Gesammelte Schriften
von
Marie von Ebner-Eschenbach.
Erster Band
Aphorismen.
Parabeln, Märchen und Gedichte.
[Illustration]
Berlin.
Verlag von Gebrüder Paetel.
1893.
[Illustration: Marie von Ebner-Eschenbach
Grav. Meisenbach, Riffarth & Co.]
Alle Rechte vorbehalten.
Aphorismen.
Ein Aphorismus
ist der letzte Ring einer langen Gedankenkette.
Erstes Hundert.
1.
Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und Du bist
unsterblich.
2.
Was uns an der sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die
unsichtbare.
3.
Die verstehen sehr wenig, die nur das verstehen, was sich erklären
läßt.
4.
Ein Urtheil läßt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurtheil.
5.
Vertrauen ist Muth, und Treue ist Kraft.
6.
Die jetzigen Menschen sind zum tadeln geboren. Vom ganzen Achilles
sehen sie nur die Ferse.
7.
Die glücklichen Pessimisten! Welche Freude empfinden sie, so oft sie
bewiesen haben, daß es keine Freude giebt.
8.
Es hat noch Niemand etwas Ordentliches geleistet, der nicht etwas
Außerordentliches leisten wollte.
9.
Siege, aber triumphire nicht.
10.
Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Nothwendigkeit.
11.
Andere neidlos Erfolge erringen sehen, nach denen man selbst strebt,
ist Größe.
12.
Der Hochmuth ist ein plebejisches Laster.
13.
Geduld mit der Streitsucht der Einfältigen! Es ist nicht leicht zu
begreifen, daß man nicht begreift.
14.
Die größte Nachsicht mit einem Menschen entspringt aus der Verzweiflung
an ihm.
15.
Alt werden, heißt sehend werden.
16.
Anmuth ist ein Ausströmen der inneren Harmonie.
17.
Wie weise muß man sein, um immer gut zu sein!
18.
Die einfachste und bekannteste Wahrheit erscheint uns augenblicklich
neu und wunderbar, sobald wir sie zum ersten Male an uns selbst erleben.
19.
Der Verstandesmensch verhöhnt nichts so bitter als den Edelmuth, dessen
er sich unfähig fühlt.
20.
Wir verlangen sehr oft nur deshalb Tugenden von Anderen, damit unsere
Fehler sich bequemer breit machen können.
21.
Der Gescheitere giebt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründet die
Weltherrschaft der Dummheit.
22.
Künstler, was Du nicht schaffen mußt, das darfst Du nicht schaffen
wollen.
23.
Je mehr Du Dich selbst liebst, je mehr bist Du Dein eigener Feind.
24.
Eiserne Ausdauer und klaglose Entsagung sind die zwei äußersten Pole
der menschlichen Kraft.
25.
Nichts wird so oft unwiederbringlich versäumt wie eine Gelegenheit, die
sich täglich bietet.
26.
Warten lernen wir gewöhnlich erst, wenn wir nichts mehr zu erwarten
haben.
27.
Die Leidenschaft ist immer ein Leiden, auch die befriedigte.
28.
Schüchterne Dummheit und verschämte Armuth sind den Göttern heilig.
29.
Wenn es einen Glauben giebt, der Berge versetzen kann, so ist es der
Glaube an die eigene Kraft.
30.
Die Consequenzen unserer guten Handlungen verfolgen uns unerbittlich
und sind oft schwerer zu tragen als die der bösen.
31.
Die Gutmüthigkeit gemeiner Menschen gleicht dem Irrlicht. Vertraue nur
seinem gleißenden Schein, es führt Dich gewiß in den Sumpf.
32.
Es giebt Frauen, die ihre Männer mit einer ebenso blinden,
schwärmerischen und räthselhaften Liebe lieben, wie Nonnen ihr Kloster.
33.
Gebrannte Kinder fürchten das Feuer oder vernarren sich darein.
34.
Mitleid ist Liebe im Négligé.
35.
Ehen werden im Himmel geschlossen, aber daß sie gut gerathen, darauf
wird dort nicht gesehen.
36.
Wer an die Freiheit des menschlichen Willens glaubt, hat nie geliebt
und nie gehaßt.
37.
Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.
38.
Ein Dichter, der ~einen~ Menschen kennt, kann hundert schildern.
39.
Einer der seltensten Glücksfälle, die uns werden können, ist die
Gelegenheit zu einer gut angewendeten Wohlthat.
40.
Die meisten Nachahmer lockt das Unnachahmliche.
41.
Haben und nichts geben, ist in manchen Fällen schlechter als stehlen.
42.
Der Arme rechnet dem Reichen die Großmuth niemals als Tugend an.
43.
Die Leute, denen man nie widerspricht, sind entweder die, welche man am
meisten liebt, oder die, welche man am geringsten achtet.
44.
Die meiste Nachsicht übt der, der die wenigste braucht.
45.
Wenn ein Mensch uns zugleich Mitleid und Ehrfurcht einflößt, dann ist
seine Macht über uns grenzenlos.
46.
Raison annehmen kann Niemand, der nicht schon welche hat.
47.
Wenn Jemand etwas kann, das gewöhnliche Menschen nicht können, so
trösten sie sich damit, daß er gewiß von allem, was sie können, nichts
kann.
48.
Hüte Dich vor der Tugend, die zu besitzen ein Mensch von sich selber
rühmt.
49.
Wenn man nur die Alten liest, ist man sicher, immer neu zu bleiben.
50.
Das Mitleid des Schwächlings ist ein Licht, ~das~ nicht wärmt.
51.
Wer sich seiner eigenen Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein
schlechter Erzieher.
52.
Die eingebildeten Uebel sind die unheilbarsten.
53.
Selbst der bescheidenste Mensch hält mehr von sich, als sein bester
Freund von ihm hält.
54.
Wenn der Kunst kein Tempel mehr offen steht, dann flüchtet sie in die
Werkstatt.
55.
Man muß das Gute thun, damit es in der Welt sei.
56.
Der Haß ist ein fruchtbares, der Neid ein steriles Laster.
57.
Wir sollen immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen, dem Reuelosen
um unseretwillen.
58.
Das Motiv einer guten Handlung ist manchmal nichts anderes, als zur
rechten Zeit eingetretene Reue.
59.
Das Vertrauen ist etwas so Schönes, daß selbst der ärgste Betrüger sich
eines gewissen Respects nicht erwehren kann vor dem, der es ihm schenkt.
60.
Was Du zu müssen glaubst, ist das, was Du willst.
61.
Auch die Tugend ist eine Kunst, und auch ihre Anhänger theilen sich in
Ausübende und in bloße Liebhaber.
62.
Das Alter verklärt oder versteinert.
63.
Die Güte, die nicht grenzenlos ist, verdient den Namen nicht.
64.
In der Jugend lernt, im Alter versteht man.
65.
Es ist ein Unglück, daß ein braves Talent und ein braver Mann so selten
zusammen kommen!
66.
In einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hinein
zu schreiben meinte.
67.
Wir entschuldigen nichts so leicht als Thorheiten, die uns zuliebe
begangen wurden.
68.
Unbegründeter Tadel ist manchmal eine feine Form der Schmeichelei.
69.
Sei Deines Willens Herr und Deines Gewissens Knecht.
70.
Natur ist Wahrheit; Kunst ist die höchste Wahrheit.
