Das achte Kapitel

Allein ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, so erhascheten

mich etliche Schnapphahnen, die mein närrisch Kleid in der finstern

Nacht nicht sahen und mich durch zween von ihnen an einen gewissen Ort

im Walde führen ließen. Als wir dort waren, wollte der eine Kerl kurzum

Geld von mir und legte Handschuh und Feuerrohr nieder, um mich zu

visitieren. Sobald er aber mein haarigs Kleid und die langen Eselsohren

an meiner Kappe begriff, davon helle Funken stoben, fuhr er vor Schröck

ineinander. Solches merkte ich gleich, derowegen striegelte ich mein

Kleid, daß es schimmerte, als wann ich inwendig voller brennenden

Schwefels gestocken wäre. Ich schrie ihn mit schröcklicher Stimme

an: »Ich bin der Teufel und will dir und deinem Gesellen die Hälse

abdrähen!«

Da rannten alle beide durch Stöcke und Stauden, als wann sie

das höllische Feuer gejaget hätte. Ich aber lachte unterdessen

förchterlich, daß es im ganzen Wald erschallete.

Als ich mich abwegs machen wollte, strauchelte ich über das Feuerrohr

und da ich weiterschritte, stieß ich auch an einen Knappsack, daran

unten eine Patronentasche, mit Pulver, Blei und Zugehör wohlversehen,

hing. Das nahm ich alles an mich, weil ich mit dem Geschoß umzugehen

bei den Kroaten wohl gelernet hatte, und verbarg mich unweit davon in

einem dicken Busch.

Sobald der Tag anbrach kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz

und suchte das verloren Feuerrohr samt Knappsack. Ich aber hielt mich

stiller als eine Maus.

»Pfui, ihr feige Tropfen,« sagte einer, »daß ihr euch von einem einigen

Kerl erschröcken, verjagen und das Gewehr abnehmen lasset!«

Jedoch der eine schwur, der Teufel solle ihn holen, wann es nicht der

Teufel selbst gewesen sei, er hätte die Hörner und seine rauhe Haut

wohl begriffen. Der Anführer antwortete: »Was meinest du wohl, daß der

Teufel mit deinem Ranzen und Feuerrohr machen wollte. Ich dörfte meinen

Hals verwetten, wo nicht der Kerl beide Stücke mit sich genommen!«

Diesem hielt ein andrer Widerpart und sagte: es könne wohl auch sein,

daß seither etlich Bauren dagewesen wären.

Zuletzt glaubten sie den grausamen Flüchen der beiden, so meine

funkelnde Haut gesehen hatten, daß es der Teufel gewesen sei, und

nahmen ihren Weg weiters.

Ich aber machte den Ranzen auf zu frühstücken und langte mit dem ersten

Griff einen Säckel heraus, in welchen dreihundert und etliche sechzig

Dukaten waren. Viel mehr erfreuete mich aber, daß ich den Sack mit

Proviant wohl gefüllet befand. Also zehrete ich bei einem lustigen

Brünnlein fröhlich zu morgen.

Solang mein Proviant währete, blieb ich im Wald, als aber mein Ranzen

leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser. Da kroch ich

bei Nacht in Keller und Küchen, nahm, was ich fand, und schleppte es

mit mir dahin, wo es am allerwildesten war. Noch stund der Sommer im

Anfang und ich konnte mit meinem Rohr Feuer machen.

Unter währendem diesem Herumschweifen haben mich unterschiedliche

Baursleute angetroffen, die seind aber allezeit vor mir geflohen. Also

ward ruchbar, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend

umher. Derowegen mußte ich sorgen, der Proviant möchte mir ausgehen.

Ich wollte wieder Wurzeln und Kreuter essen, deren war ich aber nicht

mehr gewohnt.

Einsmals hörete ich zween Holzheuer. Ich ging dem Schlag nach, und als

ich sie sahe, nahm ich eine Handvoll Dukaten, schlich nahe zu ihnen,

zeigte ihnen das anziehende Geld und sagte: »Ihr Herren, wann ihr

meiner wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken.«

Aber sobald sie mich und das Gold sahen, gaben sie Fersengeld und

ließen Schlegel und Keil samt ihrem Käs- und Brotsack liegen. Den nahm

ich, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, wieder einmal

unter Menschen zu kommen.

Nach langem Hin- und Hersinnen gedachte ich meinen Schatz zu sichern,

derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren zwei Armbinden,

gesellete darein meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten und

arrestieret die Armbänder oberhalb den Ellbogen um meine Arme. Sodann

fuhr ich den Bauren wieder ein und holte von ihrem Vorrat, was ich

bedurfte und erschnappen konnte, jedoch so, daß ich niemals wieder an

denselbigen Ort kam.

Als ich zu Ende Mai wieder in einen Baurenhof geschlichen war, kam ich

in die Küche, merkte aber bald, daß noch Leute auf waren. Blieb demnach

mausstill sitzen und wartete. Unterdessen nahm ich einen Spalt gewahr,

den das Küchenschälterlein hatte. Ich schlich hinzu und sahe anstatt

des Lichts eine schweflichte, blaue Flamme auf der Bank stehen, bei

welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänke schmierten und nach

einander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich wunderte mich schröcklich

und empfand großes Grauen, weil ich aber größerer Schröcklichkeiten

gewohnt war, verfügte ich mich, nachdem sie alle abgefahren, in die

Stube und bedachte, wo ich etwas finden sollte. Satzte mich in solchen

Gedanken auf eine Bank rittlings nieder. Ich war aber kaum aufgesessen,

da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus

und ließ meinen Ranzen und Feuerrohr vor den Schmierlohn und die

künstliche Salben dahinter.

Ich kam in einem Nu zu einer großen Schar Volkes, diese tanzten einen

wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen. Sie hatten

sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht mit

zusammengekehrten Rücken, also, daß sie die Angesichter hinauswarts

kehrten. Ein Ring tanzte um den andern links, der ander rechts herum

und würblete dermaßen, daß ich nicht sehen konnte, was sie in der Mitte

stehen hatten. Gleich seltsam war die Musik, welche eine wunderliche

~Harmoniam~ abgab. Meine Bank hatte mich bei den Spielleuten

niedergelassen. Die hatten anstatt Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien

nichts anderes als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie

lustig daherpfiffen. Etliche geigten auf Roßköpfen, andere schlugen

Harfe auf einem Kühgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen. Einer

hatte eine Hündin am Arm, deren leierte er am Schwanz und fingerte an

den Dütten. Darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im

ganzen Wald erschallete. Wie der Tanz bald aus war, fing die ganze

höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen,

zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll wären.

In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar und hatte eine ungeheuere

Krote unterm Arm, der waren die Därme ausgezogen und wieder zum Maul

hineingeschoppt.

»Sieh hin, ~Simplici~, ich weiß du bist ein guter Lautenist, laß doch

ein Stückgen hören!«

Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit meinem

Namen nannte. Ich sahe ihn mit seiner Krot steif an und er zog seinen

Nase aus und ein. Endlich stieß er mir vor die Brust, daß ich bald

davon erstickte, derowegen rief ich überlaut zu Gott. Im Hui war es

stockfinster und mir so förchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel

und wohl hundert Kreuz vor mich machte.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 30 / 78 题