Und wirklich begann er zu versauern als ein solcher.

Endlich ergriff ihn ein ungeheurer Ekel. »Laß satteln! Unsere Wolken

vor! Die schwärzeste für mich!« befahl er seinem Oberstallmeister. »Wir

reiten!«

»Heute, Eure Hoheit?« versetzte der Würdenträger. »Ist heute nicht

Hofball, den Eure Hoheit besuchen müssen?«

Der Prinz gab das zu und ging auf den Ball. Aber er tanzte nicht,

schwatzte nicht, lachte nicht. Er stand in einer Ecke, sah den

schönen, jungen Damen, die im Tact an ihm vorüber schwebten, traurig

nach und seufzte: »Keine, keine Einzige!«

IV.

Die Melancholie des Prinzen war aufs Höchste gestiegen, als er

plötzlich am anderen Ende des Saales ein liebliches Mädchen erblickte,

das ruhig dasaß und, wie er, dem Tanze zusah. Sie jedoch that es mit

heller Zufriedenheit und schien seelenvergnügt.

»O Seele!« dachte der Prinz, »wie schön mußt Du sein, um Dich so

zu vergnügen am Vergnügen der Andern!« Sanft, aber unwiderstehlich

angezogen, trat er vor das liebliche Mädchen hin, verbeugte sich und

fragte: »Sie tanzen nicht, mein Fräulein?«

Sie stand auf, erwiderte seine Höflichkeit und, nachdem sie sich wieder

gesetzt hatte, auch seine Frage: »Nein, mein Herr.«

»Und warum nicht!«

»Weil ich keinen Tänzer bekommen habe«, antwortete sie voll heiterer

Gleichgültigkeit; und wie sie den Prinzen dabei mit ihren unschuldigen

Augen anblickte, wurde ihm wohler, als ihm noch je auf Erden geworden

war.

»Keinen Tänzer heute?«

»Heute nicht und nie,« und sie lachte so hell, daß er meinte, die

goldenen Zauberglöcklein auf dem Thurme seines heimathlichen Schlosses

den Morgen begrüßen zu hören.

Er sah nieder zu ihren wunderschönen Füßchen, betrachtete sie

mit großer Aufmerksamkeit, und sagte: »Sie tanzen gewiß gern und

ausgezeichnet?«

»Sehr gern, o ja, und nicht schlechter als eine Andere.«

»Und dennoch werden Sie nicht aufgefordert? Warum, warum?« rief der

Prinz, immer mehr in Feuer gerathend, und ergriff ihre Hand.

Die Kleine erschrak, senkte die Augen und murmelte so undeutlich, daß

nur Einer, der im Begriff ist, sich zu verlieben, es verstehen konnte:

»Weil ich langweilig bin.«

»Langweilig? ... O, mein Fräulein! ...« Flammende Röthe brannte auf

seinen Wangen, ein unterdrücktes Jauchzen drang aus seiner Brust: »O,

mein Fräulein, dann erlauben Sie mir, an Ihrer Seite Platz zu nehmen.«

V.

Man ließ sie nicht lange in Ruhe plaudern. Eine junge Dame nach der

andern kam heran und verrieth auf mehr oder minder feine Weise ihr

Erstaunen darüber, daß der Vielumworbene, dem die Wahl unter Adler-

und Schwanenjungfrauen freistand, sich mit einem Gänschen beschäftigen

mochte.

Wie auf Verabredung ließen sie ihren Witz sprühen, daß es nur so

prasselte. Die Funken stoben, fielen über manchen guten Namen her und

vernichteten ihn.

Und der Prinz, ach, der Prinz stimmte ein. Er sah die Stirne seiner

lieblichen Nachbarin sich verfinstern, aber er stimmte ein. Ja, er

fand ein teuflisches Gefallen daran, jede geistreich vorgebrachte

Bosheit zu überbieten. Es gelang ihm beispiellos. Der Genius der

Verleumdung schien über ihn gekommen, und er brachte dessen grausamste

Eingebungen mit unbändigem Uebermuthe vor. Seine Zuhörerinnen stutzten,

kicherten, errötheten. Viele gaben sich Mühe, eine leise Schadenfreude

zu verbergen; das waren die Pfiffigen, die Klugen, die hatten längst

»so etwas« bemerkt. Einige fühlten Mitleid und Bedauern, Andere waren

erstaunt.

