vor lauter Respekt.
80.
Die Treue ist etwas so Heiliges, daß sie sogar einem unrechtmäßigen
Verhältnisse Weihe verleiht.
81.
An dem Manna der Anerkennung lassen wir es uns nicht genügen, uns
verlangt nach dem Gifte der Schmeichelei.
82.
Ueberlege wohl, bevor Du Dich der Einsamkeit ergiebst, ob Du auch für
Dich selbst ein heilsamer Umgang bist.
83.
Wir sind Herr über unsere gerechtfertigten Neigungen und werden von den
ungerechtfertigten am Narrenseil geführt.
84.
Glaube Deinen Schmeichlern -- Du bist verloren; glaube Deinen Feinden
-- Du verzweifelst.
85.
Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf -- es kommt nur auf die
Entfernung an.
86.
Am weitesten in der Rücksichtslosigkeit bringen es die Menschen, die
vom Leben nichts verlangen als ihr Behagen.
87.
Der kleinste Hügel vermag uns die Aussicht auf einen Chimborazo zu
verdecken.
88.
Wir können es im Alter zu nichts Schönerem bringen, als zu einem milden
und anspruchslosen Quietismus.
89.
Nichts schwerer als Den gelten lassen, der uns nicht gelten läßt.
90.
Was Dein Wort zu bedeuten hat, erfährst Du durch den Widerhall, den es
erweckt.
91.
Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner
und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Entstehen zu, es überwacht,
ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder
weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine
Ausbildung hängt von der unserer edelsten Fähigkeiten ab. Es ist nicht
selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen;
es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen
hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein
Richter, es ist -- das künstlerische Gewissen.
92.
Die Großmuth ist nicht immer am rechten Platz, der Geiz aber ist immer
am unrechten.
93.
Auch das kleinste Licht hat sein Atmosphärchen.
94.
Wir sträuben uns gegen das Leiden, wer aber möchte nicht gelitten haben?
95.
Nenne Dich nicht arm, weil Deine Träume nicht in Erfüllung gegangen
sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.
96.
So reich unser Leben an wohlausgenützten Gelegenheiten war,
vortrefflichen Menschen nahe zu stehen, so reich ist es überhaupt
gewesen.
97.
Wie theuer Du eine schöne Illusion auch bezahltest, Du hast doch einen
guten Handel gemacht.
98.
Wohl finden wir unsere Worte auf den Lippen der Freunde wieder, aber
nicht mehr als unser, sondern als ihr Eigenthum.
99.
Am Ziele Deiner Wünsche wirst Du jedenfalls Eines vermissen: Dein
Wandern zum Ziel.
100.
Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen.
Parabeln und Märchen.
Die Mußmenschen.
Ein zum Tode verurtheilter Verbrecher entsprang seiner Haft kurz vor
dem Tage, an welchem er hingerichtet werden sollte, und gelangte
auf der Flucht in ein wildes Bergland, dessen Geklüfte ihm Schutz
vor den verfolgenden Häschern bot. Als der Hunger ihn zwang, seinen
Schlupfwinkel zu verlassen und einen wirthlicheren Aufenthalt zu
suchen, führte ihn sein Weg zu der Hütte eines alten Ziegenhirten, der
dem halb Verschmachteten Gastfreundschaft gewährte. Der Alte wurde
gesprächig, und erzählte unter Anderem von einem merkwürdigen Lande,
in welchem er viele Jahre seines Lebens zugebracht hatte. -- In diesem
Lande, sagte er, herrsche der Glaube an die Unfreiheit des menschlichen
Willens. Dort maße sich Keiner das Recht an, seinen Nächsten zur
Verantwortung zu ziehen; Niemand schreibe sich ein Verdienst zu;
Niemand zeihe sich einer Schuld; den Begriff von gut und böse gebe es
nicht; es gebe kein Thun, sondern nur ein Geschehen; die Handlungen
der Menschen werden genau so betrachtet, wie Naturereignisse, als die
nothwendigen Folgen unabsehbarer, von Ewigkeit her wirkender Ursachen.
»So giebt es in dem Lande weder Gesetz noch Richter?« fragte der
Verbrecher.
