8

O! raubet nun dem Blitz die Feuerschwingen,

Ihr Stunden, ihn herbey zu bringen,

Den süßen Augenblick! Zu langsam schleichet ihr

(Wie schnell ihr eilt!) der lechzenden Begier!

Doch--Sie ist's nicht allein, die jetzt Sekunden zählet:

Auch Hüon überlebt, von Ungeduld gequälet,

Den trägen Gang der drey verhaßten Tage kaum,

Und wachend und im Schlaf ist Rezia sein Traum.

9

Der zweyte Morgen war dem sehnlichen Verlangen

Der Haremskönigin nun endlich aufgegangen;

Goldlockig, schön und rosenathmend stieg

Er, wie der Herold, auf, der ihr den schönsten Sieg

Verkündigte; schon säuselt durch die Myrten,

Die, dicht verweht, der Grotten schönste gürten,

Ein leichter Morgenwind, und tausendstimmig schallt

Der Vögel frühes Kor im nah gelegnen Wald.

10

Doch um die Grotte her ist unterm Myrtenlaube

In ew'ger Dämmerung das Heiligthum der Ruh.

Hier girret nur die sanfte Turteltaube

Dem Tauber ihre Sehnsucht zu.

In diesen lieblichen Gebüschen,

Dem dunkeln Sitz verborgner Einsamkeit,

Pflegt öfters sich zur stillen Morgenzeit

Almansaris mit Baden zu erfrischen.

11

Der anmuthsvolle Morgen rief

Den schönen Hassan auf, indeß noch alles schlief,

Die Blumenkörbe voll zu pflücken,

Die er an jedem Tag dem Harem zuzuschicken

Verbunden war: als ihm ein Sklav' entgegen lief,

Und keuchend ihm befahl die Grotte aufzuschmücken.

Der Neger fügt, zur Eil' ihn anzuspornen, bey,

Daß eine Dame dort zu baden Willens sey.

12

Verdrossen geht Herr Hüon auszurichten

Was ihm befohlen war. Er füllt mit bunten Schichten

Von Blumen, Florens ganzem Schatz,

Den größten Korb, und eilt zum angewiesnen Platz.

Fern ist's von ihm, der Sache mißzutrauen.

Allein, beym Eintritt in die Grotte fällt auf ihn

Ein dumpfes wunderbares Grauen,

Und ein verborgner Arm scheint ihn zurück zu ziehn.

13

Betroffen setzt er seine Blumen nieder;

Doch faßt er Augenblicks sich wieder

Und lächelt seiner Furcht. Das zweifelhafte Licht,

Das unter tausendfachem Flittern

In diesem Labyrinth mit sichtbar'm Dunkel ficht,

Ist ohne Zweifel Schuld an diesem kind'schen Zittern,

Denkt er, und geht getrost, bey immer hellerm Schein,

Mit seinem Blumenkorb ins Innerste hinein.

14

Hier herrscht ein Tag wie zu verstohlnen Freuden

Die schlaue Lust ein Zauberlicht sich wählt,

Nicht Tag nicht Dämmerung; er schwebte zwischen beiden,

Nur lieblicher durch das, was ihm zu beiden fehlt;

Er glich dem Mondschein, wenn durch Rosenlauben

Sein Silberlicht zerschmilzt in blasses Roth.

Der Held, wiewohl ihm hier noch nichts gefährlichs droht,

Erwehrt sich kaum, bezaubert sich zu glauben.

15

Was er am wenigsten sich überreden kann,

Ist, daß man hier, wo alles um und an

Von Blumen strotzt, noch Blumen nöthig hätte.

Doch, wie sein Auge nun auf allen Seiten irrt,

O wer beschreibt, wie ihm zu Muthe wird,

Da ihm auf einem Ruhebette

Sich eine Nymf' aus Mahoms Paradies

Im vollen Glanz der reinsten Schönheit wies!