Ein Zweifel an dem Schlechten, das er aussagte, stieg in Keiner auf, in

keiner Einzigen.

Und doch! -- in Einer doch -- in der Lieblichen, die der Prinz, so

lange er sprach, kaum anzusehen gewagt hatte. Sie erhob sich klopfenden

Herzens, Thränen des Zornes standen in ihren Augen. --

»Von Allem, was Sie da behaupten,« sagte sie kühn und laut, »glaube ich

nichts!«

»Nichts? ... von Allem nichts?« ... Er stieß einen Schrei aus, der an

den Wänden des Saales widerhallte wie himmlische Musik, warf sich auf

die Kniee vor seiner anmuthigen Gegnerin und umfaßte mit beiden Armen

ihre zarte Gestalt.

»Du bist es!« rief er. »O Mutter -- die ist's -- die gab mir das

Erkennungszeichen!«

Im selben Augenblick öffnete sich die Decke, und auf ihrem

mit Feuervögeln bespannten Sonnenwagen kam die Märchenkönigin

herbeigeflogen.

Vor ihrer blendenden Erscheinung senkten sich alle Augen, nur die des

Brautpaares nicht. Der Prinz führte seiner Mutter die Erwählte zu, und

die Königin küßte sie dreimal und sprach:

»Ich wußte wohl, daß es eine lange Trennung von meinem Sohne galt, als

ich ihn zur Erde sandte, eine Gemahlin zu suchen, die an Verleumdung

nicht glaubt. Sei mir gegrüßt, Du holde Seltenheit!«

Die Königin hieß ihre Kinder einsteigen, die Feuervögel entfalteten

ihre Schwingen und trugen die Glücklichen in das schöne Feenland,

aus dem die Verleumdung verbannt ist, und wo sogar die jungen Damen

schweigen, wenn sie von ihrem Nächsten nichts Gutes zu sagen wissen.

Werthbestimmung.

In einen mit Kreuzern gefüllten Sack gerieth zufällig einmal ein

Dukaten. Nachdem er einige Zeit bei ihnen geweilt hatte, sagten sie:

»Wir müssen unserem Gastfreunde einen Rang anweisen, laßt uns denn

zuvor seinen Werth bestimmen.«

Die alten, die Patinirten, traten zusammen, beriethen lange und

brachten es endlich zu dem Vorschlage:

»Der gelbe Bursche ist zwar schwächlich, doch beantragen wir, ihn um

seines hellen Klanges und seiner feinen Legirung willen ebenso viel

gelten zu lassen, wie Unsereinen.«

»Von Meinesgleichen werde ich höher gehalten,« wagte der Dukaten

einzuwenden, und sogleich brachen die neuen, blanken Kreuzer, die

schon über den Vorschlag der alten gemurrt hatten, in einen Sturm des

Unwillens aus.

»Was geht uns an, wie Deinesgleichen Dich schätzen,« riefen sie. »Im

Kupferlande gilt das Gold ein für allemal -- nichts.«

Das wurde zum Gesetz erhoben.

Geschieden.

Der Glauben und die Liebe waren einst ein Paar und führten die

glücklichste Ehe. Eines Tages sprach der Glauben: »Ich muß wandern, ich

muß mich über die Erde verbreiten,« und die Liebe bat: »Nimm mich mit.«

Er aber erwiderte: »Das kann nicht sein. Ohne Dich bin ich stärker;

~allein~ ist der Held.«

Er ging und verirrte sich unterweges in Nacht und Finsterniß, und als

er heimkam, erkannte die Liebe ihn kaum wieder, so sehr hatte er sich

verändert -- auch gegen sie. Sie hatte ihre Macht über ihn verloren.

Seitdem wendet er sich gar oft von ihr ab. Finden sie sich flüchtig

zusammen, geschieht es nur, um sich bald wieder zu trennen.

Ihr Bund war Segen, ihre Uneinigkeit ist Fluch, und die Menschenkinder

fühlen ihn schwer.

Des kleinen Lob.

Einige Künstler und Kunstfreunde standen vor dem Moses des Michel

Angelo. Die Einen liehen ihrer Begeisterung Worte, die Andern schwiegen

von Ehrfurcht übermannt. Es war auch ein Drechsler aus der Vorstadt da,

der blinzelte zu dem mächtigen Bildwerk empor, musterte es eine Weile

und sprach dann mit Gönnermiene: »Recht nett!«

Besessen.

