Bei der Gärung tritt, wie schon erwähnt wurde, zugleich eine ungeheure

Vermehrung der Hefe ein, welche sich als grauer Schlamm in den

Gärgefäßen zu Boden setzt. Dieser Hefeschlamm wurde früher ohne

weitere Umstände wieder zur Gärung neuer Würze verwendet. Waren nun

unerwünschte Hefearten hineingeraten, so beeinflußten sie natürlich

auch die neue Gärung ungünstig. Jetzt verfährt man daher ganz anders.

Jetzt besitzt jede bessere Brauerei Einrichtungen zur +Reinzucht+ ihrer

spezifischen Hefeart und zur fortlaufenden Kontrolle der Reinheit ihrer

Zucht. Der „Spatengeschmack“ des Münchener Spatenbräus, der Löwenbräu-,

Hofbräu-, Kindlbräu-Geschmack wird also gewissermaßen im Laboratorium

reingezüchtet. Das Verfahren ist aus der Bakteriologie übernommen.

Es wurde von den großen Bakteriologen Robert +Koch+ und +Pasteur+

ausgearbeitet und ist merkwürdig genug, um hier ausführlich beschrieben

zu werden. Es beruht auf der Entdeckung der sogenannten +festen

Nährböden+. Unter dem Nährboden bzw. der Nährflüssigkeit versteht man

den Stoff, auf welchem sich die Bakterien entwickeln und vermehren

sollen. Dieser Stoff kann entweder flüssig sein, wie die Bierwürze,

oder fest, wie z. B. Kartoffeln oder Gelatine. Voraussetzung ist nur,

daß er alle diejenigen Stoffe in genügender Menge enthält, welche

das Bakterium zu seiner Entwicklung braucht. Einer der brauchbarsten

Nährböden für die meisten Bakterienarten besteht aus einer kräftigen

Fleischbrühe, in welcher man so viel Gelatine aufgelöst hat, daß

sie beim Erkalten fest wird. Diese „Nährgelatine“ ist gewissermaßen

zugleich ein flüssiger und ein fester Nährboden, je nach der

Temperatur, bei welcher man sie anwendet. Ihre Anwendung hat umwälzend

in der Bakteriologie gewirkt und hat die planmäßige Erforschung der

Bakterientätigkeit erst möglich gemacht. Wenn man nämlich ein Gemisch

verschiedener Bakterienarten in einen +flüssigen+ Nährboden bringt, so

vermehren sie sich darin nicht bloß, sondern die Vermehrungsprodukte

+vermischen+ sich auch fortwährend miteinander. Hat aber der Nährboden

die Eigenschaft, nach kurzer Zeit zu erstarren, so muß jeder Keim sich

an derjenigen Stelle vermehren, an welcher er durch den erstarrten

Nährboden festgehalten wird. Die einzelnen Bakterien sind nun wegen

ihrer winzigen Größe (¹⁄₅₀₀ Millimeter und weniger) nicht mit bloßem

Auge sichtbar. Sobald sie aber, nach 2–3 Tagen, durch die Vermehrung

zu einer Kolonie angewachsen sind, kann man diese in der Nährgelatine

schon mit unbewaffnetem Auge als einen kleinen, grauen Fleck erkennen.

Es ist klar, daß jeder solche Fleck aus einer „Reinzucht“ derjenigen

Bakterienart bestehen muß, die sich im Augenblick des Erstarrens

der Gelatine an der betreffenden Stelle befunden hat. Entnimmt man

also diesem Fleck mittels einer Nadel so viel Bakterien, als an der

Nadel hängen bleiben, und überträgt man diese auf eine neue Portion

bakterienfreien Nährbodens, so können sich auf diesem nur Bakterien

dieser +einen+ Art entwickeln, die man in Reinzucht zu haben wünscht.

Diese Kochsche Methode der fest-flüssigen Nährböden gestattet uns also

auf allereinfachste Weise, uns aus einem Gemisch der verschiedensten

Bakteriensorten jede Art in Reinzucht oder „Reinkultur“ herzustellen.

