Das sechste Kapitel

Ich futterte nach Notdurft, sonach mich der Einsiedel fortgehen hieß.

Da suchte ich meine allerzartesten Worte herfür, daß er mich bei sich

behielte, bis er beschloß meine verdrüßliche Gegenwart zu leiden, darum

daß er mich unterrichtete.

Ich hielt mich wohl, und er fand Gefallen an mir, da ich begierig seine

Unterweisungen hörete und die wachsweiche, und zwar noch glatte Tafel

meines Herzens seine Worte zu fassen sich geschickt erwies.

Er lernete mir vom Fall Luzifers und wie unsere ersten Eltern aus dem

Paradies verstoßen wurden, unterwies mich im Gesetz Moisis und den zehn

Geboten, kam also auf das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres

Heilands, zuletzt beschloß er mit dem jüngsten Tag. Sein Leben und sein

Reden waren mir eine immerwährende Predigt und ich gewann solche Liebe

zu seinem Unterricht, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte.

So lernte ich auch beten. Da ich aber in purer Einfalt verblieben, hat

mich der Einsiedel, weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt,

~SIMPLICIUS~ benannt.

Wir baueten vor mich eine Hütte gleich der seinen von Holz, Reisern

und Erde, fast formiert wie der Musketierer im Feld ihre Zelten, oder

besser zu sagen, wie die Bauren ihre Rubenlöcher decken, kaum daß ich

aufrecht darin sitzen konnte, so nieder. Mein Bett war von dürrem Laub

und Gras, ebensogroß als die Hütte selbst.

Als ich das erste Mal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich

mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und, meinem

Bedünken nach, sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sahe wohl die

Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redete,

und merkte doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch

zu tun hatte. Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches

beigelegt, machte ich mich darhinter, schlugs auf und bekam im ersten

Griff das erste Kapitel des Hiobs und die davor stehende Figur, so

ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war, in die Augen. Ich

fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort

widerfahren wollte, ward ich ungeduldig und sagte eben, als der

Einsiedel hinter mich schlich:

»Ihr kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? Habet ihr nicht

allererst mit meinem Vater lang genug schwätzen können? Ich sehe wohl,

daß ihr auch dem armen Knän da seine Schafe heim treibet und das Haus

angezündet habet. Halt! Halt! Ich will das Feuer noch wohl löschen!«

Damit stund ich auf, Wasser zu holen.

»Wohin, ~Simplici~?«

»Ei Vater, da sind auch Krieger, die haben Schafe und wollen sie

wegtreiben. Sie habens dem armen Mann da genommen, mit dem du erst

geredet hast. So brennet sein Haus auch schon lichterlohe und wird

verbrennen, wann ich nicht bald lösche.«

Und ich zeigte mit dem Finger, was ich sahe.

»Bleib nur, es ist noch keine Gefahr.«

»Bist du dann blind? Wehre du, daß sie die Schafe nicht forttreiben, so

will ich Wasser holen!«

»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst

geschehene Dinge vor Augen zu stellen.«

»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht

leben?«

Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen.

»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen

sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.«

Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus

denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich

in dein Gespräch mit ihnen richten?«

»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.«

Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem

Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich

besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem

Druck nachmalete. --

Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und

wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen,

ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken

wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir

Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge

aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war

uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider,

welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten

auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in

einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet

und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine

Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen

Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts,

dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an

Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete.

Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein

eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten.

Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel

noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser

Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten

wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute.

Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu

Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem

Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor

Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul

oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon

um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn

männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und

dem Gottesdienst abwarten konnten.

Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und

große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm

rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte

mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er

hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck

zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl

verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie die

~Orthographia~ selbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste

verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender

Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte

locken können.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 9 / 78 题