Ein Jüngling hatte ein schönes, treues Liebchen, strebte aber der Gunst

einer Göttin nach. Diese wies ihn ab und sagte:

»Wie kannst Du glauben, daß ich mich einem Menschen huldreich erweisen

werde, dessen Herz ich theilen müßte mit einem irdischen Weibe?«

Da verstieß er seine Geliebte, rief die Göttin wieder an und fragte:

»Wirst Du mich belohnen für das Opfer, das ich Dir gebracht habe?«

»Schon deshalb nicht, weil Du Lohn erwartest,« erwiderte sie. »Ein

Recht auf mich läßt sich nie und durch nichts erwerben.«

»Ich spreche auch nicht von Recht,« versetzte der Jüngling, »ich flehe

um Deine Gnade.«

Die Göttin ließ ihr heiteres Lachen erschallen: »Behilf Dich

einstweilen ohne sie. Du hast genug andere Güter; Du hast theure

Eltern, Geschwister, Freunde, ein schmuckes Heim, Reichthum, Jugend,

Gesundheit.«

Nun verschenkte er Alles, was er besaß, nahm auf Nimmerwiedersehen

Abschied von den Seinen und folgte der Göttin nach -- aus weiter,

weiter Entfernung.

Weil er nichts Anderes mehr zu opfern hatte, opferte er ihr den Schlaf

seiner Nächte und das Roth seiner Wangen, wachte und sang vor den

Altären der Unsterblichen, verkündete ihren Ruhm und rief die Welt zum

Zeugen seiner Anbetung und seiner ringenden Qual.

Aber seine Lobpreisungen und seine Klagen blieben ohne Widerhall, denn

die Göttin hatte die Lippen, denen sie entströmten, nicht geküßt. Das

Alter kam, zehrte an seiner Kraft, bleichte ihm die Locken, seine

Sehnsucht blieb jung und heiß, und sie, deren Schrei die Ruhe des

Himmels stört, zwang die Unsterbliche einmal wieder zu ihrem treuesten

Diener herab.

Er warf sich ihr zu Füßen und flehte:

»~Einen~ freundlichen Blick gewähre mir, ~ein~ holdes Lächeln, damit

mein Leben nicht ganz verloren sei!«

»Wenn verloren, ist's meine Schuld?« fragte sie. »Warum wandelst Du auf

meinen Spuren? -- Wann rief ich Dich? -- Laß ab von meinem Dienste,

unberufener Knecht!«

Zürnend schritt sie hinweg, und er stand auf und folgte ihr.

Die Nachbarn.

Der Blonde und der Braune waren Nachbarn; Jeder von ihnen stand an der

Spitze eines gutmüthigen Hirtenvolkes. Sie tauschten nach Bedarf die

Producte ihrer Ländereien und blieben einander stets hülfreich in Noth

und Gefahr.

Niemand hätte bestimmen können, welchem von Beiden ihr Bündniß mehr

Nutzen brachte.

Eines Tages, im Herbste, begab es sich, daß ein heftiger Sturm großen

Schaden anrichtete im Walde des Braunen. Viele junge Bäume wurden

entwurzelt oder gebrochen, viele alte Bäume verloren mächtige Aeste.

Der Herr rief seine Knechte; sie sammelten die dürren Reiser und

schichteten sie in Bündel.

Aus dem frischen Holze aber wurden Stöcke zugehauen. Im Frühjahr

sollten sie verwendet werden zu einem neuen Zaune für den Hühnerhof der

braunen Herrin.

Nun wollte der Zufall, daß ein Diener des Blonden die Stöcke in die

Scheune bringen sah. Ihre Anzahl schien seinen etwas blöden Augen

ungeheuer. Von Angst ergriffen lief er heim und sprach zu seinem

Gebieter: »Ein Verräther will ich sein, wenn der Nachbar nicht Böses

wider uns im Schilde führt!«

Er und andere ängstliche Leute, -- es waren auch Weise darunter, --

schürten so lange das Mißtrauen, das sie ihrem Herrn gegen den Freund

eingeflößt hatten, bis jener sich entschloß, zu rüsten gegen die

vermeintlich Gerüsteten.