71.
Zu späte Erfüllung einer Sehnsucht labt nicht mehr. Die lechzende Seele
zehrt sie auf wie glühendes Eisen einen Wassertropfen.
72.
Die Thoren wissen gewöhnlich das am besten, was jemals in Erfahrung zu
bringen, der Weise verzweifelt.
73.
Wenn die Neugier sich auf ernsthafte Dinge richtet, dann nennt man sie
Wissensdrang.
74.
Etwas sollen wir unseren sogenannten guten Freunden immer abzulernen
suchen -- ihre Scharfsichtigkeit für unsere Fehler.
75.
Die Liebe hat nicht nur Rechte, sie hat auch immer recht.
76.
Nur was für die Gegenwart zu gut ist, ist gut genug für die Zukunft.
77.
Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten, sondern jene, die
ausweichen.
78.
In jedem tüchtigen Menschen steckt ein Poet, und kommt beim Schreiben
zum Vorschein, beim Lesen, beim Sprechen oder beim Zuhören.
79.
Unerreichbare Wünsche werden als »fromme« bezeichnet. Man scheint
anzunehmen, daß nur die profanen in Erfüllung gehen.
80.
Der Geist ist ein intermittirender, die Güte ein permanenter Quell.
81.
Man kann viele Dinge kaufen, die unbezahlbar sind.
82.
Wenn zwei brave Menschen über Grundsätze streiten, haben immer beide
recht.
83.
Nichts ist weniger verheißend als Frühreife; die junge Distel sieht
einem zukünftigen Baume viel ähnlicher als die junge Eiche.
84.
Wenn die Mißgunst aufhören muß, fremdes Verdienst zu leugnen, fängt sie
an, es zu ignoriren.
85.
Die Theilnahme der meisten Menschen besteht aus einer Mischung von
Neugier und Wichtigthuerei.
86.
Macht ist Pflicht -- Freiheit ist Verantwortlichkeit.
87.
Seit dem bekannten Siege der Schildkröte über den Hasen hält sie sich
für eine Schnellläuferin.
88.
Es giebt Fälle, in denen vernünftig sein, feig sein heißt.
89.
Sich mit Wenigem begnügen ist schwer, sich mit Vielem begnügen noch
schwerer.
90.
Die Bescheidenheit, die zum Bewußtsein kommt, kommt ums Leben.
91.
Für das Können giebt es nur einen Beweis: das Thun.
92.
Wenn Du einen vielbetretenen Weg lange gehst, so gehst Du ihn endlich
allein.
93.
Es giebt Menschen mit leuchtendem und Menschen mit glänzendem
Verstande. Die ersten erhellen ihre Umgebung, die zweiten verdunkeln
sie.
94.
Man fordre nicht Wahrhaftigkeit von den Frauen, so lange man sie in dem
Glauben erzieht, ihr vornehmster Lebenszweck sei -- zu gefallen.
95.
An das Gute glauben nur die Wenigen, die es üben.
96.
Der am unrechten Orte vertraute, wird dafür am unrechten Orte mißtrauen.
97.
Es würde sehr wenig Böses auf Erden gethan werden, wenn das Böse
niemals im Namen des Guten gethan werden könnte.
98.
Alles wird uns heimgezahlt, wenn auch nicht von Denen, welchen wir
geborgt haben.
99.
Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im
Leben.
100.
Es giebt eine schöne Form der Verstellung: die Selbstüberwindung, --
und eine schöne Form des Egoismus: die Liebe.
Zweites Hundert.
1.
Wenn man das Dasein als eine Aufgabe betrachtet, dann vermag man es
immer zu ertragen.
2.
Schwächliche Grämlichkeit, die alle Fünf gerade sein läßt, ist die
Karikatur der Resignation.
3.
Der Gläubige, der nie gezweifelt hat, wird schwerlich einen Zweifler
bekehren.
4.
Es stände besser um die Welt, wenn die Mühe, die man sich giebt, die
subtilsten Moralgesetze auszuklügeln, zur Ausübung der einfachsten
angewendet würde.
5.
Man kann nicht allen helfen! sagt der Engherzige und -- hilft Keinem.
6.
Wer nichts weiß, muß alles glauben.
7.
Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie selbst
ihnen anerzogen haben.
8.
Wenn ein edler Mensch sich bemüht ein begangenes Unrecht gut zu machen,
kommt seine Herzensgüte am reinsten und schönsten zu Tage.
9.
Du kannst so rasch sinken, daß Du zu fliegen meinst.
10.
Was liegt dem Narren an einem vernünftigen Menschen? Die wichtige
Person für ihn ist der andere Narr, der ihn gelten läßt.
11.
Verständniß des Schönen und Begeisterung für das Schöne sind Eins.
12.
Wo die Eitelkeit anfängt, hört der Verstand auf.
13.
Auch was wir am meisten sind, sind wir nicht immer.
14.
Um in eine Versammlung feiner Leute treten zu dürfen, muß man den Frack
tragen, die Uniform oder -- die Livrée.
15.
Wer Geduld sagt, sagt Muth, Ausdauer, Kraft.
16.
Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren
unübersetzbaren Worten.
17.
Das Verständniß reicht oft viel weiter als der Verstand.
18.
So mancher meint ein gutes Herz zu haben und hat nur schwache Nerven.
19.
Zwei sehr verschiedene Tugenden können einander lange und scharf
befehden; der Augenblick bleibt nicht aus, in dem sie erkennen, daß sie
Schwestern sind.
20.
Beim Tode eines geliebten Menschen schöpfen wir eine Art Trost aus dem
Glauben, daß der Schmerz über unseren Verlust sich nie vermindern wird.
21.
Was ein Mensch glaubt und woran er zweifelt, ist gleich bezeichnend für
die Stärke seines Geistes.
22.
Der herbste Tadel läßt sich ertragen, wenn man fühlt, daß Derjenige,
der tadelt, lieber loben würde.
23.
Alte Diener sind kleine Tyrannen, an welche die große Tyrannin
Gewohnheit uns knüpft.
24.
Verschmähtes Erbarmen kann sich in Grausamkeit verwandeln, wie
verschmähte Liebe in Haß.
25.
Aus dem Verlangen nach dem Ueberflüssigen ist die Kunst entstanden.
26.
Es giebt Gelegenheiten, in denen man sonst ganz wahrhaftigen Menschen
keinen Glauben schenken darf. Zum Beispiel, dem Großmüthigen, wenn er
von seinen Ausgaben, und dem Sparsamen, wenn er von seinen Einnahmen
spricht.
27.
Man kann nicht jedes Unrecht gut, wohl aber jedes Recht schlecht machen.
28.
Fortwährendem Entbehren folgt Stumpfheit ebenso gewiß wie übermäßigem
Genuß.
29.
Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell
unendlichen Leids -- und ein Quell unendlichen Trostes.
30.
Wo wäre die Macht der Frauen, wenn die Eitelkeit der Männer nicht wäre?
31.
Menschen, die nach immer größerem Reichthum jagen, ohne sich jemals
Zeit zu gönnen, ihn zu genießen, sind wie Hungrige, die immerfort
kochen, sich aber nie zu Tische setzen.
32.
