Das sechste Kapitel

Und währendem meinem Diskurs sahe mich jedermann verwundert an. Mein

Herr aber sagte:

»Ich weiß nicht, was ich an dir habe. Du bedünkest mich vor ein Kalb

viel zu verständig zu sein. Ich vermeine schier, du seiest unter deiner

Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.«

Ich stellete mich zornig und rief: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl,

wir Tiere seien gar Narren? Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden.

Ältere Tiere möchten euch anderst aufschneiden, so sie reden könnten

als ich. Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher, Amseln und

Rebhühner gelehret hat sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die

Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und

Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen

wollen? Wer den angeschossenen Hirsch seine Zuflucht zur wilden Poley

nehmen? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Raute gebrauchen

solle, wann es mit der Feldmaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will?

Wer gibt den wilden Schweinen Efeu und den Bären Alraun vor Arznei zu

erkennen? Wer unterweiset die Schwalbe, daß sie ihrer Jungen blöde

Augen mit dem Chelidonio arzneien soll? Wer instruieret die Schlange,

daß sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier dorfte

ich sagen, daß ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren

erlernet habt. Aber ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir

Tiere nicht. Ein Löw oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet

er, bis er frisch und gesund wird. Wer aber sagt den Sommervögeln,

wann sie im Frühjahr zu uns kommen, Junge hecken und im Herbste wieder

von dannen in warme Länder ziehen sollen? Leihet ihr Menschen ihnen

vielleicht eueren Kalender oder Seekompaß? Beschauet die mühsame

Spinne, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist. Sehet ob ihr auch einen

einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget. Welcher Jäger hat

sie gelehrt, das Wildpret zu belaustern? Die alten Philosophi haben

solches ernstlich erwogen und sich nicht geschämet zu fragen und zu

disputieren, ob die Tiere nicht auch Verstand hätten. Gehet hin zu den

Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann saget mir

euer Meinung wieder.«

Hierauf fielen unterschiedliche Urteile über mich. Der ~Secretarius~

hielt davor, ich sei närrisch, weil ich mich selbsten vor ein

unvernünftig Tier schätze, maßen diejenigen, so einen Sparen zu viel

oder zu wenig hätten und sich jedoch weise zu sein dünkten, die aller

artlichsten und visierlichsten Narren wären. Andere sagten, wann man

mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, so würde ich vor

vernünftig und witzig gelten müssen.

Mein Herr sagte: »Er ist ein Narr, weil er jedem ungescheut die

Wahrheit sagt, hingegen stehen seine klugen Diskursen keinem Narren zu.«

Solches redeten sie auf latein, damit ich's nicht verstehen sollte.

Der tolle Fähnrich aber schloß: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei

hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten. De Tüfel, de kühret ut jehme!«

Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann

nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich

andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue.

»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche

Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die

Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin

ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich

noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.«

»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen.

Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen.

»Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?«

Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch

zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte,

konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter

Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde

und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der

ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches

Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche

weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren

selbst stunden die Augen voll Wasser.

Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er

besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel

mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am

besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man

mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder

Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube

er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu

Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so

hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere

Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse

aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese

Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet,

so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm

nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein

Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt,

der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet

ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe

herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne

das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach

einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms

band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich,

als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit

Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das

Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich

erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und

kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten

~Simplicio~ auch wieder geholfen werden.«

»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir

an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden

vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«

»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein,

doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel

alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen

Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins

Gehirn gefaßt hat.«

Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung,

das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so

daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte.

Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe

vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß

ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So

wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches

noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte.

Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er

mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen

Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um

soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem

Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer

erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten

mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir

hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich

brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer

zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine

Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß

ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und

Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische

Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte

mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog

Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen

Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier

unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je

ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit.

Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen,

in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte.

Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben

Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder

Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ

sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer,

was er mit meinem Herrn abgeredet hätte.

Aber das neidische Glück wollte mich so leichtlich nicht meines

Narrenkleides erledigen. Indem die Komödia noch in Händen der Schneider

und Gerber lag, terminierte ich mit etlichen andern Knaben vor der

Festung auf dem Eise herum, da überfiel uns eine Partei Kroaten; die

satzten uns auf gestohlene Baurenpferd und führeten uns davon.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 28 / 78 题