Der Engel erwiderte: »Das kann ich nicht; dem Loos der Sterblichen kann

ich ihn nicht entziehen; wie alle seine Brüder muß er beides erfahren

-- Gutes und Böses. Aber einen Segen sprech' ich über ihn bei seinem

Eintritt ins Leben. Er soll kein blind vertrauender Thor, und dennoch

ohne Gedächtniß für das Böse sein, das die Menschen ihm anthun werden.

Die Erinnerung an das Gute jedoch, das er sie vollbringen sehen und

selbst durch sie genießen wird, soll sich unauslöschlich in seine Seele

prägen. Stirb in Frieden, Du hast einen Glücklichen geboren.«

Der Gottesleugner.

Ein Gottesleugner starb. Drüben im Jenseits traf er zu seiner

entsetzensvollen Ueberraschung Den, dessen Spur ihm auf Erden unfindbar

gewesen, den Schöpfer, den Erhalter, den Urquell alles Lebens.

Da warf er sich auf sein Angesicht nieder und rief: »O Herr, Du bist,

und ich blinder Wurm habe Dein Dasein verneint. Nun richte und verdamme

mich!«

Aber unendlich mild und gnädig neigte sich ihm der Herr. »Sei getrost,«

sprach er. »Du hast Deinen Nächsten geliebt und ihn gelten lassen; Du

hast Deine eigene Ueberzeugung nicht für die allein richtige gehalten

und die nicht gehaßt, verachtet, verleumdet, die sie nicht theilten. Ob

ein armes Menschlein wie Du an mich glaubt oder nicht, trübt das meines

Namens Glanz? erfülle ich darum weniger das All? -- Die aber, die

ohne Güte und Duldung sind, denen die Liebe fehlt, und die sich doch

berühmen, in meinem Dienst und zu meiner Ehre zu handeln, die freveln,

die versündigen sich an meiner Majestät, sie werde ich zur Rechenschaft

ziehen. Dich, Du harmloser Thor, nehme ich auf in mein Himmelreich.«

Die Vervehmte.

Wenn die Freuden Versammlung halten, findet so mancher verlotterte

Gesell sich ein. Die hohen, die reinen gehen an ihm vorbei, zürnend,

gleichgültig, wohl auch mit einem mitleidigen Lächeln.

Eine Freude nur wird immer hinausgeworfen, weil sie gar so gemein ist

-- die Schadenfreude.

Die Anhänger.

Ein Schneckenmännchen, voll von Ehrgeiz und großen Ideen, -- mit gutem

Recht der Stolz seiner Nation, -- unternahm es, an einer hochpolirten,

steinernen Gartenbank emporzuklimmen. Dort oben, meinte er, müsse ein

weiter Ausblick und eine ganz neue Weltanschauung zu gewinnen sein.

Nach langem mühe- und gefahrvollen Ringen gelang es ihm endlich, die

Kante der Banklehne zu erreichen.

Behaglich sah er sich um und dachte: Am Ziele seiner Wünsche zu stehen,

ist doch wunderschön; es giebt der Schnecke ein äußerst wohlthuendes

Selbstbewußtsein. Uebrigens habe ich mich umsonst geplagt, denn die

Welt nimmt sich von dieser hohen Warte nicht anders aus, als von meiner

alten Wohnung im Felsenspalt.

Das sagte er auch seinen zahlreichen Anhängern, die sich ringsum im

Grase versammelt hatten, um ihn zu bewundern. Aber sie erwiderten:

»Verzeih', das können wir nicht glauben. Dein Haus badet im Azur, Deine

Hörner reichen ans Himmelsgewölbe. Bei Tag kannst Du schwelgen in

Sonnennähe, bei Nacht Fangball spielen mit den Sternen. O, Du Großer,

sei auch großmüthig, gönne Deinen treuen Anhängern Antheil an Deinem

Glücke! Hilf Deinem Nebenthier, hilf ihm zu Dir hinauf!«

Immer hartnäckiger bestürmten sie ihn, und begannen schon, ihm

von allen Seiten nachzukriechen. Da er einsah, daß sie Vernunft

nicht annehmen wollten oder vielleicht nicht -- konnten, wohl auch

geschmeichelt durch ihr Vertrauen, that er, was sie verlangten. Er kam

den Tollkühnen entgegen, beschützte die Zagenden, bugsirte den, schob

jenen vorwärts ... Alles vergeblich. Die Schnecken waren ungeschickt,

und als sich zuletzt gar zu viele von ihnen auf einmal an den Herrn

Patron ankletteten, verließ ihn die Kraft, und er plumpste sammt seinen

Clienten auf die Erde nieder.