Einen Gedanken verfolgen -- wie bezeichnend dies Wort! Wir eilen ihm
nach, erhaschen ihn, er entwindet sich uns, und die Jagd beginnt von
Neuem. Der Sieg bleibt zuletzt dem Stärkeren. Ist es der Gedanke,
dann läßt er uns nicht ruhen, immer wieder taucht er auf -- neckend,
quälend, unserer Ohnmacht ihn zu fassen, spottend. Gelingt es aber
der Kraft unseres Geistes, ihn zu bewältigen, dann folgt dem heißen
Ringkampf ein beseligendes, unwiderstehliches Bündniß auf Leben und
Tod, und die Kinder, die ihm entspringen, erobern die Welt.
33.
Die Sittlichkeit verfeinert die Sitte, und die Sitte wiederum die
Sittlichkeit.
34.
Nichts ist erbärmlicher als die Resignation, die zu früh kommt.
35.
Arme Leute schenken gern.
36.
Auch in ein neues Glück muß man sich schicken lernen.
37.
Der eitle, schwache Mensch sieht in Jedem einen Richter, der stolze,
starke hat keinen Richter als sich selbst.
38.
Autoren, die bestohlen werden, sollten sich darüber nicht beklagen,
sondern freuen. In einer Gegend, in der kein Waldfrevel vorkommt, hat
der Wald keinen Werth.
39.
Wenn alberne Leute sich bemühen, ein Geheimniß vor uns zu verbergen,
dann erfahren wir es gewiß, so wenig uns auch danach gelüstet.
40.
Merkmal großer Menschen ist, daß sie an Andere weit geringere
Anforderungen stellen als an sich selbst.
41.
Denkfaulheit, Oberflächlichkeit, Starrsinn sind weibliche, Genußsucht,
Rücksichtslosigkeit, Roheit sind männliche, Trotz, Eitelkeit, Neugier
sind kindische Fehler.
42.
Wer in der Gegenwart von Kindern spottet oder lügt, begeht ein
todeswürdiges Verbrechen.
43.
Die Eitelkeit weist jede gesunde Nahrung von sich, lebt ausschließlich
von dem Gifte der Schmeichelei und gedeiht dabei in üppigster Fülle.
44.
Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen. Unter seinem Hauche
entfalten sich die Seelen.
45.
Der Mann ist der Herr des Hauses; im Hause aber soll nur die Frau
herrschen.
46.
Treue Liebe kann zwischen Menschen von sehr verschiedenem, dauernde
Freundschaft nur zwischen Menschen von gleichem Werthe bestehen. Aus
diesem Grunde ist die zweite viel seltener als die erste.
47.
Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: -- alle dummen
Männer.
48.
Der alte Satz: Aller Anfang ist schwer, gilt nur für Fertigkeiten.
In der Kunst ist nichts schwerer als Beenden und bedeutet zugleich
Vollenden.
49.
Ein Schwachkopf, der über andere Menschen urtheilen soll, kann sich
höchstens in ihre Lage, nie aber in ihre Denk- und Empfindungsweise
versetzen.
50.
Es giebt nichts Böses, freilich auch kaum etwas Gutes, das nicht schon
aus Eitelkeit gethan worden wäre.
51.
Wenig Leidenschaft, große Herzenswärme, Verstand, Anmuth, leichte
Umgangsformen, Respekt vor dem Ernst, Verständniß für den Scherz --
Summa summarum: -- Liebenswürdigkeit.
52.
Ein scheinbarer Widerspruch gegen ein Naturgesetz ist nur die selten
vorkommende Bethätigung eines andern Naturgesetzes.
53.
Eine Vernunftehe schließen, heißt in den meisten Fällen, alle seine
Vernunft zusammennehmen, um die wahnsinnigste Handlung zu begehen, die
ein Mensch begehen kann.
54.
Wer es versteht, den Leuten mit Anmuth und Behagen Dinge auseinander zu
setzen, die sie ohnehin wissen, der verschafft sich am geschwindesten
den Ruf eines gescheiten Menschen.
55.
Ueber das Kommen mancher Leute tröstet uns nichts als -- die Hoffnung
auf ihr Gehen.
56.
Zu jeder Zeit liegen einige große Wahrheiten in der Luft; sie bilden
die geistige Atmosphäre des Jahrhunderts.
57.
Was nennen die Menschen am liebsten dumm? Das Gescheite, das sie nicht
verstehen.
58.
Der sich keine Annehmlichkeit versagen kann, wird sich nie ein Glück
erobern.
59.
Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken.
60.
Die unerträglichsten Heuchler sind diejenigen, die jedes Vergnügen, das
ihnen geboren wird, von der Pflicht zur Taufe tragen lassen.
61.
Ein Streit zwischen wahren Freunden, wahren Liebenden bedeutet gar
nichts. Gefährlich sind nur die Streitigkeiten zwischen Menschen, die
einander nicht ganz verstehen.
62.
Es giebt eine Menge kleiner Unarten und Rücksichtslosigkeiten, die an
und für sich nichts bedeuten, aber furchtbar sind als Kennzeichen der
Beschaffenheit einer Seele.
63.
Wenn die Großmuth vollkommen sein soll, muß sie eine kleine Dosis
Leichtsinn enthalten.
64.
Es gehört immer etwas guter Wille dazu, selbst das Einfachste zu
begreifen, selbst das Klarste zu verstehen.
65.
Gemeinverständlich, das heißt: auch den Gemeinen verständlich, und
heißt überdies nicht selten: den Nicht-Gemeinen ungenießbar.
66.
Jung sein ist schön; alt sein ist bequem.
67.
Die Gedankenlosigkeit hat mehr ehrliche Namen zu Grunde gerichtet als
die Bosheit.
68.
Wenn Du durchaus nur die Wahl hast zwischen einer Unwahrheit und einer
Grobheit, dann wähle die Grobheit; wenn jedoch die Wahl getroffen
werden muß zwischen einer Unwahrheit und einer Grausamkeit, dann wähle
die Unwahrheit.
69.
Die Wortkargen imponiren immer. Man glaubt schwer, daß Jemand kein
anderes Geheimniß zu bewahren hat als das seiner Unbedeutendheit.
70.
Die Empfindung des Einsamseins ist schmerzlich, wenn sie uns im Gewühl
der Welt, unerträglich jedoch, wenn sie uns im Schoße unserer Familie
überfällt.
71.
Verwöhnte Kinder sind die unglücklichsten; sie lernen schon in jungen
Jahren die Leiden der Tyrannen kennen.
72.
Er ist ein guter Mensch! sagen die Leute gedankenlos. Sie wären
sparsamer mit diesem Lobe, wenn sie wüßten, daß sie kein höheres zu
ertheilen haben.
73.
Man hat einen zu guten oder einen zu schlechten Ruf; nur den Ruf hat
man nicht, den man verdient.
74.
Du wüßtest gern, was Deine Bekannten von Dir sagen? Höre, wie sie von
Leuten sprechen, die mehr werth sind als Du.
75.
Im Laufe des Lebens verliert alles seine Reize wie seine Schrecken; nur
Eines hören wir nie auf zu fürchten: das Unbekannte.
76.
Der Charakter des Künstlers ernährt oder verzehrt sein Talent.
77.
Ein Mann, der sich im Gespräche mit seiner Frau widerlegt fühlt, fängt
sogleich an, sie zu überschreien: Er will und kann beweisen, daß ihm
immer, auch wenn er falsch singt, die erste Stimme gebührt.
78.
