lagen erschöpft. Die Güte allein wandelte über die Wahlstatt, munter
wie ein sprudelnder Quell, lieblich wie das Morgenroth, und labte die
Leidenden, und in dem Augenblick ließen sogar ihre Feinde es gelten:
Die Stärkste bist Du!
Verlorene Zuversicht.
Vor Jahren lebte in einer großen Handelsstadt ein Mann, dem alles,
was er unternahm, gelang, den niemals ein Mißgeschick traf, der von
Jugend an bis ins reife Alter nur Freude und Erfolg erlebte und nur
Dankbarkeit und Treue erfuhr. Plötzlich verwandelte sich sein Loos; er
sank ins Elend; er lernte den Undank und die Bosheit kennen, und allem,
was er liebte, drohte Gefahr. Eben so rasch jedoch, als es sich von
ihm gekehrt, kam das Glück ihm zurück, ersetzte ihm zehnfach, was er
verloren hatte, überschüttete ihn und Die, die ihm theuer waren, von
Neuem mit seinen reichsten Gaben.
»Nun,« fragte Jemand, »bist Du zufrieden? Du hast es wieder, Dein
Glück.«
»Ach,« antwortete er, »wo ist meine Zuversicht! Ich habe ein Glück
wieder, das mich schon einmal verlassen hat.«
Am Ziel.
Es war einmal ein reicher Mann, der am Wohlthun eine so große Freude
fand, daß er ihretwegen jede andere Freude, ja sogar jedes eigene
Behagen aufgab. Er wohnte in einer Dachstube, nährte und kleidete sich
ärmlich, und galt in Folge dessen bei allen seinen Bekannten für einen
abscheulichen Geizhals. Obwohl er das wußte, brachte er es doch nicht
über sich, irgend Jemandem einen Einblick in seine Vermögensverwaltung
zu gestatten. Sich selbst gab er von derselben genaue Rechenschaft in
einem Buche, das er sorgfältig führte, und das er Denen zu hinterlassen
gedachte, deren Tadel ihn am meisten verdrossen hatte.
Er wurde alt, und am Ende seiner Tage und seines Reichthums angelangt,
blieb das Buch sein Glück, seine Erquickung. Wenn er darin las, stiegen
beseligende Erinnerungen vor ihm empor; er sah Verzweifelte wieder
hoffen, sah gebrochene Menschen sich aufrichten an seiner Hand. Und die
todten Buchstaben belebten sich, und aus den stummen Blättern klang es
wie leises Jauchzen heraus, wie hold geflüsterter Segen.
Die Sterbestunde des Greises kam; zum letzten Male griff er nach
seinem Buch und dachte: ich gehe, aber du bleibst und wirst von mir
erzählen. --
Da durchblitzte ihn plötzlich die Frage: und was? -- daß mir unrecht
geschehen ... den Einen gleichgültig, den Andern ein ewiger Stachel?
Wem zum Nutzen? Keinem. Nur mir zum Nachruhm ...
Beschämt senkte er sein Haupt. Angesichts der großen Stunde, wie klein
erschien ihm, womit er sich vertröstet hatte, viele Jahre hindurch! Wie
klein, wie eitel!
Und nun verbrannte er das Buch und freute sich, daß seine erlahmenden
Hände noch die Kraft dazu fanden; und mit den verglimmenden Blättern
zugleich erloschen seine Augen.
Eine dumme Geschichte.
I.
Vor langer Zeit lebte in einem deutschen Gau ein gewaltiger Ritter.
Er hatte eine herrliche Burg; er hatte kühne und wehrhafte Knechte;
er hatte weite Ländereien, die er alle selbst erobert, und große
Reichthümer, die er alle selbst zusammengeraubt. Er hatte auch eine
schöne und tugendsame Frau. Sie hieß Dina, die Erhabene, hätte aber
eigentlich die Demüthige heißen sollen. Still und fleißig waltete sie
tagsüber am Herd und am Webstuhl, und wenn der Abend einbrach, stieg
sie zum Söller empor und lugte aus nach ihrem reisigen Herrn.
