wenn man sie mit überhitztem Wasserdampf unter Druck behandelt, in
ihre beiden Bestandteile gespalten. Diesen Vorgang nennt man die
+Verseifung+ der Fette, obwohl sich dabei keine Seife bildet. Die
Verseifbarkeit ist der wichtigste Unterschied zwischen den echten,
organischen Fetten und den Mineralölen. +Mineralöle sind nicht
verseifbar.+ Auf der Verseifbarkeit beruhen fast alle Anwendungen der
organischen Fette und Öle. Die Verseifung tritt unter Mitwirkung von
Bakterien von selbst ein, wenn die Fette, namentlich in der Wärme,
mit Luft und Licht in Berührung kommen: dann sagt man, sie werden
+ranzig+. Sie strömen dann einen üblen Geruch aus und sind auch
wegen ihres schlechten Geschmacks ungenießbar. Geruch und Geschmack
verraten, daß das Ranzigwerden nicht bloß in einer Spaltung der
Fette besteht, sondern daß die beiden Spaltungsprodukte durch den
Sauerstoff der Luft noch weiter verändert werden. Ranzige Butter riecht
allerdings vorwiegend nach Buttersäure. Durch +Einsalzen+ kann man das
Ranzigwerden der Fette bekanntlich ebenso verzögern, wie das Faulen
des Fleisches. Diese Wirkung des Salzes beruht darauf, daß es die
Bakterien, welche die Zersetzung erregen, lähmt und hemmt.
Die Verseifung tierischen Talgs durch hochgespannten und überhitzten
Wasserdampf bildet eine der großartigsten Industrien der Erde. Sie
blüht in den Präriedistrikten Südamerikas und der Union, wo das
Fleisch der Herdentiere auf Büchsenkonserven, Fleischextrakt und
Kraftfuttermittel, ihr Fett auf Glyzerin und Fettsäuren verarbeitet
wird. Das Glyzerin geht in den Handel über zur weiteren Verwendung in
der Sprengstoffindustrie; die Gemische von Palmitin- und Stearinsäure
wandern teils in die Kerzenfabriken, teils in die Seifenfabriken. Die
weicheren oder flüssigen, ölsäurereichen Mischungen von Fettsäuren
werden neuerdings in einem großartigen chemischen Prozeß in harte
Fettsäuren umgewandelt, weil man die flüssigen Fettsäuren nicht
brauchen kann, während die festen sowohl für die Kerzen- als für die
Seifenfabrikation von größtem Wert sind.
Seitdem man die Fette durch überhitzten Dampf in Glyzerin und
Fettsäuren spaltet, ist die +Seifensiederei+ ein einfacher Prozeß
geworden. Man braucht nämlich die Fettsäure nur mit Natronlauge zu
erhitzen, um sofort die schönste, härteste Kernseife ohne jeden
Abfall zu erhalten. Die +Seifen+ sind nämlich nichts anderes als die
Metallsalze der Fettsäuren. Früher, als die Seifensiederei noch ein
Kleingewerbe war, stellte man die Seife durch Kochen von +Fett+ mit
+Lauge+ dar. Dabei verband sich die Fettsäure des Fettes mit der
Lauge zu Seife, und das Glyzerin schied sich als Flüssigkeit ab. Die
Seife schwamm, da sie sich in Wasser nur in geringer Menge löst, oben
auf, während sich das Glyzerin in der darunterliegenden, braunen
Brühe (der sogenannten +Unterlauge+) vorfand. Als Lauge benutzten die
Seifensieder in der ältesten Zeit ein selbstbereitetes Präparat, das
aus +Holzasche+ durch Kochen mit gelöschtem Kalk gewonnen wurde. Die
Holzasche enthält kohlensaures Kalium, welches sich mit der Kalkbase
zu kohlensaurem Kalk und Kalilauge umsetzt. Der wirksame Bestandteil
in der alten Seifensiederlauge war also die +Kalilauge+. Da sie
zugleich die stärkste aller Laugen ist, so verseift sie die Fette
verhältnismäßig schnell und vollständig. Aber die Kaliseifen haben samt
und sonders die Eigenart, nicht hart zu werden, sondern schmierig zu
bleiben. Man nennt sie daher auch +Schmierseifen+. Dagegen sind die
+Natronseifen+ fest. Alle festen Seifen des Handels sind Natronseifen.
