Über etliche Tage verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und begehrte
Rat von ihm. Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Walde
zu verbleiben, bin ich doch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen
getreten, maßen ich den ganzen Sommer tät, was ein frommer Einsiedel
tun soll. Aber gleichwie die Zeit alles ändert, so verringerte sich
auch nach und nach mein Leid, und die scharfe Winterkälte löschte die
innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Jemehr ich
anfing zu wanken, je träger ward ich in meinem Gebet und ich ließ
mich die Begierde überherrschen, die Welt auch zu beschauen. Demnach
gedachte ich wieder zu dem Pfarrer zu gehen und machte mich seinem Dorf
zu, fand es aber in voller Flamme stehen, dann es eben eine Partei
Reuter ausgeplündert und angezündet hatte. Die Bauren waren teils
niedergemacht, viel verjaget und etliche gefangen, darunter auch der
Pfarrer war. Die Reuter ruckten eben wegfertig aus und führten den
Pfarrer an einem Strick daher. Unterschiedliche schrieen: Schieß den
Schelmen nieder! Andre wollten Geld von ihm. Er hub die Hände auf und
bat um des jüngsten Gerichtes willen um Verschonung und Barmherzigkeit.
Aber einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm gleich eins an
Kopf, davon er alle vier von sich streckte.
Indem kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als ob
man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fingen an so gräulich zu
schreien, so grimmig drein zu setzen und drauf zu schießen, daß mir
alle Haar zu Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen
Kirchweih gewesen, dann die spessarter Bauren lassen sich fürwahr so
wenig als andre auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus und
schlugen ihre ganze Beute in den Wind.
Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen,
dann meine Wildnus mir anmutiger erschiene. Der Pfarrer lag ganz matt,
schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er nun selbst auf
den Bettel geraten wäre, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts
zu getrösten. Zog demnach ganz traurig gegen den Wald, gedachte die
Wildnus nimmer zu verlassen und ob es nicht möglich wäre, daß ich ohn
Salz leben und also aller Menschen entbehren könnte. Mich zu bestärken
zog ich meines Einsiedels hinterlassen hären Hemd an und hing seine
Ketten über.
Den andern Tag als ich bei meiner Hütte saß und zugleich neben dem
Gebet gelbe Ruben zu meines Leibes Unterhaltung briet, umringten
mich an fünfzig Musketierer. Zwar sie ob meiner Person Seltsamkeit
erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütte, suchten, was
da nicht zu finden war, und warfen die Bücher durcheinander, weil
sie ihnen nichts taugten. Endlich sahen sie, als sie mich besser
betrachteten, an meinen Federn, was vor einen schlechten Vogel sie
gefangen hatten, und konnten leicht ihre Rechnung machen; doch
verwunderten sie sich über mein hartes Leben. Ja, der Offizierer ehrte
mich und begehrte gleichsam bittend, ich wolle ihm den Weg aus dem Wald
weisen. Ich widerte mich nicht und führte sie am nächsten Weg dem Dorf
zu.
Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr zehn Bauren, deren
ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber beschäftigt waren,
etwas einzugraben. Die Musketierer schrieen: Halt! Halt! Jene aber
antworteten mit den Rohren. Wie sie jedoch sahen, daß sie übermannet
waren, gingen sie schnell durch. Die müden Soldaten konnten keinen
ereilen, huben aber an auszugraben. Sie hatten wenig Streich getan, da
hörten sie eine Stimme von unten herauf:
»O, ihr Erzbösewichter, vermeinet ihr wohl, daß der Himmel euer
unchristliche Grausamkeit und Bubenstücke ungestraft hingehen lassen
werde? Nein, eure Unmenschlichkeit soll vergolten werden.«
Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie
tun sollten. Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst. Ich gedachte,
es träume mir. Ihr Offizier hieß sie tapfer zu graben.
