+Der Chemiker+: Die kurzen, siebengliedrigen Perioden stimmen in ihren

Eigenschaften sowohl mit den sieben ersten als auch mit den sieben

letzten Elementen dieser langen Periode überein. Die lange Periode

zerfällt also sozusagen in zwei kurze und ein Mittelstück, das aus den

drei Elementen Eisen, Nickel und Kobalt besteht.

+Der Student+: Wenn ich mir diese kurzen Perioden betrachte, die Sie

aus der langen herausschneiden, so finde ich, daß ihre Elemente mit den

beiden ersten kurzen Perioden nur teilweise übereinstimmen wollen. Die

vordere Hälfte, ~K~–~Mn~, stimmt nur in ihren drei ersten, die hintere

mit den Elementen ~Cu~–~Br~ nur in ihren drei letzten Elementen gut mit

den beiden kurzen Perioden zusammen. Dagegen scheint mir das Ende der

~K~–~Mn~-Periode und der Anfang der ~Cu~–~Br~-Periode nicht so gut zu

passen: denn ~Mn~ müßte doch ein Halogen sein, wie ~Cl~ und ~Br~, und

~Cu~ müßte ein Alkalimetall sein, wie ~Li~, ~Na~ und ~K~.

+Der Chemiker+: Sie haben ganz recht, die Übereinstimmung dieser

Elemente mit den Halogenen bzw. Alkalimetallen läßt zu wünschen übrig.

Immerhin wollen Sie bedenken, daß das +Kupfer+ im einwertigen Zustand

Salze bildet, welche im Aussehen und Verhalten den Alkalimetallsalzen

nicht unähnlich sind: so ist das Kupferchlorür, ~CuCl~, +weiß+

und nähert sich damit einigermaßen dem Chlornatrium, ~NaCl~, und

Chlorkalium, ~KCl~. Denn die zweiwertigen Kupfersalze sind doch alle

blau oder grün. Andrerseits bildet das +Mangan+ mit viel Sauerstoff

ein flüssiges, leicht verdampfendes Oxyd ~Mn~_{2}~O~_{7}, welches

den entsprechenden Oxyden des Chlors und Broms nicht unähnlich ist.

Wenn Sie nun überhaupt die Wertigkeit der Elemente durch die ganze

17gliedrige Periode verfolgen, so können Sie an der Berechtigung dieser

Unterteilung nicht wohl mehr zweifeln.

+Der Student+: Gibt es denn noch mehr große Perioden?

+Der Chemiker+: Ja; mindestens noch +eine+ mit den folgenden Elementen:

~Rb~ ~Sr~ ~Y~ ~Zr~ ~Nb~ ~Mo~ -- ~Ru~ ~Rh~ ~Pd~ ~Ag~ ~Cd~ ~In~ ~Sn~ ~Sb~

~Te~ ~J~. Sie sehen: in dieser Periode ist +ein+ Element, zwischen

Molybdän und Ruthenium, noch nicht entdeckt. Es müßte dem Mangan der

ersten großen Periode entsprechen.

+Der Student+: Offenbar gilt für diese zweite große Periode dasselbe

wie für die erste: das dreigliederige Mittelstück ~Ru~, ~Rh~, ~Pd~ muß

ausgeschaltet werden; die beiden Reste sind kleine Perioden, welche

wiederum nur in den drei ersten bzw. den drei letzten Gliedern gut mit

den eigentlichen kleinen Perioden zusammenstimmen.

+Der Chemiker+: Ja; aber beachten Sie die gute Übereinstimmung in

+allen+ Gliedern der beiden großen Perioden. Auch die Mittelstücke

Eisen, Nickel, Kobalt und Ruthenium, Rhodium, Palladium stimmen doch

auffallend gut überein. -- Ich will Ihnen nun das ganze „periodische

System“ mit allen Atomgewichten anschreiben (nach B. Brauner):

