Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten
Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil die Unsrigen das
feste Haus Braunfels ohn Verlust eines einzigen Mannes genommen. Da
mußte ich helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller
aufwarten.
Den ersten Tag ward mir ein großer, fetter Kalbskopf (von welchen man
saget, daß sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändigt.
Weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug
weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer
Anblick war. Und da mich der frische Geruch von der Speckbrühe und
aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen
Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser ward: ~in summa~ das Aug
lachte meine Augen, meine Nase und meine Zunge zugleich an und bat
gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungrigen Magen einverleiben.
Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte den
Begierden. Im Gang hub ich das Aug mit einem Löffel so meisterlich
heraus und schickte es ohn Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß
es auch niemand inne ward, bis das Essen auf den Tisch kam und mich
verriet. So mangelte eins von den allerbesten Gliedmaßen dem Kalbskopf.
Mein Herr wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen
einäugigen Kalbskopf aufzustellen wagte. Der Koch mußte vor die Tafel
und zuletzt kam das ~facit~ über den armen ~Simplicium~ heraus. Mein
Herr fragte mit einer schröcklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug
gekommen wäre. Geschwind zuckte ich mit meinem Löffel aus dem Sack,
gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man
wissen wollte, maßen ich das ander Aug in einem Hui verschlang.
»~Par dieu~,« sagte mein Herr, »dieser Akt schmäckt mir besser als zehn
Kälber!«
Etliche Possenreißer, Fuchsschwänzer und Tischräte lobten meine
kluge Erfindung, da ich beide Kalbsaugen zusammenlogiert, als eine
Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockener Resolution. Also
ich vor diesmal meiner verdieneten Strafe entging. Mein Herr aber
sagte, ich sollte ihm nicht wieder so kommen.
Bei dieser Mahlzeit trat man ganz christlich zur Tafel und sprach das
Tischgebet sehr still und andächtig. Solche Andacht kontinuierte,
solang als man mit den ersten Speisen zu tun hatte, als wann man
in einem Kapuziner-~Convent~ gesessen hätte. Aber kaum hatte jeder
drei- oder viermal »gesegnet Gott« gesagt, ward schon alles lauter.
Je länger, je höher erhub sich nach und nach eines jeden Stimme
ohnbeschreiblich.
Man brachte Gerichte, deswegen »Voressen« genannt, weil sie gewürzt
und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren, ~item~ Beiessen, weil
sie bei dem Trunk nicht übel schmeckten, allerhand französischer
~Potagen~ und spanischer ~Ollapotriden~ zu geschweigen, welche durch
tausendfältige Zubereitung und unzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert,
verdümmelt, vermummet, mixiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie
nach ihrer natürlichen Substanz unerkenntlich blieben. Wer weiß, ob die
Zauberin ~Circe~ andere Mittel gebraucht hat, des Ulisses Gefährten in
Schweine zu verwandeln? Dann die Gäste fraßen die Gerichte wie Säue,
darauf soffen sie wie Kühe, stellten sich dabei wie Esel und spien wie
die Gerberhunde.
Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie in
kübelmäßigen Gläsern hinunter und brachten einander Trünke zu, die je
länger, je größer wurden, als ob sie um die Wette miteinander stritten.
Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, nachdem
aber Mägen und Köpfe voll und toll wurden, mußten bei einem Courage,
beim andern Treuherzigkeit, seinem Freunde eins zuzubringen, beim
dritten die deutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun, den Trunk
fördern. Maßen aber solches der Länge nach auch nicht bestehen konnte,
beschwur je einer den andern bei großer Herren, lieber Freunde oder bei
der Liebsten Gesundheit den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber
manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach, doch mußte
es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und
Saitenspiel ein Lärmen und schoß mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum,
dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte.
Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei. Ich trat zu ihm und sagte:
»Warum tun die Leute so seltsam? Woher kommt es doch, daß sie so hin
und her dorkeln? Mich dünkt schier, sie sein nicht recht witzig, sie
haben sich alle sattgegessen und getrunken, daß sie schwören bei
Teufelholen, wann sie mehr saufen könnten, und dannoch hören sie nicht
auf sich auszuschoppen! Müssen sie es tun?«
Der Pfarrer flüsterte mir zu: »Liebes Kind, Wein ein, Witz aus. Das ist
noch nichts demgegenüber, was noch kommen soll.«
»Zerbersten dann ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmäßig
einschieben? Können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in
solchen Mastschweinkörpern verharren?«
»Halts Maul,« antwortete der Pfarrer, »du dörftest sonst greulich
Pumpes kriegen. Hier ist keine Zeit zu predigen, ich wollt's sonst
besser als du verrichten.«
Ich sahe ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig
verderbte, unangesehen des armen Lazarus, den man damit hätte laben
können in Gestalt vieler vertriebener Flüchtlinge, denen der Hunger aus
den Augen heraus guckte und die vor unsern Türen verschmachteten.