Sie kamen auf ein Faß, schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der
weder Nasen noch Ohren mehr hatte, gleichwohl noch lebte. Sobald er
sich ein wenig ermunterte, erzählte er: Ihrer sechs seines Regiments,
so auf Fourage gewesen, seien von den Bauren ergriffen worden. Sie
hätten hintereinander stehen müssen, davon die ersten Fünf von einer
Kugel tot geschossen worden seien, ihn aber, den letzten, habe
die Kugel nicht mehr erlanget. Da hätten sie ihm Nase und Ohren
abgeschnitten, zuvor aber ihn gezwungen, daß er ihrer fünfen (~salva
venia~) den Hintern lecken müssen. Da er sich so gar geschmähet
gesehen, hätte er ihnen die allerunnützesten Worte gegeben, der
Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungeduld eine Kugel schenken,
aber vergebens. Nachdem er sie so erbittert, hätten sie ihn in
gegenwärtig Faß gesteckt und also lebendig begraben, sprechend: Weil er
des Todes so eifrig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht
willfahren.
Indem kam eine andre Partei Soldaten den Wald herauf, sie hatten
obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen, die andern
erschossen. Unter den gefangenen waren vier, denen der übel
zugerichtete Reuter zuvor so schandlich hatte zu Willen sein müssen.
Als nun beide Parteien erkannten einerlei Kriegsvolk zu sein, traten
sie zusammen.
Da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren getrillt
wurden. Etliche wollten sie zwar in der ersten Furi totschießen,
andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor
rechtschaffen quälen und ihnen eintränken, was sie diesem Reuter zu
tun geheißen.« Dahingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nichts
wert, dann wäre er kein Bernheuter gewesen, so hätte er allen redlichen
Soldaten zu Spott solch schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern
wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward beschlossen, daß ein
jeder von den sauber gemachten Bauren an zehn Soldaten wett mache,
was er von dem Reuter empfangen, und darzu sagen sollte: ‚Hiermit
lösche ich wieder aus und wische ab die Schande, die sich die Soldaten
einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bernheuter tat, wie ich ihnen
tue.’
Darauf schritten sie zur Sache, aber die Bauren waren so halsstarrig,
daß sie weder durch Verheißung des Lebens noch durch Marter dazu
gezwungen werden konnten.
Einer führete den fünften Bauren, an dem der Reuter nicht schandbar
geworden war, etwas beiseits und sagte zu ihm: »Wann du Gott und seine
Heiligen verläugnen wilt, werde ich dich dahin laufen lassen, wohin
du begehrest.« Der Bauer antwortete, er hätte sein Lebtag nichts auf
Heilige gehalten und auch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt.
Schwur darauf ~solenniter~, daß er Gott nicht kenne. Hierauf jagte ihm
der Soldat eine Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert,
als wann die an einen stählernen Berg gangen wäre. Also zuckte er seine
Plempe und rief:
»Holla, bist du solch ein Schelm! Ich habe versprochen, dich laufen
zu lassen, wohin du begehrest, so schicke ich dich nun ins höllische
Reich, weil du nicht in den Himmel wilt!«
Und spaltete ihm damit den Kopf bis an die Zähne.
Indessen banden die andern Soldaten die vier übrigen Bauren mit
Händen und Füßen an einen umgefallenen Baum so artlich, daß sie ihre
Posteriora gerad in die Höhe kehrten. Nachdem sie den Bauren die Hosen
abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpfe daran und
fidelten die armen Schelme also bis Haut und Fleisch ganz von dem Bein
hinweg war. Mich aber ließen sie nach meiner Hütte gehen.
Da ich wieder heim kam, befand ich, daß mein Feuerzeug und ganzer
Hausrat samt allem Vorrat an armseligen Speisen, die ich im Garten
erzogen und auf den künftigen Winter vor mein Maul gesparet hatte, mir
einander fort war. -- Wo nun hinaus?
Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen,
ohn Unterlaß im Sinn. Ich dachte nicht sowohl meiner Erhaltung nach als
der ~Antipathia~, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält. Ich
meinte, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, wilde
und zahme, weil sie einander so grausam verfolgten.