~, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein
Hofmeister geworden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage
zu reuten. Als wir nun einsmals in ein großes Dorf kamen, darin etliche
den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wider in die
Häuser ging, zu suchen, was etwan mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch
hinweg und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte.
Aber ich mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen, zog es an und warf
den Narrenhabit in ein ~Secret~. In diesem Aufzuge ging ich über die
Gasse etlichen Offiziersweibern entgegen und machte enge Schrittlein.
Ich war aber kaum außer Dach, da mich etliche Fouragierer sahen und
besser springen lehrten. Sie schrieen: Halt! Halt! -- ich lief zu den
obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie und
bat, meine Jungfernschaft vor diesen geilen Buben zu schützen. Da ward
ich von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen, bei welcher ich
mich auch beholfen, bis Magdeburg von den unseren eingenommen ward.
Die Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war,
und vernarrete sich dermaßen in meinen glatten Spiegel und geraden
Leib, daß sie mir endlich nach lang gehabter Mühe und vergeblicher,
umschweifender Weitläufigkeit nur allzu deutsch zu verstehen gab,
wo sie der Schuh am meisten drucke. Ich aber, damals noch viel zu
gewissenhaft, tät, als wann ichs nicht merkte und ließ keine anderen
Anreizungen erscheinen, als solche daraus man eine fromme Jungfer
urteilen mochte. Der Rittmeister und sein Knecht lagen an derselben
Kränke wie die Rittmeisterin, dahero befahl er seinem Weibe, sie sollte
mich besser kleiden, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels
nicht schämen dörfte. Sie tät mehr, als ihr befohlen war, und putzte
mich heraus wie eine franzsche Poppe, welches das Feuer bei allen
dreien noch mehr schürete. Ja, es ward endlich bei ihnen so groß, daß
Herr und Knecht eifrigst von mir begehreten, was ich ihnen nit leisten
konnte und der Frau selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Und
weil die Rittmeisterin mich noch endlich zu überwinden verhoffte,
verlegte sie dem Manne alle Pässe und liefe ihm alle Ränke ab, also
daß er vermeinete, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals
stund der Knecht vor dem Wagen, darin ich alle Nacht schlafen mußte,
klagte mir seine Liebe mit heißen Tränen und bat andächtig um Gnade und
Barmherzigkeit. Ich aber erzeigte mich härter als Stein und gab ihm zu
verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehstand bewahren wollte. Da
er mir die Ehe wohl tausendmal anbot, und ich ihm stets versicherte,
daß es unmöglich sei, verzweifelte er endlich gar, dann er zog den
Degen aus, satzte die Spitze an die Brust, den Knopf an den Wagen und
tät nicht anders, als wann er sich jetzt erstechen wollte. Ich sprach
ihm zu und gab ihm Vertröstung auf morgen frühe. So ward er ~content~
und ging schlafen, ich aber wachte desto länger. Und ich befand,
daß meine Sache mit der Zeit nicht gut tun würde. Die Rittmeisterin
ward je länger, je ~importuner~ mit ihren Reizungen, der Rittmeister
verwegener mit seinen Zumutungen, der Knecht verzweifelter in seiner
Liebe. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tage Flöhe fangen, nur
darum, daß ich ihre Alabasterbrüstlein sehen und ihren zarten Leib
genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut
hatte, zu ertragen stets schwerer fallen wollte. Ließ mich die Frau
zufrieden, so quälete mich der Rittmeister, und wann ich von diesen
beiden Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht. Also kam mich
das Weiberkleid zu tragen viel sauerer an, als meine Narrenkappe. Ich
steckte würklich in derjenigen Gefängnus, auch Leib- und Lebensgefahr,
als mein alter Herzbruder wahrgesaget hatte. Was sollte ich tun? Ich
beschloß endlich, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde,
dann ich dachte, seine Liebesregungen werden sich alsdann legen.