Da schämte und grämte er sich sehr und verlor seinen ganzen Anhang.

Alle seine ehemaligen Verehrer aber erklärten einstimmig: Die Leute an

sich reißen und sie dann ohne Weiteres fallen lassen, ist doch gar zu

schnöde!

Die Ausgestoßenen.

Eine Köchin wollte Vanille kaufen und trat in einen Laden, den sie

seiner Ausstattung nach für einen Gewürzkram hielt. Die Wände waren

bis zur Decke hinauf mit Schränken verkleidet, und jeder Schrank

hatte Abtheilungen und Unterabtheilungen, und diese wieder hatten

Fächer und Fächerchen, Laden und Lädchen, und bis zur kleinsten waren

alle etiquettirt und numerirt. In der Mitte des Saales befand sich

ein Tisch, an dem viele bebrillte Herren von ernstem und gelehrtem

Aussehen saßen. Sie beschäftigten sich damit, Püppchen anzufertigen

nach Vorlagen der Bilder berühmter, bekannter, halbbekannter oder auch

vergessener Dichter und Schriftsteller.

Wenn die Püppchen vollendet waren, verglich Jeder die seinen mit denen

der Anderen, und nun begannen Verhandlungen über die Aehnlichkeiten

und Unähnlichkeiten dieser Nachbildungen und über den Platz, der ihnen

anzuweisen sei. Jeder einzelnen wurden Buchstaben und Nummern auf den

Rücken gemalt, und die Sortirung begann, und jedes Püppchen wurde in

das ihm zukommende Fach gethan.

-- Man erlebt doch alle Tage etwas Neues an Ausstattung der Waare,

dachte die Köchin und wollte schon eine Stange Vanille im Goethe-Kostüm

verlangen, als die Gesichter der Herren am Tische sich beängstigend

verdüsterten.

»Wir müssen endlich zum Beschluß über die Gefangenen kommen,«

sagten sie, und winkten einem Saaldiener, der eine Hühnersteige

vor sie hinstellte, in welcher sich ein halbes Dutzend lebendiger

Gestalten, Männlein und Weiblein, befand. Sie trugen theils ländliche,

theils städtische Tracht und verbreiteten einen frischen Harz- und

Erdgeruch, der den Herren so unangenehm war, daß sie sich die Nasen

zuhielten. Dann entnahmen sie dem Käfig eines der zierlichen Wesen

nach dem anderen. Ein Messen begann, ein Wägen, ein Versuchen, sie

unterzubringen in das richtige Behältniß.

Aber sie paßten nirgends hin; Fächer und Lädchen, so viele ihrer waren,

erwiesen sich als zu groß oder zu klein, als zu breit oder zu schmal

für die eigenthümlichen Erscheinungen. Die Herren waren rathlos und

fragten: »Was soll man anfangen mit solchen Mißgebilden, die sich in

gar keine Kategorie eintheilen lassen?«

Da trat die Köchin vor, stellte ihren Korb auf den Tisch und sprach:

»Gebt sie mir da herein, ich bringe sie meinen Kindern zum Spielen

mit.« Gern wurde ihr willfahrt; auf ihre Bemerkung jedoch, sie glaube

einen Gewürzladen betreten zu haben, mit Strenge geantwortet: »Würzig

sei hier nichts, und sie befände sich in einem Taxirungs-Bureau.«

Sogleich sagte sie, daß sie nicht länger stören wolle, und ging hinweg.

In ihrem Korbe aber erhob sich plötzlich ein wunderlieblicher Gesang.

Von selbst öffnete sich der Deckel, und die Gestalten schwebten heraus.

Sie hatten Flügel bekommen, wuchsen und wuchsen in der frischen Luft

und schwirrten umher wie Lerchen. Ihre Lieder weckten ein Echo in den

nahen Bergen.

Die Köchin glaubte sie für immer entschwunden, fand aber ihre Gesänge

wieder auf den Lippen der Kinder, in den Herzen der Menschen und in

ihrer eigenen Brust.

Der Verwöhnte.

