-- Leiden, armes Menschenkind,

Jede Erdennoth,

Ringen, armes Menschenkind,

Ringen um den Tod.

Grabschrift.

Im Schatten dieser Weide ruht

Ein armer Mensch, nicht schlimm noch gut,

Er hat gefühlt mehr als gedacht,

Hat mehr geweint als er gelacht,

Er hat geliebt und viel gelitten,

Hat schwer gekämpft und -- nichts erstritten.

Nun liegt er endlich sanft gestreckt,

Wünscht nicht zu werden auferweckt.

Wollt' Gott an ihm das Wunder thun,

Er bäte: Herr, o laß mich ruh'n!

Sankt Peter und der Blaustrumpf.

Ein Weiblein klopft ans Himmelsthor,

Sankt Peter öffnet, guckt hervor:

-- »Wer bist denn Du?« -- »Ein Strumpf, o Herr« ...

Sie stockt, und milde mahnet er:

»Mein Kind, erkläre Dich genauer,

Was für ein Strumpf?« »Vergieb -- ein blauer.«

Er aber grollt: »Man trifft die Sorte

Nicht häufig hier an unsrer Pforte.

Seid sammt und sonders freie Geister,

Der Teufel ist gar oft nicht dreister,

Geh hin! er dürfte von Dir wissen,

Der liebe Herrgott kann Dich missen.«

-- »Das glaub' ich wohl, -- doch ich nicht Ihn,

O Heil'ger, wolle noch verziehn!«

Sie wagt es, sein Gewand zu fassen,

Hat auf die Knie sich sinken lassen.

»Du starker Hort, verstoß' mich nicht,

Laß blicken mich ins Angesicht

Des Ew'gen, den ich stets gesucht.«

»In welcher Weise, ward gebucht.

Man strebt ihm nach wie's vorgeschrieben,

Du bist uns fern und fremd geblieben.«

Das Weib blickt flehend zu ihm auf:

»Wär' Dir bekannt mein Lebenslauf,

Du wüßtest, daß in sel'gen Stunden

Ich meinen Herrn und Gott gefunden.«

Der Pförtner stutzt: »Allwo? -- Sprich klar!«

-- »Daselbst, wo ich zu Hause war,

(Mein Handwerk brachte das mit sich)

Im Menschenherzen. Wunderlich

War dort der Höchste wohl umgeben;

Oft blieb von Seines Lichtes Weben

Ein glimmend Fünklein übrig nur,

Und führte doch auf Gottes Spur.

Ob er sich nun auf dem Altare

Den Frommen reicher offenbare --

Das zu entscheiden ist Dein Amt.

Bin ich erlöst? bin ich verdammt?«

Sankt Peter zu derselben Frist

Etwas verlegen worden ist,

Dacht' eine gute Weile nach,

Nahm endlich doch das Wort. Er sprach

Und rückt dabei den Heil'genschein:

»Besprich es drin. -- Ich lass' Dich ein.«

Liebeserklärung.

Du Vielgeliebte, Dich hab' ich geliebt

Von Deinem ersten Lebensstündlein an,

Als kaum entwunden Du dem Schoß der Mutter,

Dalagst auf ihrem Bette klein und roth,

Die Wangen voll von Fältchen und die Stirn,

Und auch die winz'gen, unbeholfnen Hände.

O, welch' ein Glück, an Deiner Wiege stehn,

Bewundern still, wie schön Du schlafen kannst,

Und Dein Erwachen jubelnd zu begrüßen. --

Was immer meine Nichte that und ließ,

Ich fand es einzig, fand es genial;

So weint' und lachte niemals noch ein Kind,

So kroch noch keins dahin auf allen Vieren

Und sprach: »Tata« mit solchem Nachdruck aus.

Indessen leider! meine gute Meinung --

Weiß Gott, wie's kam -- gar viele theilten sie

Und machten sich höchst ungenirt zu eigen,

Was ich entdeckt in angestammter Weisheit.

Allmälig wuchsen hundert Toggenburgen

Empor am Strande Deiner wilden Petsch,

Und in den Burgen wohnten hundert Schmachter

Und Schmachterinnen treu bis in den Tod;

Das war ein Werben um klein Stutzis Gunst,

Von Jung und Alt ein Loben, Lieben, Staunen,

Solch' einen Heerbann überzeugter Schmeichler

Besaß nur noch die Königin von Saba.

