Das dritte Kapitel

Als der ~Commissarius~ wieder weg war, ließ mich der Pfarrer heimlich

zu sich in sein Losament kommen und sagte:

»O ~Simplici~, deine Jugend dauert mich und deine Unglückseligkeit

bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind, dein Herr ist entschlossen,

dich aller Vernunft zu berauben und dich zum Narren zu machen, maßen

er bereits ein Kleid vor dich anfertigen läßt. Morgen mußt du in

die Schule, darin du deine Vernunft verlernen sollst. Man wird dich

ohn Zweifel so greulich trillen, daß du ein Phantast werden mußt,

wenn anderst Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern. Um

deines Einsiedlers Frömmigkeit und deiner eigenen Unschuld willen sei

dir mit Rat und notwendigen guten Arzneien beigesprungen. Folge nun

meiner Lehre: Nimm dieses Pulver ein, welches dir Hirn und Gedächtnus

dermaßen stärken wird, daß du, unverletzt deines Verstandes, alles

leicht überwinden magst. Auch schmiere dir mit diesem Balsam Schläfen,

Wirbel und Genick samt den Naslöchern. Beides brauch auf den Abend,

sintemal du keiner Stunde sicher sein wirst. Wann man dich in dieser

verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, stelle

dich jedoch, als wenn du alles glaubtest. Wenn du aber das Narrenkleid

anhaben wirst, so komme wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerem

Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott bitten, daß er deinen Verstand

und Gesundheit erhalten wolle.«

Wie der Pfarrer gesagt, also ging es: Im ersten Schlaf kamen vier Kerl

in schröcklichen Teufelslarven, die sprungen herum wie Gaukler. Einer

hatte einen glühenden Hacken, der andere eine Fackel. Zween aber

wischten über mich her, zogen mich aus dem Bette, tanzten mit mir hin

und her, zwangen mir meine Kleider an Leib. Ich aber verführete ein

jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerforchtsamsten Gebärden

erscheinen. Hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einem Handtuch und

führeten mich unterschiedliche Umwege, viel Stiegen auf und ab und

endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte. Sie banden

das Handtuch ab und fingen an, mir mit spanischem Wein und Malvasier

zuzutrinken. Ich stellet mich mit allem Fleiß, als wäre ich nun

gestorben und im Abgrund der Hölle.

»Sauf zu! Willtu nicht ein guter Gesell sein, so mußt du in

gegenwärtiges Feuer!«

Die armen Teufeln wollten ihre Sprache und Stimme verquanten, damit

ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines

Herrn Fourierschützen waren. So trank ich mein Teil, sie aber soffen,

weil derlei himmlischer ~Nectar~ selten an solche Gesellen kommt.

Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellete ich mich mit Hin- und

Hertorkeln, wie ichs gesehen hatte, und wollte endlich gar nicht mehr

saufen, sondern schlafen. Sie hingegen jagten und stießen mich mit

ihren Hacken, die sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken

des Kellers herum. Und wann ich in solcher Hatz niederfiel, so packten

sie mich auf, als wann sie mich ins Feuer werfen wollten. Also ging

mirs wie einem Falken, den man wacht. Ich hätte zwar Trunkenheit und

Schlafes halber ausgedauert, aber sie lösten einander ab. Drei Täge und

zwei Nächte habe ich in diesem raucherichten Keller zugebracht. Der

Kopf fing mir an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte.

Ich warf mich hin und stellet mich tot. Da legten sie mich in ein

Leinlach und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alles Eingeweide

samt der Seele hätte herausfahren mögen. Wovon ich meiner Sinne beraubt

ward und nicht weiß, was sie ferners mit mir gemacht haben.

Als ich zu mir selber kam befand ich mich in einem schönen Saal unter

den Händen dreier alter Weiber, die vor eine treffliche Arznei wider

die unsinnige Liebe hätten dienen mögen, so garstig waren sie. Ich

erkannte wohl, daß die eine unsere Schüsselwäscherin, die andern zwo

aber zweier Fourierschützen Weiber waren. Da stellete ich mich, als

wann ich mich nicht zu regen vermöchte, wie mich dann in Wahrheit auch

nicht tanzerte, als die ehrlichen Alten mich auszogen und mich wie ein

klein Kindlein säuberten. Doch tät mir solches trefflich sanft. Sie

bezeugten unter währender Arbeit große Geduld und Mitleiden, also daß

ich ihnen beinahe offenbaret hätte, wie gut mein Handel noch stünde.

Zum Glück gedachte ich: Nein, ~Simplici~, vertraue keinem alten Weibe!

-- Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich

Bette, darin ich ungewiegt entschlummerte. Meines Davorhaltens schliefe

ich in einem Satz länger als vierundzwenzig Stunden. Da ich erwachte

stunden zween schöne, geflügelte Knaben vorm Bette, welche mit weißen

Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, göldenen Ketten und

andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren. Einer hatte

ein vergöldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und anderm

Konfekt, der ander aber einen göldnen Becher in Händen. Diese Engel

wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das

Fegfeuer so glücklich überstanden. Derohalben sollte ich nur begehren,

was mein Herz wünsche. Mich quälte der Durst, mich verlangete nur nach

einem Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereichet wurde. Es war

aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk.

Den andern Tag erwachte ich wiederum (dann sonst schliefe ich noch

heute), befand mich aber nicht mehr im Bette noch im vorigen Saal,

sondern in meinem Gänskerker und überdas trug ich ein Kleid von

Kalbsfellen, daran das rauhe Teil nach auswendig gekehrt war. Die Hosen

waren auf polnisch oder schwäbisch, der Wams auf närrisch gemacht.

Oben am Hals stund eine Kappe wie eine Mönchsgugel, die war mir über

den Kopf gestreift und mit einem Paar großer Eselsohren gezieret. Ich

mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich an Nest und Federn sahe,

was ich vor ein Vogel sein sollte. Ich bedachte mich aufs beste und

satzte mir vor, mich so närrisch zu stellen, als mir immer müglich sei,

darneben mit Geduld zu verharren.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 25 / 78 题