Zu ihrer Herstellung hat man zwei Wege: entweder, man verseift das
entsprechende Fett unmittelbar mit starker Natronlauge, oder man
stellt zuerst eine Kaliseife her und kocht diese dann mit starkem
Salzwasser. Diesen Vorgang nennt man das +Aussalzen+ der Seife. Dabei
tauschen das Kochsalz (Chlornatrium) und die Kaliseife ihre Metalle
gegeneinander aus. Außerdem erhöht das Aussalzen auch die Ausbeute,
weil die Seife in Salzwasser fast ganz unlöslich ist, während in einer
salzfreien Unterlauge noch immer ziemlich viel Seife gelöst bleibt.
Durch das Aussalzen erhält man aber niemals reine Natronseife, weil
ein erheblicher Teil des fettsauren Kalis nach dem Satz vom chemischen
Gleichgewicht (vgl. das 6. Kapitel) sich immer wieder aus Chlorkalium
und fettsaurem Natrium rückbildet. Aber dies ist kein Nachteil, sondern
ein Vorteil für die praktische Verwendung, weil reine Natronseife sehr
hart und bröckelig ist. Durch einen Gehalt an weicher Kaliseife wird
das Fabrikat geschmeidiger, es verliert seine Brüchigkeit. Für den
Weichheitsgrad ist auch das verwendete Fett von Bedeutung: harte Fette
geben harte Seifen, während die Öle sehr weiche, schmierige Seifen
(Marseiller Seifen) bilden.
Die Seifen haben die Eigenschaft, gewisse Stoffe in sich aufzunehmen,
so daß man sie mit diesen Stoffen „füllen“ kann. Solche Verdünnungs-
oder Füllmittel sind: Wasserglas, Kaliumsulfat und namentlich +Ton+.
Wasserglas und Ton lassen sich einer guten Seife fast in beliebigen
Mengen zusetzen, ohne daß sich die Seife bei der Abkühlung wieder
vom Füllmittel trennt. So darf den deutschen Seifen während der
Kriegszeit nicht mehr als 20 %, das ist ein Fünftel ihres Gewichts,
an Fett zugrunde gelegt werden. Nahezu vier Fünftel werden also von
den Füllmitteln, namentlich von Ton, gebildet. Das Fett, welches für
Seifensiedereizwecke zugelassen ist, ist Abschöpf- und Abfallfett
der übelsten Sorte, ranzig und angefault und von pestilenzartigem
Geruch. Aber durch Umschmelzen mit oxydierenden Mitteln läßt es
sich soweit reinigen, daß man den fertigen Seifen nicht mehr viel
anmerkt von den übelduftenden Bestandteilen. Ich habe gesehen, wie in
Seifensiedereien Abfallfette von einer Metzgerei abgeliefert wurden,
welche von Springmaden geradezu wimmelten und einen entsetzlichen
Geruch verbreiteten. Diese Fette lieferten nach ihrer Reinigung eine
ausgezeichnete Kernseife.
Der Geruch einer Seife ist, auch wenn reines Fett dazu verwendet
wurde, nicht angenehm; ranzige Fette verstärken seine unangenehme
Eigenart. Deshalb ist es üblich, die Seifen zu parfümieren, wenigstens
diejenigen für den persönlichen Gebrauch. Das Parfümieren billiger,
gewöhnlicher Seifen geschieht in der Wärme, indem man der geschmolzenen
Seife die Duftlösung zusetzt. Dieses Verfahren ist für feinere
Ware nicht anwendbar, weil gerade die feinen Duftstoffe durch die
Wärme verflüchtigt oder so verändert werden, daß ihr Wert dadurch
herabgemindert wird. Deshalb werden solche Seifen durch ein sehr
merkwürdiges Verfahren +kalt+ parfümiert. Man zerreibt die kalte Seife
zunächst zu einem feinen Pulver, vermengt es mit dem Parfüm und preßt
es dann mit großen Pressen unter gewaltigem Druck wieder zu festen
Handstücken zusammen. Dieses Verfahren nennt man „Pilieren“. Es ist
nur auf reine, ungefüllte Seifen anwendbar, weil sich gefüllte nicht
pulverisieren lassen, sondern dabei schmieren.