Wie sie den ihren lenkte, weiß ich nicht,

Doch um so besser denn, wie kurz und stramm

Der Deine ward gehalten. -- Keine Faxen!

Die Losung galt, Du gabst sie unbewußt,

Eh' sprechen Du, geschweige denken lerntest.

So trugen wir es heuchlerisch gelassen,

Als Du Dein Herz in feste Hände gabst ...

Was sag' ich, Hände? Pfoten sind's gewesen,

Die langen gelben der verehrten Lady.

Doch hatt' auch sie Rivalen, vielgehaßte:

Kaninchen, Katzen, allerlei Gethier,

In erster Reih' die Ponies. Weißt Du noch,

Wie denen sie mißgönnte Deine Huld?

Und wie bestürzt, wenn ihnen Du geschmeichelt,

Die Alte floh, sich auf die Rampe setzte,

Den Kopf erhob und laut zum Himmel heulte.

Nur eines war mit ihrem Schmerz vergleichbar,

Und ihrem Grimm -- der Deine, Kind, als Du

Zu Jahren schon gekommen (ihrer fünf)

»_Mémoires d'un âne_«, von _Comtesse Ségur_

Zur Kenntniß nahmst. Die Bonne las Dir vor,

Du stricktest stumm, mit ernstem Pflichtgefühl,

An Deinem ersten Strumpfe. Noch erreichten

Den Boden Deine Beinchen nicht, sie wiegten

Sich leise ... Wie Du horchtest, athemlos,

Durchglüht von Freude, Mitleid oder Zorn

Vom Wirbel bis zur Sohle -- je nachdem

Des braven Esels Schicksal sich gestaltet.

Und wenn es rührend wurde, flossen Thränen

In hellen Strömen auf die Stickerei,

Die soviel Nässe gar nicht schlucken konnte.

Es war ein Anblick -- ich vergeß ihn nie!

Und niemals auch, wie Du vor jenem Kitzlein,

Das einst der Jäger aus dem Wald Dir brachte,

Auf Deine beiden Kniee niedersankst,

Es anzufleh'n unendlich liebevoll:

»O fürcht Dich nicht -- ich bin ja Deine Mutter!«

Und später dann, als Deine Herren Brüder

Erschienen waren und so redlich halfen

Des Hauses kleinen Abgott anzubeten,

Was für Geschichten gäb's da zu erzählen,

Von einer wilden Hummel stets voran

In jeder Fährlichkeit, und ihren blind

Ergebenen Satelliten. -- Doch genug,

Sonst heißt es gleich: das Alter ist geschwätzig.

Nur eins noch höre. Als nach langer Trennung

Du heute kamst mit Deinem schwarzen Jungen

Und seiner blonden Schwester, die kaum zählt

Der Jahre zwei und just so ernsthaft schaut

Wie einstens Du -- da fiel mir Alles, Alles

Urplötzlich ein, vom Größten zum Geringsten,

Was wir durchlebt in Treuen ... Ich gedachte,

Wie mit der Zeit sich stets der Kreis erweitert,

In dem ich sucht' und fand mein reinstes Glück:

Wie manches neue, kleine Wesen kam,

Das einen Platz erstrebte zwischen uns

Und ihn erhielt und jedes obendrein

Bei seinem Eintritt auch mein ganzes Herz.

Das ~ganze Jedes~ -- henkt die Mathematik!

Denn immer noch ein ganzes bleibt mir übrig,

Es zu verschenken, wenn es wieder gilt.

Nicht protzen möcht ich, aber solcher Reichthum

Ist unerhört in meinen hohen Jahren.

Ich dank' ihn Euch, so seid mir denn bedankt,

Ihr Großen und ihr Kleinen, Fernen, Nahen.

Durch meiner Liebe, Eurer Liebe Kraft

Begiebt an mir ein schönes Wunder sich:

»Die Kinderlose hat die meisten Kinder.«

So ist es.

Sie sagen mir: »Das Dichten reibt Dich auf.

