Nachdem Pettenkofer einmal diese Ursache des Dunkelwerdens entdeckt

hatte, fand er auch im unmittelbaren Anschluß daran die Abhilfe. Sie

besteht in einem höchst einfachen Verfahren: das gedunkelte Ölbild

wird, mit der Bildseite nach unten, als Deckel auf eine Schüssel

gelegt, in welcher sich eine kleine Menge Brennspiritus befindet. Die

Spiritusdämpfe dringen bei gewöhnlicher Temperatur in die Haarrisse

des Ölbildes ein, bringen die Firnisteilchen zum Quellen und bewirken,

daß sich die Außenflächen der Firnisteilchen untereinander und mit den

Farbteilchen wieder fest verbinden. Diese Verbindung bleibt auch nach

dem Abdunsten des Alkohols dauerhaft. Der Erfolg ist ganz überraschend:

das Ölbild sieht nun wieder fast ebenso frisch aus, wie unmittelbar

nach seiner Entstehung. Außerdem ist diese Art der Auffrischung

unabhängig vom künstlerischen Können des Restaurators, sie ist objektiv

im wahrsten Sinne des Wortes; Fälschungen, Entstellungen des Kunstwerks

sind dabei ganz ausgeschlossen. Pettenkofers Methode hat daher

gewaltiges Aufsehen in der Sammlerwelt erregt und einen beispiellosen

Siegeslauf durch die Welt gehalten. Die allergröbsten Risse und

Sprünge im Ölbild schließen sich freilich auch durch die Behandlung

mit Spiritusdämpfen nicht. Um sie zu beseitigen, tränkt man nach

Pettenkofer die betreffenden Stellen wiederholt mit +Kopaivabalsam+.

11. Die größte chemische Fabrik der Welt.

(Ein Gespräch zwischen einem Kommerzienrat und einem Botanikprofessor

über den Chemismus der Pflanzen, über Wachstum und Düngung und den

Kreislauf des Kohlenstoffs und Stickstoffs in der Natur.)

+Der Professor+: Lieber Kommerzienrat, wenn es Ihnen recht ist, so

gehen wir ein Stündchen spazieren, und ich will dabei versuchen,

Ihre Fragen über den Chemismus der Pflanzen so gut als möglich zu

beantworten. Besser wäre es freilich, wenn Ihnen Ihr Beruf gestatten

würde, in meinem Laboratorium fortlaufende Versuche über dieses Gebiet

anzustellen.

+Der Kommerzienrat+: Dies wird mir leider vorläufig nicht möglich sein.

Aber ich bin Ihnen, lieber Professor, schon sehr dankbar, wenn Sie mir

mit einigen mündlichen Aufklärungen helfen wollen. Wenn man soviel

mit Holz und Kohlen zu schaffen hat, wie ich, dann muß man ja für die

Entstehungsgeschichte dieser Stoffe Interesse bekommen. Sehen Sie, wir

führen aus den russischen, rumänischen und bosnischen Wäldern jährlich

viele Hunderttausende von Kubikmetern Holz in unsere Papiermühlen.

Sooft ich nun die riesigen Ziffern in unserem Frachtkonto betrachte,

kommt mir eine Frage in den Sinn, auf die ich mir eine Antwort

schlechterdings nicht vorstellen kann. +Woher stammen diese riesigen

Holzmassen?+ Woraus sind sie entstanden? -- Wenn ich morgens in meinem

Garten die Bohnen gieße (wissen Sie, das bekommt mir jetzt besser als

früher die Marienbader Kur!), dann denke ich mir, das bißchen Gewicht

dieser Bohnen und Kohlköpfe könnte wohl aus dem Dung sich entwickelt

haben, den ich im Frühjahr und Herbst in meinen Garten fahren lasse.

Aber wer düngt den Wald, worin das Holz wächst? Die Blätter, die da

im Herbst fallen, könnten doch höchstenfalls im nächsten Frühjahr den

Stoff zur Bildung der neuen +Blätter+ liefern. Aber woher stammen

die ungeheuren +Holzmassen+ der Bäume? -- Ich bin kein Chemiker und

kann mir nicht wohl vorstellen, daß das verbrennliche Holz aus den

unverbrennlichen Gesteinen des Erdbodens entstanden sein soll. Welche

Möglichkeiten sollte es aber sonst geben? -- Wenn Sie mir in dieses

Fragendunkel Licht bringen könnten, wäre ich Ihnen wirklich herzlich

dankbar.

