Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand
das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt.
Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin
und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber
bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir
ein erschröcklich ~Spectacul~. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in
die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen
kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die
herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht
gleich zween Musketierer, die mich in ihre ~Corps de Garde~ führten.
Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig
und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder
auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt,
noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer
natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des
Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht
herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil
meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann
ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der
Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten
Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich
die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End
herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten
und vorn, fein kreuzweis, wie man ~St. Wilhelmum~ zu malen pfleget,
umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und
vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften
in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf
spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte.
Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden
oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte,
der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem
magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines
großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch
unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten
an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers
tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht,
ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch:
zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein
Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und
Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger
satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht
geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar
Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann
eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich
verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib
zugleich.
Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei
mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete
geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so er mir zum
~Valete~ hinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor
ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte:
»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!«
»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann
heiß!«
Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck
konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu,
als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde.
Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich
weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine
Antwort war: »Ich weiß es nicht.« -- »Was Teufel weißt du dann? Was
ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« --
»Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es
nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder
Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen
pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen
eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte,
hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten
gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als
gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und
fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von
Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben.
»Warum eben auf birkenen Rinden?«
»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.«
»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.«
»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.«
»Wo, in welchem Wald?«
Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht.
Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben
aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und
indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß
des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben,
ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz
und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn
schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und
weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben
worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.«
So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor.
»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst
niemand verstehet. Wie heißt du?«
»~Simplicius~.«
»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an
Hand und Fuß in Eisen schließe!«
Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge,
dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit
Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug
an mir getragen.
Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und
Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen
elenden Zustand allererst grausam machten.
»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du
unglückseliger ~Simplici~! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit:
Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste
gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch,
du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu
tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner
gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«
Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da
war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt
einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet,
wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen,
was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O ~Simplici~,
bist du es!«