Die Seifensiederei ist ein Gewerbe, das in seinen meisten
Gepflogenheiten auf uralte Erfahrungen, die wenigstens bis ins
gotische Mittelalter zurückreichen, aufgebaut ist. Zu diesen
ältesten Erfahrungen gehört namentlich das Grundprinzip der alten
Seifensiederei, die Verseifung der +Fette+ durch Kochen mit Laugen.
Dagegen bedeutete die Einführung der +Fettspaltung+ einen geradezu
ungeheuren Fortschritt, der im Seifensiedergewerbe einen völligen
Umschwung hervorrief: er bewirkte, daß die kleinen, zünftig geleiteten
Betriebe samt und sonders vor etwa 25 Jahren durch die großen
Seifenfabriken aufgeschluckt wurden, weil die Fettspaltung wegen der
teuren Anlagen nur im Großbetrieb möglich ist. Da aber die Fettspaltung
das Glyzerin besser und vollständiger zu gewinnen gestattet, so
erzeugen die Großbetriebe schon aus diesem Grunde die Seifen billiger
als die zünftigen Seifensiedereien aus Großvaters Zeiten. Das Wesen
der Fettspaltung haben wir schon kennengelernt: es besteht darin,
daß die Fette durch überhitzten und hochgespannten Wasserdampf in
Glyzerin und Fettsäure zerlegt werden. Diese Vorbehandlung der Fette
ermöglicht nicht nur die vollständige Gewinnung des Glyzerins, sondern
sie erleichtert auch die eigentliche Herstellung der Seife bedeutend.
Denn die freie Fettsäure verbindet sich mit der Lauge viel leichter
als die an Glyzerin gebundene. Ja, zur Verseifung der freien Fettsäure
braucht man nicht einmal die teure, konzentrierte Natronlauge zu
nehmen, sondern man kann billigere, verdünnte Laugen und sogar Soda
(kohlensaures Natrium) dazu benutzen, welches noch viel billiger ist.
Denn beim Kochen von Soda mit freien Fettsäuren wird die Kohlensäure
der Soda durch die Fettsäure verdrängt, indem sich gleichzeitig Seife
bildet.
Versucht man, eine Seife mit einer anderen Base als Kali- oder
Natronlauge zu machen, so gelingt dies zwar, aber alle anderen Seifen
sind in Wasser unlöslich oder so schwer löslich, daß sie nicht
schäumen können. Dies gilt also von der +Kalkseife+, +Magnesiaseife+,
+Kupferseife+, +Eisenseife+ usw. Sie sind alle in Wasser unlöslich.
Dies ist wichtig zu wissen, wenn man gewisse Vorgänge verstehen will,
die man beim Waschen beobachten kann. Da ist es nämlich eine alte
Erfahrung, daß man nur mit +weichem+ Wasser gut waschen kann, während
mit +hartem+ Wasser die Seife durchaus nicht schäumen will. Weiches
Wasser ist reines Wasser. Hartes enthält kleine Mengen von Salzen des
Kalziums, Magnesiums oder Eisens aufgelöst. Diese Salze gehen mit der
Seife eine Wechselumsetzung ein, derart, daß z. B. aus schwefelsaurem
Kalzium und Natronseife sich schwefelsaures Natrium und Kalziumseife
bildet. Die Kalkseife ist aber in Wasser unlöslich. Infolgedessen
überzieht sich jedes Seifenstück und jeder eingeseifte Gegenstand in
hartem Wasser mit einer unlöslichen Kruste von Kalkseife. Erst wenn
auf diese Weise die letzte Spur von Kalk-, Magnesia- und Eisensalzen
in Form von unlöslicher Seife aus dem harten Wasser ausgeschieden
ist, erst dann löst sich die Alkaliseife und schäumt. Die Quellen und
Flüsse der Kalkgebirge führen stets hartes Wasser. Mit solchem dauert
es zuweilen sehr lange, bis Schäumen eintritt, und sehr viel Seife wird
zur Erreichung dieses Zieles vergeudet. Weich, d. h. nahezu chemisch
rein, sind die Quellen im Sandstein- und im Granitgebirge. Ist man auf
hartes Wasser angewiesen, so empfiehlt sich folgendes Verfahren beim
Waschen, das auch bei weichem Wasser Seife sparen hilft: man macht den
schmutzigen Gegenstand (z. B. die Hand) tüchtig naß und reibt ihn dann
an der Seife, +ohne weiter Wasser hinzufließen zu lassen+. Denn bei
so sparsamer Wasseranwendung tritt auch mit hartem Wasser rasch das
Schäumen ein, weil die Schwermetallsalze in einer kleinen Wassermenge
nicht viel Seife zu ihrer Bindung brauchen. Taucht man aber während des
Waschens die Hand immer wieder in die Wasserschüssel, so hilft alles
Reiben an der Seife nichts, und es kann nicht schäumen, weil mit dem
neuen Wasser auch neue Mengen von Kalk- oder Magnesiasalzen gebunden
werden müssen.