+Der Professor+: Ihre Fragestellung nebst Begründung macht Ihnen alle

Ehre und ist ganz klar und logisch durchdacht. Nur erschrecken Sie

bloß nicht über meine Antwort: Die wichtigste Substanz im Holz, die

Kohle, stammt aus der +Luft+. Das übrige besteht größtenteils aus

umgewandeltem +Wasser+. Nur ein ganz kleiner Bruchteil vom Gewicht des

trockenen Holzes (etwa 8 bis 10 %) entstammen als Mineralstoffe dem

Erdboden.

+Der Kommerzienrat+: Verzeihen Sie, wenn Ihre Behauptungen, die

wissenschaftlich wohl sehr richtig sein mögen, meinem mehr auf das

Praktische gehenden Verstand nicht sofort einleuchten. Ich bin ein Mann

der Zahlen und Gewichte und weiß, daß die Luft nichts oder nicht viel

wiegt, das Holz aber sehr viel. Wie reimt sich das zusammen?

+Der Professor+: Ich glaube doch, daß Sie das Gewicht der Luft

unterschätzen. Ein Liter Luft wiegt 1¼ Gramm, ein Kubikmeter also 1¼

Kilogramm. Ein Zimmer von mäßiger Größe faßt leicht 80 Kubikmeter Luft,

welche zusammen 2 Zentner wiegen. Wenn also die ganze Luft durch den

Baum in Kohle verwandelt würde, so könnte ein großer Waldbaum seinen

gesamten Kohlebedarf ganz leicht aus der Luftmenge decken, welche in

ein paar Häusern enthalten ist. Tatsächlich braucht er jedoch viel mehr

Luft, weil die für den Baum notwendige Kohle nur in einem ganz winzigen

Bruchteil der Luft enthalten ist, nämlich in dem Kohlensäuregas,

welches nur ¹⁄₂₅ % der Luft ausmacht. Zur Bildung von einem Kilogramm

der Holzkohle, welche man durch Erhitzen von Holz erhält, müßte also

der betreffende Baum nicht weniger als 2500 Kilogramm Luft verarbeiten.

Für seine ganze Holzmenge braucht er wohl einige Millionen Kubikmeter

-- aber was bedeutet dies angesichts des unermeßlichen Luftmeers? Es

enthält weit mehr Kohlensäuregas, als der ganze Pflanzenwuchs der Erde

jemals aufzuzehren vermöchte.

+Der Kommerzienrat+: Ich bin nun wirklich neugierig, wie es die Pflanze

macht, um dieses Kohlensäuregas aus der Luft in sich aufzunehmen.

+Der Professor+: Ganz einfach: sie +atmet+, wie wir auch. Nur mit

dem Unterschied, daß wir den Sauerstoff der Luft einatmen und dafür

Kohlensäure ausatmen, während die Pflanze -- wenigstens scheinbar --

das Umgekehrte macht: sie atmet Kohlensäure ein und Sauerstoff aus. Die

Kohlensäure besteht nämlich aus Kohle und Sauerstoff; die Kohle wird

von der Pflanze zurückbehalten, der Sauerstoff wird wieder abgegeben.

+Der Kommerzienrat+: Warum sagten Sie soeben, die Pflanze atme nur

scheinbar in umgekehrtem Sinne wie wir?

+Der Professor+: Weil der Gasaustausch der Pflanze in Wahrheit

aus zwei Prozessen besteht, welche nebeneinander und gleichzeitig

stattfinden: der eine Vorgang entspricht unserer +Ernährung+, ich habe

ihn soeben geschildert, er besteht in der Aufnahme von Kohlensäuregas

und Abscheidung von Sauerstoffgas. Daneben findet ein zweiter, viel

schwächer entwickelter Vorgang statt, welcher eine wirkliche +Atmung+

bedeutet. Er besteht, wie unsere Atmung auch, in der Aufnahme von

Sauerstoffgas aus der Luft und in der Abgabe von Kohlensäuregas an

sie. Dieser Atmungsprozeß ist viel schwächer als der Ernährungsvorgang

und wird daher gewöhnlich durch diesen in den Schatten gestellt. Aber

nachts, wenn die Ernährung der Pflanzen stillsteht, kann man sehr

deutlich die Atmung an der Umkehrung der Gasausscheidung beobachten.