16

In einem Licht, das zauberisch von oben

Wie eine Glorie auf sie herunter strömt,

Und, durch die Dunkelheit des übrigen erhoben,

Mit ihres Busens Schnee die Lilien beschämt;

In einer Lage, die ihm Reitzungen entfaltet

Wie seine Augen nie so schön entschleiert sahn;

Mehr werth als alles was zum Farren und zum Schwan

Den Jupiter der Griechen umgestaltet.

17

Die Gase, die nur, wie ein leichter Schatten

Auf einem Alabasterbild

Sie hier und da umwallet, nicht verhüllt,

Scheint mit der Nacktheit selbst den Reitz der Scham zu gatten.

Weg, Feder, wo Apell und Tizian

Bestürzt den Pinsel fallen ließen!

Der Ritter steht, und bebt, und schaut bezaubert an,

Wiewohl ihm besser war die Augen zuzuschließen.

18

In süßem Irrthum steht er da

Und glaubt, doch nur zwey Augenblicke,

(So schön ist was er sieht) er sehe Rezia.

Allein, mit Recht mißtrauisch einem Glücke

Das ihm unglaublich däucht, tritt er ihr näher, sieht,

Erkennt Almansaris, und wendet sich und flieht;

Er flieht, und fühlt im Fliehn von zwey elastisch runden

Milchweißen Armen sich gefangen und umwunden.

19

Er kämpft den schwersten Kampf, den je seit Josefs Zeit

Ein Mann gekämpft, den edlen Kampf der Tugend

Und Liebestreu' und feuervollen Jugend

Mit Schönheit, Reitz und heißer Üppigkeit.

Sein Will' ist rein von sträflichem Entzücken;

Allein, wie lange wird er ihrem süßen Flehn,

Den Küssen voller Gluth, dem zärtlich wilden Drücken

An ihren Busen, widerstehn?

20

O Oberon, wo ist dein Lilienstängel,

Wo ist dein Horn in dieser Fährlichkeit?

Er ruft Amanden, Oberon, alle Engel

Und Heilige zu Hülf'--Und noch zu rechter Zeit

Kommt Hülf' ihm zu. Denn just, da jede Sehne

Ermatten will zu längerm Widerstehn,

Und mit wollüst'ger Wuth ihn die erhitzte Schöne

Fast überwältigt hat, läßt sich Almansor sehn.

21

Gleich einem angeschoßnen Wild,

Und wüthend, eine Frau, die ihn verschmäht, zu lieben,

Hat er, verfolgt von Zoradinens Bild,

Schon eine Stunde sich im Garten umgetrieben:

Der Zufall leitet ihn in dieses Myrtenrund;

Er glaubt die Stimme von Almansaris zu hören,

Und, weil die Grottenthür nur angelehnet stund,

Geht er hinein, sich näher zu belehren.

22

Der Dämon, der durch seiner Priesterinnen

Gefährlichste des Ritters Treu' bestritt,

Wird schon von fern an seinem Sultansschritt

Almansors nahe Ankunft innen.

O Hülfe, Hülfe! schreyt das schnell gewarnte Weib,

Und wechselt stracks mit Hüons Ihre Rolle,

Stellt sich, als kämpfte sie um ihren eignen Leib

Mit einem Wüthenden, der sie entehren wolle.

23

Ihr wilder Blick, ihr halb zerrissenes Gewand,

Ihr fliegend Haar, des jungen Gärtners Schrecken,

Der von der unversehenen kecken

Beschuldigung wie blitzgetroffen stand,

Der Ort, wo ihn der Sultan fand;

Kurz, alles schien in ihm den Frevler zu entdecken.

O! Alla! sey gelobt, rief die Betrügerin,

Daß ich Almansorn selbst die Rettung schuldig bin!

24

Drauf, als sie schamhaft sich in alle ihre Schleier

Gewickelt, lügt sie, mit dem Ton

Der Unschuld selbst, ein falsches Abenteuer:

Wie dieser schändliche verkappte Christensohn,

Da ihr die Lust im Kühlen sich zu waschen

Gekommen, sich erfrecht sie hier zu überraschen,

Und wie sie mit Gewalt sich seiner kaum erwehrt,

Als ihn, zu größtem Glück, der Sultan noch gestört.

