Demnach es etliche, und zwar vornehme, gelehrte Leute gibt, die nicht
glauben, daß Hexen und Unholden sein, als zweifele ich nicht, es werden
sich etliche finden, die sagen, ~Simplicius~ schneide hier mit dem
großen Messer auf. Mit denen begehre ich nicht zu fechten, dann weil
Aufschneiden jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann
ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte.
Welche aber der Hexen Ausfahren leugnen, die sollen sich erinnern,
daß Simon, der Zauberer, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben
ward, auf ~St. Petri~ Gebet wieder heruntergefallen. Weiters ~Nicolaus
Remigius~, ein gelehrter und verständiger Mann, so im Herzogtum
Lothringen nicht nur ein halbes Dutzend Hexen hat verbrennen lassen,
erzählet von Johann von Hembach, daß ihn seine Mutter, die Hexe war,
im sechzehnten Jahr seines Alters mit auf ihre Versammlung genommen.
~Majolus~ setzet zwei Exempel: von einem Knecht, so sich an seine
Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen
genommen, sich mit deren Salbe geschmiert und also beide zu der
Zauberer Zusammenkunft kommen sein. So ist auch mehr als genugsam
bekannt, was Gestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre
Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen
lassen. Was ~Torquemadus~ in seinem ~Hexamerone~ erzählet, mag bei ihm
gelesen werden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl
keine Zauberer waren, durch die Luft gefahren, ist aus seiner Histori
genugsam bekannt.
Mag einer nun meine Geschicht glauben oder nicht, es gilt mir gleich,
doch wer's nicht glauben will, der mag einen andern Weg erfinden, auf
welchen ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda in so kurzer Zeit ins
Erzstift Magdeburg marschiert sei.
Ich fange meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich
auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich
nicht das Herz hatte, mich aufzurichten. Etliche Fouragierer weckten
mich auf und nahmen mich in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem
Obristen zu Fuß zu teil ward. Dem erzählte ich alles haarklein und wie
ich von denen Kroaten entloffen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich
still. Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich, dann ein Narr
macht tausend Narren. Unter denselben war einer, so das vorige Jahr zu
Hanau gefangen gewesen. »Hoho,« rief er, »dies ist des Kommandanten
Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn, der Kerl aber wußte nichts,
als daß ich wohl auf der Laute schlagen könnte, ~item~ daß mich die
Kroaten von des Obrist Corpes Regiment hinweggenommen hätten. Hierauf
schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die auf der Lauten
spielen konnte, und ließ um ihre Lauten bitten. Solche ward mir
präsentiert mit Befehl, ich solle mich hören lassen. Ich aber meinte,
daß mein leerer Bauch nicht wohl mit dem dicken, wie die Laute einen
hatte, zusammenstimmen würde. Also bekam ich ziemlich zu kröpfen und
zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier. Sodann ließ ich beides, die
Lauten und meine Stimme hören. Darunter redete ich allerlei, so daß ich
mit geringer Mühe die Leute dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre
von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellete. Der Obrist
fragte mich, wo ich weiters hinwollte, und da ich antwortete, daß es
mir gleich sei, so machte er mich zu seinem Hofjunker. Er wollte auch
wissen, wo meine Eselsohren wären.
»Ja, wann du wüßtest, wo sie wären,« sagte ich, »so würden sie dir
nicht übel anstehen.«
Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizierern sowohl im
kur-sächsischen als im kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei den
Frauenzimmern, welche meine Kappe, Ärmel und gestutzten Ohren überall
mit seidenen Banden zierten. Was mir aber an Geld geschenkt ward, das
verspendierte ich in Hamburger und Zerbster Bier an gute Gesellen.
Überall, wo ich nur hinkam, hatte ich genug zu schmarotzen.
Als meinem Obristen aber eine eigene Laute vor mich überkam, dann er
gedachte ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden
Lägern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen
Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen
sollte. Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, still, verständig,
wohlgelehrt, von guter Konversation und was das gröbste gewesen,
überaus gottesförchtig. Er war vordem eines vornehmen Fürsten Rat
und Beamter, aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden.
Er ließ sich bei diesem Obristen vor einen Stallmeister gebrauchen,
indem sein einziger Sohn unter der kur-sächsischen Armee vor einen
Musterschreiber dienete.