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

|Gruppe|Gruppe|Gruppe|Gruppe|Gruppe |Gruppe|Gruppe|Gruppe| Gruppe

| 0 | I | II | III | IV | V | VI | VII | VIII

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 1 | | 1 | | | | | | |

| | H | | | | | | |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 2 | | 7 | 9 | 11 | 12 | 14 | 16 | 19 |

| | Li | Be | B | C | N | O | F |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 3 | | 23 | 24 | 27 | 28 | 31 | 32 | 35,5|

| | Na | Mg | Al | Si | P | S | Cl |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 4 | | 39 | 40 | 44 | 48 | 51 | 52 | 55 |56 58,97 58,63

| | K | Ca | Sc | Ti | V | Cr | Mn | Fe Co Ni

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 5 | | 63 | 65 | 70 | 72 | 75 | 79 | 80 |

| | Cu | Zn | Ga | Ge | As | Se | Br |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 6 | | 85 | 87 | 89 | 90 | 94 | 96 |100 | 102 103 106

| | Rb | Sr | Y | Zr | Nb | Mo | ? | Ru Rh Pd

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 7 | | 108 | 112 | 114 | 119 | 120 | 127,5|126,92|

| | Ag | Cd | In | Sn | Sb | Te | J |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 8 | |133 |137 |138 |140–178| 182 |184 | 190 | 191 193 195

| | Cs | Ba | La |Ce usw.| Ta |W | ? | Os Ir Pt

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 9 | | 197 | 200 | 204 | 207 | 209 | 212 | 214 |

| | Au | Hg | Tl | Pb | Bi | ? | ? |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

Reihe 10| |220 |225? |230 |233 |235 |239 | |

| | ? |Ra | ? |Th | ? | U | |

--------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------

+Der Student+: Das soll also nun bedeuten, daß die untereinander

stehenden Elemente in jeder Gruppe einander chemisch verwandt sind und

diejenige Wertigkeit besitzen, welche der Gruppenzahl entspricht?

+Der Chemiker+: So ist es. Bei genauerem Zusehen werden Sie erkennen,

daß ich die Elemente der Gruppen I–VII nicht genau untereinander

geschrieben habe, sondern abwechselnd etwas nach links und nach rechts

gerückt habe. Die links untereinanderstehenden bilden die sogenannte

+Hauptgruppe+, die nach rechts ausgerückten faßt man als „Nebengruppe“

zusammen.

+Der Student+: Aber ist das nicht eine rein willkürliche Maßregel?

+Der Chemiker+: Nicht so ganz. Denn obwohl dieses Ausrücken nach links

und rechts mit mathematischer Strenge genau abwechselnd erfolgte,

ist es offenbar kein Zufall, daß jede dieser beiden Teilgruppen eine

unverkennbare Verwandtschaftsgruppe bildet. In der I. Hauptgruppe

stehen z. B. nur Alkalimetalle, in der II. Hauptgruppe nur alkalische

Erdmetalle, in der VII. Nebengruppe nur Halogene. Dagegen umfaßt die

erste Nebengruppe die unter sich ähnlichen Schwermetalle ~Cu~, ~Ag~,

~Au~, welche zu den Elementen der Hauptgruppe eine viel geringere

Ähnlichkeit haben als zueinander. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich

in jeder der sieben ersten Gruppen.

+Der Student+: Ich verstehe! Diese Anordnung trägt also auch den

Unstimmigkeiten Rechnung, welchen wir oben bei der Zerschneidung der

großen Perioden begegneten: das Mangan, als Element der siebenten

Hauptgruppe, braucht den Elementen der siebenten Nebengruppe nicht

völlig zu gleichen. Außerdem sehe ich, daß die mittleren drei Elemente

der großen Perioden dadurch ganz von selbst in eine achte Gruppe nach

rechts hinaus gedrängt werden. Stimmen diese Elemente denn in ihren

Eigenschaften so zusammen, daß sie mit Recht in eine Gruppe vereinigt

werden dürfen?

+Der Chemiker+: Ohne Zweifel. Die Elemente Eisen, Nickel, Kobalt und

die sechs Platinmetalle haben sowohl in ihren metallischen als auch

in ihren chemischen Eigenschaften eine unverkennbare Verwandtschaft.

Die Platinmetalle finden sich z. B. in der Natur fast stets mit Eisen

legiert, in den Meteoriten sind Eisen, Nickel und Kobalt miteinander

vergesellschaftet. Ganz besonders zeigt sich die Verwandtschaft

dieser Metalle der achten Gruppe miteinander in ihrer großen Neigung

zur Bildung sogenannter komplexer Salze, in welchen um ein zentrales

Metallatom 6 Atomgruppen gelagert sind. Auch die +Farben+ ihrer

einfachen Salze, die meist grün, braun oder weinrot sind, zeigen eine

große Ähnlichkeit. Endlich ist die Zuteilung dieser Metalle zur achten

Gruppe dadurch gerechtfertigt, daß sie wohl die einzigen Elemente

sind, bei welchen zweifellos die Achtwertigkeit beobachtet wurde: so im

Osmiumtetroxyd ~OsO₄~.