25

Um von dem häßlichen Verbrechen,

Deß er beschuldigt wird, den Ritter los zu sprechen,

Bedurft's nur Einen unbefangnen Blick;

Doch seinem Richter fehlt auch dieser einz'ge Blick.

Der Held verachtet es, mit einer Frauen Schande

Sich selbst vom Tode zu befreyn;

Er schmiegt den edeln Arm in unverdiente Bande,

Und hüllet schweigend sich in sein Bewußtseyn ein.

26

Der Sultan, den sein Unmuth zum Verdammen

Noch rascher macht, bleibt dumpf und ungerührt.

Der Frevler werd' in Ketten weggeführt,

(Herrscht er den Sklaven zu, die sein Befehl zusammen

Gerufen) werfet ihn in eine finstre Gruft;

Und morgen früh, so bald vom Thurm der Imam ruft,

Werd' er, im äußern Hof, ein Raub ergrimmter Flammen,

Und seine Asche streut mit Flüchen in die Luft!

27

Der Edle hört sein Urtheil schweigend,--blitzet

Auf das verhaßte Weib noch Einen Blick herab,

Und wendet Sich, und geht in Fesseln ab,

Auf einen Muth, den nur die Unschuld giebt, gestützet.

Kein Sonnenblick erfreut das fürchterliche Grab,

Worin er nun tief eingekerkert sitzet;

Der Nacht des Todes gleicht die Nacht, die auf ihn drückt

Und jeden Hoffnungsstrahl in seinem Geist erstickt.

28

Ermüdet von des Schicksals strengen Schlägen,

Verdrossen, stets ein Ball des Wechselglücks zu seyn,

Seufzt er dem Augenblick, der ihn befreyt, entgegen.

Schreckt ihn das Vorgefühl der scharfen Feuerpein:

Die Liebe hilft ihm's übertäuben;

Sie stärkt mit Engelskraft die sinkende Natur.

Bis in den Tod (ruft er) getreu zu bleiben,

Schwor ich, Amanda, dir, und halte meinen Schwur!

29

O daß, geliebtes Weib, was morgen

Begegnen wird, auf ewig dir verborgen,

Auf ewig auch, Dir, treuer alter Freund,

Verborgen blieb'!--Wie gern erlitt' ich unbeweint

Mein traurig Loos! Doch, wenn ihr es erfahret,

Erfahret wessen ich beschuldigt ward, und mit

Dem Schmerz um meinen Tod sich noch die Schande paaret

Zu hören, daß ich nur was ich verdiente litt--

30

O Gott! es ist zu viel auch dieß noch zu erdulden!

Es büße immerhin für meine Sündenschulden

Der strengste Tod! Ich klage niemand an!

Dieß einz'ge nur, o Oberon, gewähre

Dem, den du liebtest, noch: beschütze meine Ehre,

Beschütze Rezia!--Du weißt, was ich gethan!

Sag' ihr, daß ich, den heil'gen Schwur der Treue

Zu halten, den ich schwor, den Feuertod nicht scheue.

31

So ruft er aus, und, vom Vertraun gestärkt

Daß Oberon ihn hört, berührt ihn unvermerkt

Der mohnbekränzte Gott des Schlummers

Mit seinem Stab, dem Stiller alles Kummers,

Und wieget ihn, wiewohl nur harter Stein

Sein Küssen ist, in leichte Träume ein.

Hat ihm vielleicht, zum Pfand, daß bald sein Leiden endet,

Der gute Schutzgeist selbst dieß Labsal zugesendet?

32

Noch lag die halbe Welt mit Finsterniß bedeckt,

Als ihn aus seiner Ruh ein dumpfes Klirren weckt.

Ihn däucht er hör' im Schloß die schweren Schlüssel drehen;

Die Eisenthür geht auf, des Kerkers schwarze Wand

Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen,

Und stämmt sich auf und sieht--in schimmerndem Gewand,

Die Krone auf dem Haupt, die Lampe in der Hand,

Almansaris zu seiner Seite stehen.