In der ersten Woche schon kam er mir hinter die Briefe und erkannte,
daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete, wie er dann vom
ersten Tag an aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er
sich wohl auf ~Physiognomiam~ verstund.
Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein Leben und
seltsame Begegnüssen allerlei Gedanken, knieet neben den Bette nieder
und erzählete danksagungsweise alle Guttaten, die mir mein lieber
Gott erwiesen, und alle Gefahren, daraus er mich errettet. Weil mein
Hofmeister mehr alt als jung war und die ganze Nacht nicht durchgehend
schlafen konnte, hörete er alles, tät aber, als wenn er schliefe und
redete nicht mit mir im Zelt hievon, weil es zu dünne Wände hatte;
wollte auch meiner Unschuld versichert sein.
Bei einer Gelegenheit fand er mich einsmals nach Wunsch an einem
einsamen Ort und sagte:
»Lieber, guter Freund, ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du
dich stellest, zumalen auch in diesem elenden Stand nicht zu leben
begehrest. Ich will womüglich mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir
etwan zu helfen sein möchte, so du zu mir, als einem ehrlichen Mann,
dein Vertrauen setzen willst.«
Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeugete mich vor übriger Freude
nicht anders, als wann er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner
Narrenkappe zu erlösen. Nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete
ich ihm mein ganzes Leben. Er beschauete meine Hände und verwunderte
sich über beides: die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle,
so er aus meinen Händen las. Widerriet mir durchaus, daß ich mein
Narrenkleid ablegen sollte, dann er vermittelst ~Chiromantia~ sehe, daß
mir mein Fatum ein Gefängnis androhe unter Leibes- und Lebensgefahr. Er
wollte mein treuer Freund und Vater bleiben.
Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit
Würfeln turnieret und alle Schwüre mit hundert und tausend Galeeren,
Rennschifflein, Tonnen und Städtgräben voll herausfluchte. Der Platz
war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln
überstreut und mit Tischen bestellt, die alle von Spielern umgeben
waren. Jede Gesellschaft hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen
sie ihr Glück vertraueten. So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen
Schunderer, dessen Amt war zu sehen, daß kein Unrecht geschähe. Die
liehen auch Mäntel, Tische und Würfel her und erschnappten gewöhnlich
das meiste Geld, doch blieb es ihnen nicht, dann sie verspieltens
gemeiniglich wieder oder bekams der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe
oft gewaltig geflickt wurden.
Alle vermeineten zu gewinnen, als hätten sie aus einer fremden Tasche
gesetzt, weil aber etlich trafen, etlich fehlten, so donnerten und
flucheten auch etlich und betrogen und wurden gesäbelt; war ein
Gelächter und Zähneaufeinanderbeißen. Etliche begehrten redliche
Würfel, andere führten unvermerkt falsche ein, die wieder andere
hinwegwurfen, mit den Zähnen zerbissen und darüber aus Zorn den
Schunderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden
sich Niederländer, die man schleifend rollen mußte, sie hatten spitze
Rücken, drauf sie Fünfer und Sechser trugen. Andere waren oberländisch,
denen mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man sie werfen wollte.
Etliche waren aus Hirschhorn, oben leicht und unten schwer, andre
mit Quecksilber oder Blei, aber andere mit zerschnittenen Haaren,
Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert. Etliche hatten spitze Ecken,
andern waren solche glatt hinweggeschliffen. Teils waren lange Kolben,
teils sahen sie aus wie Schildkrotten. Mit solchen Schelmbeinern
zwackten, laureten, stahlen sie einander ihr Geld ab.
Mein Hofmeister sagte: »Dieses ist der allerärgste und abscheulichste
Ort im ganzen Läger. Wann einer nur den Fuß hierher setzet, so hat
er das zehende Gebot übertreten: du sollst deines nächsten Gut nicht
begehren. So du aber spielest und gewinnst, sonderlich durch Betrug
und falsche Würfel, so übertrittst du das siebend und achte Gebot. Ja,
es kann kommen, daß du auch zum Mörder wirst aus äußerster Not und
Desperation. Ein jeder auf diesem Platze ist in Gefahr, sein Geld und
auch sein Leib, Leben und gar seiner Seelen Seligkeit zu verlieren.«