Sobald sie ihn erblickte, ließ sie ihr goldgesticktes Taschen-Fähnlein
wehen und eilte ihm entgegen in den Burghof. Dann geleiteten sie
und ihr Page den Ritter in sein Gemach, wo er sich auf das mit
einem Bärenfell bedeckte Lager warf, seinem holden Weibe die Beine
entgegenstreckte und sprach: »Stiefel!«
Und sie nahte in liebevoller Dienstbeflissenheit und zog ihrem Gemahl
die, je nach der Jahreszeit, mit Staub, Koth oder Schnee bedeckten
Stiefel aus.
Müßig (bis auf einiges Zähneknirschen) stand der Page, ein Jüngling,
voll zarter Empfindung daneben und dachte: deß sollte sie sich doch
nicht unterwinden, trotz aller Weibesgüte und Tugend, deß doch nicht!
Und mehrmals, hingerissen von seinen Gefühlen, wagte er's und erhob
seine Stimme zu wohlgesetzter Rede:
»Ueberlasse mir, o Herrin, hochgemuthe, des Stiefel-Ausziehens
unrühmlich Bemühen.«
Aber sein Flehen verhallte unbeachtet, und was er darüber empfand, war
ein tiefer Gram. Seine Heiterkeit verschwand; er wandelte dahin, wie er
nie geahnt hatte, daß man wandeln könne -- in Gedanken.
Und sein Sinnen war kein todtes, vielmehr ein mit reichen Keimen
belebtes, die nach Entfaltung rangen, wuchsen und endlich aus ihrem
Schattenreiche hinaus in die wirkliche Welt gelangten, als die gereifte
Frucht eines erfinderischen Geistes, als ein Werk!
Man hatte ihn gesehen, kleine Klötze zuhauen und in den sogenannten
Pagenthurm hinauftragen, und hatte ihn die Nächte hindurch bis zum
frühen Morgen sägen, hobeln, raspeln gehört. Sein Thun blieb ein
geheimnißvolles; er verweigerte jegliche Auskunft darüber, wurde sehr
mager, und aus seinen Augen leuchtete jene Seligkeit, die durch das
Bewußtsein eines von Erfolg gekrönten Strebens hervorgerufen wird.
Ein schöner Sommertag ging zur Rüste; schon brach der Abend herein,
als Hörnerklang ertönte; der Herr an der Spitze seiner Mannen kehrte
heim. Er hatte sich erkältet, war ganz heiser und sprach, vom Pferde
springend, zu der ihm Willkomm bietenden Gattin: »Würzwein!«
Sie eilte, das Verlangte zu bereiten; er, von dem Pagen allein gefolgt,
ging auf sein Zimmer. Als er sich dem Lager näherte, fiel ihm ein
seltsames Ding auf, das davor stand. Wie eine kleine Bucht zwischen
vorgestreckten Landzungen war es gestaltet und ruhte schräg, aber fest,
auf kurzen Füßen.
»Wer hat mir das gebracht, was ist das?« fragte er.
»Ich habe es gebracht und gemacht,« erwiderte der Page, und seine
Wangen erglühten in freudigem Schöpferstolz: »O Herr, es ist ein
Stiefelknecht.«
Er unterwies den Ritter im Gebrauche des neuen Hausgeräthes, und der
Ritter freute sich sehr darüber und zog zum puren Vergnügen die Stiefel
gleich zwei Mal nach einander aus und an.
Er war eben im Begriff, die Vortrefflichkeit der Erfindung zum dritten
Male zu erproben, als seine Hausfrau eintrat, den Würzwein in goldenem
Becher auf silberner Platte tragend. Beinahe wäre ihr beides entsunken.
»Was thut mein Herr?« fragte sie, und ihre schönen Augen füllten sich
mit Thränen. »Sind meine Dienste meinem Herrn entbehrlich geworden?
Vermag ein Stück Holz mich bei meinem Herrn zu ersetzen?«
Der Ritter entgegnete: »Nicht alleweil, nur in dem einen Fall.«
Aber dieser Trost tröstete sie keineswegs. »Wer hat die frevelige
Erfindung ausgeheckt, die mich in irgend einem Falle meinem Herrn
entbehrlich macht?« forschte sie mit Bangen.
»Der treueste Diener Dein, -- ich!« stammelte der Page und warf sich
ihr zu Füßen. Er bat um Gnade und Verzeihung und betheuerte die
Lauterkeit seiner Absicht. Habe sie ihren Zweck verfehlt, so trage
daran einzig und allein der Begriff schuld, den er von Frauenwürde hege.
Half alles nichts. Die Herrin blieb dabei, er habe sie um die Ausübung
eines ihr werthen Rechtes betrügen wollen, und befahl ihm, das
Werkzeug, welches arglistig dazu hatte dienen sollen, ins Feuer zu
werfen.
Dieser Befehl war von einem Blick begleitet, der dem armen Jüngling
das Herz zerschnitt und ihm verkündete, daß er die Huld seiner Herrin
unwiederbringlich verloren hatte. Der bittere Schmerz, von dem nur
die grausam Verkannten wissen, ergriff ihn, zugleich aber auch eine
mächtige Liebe für sein Werk. Er trug es empor in seine Thurmkammer,
schrieb dem guten Stiefelknecht eine genaue Gebrauchs-Anweisung auf
den Rücken und verbarg ihn in einer Vertiefung der Mauer, die er
mit Steinen verlegte. Dann weihte er ihn tiefbewegt dem Verständniß
kommender Geschlechter und entfloh beim ersten Morgengrauen.
Nie wieder hat man von ihm gehört; er ist vergessen und verschollen,
ein Märtyrer seiner Erfindung.
II.
Hundert Jahre später hauste der Ururenkel des gewaltigen Ritters auf
der Burg. Er war ein friedfertiger Herr, der sich der Gelehrsamkeit
befliß, und besaß eine kleine lebhafte Frau und zwei schöne Kinder. Die
spielten dereinst Verstecken im halb verfallenen Pagenthurm, fanden
dort im Schutte den Stiefelknecht und brachten ihn ihrer Mutter.
Die kleine Frau wunderte sich über das seltsame Ding, und da sie vor
lauter Neugier lesen gelernt hatte, machte sie sich gleich daran, die
Schriftzüge, mit denen es bedeckt war, zu entziffern. Dabei wurde ihr
Gesicht immer freundlicher; plötzlich lachte sie laut auf, und ihre
Kinder lachten mit; sie hüpfte und tanzte mit dem Stiefelknecht im
Zimmer herum, und die Kinder tanzten und sprangen wie Böcklein und
jubelten über den Jubel ihrer Mutter.
Der Freudentaumel hatte seinen höchsten Grad erreicht, da kam der Herr
Vater von der Gesundheits-Promenade, die er täglich zu unternehmen
pflegte, nach Hause. Er steckte den Kopf zur Thür herein und sagte:
»Unziemlich ist es zu jubeln und zu tanzen am Wochentage. Weichet
hinweg zur Schulstube, ihr Kinder, und Du, Thusnelda, Geliebte, zieh'
mir die Stiefel aus.«
»Schwerlich, schwerlich«, sprach die kleine Frau und machte dazu einen
complicirten mittelalterlichen Knix, »für die Stiefel meines Herrn hat
sich ein Knecht gefunden, die Magd kündigt den Dienst,« und sie stellte
den Stiefelknecht dem Gatten vor die Füße.
»Thuschen, wonnevolle,« war Alles, was er im ersten Augenblick
hervorbrachte.
Er mußte sich auf einen Sessel niederlassen, denn ihm schwindelte.
Vor seinem ahnungsvollen Geiste stieg ein neues Capitel der damals
noch völlig unbekannten Culturgeschichte auf. Er sah alle Frauen dem
Beispiel der seinen folgen, und alle Männer darauf angewiesen, sich
ihrer Stiefel von einem fühllosen Instrumente entledigen zu lassen
statt von liebender Hand.
»Mein armer Sproß,« sprach er nach einer langen Pause und legte die
Rechte auf seines siebenjährigen Söhnleins Haupt. »Die gefüge Magd
kündigt den Dienst. Hast Du's gehört und wird Dir schlimm wie mir?
Unfroher Zukunft reift mein Sproß entgegen; verschoben zwischen Mann
und Frau ist das Verhältniß.«
»Nur ein wenig zurechtgerückt,« versetzte Thusnelda und streichelte
ihres Töchterchens Locken.
