Das fünfte Kapitel

Bei allen Mahlzeiten ließ ich mich tapfer gebrauchen, dann ich hatte

mir vorgesatzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu

bestrafen. Ich rupfte ihre Laster, und wer sichs nicht gefallen ließe,

ward noch darzu ausgelacht.

Der erste, der mir mit Vernunft begegnen wollte, war der ~Secretarius~,

dann ich denselben einen Titulschmied nannte und ihn fragte, wie man

der Menschen ersten Vater titulieret hätte.

»Du redest wie ein Kalb, maßen nach unseren ersten Eltern Leute gelebt,

die durch seltene Tugenden und gute Künste sich und ihr Geschlecht

dergestalt geadelt haben, daß sie übers Gestirn zu den Göttern erhoben

worden. Wärest du ein Mensch, so hättest du die Historien gelesen und

verstündest auch den Unterscheid, sintemalen du aber ein Kalb und

keiner menschlichen Ehre würdig noch fähig, so redest du wie ein dummes

Kalb und gönnest ihnen den Ehrentitul nicht.«

»Ich bin«, antwortete ich, »sowohl ein Mensch gewesen als du und habe

bei meinem Einsiedel auch ziemlich viel gelesen. Sage mir, was sein

vor herrliche Taten begangen und Künst erfunden, die genugsam seien,

ein ganzes Geschlecht von etlich hundert Jahr nach Absterben des

Helden und Künstlers zu adlen? Ist nicht beides: des Helden Stärke

und des Künstlers Weisheit mit hinweggestorben? So aber der Eltern

Qualitäten auf die Kinder überkommen, halt ich davor, daß dein Vater

ein Stockfisch und deine Mutter eine Schneegans gewesen.«

»Ha,« rief der ~Secretarius~, »wann es damit wohl ausgericht sein

wird, wann wir einander schänden, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein

Knän ein grober spessarter Bauer gewesen, und daß du dich noch mehr

verringert habest, indem du zum unvernünftigen Kalb geworden bist.«

»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden

nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder

ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist

es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem

Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre

habe.«

»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch

gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch

Tugend edel machen. Wann aber -- so folget, daß man die Kinder der

Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Wer wollte in ~Alexandri Magni~ Nachkömmlingen, wann anders noch

einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit

nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen,

hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen

verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter

Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht

~Quintus Curtius~, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem,

sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? -- Da könnte ich

auch den ~Julium Cäsarem~ und ~Pompeium~ anführen, deren der eine

fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt

und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern

abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien

876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem

~Lucio Siccio Dentato~, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß

er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden

hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib

zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen

in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre,

deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich.

Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden.

Was findet sich für Geschicklichkeit am ~Zeuxis~, welcher mit seinen

Schildereien die Vögel in der Luft betrog, ~item~ am ~Apelles~, der

eine ~Venus~ so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten

so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein

verliebten. ~Plutarchus~ schreibet, daß ~Archimedes~ ein großes Schiff

mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an

einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches

200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese

Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher

die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei

erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen,

ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest

oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu

lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht

genießen konnte.«

Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen

Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer

Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist

das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem

Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend

anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die

Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen

zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei

und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze

Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die

göttliche Allmacht zu erkennen.«

Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil

du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.«

Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell

treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte.

»Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils

acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.«

Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist

der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.«

»Wieso, wieso, du Kalb!«

»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du

als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde

der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß

dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du

bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser

Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du

selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld,

Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht

sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren

in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End

hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste

Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen

und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir

aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht

Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die

Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen

Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und

dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker

und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen

Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens

überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein

ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und

Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich

geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du

dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern

zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu

beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, ~in summa~ fast

alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt

und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen

Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst

und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu

anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.«

»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?«

»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern

dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist?

Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an

hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an

ihrem ~Lycurgo~, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer

verargeten dem ~Scipioni~ das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu

sein, daß sich ~Pompeius~ nur mit einem Finger kratzte. Des ~Julii

Cäsaris~ spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig

antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren ~Catonem~, weil es zu gierig

auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem ~Hannibali~ übel nach,

weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich

tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und

Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe

wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du

trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was

hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen

~Demosthenes~ sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend

gejagt haben. Dem ~Sokrati~ ist mit Gift vergeben worden. ~Hannibal~

hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen.

~Lykurg~ ward gesteiniget. ~Solo~ wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug

ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn.

Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein

böses Gewissen davon.«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 27 / 78 题