Wir bitten, laß es! thu' das uns zuliebe.«

-- »Mir selbst zuliebe thät' ich's, wenn ich könnt'.«

-- »Du kannst, sobald Du willst. Doch daran fehlt's,

Am kräftigen Entschluß, sie zu besiegen

Die liebe Eitelkeit. Man lobt uns ja,

Und der an Lob gewöhnt, entbehrt es schwer.«

»Das weiß ich nicht, doch eines weiß ich gut:

Ob tausendmal auch mehr, als sich gebührte,

Mir Schätzung wurde, dennoch, glaubt mir, dennoch

Mein armes Rühmchen wär mir feil, und mit

Entzücken gäb' ich's für die Freiheit hin.

Ich diene ja, seht Ihr, bin willenlos

In meines Dämons Macht ... Wie nenn ich ihn?

Heißt er vielleicht, -- daß Gott erbarm'! -- Talent?

-- Man sagt, die meisten, die von ihm besessen,

Sie wähnten ihn zu lenken, hielten ihn

Für ein Geschenk der gütigen Natur

Und pflegten sein mit stolzer, treuer Liebe.

Doch fass' ich's nicht. Ist's möglich denn, zu lieben

Was Dir das Höchste raubt, die Selbstbestimmung?

Was Dir mißgönnt die unbefang'ne Freude;

Entwerthet Deinen edelsten Genuß

Durch seiner Flüsterstimme rastlos Mahnen:

-- Besinne Dich! was machst Du wohl daraus?

Gäb's nicht ein Bild -- ein Streiflicht -- ein Detail?

Der Dämon nimmt Dein Herz, stiehlt Dir die Seele,

Er füllt allein Dein ganzes Denken aus.

Du hast nur ihn; ja Dein ureignes Leben,

Dein menschlich Irren, jegliches Empfinden,

Dein glühend Mitleid, Haß und Zorn und Schmerz,

Dein stillstes Sehnen, Dein geheimster Traum --

In seinem Dienst wird alles ausgemünzt.

-- Und dann? was dann? ... Ach Zweifelsqualen, denn,

Ob auf der Münze auch die Prägung echt,

Und angethan, zu dauern wie das Gute,

Wie ~nur~ das Gute dauert und besteht; --

Das bleibt Dir unbekannt und bleibt es Jedem,

Der mit Dir wandelt noch im Tagesschein.«

Dünkt Euch dies Schicksal so beneidenswerth,

Ertrüg' es Einer, der es wenden könnte?

O Himmel! wenn ich's könnte, ginge mir

Im Alter noch ein neues Leben auf,

Ein Leben voller Ruhe, voller Frieden,

Und abgeschlossen ganz in meiner Liebe

Zu Euch, Ihr Menschenkinder, Brüder, Schwestern.

-- So nach wie vor blieb Euer Leid das meine,

Und Euer Glück durchsonnte mir das Herz,

Doch Euch zu schildern hätt' ich aufgehört.

Einschlafen.

Der Tag ist aus, und nun -- wie himmlisch wohl wird's thun,

Vergessend seine Müh'n in sanftem Schlaf zu ruh'n.

-- Es war ein harter Tag. -- Vorüber und vorbei!

Gott gebe, daß, der kommt, ein minder harter sei;

Wenn nicht -- nun denn, nun denn! -- zu leiden und zu streben,

Ob mit, ob ohne Lohn, das nennen wir ja leben.

Die oft ersehnte Stund', sie bleibt nicht aus am Ende,

Da man zu ew'ger Rast darf kreuzen seine Hände.

Erlösungbringer Tod! wer hat nicht dein gedacht,

Als er sich hingestreckt zum Schlaf in stiller Nacht?

Der Schlaf ist kurzer Tod, wir können Probe halten

Vom dunkeln Schicksalsstück, darin als Held zu walten

Jedwedem einst bestimmt. -- Wär's Jedem auch beschieden,

Mit sich und mit der Welt dahinzugehn in Frieden.

In sel'gem Frieden ... Ach, braucht ich zu wünschen nur,

Die Menschen hätten ihn, ihn hätte die Natur,

Kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm,

Ich schafft auch Ruh dem Meer, der Wolke und dem Sturm ....

Ein sonderbares Wort hab' ich dereinst vernommen

Und konnt' darüber nie zu voller Klarheit kommen.