»Weder Gesetz noch Richter,« antwortete der Hirt.
»Und Mord und Raub, wie werden sie beurtheilt?«
»Nicht anders, als wie man Sturm und Wetterschlag beurtheilt.«
Da hatte der Verbrecher eine große Freude und rief: »Das ist ein Land
für mich, in dem hätte ich geboren werden sollen. Dahin will ich gehen.«
Sofort erkundigte er sich nach dem Weg, den er einzuschlagen habe,
trat die Wanderung an und erreichte nach vielen Abenteuern und
Fährlichkeiten eines schönen Sommermorgens glücklich sein Ziel.
Er betrat ein blühendes, sorgfältig bebautes Land. In der Nähe eines
freundlichen Dorfes waren viele Leute mit dem Mähen einer herrlichen
Wiese beschäftigt. Die Männer führten die Sense, die Frauen den Rechen,
Alle arbeiteten eifrig und mit sichtbarem Vergnügen.
Wie merkwürdig! dachte der Verbrecher, und fragte einen der Mäher:
»Freund, warum plagst Du Dich?«
»Weil ich muß,« antwortete Jener.
»So? und wer zwingt Dich?«
»Wer? Du meinst wohl, ~was~ mich zwingt. Mich zwingt das angeerbte
Bedürfniß des Fleißes, mich zwingt die Einsicht, daß ich arbeiten muß,
da ich leben muß.«
»Habt Ihr denn hier zu Lande keine reichen Leute, denen Ihr wegnehmen
könntet, was Ihr braucht um zu leben, und noch etwas darüber?«
»Da würden wir,« erhielt er zur Antwort, »dem Thoren gleichen, der
seiner goldene Eier legenden Henne den Hals abschnitt. So unvernünftig
müssen nur Halbwilde handeln; wir sind ein uraltes Culturvolk und
müssen das Vernünftige thun.«
Kaum waren diese Worte gesprochen, als sich plötzlich ein Geschrei
erhob, das durchaus nichts Cultivirtes hatte. Eine kleine hübsche Frau
war mit ihrem Mann in Streit gerathen und drosch mit den Fäusten, so
stark und so schnell sie konnte, auf ihn los. Er wehrte sich nicht.
»Alle Wetter,« sagte der Verbrecher, »diese Frau hagelt ja.«
»Zu Zeiten. Die Motive, von denen sie veranlaßt wurde, als
immerwährender Sonnenschein an unserem Ehehimmel zu prangen, wirken
leider noch nicht permanent,« entschuldigte der Geprügelte und machte
ein sehr trauriges Gesicht, als jetzt ein hochgewachsenes Weib auf die
kleine Frau zutrat, ihr trotz ihres Sträubens die Hände auf den Rücken
band und sie wegführte.
Der Verbrecher allein hatte diesem Vorgang mit Neugier und
Schadenfreude zugesehen; alle Uebrigen schenkten ihm nur geringe und
unlustige Aufmerksamkeit.
Die Raststunde war gekommen; die Mäher ließen sich ins Gras nieder
und begannen das Mittagessen, das Frauen und Kinder aus dem Dorfe
herbeigebracht hatten, gemeinsam zu verzehren. Der Verbrecher setzte
sich zu dem betrübten Ehemann, der nicht aufhören konnte, von seiner
Gattin zu sprechen.
»Sie hat ihre Mutter früh verloren,« erzählte er, »und ist vom
Vater aus schwer belastet mit ererbtem moralischen Siechthum. Der
Einfluß unserer Schule, dieses herrlichen Gartens, in welchem junge
Menschenblumen unter der Leitung großer Künstler und Denker zur
Entfaltung des schönsten Müssens herangebildet werden, hat sich als
unzureichend zur Besiegung des Uebels meiner armen kleinen Frau
erwiesen.«
»Deine männliche Oberherrlichkeit desgleichen,« spottete der
Verbrecher. »O, Du Starker, Du Langmüthiger! wie geduldig hast Du Dich
mißhandeln lassen von einem schwachen Weiblein! Welchen Lohn giebt es
bei Euch für solche Tugend?«
»Lohn? Tugend?« erwiderte man ihm; »haben die Bewohner Deines Landes
nichts gelernt in der Flucht der Jahrtausende? Klebt man bei Euch noch
an so kindischen Begriffen? Wir sind ein uraltes Culturvolk und wissen
von ihnen längst nichts mehr.«
Diese Entgegnung ergötzte den Verbrecher, und er sprach nun den Wunsch
aus, zu erfahren, wohin die kleine Frau, die so hübsch hageln konnte,
geführt, und wer Diejenige gewesen, von der sie abgeholt worden.
