Ich muß ein Stücklein noch erzählen, das mir begegnet, eh ich wieder
von meinen Dragonern kam.
Mein Hauptmann ward mit etlichen fünfzig Mann zu Fuß nach
Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag auf eine reiche Karawane
zu machen. Wir mußten uns in den Büschen heimlich halten, so nahm ein
jeder auf acht Tag Proviant zu sich. Demnach aber die Kaufleut, denen
wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankamen, ging uns das Brot aus,
dahero uns der Hunger gewaltig preßte, dann wir dorften nichts rauben,
wir hätten uns damit selbst verraten.
Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich der
Schule entloffen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die
ihm hiebevor seine Eltern zum besten verordnet, er aber verschmähet
und verlassen hatte. Und als er solcher Speisen gedachte, erinnerte
er sich auch seines Schulsacks: »Ach Bruder,« sagte er, »wärs nicht
eine Schande, wann ich nicht so viel Künste erstudiert haben sollte,
mich jetzund zu füttern? Wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen
dürfte, es sollte ein treffliches ~Convivium~ bei ihm setzen!«
Ich überlief die Worte ein wenig, ermaß unsern Zustand und machte einen
Anschlag auf unsern Studenten hin. Der Hauptmann willigte ein.
So wechselte ich meine Kleider mit einem andern und zottelte mit
meinem Studenten in weitem Umschweif, wiewohl das Dorf eine halbe
Stunde vor uns lag, auf die Kirche zu. Das nächste Haus bei ihr
erkannten wir vor des Pfarrers Wohnung, es stund an einer Mauer, die
um den ganzen Pfarrhof ging. Mein Kamerad hatte seine abgeschabten
Studentenkleidlein noch an, ich gab mich vor einen Malergesellen
aus, dann ich dachte diese Kunst im Dorf nicht üben zu müssen. Der
geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell eine tiefe lateinische
Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, was Gestalt ihn
die Soldaten auf der Reise ausgeplündert. Er bot dem Studenten ein
Stück Brot und Butter nebst einem Trunk Bier an, ich aber stellete
mich, als ob ich im Wirtshaus essen wollte und ihn alsdann anrufen,
damit wir noch ein Stück Weges hinter sich legen konnten. Also ging
ich, mich im Dorf umzusehen und hatte auch Glück, daß ich einen Baur
antraf, der seinen Backofen zukleibte, darin er große Pumpernickel
hatte, die vier und zwanzig Stunden sitzen und ausbacken sollten.
Demnach wußte ich genug und machte es beim Wirte kurz.
Da ich auf den Pfarrhof kam, hatte mein Kamerad schon gekröpft und dem
Pfarrer gesagt, daß ich Maler sei, willens meine Kunst in Holland zu
perfectionieren. Der Pfarrer hieße mich sehr willkommen und bat mich,
mit ihm in die Kirche zu gehen, da er mir etliche schadhafte Stück
weisen wolle. Ich mußte folgen, er führte mich durch die Küche, und
während er das Nachtschloß an der starken Eichentür aufmachte, die
auf den Kirchhof ging -- ~ominorum~! -- da sahe ich, daß der schwarze
Himmel seiner Kuchelesse voller Lauten, Flöten und Geigen hing in
Gestalt von Schinken, Knackwürsten und Speckseiten. Trostmütig blicket
ich sie an, weil mich bedünkte, als lachten sie mir und ich erwog, wie
ich sie dem obgemeldten Ofen voll Brot zugesellen möchte. Allein der
Pfarrhof war ummauret, alle Fenster mit Eisengittern genugsam verwahrt
und so lagen auch zween ungeheure Hunde im Hof, welche bei Nacht
gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige stehlen wollte,
daran auch ihnen zu nagen gebühret.
Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand
diskurierten und mir der Pfarrer etliches auszubessern verdingen
wollte, ich aber Ausflüchte suchte, meinte der Meßner: »Du Kerl, ich
sehe dich eher vor einen verloffenen Soldatenjungen an, als vor einen
Malergesellen!« Ich antwortete: »O du Kerl, gib mir geschwind Pensel
und Farben, so will ich dir im Hui einen Narren gemalet haben, als du
einer bist.«
Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und meinete, es gezieme sich
nicht an einem so heiligen Ort, einander wahr zu sagen. Er ließ uns
beiden noch einen Trunk langen und also dahin ziehen. Ich aber vergaß
mein Herz bei den Knackwürsten.
Um Mitternacht kamen wir wieder ins Dorf und ich hatte sechs gute Kerle
ausgelesen, darunter meinen munteren Knecht Spring-ins-Feld. In aller
Stille huben wir das Brot aus dem Ofen, weil wir einen mithatten,
der Hunde bannen konnte. Da wir nun bei dem Pfarrhof vorüberwollten,
konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiter zu passieren.
Ich wußte aber keinen andern Eingang als den Kamin, der sollte vor
diesmal meine Tür sein. Wir brachten Leiter und Seil aus einer Scheuer
zuwege, ich stieg selbander mit Spring-ins-Feld aufs Dach, welches von
Hohlziegeln doppelt belegt und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebauet
war. Meine langen Haar wicklete ich zu einem Büschel über dem Kopf
zusammen und ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem
geliebten Speck. Band also einen Schinken nach dem andern und eine
Speckseite nach der andern an das Seil, was alles der andere fein
ordentlich zum Dach hinaus fischete und weitergab.