-- Nirwana war das Wort. Das heißt ... o Müdigkeit! --

Nicht denken jetzt, nicht mehr -- es ist ja Schlafenszeit,

Willkommen, holde Zeit; sei gnädig mir, entrücke

Mich allem Leid.

Ich wollt', ich fänd' einmal die Brücke,

Die aus dem wachen uns, dem voll bewußten Sein,

Ins halb bewußte Reich des Traumes führt hinein.

Ein zarter Wunderbau, ein räthselhafter Steg,

Nur das geschloss'ne Aug' entdeckt zu ihm den Weg. --

Ei horch, wie's summt und klingt: -- die Spieluhr regt sich wieder

Und bringt ihr Liedchen vor vom muntren Seifensieder ...

Der es so gerne hört, mein ferner Liebling, Du,

Wann endlich kehrst Du heim? wann jauchzst Dein Gruß mir zu?

Viel Zeit muß noch vergehn, und Sommer muß es sein,

Und linde Luft muß wehn durch unsern Fichtenhain ...

Da steht er ja, er selbst -- umhaucht von Harzesduft,

Die Wipfel ragen schlank und schimmernd in die Luft --

Ich seh' die Wiesen rings im Frühlingsglanz sich breiten

Und durch das junge Grün ein junges Kindlein schreiten.

So komm! -- wo bist Du nun? ... gar nirgends zu entdecken --

Beim ersten Wiedersehn spielt schon das Kind Verstecken -- --

Mit ihm entschwand der Tag; schneeweiße Nebel wallen,

Die qualmend sich zerstreu'n, die sich zusammenballen --

Und jetzt -- o Seligkeit -- o Himmelsblumen: Sterne!

Ich schweb', im Wolkenraum ... aus lichtverklärter Ferne

Erhebt sich's wie Gesang so mild und rein --

Ich schlafe nicht, noch lange nicht -- o nein -- -- --

Spruchverse.

Was Gutes Du gethan und nicht vergessen hast,

Allmälig wandelt sich's in Unrecht fast.

Begang'ne Schuld, denkst ihrer Du mit Schmerzen,

Verklärt zur Tugend sich in Deinem Herzen.

Die Großen säen,

Die Kleinen mähen,

Die Kleinsten heimsen ein

So war's -- so wird es sein.

Ein Mensch -- und stolz? O sieh, Dein Thun,

Dein Lassen, Deine Meinung,

Das Alles ist, Du selber bist

Des Scheins Reflexerscheinung.

Verständniß für jedwedes Leid,

Erbarmen mild mit jedem Fehle;

Daran in dieser Zeitlichkeit,

Erkennst Du die erwählte Seele.

Die Eintagsfliege, wie so manche Leute,

Vergönnt sich keine Freude an dem Heute,

Denn ruh- und rastlos immer muß sie sorgen,

arme Eintagsfliege -- für das Morgen.

Freundeslob und Feindestadel

Sind von zweifelhaftem Adel.

Es ist noch Jeder leicht durch diese Welt geschritten,

Der gut zu danken wußt', und wußte gut zu bitten.

's ist Alles schon gesagt, man kann nur wiederholen

Der ehrlichste Poet hat unbewußt gestohlen.

Zwei Dinge lern' geduldig tragen:

Dein eigen Leid, der Andern Klagen.

Unsterblich wandelt durch der Zeiten Frist

Das Werk des Denkers, der ein Künstler ist.

Ein Federheld von echtem Muth,

Der greift beherzt nach seinem Gut

Und Alles, was er brauchen kann,

Sieht als sein Eigenthum er an.

Wie lang' hat sich geübt im Täuschen und im Lügen,

Der endlich sagen darf: Mich kann man nicht betrügen?

Das Selbstvertraun, der feste Wille,

Auf die zuletzt kommt Alles an.

»Mein Freund, ins Schwarze zielt ein Jeder,

Doch trifft es nur der rechte Mann.«

Magst den Tadel noch so fein,

Noch so zart bereiten,

Weckt er Widerstreiten.

Lob darf ganz geschmacklos sein,

Hocherfreut und munter

Schlucken sie's hinunter.

Den alten Aposteln

Fast gleichen die jungen,

Nichts fehlt ihnen mehr

Als feurige Zungen.