Fähigkeit ruhiger Erwägung --: Anfang aller Weisheit, Quell aller Güte!
79.
Ausnahmen sind nicht immer Bestätigung der alten Regel; sie können auch
die Vorboten einer neuen Regel sein.
80.
Manche Leute wären frei, wenn sie zu dem Bewußtsein ihrer Freiheit
kommen könnten.
81.
Muth des Schwachen, Milde des Starken -- beide anbetungswürdig!
82.
Suche immer zu nützen, suche nie Dich unentbehrlich zu machen.
83.
Die Frau verliert in der Liebe zu einem ausgezeichneten Manne das
Bewußtsein ihres eigenen Werthes; der Mann kommt erst recht zum
Bewußtsein des seinen durch die Liebe einer edlen Frau.
84.
Der Schwächling ist bereit, sogar seine Tugenden zu verleugnen, wenn
sie Anstoß erregen sollten.
85.
Der Philosoph zieht seine Schlüsse, der Poet muß die seinen entstehen
lassen.
86.
So manche Wahrheit ging von einem Irrthum aus.
87.
Ein litterarischer Dieb, der sich das Stehlen recht sauer werden läßt,
kann sein Lebenlang für einen originellen und ehrlichen Mann gelten.
88.
Wenn Du sicher wählen willst im Conflict zweier Pflichten, wähle
diejenige, die zu erfüllen Dir schwerer fällt.
89.
Ein wahrer Freund trägt mehr zu unserem Glück bei, als tausend Feinde
zu unserem Unglück.
90.
Die Großen schaffen das Große, die Guten das Dauernde.
91.
Ein anregendes Buch -- eine Speise, die hungrig macht.
92.
Der Verstand und das Herz stehen auf sehr gutem Fuße. Eines vertritt
oft die Stelle des andern so vollkommen, daß es schwer ist zu
entscheiden, welches von beiden thätig war.
93.
Manuscripte vermodern im Schranke oder reifen darin.
94.
Wer in die Oeffentlichkeit tritt, hat keine Nachsicht zu erwarten und
keine zu fordern.
95.
Ein Mann mit großen Ideen ist ein unbequemer Nachbar.
96.
Mehr noch als nach dem Glück unserer Jugend sehnen wir uns im Alter
nach den Wünschen unserer Jugend zurück.
97.
Erstritten ist besser als erbettelt.
98.
Das Tüttelchen Wahrheit, das in mancher Lüge enthalten ist, das macht
sie furchtbar.
99.
Unseren schlechten Eigenschaften gegenüber giebt es nur ewigen Kampf
oder schimpflichen Frieden.
100.
Was Du wirklich besitzest, das wurde Dir geschenkt.
Drittes Hundert.
1.
Wohl Jedem, der nur liebt, was er darf, und nur haßt, was er soll.
2.
Die kleinsten Sünder thun die größte Buße.
3.
An groß angelegte Menschen denkt sich's gut, mit fein angelegten
Menschen lebt sich's gut.
4.
Für die Anspruchsvollen plagt man sich, aber die Anspruchslosen liebt
man.
5.
Respect vor dem Gemeinplatz! Er ist seit Jahrhunderten aufgespeicherte
Weisheit.
6.
Ein fauler und ein fleißiger Mensch können nicht gut mit einander
leben, der faule verachtet den fleißigen gar zu sehr.
7.
Wenn man nicht aufhören will, die Menschen zu lieben, muß man nicht
aufhören, ihnen Gutes zu thun.
8.
Das edle: Ich will! hat keinen schlimmeren Feind, als das feige,
selbstbetrügerische: Ja, wenn ich wollte!
9.
Es kommt alles auf die Umgebung an. Die Sonne im lichten Himmelsraume
hat eine viel geringere Meinung von sich als die Unschlittkerze, die im
Keller brennt.
10.
Der Künstler versäume nie, die Spuren des Schweißes zu verwischen, den
sein Werk gekostet hat. Sichtbare Mühe war zu wenig Mühe.
11.
Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.
12.
Man darf die Phantasie verführen, aber Gewalt darf man ihr nicht anthun
wollen.
13.
Nicht tödtlich, aber unheilbar, das sind die schlimmsten Krankheiten.
14.
Kein Mensch steht so hoch, daß er anderen gegenüber nur gerecht sein
dürfte.
15.
Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man
kann.
16.
Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so verderblich, weil die
Nothwehr uns zwingt, allmälig in seinen Fehler zu verfallen.
17.
Das giebt sich, sagen schwache Eltern von den Fehlern ihrer Kinder. O
nein, es giebt sich nicht, es entwickelt sich!
18.
Das Recht des Stärkeren ist das stärkste Unrecht.
19.
Der größte Feind des Rechtes ist das Vorrecht.
20.
Zwischen Können und Thun liegt ein Meer und auf seinem Grunde die
gescheiterte Willenskraft.
21.
Ein stolzer Mensch verlangt von sich das Außerordentliche, ein
hochmüthiger schreibt es sich zu.
22.
Bewunderung der Tugend ist Talent zur Tugend.
23.
Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben,
brauchen sie ihn nicht mehr abzulegen.
24.
Die bedauernswerthesten Menschen sind diejenigen, welche Pflichtgefühl
besitzen, aber nicht die Kraft, ihm zu genügen.
25.
Beim Wiedersehen nach einer Trennung fragen die Bekannten nach dem, was
mit uns, die Freunde nach dem, was in uns vorgegangen.
26.
Es giebt überall verschämte Arme, nur nicht in der Litteratur.
27.
Wer sich mit wenig Ruhm begnügt, verdient nicht vielen.
28.
Sagen, was man denkt, ist manchmal die größte Thorheit und manchmal --
die größte Kunst.
29.
Menschen, die viel von sich sprechen, machen -- so ausgezeichnet sie
übrigens sein mögen -- den Eindruck der Unreife.
30.
Es giebt mehr naive Männer als naive Frauen.
31.
Der Weise ist selten klug.
32.
Wie viel Bewegung wird hervorgebracht durch das Streben nach Ruhe!
33.
Echte Propheten haben manchmal, falsche Propheten haben immer
fanatische Anhänger.
34.
Soweit die Erde Himmel sein kann, soweit ist sie es in einer
glücklichen Ehe.
35.
Demuth ist Unverwundbarkeit.
36.
Ein guter Witz muß den Schein des Unabsichtlichen haben. Er giebt
sich nicht dafür, aber siehe da, der Scharfsinn des Hörers entdeckt
ihn, entdeckt den geistreichen Gedanken in der Maske eines schlichten
Wortes. Ein guter Witz reist incognito.
37.
Manche Tugenden kann man dadurch erwerben, daß man sie lange Zeit
hindurch heuchelt. Andere wird man um so weniger erringen, je mehr man
sucht, sich ihren Sein zu geben. Zu den ersten gehört der Muth, zu den
zweiten die Bescheidenheit.
38.
Wohlerzogene Menschen sprechen in Gesellschaft weder vom Wetter noch
von der Religion.
39.
Der Staat ist am tiefsten gesunken, dessen Regierung schweigend zuhören
muß, wenn die offenkundige Schufterei ihr Sittlichkeit predigt.
40.
Nicht leisten können, was Andere leisten -- Du mußt dich bescheiden.
Nicht mehr leisten können, was Du selbst einmal geleistet hast -- zum
verzweifeln.
41.