»Mich jammert Deines Irrwahns,« klagte der Gatte; »hinweggetilgt mit
der minniglichen Frauen Demuth wird des Hauses Eintracht sein.«
»Ja, ja,« erwiderte sie, »die Eintracht zwischen Unterwürfigkeit und
Gewalthaberei wird wohl hinweggetilgt sein.«
Er sah sie mit großen, runden, bestürzten Augen an.
»Sollen wir hinkünftig auch die Kindlein in die Welt setzen und ihrer
warten?« fragte er.
Die Frau schlug die Hände zusammen: »Gott steh' mir bei! von den Lippen
meines Hochgelahrten entfleucht Unsinn.«
Und er wurde böse und sprach: »Wer hat Dir solche Rede zu mir erlaubet?
Meine Zornwuth weckst Du. Törichte Weiber! Preis zu erjagen gedenket
Ihr, und werdet sinken im Preise und sitzen bleiben Alle! Kein
mannlicher Mann wird werben um ein Gespons, das sein nicht magdlich
pflegen will. Unweise und untergeordnet in allen Stücken dem Manne seid
Ihr Weiber. Was an Euch ehren soll er, wenn nicht die Ehre, so Ihr ihm
bietet; was lieben an Euch, wenn nicht die Liebe, so Ihr zu ihm traget?
...«
Er wollte noch weiter reden, aber Thusnelda unterbrach ihn durch ein
lautes Gelächter. »Schön Dank für dieses Geständniß, o Du mein trauter,
aufrichtiger Geselle!« sagte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals.
Die Ehegatten umarmten einander, während ihre Kinder sich in der
entgegengesetzten Ecke des Gemaches prügelten, weil das Bübchen gesagt
hatte, es werde nie eine Frau nehmen, die sich weigere, ihm die Stiefel
auszuziehen, und das Schwesterchen ihm dafür eine Ohrfeige versetzt
hatte.
»Laßt ab vom Kampfe, Ihr Kinder,« befahl der Vater. »Vernunft
angenommen hat die reine Süße, Eure Mutter.«
»O weh!« jammerte sie, ihr hübsches Köpfchen zur Achsel neigend. »Wie
thut das Herz mir weh, daß ich eine Frau nur bin, und demnach unweise,
demnach unfähig, Vernunft anzunehmen. So hat mein gelahrter Herr
gesagt, und seinem Worte darf ich nicht zuwider handeln.«
»Nicht zuwider handeln,« murmelte der Gatte und versank in tiefes
Sinnen. »O liebe Frau, die Folgen sind unabsehbar,« sprach er endlich,
seufzte und -- bediente sich des Stiefelknechts.
Der junge Fürst.
Ein junger Fürst, der Liebling vieler Götter, übernahm, nach Jahren der
Vorbereitung zu dem wichtigen Amte, die Regierung seines Reiches.
Von den Göttern geladen, fanden viele herrliche Gäste sich bei der
Krönungsfeier ein, nur eine der Gerufenen blieb aus -- die alte, gute
Mutter Erfahrung. Sie behauptete, erst später kommen zu können.
Nachdem die Festlichkeiten vorüber waren, versprachen die Götter dem
Fürsten noch die Gewährung der drei ersten Wünsche, die er zu ihnen
emporsenden werde, und nahmen Abschied von ihm.
Er aber, wohl erkennend, worin seine Aufgabe bestand, ging freudig
an ihre Erfüllung. Besser wollte er die Menschen machen und dadurch
glücklicher. Zur Liebe wollte er sie erziehen, zum Mitleid; er wollte
in jedem Einzelnen einen Feuereifer, für fremdes Wohl, eine freudige
Achtung für fremdes Verdienst erwecken. Ein edles Beispiel alles
Vortrefflichen leuchtete er seinem Volke voran und suchte es zu
bewegen, ihm nachzufolgen. -- Umsonst! Außer der kleinen Schar, die ihn
von allem Anfang an begleitet hatte, schlug Niemand seine Pfade ein.
