+Der Professor+: Dies ist deshalb ganz ausgeschlossen, weil die bis

jetzt bekannten Enzyme sämtlich den +Abbau+, d. h. die Zerlegung

einer komplizierten in verschiedene einfache Verbindungen, bewirken.

+Aufbauende+ Enzyme sind meines Wissens bis jetzt überhaupt unbekannt.

Gerade die wichtigsten chemischen Vorgänge in der Pflanze sind jedoch

solche +Synthesen+, d. h. aufbauende Prozesse. Das ist der Unterschied

zwischen der Verdauung bei Pflanzen und bei Tieren: die Pflanze verdaut

+einfache+ Stoffe, wie Kohlensäure, Wasser und Stickstoff, zu sehr

komplizierten; das Tier aber verdaut komplizierte Nährstoffe (Fleisch,

Pflanzeneiweiß) zu einfachen Endprodukten (Aminosäuren). Freilich baut

dann auch der tierische Körper aus diesen Zerlegungsstoffen wieder

komplizierte Eiweißmoleküle des Blutes und Fleisches auf.

+Der Kommerzienrat+: Ich bin Ihnen, lieber Professor, für Ihre

interessanten Belehrungen sehr dankbar. Nun kann ich mir nur eine Sache

noch nicht recht vorstellen: wenn jede Pflanze während ihres Wachstums

Kohlensäure aus der Luft zieht, und wenn sich dieser Vorgang Jahr um

Jahr mit der ganzen, gewaltigen Pflanzendecke der Erde wiederholt: da

muß doch schließlich die Luft die geringe Menge Kohlensäure, welche

sie noch enthält, nach und nach ganz verlieren. Dann wäre wohl kein

Pflanzenwuchs und infolgedessen auch kein Tierleben mehr möglich.

+Der Professor+: Sie übersehen in Ihrer Schlußfolgerung nur die

wichtige Tatsache, daß alle von den Pflanzen aufgenommene Kohlensäure

schließlich doch wieder als solche in die Luft zurückströmt. Denn

fast alle Pflanzensubstanz fällt schließlich der +Verwesung+ anheim,

und dabei wird nahezu aller Kohlenstoff schließlich in Kohlensäuregas

verwandelt, welches in die Luft zurückströmt. Auch das faulende Holz

der Wälder unterliegt dieser Veränderung. Diejenige Pflanzensubstanz,

welche nicht unmittelbar verwest, wird entweder von Tieren gefressen

oder verbrannt oder allmählich in Kohle verwandelt und dann auch

verbrannt. Da bei der Verwesung des Tierkörpers auch Kohlensäure

entsteht, so ist in allen diesen Fällen das Endprodukt wieder die

Kohlensäure. Deshalb kann der Kohlensäuregehalt der Luft nicht

abnehmen. +Der Kohlenstoff vollendet also in der Natur einen ewigen,

sich immer wiederholenden Kreislauf.+

+Der Kommerzienrat+: Ich dächte aber, ich hätte einmal gelesen oder

gehört, daß die Luft in einer älteren Periode der Erdgeschichte reicher

an Kohlensäure gewesen sei. Damals, ich glaube, es war in der Zeit der

Entstehung der Steinkohlen, sollen ja aus diesem Grunde die Pilze und

Farnkräuter und Bärlappgewächse eine ungeheure Größe erreicht haben.

Ist dies richtig, so widerspricht es doch der Lehre vom Kreislauf des

Kohlenstoffs.

+Der Professor+: Ihr Einwand ist in der Tat richtig; während aber

diese, ich möchte sagen: +säkulare+ Abnahme des Kohlensäuregehaltes

der Luft Millionen von Jahren beansprucht hat, so können wir für

unsere geschichtlichen Zeiträume keine erkennbare Abnahme nachweisen.

Wir können also mit dieser Einschränkung die Lehre vom Kreislauf des

Kohlenstoffs wohl aufrechterhalten.

[Illustration: Abb. 49. Der Siegelbaum (~Sigillaria~), ein baumgroßes

Bärlappgewächs der Steinkohlenzeit.]

[Illustration: Abb. 50. ~Alethopteris lonchitidis~, ein

steinkohlenbildender Farn.]

+Der Kommerzienrat+: Woher stammten denn jene großen Kohlensäuremengen?

