Das elfte Kapitel

Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt

und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider,

ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und

ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist

gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge

und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben

wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich

sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann

es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und

Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen

Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen

weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz

und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen

Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock,

auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu

beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu

hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und

änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen

hatte, wie ~Simplicius~ eins war. Alsdann dorfte allererst der

Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und

richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er

sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends

satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungerten

Leib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig,

da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem

Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön

ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten

noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen

Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein Herr

~Simplicius~ wie ein junger Graf zum besten ~accommodiert~. Ich glaube

schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust

empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör

ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan,

daneben mein Bildnus.

Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie

gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch,

daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut

war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte.

Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete.

Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu

meinem Pfarrer brachte. In dessen ~Museo~ satzten wir uns und er ließ

mich vernehmen:

»Lieber ~Simplici~, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und

bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein

des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein

Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu

erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an

Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welche beiden Tugenden man

zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und

widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen

Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und

hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem

erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. -- Ich will dir aber

auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben

gekommen sei.

Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren

worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit

meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir

wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die

vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten.

Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und

mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches

beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich

sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war

ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber

verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen

Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des

herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte,

er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein

zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine

verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er

nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte.

Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines

Trostes bedurfte. Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh.

Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte

und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau,

Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung

anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit

seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd,

geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich

wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben

zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein

Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit

seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit

denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden,

und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter

er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine

Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten

Conterfait trug vertauschen.

Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich

hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten

Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm

ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden

Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber

der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich

angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter

war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt

hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf

und erzählte, wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht

glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte

ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich,

indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in

deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden.

Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du

darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.«

Ich antwortete, es gälte mir gleich.

Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit

mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein

könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme

Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger

Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen

Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben

nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er

neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber

wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister

anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins

Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die

Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine

Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu

halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes

Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil

ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine

Beständigkeit und unveränderlichen Willen. ~In summa~ er konnte nicht

genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicher

Inbrünstigkeit kurz vor seinem Tod ~rekommendieret~.

Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte

schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem

Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager

nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,«

antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber

zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so

kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und

festen Vorsatz verwundern muß.«

Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden

die Augen voll Wasser, da er sagte:

»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider

Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern

können. Als will ich anstatt seiner seinen ~Simplicium~ versorgen.

Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere

Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter

im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil

geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren,

als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen

sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.«

Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute,

sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 16 / 78 题