Das vierzehnte Kapitel

Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten

Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil die Unsrigen das

feste Haus Braunfels ohn Verlust eines einzigen Mannes genommen. Da

mußte ich helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller

aufwarten.

Den ersten Tag ward mir ein großer, fetter Kalbskopf (von welchen man

saget, daß sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändigt.

Weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug

weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer

Anblick war. Und da mich der frische Geruch von der Speckbrühe und

aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen

Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser ward: ~in summa~ das Aug

lachte meine Augen, meine Nase und meine Zunge zugleich an und bat

gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungrigen Magen einverleiben.

Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte den

Begierden. Im Gang hub ich das Aug mit einem Löffel so meisterlich

heraus und schickte es ohn Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß

es auch niemand inne ward, bis das Essen auf den Tisch kam und mich

verriet. So mangelte eins von den allerbesten Gliedmaßen dem Kalbskopf.

Mein Herr wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen

einäugigen Kalbskopf aufzustellen wagte. Der Koch mußte vor die Tafel

und zuletzt kam das ~facit~ über den armen ~Simplicium~ heraus. Mein

Herr fragte mit einer schröcklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug

gekommen wäre. Geschwind zuckte ich mit meinem Löffel aus dem Sack,

gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man

wissen wollte, maßen ich das ander Aug in einem Hui verschlang.

»~Par dieu~,« sagte mein Herr, »dieser Akt schmäckt mir besser als zehn

Kälber!«

Etliche Possenreißer, Fuchsschwänzer und Tischräte lobten meine

kluge Erfindung, da ich beide Kalbsaugen zusammenlogiert, als eine

Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockener Resolution. Also

ich vor diesmal meiner verdieneten Strafe entging. Mein Herr aber

sagte, ich sollte ihm nicht wieder so kommen.

Bei dieser Mahlzeit trat man ganz christlich zur Tafel und sprach das

Tischgebet sehr still und andächtig. Solche Andacht kontinuierte,

solang als man mit den ersten Speisen zu tun hatte, als wann man

in einem Kapuziner-~Convent~ gesessen hätte. Aber kaum hatte jeder

drei- oder viermal »gesegnet Gott« gesagt, ward schon alles lauter.

Je länger, je höher erhub sich nach und nach eines jeden Stimme

ohnbeschreiblich.

Man brachte Gerichte, deswegen »Voressen« genannt, weil sie gewürzt

und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren, ~item~ Beiessen, weil

sie bei dem Trunk nicht übel schmeckten, allerhand französischer

~Potagen~ und spanischer ~Ollapotriden~ zu geschweigen, welche durch

tausendfältige Zubereitung und unzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert,

verdümmelt, vermummet, mixiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie

nach ihrer natürlichen Substanz unerkenntlich blieben. Wer weiß, ob die

Zauberin ~Circe~ andere Mittel gebraucht hat, des Ulisses Gefährten in

Schweine zu verwandeln? Dann die Gäste fraßen die Gerichte wie Säue,

darauf soffen sie wie Kühe, stellten sich dabei wie Esel und spien wie

die Gerberhunde.

Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie in

kübelmäßigen Gläsern hinunter und brachten einander Trünke zu, die je

länger, je größer wurden, als ob sie um die Wette miteinander stritten.

Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, nachdem

aber Mägen und Köpfe voll und toll wurden, mußten bei einem Courage,

beim andern Treuherzigkeit, seinem Freunde eins zuzubringen, beim

dritten die deutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun, den Trunk

fördern. Maßen aber solches der Länge nach auch nicht bestehen konnte,

beschwur je einer den andern bei großer Herren, lieber Freunde oder bei

der Liebsten Gesundheit den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber

manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach, doch mußte

es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und

Saitenspiel ein Lärmen und schoß mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum,

dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte.

Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei. Ich trat zu ihm und sagte:

»Warum tun die Leute so seltsam? Woher kommt es doch, daß sie so hin

und her dorkeln? Mich dünkt schier, sie sein nicht recht witzig, sie

haben sich alle sattgegessen und getrunken, daß sie schwören bei

Teufelholen, wann sie mehr saufen könnten, und dannoch hören sie nicht

auf sich auszuschoppen! Müssen sie es tun?«

Der Pfarrer flüsterte mir zu: »Liebes Kind, Wein ein, Witz aus. Das ist

noch nichts demgegenüber, was noch kommen soll.«

»Zerbersten dann ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmäßig

einschieben? Können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in

solchen Mastschweinkörpern verharren?«

»Halts Maul,« antwortete der Pfarrer, »du dörftest sonst greulich

Pumpes kriegen. Hier ist keine Zeit zu predigen, ich wollt's sonst

besser als du verrichten.«

Ich sahe ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig

verderbte, unangesehen des armen Lazarus, den man damit hätte laben

können in Gestalt vieler vertriebener Flüchtlinge, denen der Hunger aus

den Augen heraus guckte und die vor unsern Türen verschmachteten.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 20 / 78 题