Aber, potz Unstern, da ich allerdings Feierabend gemachet hatte, brach
eine Stange, sodaß ~Simplicius~ hart hinunterfiele und das Seil riß,
ehe mich meine Kameraden vom Boden brachten. Ich dachte, Jäger, nun
mußt du eine Hatze ausstehen, in welcher dir selbst das Fell gewaltig
zerrissen wird werden, dann der Pfarrer war erwacht und befahl seiner
Köchin alsbald ein Licht anzuzünden. Sie kam im Hemd zu mir in die
Kuchen, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben
mir, daß sie mich damit rührete. Sie griff nach einem Brand und hielt
das Licht daran und fing an zu blasen. Ich aber blies viel stärker zu,
davon das gute Mensch erschrak, daß sie Feuer und Licht fallen ließ und
sich zu ihrem Herrn retirierte.
Ich bedachte mich und wehrete meine Kameraden, die mir zu verstehen
gaben, daß sie das Haus aufstoßen wollten. Allein Spring-ins-Feld
sollte oben bleiben, die andern an das Gewehr. Inzwischen schlug der
Geistliche sich selber ein Licht an, seine Köchin aber erzählete
ihm, daß ein gräulich Gespenst mit zween Köpfen, davor sie meinen
Haarbüschel angesehen, in der Kuchen wäre. Das hörete ich, rieb mir
derowegen mein Angesicht mit Asche, Ruß und Kohlen, daß ich ohn
Zweifel keinem Engel mehr -- wie hiebevor die Klosterfrauen sagten --
gleich sahe und der Meßner mich wohl vor einen geschwinden Maler hätte
passieren lassen. Ich fing an in der Kuchen schröcklich zu poltern und
das Geschirr untereinander zu werfen. Den Kesselring hing ich an den
Hals, den Feuerhaken behielt ich auf den Notfall.
Solches ließ sich der fromme Pfaffe nicht irren, dann er kam mit
seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den
Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten war mit
dem Chorrock bewaffnet samt den Stollen und hatte den Sprengel in der
einen und ein Buch in der andern Hand. Aus demselben fing er an, mich
zu exorcisieren, fragende: »Wer bist du und was willst du?« -- »Ich bin
der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrähen!«
Da fuhr er eifrig in seinem ~Exorcismo~ weiter fort und hielt mir vor,
daß ich weder mit ihm noch mit seiner Köchin nichts zu schaffen hätte,
hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo
ich herkommen wäre. Ich aber antwortete mit ganz förchterlicher Stimme,
daß solches unmöglich sei, wannschon ich gern wollte. Indessen hatte
Spring-ins-Feld, der ein abgefäumter Erzvogel war und kein Latein
verstund, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, dann er hörete,
daß ich mich vor den Teufel ausgab, und mich auch der Geistliche also
hielt. Er wixte wie eine Eule, bellte wie ein Hund, wieherte wie ein
Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich bald
durch den Kamin hinunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung
rammeln, bald wie eine Henne, die legen wollte, dann dieser Kerl konnte
aller Tiere Stimmen nachmachen. Solches ängstigte den Pfarrer und die
Köchin auf das Höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich
vor den Teufel beschwören ließe.
Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgaben, ward ich
gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging,
nicht eingeschlagen, sonder der Riegel nur vorgeschoben war. Ich schob
ihn geschwind zurück und wischte hinaus.
Wir liefen in den Busch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten
hatten. Dort erquickte sich die ganze Partei an dem, was von uns
gestohlen worden, und bekam kein einziger den Klucksen darvon, so
gesegnete Leute waren wir.
Also lagen wir noch zween Tage an selbigem Ort und erwarteten
diejenigen, denen wir schon so lange aufgepaßt hatten. Wir verloren
keinen einzigen Mann und bekamen dreißig Gefangene. Ich erhielt doppelt
Part, das waren drei schöne Frießländer Hengst mit Kaufmannswaren
beladen, was sie in Eil forttragen mochten. Wir retirierten uns mehrer
Sicherheit halber auf Rehnen.
Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck
gestohlen hatte, nahm einen Saphir, in einen göldenen Ring gefaßt, aus
meiner Beute und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten
mit einem Brieflein an den Geistlichen.
»Wohlehrwürdiger usw. Wann ich dieser Tagen im Wald noch etwas zu
leben gehabt hätte, so wäre kein Ursache gewesen Euer Wohlehrwürden
ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschröckt worden.
Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen
eingenommen, hoffe derowegen um Vergebung. Was den Speck anbelangt,
schicke ich derohalben gegenwärtigen Ring mit Bitte, Euer Wohlehrwürden
belieben damit Vorlieb zu nehmen. Versichere darneben, daß Dieselbe
im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen
Diener hat an dem, den dero Meßner vor keinen Maler hält, welcher sonst
genannt wird
der
Jäger.«
Dem Bauren aber schickte die Partei aus gemeiner Beute sechzehen
Reichstaler.
Von Rehnen gingen wir auf Münster und von dar auf Ham und heim nach
Soest in unser Quartier, allwo ich nach einigen Tagen eine Antwort von
dem Pfarrer empfing.
»Edler Jäger usw. Wann derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte
gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er
sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen.
Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt
worden, also ist auch der eingenommene Schröcken desto leichter zu
verschmerzen, weil er von einer so berühmten Person ist wider ihren
Willen verursachet worden, deren hiemit allerdings verziehen wird, mit
Bitte, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen bei dem, der
sich nicht scheut, den Teufel zu beschwören.
~Vale~!«
Also machte ichs allerorten und überkam dadurch einen großen Ruf.