73

Kaum daß das letzte Wort von Oberons Lippen fiel,

So sah man aus der Luft sich eine Wolke neigen,

Und aus der Wolke Schooß, bey goldner Harfen Spiel,

Mit Lilien vor der Brust drey Elfentöchter steigen.

Im Arm der dritten lag ein wunderschöner Knab',

Den sie, auf ihren Knie'n, Titanien übergab.

Süß lächelnd bückt zu ihm die Königin sich nieder,

Und giebt, mit einem Kuß, ihn seiner Mutter wieder.

74

Und, unterm Jubelgesang der Jungfrau'n, die in Reihn

Vor ihnen her den Weg mit Rosen überstreun,

Ziehn durch die weite goldne Pforte

Die Glücklichen hinein in Oberons Freudenhaus.

Was sie gesehn, gehört, an diesem schönen Orte,

Sprach ihre Zunge nie beym Rückerinnern aus.

Sie sahn nur himmelwärts, und eine Wonnethräne

Im glänzenden Auge verrieth wohin ihr Herz sich sehne.

75

In einen sanften Schlaf verlor sich wonniglich

Der sel'ge Traum. Und mit dem Tage fanden

Sie beide, Arm in Arm, wie neu geboren, sich

Auf einer Bank von Moos. Zu ihrer Seite standen

Im leicht umschattenden Gebüsch,

Reich aufgeschmückt, vier wunderschöne Pferde,

Und ringsum lag ein schimmerndes Gemisch

Von Waffen, Schmuck und Kleidern auf der Erde.

76

Herr Hüon, dem das Herz von Freude überfloß,

Weckt seinen Alten auf; Amande

Sucht ihren Sohn, der noch auf Fatmens Schooß

Sanft schlummernd lag. Sie sehn sich um. Wie groß

Ist ihr Erstaunen!--Herr, in welchem Lande

Glaubt ihr zu seyn? ruft Scherasmin entzückt

Dem Ritter zu--Kommt, seht von diesem Stande

Nach Westen hin, und sagt, was ihr erblickt!

77

Der Ritter schaut hinaus, und traut

Dem Anblick kaum.--Er, der so viel erfahren,

Und dessen Augen so gewöhnt an Wunder waren,

Glaubt kaum was er mit offnen Augen schaut.

Es ist die Sein', an deren Bord sie stehen!

Es ist Paris, was sie verbreitet vor sich sehen!

Er reibt sich Aug' und Stirn, schaut immer wieder hin,

Und ruft: Ist's möglich, daß ich schon am Ziele bin?

78

Nicht lange schaut er hin, vor Freude ganz betroffen,

So stellt sich ihm ein neues Schauspiel dar.

Ihm däucht, daß alles um die Burg in Aufruhr war.

Man hört Trommetenschall, und eine Ritterschaar

Trabt dem Turnierplatz zu, die Schranken stehen offen.

Mein Glück, ruft Hüon, läßt mein Hoffen

Stets hinter sich. Geh, Freund! wofern nicht alles mich

Betrügt, giebt's ein Turnier; geh, und erkund'ge dich.

79

Der Alte geht. Inzwischen wird Amande

Von Fatmen angekleid't. Denn, was sie haben muß,

Sich, mit dem Glanz, der ihrem hohen Stande

Und ihrer Schönheit ziemt, in diesem fremden Lande

Zu zeigen, fanden sie im reichsten Überfluß

Gehäuft zu ihren Füßen liegen.

Herr Hüon läßt indeß, mit manchem Vaterkuß,

Den kleinen Hüonnet auf seinem Knie sich wiegen,

80

Und sieht, mit inniglicher Lust,

Das schöne Weib, durch alles fremde Zieren

Und Schimmern nichts gewinnen noch verlieren.

Ob eine Rose ihre Brust

Umschattet, ob ein Strauß von blitzenden Juwelen

In Glanz sie hüllt--stets durch sich selber schön

Und liebeathmend, scheint durch Den

Ihr nichts geliehn, bey Jener nichts zu fehlen.

81

Der Alte kommt itzt mit der Nachricht an,

Drey Tage sey bereits der Schranken aufgethan.

Karl, (spricht er) immer noch durch seinen Groll getrieben,

Hat ein Turnier im Reiche ausgeschrieben:

Und rathet, welchen Dank der Sieger heut erhält!

Nichts kleiners, Herr, als--Hüons Land und Lehen!