Eine Scheune voll von Stöcken hatte der Braune; der Blonde wollte drei

Scheunen voll von Stöcken haben.

Holzknechte wurden in den Wald geschickt. Was lag ihnen an seiner hohen

Cultur? Ihnen that es nicht leid, einen jungen Baum zu fällen, ihm

die aufstrebende Krone abzuhauen und die lichtsuchenden Aeste und die

Zweige mit den athmenden Blättern.

Nach kurzer Zeit war der Wald verwüstet, aber der Blonde hatte viele

tausend Stöcke.

Wie es ihm ergangen war, erging es nun seinem ehemaligen Freunde. Die

Klugen und die Thörichten, die Verwegenen und die Zaghaften im Lande,

Alle schrieen: »Es ist Deine Pflicht, Herr, dafür zu sorgen, daß uns

der Tag des Kampfes reich an Stöcken finde!«

Und der Braune und der Blonde überboten einander in der Anschaffung von

Vertheidigungsmitteln, und bedachten nicht, daß sie endlich nichts mehr

zu vertheidigen hatten, als Armuth und Elend. Weit und breit war kein

Baum zu erblicken, die Felder waren unbebaut; nicht Pflug noch Egge,

noch Spaten gab es mehr: Alles war in Stöcke verwandelt.

Es kam so weit, daß die größte Menge des Volkes zu Gott betete: »Laß

den Kampf ausbrechen, laß den Feind über uns kommen; wir würden

leichter zu Grunde gehen unter seinen Stöcken, als unter den Qualen des

Hungers!« --

Der Blonde und der Braune waren alt und müde geworden, und auch sie

sehnten sich im Stillen nach dem Tode. Ihre Freude am Leben und

Herrschen war abgestorben mit dem Glücke ihrer Unterthanen.

Und einmal wieder trieb der Zufall sein Spiel.

Die beiden Nachbarn stiegen zugleich auf einen Berg, der die Grenze

zwischen ihren Besitzungen bildete.

Jeder von ihnen dachte: Ich will mein armes, verwüstetes Reich noch

einmal überschauen.

Sie kletterten mühsam empor, kamen zugleich auf dem Grate des Berges

an, standen plötzlich einander gegenüber und taumelten zurück ... Aber

nur einen Augenblick. Ihre abwehrend ausgestreckten Hände sanken herab

und ließen die Stöcke fallen, auf welche sie sich gestützt hatten.

Die ein halbes Jahrhundert in Haß verkehrte Liebe trat in ihr altes

Recht. Mit schmerzvoller Rührung betrachtete der Freund den Freund aus

halb erloschenen Augen. Nicht mehr der Blonde, nicht mehr der Braune!

Wie aus einem Munde riefen sie: »O, Du Weißer!« und lagen Brust an

Brust.

Wer zuerst die Arme ausgebreitet, wußten sie ebenso wenig, als sie sich

besinnen konnten, wer dereinst die ersten Stöcke aufgestellt wider den

Anderen. Sie begriffen nicht, wie das Mißtrauen hatte entstehen können,

dem Alles zum Opfer gefallen war, was ihr Dasein, und das der Ihren

lebenswerth gemacht hatte.

Eines nur stand ihnen fest: die niederdrückende Ueberzeugung, daß

nichts auf Erden ihnen ersetzen konnte, was die Furcht vor dem Verlust

ihrer Erdengüter ihnen geraubt hatte.

Der gute Feind.

Der verkörperte Tadel -- übrigens ein ehrlicher Bursche -- begegnete

einem jungen Poeten, erhob sofort seinen Knüttel und bläute den

ahnungslos Dahinschreitenden tüchtig durch. Wenn aber der Tadel nichts

weniger als ein Höfling war, so war der Poet nichts weniger als ein

Weichling. -- Jetzt weiß ich, dachte er, wo ich zu treffen bin, und

will mir die Lehre zu Nutze machen.

Er kühlte seine brennenden Striemen an der nächsten frischen Quelle und

schritt unverdrossen weiter.

Nach langer Zeit stieß er einmal auf das verkörperte Lob. Das hatte

leider seinen unentbehrlichen Halt, den Tact, zu Hause gelassen und

ergoß sich so lawinenartig über den Dichter, daß er sein Gleichgewicht

verlor. Nicht genug. Immer in der besten Absicht, und beeifert, der

Welt zu zeigen, mit welcher Berechtigung sein Hymnus ertöne, nahm das

Lob ein Secirmesser und öffnete dem Poeten das Herz.