+Der Student+: Die Existenz einer solchen achten Gruppe stört aber das

Wertigkeits-Gleichgewicht unseres Systems, denn nun ist die vierte

Gruppe nicht mehr die Mitte.

+Der Chemiker+: Dieser schwerwiegende Einwand wurde durch die

Entdeckung der sogenannten +Edelgase+ entkräftet. Dies sind die

Elemente mit den Atomgewichten: Helium 4, Neon 20, Argon 40, Krypton

82, Xenon 128. Da sie sich absolut gar nicht mit anderen Elementen

verbinden lassen, so besitzen sie offenbar gar keine Wertigkeit: sie

sind +nullwertig+ und müssen, wenn sie überhaupt dem periodischen

System zugeteilt werden sollen, eine +nullte+ Gruppe bilden. Diese

stellt dann das durch die achte Gruppe gestörte Gleichgewicht wieder

her.

+Der Student+: Sollte man denn nicht erwarten dürfen, daß auch die

Elemente der achten Gruppe als nullwertig im Sinne der Symmetrie

auftreten?

+Der Chemiker+: Sie entsprechen auch dieser Anforderung insofern, als

sie -- wenigstens die Platinmetalle -- +edle+ Eigenschaften haben, also

eine gewisse Neigung, blank und unverbunden zu bleiben.

+Der Student+: Das ist in der Tat sehr merkwürdig. -- Gibt es noch

weitere gesetzmäßige Beziehungen zwischen den chemischen Elementen,

welche ihren Ausdruck im periodischen System finden?

+Der Chemiker+: O, eine ganze Menge. Zunächst haben Sie wohl selbst

schon beobachtet, daß innerhalb jeder Gruppe sich die Eigenschaften

der Elemente mit den steigenden Atomgewichten beträchtlich ändern. Das

spezifische Gewicht, der Glanz und überhaupt der metallische Charakter

nimmt zu, die Farben werden dunkler. Betrachten Sie z. B. die Elemente

der siebenten Gruppe +Fluor+, +Chlor+, +Brom+ und +Jod+. Ich stelle

hier in einer Tabelle ihre wichtigsten Eigenschaften zusammen:

===================+================+=========+========+==============

| +Fluor+ | +Chlor+ | +Brom+ | +Jod+

-------------------+----------------+---------+--------+--------------

Farbe |schwach gelbgrün|gelbgrün |braunrot|schwarzviolett

-------------------+----------------+---------+--------+--------------

Spez. Gewicht | 1,108 | 1,33 | 3,18 | 4,97

(fest oder flüssig)| | | |

-------------------+----------------+---------+--------+--------------

Schmelzpunkt | -233 ° |-102 ° | -7 ° | +113 °

-------------------+----------------+---------+--------+--------------

Siedepunkt | -187 ° | -33 ° | +63 ° | +200 °

-------------------+----------------+---------+--------+--------------

Atomgewicht | 18,91 | 35,18 | 79,36 | 126,01

Sie sehen, wie alle Eigenschaften sich im gleichen Sinne verändern wie

das Atomgewicht.

+Der Student+: Das ist so merkwürdig, daß man fast versucht wäre zu

prüfen, ob die Abstufung dieser Zahlen nach einem mathematischen Gesetz

erfolgt.

+Der Chemiker+: Sie haben einen guten Spürsinn, denn ein solches Gesetz

besteht in der Tat. Wenn Sie die Atomgewichte der drei Elemente Chlor,

Brom und Jod betrachten, so erkennen Sie leicht, daß das Atomgewicht

des Broms das arithmetische Mittel zwischen den beiden andern ist:

Chlor = 35,18

Jod = 126,01

--------

Summe = 161,19 : 2 = 80,59 (statt 79,36).

Die Rechnung stimmt nicht +ganz+ genau, aber doch sehr angenähert.

Dieselbe Gesetzmäßigkeit gilt mit etwa gleicher Genauigkeit für

die spezifischen Gewichte und die Schmelzpunkte und sogar für die

Wasserlöslichkeit der Metallverbindungen.

+Der Student+: Wer hat dieses merkwürdige Gesetz entdeckt?