Denn, euch aus Babylon mit Ruhm gekrönt zu sehen,

Ist was dem Kaiser nicht im Schlaf zu Sinne fällt.

82

Auf, waffne mich, ruft Hüon voller Freuden;

Willkommner konnte mir kein' andre Botschaft seyn.

Was die Geburt mir gab, sey nun durch Tugend mein!

Verdien' ich's nicht, so mag's der Kaiser dem bescheiden

Der's würdig ist!--Er sagt's, und siehet Rezia

Ihm lächelnd stillen Beyfall nicken.

Ihr Busen klopft ihm Sieg!--In wenig Augenblicken

Steht glänzend schon ihr Held in voller Rüstung da.

83

Sie schwingen sich zu Pferd, die Ritter und die Frauen,

Und ziehen nach der Stadt! und allenthalben schauen,

Von ihrer Pracht entzückt, die Leute nach, und wer

Die Gassen müßig tritt, läuft hinter ihnen her.

Bald langt mit Rezia Herr Hüon vor den Planken

Der Stechbahn an. Er läßt, nachdem er sich bey ihr

Beurlaubt, Scherasmin zu ihrem Schützer hier,

Zieht sein Visier herab, und reitet in die Schranken.

84

Ein lautes Lob verfolgt von beiden Seiten ihn,

Ihn, der an Anstand und an Stärke

Den besten, die der ritterlichen Werke

Bisher gepflegt, weit überlegen schien.

Schel sehend stand am Ziel, auf seinem stolzen Roß,

Der Ritter, der in diesen dreyen Tagen

Des Rennens Preis davon getragen,

Und mit den Fürsten sah der Kaiser aus dem Schloß.

85

Herr Hüon neigt, nach ritterlicher Weise,

Sich vor dem Kaiser tief, dann vor den Damen und

Den Richtern--tummelt drauf im Kreise

Den muth'gen Hengst herum, und macht dem Sieger kund,

Daß er gekommen sey, den Dank ihm abzusagen.

Er sollte zwar erst Stand und Nahmen sagen;

Allein sein Schwur, daß er ein Franke sey,

Und seines Aufzugs Pracht, macht vom Gesetz ihn frey.

86

Er wiegt und wählt aus einem Haufen Speere

Sich den, der ihm die meiste Schwere

Zu haben scheint, schwingt ihn mit leichter Hand,

Und stellt, voll Zuversicht, sich nun an seinen Stand.

Wie klopft Amandens Herz! wie feurige Gebete

Schickt sie zu Oberon und allen Engeln ab,

Als itzt die schmetternde Trompete

Den Ungeduldigen zum Rennen Urlaub gab!

87

Dem Ritter, der bisher die Nebenbuhler alle

Die Erde küssen hieß, schwillt mächtiglich die Galle,

Daß er gezwungen wird, auf diese neue Schanz

Sein Glück und seinen Ruhm zu setzen.

Er war ein Sohn des Doolin von Maganz,

Und ihm war Lanzenspiel kaum mehr wie Hasenhetzen.

Er stürmet, wie ein Strahl aus schwarzer Wolken Schooß,

In voller Wuth auf seinen Gegner los.

88

Doch, ohne nur in seinem Sitz zu schwanken,

Trifft Hüon ihn so kräftig vor die Brust,

Und wirft mit solcher Macht ihn seitwärts an die Planken

Daß alle Rippen ihm von seinem Fall erkranken.

Zum Kampf vergeht ihm alle weit're Lust;

Vier Knappen tragen ihn ohnmächtig aus den Schranken.

Ein jubelnd Siegsgeschrey prallt an die Wolken an,

Und Hüon steht allein als Sieger auf dem Plan.

89

Er bleibt am Ziel noch eine Weile stehen,

ob jemand um den Dank noch kämpfen will, zu sehen;

Und da sich niemand zeigt, eilt er mit schnellem Trab

Amanden zu, die, hoch auf ihrem schönen Rosse,

Wie eine Göttin glänzt, und führt sie nach dem Schlosse.

Sie langen an. Er hebt gar höflich sie herab,

Und führt sie, unterm Vivatrufen

Des Volks, hinauf die hohen Marmorstufen.

90

Wie eine Silberwolk' umwebt

Amandens Angesicht ein undurchsicht'ger Schleier,

Durch den sich jedes Aug' umsonst zu bohren strebt.

