Bei allen Mahlzeiten ließ ich mich tapfer gebrauchen, dann ich hatte
mir vorgesatzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu
bestrafen. Ich rupfte ihre Laster, und wer sichs nicht gefallen ließe,
ward noch darzu ausgelacht.
Der erste, der mir mit Vernunft begegnen wollte, war der ~Secretarius~,
dann ich denselben einen Titulschmied nannte und ihn fragte, wie man
der Menschen ersten Vater titulieret hätte.
»Du redest wie ein Kalb, maßen nach unseren ersten Eltern Leute gelebt,
die durch seltene Tugenden und gute Künste sich und ihr Geschlecht
dergestalt geadelt haben, daß sie übers Gestirn zu den Göttern erhoben
worden. Wärest du ein Mensch, so hättest du die Historien gelesen und
verstündest auch den Unterscheid, sintemalen du aber ein Kalb und
keiner menschlichen Ehre würdig noch fähig, so redest du wie ein dummes
Kalb und gönnest ihnen den Ehrentitul nicht.«
»Ich bin«, antwortete ich, »sowohl ein Mensch gewesen als du und habe
bei meinem Einsiedel auch ziemlich viel gelesen. Sage mir, was sein
vor herrliche Taten begangen und Künst erfunden, die genugsam seien,
ein ganzes Geschlecht von etlich hundert Jahr nach Absterben des
Helden und Künstlers zu adlen? Ist nicht beides: des Helden Stärke
und des Künstlers Weisheit mit hinweggestorben? So aber der Eltern
Qualitäten auf die Kinder überkommen, halt ich davor, daß dein Vater
ein Stockfisch und deine Mutter eine Schneegans gewesen.«
»Ha,« rief der ~Secretarius~, »wann es damit wohl ausgericht sein
wird, wann wir einander schänden, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein
Knän ein grober spessarter Bauer gewesen, und daß du dich noch mehr
verringert habest, indem du zum unvernünftigen Kalb geworden bist.«
»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden
nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder
ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist
es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem
Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre
habe.«
»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch
gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch
Tugend edel machen. Wann aber -- so folget, daß man die Kinder der
Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Wer wollte in ~Alexandri Magni~ Nachkömmlingen, wann anders noch
einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit
nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen,
hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen
verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter
Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht
~Quintus Curtius~, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem,
sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? -- Da könnte ich
auch den ~Julium Cäsarem~ und ~Pompeium~ anführen, deren der eine
fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt
und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern
abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien
876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem
~Lucio Siccio Dentato~, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß
er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden
hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib
zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen
in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre,
deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich.
Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden.
Was findet sich für Geschicklichkeit am ~Zeuxis~, welcher mit seinen
Schildereien die Vögel in der Luft betrog, ~item~ am ~Apelles~, der
eine ~Venus~ so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten
so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein
verliebten. ~Plutarchus~ schreibet, daß ~Archimedes~ ein großes Schiff
mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an
einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches
200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese
Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher
die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei
erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen,
ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest
oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu
lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht
genießen konnte.«
Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen
Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer
Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist
das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem
Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend
anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die
Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen
zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei
und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze
Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die
göttliche Allmacht zu erkennen.«
Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil
du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.«
Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell
treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte.
»Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils
acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.«
Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist
der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.«
»Wieso, wieso, du Kalb!«
»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du
als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde
der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß
dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du
bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser
Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du
selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld,
Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht
sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren
in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End
hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste
Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen
und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir
aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht
Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die
Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen
Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und
dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker
und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen
Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens
überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein
ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und
Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich
geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du
dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern
zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu
beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, ~in summa~ fast
alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt
und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen
Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst
und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu
anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.«
»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?«
»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern
dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist?
Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an
hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an
ihrem ~Lycurgo~, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer
verargeten dem ~Scipioni~ das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu
sein, daß sich ~Pompeius~ nur mit einem Finger kratzte. Des ~Julii
Cäsaris~ spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig
antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren ~Catonem~, weil es zu gierig
auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem ~Hannibali~ übel nach,
weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich
tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und
Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe
wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du
trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was
hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen
~Demosthenes~ sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend
gejagt haben. Dem ~Sokrati~ ist mit Gift vergeben worden. ~Hannibal~
hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen.
~Lykurg~ ward gesteiniget. ~Solo~ wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug
ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn.
Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein
böses Gewissen davon.«