+Der Professor+: Man vermutet, daß die ursprüngliche Atmosphäre

hauptsächlich aus Kohlensäure und Stickstoff bestand, welche beiden

Gase von der erkaltenden Erdmasse ausgehaucht wurden. Ob Sauerstoff

schon dabei war, oder ob er erst durch Zersetzung der Kohlensäure

gebildet wurde, ist nicht sicher entschieden.

+Der Kommerzienrat+: Aber wohin sind diese großen Kohlensäuremengen

geraten?

+Der Professor+: Man vermutet, daß sie in den Kalkgebirgen stecken,

deren Gestein aus kohlensaurem Kalk besteht. Diese Gebirge und ihr

Material sind nämlich zweifellos erst nach jener Zeit entstanden, in

welcher die Luft so reich an Kohlensäure war.

+Der Kommerzienrat+: Da müßte man also annehmen, daß auf der Erde

ehemals gebrannter oder gelöschter Kalk vorhanden war, und daß dieser

sich mit der Kohlensäure allmählich zu kohlensaurem Kalk verbunden hat?

+Der Professor+: O nein, das ist ganz anders vor sich gegangen. Die

Kalkgebirge sind voll versteinerter Meerestiere; diese hätten niemals

auf gebranntem oder gelöschtem Kalk leben können, weil diese Verbindung

eine sehr scharfe, ätzende Base ist. Vielmehr weisen alle Umstände

darauf hin, daß bei der Entstehung des Kalksteins dem +Meer+ eine

wichtige Rolle zukommt. Untersucht man irgendeine Art von Kalkstein

oder Kreide unter dem Mikroskop, so erkennt man leicht, daß diese

Stoffe ganz und gar aus den Kalkschalen winziger Pflanzen (Kalkalgen)

und Tiere (Urtierchen) zusammengesetzt sind, die ohne Zweifel im Wasser

gelebt haben.

+Der Kommerzienrat+: Zugegeben; aber diese Erklärung kann doch

unmöglich für solche Kalkgesteine gelten, welche von hohen Berggipfeln,

wie z. B. von der Zugspitze, stammen.

+Der Professor+: Wenn Sie vom Gipfel der Zugspitze ein Stück

Wettersteinkalk abschlagen und mikroskopisch prüfen, so werden Sie

erkennen, daß es nahezu gänzlich aus den Schalen zweier Kalkalgen,

nämlich der Gattungen ~Gyroporella~ und ~Diplopora~, zusammengesetzt

ist.

+Der Kommerzienrat+: Also müßte auch der Gipfel der Zugspitze ehemals

Meeresboden gewesen sein?

[Illustration: Abb. 51. ~Diplopora annulata~, eine Kalkalge des

Wettersteingebirges.]

+Der Professor+: Dies ist ganz unbezweifelbar. Die Erhebung der Alpen

ist als ein Faltungs- und Schrumpfungsvorgang der Erdrinde erst in

sehr später Zeit (in der Tertiärzeit) erfolgt; es ist sogar möglich,

daß in dieser Zeit bereits das jüngste aller irdischen Geschöpfe, der

Mensch, vorhanden oder in der Entwicklung begriffen war. Vorher waren

die Alpenlande ebener Boden, eingetrockneter Meeresboden. Und in dem

Meer, das ehemals diesen Boden überdeckte, lebten und starben jene

Kalkalgen in ungeheuren Mengen. Die toten sanken darin langsam zu

Boden und verwesten; aber ihre Kalkschalen konnten nicht verwesen und

bildeten einen tiefen und dicken Schlamm, aus welchem allmählich durch

Austrocknung und Erhärtung der Kalkstein wurde.

+Der Kommerzienrat+: Dies klingt sehr wunderbar, ist aber immerhin

verständlich. Aber wie soll ich mir vorstellen, daß die Kalkschalen der

Algen sich mittels der Kohlensäure der Luft gebildet haben? Denn so war

es doch, so soll doch der ehemals so große Kohlensäuregehalt der Luft

sich vermindert haben?

+Der Professor+: Auch dieser Vorgang ist an lebenden Kalkalgen

recht klar erforscht worden. Diese Kalkalgen können nur in einem

Wasser leben, welches sogenannten doppeltkohlensauren Kalk gelöst

enthält. Dies ist eine chemische Verbindung von kohlensaurem Kalk

mit Kohlensäure; sie unterscheidet sich von kohlensaurem Kalk (der

in Wasser unlöslich ist) durch ihre beträchtliche Löslichkeit. Die

Kalkalgen nun, als Pflanzen, brauchen zu ihrer Ernährung Kohlensäure.