+Der Chemiker+: Es rührt von dem deutschen Chemiker Döbereiner, der es

als „Gesetz der Triaden“ bezeichnet hat. Denn selbstverständlich können

daran stets nur drei Elemente beteiligt sein. Sie können sich daher

leicht überzeugen, daß das vierte Halogen, das Fluor, im Atomgewicht

und in den übrigen Eigenschaften einen geradezu sprunghaften Abstand

von unserer Triade hält.

+Der Student+: Gibt es noch andere solche Triaden?

+Der Chemiker+: Fast in jeder Gruppe ist eine enthalten.

Die wichtigsten sind wohl: Argon, Krypton, Xenon; Kalium, Rubidium,

Zäsium; Kalzium, Strontium, Baryum; Aluminium, Gallium, Indium;

Silizium, Germanium, Zinn; Phosphor, Arsen, Antimon; Schwefel, Selen,

Tellur.

+Der Student+: Was sagt nun das periodische System der Elemente über

den Unterschied zwischen Metallen und Nichtmetallen?

+Der Chemiker+: Ziehen Sie von der linken oberen Ecke bis zur rechten

unteren einen Diagonalstrich durch das System, dann befinden sich

oberhalb des Striches die Metalloide, unterhalb die Metalle.

+Der Student+: Das ist allerdings eine verblüffend klare Antwort auf

unsere Frage. Aber welche Stellung nehmen diejenigen Elemente dazu,

welche von diesem Strich geschnitten werden oder ganz nahe bei ihm

stehen? Vermutlich bilden sie Übergänge in ihren Eigenschaften zwischen

Metallen und Metalloiden?

+Der Chemiker+: Sie meinen also Elemente, wie das Arsen, Antimon,

Molybdän, Wolfram, Tellur. Diese zeigen zugleich metallische und

nichtmetallische Eigenschaften in sich vereinigt. Als Metalle lösen

sie sich in Säuren meistens unter Wasserstoffentwicklung auf und gehen

in kristallisierende Salze über. Als Nichtmetalle bilden sie durch

die Vereinigung ihrer Oxyde mit Wasser Säuren, welche ihrerseits mit

Basen Salze bilden können. So gibt es z. B. einerseits +schwefelsaures

Antimon+, andrerseits +antimonsaures Kalium+. Je höher ein Element über

dem Diagonalstrich steht, um so mehr überwiegen seine säurebildenden

Eigenschaften über die metallischen (basenbildenden). Wenn Sie das

System allerdings sehr aufmerksam betrachten, kann Ihnen eine gewisse

Ungleichförmigkeit in dieser Beziehung nicht entgehen.

+Der Student+: Sie meinen wahrscheinlich das ungleiche Verhalten von

Haupt- und Nebengruppen in bezug auf diesen Unterschied zwischen

Metall- und Nichtmetallcharakter?

+Der Chemiker+: Allerdings. Links von der Mitte des Systems enthalten

die Nebengruppen viel schwerere, glänzendere, „metallischere“ Metalle

als die Hauptgruppen; rechts von der Mitte ist es umgekehrt. Betrachten

Sie nur die V., VI. und VII. Gruppe: da stehen die drei ausgesprochen

metallischen Elemente Vanadin, Chrom und Mangan zwischen ebenso

ausgesprochen nichtmetallische eingekeilt: zwischen Phosphor und Arsen,

Schwefel und Selen, Chlor und Brom. Der metallische Charakter eilt also

in der Nebengruppe dem in der Hauptgruppe voraus.

+Der Student+: In dem, was Sie da sagen, scheint mir ein gewisser

Widerspruch zu liegen, wenn ich es auf die erste Gruppe anwende. Was

soll da das eigentliche Kennzeichen des Metallischen sein? -- Ist es

Glanz und Dichte, so ist die Nebengruppe (Kupfer, Silber, Gold) die

metallischere. Ist es aber die Neigung zur Basenbildung, so muß die

Hauptgruppe (Kalium, Rubidium, Zäsium) als die metallischere gelten,

weil ihre Oxyde nicht bloß die stärksten Basen, sondern schlechthin

+nur+ Basen sind. Dagegen bildet das Gold doch bereits ein saures Oxyd.

Also, was soll nun gelten?

+Der Chemiker+: Sie haben ganz recht. Hier liegt ein offenkundiger

Widerspruch verborgen. Die chemische und die physikalische Definition

des Begriffs „metallisch“ decken sich zwar häufig, aber nicht

immer, und hier handelt es sich um einen Fall, in dem sie merklich

auseinandergehen.