Freilich muß man dabei manche Vorsichtsmaßregeln beachten, wenn nicht

unliebe Überraschungen eintreten sollen. Denn wir müssen bedenken,

daß nicht bloß in der Luft Millionen von Bakterienkeimen schweben,

sondern daß auch jeder feste Gegenstand damit besät ist, und daß auch

das reinste Trinkwasser von solchen Keimen geradezu wimmelt. Würden

wir also unsere Versuche ohne Rücksicht auf diese Umstände ausführen,

so würden zahllose Keime aus der Luft und aus dem Wasser und aus den

Oberflächen unserer Gefäße alle Reinkulturversuche vereiteln. Aber

glücklicherweise lassen sich alle Bakterien und ihre Keime durch bloßes

Erhitzen auf 80–100 ° leicht töten. Man braucht also die Glasgefäße

und Instrumente, welche keimfrei sein sollen, bloß in kochendes Wasser

zu tauchen oder besser in trockener Luft auf 100 ° zu erhitzen, dann

sind sie solange keimfrei, bis aus der Luft oder durch Berührung mit

anderen Gegenständen neue Keime daran kommen. Die Flüssigkeiten werden

durch Kochen keimfrei gemacht. Deshalb ist frisch abgekochtes Wasser

stets keimfrei, und in dieser Beziehung dem reinsten Quellwasser

vorzuziehen. Schwieriger ist es, die Ansteckung eines Nährbodens durch

diejenigen Bakterien zu verhindern, welche aus der Luft hineinfallen

oder mit den Luftströmungen hineingerissen werden. Das bloße Zustopfen

der Flaschen nützt deshalb nicht viel, weil die Luft bei verschiedenen

Temperaturen und Barometerständen einen verschiedenen Raum einnimmt,

und weil daher häufig beim Öffnen des Stopfens die Luft stürmisch in

die Flasche eindringt und dabei Bakterien mitreißt. Deshalb kam Pasteur

auf den ausgezeichneten Gedanken, solche Flaschen mit einem trockenen

Wattebausch zu verschließen. Die Watte läßt die Luft ungehindert durch

sich hindurchtreten, nicht aber die Bakterien, obwohl es unter diesen

solche gibt, welche kleiner als ¹⁄₁₀₀₀ Millimeter sind. Sie bleiben

alle in den obersten Schichten des Wattebauschs zurück. Der Wattebausch

ist also ein richtiges Filter für die Bakterien. Unsere Abbildungen

18 und 19 zeigen, in welcher Weise man Glaskolben und Reagensgläser

mit solchen Wattepfropfen bakteriendicht verschließt. Man stellt

dabei, namentlich beim Öffnen, die Gefäße gern schief, damit nicht

aus der Luft Keime hineinsinken; auch verkohlt man die Unterseite

der Wattepfröpfe gern ein wenig über einer Flamme, damit alle daran

hängenden Keime verbrannt werden.

[Illustration: Abb. 18. Glaskolben mit bakteriendichtem Watteverschluß.]

[Illustration: Abb. 19. Schiefgestelltes Reagensrohr mit Nährgelatine.]

[Illustration: Abb. 20. Petrischale zum Herstellen von Reinkulturen.]

Wenn man nun aus einer unreinen Hefe eine bestimmte Sorte reinzüchten

will, verfährt man folgendermaßen: man bringt ein wenig von der Hefe

in einen Glaskolben, der keimfreie („sterile“ oder „sterilisierte“)

Nährgelatine enthält, welche man bei möglichst niederer Temperatur,

durch Eintauchen in warmes Wasser, verflüssigt hat. Die Hefe wird

vor dem Einbringen mit etwas Wasser fein zerrieben und dann durch

Umschwenken des Kolbens gut mit der Gelatine vermengt. Nun gießt man

den Inhalt des Glaskolbens auf eine sauber gereinigte, keimfreie

Glasplatte und läßt ihn dort in dünner Schicht unter dem Schutze einer

Glasglocke erstarren. An Stelle der Glasplatte und der Glasglocke

kann man auch eine sogenannte +Petri+-Schale (vergl. Abb. 20) nehmen,

das sind zwei flache Glasschalen mit zylindrischem Rand, von welchen

die größere als Deckel über die kleinere gestülpt wird, während in

diese die Nährgelatine gefüllt wird. Nach einigen Tagen zeigt sich

die Gelatine ganz mit grauen Pünktchen besät, deren jedes aus einer

Kolonie von Bakterien bzw. Hefezellen einer Art besteht. Meistens

lassen sich verschiedene Arten schon am verschiedenen Aussehen ihrer

Kolonien erkennen, zumal wenn man das Vergrößerungsglas zu Hilfe nimmt.