Da sie nicht in der Luft leben, sondern im Wasser, so entziehen sie

ihren Kohlensäurebedarf aus dem doppeltkohlensauren Kalk, welcher in

ihrer wässerigen Umgebung gelöst ist. Dadurch verwandelt sich aber der

lösliche doppeltkohlensaure Kalk in unlöslichen kohlensauren Kalk,

der nun auf irgendeine Weise zum Vorschein kommen muß. Die allzeit

erfinderische Natur verwendet ihn zum Bau steinerner Gehäuse und

Stützgerüste: der Kalkschalen dieser Algen.

+Der Kommerzienrat+: Das ist freilich ein merkwürdiger Vorgang, auf den

man durch bloßes Nachdenken nicht kommen kann. Nun fragt sich bloß, wie

die Kohlensäure der Luft dazu kommt, als doppeltkohlensaurer Kalk in

das Wasser einzutreten?

+Der Professor+: Diese Frage ist durch die Geologie recht zuverlässig

beantwortet worden. Das Regenwasser löst beim Niederfallen um so

mehr Kohlensäure auf, je kälter es ist und je reicher die Luft an

Kohlensäure ist. Diese Lösung wirkt auf die meisten Gesteine zersetzend

ein und entzieht ihnen langsam, aber sicher alle Basen, indem es diese

in doppeltkohlensaure Salze verwandelt und in gelöster Form fortführt.

Der Kalkgehalt unserer Kalkgebirge stammt also vermutlich aus den

Urgneisen und vielleicht auch aus den älteren Graniten. Die Kohlensäure

stammt aus der Luft.

+Der Kommerzienrat+: Wie kam aber die Kohlensäure in die Luft?

+Der Professor+: Sie ist ein Entgasungsprodukt der erkaltenden Erde.

Noch heute strömt die Erde an allen Orten früherer vulkanischer

Tätigkeit große Mengen von Kohlensäure aus (z. B. in der Eifel am

Rhein). Da die vulkanischen Vorgänge in früheren Erdperioden viel

stärker und weiter verbreitet waren, so muß dadurch auch viel mehr

Kohlensäure in die Luft gekommen sein. Noch heute hält dieses aus der

Erde kommende („juvenile“) Kohlensäuregas dem durch den Pflanzenwuchs

verbrauchten das Gleichgewicht, so daß der Kohlensäuregehalt der Luft

nicht merklich abnimmt.

+Der Kommerzienrat+: Da sollte man eigentlich erwarten, daß die Luft

im Winter mehr Kohlensäure enthält als im Sommer, weil im Winter der

Verbrauch durch die Pflanzen größtenteils wegfällt, während der Zustrom

aus dem Erdinnern doch in gleicher Stärke weiter besteht.

+Der Professor+: Ihre Vermutung ist tatsächlich richtig (vgl. Jost,

Pflanzenphysiologie, in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 11. Aufl.,

S. 186). In 10000 Liter Luft sind im Winter 3,0 bis 3,6, im Sommer nur

2,7 bis 2,9 Liter Kohlensäure enthalten.

+Der Kommerzienrat+: Ich wundere mich jetzt geradezu, daß der

Kohlensäuregehalt der Luft nicht fortwährend +größer+ wird. Denn die

von den Pflanzen verzehrte Luftkohlensäure gelangt doch, wenn die

Pflanzen verwesen, wieder unvermindert in die Luft zurück; und die

gewaltigen Kohlensäuremengen, welche der Erde entströmen, kommen doch

hinzu.

+Der Professor+: Sie vergessen, daß der Kreislauf der Kohlensäure sich

in einer Bahn vollzieht, welche, sozusagen, nicht ganz dicht hält.