Sich des Unrechtes wehren

Allezeit bringt Ehren.

Den Menschen, den nur Neider hassen,

Den muß der Neid selbst gelten lassen.

Was noch so fein Philosophie gesponnen,

Das bringt die Poesie ans Licht der Sonnen.

Nur der das Leiden kennt,

Kennt auch ein heiß Erbarmen;

Der selber darbt, der giebt;

Großmüthig sind die Armen.

Gänsezug.

Die erste Gans im Gänsezug,

Sie schnattert: »Seht, ich führe!«

Die letzte Gans im Gänsezug,

Sie schnattert: »Seht, ich leite!«

Und jede Gans im Gänsezug,

Sie denkt: -- Daß ich mich breite

So selbstbewußt, das kommt daher,

Weil ich, ein unumschränkter Herr,

Den Weg mir wähl' nach eignem Sinn,

All meiner Schritte Schreiter bin

Und meine Freiheit spüre!

Die Erdbeerfrau.

»A loadi's Erdbeer-Jahr, natürli, gel'?

Am Benno-Tag, der Frost, der hat's dawischt!« --

Sprach sie mich an und lächelte dazu

Mit welkem Mund und wasserblauen Augen,

So harmlos wie ein Kind, die dürre Alte.

»Recht schlimm für uns, und schlimmer noch für Euch,«

Erwidert' ich, »Ihr kommt um den Verdienst,

Den besten wohl im Sommer.«

»I? No wiss'ns,

Geit's ihrer weni, wern's halt besser zahlt

Die Erdbeer, gar die schöni, aus'm G'stoan,

Wie ebba selli da!«

Sie rückt hinweg

Den Deckel ihres Korbs, und drinnen lagen

Auf Tannenreislein und auf frischen Blättern

Erdbeeren duftend und so purpurroth,

Daß schon ihr Anblick eine Labung war.

Der Alten bot er wahren Hochgenuß:

»Die wachs'n auf'n Stauf'n, in die Schlucht'n,«

Sagt sie und hebt voll Finderstolz ihr Körbchen.

Ich hätte seinen Inhalt gern erworben;

Er war verkauft. Vom Berge kam die Frau,

Nach langem Tagewerk, war hungrig jetzt,

Ein wenig müd' und sehnte sich nach Hause.

»Es warten Eurer«, meint' ich, »Eure Kinder

Und kleine Enkel dort.«

»Auf mi' wart' koa's,

I bin alloa,« gab sie zerstreut zurück,

Und mit der Rechten ihre Augen deckend,

Blickt' in die Sonne sie, die goldig fluthend

Soeben hinter Bergeshöh'n versank.

»Da schaug'ns hin, zum Zwisl schaug'ns hin,

Da bin i morg'n um die Zeit scho' g'west.

Gon Ab'nd hoaßt's zur Alm no auffikrabin,

Im Heubüh drob'n schlaft ma woltern guat

Und fruh um zwoa geht's ani scho' in d'Staud'n.«

Und wieder lag auf ihrem greisen Antlitz

Das Kinderlächeln, das mich gleich bezwang,

Als sie nun sprach von ihren Wanderungen

Im Morgendämmer und beim Sonnenaufgang,

Durch Waldesdunkel, durch das Felsgeklüft,

Und drob so Müdigkeit vergaß, wie Hunger.

Ein Jäger nur erzählt mit solcher Freude

Von seinen Abenteuern auf der Pirsch,

Wie von den ihren sie »beim Erber'-Brocken.«

Mit stillem Neide horcht' ich. Aus der Noth

Nicht eine Tugend nur, auch Glück zu machen,

Das ist die allerhöchste Lebenskunst.

Ihr freilich mag sie leicht geworden sein,

Der schlichten, alten Freundin der Natur,

In diesem Dasein, halb im Traum geführt,

Dem Kampf der Welt entrückt, von Leiden frei.

»G'sund bin i, Gott sei Dank!« schloß sie vergnügt,

Und zwinkert' nach den gluthumsäumten Bergen

Voll Liebe hin, »und hon aa' koani Sorg'n.«

»Im Sommer, doch wie sieht's im Winter aus?

Mit Gottes Gnad', an diem, a bissl wiescht,

Ma hofft halt immer, daß bal' Frühling wird.

An Oaschicks bringt ihm scho' so kloanweis furt.«

»Das ist der Trost der Einsamen,« sagt ich,

Wie Ihr es seid, und wohl von jeher war't?«

Gutmüthig, heit'ren Spotts zuckt sie die Achseln,

Ob meines Irrthums. »Na, von jeher nit,

I hon amal a schön's A'wes'n g'heit,

An braven Mo', fünf Kinder -- ja amal!«

»Fünf Kinder? Hab' und Gut? Und steht allein

Und arm jetzt in der Welt? ... Wie ging das zu?«

»No, schiefri ebba. 's Unglück hat uns hoamg'sucht,

Verbrunnen san mer aa'«, gab sie zur Antwort

Und schien zu denken: Ei, was kümmert's Dich?

Doch mählich eines Bessern sich besinnend,

Hob leise seufzend sie von Neuem an:

»Vor dreizehn Jahren, -- warten's -- na, vor achtzehn,

Ja wirkli, achtzehn -- wie die Zeit vergeht!

Da is bei uns das großi Feuer g'west.

In d' Tenna ei'gschlag'n hat der Blitz von Himmi --

Und voll mit Troad wie's war, so is verbrunnen,

Und aa der Mo', sex Küh', zwoa Kinder, all's

Verbrunna.«

»Wie? Verbrannt?!«

»Ja, ja verbrennt.

Mi selba hat der Nachbar no am Zopf

Der damal armsdick war -- wer möcht' dees glaub'n? --

Herauszerrt aus die licht'rloh'n Flammen.

Die Gloabiger hon si' den Grund biholten,

Und wiar i gang'n, wiar i g'stand'n bin,

So bin i von der Brandg'stätt weiterzog'n.«

»Mit Euren Kindern?«

»Jo, mit denen drei,

Die übri blieb'n san, zwoa Diendln und

An kloan'n Bueb'n,« entgegnet sie gelassen.

»Und dann? Wie habt Ihr dann Euch fortgeholfen?«

Sie hob den Kopf empor: »No, ehrli halt.

Viel g'arbeit, viel, und aa' a biß'l' bet',

A biß'l nur, denn damaln, wissen's, Frau,

Da war i bös mit unsern lieben Herrgott,

Und bin's aa' blieben no a lange Weil',

Denn oans vo meini Diendln is schlecht g'rath'n

Und leit da drauß'n ~vor~ der Kirchhofmauer,

I mach en Umweg, mueß i dort vorbi.«

»Die Zweite aber? -- die?«

»Die hat an Bauern,

In Hammerau, an reich'n, is versorgt.«

»Und sorgt für ihre Mutter, will ich hoffen.«

»Für mi? Was denken's denn? Sie hat den Mo',

Hat ihm ins Haus koan rothi Heller bracht

Und wird aa' koanen 'naustrag'n -- dees hoff' i!«

»Und Euer Sohn?«

»Seidat war'r, Schandarm ...

I sag, er war, jetzunder is er todt,

Erschoss'n von die Pascher an der Grenz'.

In letzten Hirgscht hon i die Nachricht kriegt.«

Sie sprach es langsam, leise, unbewegt,

Sann nach ein Weilchen; wie ein Lichtstrahl flog's

Erhellend freudig über ihr Gesicht.

»Der is mit mir gar oft in d' Erdber' ganga

Wier er a Bua no war und später aa',

Der hat die Berg so guot gekennt, wiar i.«

Sie blickte in die Weite, ganz verklärt

Vom sanften Glück des lieblichsten Erinnerns,

Und wandt' zum Gehen sich mit kurzem Gruß.

Doch plötzlich hielt sie an. Die lichten Augen

Erglänzten wild und stoben Zornesfunken.

An uns vorbeigeschritten kam ein Knabe,

Der in der Hand ein Schüßlein voll mit Beeren,

Armselgen, halbgereiften, trug. -- »Du Lump,«

Rief ihm die Alte zu, »kanst's nit derwart'n

Daß d' Erber' roth wer'n, muaßt di greani rupf'n?«

Mit hoch erhobner Faust bedroht sie ihn,

Und ein gewaltig Fluchwort flog ihm nah,

Als schleunig er und still die Flucht ergriff.