Die Göttin des Glückes verließ einen ihrer Lieblinge. Weil sie ihm

aber noch im Scheiden einen Rest von Huld bewahrte, sprach sie zu ihm:

»Einen Schein von mir sollst Du behalten. Er sichert Dir bis an Dein

Ende Einfluß, Macht, die Gunst und das Vertrauen der Menschen.«

Dabei nahm sie einen Strahl aus ihrem Sonnendiadem und warf ihn dem

einst Geliebten zu.

Er wich aus.

»Was thust Du?« fragte die Göttin; »ein Schein von Glück gilt auch für

Glück.«

»Dem nicht, der Dich ganz besessen hat«, sprach er, und wandte sich ab.

»Elend sein und glücklich scheinen, ist die größte Qual.«

Propheten-Loos.

Ein Prophet, eine Leuchte der Welt, war fern von seiner Heimath

hochbetagt gestorben. Tausende hatten ihm das letzte Geleite gegeben

und sich dann zerstreut. Seine Jünger jedoch blieben trauernd an seinem

Grabe stehen, und Einer von ihnen sprach:

»Wie gern wüßte ich, ob sich auch an diesem Großen, diesem Weisen

und Guten, an diesem Wohlthäter der Menschheit das gewöhnliche

Propheten-Loos erfüllt! Wie gern wüßte ich, ob auch er daheim nichts

gegolten hat!«

»Ueberzeugen wir uns davon an Ort und Stelle,« versetzte ein Zweiter.

»Ich sehne mich sehr, die heilige Stätte kennen zu lernen, an welcher

er geboren ward und seine besten Mannesjahre verlebt hat.«

Die Beiden traten die Wanderung an, und feierliche Wehmuth ergriff ihre

Herzen, als sie in der Nähe ihres Reisezieles anlangten, eines hübschen

Städtchens, das zwischen grünen Hügeln und wohlbebauten Feldern dalag

und in der Morgensonne schimmerte.

Die Jünglinge begaben sich nach dem Martktplatze, wo das Rathhaus

stand, und wollten eben an die Thür pochen, als sie sich öffnete und

der Bürgermeister, begleitet von einem Dutzend Räthen, heraustrat.

Er ließ einen flüchtigen Blick über die Fremden gleiten und schien

unangenehm verwundert, als diese es wagten, ihn ohne weiters anzureden.

Mit halbem Ohre hörte er ihre Mittheilung an, daß sie die Ueberbringer

einer erschütternden Botschaft seien, sagte: »Bedaure, bedaure,« und

wollte vorübergehen. Aber einer der Jünglinge hielt ihn am Aermel fest,

und der andere sagte:

»Der größte Mann, den Eure Stadt je hervorgebracht hat, ist in unserer

Weltstadt verschieden.«

Bei diesen Worten verbreitete sich ein patziges Lächeln über die

Züge des Bürgermeisters und über die aller seiner Beamten. Dreizehn

Gesichter nahmen plötzlich denselben Ausdruck an, in dreizehn Köpfen

stieg ein und derselbe Gedanke auf: Der größte Mann ist nicht

gestorben, denn ich lebe!

Nun riefen die Jünglinge der stumpfen Gilde den Namen des Verehrten zu;

er brachte nicht den geringsten Eindruck hervor. Die Räthe zuckten die

Achseln, und der Bürgermeister sprach:

»Von seiner Berühmtheit ist hier nichts bekannt. Uebrigens, seht die

alte Frau, die daher kommt, die gehört zu seiner Familie, die wird Euch

bessere Auskunft über ihn geben können als wir. Sprecht aber laut, denn

sie ist halb taub.«

Voll Ehrfurcht gingen die Jünglinge der Greisin entgegen, die eines

Blutes mit dem geliebten Meister war, meldeten ihr in schonender Weise

seinen Tod und beklagten, daß er in seiner Vaterstadt nichts gegolten

habe.

»Nichts gegolten?« wiederholte die Alte, die von der ganzen Rede nur

die letzten Worte und den Namen des Verewigten verstanden hatte.

Und sehr geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit, welche die Fremden

ihr erwiesen, und durch die Spannung, mit welcher sie ihrer Antwort

harrten, setzte sie mit vertraulichem Schmunzeln hinzu: »In seiner

Familie hat er wohl für etwas gegolten, nämlich für einen armen Tropf.«

Ungelöste Aufgaben.