Liebhabereien bewahren vor Leidenschaften; ~eine~ Liebhaberei wird zur
Leidenschaft.
42.
Welch' ein Unterschied liegt darin, wie man's macht und wie sich's
macht!
43.
Den Strich, den das Genie in Einem Zuge hinwirft, kann das Talent in
glücklichen Stunden aus Punkten zusammensetzen.
44.
Ein Nichts vermag das Vertrauen in die eigene Kraft zu erschüttern,
aber nur ein Wunder vermag es wieder zu befestigen.
45.
Vieles erfahren haben, heißt noch nicht Erfahrung besitzen.
46.
In jede hohe Freude mischt sich eine Empfindung der Dankbarkeit.
47.
Die Menschen, bei denen Verstand und Gemüth sich die Wage halten,
gelangen spät zur Reife.
48.
Der niemals Ehrfurcht empfunden hat, wird sie auch niemals erwecken.
49.
Wo giebt es noch einmal zwei Dinge so entgegengesetzt und doch so
nahe verwandt, so unähnlich und doch so oft kaum von einander zu
unterscheiden, wie Bescheidenheit und Stolz?
50.
Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben,
macht unser Schicksal aus.
51.
Es gäbe keine Geselligkeit, alle Familienbande würden gelockert, wenn
die Gedanken der Menschen auf ihrer Stirn zu lesen wären.
52.
Wenn mein Herz nicht spricht, dann schweigt auch mein Verstand, sagt
die Frau.
Schweige, Herz, damit der Verstand zu Worte komme, sagt der Mann.
53.
Liebe alle Menschen, der Leidende aber sei Dein Kind.
54.
Die Langweile, die in manchem Buche herrscht, gereicht ihm zum Heil;
die Kritik, die schon ihren Speer erhoben hatte, schläft ein, bevor sie
ihn geschleudert hat.
55.
An Rheumatismen und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon
befallen wird.
56.
Aerzte werden gehaßt aus Ueberzeugung oder aus Oekonomie.
57.
Die Ambrosia der früheren Jahrhunderte ist das tägliche Brod der
späteren.
58.
Ein wirklich guter und liebenswürdiger Mensch kann soviel Freunde
haben, als er will, aber nicht immer diejenigen, die er will.
59.
Auf angeborene Tugenden ist man nicht stolz.
60.
Ein ganzes Buch -- ein ganzes Leben.
61.
Was Menschen und Dinge werth sind, kann man erst beurtheilen, wenn sie
alt geworden.
62.
Der Wohlwollende fürchtet Mißgunst nicht.
63.
Wir hätten wenig Mühe, wenn wir niemals unnöthige Mühe hätten.
64.
Es findet nicht nur jeder Odysseus seinen Homer, sondern auch jeder
Mahomet seine Chadidscha.
65.
Jeder Weltmann verkehrt lieber mit einem wohlerzogenen Bösewicht, als
mit einem schlechterzogenen Heiligen.
66.
Wenn wir an Freuden denken, die wir erlebt haben, oder noch zu erleben
hoffen, denken wir sie uns immer ungetrübt.
67.
Nicht jeder große Mann ist ein großer Mensch.
68.
Die uns gespendete Liebe, die wir nicht als Segen und Glück empfinden,
empfinden wir als eine Last.
69.
Nichts lernen wir so spät und verlernen wir so früh, als zugeben, daß
wir Unrecht haben.
70.
Die Thaten reden, aber den Ungläubigen überzeugen sie doch nicht.
71.
Jeder Dichter und alle ehrlichen Dilettanten schreiben mit ihrem
Herzblute, aber wie diese Flüssigkeit beschaffen ist, darauf kommt es
an.
72.
Je weiter unsere Erkenntniß Gottes dringt, je weiter weicht Gott vor
uns zurück.
73.
Der Genius weist den Weg, das Talent geht ihn.
74.
Die Menschen, die wir am meisten verwöhnen, sind nicht immer die, die
wir am meisten lieben.
75.
Dem großen Dichter muß man ein starkes Selbstgefühl zu gute halten.
Eine gewisse Gottähnlichkeit ist Dem nicht abzusprechen, der aus seinem
Geiste Menschen schafft.
76.
Ueberlege ein Mal, bevor Du giebst, zwei Mal, bevor Du annimmst, und
tausendmal, bevor Du verlangst.
77.
Der Maßstab, den wir an die Dinge legen, ist das Maß unseres eigenen
Geistes.
78.
Der Künstler hat nicht dafür zu sorgen, daß sein Werk Anerkennung
finde, sondern dafür, daß es sie verdiene.
79.
Ein einziges Wort verräth uns manchmal die Tiefe eines Gemüths, die
Gewalt eines Geistes.
80.
Sobald eine Mode allgemein geworden ist, hat sie sich überlebt.
81.
Die Natur hat leicht verschwenden; auch das scheinbar ganz nutzlos
Verstreute fällt zuletzt doch in ihren Schoß.
82.
Der kleinste Fehler, den ein Mensch uns zu Liebe ablegt, verleiht ihm
in unseren Augen mehr Werth, als die größten Tugenden, die er sich ohne
unser Zuthun aneignet.
83.
Es ist schlimm, wenn zwei Eheleute einander langweilen, viel schlimmer
jedoch ist es, wenn nur Einer von ihnen den Andern langweilt.
84.
Die größte Gewalt über einen Mann hat die Frau, die sich ihm zwar
versagt, ihn aber in dem Glauben zu erhalten versteht, daß sie seine
Liebe erwidere.
85.
Was noch zu leisten ist, das bedenke; was Du schon geleistet hast, das
vergiß.
86.
Wer die materiellen Genüsse des Lebens seinen idealen Gütern vorzieht,
gleicht dem Besitzer eines Palastes, der sich in den Gesindestuben
einrichtet und die Prachtsäle leer stehen läßt.
87.
Im Laufe des Lebens nützen unsere Laster sich ab, wie unsere Tugenden.
88.
Die Welt gehört Denen, die sie haben wollen, und wird von Jenen
verschmäht, denen sie gehören sollte.
89.
Wenn ich nicht predigen müßte, würde ich mich nicht kasteien, sagte ein
wahrheitsliebender Priester.
90.
Treue üben ist Tugend, Treue erfahren ist Glück.
91.
Der Augenblick tritt niemals ein, in welchem der Dummkopf den Weisen
nicht für fähig hielte, einen Unsinn zu sagen oder eine Thorheit zu
begehen.
92.
Die Gleichgültigkeit, der innere Tod, ist manchmal ein Zeichen von
Erschöpfung, meistens ein Zeichen von geistiger Impotenz und immer --
guter Ton.
93.
Was liegt am Ruhm, da man den Nachruhm nicht erleben kann?
94.
Wir sind für nichts so dankbar wie für Dankbarkeit.
95.
Es darf so mancher Talentlose von dem Werke so manches Talentvollen
sagen: Wenn ich das machen könnte, würde ich es besser machen.
96.
Dilettanten haben nicht einmal in einer secundären Kunst etwas
Bleibendes geleistet, sich aber verdient gemacht um die höchste aller
Wissenschaften, die Philosophie. Den Beweis dafür liefern: Montaigne,
La Rochefoucauld, Vauvenargues.
97.
Wenn wir auch der Schmeichelei keinen Glauben schenken, der Schmeichler
gewinnt uns doch. Einige Dankbarkeit empfinden wir immer für den, der
sich die Mühe giebt, uns angenehm zu belügen.