Voll Ungeduld, wie sich dieß Abenteuer

Entwickeln werde, strömt die Menge ohne Zahl

Dem edeln Paare nach. Itzt öffnet sich ein Sahl;

Hoch sitzt auf seinem Thron, von seinem Fürstenrathe

Umringt, der alte Karl in kaiserlichem Staate.

91

Herr Hüon nimmt den Helm von seinem Haupt,

Und tritt hinein, in seinen schönen Locken

Dem Gott des Tages gleich. Und alle sehn erschrocken

Den Schnell-erkannten an. Der alte Kaiser glaubt

Des Ritters Geist zu sehn. Und Hüon, mit Amanden

An seiner Hand, naht ehrerbietig sich

Dem Thron, und spricht: Mein Lehnsherr! siehe mich,

Gehorsam meiner Pflicht, zurück in deinen Landen!

92

Denn, was du zum Beding gemacht

Von meiner Wiederkehr, mit Gott hab' ich's vollbracht!

In diesem Kästchen sieh des Sultans Bart und Zähne,

An die, o Herr, nach deinem Wort, ich Leib

Und Leben aufgesetzt--und sieh in dieser Schöne

Die Erbin seines Throns, und mein geliebtes Weib!

Mit diesem Worte fällt von Reziens Angesichte

Der Schleier ab, und füllt den Sahl mit neuem Lichte.

93

Ein Engel scheint, in seinem Himmelsglanz,

(Gemildert nur, damit sie nicht vergehen)

Vor den Erstaunten da zu stehen:

So groß, und doch zugleich so lieblich anzusehen,

Glänzt Rezia in ihrem Myrtenkranz

Und silbernen Gewand. Die Königin der Feen

Schmiegt, ungesehen, sich an ihre Freundin an,

Und alle Herzen sind ihr plötzlich unterthan.

94

Der Kaiser steigt vom Thron, heißt freundlich sie willkommen

An seinem Hof. Die Fürsten drängen sich

Um Hüon her, umarmen brüderlich

Den edeln jungen Mann, der glorreich heim gekommen

Von einem solchen Zug. Es stirbt der alte Groll

In Karls des Großen Brust. Er schüttelt liebevoll

Des Helden Hand, und spricht: Nie fehl' es unserm Reiche

An einem Fürstensohn, der Dir an Tugend gleiche!

Glossarium

über die im Oberon vorkommenden veralteten oder fremden, auch neu gewagten

Wörter, Wortformen und Redensarten

Acqs, II. 13. Acqus, (Aquae Augustae) eine kleine, vor Alters

beträchtliche, bischöfliche Stadt in den Landes von Gascogne, die ihren

Nahmen von einer mitten in der Stadt befindlichen heißen Quelle hat. Aus

den Worten Scherasmins sollte man schließen, daß Acqus damahls im Besitz

eines so genannten Gnadenbildes der heiligen Jungfrau gewesen sey. Poetisch

zu reden, mußte er das, als in diesen Gegenden einheimisch, am besten

wissen, und in so fern kann uns auch, ohne andere historische Beweise, an

seinem Zeugniß genügen.

Allzuhauf, V. 38. Nach der Analogie von allzugleich, allzumahl, u. a. aus

All und zu Hauf (welches letztere in den Redensarten zu Haufe bringen,

treiben, kommen, noch nicht völlig aus der Übung gekommen ist) in Form

eines Nebenwortes zusammen gesetzt. Da der Dichter sich keiner Stelle im

"Heldenbuch", "Theuerdank", und dergleichen erinnert, auf die er sich zu

Rechtfertigung dieses ungewöhnlichen Wortes berufen könnte, so muß er es

darauf ankommen lassen, ob es als ein neu gewagtes geduldet oder verworfen

werden wird.

Alquif, I. 22. Ein weiser Meister und großer Zauberer im Amadis de Gaule.

Angehen, VI. 22. So viel als unternehmen, beginnen; eine sehr alte

Bedeutung dieses Wortes, deren Gebrauch durch Hagedorns Beyspiel (in der

Fabel vom Löwen, der mit seinem Bilde im Brunnen fechten will) hinlänglich

gerechtfertigt ist:

Und fordert ihn heraus den Zweykampf anzugehen.

Poetische Werke, II. 8. 239. nach der Hamb. Ausgabe von 1769.

