In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem
hungrigen Magen.
Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf
jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste
allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere
Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen,
lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber
war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils
Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum
seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel
der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren
Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume
saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie
dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber
nicht herfürwollte, striegelten sie die ~Commissarii~ mit Besen, die
man militarische ~Execution~ nennet, daß ihnen die Seufzer aus dem
Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark
aus den Beinen herausging.
Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit,
diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach
gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch
trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche
Last der Wurzel.
Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,
Arbeit und Armut, wie es fällt,
Gewalttat, Ungerechtigkeit
Treiben die Landsknecht allezeit.
Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und
spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet
werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden,
förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder
jämmerlich leiden, ~in summa~ nur verderben, beschädigen und verderbt,
beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter
und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben,
Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr
ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch
des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig
fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen
und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche
wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und
gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben.
Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit
höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen
etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die
Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie
fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf
und gaben den Musketierern Baumöl.
Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz, ein glatt Stück ohne Äste
mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann
vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert
als ein stählerner Spiegel.
Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern
hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia
nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto
besser saßen sie.
Wann ein ~Commissarius~ daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum
abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel
wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers
zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches
Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der
Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im
verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu
braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt
der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme
Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen,
so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden.
Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu
schmälen. Aber Adelhold sagte:
»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde
Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob
nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret
werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem
Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen?
Ein rechtschaffener Edelmann, eh er seinem Geschlecht durch Untreue,
Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh
würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter
Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche
Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu
kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also
strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht
fein:
Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,
Als wann der Baur zum Herren wird.
Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein
alter Löw.«
Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann
er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel
hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder
nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er
keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch
Wohlverhalten ein General zu werden.
Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch laben
Mit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt.
Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt.
Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.
Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel
verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen
gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken
hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancher
~Nobilist~, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet
manch wackerer Soldat unter seiner Muskete, der billiger ein Regiment
meritierte.«
Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen
Soldaten prügelte wie die Hunde.
Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll
und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten
die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und
mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der
Kriegsgott ~Mars~ und bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam.
Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und
Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme:
Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,
Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:
Durch innerlichen Krieg und brüderlichen Streit
Wird alles umgekehrt und folget lauter Leid.
Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner
Hütte.
Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen
sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und
hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit
weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein
Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte.
‚Lieber ~Simplici~, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald
aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten.
Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du
bestehen mögen. ~Vale~!’
Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend
Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag
kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben,
welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen
verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam
eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen.