Das vierzehnte Kapitel

Ich muß ein Stücklein noch erzählen, das mir begegnet, eh ich wieder

von meinen Dragonern kam.

Mein Hauptmann ward mit etlichen fünfzig Mann zu Fuß nach

Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag auf eine reiche Karawane

zu machen. Wir mußten uns in den Büschen heimlich halten, so nahm ein

jeder auf acht Tag Proviant zu sich. Demnach aber die Kaufleut, denen

wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankamen, ging uns das Brot aus,

dahero uns der Hunger gewaltig preßte, dann wir dorften nichts rauben,

wir hätten uns damit selbst verraten.

Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich der

Schule entloffen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die

ihm hiebevor seine Eltern zum besten verordnet, er aber verschmähet

und verlassen hatte. Und als er solcher Speisen gedachte, erinnerte

er sich auch seines Schulsacks: »Ach Bruder,« sagte er, »wärs nicht

eine Schande, wann ich nicht so viel Künste erstudiert haben sollte,

mich jetzund zu füttern? Wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen

dürfte, es sollte ein treffliches ~Convivium~ bei ihm setzen!«

Ich überlief die Worte ein wenig, ermaß unsern Zustand und machte einen

Anschlag auf unsern Studenten hin. Der Hauptmann willigte ein.

So wechselte ich meine Kleider mit einem andern und zottelte mit

meinem Studenten in weitem Umschweif, wiewohl das Dorf eine halbe

Stunde vor uns lag, auf die Kirche zu. Das nächste Haus bei ihr

erkannten wir vor des Pfarrers Wohnung, es stund an einer Mauer, die

um den ganzen Pfarrhof ging. Mein Kamerad hatte seine abgeschabten

Studentenkleidlein noch an, ich gab mich vor einen Malergesellen

aus, dann ich dachte diese Kunst im Dorf nicht üben zu müssen. Der

geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell eine tiefe lateinische

Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, was Gestalt ihn

die Soldaten auf der Reise ausgeplündert. Er bot dem Studenten ein

Stück Brot und Butter nebst einem Trunk Bier an, ich aber stellete

mich, als ob ich im Wirtshaus essen wollte und ihn alsdann anrufen,

damit wir noch ein Stück Weges hinter sich legen konnten. Also ging

ich, mich im Dorf umzusehen und hatte auch Glück, daß ich einen Baur

antraf, der seinen Backofen zukleibte, darin er große Pumpernickel

hatte, die vier und zwanzig Stunden sitzen und ausbacken sollten.

Demnach wußte ich genug und machte es beim Wirte kurz.

Da ich auf den Pfarrhof kam, hatte mein Kamerad schon gekröpft und dem

Pfarrer gesagt, daß ich Maler sei, willens meine Kunst in Holland zu

perfectionieren. Der Pfarrer hieße mich sehr willkommen und bat mich,

mit ihm in die Kirche zu gehen, da er mir etliche schadhafte Stück

weisen wolle. Ich mußte folgen, er führte mich durch die Küche, und

während er das Nachtschloß an der starken Eichentür aufmachte, die

auf den Kirchhof ging -- ~ominorum~! -- da sahe ich, daß der schwarze

Himmel seiner Kuchelesse voller Lauten, Flöten und Geigen hing in

Gestalt von Schinken, Knackwürsten und Speckseiten. Trostmütig blicket

ich sie an, weil mich bedünkte, als lachten sie mir und ich erwog, wie

ich sie dem obgemeldten Ofen voll Brot zugesellen möchte. Allein der

Pfarrhof war ummauret, alle Fenster mit Eisengittern genugsam verwahrt

und so lagen auch zween ungeheure Hunde im Hof, welche bei Nacht

gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige stehlen wollte,

daran auch ihnen zu nagen gebühret.

Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand

diskurierten und mir der Pfarrer etliches auszubessern verdingen

wollte, ich aber Ausflüchte suchte, meinte der Meßner: »Du Kerl, ich

sehe dich eher vor einen verloffenen Soldatenjungen an, als vor einen

Malergesellen!« Ich antwortete: »O du Kerl, gib mir geschwind Pensel

und Farben, so will ich dir im Hui einen Narren gemalet haben, als du

einer bist.«

Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und meinete, es gezieme sich

nicht an einem so heiligen Ort, einander wahr zu sagen. Er ließ uns

beiden noch einen Trunk langen und also dahin ziehen. Ich aber vergaß

mein Herz bei den Knackwürsten.

Um Mitternacht kamen wir wieder ins Dorf und ich hatte sechs gute Kerle

ausgelesen, darunter meinen munteren Knecht Spring-ins-Feld. In aller

Stille huben wir das Brot aus dem Ofen, weil wir einen mithatten,

der Hunde bannen konnte. Da wir nun bei dem Pfarrhof vorüberwollten,

konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiter zu passieren.

Ich wußte aber keinen andern Eingang als den Kamin, der sollte vor

diesmal meine Tür sein. Wir brachten Leiter und Seil aus einer Scheuer

zuwege, ich stieg selbander mit Spring-ins-Feld aufs Dach, welches von

Hohlziegeln doppelt belegt und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebauet

war. Meine langen Haar wicklete ich zu einem Büschel über dem Kopf

zusammen und ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem

geliebten Speck. Band also einen Schinken nach dem andern und eine

Speckseite nach der andern an das Seil, was alles der andere fein

ordentlich zum Dach hinaus fischete und weitergab.