»Eine Krankenwärterin,« antwortete der Mann, »und sie hat meine Frau
ins Spital bringen müssen.«
»Ist sie denn krank?«
»Gewiß. Hast Du nicht gesehen, daß sie eine Krankheit hat, durch die
sie gezwungen wird, mich zu schlagen?«
»Krankheit nennt Ihr das?« rief der Verbrecher; »nun, wenn sie eine
Krankheit hat, die sie zwingt, zu schlagen, habe ich eine Gesundheit,
die mich zwingt, zu essen. So nehm' ich denn ungeladen an Eurem Mahle
Theil.«
Damit griff er in die Schüsseln, langte nach den Gläsern und aß und
trank für Zehn.
Die Mußmenschen schienen erstaunt, ließen ihn jedoch gewähren. Als
die Raststunde zu Ende war, gaben sie ihm eine Sense in die Hand und
sagten: »Du hast gegessen, jetzt arbeite!«
Aber davon wollte er nichts hören. Er behauptete, sich fortwährend
ausruhen zu müssen, bis zu dem Augenblick, in dem eine ihm zusagende
Thätigkeit sich ihm eröffne.
Die Arbeiter gingen wieder an ihre Beschäftigung, er blieb bei den
Mädchen und Frauen zurück, die das Ordnen des Eßzeuges besorgten, fing
an mit ihnen zu schäkern, machte einem jungen Weibe Liebesanträge und
wollte, als dieselben abgewiesen wurden, sofort Gewalt brauchen.
Die Frauen riefen nach Hülfe; einige Männer stürzten herbei und
entrissen dem Verbrecher sein Opfer. Da gerieth er in Wuth, zog
sein Messer und konnte erst nach heftigem Kampfe niedergeworfen und
gebändigt werden.
Je wilder er gerast hatte, desto schonender war man mit ihm
umgegangen. Alle bedauerten ihn: »Glücklich, die eines heilsamen
Müssens sind,« sprachen sie. »Du bist es nicht; Dein Benehmen ist
gemeinschädlich und macht Dich reif für das große Spital.«
Und wirklich wurde er nicht in das kleine Dorfspital, sondern nach dem
Hauptspital in die Stadt gebracht.
Dort übernahm ihn ein Krankenwärter und führte ihn eine breite Treppe
empor durch einen langen Gang, auf den viele Thüren mündeten. An jeder
Thür hing ein Rähmchen, und in jedem Rähmchen stak ein Recept. Hinter
den Thüren hörte man jämmerlich klagen und stöhnen.
Dem Verbrecher wurde unheimlich zu Muthe, und kleinlaut erkundigte er
sich, was denn da geschehe?
»Es werden Erinnerungszeichen gepflanzt, lies nur die Recepte.«
Und er las: Dreimal täglich fünf Ruthenstreiche. -- Allabendlich zwölf
Stockprügel. -- Vierzehn Tage bei Wasser und Brot ... u. s. w.