Babylon, wird in diesem Gedichte mehrmahls (wiewohl unrichtig) als

gleichbedeutend mit Bagdad gebraucht, welches letztere unter den

Abassischen Kalifen der Sitz dieser mächtigen Fürsten war. Die alten

Romanciers übten eine so willkührliche Gewalt über die Geografie als über

Kronologie und Geschichte aus; und unser Dichter hielt es für schicklich,

sich ihnen auch in diesem Stücke gleich zu stellen. Übrigens ist nicht zu

läugnen, daß das Babylon im Roman von Huon de Bordeaux, dessen so genannte

Admirale (Miramolins) in den Romanen von Charlemagne und seinen Pairs eine

große Rolle spielen, nicht in Mesopotamien, sondern angeblich in Ägypten

gelegen haben soll.

Bangen, nach etwas bangen, VI. 27. Statt, mit bänglicher Ungeduld nach

etwas verlangen, ein neu gewagtes Wort, welches sich selbst durch die Welt

helfen mag, wenn es kann. Ob es nicht in alten Zeiten schon üblich gewesen,

davon finden wir zwar keine Spur; aber wie wenig sind auch die noch

vorhandenen Überbleibsel aus den Zeiten der Minnesänger theils gekannt,

theils benutzt!

Bar, "schön wie ein barer Engel", IV. 47. Ein veraltetes Wort, welches

ehemahls unter andern die Bedeutung von offenbar, augenscheinlich

(manifestus, luculentus) hatte, und, in so fern dieser Begriff damit

verbunden wird, in die Sprache der Dichter, (in welcher die Beywörter

größten Theils als Farben zu betrachten sind) wenigstens in die Sprache des

komischen, scherzhaften und launigen Styls, aufgenommen zu werden verdient.

Man hat es deßwegen einer Person in den Mund gelegt, der es anständig ist,

sich in einer, wo nicht niedrigen, doch weniger edeln Sprechart

auszudrücken, als der Held des Stücks, oder der Dichter, wenn er selbst

erzählt.

Betefahrt, II. 32. In der katholischen Kirche eine Procession mit Kreuz und

Fahnen, wobey gebetet wird. Besonders wurde vor Alters der in der so

genannten Kreuzwoche (Hebdomas Rogationum) übliche feierliche Umgang, wobey

die Felder und Früchte eingesegnet werden, so genannt. Auch kommt dieses

Wort in der allgemeinen Bedeutung von Wallfahrt vor. Es scheint

Niedersächsischen Ursprungs zu seyn.

Betitelt, mit einem rechtsgültigen Grunde (titulo juris) zum Anspruch an

etwas versehen, X. 53; "zu einem Gärtnerschurz betitelt," statt berechtigt,

ist in dieser Bedeutung neu gestempelt.

Dank, kommt mehrmahls in der Bedeutung vor, die dieß Wort in der alten

Turniersprache hatte, worin es den Preis bezeichnete, welchen der Ritter

gewann, der alle anderen aus dem Sattel gehoben hatte.

Dienstmann, V. 56 in der weitesten Bedeutung, ein Lehensmann oder Vasall.

Domina, II. 34 wird die Vorsteherin der Frauenklöster in einigen religiösen

Orden genannt.

Durstiglich, VI. 32, nach einer veralteten Oberdeutschen Form von

Nebenwörtern, welche in inniglich, ewiglich, wonniglich u. a. wenigstens in

der Dichtersprache sich noch erhalten hat. Luther gebraucht das Wort

dürstiglich in seiner Übersetzung der Bibel mehrmahls, um den höchsten Grad

einer leidenschaftlichen Begierde auszudrücken; als 1 Mos. 34,25. "die

Brüder der Dina gingen in die Stadt Sichems dürstiglich und erwürgten alles

was männlich war," und--Sprichw. Salom. 14,5. "ein falscher Zeuge redet

dürstiglich Lügen". In diesem Sinne wird es hier gebraucht.

Eitel, I. 30 in der veralteten Bedeutung: "in eitel Lust und Pracht,"

statt, in lauter Lust--

Elfen, II. 22 und a.o. Alfen, Elfen oder Elven sind eine Art von Genien, in

der Mythologie der Nordischen Völker, in welcher sie (wie Adelung unter dem

Wort Alp schon bemerkt) ungefähr die Stelle der Nymfen und Waldgötter der

Griechen vertreten. Auch die Fairies, an welche das Brittische Landvolk

noch itzt hier und da glaubt, gehören in diese Rubrik. In Chaucers

"Merchants-Tale" ist Oberon König der Fairies. Unser Dichter hat diese

Elfen zu einer Art von edeln, mächtigen und den Menschen gewogenen Sylfen

erhoben, und Oberon, ihr König, spielt in diesem Gedicht eine so wichtige

Rolle, daß es daher den Nahmen von ihm erhalten hat.