Eine kluge Prinzessin wurde von einem beschränkten, aber sehr mächtigen

König geliebt und schenkte seinen Werbungen kein Gehör. Als er immer

dringender und in Folge dessen lästiger wurde, beschloß sie, ihn für

immer aus ihrer Nähe zu entfernen. Dies mußte jedoch in Güte geschehen,

denn die Feindschaft des starken Nachbarn wollte die Prinzessin ihrem

Lande nicht zuziehen.

So sprach sie denn eines Tages zu ihm: »Deine Treue hat mich gerührt,

und ich will sie belohnen. Du sollst mein Gemahl werden, wofern es Dir

gelingt, die Aufgabe zu lösen, welche ich Dir stellen will.«

Der König rief: »Nenne sie; wenn es im Bereiche menschlicher Kraft

liegt, werde ich sie erfüllen.«

»Zieh hin,« erwiderte die Prinzessin, »und suche mir die folgenden drei

Dinge ausfindig zu machen:«

»Ein Vorurtheil, das durch Vernunft besiegt wurde.«

»Eine Thorheit, die so groß ist, daß noch kein Mensch sie begangen hat.«

»Eine Lästerung, so schamlos, daß sich keine Zunge findet, um sie zu

wiederholen.«

Der König lachte und gab Befehl, die Hochzeitsfeier zu bereiten, denn

er meinte, in wenigen Tagen schon seine Braut heimzuführen. Dann begab

er sich auf die Reise.

Dies geschah vor tausend Jahren, und bis heute ist er noch nicht

zurückgekommen.

Die Untrennbaren.

Unter den Göttern war ein Streit entstanden, und in Folge dessen

erschien eines Tages im olympischen Staatsanzeiger die Kundmachung:

»Der Urheber des dichterischen Genies wird gesucht. Wer sich dafür

hält, Mann oder Weib, trete hervor. Apollo und die Musen haben

beschlossen, ihm eine in ihrer Nähe leer gewordene Wohnung anzuweisen.«

Schon am nächsten Morgen kam durch die Lüfte hergeflogen ein

unabsehbarer Schwarm. An seiner Spitze schwebte auf mächtigen, kühn

ausgebreiteten Flügeln, in thaufrischer Schöne blumenumkränzt, eine

reizumflossene Gestalt.

Ein goldenes Füllhorn ruhte ihr im Arme, und mit überströmender

Großmuth ausgestreute Segensspenden bezeichneten ihren Weg. Ihr

Gefolge schloß ganze Welten in sich: Verkörperungen des Herrlichsten

und Höchsten, wie des Furchtbarsten und Scheußlichsten; in nicht

unterbrochener Reihe alle Abstufungen vom Wunderbaren bis zum

Wunderlichen, lebendig gewordene Spiegelbilder aller Thaten und

Unthaten aller Leidenschaften, Hoffnungen, Enttäuschungen und Träume.

Die edelsten unter den unendlich mannigfachen Gebilden erschienen

in hehrer Einfachheit, die anderen, unermeßlich reich geschmückt,

schimmerten wie der neugeborene Tag. Ihnen auf den Fersen folgte,

das Kainszeichen auf der Stirn, Brandfackeln schwingend, eine dunkle

Schar. Blitzähnlich schossen diese Dämonen hin und her, und bei jedem

Flügelschlage theilte und verdoppelte sich jede der grauenhaften

Ausgeburten; eine riesige schwarze, mit furchtbarer Geschwindigkeit

wachsende Wetterwolke rollten sie, Verderben verbreitend, durch den

Raum.

Aber sie hatten ihre Meister. Unscheinbare Wesen, still und mild und

dennoch heldenhaft, demüthig und dennoch unüberwindlich, wiesen die

Unholde in ihre Schranken; und ein Schauspiel boten diese Kämpfe, so

voll hinreißenden Schwunges, unerschöpflicher Abwechslung und Neuheit,

so voll Gefahr und Triumph, so voll Jubel und Leid, daß die Götter ihm

zusahen und horchten in athemloser Spannung. Was jedoch ihre größte

Neugier erregte, das war eine kleine, bunte Menge, die inmitten des

Gewühles auf einem grünen, blühenden Eilande, wie auf einem rettenden

Schifflein segelte. Die schärfsten Contraste prägten sich in diesen

Kleinen aus; Anmuth beseelte die meisten von ihnen; das zweischneidige

Schwert, das Einige führten, traf, ohne zu verwunden. Sie spielten,

waren aber nicht blind für die großen Schicksale, die sich um sie her

vollzogen; mit Thränen in den Augen lachten sie, und ihr Lachen glich

dem fröhlichen Gesang der Drossel und erheiterte den Olymp.

