Das ander Kapitel

Indessen mußten die Diener hin und wider laufen, die gestrigen Gäste

zum Frühstück einzuholen, unter welchen der Pfarrer zeitlicher als

alle andern erscheinen mußte, weil mein Herr fürderst meinetwegen mit

ihm reden wollte, maßen man ihm berichtet, ich sei aus dem Gänsstall

ausgebrochen, indem ich ein Loch hinter dem Riegel mit dem Messer

geschnitten.

Er fragte ihn ernstlich, ob er mich vor witzig oder vor närrisch

hielte, ob ich so einfältig oder so boßhaftig sei, und erzählete ihm,

wie unehrbarlich ich mich gehalten, was teils von seinen Gästen übel

empfunden und aufgenommen werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit

Fleiß so angestellet worden, ~item~, daß ich nun in der Küchen umgehe

wie ein Junker, der nicht mehr aufwarten dörfe. Sein Lebtag sei ihm

kein solcher Possen widerfahren, als ich ihm in Gegenwart so vieler

ehrlicher Leute gerissen. Er wüßte nichts anders mit mir anzufangen,

als daß er mich lasse abprügeln und wieder vor den Teufel hinjagen.

Derweilen sammelten sich die Gäste. Der Pfarrer aber antwortete, wann

ihm der Gouverneur zuzuhören beliebte, so wolle er vom ~Simplicio~ eins

und anders erzählen, daraus dessen Unschuld zu ersehen sei und alle

ungleichen Gedanken benommen würden.

Inzwischen akkordierte der tolle Fähnrich aus dem Gänsstall mit mir in

der Küchen, und brachte mich durch Drohworte und einen Taler dahin, daß

ich versprach, reinen Mund zu halten.

Die Tafeln wurden gedeckt und mit Speisen und Leuten besetzt. Wermut-,

Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein mußte neben dem Hippokras

den Säufern ihre Köpfe und Mägen wieder begütigen, dann sie waren

schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erst Gespräch war von ihnen

selbsten: wie sie gestern einander so brav vollgesoffen ... mit

nichten! sie hätten allein gute »Räusche« gehabt, dann keiner säuft

sich mehr voll, sintemal die »Räusche« aufgekommen sind. Als sie aber

von ihren eigenen Torheiten zu reden und zu hören müde waren, mußte

der arme ~Simplicius~ herhalten. Der Gouverneur selbst erinnerte den

Pfarrer, die lustigen Sachen zu eröffnen.

Dieser bat zuvörderst, man wolle ihm nicht vor ungut halten, dafern er

Wörter reden müßte, die seiner geistlichen Person übel vermerkt werden

könnten. Fing darauf an zu erzählen, aus was natürlichen Ursachen ich

dem ~Secretario~ merkliche Unlust in seiner Kanzlei angerichtet, wie

ich sonach das Wahrsagen gelernet und solches schlimm erprobt, wie

seltsam mir das Tanzen vorgekommen sei und wie ich darüber in den

Gänsstall gelangt wäre. Solches brachte er in einer wohlanständigen Art

vor, daß sich die Gäste trefflich zerlachen mußten. Aber von dem, was

mir im Gänsstall begegnet, wollte er nichts sagen.

Hingegen fragte mich mein Herr, was ich vor so saubere Künste und

Lehren meinem Kameraden gegeben hätte. Ich antwortete: »Nichts«. »So

will ich dein Lehrgelt zahlen,« versprach mein Herr und ließ ihn darauf

über eine Futtertruhe spannen und allerdings karbaitschen.

Er wollte mich ferner meiner Einfalt wegen stimmen, ihn und seinen

Gästen mehr Lust zu machen, dann ich galt mit meinen närrischen

Einfällen selbigen Tags über allen Musikanten. Und er fragte, warum

ich die Stalltür erbrochen. Ich sagte: »Das mag jemand anders getan

haben.« -- »Wer?« -- »Das darf ich niemand sagen.« Mein Herr war aber

ein geschwinder Kopf und sahe wohl, wie man mich Lausen müßte. »Wer hat

dir solches verboten?« -- »Der tolle Fähnrich da.«

Ich merket an jedermanns Gelächter, daß ich mich gewaltig verhauen

haben mußte, und der tolle Fähnrich ward so rot wie eine glühende

Kohlen.