Nach einem Jahr nutzlosen Strebens rief er zu den Göttern:
»Unüberwindlich böse Mächte vergiften mir mein Volk und lassen es nicht
genesen von Unrecht und Leid. Nehmt die unheilbare Krankheit hinweg,
die an ihm zehrt. Nehmt die unverbesserlichen hinweg, nehmt Jeden, der
keiner einzigen guten Regung fähig, Jeden, dessen Dasein nur Unheil und
Uebel für seinen Nebenmenschen ist.«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er sie bereute, meinend ein
Todesurtheil über viele Hunderte gefällt zu haben. Er lag bis zum
Morgen auf den Knieen und weinte vor den Bildern seiner Götter. Dann
begab er sich auf die Reise und fragte angstvoll in den Städten und
Dörfern umher: »Sind heute Nacht viele Leute gestorben?«
Und allenthalben hieß es: »Nicht mehr als gewöhnlich,« und er wußte
nicht, was er davon denken sollte.
Erst bei der Heimkehr in seinen Palast wurde er mit der Nachricht
empfangen, daß einer seiner vertrautesten Räthe plötzlich
dahingeschieden sei.
Zwei Jahre verflossen; so fern wie je stand der König von seinen Zielen.
Und abermals betete er zu den Göttern:
»Ich seh' es ein, nicht an den ganz Verderbten scheitert der
Fortschritt im Guten, dazu giebt es ihrer zu wenige. Seine wahrhaft
unüberwindlichen Feinde sind die Lauen, die Gleichgültigen, die
Selbstsüchtigen, diese tilgt hinweg, ihr Allmächtigen!«
Am nächsten Morgen begab er sich wieder auf die Reise und nahm seinen
jüngeren Bruder mit, der ihm das Theuerste auf Erden war.
Das goldgeschirrte königliche Gespann flog schimmernd durch die Gefilde
des reichsten und schönsten Landes, und auf allen Wegen und Straßen
kamen lange Leichenzüge ihm entgegen und alle Todtenglocken schallten,
und kein Kirchhof, noch so groß, war groß genug, um alle Särge zu
fassen, die ihm zugeführt wurden.
Wo der König sich zeigte, allerorten rief man ihm entgegen:
»O Herr, Dein Reich ist entvölkert!«
»Es ist gereinigt!« dachte er, »das Unkraut ist ausgerottet, nun sollen
goldene Saaten reifen ...«
»Eines nur noch, das letzte, gewährt mir, Ihr Götter! Gleichen Sinnes
mit mir laßt die Ueberlebenden sein, ~ein~ Streben beseele sie und mich
... Hab' ich noch einen Widersacher unter ihnen, giebt es einen, der
mir je den Tod gewünscht hat -- er sterbe!«
Laut sprach's der König, und wie vom Blitze des Himmels getroffen,
stürzte der blühende Jüngling an seiner Seite zusammen. Ein gräßlicher
Schrei ertönte: »Du? -- mein Bruder -- Du?«
Der Wagenlenker wandte sich entsetzt -- Wahnsinn dräute ihm entgegen
aus dem Antlitz seines Herrn, und wahnsinnig war, was sein Herr beging.
Die Zügel riß er an sich und schleuderte sie über die feurigen, mühsam
nur gebändigten Rosse hin und rief: »Lenkt ihr! lenkt Euch selbst und
mich!«
»Ins Verderben!« jammerte sein Diener in bleicher Todesangst, und den
König ergriff ein Erbarmen, er hob den Zitternden empor und warf ihn
hinaus aus dem Gefährt, ins hohe Wiesengras.
Er selbst jedoch, der Willkür der jagenden Rosse überlassen, stürmte
dahin mit fliegenden Locken, den Fuß auf die Leiche des Bruders
gesetzt. Stürmte vorbei an den Wohnungen der Menschen, über rasselnde
Brücken, über Niederungen und Höhen, durch wogende Felder, durch die
schweigende Oede. Endlich sausten die Rosse einen jähen breiten Waldweg
hinab und brachen in der Tiefe nieder, ein wilder, lebendiger Knäuel.
Neben ihnen, besinnungslos, lag der König.
Als er zum Bewußtsein erwachte, war es Nacht, der Mond schien hell
und leuchtend in den Thalkessel hinein. Im Scheine seines weißen
Lichtes entwirrte der König die Zügel und Stränge, in denen die Pferde
sich verwickelt hatten, half ihnen auf und gab ihnen die Freiheit.