Fahr, II. 16. Das veraltete Wort, an dessen Stelle Gefahr gewöhnlich ist.

Daher Fährde, fährlich, Fährlichkeit, wovon ebenfalls in der Dichtersprache

(nur pudenter, wie Horaz sagt) Gebrauch zu machen wäre.

Fahren, für reisen, ausziehen, wallfahrten, I. 26. "Als wir zum heil'gen

Grab zu fahren uns verbanden." In noch weiterer Bedeutung hieß fahren herum

irren, im Lande herum ziehen; daher fahrende Ritter, (Chevaliers errans)

fahrende Schüler, Landfahrer u. d. Fahrt, III. 55 ist also so viel als Zug,

Ritt, oder das Französische Wort Traite.

Fant, IV. 47 "Ein fremder junger Fant."--Dieses Wort wird hier für

Jüngling gebraucht, und ist in so fern mit dem alten Worte Knapp (wovon

Schildknapp, Bergknapp) gleichbedeutend. In Niedersachsen, wo es so viel

als Knecht ist, wird es Fent ausgesprochen; im Isländischen lautet es Fant.

Das Italiänische Fante ist damit vielleicht einerley Ursprungs. Auch die

Bauern (Pions) im Schachspiele werden in einigen Gegenden Fant oder Fänt

genannt.

Gaden, IV. 15. Ein uraltes Wort, dessen Gebrauch in Ober--und

Niederdeutschland, und vornehmlich in der Schweiz, hier und da noch in

verschiedenen aus einem gemeinsamen Begriff entspringenden Bedeutungen sich

erhalten hat. In den Nahmen der gefürsteten Propstey Berchtoldsgaden und

des Oberbayerischen Prämonstratenser-Stifts Steingaden ist Gaden eben das,

was hausen, heim, zell in den Nahmen einer Menge von Klöstern in

Österreich, Bayern und Schwaben. In der Bedeutung von Laden, Kammer,

Scheune, Stall sagte man ehemahls Würzgaden, Gadendiener, Speisegaden, und

sagt noch itzt in der Schweiz Milchgaden (Milchkeller), Käsegaden,

Viehgaden, Heugaden. Für Stockwerk eines Hauses kommt es im "Schwaben-" und

"Sachsenspiegel" u.b.a. und für Zimmer oder Gemach im "Heldenbuche" vor.

Da schloß die Küniginne

Drey Riegel vor das Gaden.

Eva war ein Gaden (Wohnsitz) aller weiblichen Tugend, sagte der zu seiner

Zeit berühmte Prediger Joh. Matthesius noch im sechzehnten Jahrhundert. Man

sollte dieses Wort (welches schon beym Ottfried und Willeram in der Form

Gadum und Gegadame vorkommt) um so mehr zu erhalten suchen, da es ohne

Zweifel eines von denen ist, die uns aus der ältesten Sprache, der

gemeinschaftlichen Stamm-Mutter der Hebräischen, Fönizischen, Persischen

und Celtischen, übrig geblieben sind. Denn es ist im Hebräischen gadar,

einzäunen, im Punischen Gadir, Einzäunung, in Gades, dem alten Nahmen der

Stadt Cadiz, und in dem Nahmen der Persischen Stadt Menosgada und der Burg

Pasergada oder Persagadum, in der Gegend wo Cyrus den berühmten Sieg über

den Astyages erhielt, unverkennbar. In unserm Gedichte scheint es hier,

zumahl im Munde Scherasmins, an seinem rechten Orte zu stehen, und eine

kleine Ladenstube oder Kammer eines schlechten Häuschens in einer

Winkelgasse zu bezeichnen.