33

Sie reicht die Lilienhand ihm, reitzvoll lächelnd, dar,

Und--Wirst du, spricht sie, mir vergeben,

Was nur die Schuld der Noth, nicht meines Herzens, war?

O du Geliebter, hängt an Deinem schönen Leben

Mein eignes nicht? Ich komme, der Gefahr

Dich zu entziehn, (trotz deinem Widerstreben!)

Vom Holzstoß dich, wozu dich der Barbar

Verdammt', auf einen Thron, den du verdienst, zu heben!

34

Die Liebe öffnet dir der Hoheit Sonnenbahn:

Auf, mache sie von deinem Ruhm erschallen!

Nimm diese Hand, die dir sich schenket, an:

In einem Wink soll dein Verfolger fallen,

Und all sein Volk, wie Staub, um deine Füße wallen.

Im ganzen Harem ist mir alles unterthan;

Vertraue dich der Liebe sichern Händen,

Und, was sie wagte, wird dein eigner Muth vollenden!

35

"Hör' auf! o Königin! Dein Antrag häufet bloß

Mein Leiden durch die Qual dir alles abzuschlagen.

O! warum zwingst du mich's zu sagen?

Ich kaufe mich durch kein Verbrechen los!"

Ist's möglich, ruft sie, kann so weit der Unsinn gehen?

Unglücklicher, im Angesicht

Der Flamme, die bereits aus deinem Holzstoß bricht,

Kannst du Almansaris und einen Thron verschmähen?

36

Sag' mir, versetzt er, Königin,

Ich könne dir mit meinem Blute nützen,

So soll die Lust, womit ich eil' es zu verspritzen,

Dir zeigen, ob ich unerkenntlich bin!

Ich kann, zum Danke, dir mein Herzensblut, mein Leben,

Nur meine Ehre nicht, nicht meine Treue geben.

Wer Ich bin weißt du nicht, vergiß nicht wer Du bist,

Und muthe mir nichts zu, was mir unmöglich ist.

37

Almansaris, aufs äußerste getrieben

Durch seinen Widerstand, sie wendet alles an,

Was seine Treu' durch alle Stufen üben

Und seinen Muth ermüden kann.

Sie reitzt, sie droht, sie fleht, sie fällt, verloren

In Lieb' und Schmerz, vor ihm auf ihre Kniee hin:

Doch unbeweglich bleibt des Helden fester Sinn,

Und rein die Treu', die er Amanden zugeschworen.

38

So stirb denn, weil du willst!--ruft sie, des Athems schier

Vor Wuth beraubt: ich selbst, ich will an deinem Leiden

Mein gierig Aug' mit heißer Wollust weiden!

Stirb als ein Thor! des Starrsinns Opferthier!

Schreyt sie mit funkelndem Aug', und flucht der ersten Stunde

Da sie ihn sah, verwünscht mit bebendem Munde

Sich selbst, und stürmt hinweg, und hinter ihr

Schließt wieder klirrend sich des Kerkers Eisenthür.

39

Inzwischen hatte das Gerüchte,

Das Unglücksmähren gern verbreitet und verziert,

Von ihrem Herrn die traurige Geschichte

Auch Scherasmin und Fatmen zugeführt.

Der schöne Hassan, hieß es, sey im Bade

Vom Sultan mit Almansaris allein

Gefunden worden, und morgen ohne Gnade

Werd' er, im großen Hof, ein Raub der Flammen seyn.

40

Ob Hüon schuldlos sey, war ihnen keine Frage;

Sie kannten ja der Sachen wahre Lage.

Doch, hätt' er auch gefehlt, so war er mitleidswerth.

In Fällen dieser Art wird echte Treu' bewährt.

Anstatt die Zeit mit Jammern zu verderben,

Beschlossen sie, das äußerste für ihn

Zu wagen, um ihn noch aus dieser Noth zu ziehn,

Und, schlüg' es fehl, mit ihrem Herrn zu sterben.

