Das fünfzehnte Kapitel

Als ich dergestalt mit einem Teller vor der Tafel aufwartete, und mein

Gemüt von merklichen Gedanken geplagt ward, ließ mich auch mein Bauch

nicht zufrieden. Er knurrte und murrte ohn Unterlaß. Ich gedachte dem

ungeheuern Gerümpel abzuhelfen und mich dabei meiner neuerlernten Kunst

zu bedienen. Lupfete also das Bein, druckte von allen Kräften, was ich

konnte, und wollte heimlich meinen Spruch: ~je pete~ -- sagen, aber

das ungeheuere Gespann entwischte wider mein Verhoffen mit greulichem

Bellen. Mir wars einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am

Galgen gestanden wäre und mir der Henker bereits den Strick hätte

anlegen wollen. In solcher gählingen Angst verwirrt, wurde mein Maul

in diesem urplötzlichen Lärmen rebellisch, und wo es heimlich brummeln

sollte, entfuhr ihm desto grausamer mit erschröcklicher Stimme sein:

~je pete~.

Hiedurch bekam ich Linderung, dagegen einen ungnädigen Herrn an meinem

Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem unversehenen Knall fast

wieder alle nüchtern, ich aber über die Futtertruhe gespannt und also

gepeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches

waren die ersten Pastonaden, die ich kriegte.

Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre

Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor,

aber die besten ~Aromata~ wollten schier nichts erklecken.

Wie dies nun überstanden, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein

Pfarrer war auch noch vorhanden und ward zum Trunk genötiget. Er aber

wollte nicht recht daran und sagte, er möchte so viehisch nicht saufen.

Hingegen erwiese ihm ein guter Zechbruder, daß er wie ein Viehe, sie

aber, die andern, wie Menschen söffen.

»Dann eine Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmäcket und den

Durst löschet, weil es nicht weiß, was gut ist. Uns Menschen aber

beliebt, daß wir uns den Trunk zu Nutz machen und den edlen Rebensaft

einschleichen lassen.«

»Sehr wohl,« sagte der Pfarrer, »es gebühret mir aber das rechte Maß zu

halten.«

»Wohl,« antwortete jener, »ein ehrlicher Mann hält Wort,« und ließ

einen mäßigen Becher einschenken, denselben den Pfarrer zuzuzotteln.

Der hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.

Als der Pfarrer abgeschafft war, ging es drunter und drüber. Es ließe

sich an, als wenn die Gasterei einzig Gelegenheit sein sollte, sich

gegen einander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu bringen

oder sonst einen Possen zu reißen. Wann dergestalt einer expediert

ward, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es:

»Nun ist es wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht. Jetzt ist

dirs eingetränkt!« Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte,

wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl

zu sein. Zuletzt dürmelten sie alle herum, als wann sie Bilsensamen

genossen hätten. Einer sang, der ander weinete, einer lachte, der

ander traurete, einer fluchte, der ander betete. Der schrie überlaut:

Courage! -- jener saß stille und friedlich. Einer wollte den Teufel

mit Raufhändeln bannen, ein anderer schlief, der dritte plauderte, daß

keiner ihm zuvorkommen konnte. Da erzählte einer von seiner lieblichen

Buhlerei, der ander von seinen erschröcklichen Kriegstaten. Etliche

redeten von der Kirchen und geistlichen Sachen, andere von Politik

und Reichshändeln. Teils liefen hin und wieder und konnten nirgends

bleiben, teils lagen und vermochten nicht den kleinsten Finger zu

regen. Etliche fraßen wie die Trescher, als hätten sie acht Tage Hunger

gelitten, andere wußten sich dessen zu entledigen, was sie den Tag

eingeschlungen hatten. ~In summa~ meine Kunst, darum ich so greulich

zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu rechnen war.

Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streithändel. Da warf

man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und

schlug mit Fäusten, Stühlen, Stuhlbeinen und Degen, daß endlich der

rote Saft über die Ohren lief. Aber mein Herr stillet den Handel.

Da nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute

samt den Frauenzimmern und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal

auch einer andern Torheit gewidmet war. Mein Herr ging ihnen nach und

ich folget ihm.

Ich sahe in dem Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell

untereinander herumhaspeln, daß es schier wimmelte. Sie hatten ein

solch Getrappel und Gejöhl, daß ich vermeinte, sie wären all rasend

worden, dann ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten

und Toben vorhaben möchten. Ihr Anblick kam mir grausam, förchterlich

und schröcklich vor, daß ich mich entsatzte. Mein Gott, dachte ich,

es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit befallen. Vielleicht möchten

es auch höllische Geister sein, welche dem ganzen menschlichen

Geschlecht durch solch Geläuf und Affenspiel spotteten. Als mein Herr

in den Hausflur kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut

eben auf, nur daß sie noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen und

ein Kratzens und Schuhschleifens auf dem Boden machten, als wollten

sie ihre Fußtapfen wieder austilgen. Am Schweiß, der ihnen über die

Gesichter floß, und an ihrem Geschnäuf konnte ich abnehmen, daß sie

sich stark zerarbeitet hatten.

Ich fragte dahero meinen Kameraden, der mir erst kürzlich wahrsagen

gelernet, was solche Wut bedeute. Der berichtete mir, daß die

Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt

einzutreten. »Warum vermeinst du wohl, daß sie sich sonst so tapfer

tummeln sollten,« sagte er zu mir. »Hast du nicht gesehen, wie sie die

Fenster vor Kurzweile schon ausgeschlagen?«

»Herr Gott, so müssen wir mit zugrunde gehen und samt ihnen Hals und

Bein brechen!«

»Ja,« sagte der Kamerad, »darauf ist's angesehen. Du wirst merken,

wann sie sich in Todesgefahr begeben, daß jeder eine hübsche Frau und

Jungfer erwischt, dann es pfleget denen Paaren, so also zusammenhaltend

fallen, nicht bald wehe zu geschehen.«

Mich überfiel eine solche Todesangst, daß ich nicht wußte, wo ich

bleiben sollte. Als aber die Musikanten sich noch darzu hören ließen

und jeder eine bei der Hand erdappte, ward mirs nicht anderst, als wenn

ich allbereits den Boden eingehen und mir und den andern die Hälse

brechen sähe. Sie fingen an zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil

man eben einen drollichten Gassenhauer aufmachte; ich vermeinte im

Todesschröcken das Haus fiele urplötzlich ein. Derowegen erwischte ich

in der allerhöchsten Not eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen

Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim

Arm wie ein Bär und hielte sie wie eine Klette. Da sie aber zuckte,

spielte ich den ~Desperat~ und fing aus Verzweiflung an zu schreien.

Die Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen hörten

auf und die ehrliche Dame, der ich am Arm hing, befand sich offendiert.

Darauf befahl mein Herr mich zu prügeln und hernach irgendhin

einzusperren, weil ich denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte.

Die Fourierschützen, so dies exequieren sollten, hatten Mitleiden mit

mir, entübrigten mich derohalben der Stöße und sperrten mich unter eine

Stiege in den Gänsstall.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 21 / 78 题