Sie hat zwei undichte Stellen, an welchen viel Kohlensäure aus dem

Kreislauf nach außen sickert: die eine Stelle ist Ihnen schon bekannt,

es ist die Bildung der Kalkgesteine aus dem Meeresbodenschlamm. Das

andere Leck in der Bahn des Kreislaufs der Kohlensäure ist die Bildung

der +Kohlenlagerstätten+ der Erde. Hier verwandeln sich ungeheure

Mengen von Pflanzensubstanz durch mangelhafte Verwesung in Torf,

Braunkohle, Steinkohle, Anthrazit und Graphit und binden so eine Menge

Kohlenstoff in der Erdrinde, der ehedem als Kohlensäuregas in der Luft

war.

+Der Kommerzienrat+: Sie erwähnten vor einiger Zeit, daß der

Sauerstoffgehalt der Luft möglicherweise auf jene großen

Kohlensäuremengen zurückzuführen ist, welche früher in der Luft

enthalten waren. Wie wäre dies zu erklären?

+Der Professor+: Wenn die Kohlensäure durch Kalkalgen gebunden und

als Nahrung aufgenommen wurde, so muß eine entsprechende Menge von

Sauerstoff von ihnen abgeschieden worden sein. Dieser Sauerstoff, das

Verdauungsprodukt der kohlensäureverzehrenden Pflanzen, kann nur in die

Luft entwichen sein.

+Der Kommerzienrat+: Freilich haben dieselben Pflanzen zum Zweck der

+Atmung+ Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure abgeschieden. Aber

anscheinend ist die Atmung der Pflanzen weniger rege als ihre Ernährung.

+Der Professor+: So ist es tatsächlich. Wohl werden durch die

Atmung, namentlich durch die der Bodenbakterien, ungeheure Mengen

Kohlensäuregas in die Luft geschickt; aber diese Mengen sind dennoch

verschwindend klein im Verhältnis zu denjenigen, welche bei der

Ernährung derselben Pflanzen verbraucht werden. Für die Bewegung des

Sauerstoffs gilt natürlich dasselbe im umgekehrten Sinn: bei der

Ernährung wird viel mehr Sauerstoff frei, als bei der Atmung verzehrt

wird.

+Der Kommerzienrat+: Das Nebeneinanderbestehen dieser beiden Vorgänge,

der Atmung und der Ernährung, mit ihren entgegengesetzt verlaufenden

Stoffwechselprozessen erscheint einem doch recht unverständlich. Was

hat es für einen Sinn, daß bei der Atmung einer Pflanze Kohlensäure

entbunden wird, welche von derselben Pflanze zum Zweck der Ernährung

wieder verbraucht wird?

[Illustration: Abb. 52. Aus den abgeschnittenen Stielenden der

Wasserpflanze ~Helodea canadensis~ entweicht im Sonnenlicht

Sauerstoffgas.]

+Der Professor+: Der Sinn dieser einander widersprechenden

Vorgänge ist in den thermochemischen Beziehungen, also in den

Bewegungen der Wärme bei diesen chemischen Prozessen, zu suchen. Der

Ernährungsvorgang ist ein endothermischer Prozeß; bei der Spaltung

der Kohlensäure wird Energie (in Form von Sonnenlicht) verbraucht.

Der Atmungsvorgang ist dagegen ein exothermischer Prozeß, bei welchem

Energie frei wird. Diese freiwerdende Energie wird von der Pflanze

verbraucht, um ihre sämtlichen +Bewegungen+ zu bestreiten, nämlich die

Wachstumsbewegungen, das Aufrichten und Strecken, das Entrollen der

Blätter aus den Knospen usw. Bewegungen erzeugen wir ja auch in den

Maschinen durch freiwerdende Energie, z. B. in der Dampfmaschine durch

die freiwerdende Wärme der brennenden Kohlen. Diese Wärme ist, nebenbei

bemerkt, nichts anderes als die Energie des Sonnenlichts, welche in

der Karbonzeit in den Blättern der Steinkohlenbäume die Kohlensäure

in Kohlenstoff und Sauerstoff gespalten hat. Indem wir die Kohle

verbrennen, gewinnen wir diese aufgestapelte Sonnenenergie als Wärme

wieder.

+Der Kommerzienrat+: Wenn ich Sie also recht verstehe, so

atmet die Pflanze nur, um dadurch Verbrennungsenergie für ihre

Wachstumsbewegungen zu gewinnen?

+Der Professor+: Daß sie +nur+ deshalb atmet, wäre wohl zu viel gesagt.

Denn die Atmung wird, wie bei den Tieren, wohl auch die Reinigung des

Körpers durch Oxydation unbrauchbarer Stoffe bewirken.