Mein Hans ließ es gleich nach Mitternacht tagen, sein Jawort zu holen,
und fing an am Wagen zu rappeln, als ich eben am allerstärksten
schlief. Er rief etwas zu laut: »Sabina, Sabina, ah, mein Schatz,
stehet auf und haltet mir Euer Versprechen!« Also weckte er den
Rittmeister eher als mich, weil der sein Zelt am Wagen stehen hatte.
Ihm ward vor Eifersucht grün und gelb vor den Augen, doch kam er nicht
heraus, sondern stund nur auf zu sehen, wie der Handel liefe. Zuletzt
weckte mich der Knecht. Ich schalt ihn, er aber nötigte mich mit seiner
Importunität, aus dem Wagen zu kommen, oder ihn einzulassen. Wie ich
nun mit meinen aufgestreiften Ärmeln herabstieg, ward mein Hans durch
meine weißen Arme so heftig ~inflammieret~, daß er mich mit Küssen
anfiel. Solches vermochte der Rittmeister nicht zu erdulden, sondern
sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber den Fang
zu geben, aber der ging durch und vergaß das Wiederkommen.
»Du Bluthur, ich will dich lernen ...« mehrers konnte der Rittmeister
vor Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wann er unsinnig
wäre. Ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen
Alarm erregte, dann beide Armeen, die sächsische und die kaiserliche,
lagen damals gegeneinander, weil sich die schwedische unter dem Panier
näherte.
Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben
als beide Armeen aufbrachen. Das war nun ein Schwarm von Lumpengesind,
und dahero die Hatz desto größer und erschröcklicher. Sie eileten
mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden zu sättigen, wie
dann diese Teufelskinder im Brauch haben, wann ihnen ein Weibsbild
dergestalt übergeben wird. So folgten ihnen auch sonst viel Bursche
nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen auch mein Hans war.
Der ließ mich nicht aus den Augen. Er wollte mich mit Gewalt erretten,
und sollte es seinen Kopf kosten. Er bekam Beiständer, weil er sagte,
ich sei seine versprochene Braut. Solches war den Reuterjungen, die ein
besser Recht auf mich zu haben vermeineten, allerdings ungelegen. Da
fing man an Stöße auszuteilen, der Zulauf ward je länger, je größer,
ihr Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als
sie mir die Kleider vom Leibe gerissen und gesehen hatten, daß ich
kein Weibsbild war. Seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er
mehr geförchtet ward als der Teufel selbst. Er informierte sich der
Sache kurz und nahm mich gefangen, weil es ein ungewöhnlich und fast
argwöhnisch Ding war, daß sich ein Mannsbild in Weiberkleidern sollte
finden lassen.
Ich ward zum General-Auditor geführt, der fing an mich zu examinieren.
Da erzählete ich meine Händel, wie sie waren, es ward mir aber nicht
geglaubt. Auch konnte der General-Auditor nicht wissen, ob er einen
Narren oder einen ausgestochenen Bösewicht vor sich hatte. Frage und
Antwort fiel so artlich und der Handel an sich selbst war seltsam.
Er hieß mich, eine Feder nehmen und schreiben, ob etwa meine
Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus
abnehmen möchte. Ich ergriff Papier und Feder geschicklich und fragte,
was ich schreiben sollte. Der General-Auditor, der vielleicht unwillig
war, weil das Examen sich verzog, antwortete.
»Hei, schreib: deine Mutter, die Hur!«
Ich satzte ihm diese Worte hin, und sie machten meinen Handel nur desto
schlimmer, dann der General-Auditor glaubte jetzt erst, daß ich ein
rechter Vogel sei. Er fragte den Profosen, ob man mich visitiert, der
Profos antwortete: nein, dann mich der Rumormeister gleichsam nackend
eingebracht hätte. Aber ach, das half nichts, der Profos mußte mich
besuchen und fand meine beiden Eselsohren mit den Dukaten.