41

Kurz eh' der Tag begann, gelingt es Fatmens Muth

Und Wachsamkeit, die Hüter zu betrügen,

Und unerkannt sich bis ins Schlafgemach zu schmiegen,

Wo Rezia, von Hüon träumend, ruht.

Des unverhofften Wiedersehens Freude

Macht einen Augenblick sie sprachlos alle beide.

Das erste Wort, das Fatme sprechen kann,

Ist Hüon, ist Bericht von dem geliebten Mann.

42

Was sagst du, goldne Amme? ruft Amande,

Und fällt ihr um den Hals--Mein Hüon, mir so nah?

Wo ist er?--Ach! Prinzessin, was geschah!

(Schluchzt jene weinend) Hilf! zerreiße seine Bande!

Spreng seinen Kerker auf! Dem Unglücksel'gen droht,

Aus Liebe bloß zu dir, ein jämmerlicher Tod.

Und drauf erzählt sie ihr genau die ganze Sache,

Und ihres Ritters Treu' und der Sultanin Rache.

43

Schon, ruft sie, steht der Holzstoß aufgethürmt,

Nichts rettet ihn, wenn ihn nicht Zoradine schirmt!

Mit einem Schrey der Angst, halb sinnlos, fährt Amande

In wilder Hast von ihrem Lager auf,

Wirft, wie sie steht, im leichten Nachtgewande,

Den Kurdé um, und eilt in vollem Lauf

Des Sultans Zimmer zu, durch alle Sklavenwachen,

Die sie mit Wunder sehn, und schweigend Platz ihr machen.

44

Sie dringt hinein, nichts achtend daß es früh

Am Tage war, und wirft mit lilienblassen Wangen,

Und Haaren, die zerstreut um ihre Schultern hangen,

Sich vor dem Sultan auf die Knie':

"Almansor, laß mich nicht vergebens

Dir knieen! Schwöre, wenn mein Leben dir

Erhaltenswürdig scheint, daß du die Bitte mir

Gewähren willst! Es gilt die Ruhe meines Lebens!"

45

Begehr', o Schönste, spricht erstaunt und froh zugleich

Der Sultan, laß mich nicht in Ungewißheit schweben!

Dir zu gefallen ist mein feurigstes Bestreben;

Begehre frey! Mein Schatz, mein Thron, mein Reich,

Nichts ist zu viel, was ich zu geben

Vermag. Ein einzigs nur behält sich Mansor vor,

Dich selbst!--"Du schwörst es mir?"--Der liebestrunkne Mohr

Beschwört's.--"So schenke mir des Gärtners Hassan Leben!"

46

Wie? ruft er mit bestürzter Miene,

Welch eine Bitte, Zoradine?

Was geht das Leben dich von diesem Sklaven an?

"O, viel, Almansor, viel! Mein eignes hängt daran!"

Sprichst du im Fieber? Schwärmest du? Verzeihe,

Doch, du mißbrauchst des unbegrenzten Rechts

Das dir die Schönheit giebt.--Am Leben eines Knechts

Der sein Verbrechen büßt?--"Er büßt für seine Treue!

47

"Mir ist sein Herz bekannt, er hält an seiner Pflicht,

Ist schuldlos, ist ein Mann von unverletzter Ehre;

Und doch--o Mansor!--wenn er schuldig wäre,

So räche sein Vergehn an Zoradinen nicht!"

Mit Augen die von kaum verhaltnem Grimme funkeln

Ruft Mansor: Grausame, was quält dein Zögern mich?

Welch ein Geheimniß dämmert aus dem dunkeln

Verhaßten Räthsel auf! Was ist dir Hassan? Sprich!

48

"So wiß es denn, weil mich die Noth zum Reden zwinget,

Ich bin sein Weib! Ein Band, das nichts zerreißen kann,

Ein Band, gewebt im Himmel selber, schlinget

Mein Glück, mein Alles fest an den geliebten Mann.