»Wie nennt Ihr das?« rief er »Erinnerungszeichen pflanzen? ... Hol'
Euch der Teufel!«
»Ich kenne die Wurzel nicht, aus der ihm ein zureichender Grund
dazu erwüchse,« versetzte der Wärter. »Die Erinnerungszeichen, die
hier gepflanzt werden, verfehlen ihre Wirkung selten. Sie treiben
so zwingende gesunde Motive, daß diese fast regelmäßig genügen, die
ungesunden, die etwa in dem Reconvalescenten wieder auftauchen möchten,
zu überwinden.«
»Wenn sie aber nicht genügen?«
»Dann wird die Kur wiederholt, so oft wiederholt, bis der Eintritt der
gesunden Motive das Selbstverständliche wird und die ungesunden, immer
weiter zurückgedrängten, sich endlich gar nicht mehr melden.«
»Wenn sie sich aber durchaus nicht zurückdrängen lassen?«
»Dann geht der Kranke den Weg der Unheilbaren.«
»Was ist das für ein Weg?«
»Das ist der Weg zum Richtplatz.«
»Pfui!« sagte der Verbrecher, »pfui! einen Richtplatz habt Ihr auch?«
Er sprach seinen Abscheu gegen dieses letzte Mittel und gegen die ganze
Motiv treibende Behandlung aus; der Wärter jedoch zuckte die Achseln
und versetzte:
»Was ist zu thun? Wir Menschen sind einmal angewiesen, in Gesellschaft
zu leben, und da wir es sind, müssen wir suchen, dieses Zusammenleben
möglichst gedeihlich zu gestalten. Nun hat die Erfahrung uns gelehrt,
das geschähe am besten, wenn Frieden, gegenseitige Rücksicht und
Hülfbereitschaft unter uns herrschen. So haben wir denn die ganze Kraft
unseres Müssens auf die Erfüllung jener Bedingungen der allgemeinen
Wohlfahrt gestellt. Giebt sich bei Einzelnen ein ihr widerstrebendes
Müssen kund, können wir es nur als ein krankhaftes ansehen, und müssen
suchen, es zu kuriren.«
»Durch Prügel und Fasten?« rief der Verbrecher.
Der Wärter bemühte sich, ihn zu beruhigen. »Wir befinden uns in der
Abtheilung der Schwerkranken«, sprach er. »So scharfe Mittel wie hier
werden nur ausnahmsweise angewandt. Bei unserer weit vorgeschrittenen
Cultur genügt meistens eine leichte Behandlung zum Aufpflanzen eines
dauernden Erinnerungszeichens und zur Heilung eines ungesunden Müssens.«
»Ach, sprächst Du wahr!« fiel ihm ein Mann ins Wort, der sich genähert
und den letzten Satz seiner Rede mit angehört hatte. »An mir ist Eure
Kunst gescheitert. Ihr habt mich vor einem Jahre als geheilt von
meiner Hochmuthskrankheit entlassen, und heute schon habe ich in einem
Zeitungsartikel mein eigenes philosophisches System auf Kosten aller
bisher aufgestellten gelobt, und jene schmählich heruntergemacht. Gebt
mir mein Geld zurück, oder nehmt mich von Neuem in die Kur.«
Der Wärter lud ihn ein, ihm ins Ordinationszimmer zu folgen, wohin er
eben einen Fremden, der sehr krank sei, führen müsse. -- Da brach der
Verbrecher jedoch in helle Empörung aus. »Geht ohne mich!« schrie er,
»ich habe des Spaßes genug.« Er wandte sich und wollte entfliehen. Der
Wärter lief ihm nach, hielt ihn fest; ein furchtbares Ringen entstand,
und ehe die aus allen Zellen heraneilenden Kranken es hindern konnten,
hatte der Verbrecher den Wärter erdrosselt.
Das war die letzte seiner Thaten.
Nachdem die Spittler ihr wärmstes Mitleid mit seinem hochgefährlichen
Zustand geäußert hatten, überwältigten sie ihn und schleppten ihn vor
die Doctoren.
Einen Augenblick war dem Verbrecher seine Frechheit abhanden gekommen;
angesichts der Sanftmuth und Ruhe, mit welcher die Aerzte sich gegen
ihn benahmen, kehrte sie wieder zurück, und er beantwortete voll Hohn
die an ihn gestellten Fragen.
Die Doctoren erklärten seinen Fall als einen unerhört schweren und
dictirten eine allerdings schreckliche Behandlung. Er ließ sie ausreden
und schlug dann ein tolles Gelächter auf.
»Ihr habt Euch umsonst bemüht,« spottete er; »ich lasse mir Eure
Behandlung nicht gefallen, weil ich Euren Anordnungen nicht unterstehe,
weil ich ein freier Mensch bin.«
Die Doctoren sahen einander erstaunt an: »Ein freier Mensch? was heißt
das?« fragten sie.