98.
Aus dem Mitleid mit Anderen erwächst die feurige, die muthige
Barmherzigkeit; aus dem Mitleid mit uns selbst die weichliche, feige
Sentimentalität.
99.
Je kleiner das Sandkörnlein ist, desto sicherer hält es sich für die
Axe der Welt.
100.
Nur die allergescheitesten Leute benützen ihren Scharfsinn nicht bloß
zur Beurtheilung Anderer, sondern auch ihrer selbst.
Viertes Hundert.
1.
Nächstenliebe lebt mit tausend Seelen, Egoismus mit einer einzigen, und
die ist erbärmlich.
2.
Das Vernünftige ist durchaus nicht immer das Gute, das Vernünftigste
jedoch muß auch das Beste sein.
3.
Späte Freuden sind die schönsten; sie stehen zwischen entschwundener
Sehnsucht und kommendem Frieden.
4.
Künstler haben gewöhnlich die Meinung von uns, die wir von ihren Werken
haben.
5.
Sehr geringe Unterschiede begründen manchmal sehr große
Verschiedenheiten.
6.
Der Spott endet, wo das Verständniß beginnt.
7.
Um ein öffentliches Amt glänzend zu verwalten, braucht man eine gewisse
Anzahl guter und -- schlechter Eigenschaften.
8.
Hoffnungslose Liebe macht den Mann kläglich und die Frau beklagenswerth.
9.
Alle Enttäuschungen sind gering im Vergleich zu denen, die wir an uns
selbst erleben.
10.
Je kürzer der Fleiß, je länger der Tag.
11.
Den Menschen, die große Eigenschaften besitzen, verzeiht man ihre
kleinen Fehler am schwersten.
12.
Dem Hungrigen ist leichter geholfen als dem Uebersättigten.
13.
Weh der Frau, die nicht im Falle der Noth ihren Mann zu stellen vermag.
14.
Das unfehlbare Mittel, Autorität über die Menschen zu gewinnen, ist,
sich ihnen nützlich zu machen.
15.
Rücksichtslosigkeiten, die edle Menschen erfahren haben, verwandeln
sich in Rücksichten, die sie erweisen.
16.
Wenn man ein Seher ist, braucht man kein Beobachter sein.
17.
Der ans Ziel getragen wurde, darf nicht glauben, es erreicht zu haben.
18.
Es ist die Frage, was man im Leben sucht, Unterhaltung oder Liebe. Im
ersten Falle darf man es nicht allzu genau mit der moralischen, im
zweiten nicht allzu genau mit der geistigen Beschaffenheit der Menschen
nehmen, mit denen man sich umgiebt.
19.
Den Feind unserer Marotte unseren Freund nennen, heißt gescheit sein.
20.
Und ich habe mich so gefreut! sagst Du vorwurfsvoll, wenn Dir eine
Hoffnung zerstört wurde. Du hast Dich gefreut -- ist das nichts?
21.
Sogar der edelste Mensch ist unfähig, einer Handlung vollkommen gerecht
zu werden, die er selbst unter keiner Bedingung zu vollziehen vermöchte.
22.
Wenn wir nur noch das sehen, was wir zu sehen wünschen, sind wir bei
der geistigen Blindheit angelangt.
23.
Unser Stolz auf den Besitz irgend einer guten Eigenschaft erleidet
einen argen Stoß, wenn wir sehen, wie stolz Andere auf das
Nichtbesitzen derselben guten Eigenschaft sind.
24.
Die wahre Ehrfurcht geht niemals aus der Furcht hervor.
25.
Die größte Gleichmacherin ist die Höflichkeit, durch sie werden alle
Standesunterschiede aufgehoben.
26.
Wenn Jeder dem Andern helfen wollte, wäre Allen geholfen.
27.
Das Gemüth bleibt jung, solange es leidensfähig bleibt.
28.
Ausdauer ist eine Tochter der Kraft, Hartnäckigkeit eine Tochter der
Schwäche, nämlich -- der Verstandesschwäche.
29.
Theorie und Praxis sind Eins wie Seele und Leib, und wie Seele und Leib
liegen sie großentheils mit einander in Streit.
30.
Die Liebe überwindet den Tod, aber es kommt vor, daß eine kleine üble
Gewohnheit die Liebe überwindet.
31.
In der großen Welt gefällt nichts so sehr wie die Gleichgültigkeit
darüber, ob man ihr gefällt.
32.
Die Laster sind unter einander näher verwandt als die Tugenden.
33.
Man muß schon etwas wissen, um verbergen zu können, daß man nichts weiß.
34.
Die Palme beugt sich, aber nicht der Pfahl.
35.
Die meisten Menschen ertragen es leichter, daß man ihnen zuwider
handelt, als daß man ihnen zuwider spricht.
36.
Die Gelassenheit ist eine anmuthige Form des Selbstbewußtseins.
37.
Begreifen -- geistiges Berühren. Erfassen -- geistiges Sichaneignen.
38.
Die Unschuld des Mannes heißt Ehre; die Ehre der Frau heißt Unschuld.
39.
Gedanken, die schockweise kommen, sind Gesindel. Gute Gedanken
erscheinen in kleiner Gesellschaft. Ein göttlicher Gedanke kommt allein.
40.
Es muß sein! -- grausamster Zwang. Es hat sein müssen! -- bester Trost.
41.
Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt.
42.
Während des Beisammenseins mit geliebten Menschen kann man sich in den
Zustand der Trennung von ihnen ebenso wenig hineindenken wie in den des
Todes.
43.
Eitelkeit ist mächtiger als Scham.
44.
Der Weltmann kennt gewöhnlich die Menschen, aber nicht den Menschen.
Beim Dichter ist's umgekehrt.
45.
Im Grunde ist jedes Unglück gerade nur so schwer, als man es nimmt.
46.
Tugend und Gelehrsamkeit haben nichts mit einander gemein, heißt es.
Seht aber zu, wohin es mit Eurem moralischen Fortschreiten kommt, wenn
Ihr von dem geistigen Fortschreiten Eurer Zeit keine Notiz nehmt.
47.
Das Erfundene kann vervollkommnet, das Geschaffene nur nachgeahmt
werden.
48.
Niemand ist so beflissen, immer neue Eindrücke zu sammeln, als
Derjenige, der die alten nicht zu verarbeiten versteht.
49.
Die Aenderung, die unser Naturell im Laufe des Lebens erfährt, sieht
manchmal aus wie eine Aenderung unseres Charakters.
50.
Liebe ist Qual, Lieblosigkeit ist Tod.
51.
Die Sitte ist schon gerichtet zu deren Gunsten wir kein anderes
Argument vorzubringen wissen als das ihrer Allgemeinheit.
52.
Die Kleinen schaffen, der Große erschafft.
53.
Daß andere Leute kein Glück haben, finden wir sehr leicht natürlich,
daß wir selbst keines haben, immer unfaßbar.
54.
Erinnere Dich der Vergessenen -- eine Welt geht Dir auf.
55.
Alle irdische Gewalt beruht auf Gewaltthätigkeit.
56.
Die Grausamkeit des Ohnmächtigen äußert sich als Gleichgültigkeit.
57.
Am unbarmherzigsten im Urtheil über fremde Kunstleistungen sind die
Frauen mittelmäßiger Künstler.