Man sucht sich die gewünschte Art aus und überträgt sie mit einer

sogenannten Impfnadel in ein Kölbchen mit steriler Nährflüssigkeit (z.

B. Bierwürze). Die Impfnadel besteht aus einem 5 ~cm~ langen Stück

Platindraht von ½ ~mm~ Dicke, der mit einem Ende in einen langen

Glasstab eingeschmolzen, am anderen Ende zu einer Öse gebogen ist (vgl.

Abb. 21). Der Draht muß aus Platin sein, damit er durch Ausglühen in

einer Flamme keimfrei gemacht werden kann, ohne dabei zu oxydieren. Man

glüht die Öse aus und überträgt mit ihr ein wenig von der zu züchtenden

Kolonie in die neue Nährlösung, wo sie sich nun ganz rein und frei von

fremden Keimen entwickeln muß.

[Illustration: Abb. 21. Impfnadel zum Uebertragen von Reinkulturen.]

Nebenbei sei bemerkt, daß man die Kochschen festen Nährböden auch

benutzt, um die Bakterien in der Luft, im Trinkwasser, im Erdboden zu

+zählen+: denn so viel Bakterien in einer gewissen Menge dieser Stoffe

sind, so viel sichtbare Kolonien müssen auf der Glasplatte nach dem

Vermischen mit Nährgelatine oder Pflanzengelatine (Agar-Agar) entstehen.

Erst seit der Einführung dieser Hefereinzucht ist es möglich, Biere

und destillierte Schnäpse von stets gleichen Eigenschaften mit aller

Sicherheit herzustellen. Auch für die Weingewinnung aus den Trauben

wendet man seit langem schon reingezüchtete Hefen an. Auf den reifen

Beeren der Weintrauben und auf den Zwetschen liegt ein Reif, welcher

aus Hefezellen besteht, die den Preßsaft dieser Früchte von selbst in

Gärung versetzen. Daher kommen zerquetschte Früchte stets von selbst in

Gärung, wobei, je nach ihrem Zuckergehalt, mehr oder weniger Alkohol

entsteht. Durch Abdestillieren gewinnt man dann die destillierten

Schnäpse daraus. Da aber die natürlichen Hefen auf der Fruchthaut in

verschiedenen Jahren von verschiedener Beschaffenheit sind, so ist es

zuverlässiger, auch diese Gärungen mit Reinzuchthefe von erprobten

Eigenschaften vorzunehmen. --

Es wurde schon oben gesagt, daß durch Gärung zuckerhaltiger

Flüssigkeiten der Alkoholgehalt nicht höher als auf etwa 10–12 %

steigen kann. Wenn also ein „natürlich“ vergorenes Getränk, etwa ein

Wein, 15 % oder mehr Alkohol enthält, so können wir mit Bestimmtheit

sagen, daß er künstliche Zusätze von Sprit erhalten hat. Es gibt aber

noch ein anderes Verfahren, um den Alkoholgehalt einer vergorenen

Maische zu erhöhen: das +Destillieren+. Während nämlich Wasser

bekanntlich erst bei 100 ° siedet, kocht der Alkohol schon bei 78 °.

Erhitzt man nun Gemische von Alkohol und Wasser zum Sieden und kühlt

man die Dämpfe vorsichtig ab, so wird zuerst der Wasserdampf wieder zu

Wasser, während der Alkoholdampf erst unterhalb von 78 ° verflüssigt

wird. Dieses Verdampfen und Wiederflüssigmachen des Dampfes nennt man

bekanntlich Destillieren. Die Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn man

aus einer solchen Maische die Hälfte abdestilliert, darin +aller+

Alkohol enthalten ist. Das Destillat nimmt aber nur die Hälfte Raum

ein, ist also in bezug auf seinen Alkoholgehalt doppelt so stark als

die ursprüngliche Maische. So kann man +Branntwein+ und Schnäpse von

hohem Alkoholgehalt destillieren. Man kann aber auch aus ordinärer

Kartoffelmaische reinen Spiritus, der nur noch 4–5 % Wasser enthält,

abdestillieren, wenn man die Dämpfe in sogenannten Kolonnenapparaten

sehr vorsichtig abkühlt. In Deutschland werden auf diese Weise jährlich

etwa 5 Millionen Hektoliter reiner Alkohol erzeugt.