»Das heißt, Ihr Automaten, daß Ihr Eure Tractirungen an mir nicht
versuchen dürft, weil ich nichts gemein mit Euch habe, weil ich kein
Mußmensch bin. Was ich gethan habe, habe ich thun wollen und hätte auch
ganz anders handeln können.«
Bei diesen Worten bemächtigte sich der Versammlung ein maßloses
Entsetzen.
»Weh über Dich!« riefen die Doctoren; »Du hättest das Ungesunde und
Gemeinschädliche nicht thun müssen, und hast es dennoch gethan?
Ungeheuer! scheußliche Ausnahme des allweisen, allherrschenden
Gesetzes! ... Für Dich haben wir keine Behandlung, Du mußt den Weg der
Unheilbaren gehen.«
Der Verbrecher gerieth außer sich, als dieses Verdict über ihn gefällt
wurde. »Da bin ich schön angekommen«, sprach er. »Vermaledeites
Mußpack! Thut man bei Euch, was man muß, wird man geprügelt; thut man,
was man will, wird man gerichtet.«
Noch vor dem Blocke schimpfte er fort.
»Hochmüthige Culturaffen, Ihr seid ebenso dumm, wie bei uns die Leute
sind. Euer Müssen und unser Wollen, Eure Receptschreiber und unsere
Richter, es kommt auf eins heraus.«
»Ja,« erwiderte der Henker, »es kommt eigentlich auf eins heraus,« und
waltete seines Amtes.
Ein Vergleich.
Der Maulwurfshügel sprach zum Vulkan: »Du Weichling! Was tobst Du und
machst die Welt zum Zeugen Deiner inneren Kämpfe? Auch ich habe die
meinen, -- wer aber hat mich jemals Feuer speien sehen?«
Zwei Gräber.
In ein Massengrab, das eben geschlossen werden sollte, wurde ganz
zuletzt noch ein schmales Särglein gesenkt, und Leute, die der Arbeit
zusahen, fragten: »Wer war der, der so wenig Platz beansprucht in der
Mutter Erde?«
»Ja,« antwortete ein Handlanger, »das war der Zeisi. Taglöhner seines
Zeichens, haben ihn aber nirgends behalten. Ist dann herumgezogen mit
der Guitarre und hat in den Höfen der Häuser gesungen, um ein Stück
Brot, um ein Paar Stiefel, sehr oft umsonst.«
Wie der Mann so erzählte, trat eine verhüllte Gestalt heran, warf
Blumen auf den schmalen Sarg und blickte lange wehmüthig zu ihm nieder.
In ehrfurchtsvoller Scheu wichen die Anderen zurück; ein überirdisches
Wesen erschien sie ihnen; Niemand wagte sie anzureden. Sie selbst aber
sprach: »Hier ward ein Poet begraben.«
Eine Stunde später kam, von einer unabsehbaren Menge begleitet, ein
prachtvoller Leichenzug auf dem Friedhofe an. Der kostbare Sarg, ganz
bedeckt mit Lorbeerkränzen, barg einen gefeierten Schriftsteller. Er
wurde in die Gruft gesenkt, und der berühmteste Redner der Stadt weihte
dem Dahingeschiedenen einen Nachruf voll dithyrambischen Schwunges.
Plötzlich hielt er inne ... Er hatte die Herrliche erblickt, die noch
immer an der Ruhestätte der Armen stand.
»Gebt Raum,« rief er ins Gedränge. »Die hohe Göttin, deren Gunst unsern
großen Todten beglückte, naht heran, mit uns um ihn zu trauern. Gebt
Raum der hohen Göttin!«
Die Anwesenden gehorchten, und sofort öffnete sich für die nächste, die
edelste Leidtragende ein Weg zur Gruft.
Sie betrat ihn nicht -- sie schüttelte das Haupt; über ihr schimmerndes
Antlitz flog ein Lächeln himmlischer Verachtung, und sie sprach: »~Der~
Todte war mir fremd; Ihr habt einen Taglöhner begraben.«
Prometheus.