+Der Kommerzienrat+: Warum steht die Ernährung der Pflanzen nachts

still, da doch die Luft auch nachts zu ihrer Verfügung steht?

[Illustration: Abb. 38. Nachweis der Atmung bei Pflanzen. Ein

Glaskolben voll Wucherblumen taucht in Kalilauge. Diese steigt im

Kolbenhals auf, indem sie die ausgeatmete Kohlensäure verschluckt.]

+Der Professor+: Weil zur „Verdauung“ des Kohlensäuregases die

Mitwirkung des Sonnenlichts notwendig ist. Die Zerspaltung des

Kohlensäuregases in Kohle und Sauerstoff ist ein sogenannter

+endothermischer+ Vorgang (vgl. das 5. Kapitel), d. h. ein Vorgang,

der nur dann erfolgen kann, wenn dem Kohlensäuregas Energie

zugeführt wird. Diese Energie strömt der Pflanze im Sonnenlicht bei

Tage reichlich zu. Sie verschwindet in der Pflanze, hilft bei der

Zerspaltung des Kohlensäuregases und ist dann in den Spaltungsprodukten

-- in der Kohle und im Sauerstoff -- enthalten.

+Der Kommerzienrat+: Diese Vorgänge finden wohl in den Blättern statt?

+Der Professor+: Ja. Sie sind zugleich der Verdauungsapparat und

die Lunge der Pflanze. An der Unterseite der Blätter befinden sich

sehr kleine, spaltförmige Öffnungen in ungeheurer Anzahl; durch sie

vollzieht sich der Austausch der Gase.

+Der Kommerzienrat+: Verzeihen Sie, wenn ich jetzt eine recht dumme

Frage stelle: Warum sind eigentlich die Blätter grün?

[Illustration: Abb. 39. Spaltöffnungen an der Unterseite eines Blattes.]

+Der Professor+: Diese Frage ist sehr berechtigt und ist auch von der

Wissenschaft schon gestellt und durch Versuche beantwortet worden.

Man hat gefunden, daß der grüne Farbstoff (Blattgrün oder Chlorophyll

genannt) für den Ernährungsvorgang der Pflanzen wesentlich ist. Wo er

fehlt, ist auch das Sonnenlicht nicht imstande, das Kohlensäuregas

in Kohle und Sauerstoff zu spalten. Das Blattgrün ist für die

Pflanzen gewissermaßen das, was für die Tiere das Blut ist. Nach den

Untersuchungen Willstätters besteht sogar eine gewisse Ähnlichkeit in

der chemischen Zusammensetzung beider.

+Der Kommerzienrat+: Also könnte eine Pflanze ohne Blattgrün überhaupt

nicht wachsen? Demnach gibt es solche Pflanzen gar nicht?

+Der Professor+: Dies wäre zuviel behauptet. Es gibt eine ganze Menge

Pflanzen ohne Blattgrün, und sie können auch ganz gut wachsen: aber

ihre Ernährung beruht nicht auf der Verdauung des Kohlensäuregases

mit Hilfe des Lichts, sondern auf der Ausnutzung anderer Stoffe.

Diese Pflanzen leben entweder als +Schmarotzer+ auf anderen Pflanzen

oder Tieren, oder sie ernähren sich von denjenigen Stoffen, welche

bei der Fäulnis und Verwesung entstehen. Zu diesen blattgrünfreien

Pflanzen gehören sämtliche +Pilze+ und +Bakterien+ und viele höher

organisierte Pflanzen, wie der Fichtenspargel, viele Orchideen usw.

Aber auch die meisten übrigen Pflanzen, welche sich im erwachsenen

Zustande der Kohlensäure, des Lichts und des Chlorophylls zur Ernährung

bedienen, ernähren sich in der frühesten Jugend ohne Chlorophyll;

sie leben in der ersten Jugend von den Vorräten, welche die Natur

zu diesem Zweck um den Keim herumgelagert hat. So lebt die junge

Getreidepflanze, bevor sie durch die Erde ans Tageslicht dringt,

vom Mehl des Getreidekorns; die Kartoffelpflanze nützt die großen

Nahrungsvorräte der Kartoffelknolle aus, und überhaupt alle Zwiebel-

und Knollengewächse sind in ihrer ersten Jugend mit einem förmlichen

Speicher von Nahrungsvorräten umgeben. Bis diese verbraucht sind, haben

die jungen Pflanzen genügend Blattgrün gebildet, um dann größtenteils

von der Luftkohlensäure weiter leben zu können.