+Der Kommerzienrat+: Nach allem, was Sie soeben gesagt haben, könnte

man wohl auch von einem +Kreislauf der Wärme+ sprechen? Denn die Wärme,

welche bei der Verbrennung der Kohlen an die Natur zurückgegeben wird,

ist doch nichts anderes als die Sonnenenergie, welche ehemals die

Kohlensäure in Kohlenstoff und Sauerstoff spaltete?

+Der Professor+: So ist es allerdings; aber die Bezeichnung

„+Kreislauf+“ können wir für diesen Weg der Wärme doch nicht gut

anwenden, weil diese Wärme nicht wieder an ihren ursprünglichen Platz

(die Sonne) zurückgelangt. Nach dem bisherigen Stand unseres Wissens

ist es ganz unmöglich, daß die Wärme von einem kälteren auf einen

wärmeren Körper übertragen wird. Diese Tatsache ist deshalb wichtig,

weil die Umwandlung der Wärme in die Energie der Bewegung nach unseren

Erfahrungen nur bei ihrem Übertritt von einem Körper auf einen anderen

möglich ist. Also haben alle Bewegungen, welche wir überhaupt kennen,

ihren letzten Ursprung darin, daß Wärme (und zwar verwandelte oder

aufgespeicherte Sonnenwärme) von einem wärmeren auf einen kälteren

Körper übergetreten ist.

+Der Kommerzienrat+: Meinen Sie damit auch z. B. die Bewegung eines

Wasserrades im Fluß?

+Der Professor+: Ja. Das Wasserrad kann nur so lange getrieben werden,

als das Wasser bergab läuft. Das Wasser läuft aber nur so lange bergab,

als es durch Regengüsse aus den Wolken auf die Gipfel der Berge

befördert wird. Es ist die Sonnenwärme, welche das zu Tal geflossene

Wasser immer wieder in Dampf- und Dunstform auf Wolkenhöhen erhebt. Sie

ist es also letzten Endes, welche das Wasserrad treibt.

+Der Kommerzienrat+: Wie ist es aber mit der Bewegung eines

Elektromotors, in den ich elektrischen Strom sende? Das hat doch gewiß

nichts mit der Sonnenwärme zu tun?

+Der Professor+: Doch insofern, als Sie Elektrizität auf keine

andere Weise erzeugen können als durch Umwandlung aus Sonnenwärme:

denn Sie müssen die Dynamo entweder mit Wasserkraft betreiben, deren

Zusammenhang mit der Sonnenwärme wir soeben dargelegt haben; oder Sie

verwenden Dampfmaschinen oder Gasmotoren, deren Energie aus der Kohle

stammt, also wieder indirekt aus der Sonne. -- Alle Energie stammt von

der Sonne und ist in ihrer Entstehung an die Bedingung gebunden, daß

die Sonne ihre Wärme an einen kälteren Körper abgibt; denn nur bei

diesem Übergang können Umwandlungen in andere Energieformen erfolgen.

+Der Kommerzienrat+: Dann müßte also die Welt einmal zum Stillstand

kommen, wenn alle Körper ihre Temperatur gegenseitig ausgeglichen

haben, weil dann keine Wärme mehr von einem wärmeren auf einen kälteren

Körper übertreten könnte. Widerspricht dies nicht dem Gesetz der

Erhaltung der Energie? Denn die Wärme ist dann doch in der Welt noch

vorhanden, nur ist sie nicht mehr in Arbeit umwandelbar.

+Der Professor+: Der Streit über diese Frage (des Physikers

+Boltzmann+), ob die Welt am „Wärmetod“ zugrunde gehen wird oder nicht,

ist auch unter den Gelehrten noch nicht entschieden. Für uns ist sie

deshalb nicht gerade aktuell, weil der Sonnenball ein so ungeheures

Reservoir von Energie darstellt, daß das Menschengeschlecht keine

„Energieteuerung“ erleben wird.

12. Das periodische System der Elemente.

(Ein Gespräch zwischen einem Chemiker und einem Studenten.)

+Der Chemiker+: Sie möchten also gern von mir wissen, ob und wie die

chemischen Eigenschaften der Elemente mit ihren +Atomgewichten+ (vgl.

das 4. Kapitel) zusammenhängen.