Glorie, XII. 16. "Wie eine Glorie. "--Wenigstens in dieser zu unsrer

Mahlerkunstsprache gehörigen Bedeutung, in welcher es das Bild des sich

öffnenden Empyreums und der Erscheinung himmlischer Wesen, Engel, und

Heiligen, in der Fantasie erregt, sollte, dünkt uns, dieses zwar fremde,

aber schon in Kaisersbergers Postille und einigen unsrer ältesten

Kirchenlieder vorkommende, und also längst verbürgerte Wort beybehalten

werden. Aber auch bloß als poetische Farbe ist es der Dichtersprache, um

den höchsten Grad von Ruhm, Herrlichkeit und Majestät auszudrücken, (wie so

manche andre Wörter, deren man uns ohne Noth oder Nutzen berauben will)

unentbehrlich.

Großheit, III. 40. Großheit verhält sich zu Größe, wie Hoheit zu Höhe, nur

daß es in dieser Bedeutung im Hochdeutschen noch nicht üblich ist. Der

Dichter versteht unter Großheit das, was beym ersten Anblick eine große,

über gewöhnliche Menschen weit empor ragende Person ankündigt. Größe, ohne

irgend eine hinzu gesetzte nähere Bestimmung, erweckt nur den Begriff

körperlicher Quantität: Großheit erregt ein mit Ehrfurcht verbundenes

dunkles Gefühl der Würde und Vortrefflichkeit einer Person. Majestät ist

nur ein höherer Grad von Großheit, und beide können auch ohne eine über das

gemeine Maß hinaus gehende körperliche Größe (Procerität) Statt finden,

wiewohl diese unstreitig ein beträchtliches dazu beyträgt, das Gefühl und

Vorurtheil von Großheit und Majestät zu erregen.

Gulistan, IX, 5. Ein Persisches Wort, welches Blumen--oder Rosengarten

bedeutet, bekannt aus einem unter diesem Nahmen in die vornehmsten

Europäischen Sprachen übersetzten Gedichte des berühmten Persischen

Dichters Sahdi, oder Scheik Mosleheddin Saadi von Schiras, der um das Jahr

Christi 1193 geboren wurde, und bis 1313 unsrer Zeitrechnung gelebt haben

soll.--Der Gebrauch dieses Wortes an dieser Stelle bedarf wohl keiner

Rechtfertigung.

Hämmling, V. 47. Ungefähr eben diese Art von Sklaven Kombabischen

Geschlechts, V. 33, welche in der 48ten Stanze höflicher Kämmerlinge

heißen. Das Wort Hämmling ist nach Wachtern sehr alt, und scheint nicht von

Hammel, sondern von dem alten Wort hämeln, stümmeln, verschneiden,

abgeleitet zu seyn. In dem Sinne, worin es hier gebraucht wird, kommt es in

einer von Adelung unter dem Worte Hammel angeführten alten Übersetzung des

Terenzischen "Eunuchus" vor, die im Jahre 1486 zu Augsburg gedruckt wurde.

In einer hundert Jahre spätern Übersetzung eben dieser Komödie, durch M.

Josua Loner, Pfarrherrn und Superintendenten zu Arnstadt, wird Eunuchus

durch Frauenhut gegeben. "Wenn man (sagt der Übersetzer) das deutsch wollt

geben gut, Möcht mans nennen den Frauenhut." (Hut wird hier, wie man sieht,

in einer veralteten Bedeutung für Hüter genommen.) Der Erfinder dieses

komischen Wortes ist aber nicht besagter Loner, sondern D. Luther, wie aus

folgender von Wachtern angezognen Stelle aus seiner berüchtigten Schrift

"Wider Hans-Worst", Wittenberg 1541, zu ersehen ist: "Er were besser ein

Frauenhut, der nichts thun sollte, denn wie ein Eunuchus, d. i. ein

Frauenhut, stehen in einer Narrenkappe mit einem Fliegenwedel,* und der

Frauen hüten, und des davon sie Frauen heißen, (wie es die groben Deutschen

nennen.)"

Han, IV. 36. Eben das, was Karavan--oder Kirwan-Serai; große öffentliche

Gebäude in den Muhamedanischen Ländern, wo Reisende, jedoch ohne

Verpflegung, beherbergt werden.

Heiden, II. 5, wird hier, nach der Weise der alten Ritterbücher, von allen

Nicht-Christen, also auch von Sarazenen oder Muhamedanern, gebraucht.

Hesperien, I. 3. Italien, welches die ältesten Griechen, weil es ihnen

gegen Abend lag, Hesperia, das Abendland, nannten.