[Illustration: Abb. 40. (Nach C. W. Schmidt.) Die Blattgrünkörner einer

Wasserlinse stellen sich auf wechselnde Beleuchtung ein (oben schwach,

unten stark beleuchtet).]

+Der Kommerzienrat+: Eine gewisse Vorliebe für die schmarotzende

Lebensweise ihrer Jugendzeit scheinen sich die meisten Pflanzen doch

auch mit ins spätere Leben zu nehmen, denn sonst könnte eine +Jauche+-

oder +Mistdüngung+ doch ihr Wachstum nicht so sehr fördern? Ist denn

das, was Sie über die Luftnahrung sagen, wirklich so wörtlich zu

nehmen? Mir scheint, meine Gartengewächse sind doch mehr auf den Dung

angewiesen und würden elend zugrunde gehen, wenn ich ihnen bloß die

Luft als Nahrung überlassen wollte.

+Der Professor+: Hier haben Sie ein Schulbeispiel eines Trugschlusses.

Der Beweis ist durch folgende Versuche leicht zu führen: Hängen Sie

einen Bohnenkern mit Hilfe von etwas Watte in ein Glas voll Wasser.

Er wird auskeimen, aber die Bohnenpflanze wird bald zugrunde gehen.

Sie werden sagen: Das ist ganz klar, Wasser allein ist keine Nahrung,

und von der Luft kann nicht einmal eine Pflanze leben. Aber Sie irren

sich wirklich. Wiederholen Sie den Versuch, und setzen Sie dem Wasser

+winzige Spuren+ von Salpeter, Ammoniumphosphat und Eisenvitriol hinzu,

im ganzen nicht mehr als ein halbes Gramm von allen drei Stoffen:

nun wird die Bohne üppig und schnell wachsen, wie mit der besten

Jauchedüngung im Garten, und wird an Gewicht gar bald die zugesetzten

Nährsalze um ein Hundertfaches überragen. Sie können nun unmöglich

behaupten, die Bohne nehme an Substanz zu auf Kosten der zugesetzten

Nährsalze: denn diese machen an Gewicht nur einen winzigen Bruchteil

der Gewichtszunahme unserer zweiten Bohne aus. Diese Bohne wächst

offenbar auf Kosten der Kohlensäure der Luft, wie übrigens auch

zweifelfrei durch direkte Luftwägungen nachgewiesen wurde.

+Der Kommerzienrat+: Das ist in der Tat eine wunderbare Sache. Also

darf man wohl annehmen, daß auch im Mist solche Nährsalze enthalten

sind, und daß sie ein beschleunigtes Verdauen der Luftkohlensäure durch

die Pflanzen erleichtern?

+Der Professor+: Ja. Es ist sehr wohl möglich und sogar wahrscheinlich,

daß außerdem auch noch ein Teil der Dungstoffe von der Pflanze

schmarotzerisch aufgenommen wird. Aber wesentlich ist dieser Teil

nicht, sonst würden die Kunst- oder Mineraldünger (Superphosphat,

Kainit, Salpeter, Ammoniumphosphat) auf unseren Wiesen und Feldern

nicht so großen Erfolg haben, auch wenn gar keine Mistdüngung

gleichzeitig gegeben wird.

+Der Kommerzienrat+: Also könnte man die Mistdüngung wohl ganz

entbehren und durch Kunstdüngung ersetzen?

+Der Professor+: Das wäre wohl zu viel behauptet. Der Mist und der aus

ihm entstehende Humusboden haben die Eigenschaft, solche Nährsalze

festzuhalten, die sonst vom Regen aufgelöst und fortgeschwemmt würden.

Außerdem ist es vielleicht möglich, daß der natürliche Dünger für die

Pflanzen eine ähnliche Bedeutung hat wie für uns der Genuß des Obstes,

das beinahe gar keinen Nährwert hat, aber auf die Zusammensetzung

unserer Körpersäfte regulierend wirkt.