Als Prometheus nach langer Qual entfesselt vor den Beherrscher der
Welten trat, nahm dieser ihn gnädig auf und hieß ihn fortan mit den
Göttern hausen. Weil aber der Eid, den Zeus einst geschworen: Ewig
solle der Titane an den Kaukasus geschmiedet bleiben, nicht gebrochen
werden durfte, mußte Prometheus einen Fingerreif tragen, in welchem
ein Steinchen aus dem Felsen gefaßt war, an dem er sein Märtyrerthum
erduldet hatte.
Lächelnd nahm er die leichte Bürde hin, -- kein Leiden mehr, nur noch
des Leidens Symbol. Aber schwerer von Tag zu Tag wurde die anfangs
kaum spürbare Last, und drückte endlich so schwer, wie Vulkans eherne
Spangen gethan.
Prometheus saß im Rathe der Götter, und sie lauschten den Sprüchen der
Weisheit, die von seinen Lippen kamen. Ehrfurcht und Liebe umgaben ihn:
mit den Unsterblichen wohnte er im Reiche der Freiheit, des Lichtes,
der Schönheit. Aber ein Blick auf den Ring an seiner Hand, und wieder
lag er an den Felsen geschmiedet, und über seinem Haupte rauschte ein
grauser Flügelschlag, und er fühlte den Griff der Geierklauen und das
grausame Haken des Geierschnabels in seinem Fleische.
Und aufschrie der Titane zum Weltenbeherrscher »Ohnmächtiger Gott,
der nur begnadigen und nicht entsühnen kann! Die Erinnerung an meine
Schmach und Buße spottet Deiner Huld!«
Eine Begegnung.
Der Hochmuth ging eines schönen Tages spazieren. Er trug eine Krone
aus Seifenblasen auf dem Kopf, und sie schillerten bunt und prächtig
im Sonnenschein. An seinem purpurfarbigen Gewand hingen zahllose
vergoldete Glaskugeln; die Plattfüße hatte er in Schuhe mit ungeheuren
Hacken gesteckt und schritt auf ihnen so majestätisch einher, wie ein
hölzerner König in der Puppenkomödie. Sein breites Gesicht strahlte
von Selbstzufriedenheit, seine rothen, fingerdicken Lippen waren
verächtlich verzogen; aus halbgeschlossenen Lidern blickte er um sich,
als ob nichts da wäre, der Mühe werth, ihm einen ganzen Blick zu gönnen.
Da kam ein Wesen ihm entgegen, bei dessen Erscheinen er stutzte. Ein
Wesen von schlichtem Aussehen; bescheiden sein Gang, seine Haltung,
seine Gebärde; schön sein Angesicht, auf dem ein edler Ernst und
tiefinnerlichster Frieden sich malten.
»Weiche mir aus!« rief der Hochmuth ihm zu.
»Gern,« erwiderte der Andere lächelnd, und gab Raum.
Dennoch fühlte der Hochmuth sich verletzt: »Du lächelst? wie darfst Du
es wagen, zu lächeln in meiner Gegenwart?« schnaubte er und warf sich
wüthend auf den Beleidiger.
Dieser wehrte ihn nicht ab, regte sich nicht einmal, stand nur
ruhig und fest. Der Hochmuth aber stürzte zur Erde, und alle seine
Seifenblasen zerplatzten, und alle seine Glaskugeln lagen in Scherben
-- er war an das Verdienst angerannt.
Die Fremde.
Durch die Straßen einer großen Stadt wallte eine majestätische, dicht
verhüllte Gestalt. Sie war zum ersten Male zur Erde gekommen, sah zum
ersten Male eine Ansiedlung der Menschen und irrte planlos auf der
unbekannten Stätte umher. Plötzlich machte sie Halt vor einem Palaste,
über dessen mächtigem Portal eine marmorne Statue sich erhob. Das
Bildwerk stellte eine Frau in griechischer Gewandung vor. Ihre Augen
waren verbunden, in der Rechten hielt sie eine Wage. Eine Inschrift auf
dem Sockel der Statue hatte die Aufmerksamkeit der Fremden erweckt. Sie
sah abwechselnd deren goldene Lettern und das steinerne Gebilde an, und
je länger sie es that, je mehr wuchs ihr Staunen.
Ein Mann, der athemlos daher gerannt kam, riß sie aus ihren
Betrachtungen. Es war ein Beamter, der sich verspätet hatte, und der
nun die Stufen zum Palaste schleunigst hinaneilen wollte.