Der Sterbende aber rief: -- »O Tadel, mein guter Feind, singe Du meinen

Grabgesang!«

Ohne Vorschule.

Ein Töpfer hatte zwei faule Söhne, die das väterliche Handwerk durchaus

nicht erlernen wollten. Sein Nachbar, ein Schuster, dem er sein Leid

klagte, tröstete ihn: »-- Schickt sie mir. Vielleicht haben sie zu

meinem Handwerk mehr Lust als zu dem Euren.«

Der Töpfer folgte diesem Rathe; aber seine faulen Söhne sträubten sich

auch gegen den Unterricht, den sie beim Schuster und ebenso bei einem

Sattler, einem Schneider, einem Schlosser, einem Glaser nehmen sollten,

zu denen sie nach und nach in die Lehre kamen. Sie hielten es nirgends

aus; sie blieben dabei, wir wollen keinen anderen Beruf ergreifen, als

einen, zu dem man nichts zu lernen braucht.

Endlich sagte der Vater in seiner Verzweiflung: »Auf dem Dorfe finde

ich nimmermehr, was ihnen paßt, ich will mich in der Stadt umsehen.«

Er ging mit seinen beiden Söhnen und kam bald darauf allein zurück.

»Habt Ihr sie untergebracht?« fragten die Nachbarn, und er antwortete:

»Ja wohl.« -- »Und in welcher Art? Was ist das für ein Beruf, zu dem

man nichts zu lernen braucht? Doch wenigstens einer, der Euch ein

großes Anlagecapital wird gekostet haben?«

»Je nun,« erwiderte der Töpfer, »meinem Peter habe im Papier, Federn

und Tinte kaufen, und meinem Paul einen schwarzen Anzug machen

lassen müssen. Der Peter ist nämlich Schriftsteller, und der Paul

Landtags-Abgeordneter geworden.«

Palemon.

Palemon, der Maler, hatte ein Bild vollendet, welches er »Die Königin

des Orients« nannte.

Es stellte Zenobia dar, wie sie, umringt von ihren Feldherren,

Magiern, Wahrsagern, Künstlern und Gelehrten, die Huldigung der ihr

unterworfenen Völker empfing. Das Gemälde erweckte Entzücken bei Laien

und bei Kennern. Die letzteren lobten besonders die Charakteristik.

»Wenn man,« sagten sie, »die ganzen Figuren sammt Gewändern und

Kopfschmuck verdecken, und nur die Gesichter unverhüllt lassen würde,

jeder Kenner der ruhmvollen Vergangenheit unseres Vaterlandes müßte

ausrufen: Diese ehernen Züge können nur die des Kriegshauptmanns Phuhl,

und Jener kann nur Kalassar der Fürst sein, von dessen Thaten unsere

Geschichte erzählt, und Dieser Divonibar, der unfehlbare Magier. Und

dort -- o, das ist sie, Zenobia die Große, die Einzige, deren Anblick

uns auf die Kniee niederzwingt. An den Stufen ihres Thrones steht

Longinus, der Rhetor. Seht um seine Lippen den Genius der Beredtsamkeit

schweben!«

Palemon lächelte zu diesem Lobe: »Wäret Ihr doch in meine Werkstatt

gekommen und hättet meine Modelle gesehen,« sprach er. »Wisset, jener

Kopf, von dem Ihr meint, er müsse der des berühmten Redners sein,

ist der Kopf meines stummen Pferdelenkers; zum Vorbilde der keuschen

Zenobia, vor der Ihr in Anbetung versinkt, hat mir die Tänzerin Myra

gedient; zu dem des Magiers ...«

Die Kritiker fielen ihm ins Wort: »Um so höher preisen wir Dich, Du

Maler des Unsichtbaren. Zweiter Prometheus, der die Gebilde seiner Hand

zu beseelen versteht mit Funken himmlischen Feuers. Seht sie leuchten

aus der niederen irdischen Form! Seht auf vergänglichen Stirnen

unsterbliche Schönheit thronen. Aus den Augen einer Hetäre grüßt uns

der Geist der großen reinen Zenobia, der Mund eines stummen Knechtes

spricht Worte des Lebens.«

Ein fremder Kunsthistoriker, der von weither gekommen war, um das Bild

Palemons zu sehen, erhob seine Stimme: »Thoren, veraltete Schwärmer!«

rief er, »wo bleibt bei dieser Auffassung die Wirklichkeit, die Natur?

