Das dreizehnte Kapitel

Meines Herren Gunst mehrete sich täglich, weil ich nicht allein seiner

Schwester je länger, je gleicher sahe, sondern auch ihm selbsten,

indem die guten Speisen und faulen Täge mich glatthärig machten. Wer

etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, erzeigte sich mir günstig,

und sonderlich mochte mich der ~Secretarius~ wohl leiden, indem mir

derselbe rechnen lernen mußte.

Er war erst von den Studien gekommen und stak noch voller Schulpossen,

die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben, als wann er einen Sparren zu viel

oder zu wenig gehabt hätte. Er überredete mich oft, schwarz sei weiß

und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der Erste alles und

aufs letzte gar nichts mehr glaubte.

Einsmals tadelte ich sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortete

solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, dann daraus lange

er hervor, was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider und ~in

summa~, was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt. Ich

wollte das von einem so kleinen, verächtlichen Ding nicht glauben.

Hingegen sagte er, solches Vermöge der ~spiritus papyri~ (also nannte

er die Tinte) und das Tintenfaß würde darum Faß genannt, weil es große

Dinge fasse.

»Wie soll mans herausbringen, sintemal man kaum zween Finger

hineinstecken kann?«

Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten

müsse und verhoffe sich bald auch eine schöne, reiche Jungfrau

herauszulangen. Wann er Glück hätte, so getraue er auch ein eigen Land

und Leute heraus zu bringen.

Ich mußte mich über diese künstlichen Griffe verwundern und fragte, ob

noch mehr Leute solche Kunst könnten.

»Freilich, alle Kanzler, Doktoren, ~Secretarii~, Prokuratoren oder

Advokaten, ~Commissarii~, ~Notarii~, Kauf- und Handelsherren, so, wann

sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.«

Ich meinte so seien die Bauren und andere arbeitsame Leute nicht

witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot essen und diese

Kunst nicht auch lernen. Er aber sagte: »Etliche wissen der Kunst

Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche

wolltens gern, mangeln aber des Arms im Kopfe oder anderer Mittel;

etliche lernen die Kunst und haben Arms genug, wissen aber die Griffe

nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden;

andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie wohnen aber in

der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst zu üben.«

Als wir dergestalt vom Tintenfaß diskurierten, kam mir das Titularbuch

ungefähr in die Hände, darin fand ich mehr Torheiten, als mir bisher

noch nie vor Augen gekommen.

Ich rief: »Alles sind ja Adamskinder und eines Gemächts miteinander,

Staub und Aschen, woher kommt ein so großer Unterschied? Allerheiligst,

Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche

Eigenschaften? _Der_ ist gnädig, der ander gestreng und was tut das

Geboren dabei? _Die_ heißen Hoch-, Wohl-, Vor-Großgeachte! Was ist das

vor ein närrisch Wort: Vorsichtig! Wem stehen dann die Augen hinten

im Kopf? Es ist viel rühmlicher, wann einer freundlich tituliert

wird. ~Item~ wann das Wort Edel an sich selbsten hochschätzbare

Tugenden bedeutet, warum es bei Fürsten und Grafen zwischen hoch und

geboren setzen? Und Wohlgeboren ist eine Lüge, solches möchte eines

jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es ihr bei der

Entbindung ergangen sei.«

Der ~Secretarius~ und ich lacheten gar sehr. Indem entrann mir ein

so grausamer Leibsdunst, daß beide ich und der ~Secretarius~ darüber

erschraken.

»Trolle dich, du Sau,« sagte er, »zu den andern Säuen im Stall, mit

denen, du Rülp, besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren

kannst!«

Und also hatte ich den guten Handel in der Schreibstube, dem gemeinen

Sprüchwort nach, auf einmal verkerbt.

Ich kam unschuldig in das Unglück, dann die ungewöhnlichen Speisen und

Arzneien, die mein eingeschnurrtes Gedärm zurecht bringen sollten,

erregten viel garstige Wetter und Stürm in mir, maßen weder mein

Einsiedel noch mein Knän mich unterrichtet, daß es übel getan sei, wann

man dies Orts der Natur willfahre.

Mein Herr hatte nun einen ausgestochenen Essig zum Pagen neben mir,

dem schenkte ich mein Herz. Aber er eiferte mit mir, wegen der

großen Gunst, die mein Herr zu mir trug. Er besorgte, ich möchte ihm

vielleicht die Schuhe gar austreten und sahe mich heimlich mit Mißgunst

an. Er sann auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen möge und mich zu

Fall brächte. Ich aber vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, so alle

auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestunden.

Einsmals schwätzten wir im Bett vom Wahrsagen, und er versprach mir

solches umsonst zu lernen. Hieße mich darauf den Kopf unter die Decke

tun. Ich gehorchte fleißig und gab auf die Ankunft des Wahrsagegeistes

genaue Achtung. Potz Glück! Desselben Einzug in meine Nase war so

stark, daß ich eilends unter der Decke herfürwischte.

»Was hast du,« fragte der Lehrmeister. Ich antwortete ihm. Da meinte

er: »Du kannst also die Kunst des Wahrsagens am besten.«

Ich nahms vor keinen Schimpf, dann ich hatte damals noch keine Galle

und begehrte allein zu wissen, wie ihm dies so stillschweigend gelungen

sei. Er antwortete: »Du darfst nur das linke Bein lupfen und darneben

heimlich sagen: ~je pete, je pete, je pete~ und mithin so stark

gedruckt, als du kannst.«

»Es ist gut,« sagte ich, »man meinet sodann, die Hunde haben die Luft

verfälscht. Ach, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstube

gewußt!«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 19 / 78 题