Das erste Kapitel

Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all-

und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel

zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel

kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein

Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig,

gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen.

Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine

Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen

läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein.

Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen

Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit

eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt

des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit

Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern

ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen

Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf

dem -- so man der Eichelmast gedenkt -- Bratwürst und fette Schunken

wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl

und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das

die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit

braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet.

Die Tapezereien bestunden in dem zärtesten Gewebe, das auf dem

Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit

ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster

geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano

verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche

Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben,

daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar

und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am

anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und

Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie

warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst-

und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln,

Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich

täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches

Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug,

Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit

rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und

jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze

ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache

habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter

Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von

meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an

einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander

gute Nacht geben.

Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit

zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen

Übungen vollauf begriffen. Mein Knän war vielleicht eines viel zu

hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer

vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er

seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht

über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher

Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich

keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch

Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte

nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die

in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger

von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen

war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und

Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu

wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben!

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 3 / 78 题