Idschoglan, X. 49. Nahme einer Art von Pagen des Türkischen Hofes, die im

dritten Hofe des Serai neben dem Divan wohnen, und in vier Oda's oder

Klassen abgetheilt sind, von welchen die vierte unmittelbar zur Bedienung

der Person des Sultans bestimmt ist. Vermöge einer den Dichtern immer

zugestandenen Freyheit wird hier vorausgesetzt, daß ungefähr dieselbe

Einrichtung auch am Hofe des Königs von Tunis Statt gefunden habe.

Je und ie, III. 57. Die alte und noch immer übliche Oberdeutsche Form der

Partikel je ist ie, welches beynahe wie i ausgesprochen wird. So kommt sie

bey den Minnesängern immer vor, und die Richtigkeit dieser Form und

Aussprache wird auch durch das offenbar aus den alten Verneinungswörtchen

ni und ie zusammen gesetzte nie bestätigst. Weil man einem Deutschen

Dichter das Reimen nicht ohne Noth erschweren sollte, indem unsre Sprache

ohnehin arm genug an Reimen ist, so halten wir für billig, daß man

reimenden Dichtern erlaube, sich der Wörter je, jeder, und jetzt sowohl in

dieser neuern, als in der Altdeutschen Form, ie, ieder, und itzt, nach

Gefallen zu bedienen. Ohne diese Freyheit hätte hier eine der besten

Stanzen des ganzen Oberons entweder gänzlich kassiert, oder ins schlechtere

verändert werden müssen.

Jungfernzwinger, II. 32. Ein (vermuthlich) von unserm Dichter gestempeltes

Wort für Jungfernkloster. Daß sich dazu keine andre Analogie fand als das

Jägerwort Hundezwinger, wird ihm hoffentlich zu keinem Vorwurf gereichen.

Klosterbühl, II. 33. Bühel, Bühl, (in den härtesten Mundarten Büchel) ist

ein gutes altes Wort für Hügel. Die Reichsstadt Dinkelsbühl hat ihren

Nahmen von Dinkel (einer Getreideart, die vermuthlich in ihrer Gegend

vorzüglich geräth) und von einem dreyfachen Bühl, d. i. Hügel, worauf sie

erbaut ist.

Knappen, III. 2, so viel als Schildknappen, Waffenträger, Knapo im mittlern

Latein. Es war vor Alters mit Knecht oder Edelknecht (Englisch Knight)

einerley, und wurde auch von einem jungen Edelmann gebraucht, welcher einem

ältern Ritter, entweder als Lehrjunge, um die Ritterschaft zu erlernen,

oder als Geselle, um sie unter Anleitung und Aufsicht eines Meisters

auszuüben, Dienste that. Nach und nach verlor es, wie Knecht und Schalk,

seine vormahlige Bedeutung und Würde, und ist dermahlen nur noch in den

Benennungen Tuchknappe, Mühlknappe, Bergknappe, üblich.

Kobold, II. 11. Eine Art von Mittelgeistern, Gobelinus im Latein des

Mittelalters, von welchen man glaubte, daß sie den Menschen eher hold als

zu schaden geneigt seyen, wiewohl dieß so ziemlich von ihrer Laune und

andern Umständen abhing. Der Kobold der Bergleute, oder das Bergmännchen,

scheint mit Gabalis Gnomen, oder Elementargeistern von der vierten Klasse,

einerley zu seyn.

Kurdé, XII. 43. Ein weites Oberkleid der türkischen Damen. S. "Letters of

Lady M. Worthley Montague" L. XXIX.

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* Eine Anspielung auf den Pseudo-Frauenhut Chärea im Terenz, dem eine Magd,

in der Meinung, daß er der Verschnittene sey, welchen ihre Dame zum

Geschenk erhalten hatte, die junge Pamfila zu hüten gab, mit dem Auftrag,

ihr, während sie nach dem Bade der Ruhe pflegte, Luft zuzufächeln. (Zurück)

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Langon, II. 46. Eine kleine Stadt an der Garonne, berühmt durch ihren Wein,

der für den besten unter den weißen Bourdeaux-Weinen, Vins de Grave

genannt, gehalten wird. "Melanges tirés d'une grande Bibliotheque". Vol. 36

p. 94.

Laudan, X. 43. Laudanum, eine aus Opium zubereitete Arzney von der

Erfindung des berühmten Paracelsus, steht hier für jedes andere Kordial.

Oberon · 第 14 / 15 段