Glaubt nur: Der Maler, unter dessen Pinsel eine Zenobia zur Hetäre und

ein feiner Denker zum rohen Tölpel wird, steht der Wahrheit näher als

Ihr.«

Die einheimischen Kritiker wollten den Fremden sofort steinigen; aber

Palemon hielt sie davon ab:

»Das wäre das Rechte -- todtmachen, den man nicht widerlegen kann.

Nicht ~kann~!« donnerte er die Einwendungen seiner Anhänger nieder,

»es sei denn, Ihr wüßtet, was vorherrscht auf Erden: Licht oder

Schatten, Blüthe oder Fäulniß, das Gute oder das Böse. Aber Ihr und der

und ich, wir wissen es nicht, wir glauben nur, und die Jünger dieses

Fremden thun wie die meinen: sie schaffen im Sinne ihres Glaubens. Ihr

großer Irrthum jedoch ist, daß sie sich für die einzigen Vertreter

der Wahrheit in der Kunst halten, weil sie malen und bilden, was

Jeder, auch der Gemeinste, sieht. Ich erhebe denselben Anspruch auf

treue Wiedergabe der Natur, wie sie, wenn es mir gelingt, überzeugend

darzustellen, was ich allein gesehen habe: einen edlen Zug im Angesicht

der Verworfenen, einen Blitz des Geistes im Auge des Einfältigen.

Unsere alte und das, was sie die neue Kunst nennen, können übrigens

nebeneinander bestehen und sind, wie mich dünkt, Schwingungen desselben

Pendels.«

Das Beste.

Zu dem Erdgeist Gaeus war das Mondwesen Elanuh zu Besuch gekommen. Sie

flogen zusammen durch die herrlichsten Gegenden der Erde, und Elanuh,

entzückt von dem Anblick der Wiesen, der Wälder, der Flüsse und Seen,

rief aus: »Sie haben einen schönen Wohnplatz, die Menschen, es muß sich

gut auf ihm leben lassen.«

»Ja wohl,« erwiderte der Erdgeist mit Stolz, »besonders dann, wenn sie,

die athmen in dieser reichen Natur, mit ihrer höchsten Kraft begnadet

und fähig sind, das Beste, das es giebt, zu empfinden.«

»Was ist das Beste?« fragte Elanuh.

»Die Liebe,« entgegnete der Erdgeist.

Während ihres Gespräches schwebten sie über den Dächern einer großen

Stadt. Auf einem Hügel, das Häusermeer beherrschend, erhob sich ein

fürstlicher Palast, von einem goldenen Gitter umgeben. Elanuh flog

hinüber, ließ sich an eines der Fenster gleiten und guckte voll Neugier

in ein prunkhaft eingerichtetes Schlafgemach.

Da sah er ein Weib auf dem Boden liegen, ein reizvolles Weib, in der

Fülle des Lebens. Sie raufte ihr Haar und rang verzweiflungsvoll die

Hände vor einem Christusbilde an der Wand, und betete:

»Gieb es nicht zu, o Herr! Errette mich! Laß mich nicht unterliegen in

Schmach. Nimm mich zu Dir, eh' ich verderbe! .... Denn ich verderbe,

Herr -- ich bin verloren. Ich war eine treue Frau, eine gute Mutter,

und bin nun verloren. -- Herr! Herr! ... Der Du für uns geblutet hast,

sieh meinen Undank ... Laß Deine Blitze auf mich niedersinken -- ich

frevle, indem ich zu Dir bete, denn während des Gebets denk' ich nur

Sünde. ... Tödte mich, retten kannst Du mich nicht mehr!«

Sie zerriß ihre prächtigen Gewänder und raste in Verzweiflung gegen

sich selbst.