Momus, der zu den Füßen Melpomene's saß, sprach zu ihr: »Wer sind Die?

Ich sollte sie kennen, ich kenne sie aber nicht.«

Die Muse erwiderte: »Ein nachgeborenes Völkchen -- humoristisches Pack.«

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Führerin des Schwarmes, die

nun vor den Himmlischen stand. Ein Zauber ohne Gleichen ging von ihr

aus; sie schüttelte ihr seidenweiches, welliges Haar und sagte mit

wonniger Zuversicht:

»Mir und den Gaben, die ich verleihe, verdankt der Dichter den Antrieb

zu all seinem Können und Thun. Ich bin die Phantasie.«

Die Götter schwiegen, sannen nach und erwogen noch die Berechtigung

dieses Anspruches, als ein Mann, ganz in Eisen gepanzert, sich

wuchtigen Schrittes näherte, neben die Phantasie hintrat und seine

Stimme erhob:

»Diese Dame prahlt. Ohne mich wird aus dem Können, das sie ihrem

Liebling in die Wiege legt, nie ein Thun; ohne mich bleiben seine

Hervorbringungen eitel Anfänge und vergehen wie Schaum. Ich bin der

Fleiß.«

Ein heiteres Lachen folgte dieser Erklärung, und alle Augen suchten

den, der es ausgestoßen hatte.

Es war ein schlichter, kräftig gebauter Bursche, mit hellen Augen und

rothen Wangen. »Meine himmlischen Herrschaften,« sagte er, »nur ungern

wage ich mich in Eure wolkenüberragenden Höhen; doch zwingt mich dazu

mein gutes Recht, das ich zu wahren habe. Du, Genie-Mutter,« -- so

wandte er sich ohne Umstände an die Phantasie, die bei seinem Anblick

die schönen Lippen kaum merklich verzogen hatte, -- »was würde aus

Deinen Kindern, wenn ich nicht zu Gevatter bei ihnen stände? Elend

müßten sie zu Grunde gehen, erdrückt unter den berauschenden Blumen,

mit denen Du sie überschüttest, irre geführt durch Deine webenden

Träume, toll gehetzt auf der Jagd nach Deinen lockenden Früchten,

verzehrt von Deinen rastlos keimenden Gedanken. Und Du,« sprach er

noch strenger zum Fleiße, »Du setzest den Sorgen, die mir diese gute

Mutter und schlechte Erzieherin macht, die Krone auf. Du Maulwurf, Du!

Den Eifer, den Du ihren Kindern in alle Adern spritzest, tausendmal

verwünscht hab' ich ihn. Er zwingt mich, auf Tritt und Schritt hinter

den von Dir besessenen Genies her zu sein, um sie zu leiten, um sie

zu hindern, Deinem blinden Triebe folgend, sich todt zu arbeiten in

einem todten Schachte. Ja, rühmt Euch nur, Ihr Zwei! Ohne mich wird das

Beste, das Ihr zu spenden habt, Euren Auserkorenen zum Unheil und zum

Fluch.«

Die Phantasie und der Fleiß senkten die Augen und widersprachen nicht.

Apollo jedoch fragte:

»Wer bist Du, Einfacher und Schlichter, daß Du eine so selbstbewußte

Sprache führen darfst?«

Die Antwort lautete: »Ich bin der Verstand.«

Da blickten die Götter einander an, einige von ihnen errötheten,

besonders Venus und ihr Sohn. Sie senkten die olympischen Häupter und

zogen sich zu einer Berathung zurück.