Die merkwürdige Reinigungskraft der Seife beruht weniger auf
chemischen als auf physikalischen Vorgängen. Als chemische Wirkung
muß es gelten, daß Seifenlösung, besonders warme, ein gewisses
Lösungsvermögen für Fette besitzt. Doch ist dieses chemische
Lösungsvermögen (von dem man beim Kochen der Wäsche Gebrauch macht)
verhältnismäßig gering gegenüber der physikalischen Auflösungskraft
des Seifen+schaums+. Diese beruht auf der Oberflächenspannung zwischen
Seifenlösung und Luft. Diese merkwürdige Kraft, welche auch die
Ursache davon ist, daß man eine Nähnadel oder ein Stück Weißblech auf
Wasser schwimmen lassen kann, obwohl diese Stoffe acht- bis neunmal
schwerer als Wasser sind -- diese Kraft zieht den Schmutz an und hält
ihn in den millionenfachen, zarten Häutchen fest, aus welchen sich
der Seifenschaum zusammensetzt. Gleichzeitig löst die Seife das Fett,
welches den Schmutz am Körper und in der Wäsche festhält. Wendet man
zum Waschen warmes Wasser an, so schmilzt dadurch dieses Fett und wird
infolgedessen noch leichter von der Seife entfernt. Auch aus einem
anderen Grunde ist es besser, mit warmem Wasser zu waschen: in kaltem
Wasser löst sich nur ölsaures Natrium; palmitin- und stearinsaures
Natrium lösen sich nur in warmem Wasser auf. Die Seifen bestehen nun,
da sie meistens aus Talg hergestellt werden, aus solchen Gemischen
dieser drei Stoffe, welche nur etwa ein Viertel an ölsaurem Natrium
enthalten. Verwäscht man also gute Kernseife mit kaltem Wasser, so
löst sich und wirkt nur ein Viertel der Seife, die übrigen drei
Viertel scheiden sich ungelöst in Flocken ab und helfen nichts zur
Schaumbildung und Fettauflösung. Wendet man aber heißes Wasser an, so
beteiligt sich die ganze Seife am Reinigungsprozeß, weil sich alles
auflöst.
Den Seifen sehr nahe verwandt sind die +Pflaster+. Das meistgebrauchte
und bekannteste von ihnen, das +Bleipflaster+, wird hergestellt, indem
man Bleioxyd (oder auch Bleiweiß) mit Schweineschmalz kocht. Das
anfangs dünnflüssige Schmalz wird rasch dick, zäh und dunkelbraun.
Das Fett wird dabei zerlegt in Glyzerin und seine Fettsäuren;
diese verbinden sich mit dem Bleioxyd zu fettsaurem Blei, also zu
Bleiseife, und das gleichzeitig freiwerdende Glyzerin macht diese
Seife bis zu einem gewissen Grade geschmeidig. In diesem Sinne
wirkt auch der stets vorhandene Fettüberschuß. Demnach sind also
die Pflaster nichts anderes als unreine Schwermetallseifen. Die
Pflaster dienen als Wundheilmittel, ihr wesentlicher Bestandteil ist
das Schwermetall. Damit dieses seine heilende Wirkung ausüben kann,
muß es in einer Verbindung enthalten sein, welche in die Gewebe des
Körpers einzudringen vermag. Eine solche Verbindung ist die +Seife+,
aus der das Pflaster besteht. Sie ist, als organische Verbindung,
den organischen Stoffen des Körpers näher verwandt als die einfacher
zusammengesetzten anorganischen Salze der Schwermetalle.