+Der Student+: Ja, denn ich bilde mir ein, diesem Zusammenhang bereits

auf die Spur gekommen zu sein. Ich glaube entdeckt zu haben, daß die

chemischen Elemente um so +metallischere+ Eigenschaften haben, je

größer ihr Atomgewicht ist.

+Der Chemiker+: Diese Entdeckung läßt sich freilich bestreiten. Ich

führe Ihnen zum Beleg meines Widerspruchs drei nichtmetallische

und drei ausgesprochen metallische Elemente an, deren Atomgewichte

das Gegenteil beweisen könnten: die Metalle Lithium, Natrium und

Magnesium haben die (abgerundeten) Atomgewichte 7, 23 und 24; die

nichtmetallischen Elemente Phosphor, Schwefel und Brom haben die viel

höheren Atomgewichte 31, 32 und 80!?

+Der Student+: Meine Vermutung gründete sich darauf, daß die

Mehrzahl der hohen Atomgewichte doch unzweifelhaft zu metallischen

Elementen gehört, während die Mehrzahl der niederen Atomgewichte den

nichtmetallischen Elementen eigen ist.

+Der Chemiker+: In dieser unbestimmten Form ausgesprochen, ist Ihre

Ansicht zweifellos richtig und enthält ein Naturgesetz. Nur, sobald

Sie dieses Gesetz genau beschreiben wollen, so daß es ohne Ausnahme

gelten soll --: da entschlüpft es Ihnen unter den Händen und läßt sich

nicht fassen. Dies ist in einer sehr merkwürdigen Tatsache begründet,

welche zuerst im Jahr 1865 von John A. B. Newlands erkannt wurde.

Er ordnete die chemischen Elemente nach der Größe der Atomgewichte

in eine fortlaufende Reihe derart, daß die Reihe mit dem kleinsten

Atomgewicht begann und mit dem größten endigte. Er fand nun, daß zwar

die benachbarten Elemente keine besonders deutliche Ähnlichkeit in

ihren Eigenschaften zeigten, daß aber diese Ähnlichkeit ganz auffallend

bemerkbar wurde, wenn man sieben Elemente übersprang. Also das +achte+

war dem +ersten+, das +neunte+ dem +zweiten+, das +zehnte+ dem dritten

Element ähnlich usw., und diese Ähnlichkeit wiederholte sich beim

fünfzehnten Element mit dem ersten und achten, beim sechzehnten mit dem

zweiten und neunten, usf. -- Newlands nannte seine Entdeckung deshalb

das +Gesetz der Oktaven+. Damit Sie sich von der Richtigkeit überzeugen

können, schreibe ich Ihnen den Anfang der Oktavenreihe hier und setze

über den Namen jedes Elements sein Atomgewicht:

7 9 11 12 14 16 19

Lithium Beryllium Bor Kohlenstoff Stickstoff Sauerstoff Fluor

23 24 27 28 31 32 35,4

Natrium Magnesium Aluminium Silizium Phosphor Schwefel Chlor

39 40 44 48 51 52 55

Kalium Kalzium Skandium Titan Vanadin Chrom Mangan

Außerdem habe ich in jede Zeile nur sieben Elemente geschrieben

und die drei Zeilen so untereinander gesetzt, daß die ähnlichen

Elemente untereinander zu stehen kommen. Ich weiß nicht, ob Ihnen die

Ähnlichkeit dieser untereinanderstehenden Elemente überall überzeugend

klar ist.

+Der Student+: Ich könnte dies eigentlich nur von den drei Elementen

sagen, welche ganz links stehen. Sie sind mir als +Alkalimetalle+

wohlbekannt.

+Der Chemiker+: Um die Ähnlichkeit zu erkennen, bedarf es nur eines

kleinen Fingerzeigs: Sie müssen auf die +Wertigkeit+ achten (vgl. das

4. Kapitel). Die Elemente der ersten Gruppe (von links) sind Ihnen

zweifellos als +einwertig+ bekannt: jedes Atom von ihnen vermag in

einer Säure nur +ein+ Atom Wasserstoff zu ersetzen. Wenn Sie nun auch

nur wenig mit den Eigenschaften der übrigen Elemente vertraut sind,

so werden Sie leicht erkennen, daß die Elemente der zweiten Gruppe

(von links) sämtlich zweiwertig, die der dritten Gruppe dreiwertig,

der vierten vierwertig sind. Die Elemente der drei letzten Gruppen

treten, wie Ihnen bekannt sein wird, in verschiedenen Wertigkeiten

auf. Untersucht man aber ihre +beständigsten+ Verbindungen, so findet

man eine sehr auffallende Tatsache: in ihnen sind die Elemente der

fünften Gruppe entweder fünfwertig oder dreiwertig, die der sechsten

Gruppe entweder sechswertig oder zweiwertig, die der siebenten entweder

sieben- oder einwertig.