58.
Im Alter sind wir der Schmeichelei viel zugänglicher als in der Jugend.
59.
Die Frau, die ihren Mann nicht beeinflussen kann, ist ein Gänschen. Die
Frau, die ihn nicht beeinflussen will -- eine Heilige.
60.
Der Egoismus glücklicher Menschen ist leichtsinnig, seiner selbst
unbewußt. Der Egoismus unglücklicher Menschen ist verbissen, bitter und
von seinem Recht zu bestehen überzeugt.
61.
Man bleibt jung so lange man noch lernen, neue Gewohnheiten annehmen
und einen Widerspruch ertragen kann.
62.
Da zuletzt doch alles auf den Glauben hinaus läuft, müssen wir jedem
Menschen das Recht zugestehen, lieber das zu glauben, was er sich
selbst, als was Andere ihm weiß gemacht.
63.
Gutmüthigkeit ist eine alltägliche Eigenschaft, Güte die höchste Tugend.
64.
In der Jugend meinen wir, das Geringste, das die Menschen uns gewähren
können, sei Gerechtigkeit. Im Alter erfahren wir, daß es das Höchste
ist.
65.
Genug weiß Niemand, zu viel so Mancher.
66.
Verlegenheit äußert sich bei unerzogenen Menschen als Grobheit,
bei nervösen Menschen als Schwatzhaftigkeit, bei alten Jungfern
und Junggesellen als Bissigkeit. Phlegmatische Menschen macht die
Verlegenheit stumm.
67.
Wo Geschmacklosigkeit daheim ist, wird auch immer etwas Rohheit wohnen.
68.
Der Verstand macht Märtyrer so gut wie die Phantasie, doch er verläßt
die seinen am Ende; sie bleibt den ihren getreu.
69.
Bis zu einem gewissen Grade selbstlos sollte man schon aus Selbstsucht
sein.
70.
Die Rücksichten, die uns in der Welt erwiesen werden, stehen meistens
in näherer Beziehung zu unseren Ansprüchen als zu unseren Verdiensten.
71.
Herrschaft behaupten wollen, heißt kämpfen wollen. Nutzen stiften
wollen, heißt freilich auch kämpfen wollen, aber -- um den Frieden.
72.
Das Feuer läutert, verdeckte Gluth frißt an.
73.
Hab' einen guten Gedanken, man borgt Dir zwanzig.
74.
Es giebt Menschen im Zopfstyl: viele hübsche Einzelheiten, das Ganze
abgeschmackt.
75.
Das Gefühl schuldiger Dankbarkeit ist eine Last, die nur starke Seelen
zu ertragen vermögen.
76.
Die Menschen der alten Zeit sind auch die der neuen, aber die Menschen
von gestern sind nicht die von heute.
77.
Die Kunst ist im Niedergang begriffen, die sich von der Darstellung der
Leidenschaft zu der des Lasters wendet.
78.
Man darf anders denken als seine Zeit, aber man darf sich nicht anders
kleiden.
79.
Grobheit -- geistige Unbeholfenheit.
80.
Wir können uns nie genug darüber wundern, wie so wichtig den Andern
ihre eigenen Angelegenheiten sind.
81.
Die Kritik ist von geringer Qualität, die meint, ein Kunstwerk nur dann
richtig beurtheilen zu können, wenn sie die Verhältnisse kennt, unter
denen es entstanden ist.
82.
Dem, der uns Gutes thut, sind wir nie so dankbar, wie Dem, der uns
böses thun könnte, es aber unterläßt.
83.
So Mancher meint ein Don Juan zu sein und ist nur ein Faun.
84.
Vorurtheil stützt die Throne, Unwissenheit die Altäre.
85.
Es kommt vor, daß Berge Mäuse gebären; manchmal tritt aber auch der
entsetzliche Fall ein, daß einer Maus zugemuthet wird, einen Berg zu
gebären.
86.
Die Kraft verleiht Gewalt, die Liebe leiht Macht.
87.
Jeder Künstler soll es der Vogelmutter nachmachen, die sich um ihre
Brut nicht mehr bekümmert, sobald sie flügge geworden ist.
88.
Frieden kannst Du nur haben, wenn Du ihn giebst.
89.
Den Angriffen der Gemeinheit gegenüber ist es schwer, nicht in
Selbstüberhebung zu verfallen.
90.
Die einzigen von der Welt unbestrittenen Ehren, die einer Frau zu Theil
werden können, sind diejenigen, die sie im Reflex der Ehren ihres
Mannes genießt.
91.
Im Unglück finden wir meistens die Ruhe wieder, die uns durch die
Furcht vor dem Unglück geraubt wurde.
92.
Die Geschichte hat Helden und Werkzeuge, und macht beide unsterblich.
93.
Die großen Augenblicke im guten wie im bösen Sinne sind die, in denen
wir gethan haben, was wir uns nie zugetraut hätten.
94.
Wenn die Nachtigallen aufhören zu schlagen, fangen die Grillen an zu
zirpen.
95.
Der Witzling ist der Bettler im Reich der Geister; er lebt von Almosen,
die das Glück ihm zuwirft -- von Einfällen.
96.
An die Stützen, die wir wanken fühlen, klammern wir uns doppelt fest.
97.
Das Meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit gethan, in der wir meinten,
zu wenig zu thun.
98.
Die allerstillste Liebe ist die Liebe zum Guten.
99.
Beim Genie heißt es: Laß Dich gehen! Beim Talent: Nimm Dich zusammen!
100.
Ein böser Mensch vermag leichter einen guten, als ein guter einen bösen
Vorsatz auszuführen.
Fünftes Hundert.
1.
Wisset, die Euch Haß predigen, erlösen Euch nicht.
2.
Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft; es kommt auf das
Material an.
3.
Die Aufgabe vieler Dichter-Generationen ist keine andere, als das
Werkzeug blank zu erhalten.
4.
Welcher Autor darf sagen, daß der Gedanke an die Oberflächlichkeit der
meisten Leser ihm stets ein peinlicher, und nicht mitunter auch ein
tröstlicher sei?
5.
Freundlichkeit kann man kaufen.
6.
Der Platz des Unparteiischen ist auf Erden zwischen den Stühlen, im
Himmel aber wird er zur Rechten Gottes sitzen.
7.
Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zu Tage kommt, wenn sein
Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.
8.
Genire Dich vor Dir selbst, das ist der Anfang aller Vorzüglichkeit.
9.
Die Litteratur wird heutzutage meist als Kunsthandwerk betrieben.
10.
Einen mit Weisheit Gesalbten darf man nie warm werden lassen, sonst
trieft er.
11.
Man kann sich nicht im Besitz von eigentlich unveräußerlichen Gütern
befinden, ohne etwas von seinem Rechtssinn einzubüßen.
12.
Die Reue treibt den Schwachen zur Verzweiflung und macht den Starken
zum Heiligen.
13.
Je ungebildeter ein Mensch, je schneller ist er mit einer Ausrede
fertig.
14.
Die Erfolge des Tages gehören der verwegenen Mittelmäßigkeit.
15.
Alberne Leute sagen Dummheiten, gescheite Leute machen sie.
16.
Das scheinbar am unnöthigsten gebrachte, thörichtste Opfer steht
der absoluten Weisheit immer noch näher als die klügste That der
sogenannten berechtigten Selbstsucht.