Dann begrub er seinen Bruder unter den hohen Bäumen und wanderte
fort; wanderte bei Nacht, verbarg sich bei Tag und gelangte bis an
die äußerste Grenze seines Landes. In einem Dorfe tauschte er seine
Kleider mit denen eines Hirten und lebte jahrelang unerkannt bald da,
bald dort, pflegte die Kranken, betreute die Greise und die Kinder
und wunderte sich, wenn er bei diesen Kindern Fehler wiederfand, die
er meinte aus der Welt geschafft zu haben. Und er verwies sie ihnen
theils mit Strenge, theils mit Sanftmuth und stand ihnen liebreich bei
im Kampfe menschlicher Schwäche mit menschlichem Vervollkommnungstrieb.
Er war ein reifer Mann geworden und ruhte eines Abends nach
angestrengtem Tagewerk vor der Hütte, die er bewohnte, aus. Da näherte
sich ihm ein Weib, steinalt, aber rüstig, mit ernsten, klaren Augen,
und wollte bei ihm bleiben und ihm dienen.
Und er, statt ihr zu danken, sprach vorwurfsvoll:
»Erfahrung, verläßlichste, unentbehrlichste Führerin, warum hast Du
Dich fern von mir gehalten in den Tagen meiner Macht? -- jetzt kommst
Du zu spät!«
Seufzend antwortete die alte Mutter:
»Das ist mein schweres, mein gewohntes Loos.«
Kosmogonie.
I.
Im Urwalde tief verborgen befand sich ein großartiger Ameisenbau. Das
Völkchen, das ihn bewohnte, war fleißig und weise; es hatte sich im
Laufe der Jahrhunderte eine vortreffliche Verfassung und ebensolche
Gesetze gegeben. Die Wissenschaften wurden in Ehren gehalten, die
Künste gepflegt; so blühten sie denn auch und trieben reiche Früchte.
Fortwährend entdeckten die Gelehrten ewige Wahrheiten, und die Künstler
hörten nicht auf, unsterbliche Werke zu schaffen. »Eine Civilisation
wie die unsere,« sagten die Ameisen, »kann nicht mehr untergehen.
Künftige Geschlechter werden das Erbe antreten, es vermehren und in
unaufhaltsamem Fortschritt zu einer Vollendung gelangen, von der sogar
das ameisliche Ahnungsvermögen sich keinen Begriff machen kann.«
In diesem Hochgefühle schwelgte die Nation, und es begeisterte sie zu
immer neuen und edleren Bestrebungen.
Da ereignete es sich, daß eines Tages ein Löwe des Weges kam. Er
bemerkte den Ameisenbau nicht und schritt gemächlich mit breiten Tatzen
über ihn hinweg. Dabei wedelte er mit dem Schwanze, denn ihm war
heiß, und wedelte den ganzen Bau sammt seiner Cultur und den ewigen
Wahrheiten und den unsterblichen Kunstwerken so gründlich fort, daß
keine Spur von ihnen übrig blieb.
II.
»Schau',« sagte ein Kolibri zu seinem Weibchen, das neben ihm auf einer
Lianenblüthe saß, »da hat ein großer Erdentreter eine Menge kleiner
Erdentreter vernichtet.«
Das Weibchen zwitscherte: »Schade! Diese kleinen Klümpchen sind so nett
hin und her gerollt um ihren großen Klumpen; es schien fast, als ob sie
es wären, die ihn wachsen machten. Ich habe mich manchmal gefragt,«
setzte sie nach einer Pause hinzu und bemühte sich, geistreich
auszusehen, »ob sie sich nicht am Ende doch absichtlich bewegen und
einen Willen und sogar einen Ansatz von Seele haben.«
»Gerade soviel als die Blätter der Bäume. Die rühren sich auch
zeitweise; sind deshalb sie die Ursache seines Wachsthums?« spöttelte
das Männchen. »Nein, geliebte Einfalt, schreibe ihnen nicht zu, was
das alleinige Erbtheil der ersten unter den geflügelten Lebewesen ist
-- der Vögel, und ganz besonders der Kolibri, weil sie die Feinsten,
die Schönsten sind, und weil die Geschwindigkeit ihres Fluges mit
der Geschwindigkeit des Schalles wetteifern kann. Für uns scheint
die Sonne, für uns bringt die Scholle, das Wasser, die Luft Nahrung
in tausendfältiger Gestalt hervor. Wir sind der Mittelpunkt alles
Seienden, vollendete Vögel, angefangene Engel; denn als solche schweben
die seligen Geister unserer Vorfahren um das Nest des höchsten Engels,
nach dessen Vorbild wir geschaffen sind, der Himmel und Erde und das
Schicksal jedes einzelnen Kolibris in seinen mächtigen Fängen hält.«
Das Weibchen verstand ihn zwar nicht, bewunderte ihn aber doch sehr,
beeilte sich auch, ihm Recht zu geben, denn sie befanden sich noch in
den Flitterwochen.