In diesem Zusammenhange wollen wir auch der +Kitte+ gedenken. Sie
werden aus +Leinöl+ und einem Metalloxyd oder Metallkarbonat bereitet.
Der gewöhnliche Glaserkitt besteht z. B. aus Leinöl und Kreide, die
zu einem dicken Brei verknetet sind. Diese Kitte haben die wertvolle
Eigenschaft, nach einiger Zeit allmählich ganz fest und steinhart zu
werden, ohne dabei zu schwinden. Diese Eigenschaft erklärt sich genau
so, wie die Entstehung der Pflaster: das Leinöl wird in Glyzerin
und seine Fettsäure zerlegt; diese Fettsäure verbindet sich mit der
Schwermetallbase -- in diesem Falle dem Kalziumoxyd -- zu fettsaurem
Kalk, während die Kohlensäure aus der Kreide in die Luft entweicht.
Der fettsaure Kalk ist der erhärtete Kitt. Wer diesen Vorgang einmal
verstanden hat, begreift ohne weiteres, wie sinnlos es wäre, einen
Kitt aus Kreide und Mineralöl herstellen zu wollen. Denn das Mineralöl
kann nicht ranzig werden, es enthält überhaupt keine Fettsäure, kann
also auch niemals mit der Kreide zu fettsaurem Kalk erhärten. Trotzdem
werden solche „Kitte“ als grobe Fälschungen von betrügerischen Händlern
verkauft. Sie „erhärten“ auch bis zu einem gewissen -- natürlich sehr
geringen -- Grad, weil die Mineralöle durch Eintrocknen und geringe
Sauerstoffaufnahme verharzen. Aber diese Verhärtung ist viel zu gering,
als daß sie praktisch überhaupt in Betracht gezogen werden könnte. --
Selbstverständlich ist aus dem gleichen Grunde auch jede Beimengung von
Mineralölen zum Leinöl unstatthaft.
+Leinöl+ und andere Pflanzensamenöle haben noch eine zweite, viel
wichtigere Anwendung: zur Herstellung der +Ölfarben+ und +Lacke+. Eine
Ölfarbe erhält man durch Zusammenreiben eines Farbpulvers mit Leinöl.
Diese Farben, mit rohem Leinöl hergestellt, sind zwar außerordentlich
schön (weil das rohe Leinöl heller und klarer ist als das gekochte),
aber sie haben die fatale Eigenschaft, nur sehr langsam zu trocknen.
Das Trocknen der Ölfarben hat nämlich eine ganz andere Ursache als
das Erhärten der Kitte. Bei der Ölfarbe wünscht man durchaus nicht,
daß das Öl ranzig wird, und daß sich die Ölsäure mit dem Farbpulver
chemisch verbindet: denn dies würde den Farbton des Farbpulvers
zweifellos unerwünscht verändern. Das Trocknen der Ölfarbe kann also
nicht denselben Grund haben wie das Hartwerden der Kitte. Das Trocknen
der Ölfarbe kann aber auch nicht darauf beruhen, daß das Öl verdunstet,
wie das Wasser beim Trocknen der Aquarellfarbe. Denn dagegen spricht
der Umstand, daß die getrocknete Ölfarbe ganz dick und schön glänzend
und fest aufliegt und keineswegs bloß aus dem rückständigen Farbpulver
besteht. Vielmehr sieht man an der getrockneten Ölfarbe deutlich, daß
das Leinöl selbst sich in eine harte, glänzende, durchsichtige Masse
verwandelt hat. Diese Umwandlung erfolgt unter Aufnahme von Sauerstoff
aus der Luft. Es ist ein Oxydationsvorgang, den man (obgleich er
ganz anders verläuft) mit demselben Ausdruck bezeichnet, der für das
Dickwerden der Mineralöle gilt: als +Verharzung+. Man hat nun die
Beobachtung gemacht, daß das Leinöl viel schneller verharzt, wenn man
es vorher längere Zeit gekocht hat. Leider wird es dabei aber bedeutend
dunkler braun, so daß es den Farbton der meisten Farben unerwünscht
verändert. Ganz unbrauchbar ist solches dunkle Öl zum Anmachen weißer
Ölfarbe, weil es sie schmutzig gelb färbt. Man hat also von jeher
darauf gesonnen, nicht bloß das Leinöl so hell als möglich zu machen,
sondern auch seine Verharzung durch andere Mittel als das Kochen zu
beschleunigen. Was nun das Hellmachen anbelangt, so gelingt dieses
gar nicht schwer durch Ausbleichen. Man bleicht das gelbe Leinöl, wie
man Wäsche bleicht: an der Sonne, indem man es in flachen Kästen mit
hellem Boden dem direkten Sonnenlicht aussetzt. Schwieriger ist es, das
Leinöl ohne wesentliche Beeinträchtigung seiner hellen Farbe schnell
trocknend zu machen, oder, wie man sagt, in +Firnis+ zu verwandeln.