Dann aber ganz erregt vor Schmerz und Grimm

Sprach sie: »Dees is mei' allerirgster Kumma,

Wenn's d' Erber' brock'n u'reif und kloanleizi,

Ma mirkt's ja deutli, 's thuat der Pflanzen weh.

Sie wehrt sie drum, was sie nur ko', die Armi,

Just wier a Muatta um ihr liebis Kind,

Do' wenn die Frucht recht zeiti wor'n is,

Geits 's geduldi her; no jo, sie hat

Das ihre redli' tho', und denkt ihm halt:

Jetz' werst der endli aa dein Frieden gunna.«

Da stockte sie und sah mich fragend an,

Bestürzt beinah ob dieser Worte Sinn,

Der dämmernd nur ihr zum Bewußtsein kam,

»Wo wohnen's?« sprach sie hastig. »In Sankt Zeno.«

»Da kimm i lei' an nächst'n Sunnta hin,

Und Erber' bring' i Ihna, solchi haben's

No niemal koana gsegn. Bfüth' Ihna Gott!«

Inhalt.

I. Aphorismen.

Seite

Aerzte werden 47

Alberne Leute 74

Alle Enttäuschungen 56

Alle historischen 80

Alle irdische Gewalt 63

Alles wird uns 18

Als eine Frau 61

Alte Diener 23

Alt werden heißt 5

Am unbarmherzigsten 64

Am weitesten in 85

Am Ziele 88

An das Gute 18

An dem Manna 84

Andere neidlos 4

An die Stützen 70

An groß angelegte 38

Anmuth ist 5

An Rheumatismen 46

Anspruchslosigkeit 80

Arme Leute 26

Auch das kleinste 87

Auch der ungewöhnlichste 83

Auch die Tugend 12

Auch in ein neues 26

Auch was wir 22

Auf angeborne 47

Ausdauer ist 59

Aus dem Mitleid 54

Aus dem Verlangen 24

Ausnahmen sind 34

Autoren die 26

Begeisterung spricht 82

Begreifen 60

Bei den Hottentotten 75

Beim Genie 71

Beim Tode 23

Beim Wiedersehen 42

Besondere Stände 81

Bewunderung 41

Bis zu einem 66

Da zuletzt 65

Das Alter 12

Das edle: Ich will 39

Das Erfundene 62

Das Feuer läutert 66

Das Gefühl 67

Das Gemüth 59

Das giebt sich 40

Das Leben 75

Das Meiste 71

Das Mitleid 11

Das Motiv einer 12

Das Recht des 41

Das scheinbar 74

Das Talent 83

Das Tüttelchen Wahrheit 37

Das unfehlbare 57

Das Vernünftige 55

Das Verständniß 22

Das Vertrauen 12

Daß andere Leute 63

Daß so viel 78

Dem großen Dichter 50

Dem Hungrigen 56

Dem, der uns 68

Demuth ist 43

Den Angriffen 69

Den Feind 58

Denkfaulheit 27

Den Menschen 56

Den Strich 44

Der alte Satz 28

Der am unrechten 18

Der ans Ziel 57

Der Arbeiter 75

Der Arme 9

Der Augenblick 52

Der Charakter 33

Der Egoismus 64

Der eitle, schwache 26

Der Gedanke 24

Der Geist einer 22

Der Geist ist 15

Der Genius 49

Der Gescheitere 6

Der Gläubige 20

Der größte Feind 41

Der Hans 83

Der Haß 11

Der herbste Tadel 23

Der Hochmuth 4

Der Ignorant 79

Der kleinste Fehler 51

Der kleinste Hügel 85

Der Künstler hat 50

Der Künstler versäume 39

Der Leichtsinnige 77

Der Mann 27

Der Maßstab 50

Der niemals Ehrfurcht 45

Der Pfennig 75

Der Philosoph 35

Der Platz 73

Der Ruhm 80

Der Schmerz 27

Der Schwächling 34

Der sich gar 78

Der sich keine 30

Der Spott 56

Der Staat 44

Der Umgang 40

Der Verstandesmensch 6

Der Verstand macht 66

Der Verstand und 36

Der Verstand wird 74

Der völlig vorurtheilslos 81

Der von Schaffensfreude 76

Der Weise 42

Der Weltmann 62

Der Witzling 70