Brautwahl.
I.
Es war einmal ein Märchenprinz, der edelste, schönste, liebenswertheste
von allen, die es je gegeben hat. Als er sechsundzwanzig Jahre alt
geworden, ließ die Königin, seine Mutter, ihn rufen und sprach zu ihm:
»Die Zeit ist gekommen, in welcher Du eine Lebensgefährtin wählen und
einen Hausstand gründen sollst. Bekanntermaßen findet man die besten
Frauen, die es heutzutage giebt, auf dem Planeten Erde. Dort lebt auch
die holde, Dir bestimmte Braut, ein Wesen, lieber Sohn, Dir gleich an
Seelenadel.«
Der Prinz erröthete aus Bescheidenheit, und die Königin fuhr fort:
»Aber nicht ohne Weiteres kann ein so köstliches Gut Dir zu Theil
werden, Du mußt es Dir verdienen.«
»Wodurch, o Mutter?«
»Durch rastloses Suchen, o Sohn.«
»In welcher Gegend der Erde?«
»In Europa.«
»Auf dem Lande; in den Städten?«
»In einer Hauptstadt, unter den Töchtern des höchsten Adels. Du weißt
genug; nun gehe, mein Sohn.«
Aber dieser rief: »Und das Erkennungszeichen? ... Nur das noch sage
mir, woran erkenn' ich sie?«
Die Königin stieg von ihrem Throne nieder und flüsterte ihrem Sohne
einige Worte ins Ohr.
II.
In den vornehmsten Gesellschaftskreisen einer großen Stadt war
plötzlich ein junger Mann aufgetaucht, der allenthalben Liebe und
Bewunderung erweckte. Alle historischen Namen wurden von dem seinen,
der dem Mythus angehörte, verdunkelt. Sein Stammbaum war so lang,
daß er nicht einmal in der längsten Straße der Stadt ganz aufgerollt
werden konnte; sein Reichthum schien unermeßlich, seine Großmuth war
es. Hochgeboren, edel und reich, was brauchte er außerdem noch zu sein,
um die Herzen der Töchter und die Zustimmung der Eltern im Sturme
zu erobern? So ritterlich und bescheiden wie er hatte noch nie ein
Mann den jungen Damen den Hof gemacht. Was sie aber am meisten an ihm
entzückte, das war seine Heiterkeit und sein Witz. Daß er den letzteren
stets auf Kosten des lieben Nächsten übte, daß der himmlische Prinz
ein Spötter war, hatten sie bald entdeckt und bemühten sich aus vollen
Kräften, diesen fadendünnen Spalt an dem Panzer seiner Vollkommenheit
zu erweitern.
Dies geschah aus weiblichem Instinkt.
Jedes Edelfräulein, mit dem er gelacht und gescherzt, war überzeugt,
seiner Schwäche am geschicktesten geschmeichelt und damit sein Herz
gewonnen zu haben. Doch keine dieser Hoffnungen erfüllte sich, und
eines schönen Tages war der Prinz ebenso plötzlich wie er gekommen --
verschwunden.
III.
Dasselbe wiederholte sich in vielen anderen Städten. Der Prinz begann
seine Freudigkeit einzubüßen; sein Witz wurde immer schonungsloser;
er spottete nicht mehr, er lästerte. Sein Erdenwallen, das fühlte er
wohl, machte ihn nicht besser, und am meisten kränkte ihn, daß er nur
in seinen eigenen Augen an Werth verlor. Die Väter, die Mütter, die
Töchter trieben nach wie vor Abgötterei mit ihm und verehrten jedes
seiner Worte.
»Ewiges Einerlei!« sagte er oft laut vor seinem ganzen Gefolge. »Ich
werde heimkehren zu meiner königlichen Mutter als alter Junggeselle.«