Dies geschieht durch Erwärmen mit kleinen Mengen von Braunstein oder
Zinkoxyd oder Bleiglätte. Dadurch wird das Leinölmolekül gleichsam
angenagt und ist nun der Oxydation durch die Luft viel zugänglicher
als vorher. Je stärker das Öl dabei erwärmt wird, um so besser
trocknet es nachher, aber um so dunkler wird es auch. Der bleihaltige
Firnis trocknet am schnellsten, weil er bei der Darstellung am
stärksten erhitzt werden muß, ist aber aus der gleichen Ursache auch
am dunkelsten. Man läßt deshalb gewöhnlich nicht das Leinöl, sondern
erst den fertigen Firnis bleichen. Indessen hat sich gezeigt, daß das
schnelle Trocknen eines Firnisses seiner Dauerhaftigkeit Nachteil
bringt: am dauerhaftesten ist der Firnis, der nur aus gekochtem Leinöl
besteht. Hat man aber Schwermetalloxyde hineingekocht, so soll es von
Blei nicht mehr als ½ %, von Mangan nicht mehr als ⅒ % sein. In der
Regel setzt man eine stärkere Auflösung dieser Metalloxyde in gekochtem
Leinöl, den sogenannten +Sikkativ+, zum reinen Leinölfirnis hinzu. Die
zuweilen angepriesene Verwendung +trockener+ Sikkative in Pulverform
ist zwecklos, weil ein Sikkativ die Trocknung des Leinöls nur dann
beschleunigt, wenn er darin klar (ohne Bodensatz) gelöst ist. Solche
Lösung erfolgt aber beim einfachen Vermischen trockener Sikkativpulver
mit dem kalten Leinöl niemals.
Laien pflegen keinen großen Unterschied zu machen zwischen Ölfarbe und
+Lack+. Aber in Wirklichkeit ist dieser Unterschied recht bedeutend,
nicht bloß in Zusammensetzung und Herstellung, sondern besonders in
den Eigenschaften. Die wichtigsten Eigenschaften beider sind Glanz
und Haltbarkeit. Die Ölfarbe besitzt auch nach dreimaligem Aufstrich
nur einen sehr mäßigen, matten Glanz, der Lack dagegen einen sehr
hohen, der (bei den Kutschenlacken) bis zum vollendeten Spiegelglanz
gesteigert sein kann. Würde die +Haltbarkeit+ der Lacke auch nur im
entferntesten ihrem Glanz entsprechen, so würde kein Mensch mehr
Ölfarbe zum Anstreichen verwenden. Aber darin liegt der zweite
Unterschied: die Lacke sind nur im geschlossenen Raum, und selbst da
nur für beschränkte Zeit, haltbar; dem Wetter ausgesetzt, verlieren sie
in kurzer Zeit ihren Glanz und bekommen zahlreiche Sprünge. Die Ölfarbe
dagegen hält sich, wenn sie mit reinem Leinölfirnis hergestellt war,
auch im Wetter beträchtlich lang und bildet einen vorzüglichen Schutz
gegen Rost und Fäulnis. Lack und Ölfarbe ergänzen also einander in
bezug auf Haltbarkeit und Glanz.