+Der Student+: Gibt es auch innerhalb der wagrechten Reihen solche oder

ähnliche Gesetzmäßigkeiten, wie wir sie in den senkrechten Gruppen

festgestellt haben?

+Der Chemiker+: Allerdings. Beobachten Sie nur z. B. die Unterschiede

der Atomgewichte zweier benachbarter Elemente in den Reihen 2 und 3:

Reihe 2: 2--2--1--2--2--3,

Reihe 3: 1--3--1--3--1--3,5.

+Der Student+: Das sind allerdings sehr regelmäßige Sprünge, aber mir

scheint, sie sind doch nicht ganz symmetrisch verteilt: sonst müßte

am Anfang der beiden Reihen noch eine Differenz von derselben Größe

stehen, wie am Schluß?

+Der Chemiker+: Sie haben sehr richtig beobachtet; aber diese Forderung

ist inzwischen durch die Entdeckung der Edelgase bereits erfüllt

worden. In der nullten Gruppe steht nämlich am Anfang der Reihe 2 das

Helium mit dem Atomgewicht 4; die Differenz zum benachbarten Lithium

beträgt also 3, wie es die Theorie fordert. Am Anfang der Reihe 3 steht

aber das Neon mit dem Atomgewicht 20, seine Differenz zum benachbarten

Natrium beträgt 3.

+Der Student+: Entspricht dieser auffallenden Gesetzmäßigkeit auch eine

solche in den physikalischen oder chemischen Eigenschaften?

+Der Chemiker+: Sie wollen also wissen, ob bestimmte physikalische oder

chemische Eigenschaften der Elemente einer wagrechten Reihe gegen die

Mitte ab- oder zunehmen? -- In bezug auf die +Wertigkeit+ der Elemente

konnten wir diese Frage schon insofern bejahen, als wir gesehen

haben, daß die Wertigkeit gegenüber dem Wasserstoff für alle Elemente

der zweiten Reihe von beiden Seiten her gegen die Mitte anwächst

bis zum Höchstwert der Vierwertigkeit. Dasselbe gilt aber auch für

physikalische Eigenschaften, z. B. für die spezifischen Gewichte, wie

folgende Vergleichung zeigt:

Reihe 3: ~Na~ ~Mg~ ~Al~ ~Si~ ~P~ ~S~ ~Cl~

spez. Gewicht: 0,97 1,7 2,5 2,5 2,0 1,9 1,3

Diese dritte Reihe ist, wie wir wissen, eine vollständige Periode.

Für die vierte und fünfte Reihe gilt das Gesetz scheinbar nicht, da

in der vierten Reihe die spezifischen Gewichte von links nach rechts

fortwährend zunehmen, in der fünften aber ebenso gleichmäßig abnehmen.

Der Grund ist, daß die vierte und fünfte Reihe zusammen eine große

Periode bilden, für welche das Gesetz des Anwachsens der spezifischen

Gewichte bis zur Mitte genau so gilt, wie für die kleinen Perioden:

~K~ ~Ca~ ~Sc~ ~Ti~ ~V~ ~Cr~ ~Mn~ ~Fe~ ~Co~

0,86 1,6 3,8 ? 5,5 6,8 7,2 7,9 8,5

~Ni~ ~Cu~ ~Zn~ ~Ga~ ~Ge~ ~As~ ~Se~ ~Br~

8,8 8,8 7,1 5,9 5,5 5,6 4,6 2,9

+Der Student+: Sie haben in unserer Tabelle des periodischen Systems

an einigen Stellen Fragezeichen statt der Symbole von Elementen

angebracht, weil die betreffenden Elemente offenbar noch nicht bekannt

sind. Aber wenn ich die Fülle von Gesetzmäßigkeiten bedenke, welche

wir bis jetzt am periodischen System erkannt haben, so sollte ich doch

meinen, daß man damit die Eigenschaften dieser Elemente ziemlich gut

voraussagen könnte.

+Der Chemiker+: Dies ist auch möglich, und zwar mit um so größerer

Sicherheit, je vollständiger die Umgebung des unbekannten Elements

bekannt ist. +Mendelejeff+ hat auf diese Weise die wichtigsten

Eigenschaften der drei Elemente +Skandium+, +Germanium+ und +Gallium+

vor ihrer Entdeckung vorausgesagt, und es war geradezu verblüffend,

wie genau die meisten seiner Angaben mit den späteren Beobachtungen

übereinstimmten. Er hatte für das noch unentdeckte Skandium den Namen

Ekabor, für das Gallium Ekaaluminium, für das Germanium Ekasilizium

gewählt. Seine so überraschend eingetroffenen Prophezeiungen

beschränkten sich durchaus nicht bloß auf die Eigenschaften der

Elemente selbst, sondern sie beschrieben auch diejenigen einiger

Verbindungen.