[Illustration: Abb. 22. Senkwage, um den Alkoholgehalt einer

Flüssigkeit zu messen (nach Erdmann).]

Nebenbei erwähnt sei, wie man den Alkoholgehalt einer Flüssigkeit

bestimmt. Alkohol ist leichter als Wasser. Daher wird eine

Schwimmvorrichtung aus Glas, eine sogenannte +Senkwage+ (Aräometer),

in Alkohol und in alkoholhaltigen Mischungen tiefer einsinken als

in reinem Wasser. (Abb. 22.) Diese Aräometer werden in der hier

abgebildeten Form aus Glas geblasen; damit sie aufrecht schwimmen,

ist die untere Kugel mit Bleischrot oder Quecksilber gefüllt, während

die bauchige Erweiterung das Schwimmen erleichtert. In der oberen,

röhrenartigen Verlängerung des Schwimmers ist eine Papierskala mit

Ziffern angebracht, welche gleich den Alkoholgehalt der betreffenden

Flüssigkeit angeben. Sinkt das Aräometer also z. B. bis zur Marke 20

ein, so hat die Flüssigkeit 20 % Alkohol. Dabei ist aber folgendes

zu beachten: die Zahlen stimmen nur, wenn die Mischung nur Wasser

und Alkohol enthält. Dies ist immer bei denjenigen Flüssigkeiten der

Fall, welche man durch +Destillation+ gegorener Maischen erhält. Die

Maischen selbst, also Bier und Wein z. B., enthalten noch eine Menge

anderer Stoffe, wie Dextrin, Gerbsäuren, Fruchtsäuren, Zucker usw.

