Das neunte Kapitel

In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem

hungrigen Magen.

Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf

jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste

allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere

Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen,

lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber

war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils

Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum

seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel

der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren

Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume

saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie

dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber

nicht herfürwollte, striegelten sie die ~Commissarii~ mit Besen, die

man militarische ~Execution~ nennet, daß ihnen die Seufzer aus dem

Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark

aus den Beinen herausging.

Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit,

diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach

gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch

trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche

Last der Wurzel.

Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,

Arbeit und Armut, wie es fällt,

Gewalttat, Ungerechtigkeit

Treiben die Landsknecht allezeit.

Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und

spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet

werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden,

förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder

jämmerlich leiden, ~in summa~ nur verderben, beschädigen und verderbt,

beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter

und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben,

Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr

ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch

des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig

fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen

und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche

wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und

gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben.

Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit

höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen

etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die

Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie

fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf

und gaben den Musketierern Baumöl.

Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz, ein glatt Stück ohne Äste

mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann

vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert

als ein stählerner Spiegel.

Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern

hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia

nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto

besser saßen sie.

Wann ein ~Commissarius~ daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum

abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel

wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers

zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches

Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der

Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im

verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu

braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt

der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme

Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen,

so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden.

Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu

schmälen. Aber Adelhold sagte:

»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde

Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob

nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret

werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem

Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen?

Ein rechtschaffener Edelmann, eh er seinem Geschlecht durch Untreue,

Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh

würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter

Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche

Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu

kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also

strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht

fein:

Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,

Als wann der Baur zum Herren wird.

Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein

alter Löw.«

Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann

er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel

hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder

nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er

keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch

Wohlverhalten ein General zu werden.

Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch laben

Mit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt.

Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt.

Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.

Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel

verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen

gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken

hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancher

~Nobilist~, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet

manch wackerer Soldat unter seiner Muskete, der billiger ein Regiment

meritierte.«

Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen

Soldaten prügelte wie die Hunde.

Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll

und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten

die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und

mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der

Kriegsgott ~Mars~ und bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam.

Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und

Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme:

Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,

Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:

Durch innerlichen Krieg und brüderlichen Streit

Wird alles umgekehrt und folget lauter Leid.

Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner

Hütte.

Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen

sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und

hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit

weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein

Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte.

‚Lieber ~Simplici~, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald

aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten.

Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du

bestehen mögen. ~Vale~!’

Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend

Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag

kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben,

welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen

verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam

eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 13 / 78 题