+Der Kommerzienrat+: Nun sagten Sie wiederholt, die Kohlensäure würde

in den Blättern der Pflanzen gespalten in Kohle und Sauerstoff, und

Sie erwähnten auch, daß der Sauerstoff wieder ausgeatmet würde. Aber

was geschieht mit der Kohle? Als Kohle ist sie doch gewiß nicht in den

Pflanzen, sonst müßte sie sich durch ihre schwarze Farbe verraten.

+Der Professor+: Der Kohlenstoff (so nennt der Chemiker die reine

Kohle) ist natürlich in den Pflanzen nicht als solcher, sondern er

ist mit anderen Elementen zu chemischen Verbindungen vereinigt. Die

wichtigsten dieser Verbindungen sind: der +Formaldehyd+, welcher so

zusammengesetzt ist, als ob 1 Atom Kohlenstoff mit einem Molekül Wasser

verbunden wäre; der +Trauben+- und +Fruchtzucker+ und der +Malzzucker+,

welche auf 6 Kohlenstoffatome 6 Wassermoleküle, und der Zellstoff,

welcher auf 6 Kohlenstoffatome 5 Wassermoleküle enthält. Alle diese

Verbindungen enthalten also nur Kohle und Wasser in wechselnden Mengen;

wahrscheinlich entsteht aus Wasser und Kohlensäuregas unter dem

Einfluß des Lichtes und des Blattgrüns zuerst Formaldehyd, aus welchem

sich dann durch Verdichtung und mehrfache chemische Umlagerungen die

Zuckerarten bilden. Diese werden teils durch Umwandlung in Zellstoff

zum Aufbau des Holzes verwendet, teils in Form von +Stärke+ (welche dem

Zellstoff an chemischer Zusammensetzung gleich ist) als Nahrungsvorräte

aufgespeichert.

+Der Kommerzienrat+: Ich verstehe nun, warum die Kartoffelknollen, die

Rüben, Getreidekörner, Zwiebeln usw. so reich an Stärke sind. Aber wie

wird dieser Nahrungsvorrat von der Pflanze wieder nutzbar gemacht? Oder

ist dies nicht der Zweck des Vorrats?

+Der Professor+: Doch! Es geschieht in der Weise, daß die Stärke

wieder in Zuckerlösung zurückverwandelt wird. Deshalb schmecken

keimende Zwiebeln und Kartoffeln süß, weil darin ein Teil der Stärke

in Verzuckerung begriffen ist, um dem wachsenden Keim als Nahrung zu

dienen. (Vgl. das 8. Kapitel.) Diese Verzuckerung der Stärke wird durch

gewisse chemische Verbindungen bewirkt, welche man Enzyme nennt. Sie

werden dabei merkwürdigerweise selbst nicht verändert.

+Der Kommerzienrat+: Ist man schon dahintergekommen, warum diese

abermalige Umwandlung der Stärke in Zucker notwendig ist? Ich meine

dies: warum wandelt sich nicht die Stärke direkt in Pflanzenfasermasse,

in Zellstoff, um?

[Illustration: Abb. 41. Ein Zwiebelkeim, von stärkereichen,

chlorophyllfreien Blättern umhüllt.]

[Illustration: Abb. 42. Eine aus drei Augen keimende Kartoffel. Die

blinden (chlorophyllfreien) Keime leben vom Stärkevorrat der Kartoffel.

Die Schuppen („Augen“) am Grund der Keime sind Blattanlagen.]

+Der Professor+: Dies hat einen sehr einfachen Grund: Stärke ist in

Wasser als solche nicht löslich, während Zucker löslich ist. Wenn nun

z. B. ein Kartoffelkeim an seiner Spitze neue Substanz ansetzt, so

muß diese in irgendeiner löslichen Form aus der Knolle in die Spitze

befördert werden. Diese Aufgabe fällt der Zuckerlösung zu. Sie ist

gleichsam das Blut der Pflanze. Die Stärkeablagerungen in der Knolle

sind dagegen mit dem Fett der Tiere vergleichbar.

+Der Kommerzienrat+: Braucht nun die Pflanze zu ihrer Ernährung

wirklich gar nichts weiter als Kohlensäuregas und Wasser?