Uns drückt mit seiner ganzen furchtbarn Schwere

Des Schicksals Arm--Wer weiß, wie bald an dich

Die Reihe kommt!--Du siehst mich elend--Ehre

Mein Leiden, Glücklicher!--Du kannst es, rette mich!"

49

Wie? du bist Hassans Weib, und liebst ihn?--"Über alles!"

Unglückliche, er ist dir ungetreu!--

"Er ungetreu? Die Ursach' seines Falles,

Ich bin's gewiß, ist einzig seine Treu'."--

Ich glaube was ich sah!--"So ward er erst betrogen,

Und du mit ihm!"--Mit zürnendem Gesicht

Spricht Mansor: Spanne nicht den Bogen,

Zu stolz auf deinen Reitz, so lange bis er bricht!

50

Dein Hassan stirbt--und ich kann nichts, als dich beklagen.

Er stirbt? schreyt Rezia--Tyrann,

Er, dem ein Wort von dir das Leben schenken kann,

Er stirbt? Du hast ein Herz mir das zu sagen?

Er hat des Harems Zucht verletzt,

Erwiedert Mansor kalt; ihm ist der Tod gesetzt!

Doch, weil du willst, so sey des Sklaven Leben,

Sein Leben oder Tod, in deine Hand gegeben!

51

Gieb, Schönste, mir ein Beyspiel edler Huld,

Gieb mir die Ruh, die du mir raubtest, wieder!

Ich lege Kron' und Reich zu deinen Füßen nieder;

Ergieb dich mir, so sey dem Frevler seine Schuld

Geschenkt! Er zieh', mit königlichen Gaben

Noch überhäuft, zu seinem Volk zurück!

O zögre nicht, die Güte selbst zu haben

Die du begehrst!--Ein Wort macht mein und sein Geschick.

52

Unedler! ruft mit eines Engels Zürnen

Das schöne Weib, so theuer kauft der Mann,

Den Zoradine liebt, sein Leben nicht!--Tyrann,

Kennst du mich so?--Die schlechteste der Dirnen,

Die mich bedienten einst, verschmähte deinen Thron

Und dich um solchen Preis! Zwar steht, uns zu verderben,

In deiner Macht: doch, hoffe nicht davon

Gewinn zu ziehn--Barbar, auch Ich kann sterben.

53

Der Sultan stutzt. Ihn schreckt des edeln Weibes Muth.

Sein feiges Herz wird mehr von ihrem Dräun gerühret

Als da sie bat; doch, ihre Schönheit schüret

Das Feuer der Begier zugleich in seinem Blut.

Was sagt' er nicht ihr Herz mit Liebe zu bestechen!

Wie bat er sie! wie schlangenartig wand

Er sich um ihren Fuß!--Umsonst! Ihr Widerstand

War nicht durch Drohungen, war nicht durch Flehn zu brechen.

54

Sie blieb darauf, ihr soll der Tod willkommner seyn.

Der Sultan schwört mit fürchterlicher Stimme

Bey Mahoms Grab, nichts soll vor seinem Grimme

Sie retten, geht sie nicht sogleich den Antrag ein.

"Ist's nicht mein letztes Wort, soll Alla mich verdammen!

Hört man den Wüthenden bis in den Vorsahl schreyn:

Entschließe dich, sey auf der Stelle mein,

Wo nicht, so stirb mit dem Verworfnen in den Flammen!"

55

Sie sieht ihn zürnend an, und schweigt.--Entschließe dich,

Ruft er zum zweyten Mahl.--O so befreye mich

Von deinem Anblick, spricht die Königin der Frauen;

Des Todes Grinsen selbst erweckt mir minder Grauen.

Almansor ruft, und giebt, von Wuth erstickt,

Den grausamen Befehl, und Höllenfunken sprühen

Aus seinem Aug'. Der Schwarzen Erster bückt

Sich bis zur Erde hin, und schwört, ihn zu vollziehen.

56

Schon steht der gräßliche Altar

Zum Opfer aufgethürmt; schon drängt sich, Schaar an Schaar,

Das Volk herzu, das, gern in Angst gesetzet,

An Trauerspielen dieser Art

Die Augen weinend labt, und schaudernd sich ergetzet.