Der Beschluß, der in derselben gefaßt und durch Mercur verkündet wurde,

war folgender:

»Wir anerkennen die Ansprüche eines Jeden von Euch auf die in unserem

Erlasse ausgeschriebene Wohnung. Doch haben wir nur diese eine zu

vergeben und können, da unser Reich ohnehin täglich an Boden verliert,

nicht Raum schaffen für Euch Alle. Einen aber auf Kosten der beiden

Anderen zu bevorzugen, widerstrebt unserer ewigen Gerechtigkeit. So

nehmt unsern Dank für Euer Erscheinen und kehrt zur Erde zurück.«

Die Phantasie winkte ihrem Gefolge und flog davon; der Fleiß und

der Verstand traten zu Fuße den Heimweg an. Der Erstere, ohne sich

umzusehen; der Andere jedoch warf, am Himmelsthor angelangt, mehr

zufällig, als mit Absicht, einen Blick zurück nach den Gefilden der

Unsterblichen. Da sah er Minerva stehen, kampfbereit in ihrem Frieden,

ruhig und gerüstet. Er beugte sich voll Ehrfurcht; und die Göttin der

Weisheit, mit freundlicher Gebärde, ein holdes Lächeln um den ernsten

Mund, grüßte ihn.

Die Brüder.

Es lebten einst zwei Brüder, denen die Fähigkeit gegeben war, Macht

auszuüben über die Gemüther der Menschen.

Der Aeltere suchte die Darbenden auf und sprach ihnen von ihrem Rechte

auf Genuß. Er ließ die Arbeitenden die Wonnen des Müßigganges kosten

und entflammte die Besitzlosen zum Kampfe gegen die Besitzenden.

Verherrlichung aller Handlungen der Armen und Elenden, Verhöhnung und

Verdächtigung jeder That der Kinder des Glückes war das zweischneidige

Schwert, das er mit glühender Ueberzeugung führte und das ihm einen

blind ergebenen Anhang erwarb.

Der Jüngere predigte durch Wort und Beispiel nicht einer bestimmten

Klasse, sondern allen Menschen. Er pries die Hochgeborenen und Reichen

nicht als die besonders Begünstigten und bejammerte die Niedrigen und

Armen nicht als die Enterbten des Geschickes. Er forderte von Allen

gleiche Strenge gegen sich, das gleiche Mitleid mit dem Nächsten,

die gleiche Gerechtigkeit gegen den Feind, und von Allen Arbeit. Vom

Armen, weil sie Brot ist für Weib und Kind, vom Reichen, weil sie die

freiwillige Armuth ist.

Seine Stimme konnte grollen wie der Donner, und seine Augen konnten

dräuen wie der Blitz. Schonungslos schwang er die Geißel über Die,

die er am meisten liebte, und heischte von ihnen fast ebenso viel

Selbstverleugnung, wie von sich selbst.

Einmal geschah es, daß die getrennten Wege der Brüder sich kreuzten,

und sie einander gegenüber standen.

»Wie viele Anhänger hast Du?« fragte der Aeltere den Jüngeren.

»Ich habe zehn gewonnen,« lautete die Antwort, und der ältere Bruder

versetzte:

»Und ich zehntausend.«

In der folgenden Nacht hatte jeder von ihnen einen Traum, der ihm

die Zukunft zeigte. Der Aeltere sah sich im Sarge liegen, umtobt von

dem Streite Derer, die das Erbe seiner Macht antreten wollten. Um

die Redegewandten waren kleine Scharen versammelt, lauschten ihren

Schmeicheleien und Verheißungen und schenkten ihnen Glauben. In

Fähnlein zerstückelt, stob das große Heer auseinander.

Der Führer keuchte und stöhnte im Schlafe; sein Lebenswerk, die Partei,

die er gegründet, endete mit ihm.

Der Jüngere sah im Traume Wallerzüge durch die Fluren schreiten.

Singend, Blumen und Palmen tragend, pilgerten sie zu einem grünen

Hügel, der sich außerhalb der Mauer eines Dorfkirchhofs erhob. Sie

kamen aus allen Weltgegenden, fremd in der Sprache, im Aussehen, im

Gehaben. Aber am gemeinsamen Ziel angelangt, erkannten sie, daß sie

Brüder waren. Sie reichten einander die Hände über dem Grabe und riefen

in den verschiedensten Sprachen einen ihnen heiligen Namen.

Es war der des Träumenden -- er hatte eine Religion gestiftet.

Gedichte.

Ein kleines Lied.

Ein kleines Lied, wie geht's nur an,

Daß man so lieb es haben kann,

Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,

Ein wenig Wohllaut und Gesang

Und eine ganze Seele.

_Boule d'or._

O du des himmlischen Reiches Kind,

Du Fremdling im nordischen Moose,

Von Düften umhüllet lieblich und lind,

Des Ostens holdeste Rose.