+Der Professor+: Es wäre ein sehr verhängnisvoller Irrtum, dies zu

glauben. Wir erwähnten schon vorhin die Bedeutung der Nährsalze im

natürlichen und künstlichen Dünger. Von mindestens gleicher Wichtigkeit

ist für das Wachstum der Pflanze die Aufnahme eines weiteren Elements,

des Stickstoffs. Der Stickstoff ist nämlich, neben Kohlenstoff,

Wasserstoff und Sauerstoff, der wichtigste Bestandteil der sogenannten

+Eiweißverbindungen+. Diese bilden den wertvollsten Inhalt der

tierischen und pflanzlichen Zellen und sind die eigentlichen Träger

des Lebens. In den Pflanzen bilden sie einen schleimigen Belag auf der

Innenwand der Zelle, den man +Protoplasma+ nennt. Von diesem Belag aus

geht alles Wachstum und überhaupt alles Leben. Dieser Belag enthält und

verbraucht andauernd eine gewisse Menge Stickstoffgas.

[Illustration: Abb. 43. Eine junge Pflanzenzelle. Das Plasma füllt noch

fast die ganze Zelle, mit Ausnahme weniger Safträume.]

[Illustration: Abb. 44. Ältere Pflanzenzelle. Das Plasma ist dem

Wachstum der Zelle nicht gefolgt und liegt der Zellwand als dünner,

schleimiger Belag an. Die Vakuolen nehmen fast den ganzen Zellraum ein.]

+Der Kommerzienrat+: Dies ist doch, wenn ich mich recht erinnere, der

Hauptbestandteil der Luft?

+Der Professor+: Jawohl, ⅘ der Luft bestehen aus Stickstoff.

+Der Kommerzienrat+: Nun, da hat es die Pflanze leicht genug mit der

Befriedigung ihres Stickstoffhungers, denn sie wird das Gas wohl

einfach aus der Luft aufnehmen.

+Der Professor+: Doch nicht so einfach, wie Sie sich jetzt denken.

Das Stickstoffgas als solches ist nämlich für die Pflanzen völlig

unverdaulich. Die Chemiker haben diesem Gas schon lang angemerkt,

daß es eine unglaublich geringe Neigung hat, chemische Verbindungen

einzugehen. Die Pflanzen nehmen den Stickstoff deshalb niemals aus der

Luft, sondern stets durch die Wurzel aus dem Boden auf. Der Boden muß

ihn entweder in Form von +Nitraten+ (Salzen der Salpetersäure) oder in

Form von +Ammoniakverbindungen+ enthalten.

+Der Kommerzienrat+: Jetzt verstehe ich auch von neuem, warum der

+Mist+ so gut düngend wirkt. Der enthält ja so viel Ammoniak, daß es

einem in Augen und Nase beißt.

+Der Professor+: Diesmal hat Sie Ihre sinnliche Wahrnehmung auf den

richtigen Weg geführt.

+Der Kommerzienrat+: Wie machen es aber die Bäume des Waldes und

überhaupt die wildwachsenden Gewächse mit der Befriedigung ihres

Stickstoffbedarfs?

+Der Professor+: Sie ziehen, wohl durch den Geruch ihrer Wurzeln,

gewisse Pilze und Bakterien an. Eine ausgerissene Fichtenwurzel ist

z. B. meist von einem dichten, weißen Pilzgeflecht (~Mykorrhiza~)

bedeckt, welches mit der Wurzel in innigster Lebensgemeinschaft

steht. Diese stickstoffreichen Pilze bilden dann, absterbend, einen

stickstoffhaltigen Dünger für die Baumwurzel. Ganz ähnlich ist es bei

den Hülsenfruchtgewächsen; sie haben fast sämtlich an ihren Wurzeln

kleine Knöllchen, in welchen eine Unmenge von Bakterien eingeschlossen

sind, die durch ihr Absterben die Pflanze mit Stickstoff versorgen.

+Der Kommerzienrat+: Ich denke, durch diesen Befund ist das Problem

nicht gelöst, sondern nur verschoben: denn nun müssen wir fragen, wie

es diese Pilze und Bakterien anfangen, stickstoffhaltig zu werden?

[Illustration: Abb. 45. Bohnenwurzel, dicht mit Bakterienknöllchen

besetzt.]

[Illustration: Abb. 46. Normale Stickstoffbakterien (nach Jost).]

