Als der ~Commissarius~ wieder weg war, ließ mich der Pfarrer heimlich
zu sich in sein Losament kommen und sagte:
»O ~Simplici~, deine Jugend dauert mich und deine Unglückseligkeit
bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind, dein Herr ist entschlossen,
dich aller Vernunft zu berauben und dich zum Narren zu machen, maßen
er bereits ein Kleid vor dich anfertigen läßt. Morgen mußt du in
die Schule, darin du deine Vernunft verlernen sollst. Man wird dich
ohn Zweifel so greulich trillen, daß du ein Phantast werden mußt,
wenn anderst Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern. Um
deines Einsiedlers Frömmigkeit und deiner eigenen Unschuld willen sei
dir mit Rat und notwendigen guten Arzneien beigesprungen. Folge nun
meiner Lehre: Nimm dieses Pulver ein, welches dir Hirn und Gedächtnus
dermaßen stärken wird, daß du, unverletzt deines Verstandes, alles
leicht überwinden magst. Auch schmiere dir mit diesem Balsam Schläfen,
Wirbel und Genick samt den Naslöchern. Beides brauch auf den Abend,
sintemal du keiner Stunde sicher sein wirst. Wann man dich in dieser
verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, stelle
dich jedoch, als wenn du alles glaubtest. Wenn du aber das Narrenkleid
anhaben wirst, so komme wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerem
Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott bitten, daß er deinen Verstand
und Gesundheit erhalten wolle.«
Wie der Pfarrer gesagt, also ging es: Im ersten Schlaf kamen vier Kerl
in schröcklichen Teufelslarven, die sprungen herum wie Gaukler. Einer
hatte einen glühenden Hacken, der andere eine Fackel. Zween aber
wischten über mich her, zogen mich aus dem Bette, tanzten mit mir hin
und her, zwangen mir meine Kleider an Leib. Ich aber verführete ein
jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerforchtsamsten Gebärden
erscheinen. Hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einem Handtuch und
führeten mich unterschiedliche Umwege, viel Stiegen auf und ab und
endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte. Sie banden
das Handtuch ab und fingen an, mir mit spanischem Wein und Malvasier
zuzutrinken. Ich stellet mich mit allem Fleiß, als wäre ich nun
gestorben und im Abgrund der Hölle.
»Sauf zu! Willtu nicht ein guter Gesell sein, so mußt du in
gegenwärtiges Feuer!«
Die armen Teufeln wollten ihre Sprache und Stimme verquanten, damit
ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines
Herrn Fourierschützen waren. So trank ich mein Teil, sie aber soffen,
weil derlei himmlischer ~Nectar~ selten an solche Gesellen kommt.
Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellete ich mich mit Hin- und
Hertorkeln, wie ichs gesehen hatte, und wollte endlich gar nicht mehr
saufen, sondern schlafen. Sie hingegen jagten und stießen mich mit
ihren Hacken, die sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken
des Kellers herum. Und wann ich in solcher Hatz niederfiel, so packten
sie mich auf, als wann sie mich ins Feuer werfen wollten. Also ging
mirs wie einem Falken, den man wacht. Ich hätte zwar Trunkenheit und
Schlafes halber ausgedauert, aber sie lösten einander ab. Drei Täge und
zwei Nächte habe ich in diesem raucherichten Keller zugebracht. Der
Kopf fing mir an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte.
Ich warf mich hin und stellet mich tot. Da legten sie mich in ein
Leinlach und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alles Eingeweide
samt der Seele hätte herausfahren mögen. Wovon ich meiner Sinne beraubt
ward und nicht weiß, was sie ferners mit mir gemacht haben.
Als ich zu mir selber kam befand ich mich in einem schönen Saal unter
den Händen dreier alter Weiber, die vor eine treffliche Arznei wider
die unsinnige Liebe hätten dienen mögen, so garstig waren sie. Ich
erkannte wohl, daß die eine unsere Schüsselwäscherin, die andern zwo
aber zweier Fourierschützen Weiber waren. Da stellete ich mich, als
wann ich mich nicht zu regen vermöchte, wie mich dann in Wahrheit auch
nicht tanzerte, als die ehrlichen Alten mich auszogen und mich wie ein
klein Kindlein säuberten. Doch tät mir solches trefflich sanft. Sie
bezeugten unter währender Arbeit große Geduld und Mitleiden, also daß
ich ihnen beinahe offenbaret hätte, wie gut mein Handel noch stünde.
Zum Glück gedachte ich: Nein, ~Simplici~, vertraue keinem alten Weibe!
-- Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich
Bette, darin ich ungewiegt entschlummerte. Meines Davorhaltens schliefe
ich in einem Satz länger als vierundzwenzig Stunden. Da ich erwachte
stunden zween schöne, geflügelte Knaben vorm Bette, welche mit weißen
Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, göldenen Ketten und
andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren. Einer hatte
ein vergöldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und anderm
Konfekt, der ander aber einen göldnen Becher in Händen. Diese Engel
wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das
Fegfeuer so glücklich überstanden. Derohalben sollte ich nur begehren,
was mein Herz wünsche. Mich quälte der Durst, mich verlangete nur nach
einem Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereichet wurde. Es war
aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk.
Den andern Tag erwachte ich wiederum (dann sonst schliefe ich noch
heute), befand mich aber nicht mehr im Bette noch im vorigen Saal,
sondern in meinem Gänskerker und überdas trug ich ein Kleid von
Kalbsfellen, daran das rauhe Teil nach auswendig gekehrt war. Die Hosen
waren auf polnisch oder schwäbisch, der Wams auf närrisch gemacht.
Oben am Hals stund eine Kappe wie eine Mönchsgugel, die war mir über
den Kopf gestreift und mit einem Paar großer Eselsohren gezieret. Ich
mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich an Nest und Federn sahe,
was ich vor ein Vogel sein sollte. Ich bedachte mich aufs beste und
satzte mir vor, mich so närrisch zu stellen, als mir immer müglich sei,
darneben mit Geduld zu verharren.