Das ander Kapitel

Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht

allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt.

Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden

und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals

glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den

Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt

Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel,

Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl.

Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er

Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand

vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von

Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige

Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redet ~Philo~ der Jud in seiner

Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung

und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk

auf der Jagd geübt und angeführt werden. -- Solches alles muß mein

Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu

künftiger Herrlichkeit gemacht.

Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit,

derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger:

»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill

wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann

he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha

frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel

arauma!«

Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der

Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.«

»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest

dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist

schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a

veirfeussiger Schelm is!«

Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er

mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober

Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.

Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man

den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen.

Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner

werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf

sicher genug zu sein bedünkte.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 4 / 78 题