[Illustration: Abb. 47. Degenerierte Stickstoffbakterien aus einer

Bohnenwurzel (nach Jost).]

+Der Professor+: Sie haben ganz recht. Ich vergaß, Ihnen zu sagen,

daß man von einigen dieser Bakterien mit aller Sicherheit nachgewiesen

hat, daß sie den Stickstoff der Luft in salpetrige und in Salpetersäure

umwandeln. Die so entstehenden Salze der Salpetersäure sind aber eines

der verdaulichsten stickstoffhaltigen Nahrungsmittel für alle Arten von

Pflanzen.

+Der Kommerzienrat+: Sagten Sie nicht soeben, daß das Stickstoffgas

eine sehr geringe Neigung habe, chemische Verbindungen einzugehen? Wie

machen es wohl diese Bakterien, um den trägen Stickstoff zur Verbindung

mit Sauerstoff zu nötigen?

+Der Professor+: Dies ist vorläufig ein völliges Rätsel. Es ist um

so merkwürdiger, als diese Vereinigung künstlich nur unter Anwendung

hoher elektrischer Spannungen bei der Temperatur des elektrischen

Funkens (ca. 4000 °) möglich ist. Man könnte vielleicht, wie bei der

Kohlensäurespaltung, an die Mitwirkung des Lichts denken. Aber es

ist durch Versuche fast einwandfrei festgestellt, daß die Verdauung

des Stickstoffs ohne Mitwirkung des Lichts erfolgt (vgl. Jost,

Pflanzenphysiologie, in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 11. Aufl.,

S. 193). Wir stehen also vor der für jeden Chemiker unglaublich

klingenden Tatsache, daß die Pflanze es fertig bringt, kaltes

Stickstoffgas ohne jede Anwendung von Licht, Wärme oder Elektrizität

in beliebigem Grade zu oxydieren. Dies ist eine Leistung, welche

schlechthin alles in Schatten stellt, was die Chemiker bisher erreicht

haben.

[Illustration: Abb. 48. Eine unförmig aufgetriebene Bakterienzelle

aus einem Wurzelknöllchen der Bohne, gefüllt mit Millionen

Stickstoffbakterien.]

+Der Kommerzienrat+: Ist es nicht überhaupt wunderbar, daß die Pflanze

ihre Vorräte an Zellulose, Stärke und Zucker auf kaltem Wege erzeugt?

Wenn ich nicht irre, können die Chemiker auch diese Prozesse nicht ohne

Anwendung von Hitze durchführen.

+Der Professor+: Sie haben ganz recht. Die chemische Küche der Pflanze

ist kalt. Dabei leistet sie so Unglaubliches, daß sie damit den blassen

Neid aller Chemiker weckt. Sie verwandelt auf dem Weg von der Knolle

bis zum Blatt wenigstens ein dutzendmal Stärke in Zucker und Zucker in

Stärke um, während den Chemikern zwar das erste, niemals aber bis jetzt

das zweite gelungen ist. Kein Chemiker vermag Stärke oder Zellulose

künstlich darzustellen. Dabei sind diese Dinge verhältnismäßig

als Kleinigkeiten zu bewerten im Vergleich mit der beispiellosen

Mannigfaltigkeit von Farb-, Duft- und Konservierungsstoffen, welche in

den Wurzeln, Blättern und Blüten erzeugt werden. Das Pflanzenkleid der

Erde ist in der Tat das gewaltigste chemische Laboratorium, vor welchem

sich selbst unsere leistungsfähigsten chemischen Fabriken wie ärmliche

Alchimistenküchen verkriechen müssen.

+Der Kommerzienrat+: Hat man denn gar keine Vorstellung, welcher

Hilfsmittel sich die Pflanze bei ihren chemischen Darstellungen

bedient? Sie haben mir doch früher (vgl. das 8. Kapitel) erzählt, daß

man die +Gärungsvorgänge+ und die +Verzuckerung der Stärke+ mit Hilfe

der sogenannten Enzyme künstlich bewirken könne, ohne Mithilfe des

lebenden Pflanzenkörpers. Wäre es nicht denkbar, daß alle chemischen

Vorgänge in der Pflanze auf die Mitwirkung von Enzymen zurückführbar

sind?

Chemische Unterhaltungen · 第 10 / 12 段