Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu
tun; doch ist es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald
bin entlaufen. Wo nun aber weiter hinaus? -- Die stockfinstre Nacht
bedeuchte meinem finstern Verstand nicht schwarz genug, dahero verbarg
ich mich in ein dickes Gesträuch. Da konnte ich das Geschrei der
getrillten Bauren vernehmen. Allein ich hörete auch der Nachtigallen
lieblichen Gesang, unbekümmert um alle Menschennot. Darum so legte ich
mich auch ohn alle Sorg auf ein Ohr und entschlief.
Als der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sahe ich meines Knäns
Haus in voller Flamme stehen, und ich schlich näher, jemand vom Hof
anzutreffen. Gleich ward ich von fünf Reutern erblickt und angeschrieen:
»Jung, kom heröfer oder skall mi de Tüfel halen, ich schiete dik, dat
di de Dampf tom Hals utgat!«
Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegen eines Morastes
nicht zu mir gelangen, was sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte.
Lösete einer den Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichem Feuer
und unversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfältige
Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschröckt ward, daß ich
alsobald zur Erde niederfiel. Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die
Reuter ritten ihres Wegs und ließen mich ohn Zweifel vor tot liegen. So
hatte ich jedoch den ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten.
Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf und wanderte,
bis ich im Walde von ferne einen faulen Baum schimmern sahe, kehrete
in neuer Forcht derowegen spornstreichs um und lief so lang, bis ich
wieder einen gleichen Baum erblickte, davon ich gleichfalls floh. Also
trieben mich die gefäuleten Bäum einer zum andern, bis mir zuletzt der
liebe Tag zu Hilfe kam. Aber mein Herz stak voll Angst und Jammer,
die Schenkel voll Müdigkeit, der Magen knurrte, das Maul lechzete,
närrische Einbildungen erfüllten mein Hirn und schwerer Schlaf meine
Augen. Ich ging dannoch fürder, wußte aber nicht wohin: je weiter, je
tiefer von den Menschen hinweg in die Wildnus. Ein unvernünftig Tier
hätt besser aus und ein gewußt. Doch war ich noch so witzig, als mich
abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, darin zu
schlafen. --
Kaum war ich aber dargesunken, hörte ich eine Stimme:
»O große Liebe, du mein einziger Trost! Meine Hoffnung, du mein
Reichtum, o mein Gott!«
Ganz unverständlich wallte die Stimme weiter, vor deren Seltsamkeit
ich mich entsatzte. Allein es klang herfür, daß Hunger und Durst
gestillet werden sollten, also riet mir mein ohnerträglich Verlangen,
mich auch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu. Da wurde
ich eines großen Mannes gewahr, in langen, schwarzgrauen Haaren, die
ganz verworren auf den Achseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein
Angesicht war zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlich lieblich.
Der lange Rock starrte von tausend aufeinander gesetzten Flicken. Um
Hals und Leib trug er eine schwere eiserne Kette gebunden wie ~St.
Wilhelmus~. Ich fing an zu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst
noch mehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, so er an seine
Brust druckte. Ich konnte mich nicht anders entsinnen: ohn Zweifel, das
war der Wolf!
In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifen herfür, ich bließ
zu, stimmte an, ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu
vertreiben. Über solch gählinger und ungewöhnlicher Musik an einem so
wilden Ort der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel
vermeinend, der Teufel wollte ihn wie ~St. Antonio~ tribulieren und
seine Andacht stören. Ich retirieret in den Baum, er aber ging mich an,
den Feind des Menschengeschlechts genugsam auszuhöhnen:
»Ha, du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus...«
Ich hab mehrers nit verstanden. Vor Grausen und Schröcken sank ich in
Ohnmacht nieder.