Das zehent Kapitel

Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand

das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt.

Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin

und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber

bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir

ein erschröcklich ~Spectacul~. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in

die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen

kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die

herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht

gleich zween Musketierer, die mich in ihre ~Corps de Garde~ führten.

Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig

und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder

auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt,

noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer

natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des

Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht

herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil

meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann

ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der

Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten

Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich

die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End

herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten

und vorn, fein kreuzweis, wie man ~St. Wilhelmum~ zu malen pfleget,

umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und

vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften

in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf

spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte.

Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden

oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte,

der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem

magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines

großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch

unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten

an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers

tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht,

ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch:

zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein

Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und

Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger

satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht

geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar

Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann

eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich

verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib

zugleich.

Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei

mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete

geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so er mir zum

~Valete~ hinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor

ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte:

»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!«

»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann

heiß!«

Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck

konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu,

als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde.

Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich

weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine

Antwort war: »Ich weiß es nicht.« -- »Was Teufel weißt du dann? Was

ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« --

»Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es

nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder

Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen

pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen

eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte,

hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten

gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als

gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und

fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von

Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben.

»Warum eben auf birkenen Rinden?«

»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.«

»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.«

»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.«

»Wo, in welchem Wald?«

Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht.

Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben

aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und

indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß

des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben,

ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz

und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn

schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und

weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben

worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.«

So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor.

»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst

niemand verstehet. Wie heißt du?«

»~Simplicius~.«

»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an

Hand und Fuß in Eisen schließe!«

Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge,

dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit

Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug

an mir getragen.

Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und

Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen

elenden Zustand allererst grausam machten.

»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du

unglückseliger ~Simplici~! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit:

Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste

gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch,

du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu

tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner

gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«

Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da

war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt

einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet,

wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen,

was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O ~Simplici~,

bist du es!«

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 14 / 78 题