Aber, potz Unstern, da ich allerdings Feierabend gemachet hatte, brach

eine Stange, sodaß ~Simplicius~ hart hinunterfiele und das Seil riß,

ehe mich meine Kameraden vom Boden brachten. Ich dachte, Jäger, nun

mußt du eine Hatze ausstehen, in welcher dir selbst das Fell gewaltig

zerrissen wird werden, dann der Pfarrer war erwacht und befahl seiner

Köchin alsbald ein Licht anzuzünden. Sie kam im Hemd zu mir in die

Kuchen, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben

mir, daß sie mich damit rührete. Sie griff nach einem Brand und hielt

das Licht daran und fing an zu blasen. Ich aber blies viel stärker zu,

davon das gute Mensch erschrak, daß sie Feuer und Licht fallen ließ und

sich zu ihrem Herrn retirierte.

Ich bedachte mich und wehrete meine Kameraden, die mir zu verstehen

gaben, daß sie das Haus aufstoßen wollten. Allein Spring-ins-Feld

sollte oben bleiben, die andern an das Gewehr. Inzwischen schlug der

Geistliche sich selber ein Licht an, seine Köchin aber erzählete

ihm, daß ein gräulich Gespenst mit zween Köpfen, davor sie meinen

Haarbüschel angesehen, in der Kuchen wäre. Das hörete ich, rieb mir

derowegen mein Angesicht mit Asche, Ruß und Kohlen, daß ich ohn

Zweifel keinem Engel mehr -- wie hiebevor die Klosterfrauen sagten --

gleich sahe und der Meßner mich wohl vor einen geschwinden Maler hätte

passieren lassen. Ich fing an in der Kuchen schröcklich zu poltern und

das Geschirr untereinander zu werfen. Den Kesselring hing ich an den

Hals, den Feuerhaken behielt ich auf den Notfall.

Solches ließ sich der fromme Pfaffe nicht irren, dann er kam mit

seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den

Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten war mit

dem Chorrock bewaffnet samt den Stollen und hatte den Sprengel in der

einen und ein Buch in der andern Hand. Aus demselben fing er an, mich

zu exorcisieren, fragende: »Wer bist du und was willst du?« -- »Ich bin

der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrähen!«

Da fuhr er eifrig in seinem ~Exorcismo~ weiter fort und hielt mir vor,

daß ich weder mit ihm noch mit seiner Köchin nichts zu schaffen hätte,

hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo

ich herkommen wäre. Ich aber antwortete mit ganz förchterlicher Stimme,

daß solches unmöglich sei, wannschon ich gern wollte. Indessen hatte

Spring-ins-Feld, der ein abgefäumter Erzvogel war und kein Latein

verstund, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, dann er hörete,

daß ich mich vor den Teufel ausgab, und mich auch der Geistliche also

hielt. Er wixte wie eine Eule, bellte wie ein Hund, wieherte wie ein

Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich bald

durch den Kamin hinunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung

rammeln, bald wie eine Henne, die legen wollte, dann dieser Kerl konnte

aller Tiere Stimmen nachmachen. Solches ängstigte den Pfarrer und die

Köchin auf das Höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich

vor den Teufel beschwören ließe.

Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgaben, ward ich

gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging,

nicht eingeschlagen, sonder der Riegel nur vorgeschoben war. Ich schob

ihn geschwind zurück und wischte hinaus.

Wir liefen in den Busch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten

hatten. Dort erquickte sich die ganze Partei an dem, was von uns

gestohlen worden, und bekam kein einziger den Klucksen darvon, so

gesegnete Leute waren wir.

Also lagen wir noch zween Tage an selbigem Ort und erwarteten

diejenigen, denen wir schon so lange aufgepaßt hatten. Wir verloren

keinen einzigen Mann und bekamen dreißig Gefangene. Ich erhielt doppelt

Part, das waren drei schöne Frießländer Hengst mit Kaufmannswaren

beladen, was sie in Eil forttragen mochten. Wir retirierten uns mehrer

Sicherheit halber auf Rehnen.

Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck

gestohlen hatte, nahm einen Saphir, in einen göldenen Ring gefaßt, aus

meiner Beute und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten

mit einem Brieflein an den Geistlichen.

»Wohlehrwürdiger usw. Wann ich dieser Tagen im Wald noch etwas zu

leben gehabt hätte, so wäre kein Ursache gewesen Euer Wohlehrwürden

ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschröckt worden.

Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen

eingenommen, hoffe derowegen um Vergebung. Was den Speck anbelangt,

schicke ich derohalben gegenwärtigen Ring mit Bitte, Euer Wohlehrwürden

belieben damit Vorlieb zu nehmen. Versichere darneben, daß Dieselbe

im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen

Diener hat an dem, den dero Meßner vor keinen Maler hält, welcher sonst

genannt wird

der

Jäger.«

Dem Bauren aber schickte die Partei aus gemeiner Beute sechzehen

Reichstaler.

Von Rehnen gingen wir auf Münster und von dar auf Ham und heim nach

Soest in unser Quartier, allwo ich nach einigen Tagen eine Antwort von

dem Pfarrer empfing.

»Edler Jäger usw. Wann derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte

gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er

sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen.

Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt

worden, also ist auch der eingenommene Schröcken desto leichter zu

verschmerzen, weil er von einer so berühmten Person ist wider ihren

Willen verursachet worden, deren hiemit allerdings verziehen wird, mit

Bitte, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen bei dem, der

sich nicht scheut, den Teufel zu beschwören.

~Vale~!«

Also machte ichs allerorten und überkam dadurch einen großen Ruf.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 37 / 78 题