Schon stehn, zum Leiden und zum Tode noch gepaart,

An einen Marterpfahl gebunden,

Die einz'gen Liebenden, die Oberon rein erfunden.

57

Ein edles Paar in Eins verschmolzner Seelen,

Das treu der ersten Liebe blieb,

Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,

Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb'!

Mit nassem Blick, die Herzen in der Klemme,

Schaut alles Volk gerührt zu ihnen auf,

Und doch besorgt, daß nicht den freyen Lauf

Des Trauerspiels vielleicht ein Zufall hemme.

58

Den Liebenden, wie sie gebunden stehn,

Ist zwar der Trost versagt einander anzusehn;

Doch, über alles, was sie leiden

Und noch erwarten, triumfiert

Die reinste, seligste der Freuden,

Daß ihre Lieb' es ist, was sie hierher geführt.

Der Tod, der ihre Treu' mit ew'gem Lorber ziert,

Ist ihres Herzens Wahl; sie konnten ihn vermeiden.

59

Inzwischen siehet man mit Fackeln in den Händen

Zwölf Schwarze sich dem Opfer paarweis' nahn.

Sie stellen sich herum, bereit es zu vollenden,

So bald der Aga winkt. Er winkt. Sie zünden an.

Und stracks erdonnert's laut, die Erde scheint zu beben,

Die Flamm' erlischt, der Strick, womit das treue Paar

Gebunden stand, fällt wie vermengtes Haar,

Und Hüon sieht das Horn an seinem Halse schweben.

60

Im gleichen Augenblick, da dieß

Geschah, zeigt sich von fern in zwey verschiednen Reihen,

Von ängstlicher Bekümmerniß

Gespornt, Almansor hier, und dort Almansaris,

Er Zoradinen, Sie den Hassan zu befreyen.

Halt! hört man sie aus allen Kräften schreyen.

Auch stürzt mit blitzendem Schwert durch die erschrockne Menge

Ein schwarzer Rittersmann sich mitten ins Gedränge.

61

Doch Hüon hat das Pfand, daß nun sein Oberon

Versöhnt ist, kaum mit wonnevollem Schaudern

An seinem Hals erblickt, so setzt er ohne Zaudern

Es an den Mund, und lockt den schönsten Ton

Daraus hervor, der je geblasen worden.

Sein edles Herz verschmäht ein feiges Volk zu morden:

Tanzt, ruft er, tanzt, bis euch's den Athem raubt;

Dieß sey die einzige Rache, die Hüon sich erlaubt.

62

Und wie das Horn ertönt, ergreift der Zauberschwindel

Zuerst das Volk, das um den Holzstoß steht,

Schwarzgelbes, lumpiges, halb nackendes Gesindel,

Das plötzlich sich, wie toll, im schnellsten Wirbel dreht;

Bald mischet sich mit allen seinen Negern

Der Aga drein; ihm folgt--was Füße hat

Bey Hof, im Harem, in der Stadt,

Vom Sultan an bis zu den Wasserträgern.

63

Unlustig faßt der Schach--Almansaris beym Arm;

Sie sträubt sich; doch was hilft sein Unmuth und ihr Sträuben?

Der Taumel reißt sie fort, sich mitten in den Schwarm

Der Walzenden mit ihm hinein zu treiben.

In kurzem ist ganz Tunis in Allarm,

Und niemand kann auf seiner Stelle bleiben:

Selbst Podagra, und Zipperlein, und Gicht

Und Todeskampf befreyt von dieser Tanzwuth nicht.

64

Indessen, ohne auf das Possenspiel zu blicken,

Hält das getreue Paar, in seligem Entzücken,

Sich sprachlos lang' umarmt. Kaum hat ihr Busen Raum

Für diesen Überschwang von Freuden.

Er ist nun ausgeträumt der Prüfung schwerer Traum!

