Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich
kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen
gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich
begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr
Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und
Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen
derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger
ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen
Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder
nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken
in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles
Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren
Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche
Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten
sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher,
der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen
Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr
dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm
rächen möchte.«
»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein
eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers
überkommt!«
»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter, »ich bin darum kein
Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies
seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem
andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der
Eigentumsherr.«
Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen
Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet.
Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß
zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr
versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?«
Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen
geben?«
Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott
hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden
selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der
Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn
verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen
geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war,
welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher
sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus
dem ~Medico~ und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus
welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten
Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und
beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen
waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott
aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern,
Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene
Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in
etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er
demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der
Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer
Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem
greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte
mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott
gewesen.
Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin
schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als
ein ~Ecce-Homo~ wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es
die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine
papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter
in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren.
Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer
mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes ~Ecce-Homo~. Er aber
sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch
köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher ~Ecce-Homo~ manglen.
Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich
versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige,
dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.«
»Phantast,« rief er, »ich ~aestimiere~ die Rarität!«
So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre
Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde,
segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für
die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures
Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr
für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr
euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs?
Tun nicht die Zöllner also auch?’
Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi
nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.
Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr
Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern
und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu
teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich
höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen
Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den
continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher
Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose
Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute
und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und
sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren
Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann
die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl
gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.
Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle
geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen
auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und
versatzte dem Täter eins vor den Kopf.