Darauf gebot mein Herr zu reden und fragte: »Was hat der tolle Fähnrich

bei dir im Gänsstall zu tun gehabt?« Ich antwortete: »Er brachte eine

Jungfer mit hinein.«

Darüber erhub sich bei allen Anwesenden ein solch Gelächter, daß mich

mein Herr nicht mehr hören, geschweige etwas weiters fragen konnte.

So brachten etliche mehr Possen auf die Bahn, sunderlich meine

einfältigen Straf- und Mahnreden, daß man schier denselben Imbiß von

nichts, als nur von mir zu reden und zu lachen hatte.

Und das verursachte einen allgemeinen Entschluß zu meinem Untergang:

man sollte mich nur tapfer agieren, so würde ich mit der Zeit einen

raren Narren abgeben, den man auch den größten Potentaten der Welt

verehren und mit dem man die Sterbenden zum Lachen bringen könnte. --

Wie man nun also schlampampte und wieder gut Geschirr machen wollte,

meldete die Wacht einen ~Commissarium~ an, der vor dem Tor sei. Das

eingehändiget Schreiben besagte, er wäre von den schwedischen Kronräten

abgeordnet, die Guarnison zu mustern und die Festung zu visitieren.

Solches versalzte allen Spaß und das Freudengelag verlummerte wie ein

Dudelsackzipfel, dem der Blast entgangen. Die Musikanten und Gäste

zerstoben wie Tabakrauch, der nur den Geruch hinter sich läßt. Mein

Herr trollete selbst mit dem Adjutanten, der den Schlüssel trug, samt

einem Ausschuß von der Tagwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den

Plackschmeißer, wie er ihn nannte, selbst einzulassen. Er wünschte, daß

ihm der Teufel den Hals in tausend Stücke bräche, ehe er in die Festung

käme.

Sobald er ihn aber eingelassen und auf der inneren Fallbrücke

bewillkommnete, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht

selbst den Steigbügel hielte, seine ~Devotion~ zu bezeugen, ja

die Ehrerbietung war augenblicklich zwischen beiden so groß, daß

der ~Commissarius~ abstieg und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein

Losament schritt. Da wollte ein jeder zur linken Hand gehen und mehr

dergleichen. Ach, gedachte ich, was vor ein Geist regiert die Menschen,

indem er je einen durch den andern zum Narren machet!

Wir näherten also der Hauptwache und die Schildwacht rufte ihr Wer-da,

wiewohl sie sahe, daß es mein Herr war. Dieser wollte nicht antworten,

sondern dem andern die Ehre lassen, daher stellet sich die Schildwacht

mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortete der

~Commissarius~: »Der Mann, ders Geld gibt.«

Wie wir bei der Schildwacht vorbeipassierten, und ich so hinten

nachzog, hörete ich den Posten brummen: »Ein Mann ders Geld gibt!

Verlogener Kund! Ein Schindhund, ders Geld nimmt, das bist! Daß dich

der Hagel erschlüge, eh du wieder aus der Stadt kommst!«

Also meinete ich, der fremde Herr mit der sammeten Mutzen müßte ein

Heiliger sein, weil nicht allein keine Flüche an ihm hafteten, sondern

dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehre, alles Liebe und alles Gute

erwiesen. Er ward noch diese Nacht fürstlich traktieret, blind

vollgesoffen und in ein herrlich Bette gelegt.

Folgenden Tags ging es bei der Musterung bunt über Eck her. Ich

einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen ~Commissarium~

zu betrügen. Daß ich ihm zu klein vor die Musketen erschiene,

staffieret man mich mit einem entlehnten Kleid und einer Trummel aus.

Mein Herr ließ in die Rolle meinen Namen einschreiben und nannte mich

~Simplicius Simplicissimus~.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 24 / 78 题