Nichts bleibt davon als was ihr Glück verschönt:

Gebüßt ist ihre Schuld, das Schicksal ausgesöhnt,

Aufs neu von ihm vereint, kann nun sie nichts mehr scheiden!

65

Theilnehmend inniglich, sieht, noch auf seinem Roß,

Der biedre Scherasmin (Er war der schwarze Ritter)

Der Wonne zu, worin ihr Herz zerfloß.

Er ist's, der wie ein Ungewitter

Vorhin daher gestürmt, um das geliebte Paar

Zu retten aus der feigen Mohren Händen,

Und, schlüg's ihm fehl, ein Leben hier zu enden,

Das, ohne sie, ihm unerträglich war.

66

Er springt herab, drängt durch den tollen Reigen

Mit Fatme, die ihm folgte, sich hinan,

Den Liebenden von ihrem Throne steigen

Zu helfen, und sie im Triumfe zu empfahn.

Groß war die Freude, doch sie schwoll noch höher an,

Da sie den wohl bekannten Wagen,

Von Schwanen durch die Luft, stets niedriger, getragen,

Zu ihren Füßen nun auf einmahl halten sahn.

67

Sie stiegen eilends ein--Die Mohren mögen tanzen

So lang' es Oberon gefällt!

(Wiewohl der Alte raspeln oder schanzen

Für eine beßre Kurzweil hält.)

Der lüft'ge Faeton fliegt, leicht und ohne Schwanken,

Sanft wie der Schlaf, behender als Gedanken,

Mit ihnen über Land und Meer,

Und Silberwölkchen wehn, wie Fächer, um sie her.

68

Schon tauchte sich auf Bergen und auf Hügeln

Die Dämmerung in ungewissen Duft;

Schon sahen sie den Mond in manchem See sich spiegeln,

Und immer stiller ward's im weiten Reich der Luft;

Die Schwanen ließen itzt mit sinkendem Gefieder

Allmählich sich bis auf die Erde nieder:

Als plötzlich, wie aus Abendroth gewebt,

Ein schimmernder Palast vor ihren Augen schwebt.

69

In einem Lustwald, mitten zwischen

Hoch aufgeschoßnen vollen Rosenbüschen,

Stand der Palast, von dessen Wunderglanz

Der stille Hain und das Gebüsche ganz

Durchschimmert schien--War's nicht an diesem Orte,

Spricht Hüon leis' und schaudernd--Doch, bevor

Er's ausspricht, öffnet schnell sich eine goldne Pforte,

Und zwanzig Jungfrau'n gehn aus dem Palast hervor.

70

Sie kamen, schön wie der May, mit ewig blühenden Wangen,

Gekleidet in glänzendes Lilienweiß,

Die Erdenkinder zu empfangen

Die Oberon liebt. Sie kamen tanzend, und sangen

Der reinen Treue unsterblichen Preis.

Komm, sangen sie (und goldne Zymbeln klangen

In ihren süßen Gesang, zu ihrem lieblichen Tanz)

Komm, trautes Paar, empfang den schönen Siegeskranz!

71

Die Liebenden--sich kaum besinnend--in die Wonne

Der andern Welt verzückt--sie wallen, Hand in Hand,

Den Doppelreihen durch: als, gleich der Morgensonne

In ihrem Bräut'gamsschmuck, der Geist vor ihnen stand.

Nicht mehr ein Knabe, wie er ihnen

In lieblicher Verkleidung sonst erschienen--

Ein Jüngling, ewig schön und ewig blühend, stand

Der Elfenkönig da, den Ring an seiner Hand.

72

Und ihm zur Seite glänzt, mit ihrer Rosenkrone

Geschmückt, Titania, in milderm Mondesglanz.

In beider Rechten schwebt ein schöner Myrtenkranz.

Empfange, sprechen sie mit liebevollem Tone,

Du treues Paar, zum edlen Siegeslohne,

Aus deiner Freunde Hand den wohl verdienten Kranz!

Nie wird von euch, so lang' ihr dieses Zeichen

Von unsrer Huld bewahrt, das Glück des Herzens weichen.

Oberon · 第 13 / 15 段