Dir gab der leuchtende Sonnenschein

Der Farbe Schimmern und Prunken,

Vom Urquell des Lichtes in dich hinein

Die Strahlen hast du getrunken.

Zunächst dem Kelch entfaltest du

Die Blätter wie goldene Schwingen,

In deines Herzens träumende Ruh'

Vermag kein Auge zu dringen.

Die würzigen Lüfte nur flüstern ringsum,

Daß hier ein Geheimniß sich hehle,

Doch hüllt sich in Schatten das Heiligthum

Der schüchternen Blumenseele.

Sommermorgen.

Auf Bergeshöhen schneebedeckt,

Auf grünen Hügeln weitgestreckt

Erglänzt die Morgensonne;

Die thauerfrischten Zweige hebt

Der junge Buchenwald und bebt

Und bebt in Daseinswonne.

Es stürzt in ungestümer Lust

Herab aus dunkler Felsenbrust

Der Gießbach mit Getose,

Und blühend Leben weckt sein Hauch

Im stolzen Baum, im nied'ren Strauch,

In jedem zarten Moose.

Und drüben wo die Wiese liegt

Im Blüthenschmuck, da schwirrt und fliegt

Der Mücken Schwarm und Immen.

Wie sich's im hohen Grase regt

Und froh geschäftig sich bewegt,

Und summt mit feinen Stimmen!

Es steigt die junge Lerche frei

Empor gleich einem Jubelschrei

Im Wirbel ihrer Lieder.

Im nahen Holz der Kuckuck ruft,

Die Amsel segelt durch die Luft

Auf goldenem Gefieder.

O Welt voll Glanz und Sonnenschein,

O rastlos Werden, holdes Sein,

O höchsten Reichthums Fülle!

Und dennoch, ach -- vergänglich nur

Und todtgeweiht, und die Natur

Ist Schmerz in Schönheitshülle.

Der Halbpoet.

Es ist die allergrößte Pein,

Ein Halbpoet geboren sein,

Zu tragen in sich unerhellt

Das Chaos einer ganzen Welt,

Aus dessen Gähren, dessen Ringen

Kein ganzes Leben will entspringen.

Zu steh'n in heißen Durstesqualen

Am Zauberborn des Idealen,

Das Schöne liebend zu begreifen,

Heran zur höchsten Klarheit reifen,

Im Reinen wandeln und im Wahren --

Ohnmächtig es zu offenbaren.

In dir ein Schaffen unbewußt,

Ein lautlos Schrei'n in deiner Brust,

Ein Wogen, Keimen, Knospensprengen,

Ein ruheloses Vorwärtsdrängen,

Und dennoch keiner Blüthe Prangen,

Und dennoch kein Zumzielgelangen!

-- Es ist die allergrößte Pein,

Ein Halbpoet geboren sein.

Vanitas.

Bin ihr begegnet in allen Gestalten,

Sah sie gehüllt in jedwedes Gewand,

Heut in des Mantels purpurnen Falten,

Gestern in Lumpen wallend durchs Land.

Schwerer besiegt als Helden in Waffen,

Leichter verletzt als ein hülfloses Kind,

Rastlos in ihrem nichtigen Schaffen,

Thöricht und klug, allsehend und blind.

Heimisch im Tempel, heimisch im frechen

Hause der Sünde, in Hütte und Schloß,

Weiß sie in jeder Zunge zu sprechen,

-- Bist du ein Mensch, du bist ihr Genoß.

Räthselhaft Wesen, dem alle wir dienen,

Das uns beherrscht, ob wir groß oder klein,

Keiner ist noch auf Erden erschienen,

Der es gestand, dein Sklave zu sein.

Hältst du am engsten ein Opfer umsponnen,

Trägt dir's gewiß den bittersten Haß.

Und dich verleugnet, den du gewonnen,

Schimmernde Lügnerin --: Vanitas!

Das Schiff.

Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen

Wie Sturmwind geflogen.

Voll Jubel ertönt's vom Mast und vom Kiele:

»Wir nahen dem Ziele.«

Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise:

»Wir segeln im Kreise.«

Lebenszweck.

Hülflos in die Welt gebannt,

Selbst ein Räthsel mir,

In dem schalen Unbestand,

Ach, was soll ich hier?

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (1/10) · 第 5 / 7 段