Die Fremde hielt ihn zurück. »Wessen Bildniß ist dieses?« fragte sie
und deutete nach der Statue auf dem Portal.
Den Beamten durchfröstelte es. Die Stimme, mit welcher die Verhüllte
gesprochen, klang unsagbar hart und schauerlich und war mit keiner
Stimme zu vergleichen, die jemals an sein Ohr getönt hatte. Er vergaß
die vorgerückte Stunde; seine Angst vor der Strenge seines Hofraths
war verschwunden. Stehenbleibend starrte er die Geheimnißvolle an und
antwortete: »Es ist das Bildniß der Gerechtigkeit.«
Ein Lachen erscholl, das ihm das Blut in den Adern gefrieren machte;
doch fuhr er fort: »Unter ihrem Zeichen wird hier gewaltet.«
»Von wem? -- Wohnen Götter in diesem Hause?«
Der Beamte dachte an seine Vorgesetzten und an seine Collegen, und
mußte lächeln: »Nur Menschen,« erwiderte er.
»Wie?« rief die Fremde, »Menschen walten im Namen Einer, die auf Erden
nie war und nie sein wird? Menschen, blinde, irrende, üben das Amt der
Allsehenden und Unfehlbaren?«
Wieder erklang das gräßliche Lachen. Durch den Schleier der Verhüllten
hindurch drang der Strahl eines Feuerauges, vor dem der arme Beamte wie
vom Blitz getroffen niederstürzte.
Als er zur Besinnung kam, war die Erscheinung verschwunden, und ein
Wunder war geschehen. Die Statue über dem Portal hatte ihre Form
verändert. Sie stellte nicht mehr die Gerechtigkeit dar; aber was denn?
-- Die Beamten zerbrachen sich vergeblich die Köpfe darüber. Endlich
wurden Gelehrte befragt. Sie hielten eine lange Berathung und erklärten
sodann einstimmig, die Statue sei nichts anderes als eine symbolische
Darstellung der Nothwehr, umgeben mit einer wunderlichen Mischung von
Emblemen der Grausamkeit und der Barmherzigkeit.
Das Blatt.
Vom Winde getrieben flog ein welkes Blatt neben einem Vogel durch die
Luft.
»Sieh,« raschelte es triumphirend, »ich kann fliegen wie Du.«
»Wenn Du fliegen kannst, so mache mir das nach!« antwortete der Vogel,
wandte sich und steuerte mit kräftigem Flügel gegen den Wind.
Das Blatt aber wirbelte ohnmächtig dahin, bis sein Träger plötzlich den
Athem anhielt und es in ein Bächlein fallen ließ, das klar und munter
durch den Wiesengrund jagte. Nun segelte das Blatt auf den Wellen und
gluckste den Fischen zu: »Seht mich an, ich kann schwimmen, wie Ihr!«
Die stummen Fische widersprachen ihm nicht; da blähte es sich auf und
meinte: »Das sind anständige Creaturen, die lassen einen doch gelten!«
Weiter glitt es, und merkte nicht, wie es dabei aufquoll und schon faul
war durch und durch.
Die Siegerin.
Es kam einst zu einem ungeheuern, einem echten Titanenkampf. Alle
Tugenden und alle Laster rangen mit einander auf Leben und Tod.
Furchtbare Wunden klafften, in Strömen floß das Blut. Hinterlist und
Tücke hatten die Gerechtigkeit überwältigt und ihr den Arm gelähmt.
Zerfleischt von den Zähnen und Klauen des Hasses und der Eifersucht
erstarb die Liebe; die Großmuth röchelte unter den würgenden Händen
der Habgier. Vielen Tugenden erging es schlecht an dem Tage, aber auch
viele Laster meinten den Rest bekommen zu haben.
In der ganzen großen Heerschar blieb nur Eine unversehrt; es war eine
der Tugenden; es war die Güte.
Mit Steinen beworfen, von den Pfeilen des Undanks durchbohrt, hundert
Mal niedergezwungen, erhob sie sich immer wieder unverwundbar,
unüberwindlich, und trat von Neuem in den wüthenden Kampf.