+Der Student+: Dies ist ganz unbegreiflich wunderbar, da wir doch bei

der Zusammenstellung der Oktaven nur von den Atomgewichten ausgegangen

sind und auf die Wertigkeit gar keine Rücksicht genommen haben.

+Der Chemiker+: Beachten Sie auch, daß die Wertigkeit nicht nur von

links über die Mitte nach rechts stetig und gleichmäßig ansteigt,

sondern auch von rechts nach links, allerdings nur bis zur Mitte.

+Der Student+: Es ist gerade so, als ob die Natur zwischen links und

rechts keinen Unterschied gelten lassen wollte.

+Der Chemiker+: Dieser Eindruck wird noch durch die Tatsache verstärkt,

daß die Elemente der +vierten+ Gruppe ganz überwiegend, in ihren

meisten Verbindungen, +vierwertig+ sind. Die vierte Gruppe ist als

Mittelgruppe sowohl von links als auch von rechts aus die vierte,

wodurch sich dieses Überwiegen der Vierwertigkeit sehr interessant

erklärt.

+Der Student+: Bezieht sich die Ähnlichkeit der Elemente jeder solchen

Gruppe auch noch auf andere Eigenschaften als die Wertigkeit?

+Der Chemiker+: Selbstverständlich! Sie umfaßt alle Eigenschaften, und

zwar nicht bloß der Elemente selbst, sondern auch ihrer Verbindungen.

Also: die Elemente der ersten Gruppe sind einander nicht bloß

darin ähnlich, daß sie leichte Metalle sind, welche das Wasser bei

gewöhnlicher Temperatur zersetzen, sondern auch ihre Verbindungen (z.

B. mit Chlor) haben eine unverkennbare Ähnlichkeit in Aussehen und

Kristallform, Wasserlöslichkeit, Schmelzpunkt usw.

+Der Student+: Gilt nun dieses Newlandssche Gesetz der Oktaven auch für

alle übrigen Elemente, die Sie oben nicht angeschrieben haben?

+Der Chemiker+: Es gilt für alle Elemente; aber es hat vieler

Untersuchungen bedurft, um dies klar zu erkennen. Es war das Verdienst

des russischen Chemieprofessors Mendelejeff (von der Universität St.

Petersburg) und des Deutschen Lothar Meyer, hier einige Klarheit

geschaffen zu haben. Die Schwierigkeiten beginnen nämlich gerade da,

wo unsere dritte Periode endigt, also hinter dem Element +Mangan+.

Dieses und das vorhergehende +Chrom+ gleichen den beiden übergeordneten

Elementen ihrer Gruppen bei weitem nicht in dem Grade, wie man erwarten

sollte, wenn auch in der Wertigkeit und in den sauerstoffreichsten

Oxyden eine unverkennbare Ähnlichkeit besteht. Verlängert man aber

die dritte Periode von 7 auf 17 Elemente, so zeigt sich sowohl in den

Eigenschaften der ersten als auch der letzten Glieder dieser 17teiligen

Periode eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit den Gliedern der

beiden kurzen Perioden. Diese „große“ Periode heißt also (unter

Verwendung der Abkürzungszeichen für die Namen der Elemente):

~K~ ~Ca~ ~Sc~ ~Ti~ ~V~ ~Cr~ ~Mn~ ~Fe~ ~Co~

~Ni~ ~Cu~ ~Zn~ ~Ga~ ~Ge~ ~As~ ~Se~ ~Br~.

+Der Student+: Aber 17 Elemente können doch nicht mit 7 zur

Deckung gebracht werden? Wie kann man in dieser Anordnung von

korrespondierenden Eigenschaften sprechen?

Chemische Unterhaltungen · 第 11 / 12 段