Elanuh wandte sich ab und sprach zu Gaeus: »Die Unselige ringt wie in

den Krallen eines wilden Thieres. Was ist die Ursache ihrer Leiden?«

Gaeus, etwas verlegen, antwortete: »Die Liebe.«

Er flog weiter mit seinem Gaste, bis dieser vor einer Dachkammer Halt

machte, die, trotz der vorgerückten Nachtstunde, noch erleuchtet

war. Wieder sah er durch das Fenster und überblickte einen kleinen

Raum, eine Stätte der Armuth. Auf einem Bänkchen, an der Wand, saß

ein greises Ehepaar Schulter an Schulter, und Elanuh hörte die Alten

jammern und wehklagen.

»Sie hat uns verlassen, sie hat uns dem Elend preisgegeben. Was bleibt

uns noch übrig, als zu sterben, da sie fort ist, unsere Erhalterin,

unsere Trösterin, unsere Einzige!«

»Fluch ihm, der unser Kind verleitet hat,« sprach der Greis, und hob

die geballte, zitternde Faust gen Himmel. -- Und die Greisin, mit dem

Aufblitzen des Wahnsinns in ihren trüben Augen, wiederholte: »Fluch

ihm!«

»Komm näher Gaeus,« sprach Elanuh, -- »sieh diese Armen, und sage

mir, welche Macht konnte eine gute Tochter bewegen, ihre Eltern, die

hülflosen, -- die sterbenden, in solchem Elend zurückzulassen?«

Gaeus senkte das Haupt und murmelte: »Die Liebe.«

Abermals nahmen sie ihren Flug, und plötzlich schoß Elanuh aus seiner

Höhe zu einem kleinen, ebenerdigen Hause herab. Er schmiegte sich an

das Fenster einer einfachen, weiß getünchten Stube, und erblickte ein

liebliches Mädchen, das halb ausgekleidet an ihrem Bette lehnte. Mit

dem Ausdruck der Todesangst ruhten ihre Augen auf einem jungen Manne,

der vor ihr stand, verstört und bleich.

»Geh,« beschwor sie ihn -- »der Vater erwacht. -- Geh -- was willst Du

von mir?«

»Dich fragen: Ist morgen Deine Hochzeit?«

Sie brach in Thränen aus: »Quäle mich nicht -- frage nicht, was Du

weißt.«

»So ~ist~ Deine Hochzeit?« sprach er knirschend.

Das Mädchen schluchzte: »Du weißt es ja, und wem mein Herz gehört, das

weißt Du auch.«

Wild und glühend sah er sie an: »Wenn Du nicht lügst, einen Kuß denn!

-- den ersten, den letzten: Ich will's!«

Verstohlen zog er mit der Rechten ein Messer hervor, riß mit dem linken

Arme die Widerstrebende an sich, küßte sie und stieß ihr den Stahl in

die Brust.

»Alle guten Geister! ... Was hat diesen Mann zum Mörder gemacht?«

fragte Elanuh.

Gaeus verhüllte sein Antlitz und antwortete: »Die Liebe.«

»Und das ist das Beste, was es auf Erden giebt?« rief sein Gastfreund

entsetzt. »Der gnädige Schöpfer steh' mir bei. Ich wünsche nichts mehr

von Eurem Besten zu sehen. Lebe wohl.«

»Verweile,« bat Gaeus. »Ein unglücklicher Zufall hat uns geführt. Ich

zeige Dir andere Bilder.«

»Sei bedankt, Du vermagst mir keine zu zeigen, welche mich diese

vergessen machen könnten.«

Und ehe Gaeus ihn zurückhalten konnte, war Elanuh entflohen nach seiner

kühlen Heimath.

Ein Glücklicher.

In einer armseligen Hütte kam ein Knäblein zur Welt. Blaß und

schmächtig lag es in den Armen seiner Mutter. Diese fühlte sich sterben

und jammerte: »Was wird aus meinem hülflosen Kinde werden?«

Da trat ein Engel an ihr Lager: -- »Ein Glücklicher!« sprach er, die

Hand auf das Haupt des Neugeborenen legend.

»Willst Du ihn groß und geehrt machen?« rief die Mutter aufleuchtenden

Blickes. »Willst Du ihn schmücken mit Schönheit ohne Makel, mit

Weisheit ohne Fehl? Willst Du ihm den Genuß der Reichthümer dieser Erde

schenken, ungetrübt durch die Angriffe der Mißgunst und des Neides?«

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (1/10) · 第 4 / 7 段