Das zwölfte Kapitel

Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich

kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen

gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich

begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr

Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und

Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen

derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger

ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen

Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder

nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken

in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles

Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.

Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren

Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche

Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten

sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher,

der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen

Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr

dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm

rächen möchte.«

»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein

eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers

überkommt!«

»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter, »ich bin darum kein

Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies

seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem

andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der

Eigentumsherr.«

Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen

Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet.

Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß

zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr

versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?«

Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen

geben?«

Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott

hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden

selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der

Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn

verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen

geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war,

welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher

sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus

dem ~Medico~ und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus

welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten

Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und

beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen

waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott

aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern,

Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene

Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in

etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er

demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der

Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer

Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem

greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte

mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott

gewesen.

Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin

schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als

ein ~Ecce-Homo~ wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es

die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine

papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter

in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren.

Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer

mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes ~Ecce-Homo~. Er aber

sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch

köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher ~Ecce-Homo~ manglen.

Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich

versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige,

dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.«

»Phantast,« rief er, »ich ~aestimiere~ die Rarität!«

So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre

Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde,

segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für

die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures

Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr

für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr

euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs?

Tun nicht die Zöllner also auch?’

Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi

nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.

Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr

Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern

und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu

teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich

höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen

Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den

continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher

Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose

Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute

und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und

sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren

Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann

die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl

gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.

Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle

geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen

auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und

versatzte dem Täter eins vor den Kopf.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 17 / 78 题