Das erste Kapitel

Drei ganzer Stunden, bis das ~praeludium veneris~ oder der ehrlich

Tanz geendet hatte, mußte ich im Gansstall sitzen bleiben, eh einer

herzuschlich und an dem Riegel anfing zu rappeln. Ich lausterte

scharf, der Kerl aber machte die Tür nicht allein auf, sondern wischte

auch ebenso geschwind hinein, als ich gern heraußen gewesen wäre,

und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher

gleichwie beim Tanz. Weil ich aber vielen seltsamen Abenteuern an

diesem Tag begegnet und mich darein ergeben hatte, fürderhin alles mit

Geduld und Stillschweigen zu ertragen, als schmiegte ich mich zu der

Tür mit Forcht und Zittern, das End erwartend. Gleich darauf erhub

sich zwischen diesen beiden ein Gelispel, woraus ich entnahm, daß

sich der eine Teil über den üblen Geruch des Ortes beklagte, hingegen

der ander Teil hinwiederum tröstete: »Gewißlich, schöne Dame, mir

ist, versichert, vom Herzen leid, daß uns, die Früchte der Liebe zu

genießen, vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird. Aber

ich kann darneben beteuern, daß mir Ihre holdselige Gegenwart diesen

verächtlichen Winkel anmutiger machet, als das lieblichste Paradeis

selbsten.«

Hierauf hörete ich küssen und vermerkte seltsame Posturen, wußte aber

nicht, was es bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still

wie eine Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhob

und der Gansstall zu krachen anfing, da wußte ich, das sein zwei von

denen wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten. In der Angst

ums Leben und dem Tode zu entfliehen, wischte ich aus der Tür mit

Mordiogeschrei, warf den Riegel zu und suchte das Haustor.

In meines Herren Quartier war alles still und schlafend, dahero dorfte

ich mich der Schildwache, die vorm Haus stund, nicht nähern, und es war

schon weit nach Mitternacht. So fiel mir ein, ich sollte meine Zuflucht

zu dem Pfarrer nehmen.

Dort kam ich so ungelegen, daß mich die Magd nur mit Unwillen einließ,

ihr Herr aber, der nunmehr fast ausgeschlafen hatte, an dem Gekeife

unser gewahr wurde. Er rief uns beide vor sich ans Bett und hieß mich

niederlegen, da er sahe, daß ich vor Nachtfrost und Müdigkeit ganz

erstarrt war. Ich erwarmet aber kaum, dann da es anfing zu tagen, so

stund der Pfarrer schon vorm Bette, zu vernehmen, wie meine Händel

beschaffen wären. Ich erzählte ihm alles und machte den Anfang bei

der Kunst, die mich mein Kamerad gelehret, und wie sie übel geraten.

Folgendes meldete ich, daß die Gäste, nachdem er hinweg gewesen, ganz

unsinnig wären worden, maßen mein Kamerad mir berichtet, sie wollten

dem Haus den Boden eintreten, ~item~ in was vor schröckliche Angst ich

darüber geraten und auf was Weise ich mich vorm Untergang erretten

gewollt, darüber aber in Gänsstall gesperret worden seie. Auch was

ich in denselben von den zweien, so mich wieder erlöst, vernommen und

welcher Gestalt ich sie wieder eingesperret hätte, berichtet ich dem

Pfarrer.

»~Simplici~,« meinte er, »deine Sachen stehen lausig. Du hattest einen

guten Handel, aber ich besorge, es sei verscherzt. Packe dich nur

geschwind aus dem Bette und trolle dich aus dem Haus, damit ich nicht

samt dir in deines Herren Ungnade komme, wann man dich bei mir findet.«

Also mußte ich zum ersten Mal erfahren, wie wohl einer bei männiglich

daran ist, wann er seines Herren Gunst hat, und wie scheel einer

angesehen wird, wann solche hinket.

In meines Herrn Quartier schlief alles noch steinhart bis auf den

Koch und ein paar Mägde; diese putzten das Zimmer, darin man gestern

gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlein wieder ein Frühstück

oder vielmehr einen Imbiß zu. Das Zimmer lag hin und wieder voller

zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, voll Unflat und großen Lachen

von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten

gleich sahe, darin man hat unterschiedliche Meere, Insuln und fußfeste

Länder vor Augen stellen wollen. Es stank viel übler als in meinem

Gänsstall. Derowegen machte ich mich in die Küchen, mit Forcht und

Zittern erwartend, was das Glück, wann mein Herr ausgeschlafen hätte,

ferners in mir würken wollte. Darneben betrachtete ich der Welt Torheit

und Unsinnigkeit, so daß ich damals meines Einsiedlers dörftig und

elend Leben vor glückselig schätzte und ihn und mich wieder in den

früheren Stand wünschte.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 23 / 78 题