Der Wohlwollende 47

Der Zufall 4

Die Aenderung 63

Die allerstillste Liebe 71

Die Ambrosia 47

Die Aufgabe 72

Die bedauernswerthesten 41

Die Bescheidenheit 17

Die Consequenzen 7

Die einfachste 5

Die eingebildeten 11

Die einzigen 69

Die Eitelkeit 27

Die Empfindung des 32

Die Erfolge 74

Die Frau, die 64

Die Frau verliert 34

Die Gedankenlosigkeit 31

Die Gelassenheit 60

Die Geschichte hat 70

Die Gleichgültigkeit 53

Die glücklichen Pessimisten 4

Die glücklichen Sklaven 84

Die Grausamkeit 64

Die größte Gewalt 51

Die größte Gleichmacherin 59

Die größte Nachsicht 5

Die großen Augenblicke 70

Die Großen schaffen 35

Die Großmuth 87

Die Güte 13

Die Gutmüthigkeit 8

Die Herrschaft 39

Die jetzigen 4

Die Katzen 75

Die Kleinen 63

Die kleinsten Sünder 38

Die Kraft verleiht 69

Die Kritik 68

Die Kunst 67

Die Langweile 46

Die Laster 60

Die Leidenschaft 7

Die Leute 9

Die Liebe hat 15

Die Liebe überwindet 59

Die Litteratur 73

Die meiste Nachsicht 10

Die meisten Menschen brauchen 9

Die meisten Menschen ertragen 60

Die meisten Nachahmer 9

Die Menschen, bei 45

Die Menschen denen 19

Die Menschen der 67

Die Menschen die 49

Die Natur 51

Die öffentliche Meinung 78

Die Palme 60

Die Reue 74

Die Rücksichten 66

Die Sitte 63

Die Sittlichkeit 25

Die still stehende 82

Die Summe unserer 82

Die Thaten 49

Die Theilnahme 16

Die Thoren 14

Die Treue 84

Die unerträglichsten 30

Die Unschuld 61

Die uns gespendete 48

Die verstehen 3

Die Vornehmen 81

Die wahre Ehrfurcht 58

Die Welt gehört 52

Die Wortkargen 32

Die Wunden 76

Dilettanten 53

Du kannst so rasch 21

Du wüßtest 33

Echte Propheten 43

Ehen werden 8

Ein anregendes Buch 36

Ein armer 80

Ein böser Mensch 71

Ein Dichter 9

Eine gescheite Frau 28

Ein einziges Wort 50

Einen Gedanken 25

Einen Menschen 76

Einen mit Weisheit 73

Einer der seltensten 9

Eine ungeschickte 83

Eine Vernunftehe 29

Ein fauler 39

Ein ganzes Buch 47

Ein Gedanke kann 30

Ein guter Witz 43

Ein Hauptzweck 83

Ein Held 81

Ein litterarischer Dieb 35

Ein Mann, der 33

Ein Mann mit 36

Ein Nichts 45

Ein scheinbarer Widerspruch 29

Ein Schwachkopf 28

Ein stolzer Mensch 41

Ein Streit 30

Ein Urtheil 3

Ein wahrer Freund 35

Ein wirklich guter 47

Eiserne Ausdauer 6

Eitelkeit 61

Eltern verzeihen 21

Erinnere Dich 63

Er ist ein guter 32

Erstritten 37

Es darf so mancher 53

Es findet nicht nur 48

Es gäbe keine 46

Es gehört immer 31

Es giebt eine Menge 31

Es giebt eine nähere 82

Es giebt eine schöne 19

Es giebt Fälle 17

Es giebt Frauen 8

Es giebt Gelegenheiten 24

Es giebt keine 79

Es giebt mehr naive 42

Es giebt Menschen 67

Es giebt Menschen mit 18

Es giebt nichts Böses 28

Es giebt überall 42

Es giebt wenig 76

Es glaube doch 76

Es hat noch Niemand 4

Es ist die Frage 57

Es ist ein Unglück 13

Es ist schlimm 51

Es ist schwer 77

Es kommt alles 39

Es kommt vor 69

Es muß sein 61

Es stände besser 20

Es steht etwas 86

Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (1/10) · 第 6 / 7 段