+Der Student+: Wie konnte er diese Angaben so genau machen?

+Der Chemiker+: Er leitete sie als arithmetisches Mittel aus denjenigen

vier Elementen ab, welche das zu bestimmende umgeben. Diese vier nannte

er die Atomanaloge. Für das Germanium (Mendelejeffs Ekasilizium)

waren es die vier Elemente Silizium, Zinn, Gallium und Arsen. Die

Atomgewichtsbestimmung erfolgte in diesem Fall also dadurch, daß er die

Atomgewichte dieser vier Elemente addierte und durch vier teilte:

~Si~ 28 + ~Sn~ 119 + ~Ga~ 70 + ~As~ 75 = 292

292 : 4 = 73.

Das wirkliche Atomgewicht des Germaniums wurde als 72 bestimmt.

+Der Student+: Sind nun solche kleinen Abweichungen der berechneten

und gefundenen Werte, wie wir sie auch an den Döbereinerschen

Triaden beobachtet haben, als Fehler in den Atomgewichtsbestimmungen

zu betrachten, oder kann man sagen, daß die Gesetze selbst nicht

mathematisch genau verlaufen?

+Der Chemiker+: Noch vor 20 Jahren glaubte man allgemein, daß diese

Unstimmigkeiten auf Beobachtungsfehler, also auf ungenau bestimmte

Atomgewichte, zurückgeführt werden müßten. Jetzt ist diese Ansicht

endgültig als Irrtum erkannt. Die Atomgewichte der meisten Elemente

sind mit so außerordentlicher Zuverlässigkeit bestimmt, daß die

Ungenauigkeiten der Triaden unbedingt nicht auf Bestimmungsfehler

zurückgeführt werden können. Noch merkwürdiger sind aber einige andere

Ausnahmen. Das +Tellur+ müßte, da es in der sechsten Gruppe steht, ein

kleineres Atomgewicht haben als das in derselben Reihe folgende Element

+Jod+ der siebenten Gruppe. Das Atomgewicht des Tellurs ist aber 127,5,

das des Jods 126,92. Vertauscht können diese Elemente natürlich nicht

werden, denn ihre Zugehörigkeit zur sechsten bzw. siebenten Gruppe ist

über alle Zweifel erhaben. Also bleibt nur die Annahme möglich, daß die

Eigenschaften der Elemente zwar im großen und ganzen, aber doch nicht

im einzelnen als periodische Funktionen der Atomgewichte zu betrachten

sind.

+Der Student+: Das ist ja ungemein merkwürdig! Sie sprachen davon, daß

es noch andere solche Fälle gäbe?

+Der Chemiker+: Ja. Dasselbe gilt, wie Sie aus unserer Tabelle ersehen,

für das Paar Kobalt (58,97) -- Nickel (58,68) und für das Paar Argon

(39,6) -- Kalium (38,85), endlich für das in unserer Tabelle nicht

enthaltene Paar Neodym (143,6) -- Praseodym (140,5). Ja, selbst in

diesen Unstimmigkeiten offenbart sich eine Gesetzlichkeit: nicht

bloß darin, daß es stets Element-+Paare+ sind, sondern auch in ihrer

symmetrischen Verteilung im periodischen System; das Paar Argon --

Kalium liegt am Ende der zweiten +kleinen+ Periode, das Paar Tellur --

Jod am Ende der zweiten +großen+ Periode. Um fünf bis sechs Elemente

hinter jedem dieser beiden Paare folgen, gleichsam als Trabanten, die

beiden anderen Atompaare Kobalt -- Nickel und Neodym -- Praseodym.

Diese beiden sind noch überdies durch eine andere Eigenschaft in

korrespondierende Beziehungen zueinander gebracht; das erste Element

beider Paare bildet rote, das zweite grüne Salze. -- Doch alle diese

Unregelmäßigkeiten sind noch weit davon entfernt, erklärt oder auch nur

genauer erforscht zu sein. Dies bleibt eine Aufgabe der zukünftigen

Chemie.

[Illustration]

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=2. Entdeckungsreisen am Nord- und Südpol= von ~Dr.~ +J.

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Chemische Unterhaltungen · 第 12 / 12 段