Für die Herstellung der Lacke ist maßgebend, daß sie stets ein
Harz oder eine harzartige Substanz enthalten: Bernstein, Kopal,
Fichtenharz, Dammar, Schellack, Asphalt usw. In den billigsten (und
schlechtesten) Lacken ist dieser Stoff einfach in Terpentinöl, Benzin
oder Spiritus aufgelöst, wozu oft nicht einmal erwärmt werden muß.
Beim Trocknen verdunstet das Lösungsmittel ganz, der Lacküberzug
besteht also nur aus der harzigen Substanz. Er ist oft wunderschön
glänzend, aber meistens von sehr geringer Haltbarkeit; er ist brüchig
und springt ab, oder er erblindet beim Zusammentreffen mit Wasser.
Diesen „mageren“ Lacken sind gegenüberzustellen die sogenannten
+fetten+ Lacke, welche stets mit Leinölfirnis gekocht sind. Einen
fetten Lack erhält man also z. B. durch Auflösen von Fichtenharz in
heißem Leinölfirnis. Diese fetten Lacke sind viel haltbarer als die
vorher beschriebenen. Die wertvollsten Sorten werden mit Kopal (selten
mit Bernstein) hergestellt, welches ein in Indien gewonnenes Harz ist.
Es löst sich nicht, wie das gewöhnliche Fichtenharz, einfach beim
Erwärmen im Leinöl auf, sondern erst, wenn man aus dem Kopal durch
andauerndes Erhitzen eine gewisse Menge flüchtiger Stoffe abdestilliert
hat. Der Rückstand (70 bis 88 % vom ursprünglichen Kopal) ist dann in
heißem Leinöl löslich. Die Kunst der Lacksieder besteht nun darin,
beim Erhitzen des Kopals und Bernsteins das richtige Maß zu finden.
Jetzt wird dies häufig so gemacht, daß man die herausdampfenden
Stoffe in einer gekühlten Vorlage auffängt und wägt. Wenn diejenige
Menge herausdestilliert ist, welche man durch die Erfahrung für die
betreffende Kopalsorte als richtig kennt, so ist der Rückstand zum
Auflösen im fetten Öl geeignet. -- Man sieht also, der Lackhandel
ist bis zu einem gewissen Grade eine Vertrauenssache, weil man ohne
genaueste Fachkenntnis nicht feststellen kann, ob bei der Herstellung
des Lacks mit der genügenden Sorgfalt verfahren worden ist.
Vorhin wurde erwähnt, daß der Lacküberzug im Laufe der Zeit Sprünge
und Risse bekommt. Dies gilt, wenn auch in viel geringerem Grade, auch
für die Ölfarben und hat bei Ölfarbenanstrichen und Ölfarbenbildern
eine ganz besondere Nebenwirkung: sie +dunkeln+ im Laufe der Zeit. Über
den wahren Grund des Dunkelwerdens alter Ölbilder war man sich lange
Zeit nicht im klaren. Man vermutete eine chemische Veränderung des
Firnisses, eine Art von Verharzung unter Aufnahme von Sauerstoff aus
der Luft, und man behandelte deshalb gedruckte Ölbilder mit chemischen
Mitteln, z. B. mit Wasserstoffsuperoxyd. Viele wertvolle Gemälde alter
Meister sind dadurch für alle Zeiten verdorben worden. Eine Wendung
vollzog sich, als der berühmte Münchener Hygieniker und Chemiker
+Pettenkofer+ beauftragt wurde zu untersuchen, warum so viele Gemälde
der Schleißheimer Galerie dem Verfall entgegengingen. Er fand als den
wahren Grund des Dunkelwerdens einen physikalischen: die getrocknete
Ölfarbe bekommt Risse, und die Firnisteilchen lösen sich dabei von
den Farbpartikelchen los, so daß zwischen beiden ein haarfeiner Spalt
entsteht, der mit Luft gefüllt ist. An diesem dünnen Lufthäutchen,
welches jedes Farbteilchen eines gealterten Ölgemäldes umgibt,
erfährt das Tageslicht eine totale Reflexion: ein Teil des Lichtes
wird zurückgeworfen, bevor es überhaupt die Farbteilchen erreicht.
Dieser Umstand bewirkt den Eindruck, daß die Farbpartikelchen dunkler
aussehen, als sie in Wahrheit sind.