Und währendem meinem Diskurs sahe mich jedermann verwundert an. Mein
Herr aber sagte:
»Ich weiß nicht, was ich an dir habe. Du bedünkest mich vor ein Kalb
viel zu verständig zu sein. Ich vermeine schier, du seiest unter deiner
Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.«
Ich stellete mich zornig und rief: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl,
wir Tiere seien gar Narren? Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden.
Ältere Tiere möchten euch anderst aufschneiden, so sie reden könnten
als ich. Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher, Amseln und
Rebhühner gelehret hat sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die
Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und
Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen
wollen? Wer den angeschossenen Hirsch seine Zuflucht zur wilden Poley
nehmen? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Raute gebrauchen
solle, wann es mit der Feldmaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will?
Wer gibt den wilden Schweinen Efeu und den Bären Alraun vor Arznei zu
erkennen? Wer unterweiset die Schwalbe, daß sie ihrer Jungen blöde
Augen mit dem Chelidonio arzneien soll? Wer instruieret die Schlange,
daß sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier dorfte
ich sagen, daß ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren
erlernet habt. Aber ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir
Tiere nicht. Ein Löw oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet
er, bis er frisch und gesund wird. Wer aber sagt den Sommervögeln,
wann sie im Frühjahr zu uns kommen, Junge hecken und im Herbste wieder
von dannen in warme Länder ziehen sollen? Leihet ihr Menschen ihnen
vielleicht eueren Kalender oder Seekompaß? Beschauet die mühsame
Spinne, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist. Sehet ob ihr auch einen
einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget. Welcher Jäger hat
sie gelehrt, das Wildpret zu belaustern? Die alten Philosophi haben
solches ernstlich erwogen und sich nicht geschämet zu fragen und zu
disputieren, ob die Tiere nicht auch Verstand hätten. Gehet hin zu den
Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann saget mir
euer Meinung wieder.«
Hierauf fielen unterschiedliche Urteile über mich. Der ~Secretarius~
hielt davor, ich sei närrisch, weil ich mich selbsten vor ein
unvernünftig Tier schätze, maßen diejenigen, so einen Sparen zu viel
oder zu wenig hätten und sich jedoch weise zu sein dünkten, die aller
artlichsten und visierlichsten Narren wären. Andere sagten, wann man
mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, so würde ich vor
vernünftig und witzig gelten müssen.
Mein Herr sagte: »Er ist ein Narr, weil er jedem ungescheut die
Wahrheit sagt, hingegen stehen seine klugen Diskursen keinem Narren zu.«
Solches redeten sie auf latein, damit ich's nicht verstehen sollte.
Der tolle Fähnrich aber schloß: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei
hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten. De Tüfel, de kühret ut jehme!«
Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann
nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich
andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue.
»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche
Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die
Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin
ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich
noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.«
»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen.
Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen.
»Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?«
Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch
zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte,
konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter
Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde
und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der
ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches
Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche
weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren
selbst stunden die Augen voll Wasser.
Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er
besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel
mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am
besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man
mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder
Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube
er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu
Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so
hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere
Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse
aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese
Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet,
so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm
nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein
Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt,
der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet
ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe
herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne
das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach
einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms
band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich,
als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit
Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das
Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich
erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und
kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten
~Simplicio~ auch wieder geholfen werden.«
»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir
an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden
vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«
»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein,
doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel
alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen
Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins
Gehirn gefaßt hat.«
Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung,
das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so
daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte.
Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe
vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß
ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So
wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches
noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte.
Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er
mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen
Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um
soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem
Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer
erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten
mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir
hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich
brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer
zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine
Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß
ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und
Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische
Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte
mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog
Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen
Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier
unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je
ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit.
Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen,
in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte.
Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben
Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder
Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ
sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer,
was er mit meinem Herrn abgeredet hätte.
Aber das neidische Glück wollte mich so leichtlich nicht meines
Narrenkleides erledigen. Indem die Komödia noch in Händen der Schneider
und Gerber lag, terminierte ich mit etlichen andern Knaben vor der
Festung auf dem Eise herum, da überfiel uns eine Partei Kroaten; die
satzten uns auf gestohlene Baurenpferd und führeten uns davon.