Das siebente Kapitel

Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische

Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm,

mir aber die Schaufel gab und mich an der Hand in unsern Garten führete.

»Nun, ~Simplici~, liebes Kind, dieweil gottlob die Zeit vorhanden,

daß ich aus der Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und

dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, so habe ich dich auf

dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum

Unterricht geben wollen, wie du dein irdisch Leben anstellen solltest,

damit du gewürdigt werdest das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich

zu schauen, zumalen ich deines Lebens künftige Begegnüsse beiläufig

sehe und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lange verharren

wirst.«

Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes

Erfindung die Stadt Villingen, und sie waren mir so unerträglich, daß

ich sie nicht ertragen konnte.

»Herzliebster Vater, willst du mich allein in diesem wilden Wald

verlassen?«

Mehrers vermochte ich nicht heraus zu bringen, dann meines Herzens

Qual ward aus überfließender Liebe, die ich zu meinem Vater trug,

also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank.

Er hingegen richtete mich auf, tröstete mich, so gut es Zeit und

Gelegenheit zuließ, und verwiese mich gleichsam fragend:

»Willst du der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben? Was unterstehst

du dich, meinem schwachen Leib, der nach Ruhe lechzet, aufzubürden?

Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren!«

Und er riete mir getreulich: »Anstatt deines unnützen Geschreies folge

meinen letzten Worten, welche seind, daß du dich je länger je mehr

selbst erkennen sollst. Dann daß die meisten Menschen verdammt werden,

ist Ursache, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen und was sie

werden müssen. Und hüt dich jederzeit vor böser Gesellschaft, dann

derselben Schädlichkeit ist unaussprechlich. Bleib standhaft vor allen

Dingen. Wer verharret bis ans Ende, der wird selig. So du aber aus

menschlicher Schwachheit fällst, dann stehe durch rechtschaffene Buße

geschwind wieder auf.«

Nachdem mir der sorgfältige, fromme Mann solches vorgehalten, hat er

mit seiner Haue angefangen, sein eigenes Grab zu machen. Ich half, so

gut ich konnte, wie er mir befahl.

»Mein lieber und wahrer, einziger Sohn, wann meine Seele an ihren Ort

gegangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte

Ehre. Scharre mich mit dieser Erde wieder zu, die wir anjetzo aus der

Grube graben.«

Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich küssend viel härter

an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene, hätte müglich

sein können.

»Liebes Kind, ich befehle dich in Gottes Schutz.«

Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen, ich hing mich

an seine Büßerketten und vermeinte ihn damit zu halten.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 10 / 78 题