Sang also auf ein Zeit ein Lied, das ich von meiner Mutter selbst
gelernet hatte:
Du sehr verachter Baurenstand
Bist doch der beste in dem Land,
Kein Mann dich gnugsam preisen kann,
Wann er dich nur recht siehet an.
Es ist fast alles unter dir,
Ja was die Erde bringt herfür,
Wovon ernähret wird das Land,
Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der Kaiser, den uns Gott gegeben,
Uns zu beschützen, muß doch leben
Von deiner Hand, auch der Soldat,
Der dir doch zufügt manchen Schad.
Die Erde wär ganz wild durchaus,
Wann du auf ihr nicht hieltest Haus.
Ganz traurig auf der Welt es stünd,
Wann man kein Bauersmann mehr fünd.
Vom bitterbößen Podagram
Hört man nicht, daß an Bauren kam,
Das doch den Adel bringt in Not
Und manchen Reichen gar in Tod.
Der Hoffart bist du sehr gefeit,
Absonderlich zu dieser Zeit.
Und daß sie auch nicht sei dein Herr,
So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.
Ja der Soldaten böser Brauch
Dient gleichwohl dir zum Besten auch,
Daß Hochmut dich nicht nehme ein
Sagt er: dein Hab und Gut ist mein.
Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward
im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben,
die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren
zurecht gebracht worden.
Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen
und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine
einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe
sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm
auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab
und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als
wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder
zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte
dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen
hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß
ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde.
Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich,
sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs
eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig
um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns
willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt
unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste
nicht erwarten.
Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich
und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte
ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die
Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen.
Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im
übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit
barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen,
mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.
Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernach hatte jeglicher
seine sonderliche Verrichtung, und jede war lauter Untergang und
Verderben. Dann obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und
zu braten, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren
hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das
heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fließ
darin verborgen. Andere packten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen,
als wollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie aber nicht
mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etliche durchstachen Heu
und Stroh mit ihren Degen, andere schütteten die Federn aus den
Bettzüchen und füllten hingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gerät
hinein, als seie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugen Öfen
und Fensterläden ein, gleich als hätten sie einen ewigen Sommer zu
verkünden. Kupfer- und Zinngeschirr stampften sie zusammen und packten
die gebogenen und verderbten Stücke. Bettladen, Tische, Stühle und
Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag.
Häfen und Schüsseln mußten entzwei. Unsere Magd ward im Stall dermaßen
traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte. Den Knecht legten
sie gebunden auf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul und
schütteten ihm einen Melkkübel voll Jauche in Leib. Das nannten sie
den schwedischen Trunk. Zwangen ihn so, etliche von denen Reutern
anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und
in unsern Hof brachten. Auch mein Knän, meine Mutter und unser Ursele
waren darunter.
Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhähnen ab und anstatt
deren die Baurendaumen auf, folterten die armen Schelme, als wollten
sie Hexen brennen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren in
Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er
noch nichts bekannt hatte. Einem andern schlangen sie ein Seil um den
Schädel und drehten es mit einem Holzbengel zusammen, daß ihm Blut zu
Mund und Ohren heraussprang. ~In summa~, es hatte jeder seine eigene
Erfindung die Bauren zu peinigen.
Mein Knän war meinem damaligen Bedünken nach der Glücklichste, ohn
Zweifel darum, weil er der Hausvater war. Sie satzten ihn zu einem
Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, rieben
seine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alte Geiß wieder ablecken
und dadurch also kützlen mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten
mögen. (Ich hab Gesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchem
Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete seinen verborgenen
Schatz, der von Geld, Perlen und Kleinodien reicher war, als man hinter
dem Bauren hätte suchen mögen.
Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern vermag ich sonderlich
nichts zu sagen, doch weiß ich wohl, daß man hin und wieder in den
Winkeln erbärmlich schreien hörte. Schätze, es sei der Mutter und dem
Ursele nicht besser gegangen als den andern.
Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieß und half die Pferde
tränken, dadurch ich zu unserer Magd in den Stall kam. Die sahe
wunderwerklich zerstrobelt aus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu
mir mit kränklicher Stimme:
»O Bub, lauf weg, sonst nehmen dich die Reuter mit! Guck, daß du
davonkommst! Du siehest wohl, wie es so übel ...«
Mehres konnte sie nicht sagen.