Als ich dergestalt mit einem Teller vor der Tafel aufwartete, und mein
Gemüt von merklichen Gedanken geplagt ward, ließ mich auch mein Bauch
nicht zufrieden. Er knurrte und murrte ohn Unterlaß. Ich gedachte dem
ungeheuern Gerümpel abzuhelfen und mich dabei meiner neuerlernten Kunst
zu bedienen. Lupfete also das Bein, druckte von allen Kräften, was ich
konnte, und wollte heimlich meinen Spruch: ~je pete~ -- sagen, aber
das ungeheuere Gespann entwischte wider mein Verhoffen mit greulichem
Bellen. Mir wars einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am
Galgen gestanden wäre und mir der Henker bereits den Strick hätte
anlegen wollen. In solcher gählingen Angst verwirrt, wurde mein Maul
in diesem urplötzlichen Lärmen rebellisch, und wo es heimlich brummeln
sollte, entfuhr ihm desto grausamer mit erschröcklicher Stimme sein:
~je pete~.
Hiedurch bekam ich Linderung, dagegen einen ungnädigen Herrn an meinem
Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem unversehenen Knall fast
wieder alle nüchtern, ich aber über die Futtertruhe gespannt und also
gepeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches
waren die ersten Pastonaden, die ich kriegte.
Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre
Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor,
aber die besten ~Aromata~ wollten schier nichts erklecken.
Wie dies nun überstanden, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein
Pfarrer war auch noch vorhanden und ward zum Trunk genötiget. Er aber
wollte nicht recht daran und sagte, er möchte so viehisch nicht saufen.
Hingegen erwiese ihm ein guter Zechbruder, daß er wie ein Viehe, sie
aber, die andern, wie Menschen söffen.
»Dann eine Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmäcket und den
Durst löschet, weil es nicht weiß, was gut ist. Uns Menschen aber
beliebt, daß wir uns den Trunk zu Nutz machen und den edlen Rebensaft
einschleichen lassen.«
»Sehr wohl,« sagte der Pfarrer, »es gebühret mir aber das rechte Maß zu
halten.«
»Wohl,« antwortete jener, »ein ehrlicher Mann hält Wort,« und ließ
einen mäßigen Becher einschenken, denselben den Pfarrer zuzuzotteln.
Der hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.
Als der Pfarrer abgeschafft war, ging es drunter und drüber. Es ließe
sich an, als wenn die Gasterei einzig Gelegenheit sein sollte, sich
gegen einander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu bringen
oder sonst einen Possen zu reißen. Wann dergestalt einer expediert
ward, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es:
»Nun ist es wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht. Jetzt ist
dirs eingetränkt!« Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte,
wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl
zu sein. Zuletzt dürmelten sie alle herum, als wann sie Bilsensamen
genossen hätten. Einer sang, der ander weinete, einer lachte, der
ander traurete, einer fluchte, der ander betete. Der schrie überlaut:
Courage! -- jener saß stille und friedlich. Einer wollte den Teufel
mit Raufhändeln bannen, ein anderer schlief, der dritte plauderte, daß
keiner ihm zuvorkommen konnte. Da erzählte einer von seiner lieblichen
Buhlerei, der ander von seinen erschröcklichen Kriegstaten. Etliche
redeten von der Kirchen und geistlichen Sachen, andere von Politik
und Reichshändeln. Teils liefen hin und wieder und konnten nirgends
bleiben, teils lagen und vermochten nicht den kleinsten Finger zu
regen. Etliche fraßen wie die Trescher, als hätten sie acht Tage Hunger
gelitten, andere wußten sich dessen zu entledigen, was sie den Tag
eingeschlungen hatten. ~In summa~ meine Kunst, darum ich so greulich
zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu rechnen war.
Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streithändel. Da warf
man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und
schlug mit Fäusten, Stühlen, Stuhlbeinen und Degen, daß endlich der
rote Saft über die Ohren lief. Aber mein Herr stillet den Handel.
Da nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute
samt den Frauenzimmern und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal
auch einer andern Torheit gewidmet war. Mein Herr ging ihnen nach und
ich folget ihm.
Ich sahe in dem Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell
untereinander herumhaspeln, daß es schier wimmelte. Sie hatten ein
solch Getrappel und Gejöhl, daß ich vermeinte, sie wären all rasend
worden, dann ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten
und Toben vorhaben möchten. Ihr Anblick kam mir grausam, förchterlich
und schröcklich vor, daß ich mich entsatzte. Mein Gott, dachte ich,
es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit befallen. Vielleicht möchten
es auch höllische Geister sein, welche dem ganzen menschlichen
Geschlecht durch solch Geläuf und Affenspiel spotteten. Als mein Herr
in den Hausflur kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut
eben auf, nur daß sie noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen und
ein Kratzens und Schuhschleifens auf dem Boden machten, als wollten
sie ihre Fußtapfen wieder austilgen. Am Schweiß, der ihnen über die
Gesichter floß, und an ihrem Geschnäuf konnte ich abnehmen, daß sie
sich stark zerarbeitet hatten.
Ich fragte dahero meinen Kameraden, der mir erst kürzlich wahrsagen
gelernet, was solche Wut bedeute. Der berichtete mir, daß die
Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt
einzutreten. »Warum vermeinst du wohl, daß sie sich sonst so tapfer
tummeln sollten,« sagte er zu mir. »Hast du nicht gesehen, wie sie die
Fenster vor Kurzweile schon ausgeschlagen?«
»Herr Gott, so müssen wir mit zugrunde gehen und samt ihnen Hals und
Bein brechen!«
»Ja,« sagte der Kamerad, »darauf ist's angesehen. Du wirst merken,
wann sie sich in Todesgefahr begeben, daß jeder eine hübsche Frau und
Jungfer erwischt, dann es pfleget denen Paaren, so also zusammenhaltend
fallen, nicht bald wehe zu geschehen.«
Mich überfiel eine solche Todesangst, daß ich nicht wußte, wo ich
bleiben sollte. Als aber die Musikanten sich noch darzu hören ließen
und jeder eine bei der Hand erdappte, ward mirs nicht anderst, als wenn
ich allbereits den Boden eingehen und mir und den andern die Hälse
brechen sähe. Sie fingen an zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil
man eben einen drollichten Gassenhauer aufmachte; ich vermeinte im
Todesschröcken das Haus fiele urplötzlich ein. Derowegen erwischte ich
in der allerhöchsten Not eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen
Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim
Arm wie ein Bär und hielte sie wie eine Klette. Da sie aber zuckte,
spielte ich den ~Desperat~ und fing aus Verzweiflung an zu schreien.
Die Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen hörten
auf und die ehrliche Dame, der ich am Arm hing, befand sich offendiert.
Darauf befahl mein Herr mich zu prügeln und hernach irgendhin
einzusperren, weil ich denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte.
Die Fourierschützen, so dies exequieren sollten, hatten Mitleiden mit
mir, entübrigten mich derohalben der Stöße und sperrten mich unter eine
Stiege in den Gänsstall.