17.
Der Verstand wird meist auf Kosten des Gemüthes ausgebildet. -- O nein,
aber es giebt mehr bildungsfähige Köpfe als bildungsfähige Herzen.
18.
Der Arbeiter soll seine Pflicht thun, der Arbeitgeber soll mehr thun
als seine Pflicht.
19.
Bei den Hottentotten ist nicht einmal Napoleon berühmt.
20.
Die Katzen halten keinen für eloquent, der nicht miauen kann.
21.
Ob das Werkzeug früher versagt oder die Hand, ist ein großer
Unterschied, kommt aber auf eins heraus.
22.
Das Leben erzieht die großen Menschen und läßt die kleinen laufen.
23.
Der Pfennig der Wittwe wird von der Kirche dankbar quittirt. Willst Du
gleichen Lohn empfangen im Tempel der Kunst, dann sei ein Krösus und
bringe Dein Hab' und Gut.
24.
Geistlose Lustigkeit -- Fratze der Heiterkeit.
25.
Es glaube doch nicht Jeder, der im Stande war, seine Meinung von einem
Kunstwerk aufzuschreiben, er habe es kritisirt.
26.
Einen Menschen kennen, heißt ihn lieben oder ihn bedauern.
27.
Steril ist der, dem nichts einfällt; langweilig ist, der ein paar alte
Gedanken hat, die ihm alle Tage neu einfallen.
28.
Es giebt wenig aufrichtige Freunde -- die Nachfrage ist auch gering.
29.
Der von Schaffens~freude~ spricht, hat höchstens Mücken geboren.
30.
Die Wunden, die unserer Eitelkeit geschlagen werden, sind halb geheilt,
wenn es uns gelingt, sie zu verbergen.
31.
Wir sind leicht bereit, uns selbst zu tadeln, unter der Bedingung --
daß Niemand einstimmt.
32.
Sei froh, wenn jeder Lober Dir nur ~einen~ Neider erweckt.
33.
Klarheit ist Wahrhaftigkeit in der Kunst und in der Wissenschaft.
34.
So weit Deine Selbstbeherrschung geht, so weit geht Deine Freiheit.
35.
Was Du bekrittelst, hast Du verloren.
36.
Der Leichtsinnige kümmert sich nicht einmal um den morgigen Tag, und
Ihr wollt ihn mit der Ewigkeit schrecken?
37.
Es ist schwer Den, der uns bewundert, für einen Dummkopf zu halten.
38.
Daß soviel Ungezogenheit gut durch die Welt kommt, daran ist die
Wohlerzogenheit schuld.
39.
Nur der Denkende erlebt sein Leben, am Gedankenlosen zieht es vorbei.
40.
Wenn Ihr wüßtet, daß Ihr solidarisch seid für jedes begangene Unrecht,
das Lästern würde Euch vergehen.
41.
Der sich gar zu leicht bereit findet, seine Fehler einzusehen, ist
selten der Besserung fähig.
42.
Manche Menschen haben ein Herz von Eisen und drin ein Fleckchen so
weich wie Brei.
43.
Die öffentliche Meinung wird verachtet von den erhabensten und von den
am tiefsten gesunkenen Menschen.
44.
Es giebt keine schüchternen Lehrlinge mehr; es giebt nur noch
schüchterne Meister.
45.
Was geschehen ist, so lange die Welt steht, braucht deshalb nicht zu
geschehen, so lange sie noch stehen wird.
46.
Wenn wir nur das Unrecht hassen und nicht Diejenigen, die es thun,
werden wir unsere Kampfgenossen ~und~ unsere Feinde lieben.
47.
Unbefangenheit, Geradheit, Bescheidenheit sind auch göttliche Tugenden.
48.
Mißtraue Deinem Urtheil, sobald Du darin den Schatten eines
persönlichen Motivs entdecken kannst.
49.
Der Ignorant weiß nichts, der Parteimann will nichts wissen.
50.
Wir sind in Todesangst, daß die Nächstenliebe sich zu weit ausbreiten
könnte, und richten Schranken gegen sie auf -- die Nationalitäten.
51.
Nichts Besseres kann der Künstler sich wünschen als grobe Freunde und
höfliche Feinde.
52.
Alle historischen Rechte veralten.
53.
Anspruchslosigkeit ist Seligkeit.
54.
Ein armer wohlthätiger Mensch kann sich manchmal reich fühlen, ein
geiziger Krösus nie.
55.
Der Ruhm der kleinen Leute heißt Erfolg.
56.
Besondere Stände haben sich gebildet, um uns zu vermitteln, was nur
durch die unmittelbarste Einwirkung in uns lebendig werden kann.
57.
Der völlig vorurtheilslos ist, muß es auch gegen das Vorurtheil sein.
58.
Die »Vornehmen« -- etymologisch Diejenigen, die vor allen Andern
nehmen, und zugleich die Bezeichnung für Adelige oder Edle.
59.
Wer hat nicht schon das, was er sich zutraut, für das gehalten, was er
vermag?
60.
Ein Held -- hochheiliger Ernst der Natur; eine Heldin -- Spiel der
Natur.
61.
Immer wird die Gleichgültigkeit und die Menschenverachtung dem
Mitgefühl und der Menschenliebe gegenüber einen Schein von geistiger
Ueberlegenheit annehmen können.
62.
Wir unterschätzen das, was wir haben, und überschätzen das, was wir
sind.
63.
So Manches können wir Anderen zu Liebe thun, unsere Schuldigkeit thun
wir immer nur uns selbst zu Liebe.
64.
Es giebt eine nähere Verwandtschaft als die zwischen Mutter und Kind:
die zwischen dem Künstler und seinem Werke.
65.
Die Summe unserer Erkenntnisse besteht aus dem, was wir gelernt, und
aus dem, was wir vergessen haben.
66.
Begeisterung spricht nicht immer für Den, der sie erweckt, und immer
für Den, der sie empfindet.
67.
Die still stehende Uhr, die täglich zwei Mal die richtige Zeit
angezeigt hat, blickt nach Jahren auf eine lange Reihe von Erfolgen
zurück.
68.
Während ein Feuerwerk abgebrannt wird, sieht Niemand nach dem
gestirnten Himmel.
69.
Was wir unserem besten Freunde nicht anvertrauen würden, rufen wir ins
Publikum.
70.
Auch der ungewöhnlichste Mensch ist gehalten, seine ganz gewöhnliche
Schuldigkeit zu thun.
71.
Eine ungeschickte Schmeichelei kann uns tiefer demüthigen als ein
wohlbegründeter Tadel.
72.
Der Hans, der etwas erlernte, was Hänschen nicht gelernt, der weiß es
gut.
73.
Ein Hauptzweck unserer Selbsterziehung ist: die Eitelkeit in uns zu
ertödten, ohne welche wir nie erzogen worden wären.
74.
Das Talent zu herrschen, täuscht oft über den Mangel an anderem Talent.
75.
Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.
76.
Was wissen wir nicht alles zur Entschuldigung von Fehlern und
Uebelständen vorzubringen, aus denen wir Nutzen ziehen!
77.
Nichts bist Du, nichts ohne die Andern. Der verbissenste Misanthrop
braucht die Menschen doch, wenn auch nur, um sie zu verachten.
78.
Kein Todter ist so gut begraben wie eine erloschene Leidenschaft.
79.