Da hieß es: was bedörfen wir ferner Zeugnus; dieser Verräter hat ohn
Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten. Warum sollte sich sonst
ein Gescheiter in ein Narrenkleid oder ein Mannsbild in Weiberkittel
verstellen, zu was End wäre er sonst mit einem so ansehnlichen Stück
Geld versehen? Saget er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu
Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der
Lauten schlagen? Was mag er sonst bei denselben Spitzköpfen vor listige
Praktiken gesehen haben! Der nächste Weg ist, daß man ihn auf die
Folter bringe!
Wie mir damals zu Mut gewesen, kann sich ein jeder leicht einbilden.
Aber eh man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk satzte, gerieten
die Schweden den Unsrigen in die Haare. Gleich anfänglich kämpften die
Armeen um den Vortel und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen
die Unsrigen stracks verlustig wurden.
Unser Profos hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den
Gefangenen hinter der Battaglia, gleichwohl waren wir unserer Brigade
so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen
konnten. Und als eine schwedische Eskadron auf die unsrige traf, waren
wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todesgefahr, dann in einem
Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns
her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen wäre
gegeben worden. Davon duckten sich die Forchtsamen, als ob sie sich in
sich selbst hätten verbergen wollen, diejenigen aber, so Courage hatten
und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche unverblichen
über sich hinstreichen. Im Treffen selbst suchte jeder seinem Tode
mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vor zu kommen. Das
gräuliche Schießen, das Gekläpper der Harnische, das Krachen der
Piken, das Geschrei beider: der Verwundeten und Angreifenden machten
neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschröckliche Musik.
Da sahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien,
als wolle er die Abscheulichkeit der Verwundeten und Toten bedecken.
In demselben hörete man ein jämmerliches Wehklagen der Sterbenden und
ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken. Die
Pferde selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zur Verteidigung ihrer
Herren je länger, je frischer würden, so hitzig zeigten sie sich in
dieser Schuldigkeit. Deren sahe man etliche unter ihren Herren tot
darniederfallen, voller Wunden, die sie unverschuldet in getreuem
Dienste empfangen hatten, andere fielen auf ihre Reuter und wurden
so von ihnen getragen, die sie bei Lebzeiten hatten tragen müssen,
wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften Last, die sie kommandiert
hatte, entladen worden, ließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei,
rissen aus und suchten im weiten Feld ihre einstige Freiheit.
Die Erde, die sonst alle Toten deckt, war damals selbst mit Toten
überstreut. Köpfe und Leiber lagen getrennt, etlichen hing in grausamer
und jämmerlicher Weise das Ingeweid heraus, andern war der Kopf
zerschmettert und das Hirn zerspritzt. Da sahe man die entseelten
Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet und hingegen Lebendige mit
fremdem Blute begossen. Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich
die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder in das Gedräng
wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut
vergossen hatten. Dort lagen abgelöste Schenkel, die, obwohl der Bürde
ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer geworden waren. Da sahe
man verstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Todes, hingegen andere
um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. ~Summa summarum~ da
war nichts anderes als ein elender, jämmerlicher Anblick.
Die schwedischen Sieger trieben die Unsrigen, um sie mit ihrer
schnellen Verfolgung vollends zu zerstreuen. Mein Herr Profos ergriff
die Flucht und nötigte uns, samt ihm durchzugehen. Da jagte der junge
Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüßte ihn mit einer
Pistole:
»Siehe da, du alter Hund, ist es noch Zeit junge Hündlein zu machen?
Ich will dir deine Mühe bezahlen!«
Aber der Schuß beschädigte den Profosen so wenig wie einen stählernen
Ambos.
»Oho, bist du der Haare,« rief mein Herzbruder, »ich will nicht
vergeblich dir zu Gefallen herkommen sein. Du mußt sterben und wäre dir
deine Seele angewachsen!«
Er befahl darauf einen Musketierer von des Profosen eigener Wacht, ihn
mit der Axt niederzuschlagen.
Ich aber ward erkannt, meiner Ketten und Bande entlediget und auf ein
Pferd gesatzt, das mein Herzbruder durch einen Knecht in Sicherheit
führen ließ.