Diese anderen Stoffe machen die Mischung schwerer, so daß die Senkwage

zu wenig Alkohol angeben würde. Will man also den Alkoholgehalt eines

Weines bestimmen, so destilliert man ein Drittel davon ab, setzt die

Senkwage in das Destillat und teilt das Ergebnis durch die Zahl 3. --

Bevor wir unsere Unterhaltung über den Alkohol schließen, wollen wir

uns noch ein wenig mit der +Hefe+ beschäftigen. Die Hefe vermehrt sich

bekanntlich bei der Gärung und setzt sich in den Gärbottichen als

grauer Schlamm zu Boden, mit dem man lange Zeit nichts Ordentliches

anzufangen wußte. Man bekam davon viel mehr, als man beim besten Willen

verbrauchen konnte. Dies wird verständlich, wenn man bedenkt, daß in

Deutschland jährlich an Bier allein etwa ein Hektoliter auf den Kopf

der Bevölkerung, im ganzen also etwa 65 Millionen Hektoliter, erzeugt

wird. Was soll mit der vielen Hefe gemacht werden? Zwar zum Brot- und

Kuchenbacken wird viel gebraucht, aber doch bei weitem nicht so viel,

als in den Gärungsgewerben erzeugt wird. Dazu kommt, daß die Hefe nicht

lange haltbar ist, selbst nicht in gepreßter Form (als +Preßhefe+,

jährlich in Deutschland allein 450000 Zentner Erzeugung!). Aber die

chemische Untersuchung hat gezeigt, daß die Hefe die Eigenschaften

eines ganz vorzüglichen +Nahrungsmittels+ besitzt, nämlich wegen ihres

+Stickstoff+reichtums, wodurch sie dem Rindfleisch nahezu gleichwertig

ist. Sie direkt zu essen, geht wegen der Gärungen, die sie im Darmkanal

erregen würde, nicht wohl an; aber man kann sie durch überhitzten Dampf

töten und kann dann vorzügliche +Fleischbrühen+ und +Fleischextrakte+

aus solcher Hefe machen, die an Wohlgeschmack und Nährwert nicht hinter

Liebigs Präparaten zurückstehen. Und unter den landwirtschaftlichen

Futtermitteln spielt die stickstoffreiche „+Futterhefe+“ schon lange

eine bedeutende Rolle. Aber damit ist die Zukunft der Hefe noch

nicht erschöpft. Neuerdings, während des Krieges, ist nämlich durch

den Chemiker der Universität Königsberg, Professor Lassar-Cohn, ein

bedeutender Fortschritt erzielt worden, den uns folgende Überlegung

verständlich machen wird. Bei der Fütterung des Viehs spielen die

stickstoffhaltigen Futtermittel, die Klee-, Lupinen- und Wickenarten

eine bedeutende Rolle als Mastmittel. Andrerseits geben die Tiere im

Harn und in den Fäkalien große Stickstoffmengen von sich, die dadurch

wieder für die Fütterung nutzbar gemacht werden, daß man die Klee-

und Lupinenfelder damit düngt. Auf diesem Umwege dauert es freilich

ein halbes Jahr, bis der Fäkalstickstoff von den Tieren wieder als

Nahrung aufgenommen wird. Lassar-Cohn kam auf den Gedanken, diese Zeit

dadurch abzukürzen, daß er den Harn der Kühe als Nährflüssigkeit für

+Hefekulturen+ benutzte. Der Harn wird aus dem Stall in ein Bassin

geleitet und darin mit einer geeigneten Hefeart besät. Nach einigen

Stunden wird die vermehrte Hefe abgesiebt, gewaschen und sogleich

wieder verfüttert. Die Tiere nehmen das nahrhafte Futter gern, und

der Landwirt nutzt so den Stickstoff der Jauche nicht bloß schneller,

sondern auch viel besser aus als bei ihrer Anwendung als Düngemittel.

Die Hefe hat auch noch in anderer Beziehung eine Zukunft. Man hat

nämlich (Prof. +Lintner+ in Charlottenburg) die Beobachtung gemacht,

daß es Hefearten gibt, welche +Fett+ erzeugen, obwohl sie auf ganz

billigem fettfreiem Nährboden wachsen, und man hat daran berechtigte

Hoffnungen geknüpft, auf diese Weise dereinst aus Kartoffelmehl Fett

darstellen zu können.

9. Brennstoffe.

Unsere wichtigsten Brennstoffe sind das +Holz+, die +Kohle+ und das

+Erdöl+. Solange diese Stoffe, namentlich die beiden erstgenannten,

unmittelbar und ausschließlich zum Brennen verwendet wurden, gab es

keine Chemie der Brennstoffe. Aber teils durch Zufall, teils gezwungen

durch die Not der besten Ausnutzung, hat man gelernt, diese Stoffe

vor dem Verbrennen gar vielseitig zu behandeln und eine Menge der

wichtigsten Nebenprodukte aus ihnen zu gewinnen, nämlich (um nur einige

zu nennen): +Leuchtgas+, +Benzol+, +Naphthalin+, +Teerfarbstoffe+,

+Ammoniak+, +Essigsäure+, +Blutlaugensalz+, +Benzin+, +Petroleum+,

+Vaseline+, +Paraffin+, +Schmieröle+, +Ceresin+ usw. So entstand eine

Chemie der Brennstoffe, deren Ergebnissen wir dieses Kapitel widmen

wollen.

1. Die Kohle.

Holz und Kohle verhalten sich zueinander wie Gegenwart und

Vergangenheit. Denn jedes Holz geht unter gewissen Umständen im Laufe

der Zeit in Kohle über. Das Wesentliche für diese Verwandlung ist, daß

das Holz +feucht+ erhalten und vor der Berührung mit der Luft geschützt

werden muß. Dann wird es schon nach einigen Jahrhunderten dunkelbraun,

nach Jahrtausenden schwarz, und noch später verliert es seine faserige

Beschaffenheit und geht in +Braunkohle+ über. Der Übergang dieser

Braunkohle in +Steinkohle+ scheint allerdings eine fast unermeßlich

lange Zeit beansprucht zu haben, die sich jedenfalls über viele

Jahrhunderttausende erstreckt.

Man kann also das Werden der Kohle in drei Stufen teilen: es beginnt

mit der +Vertorfung+ des Holzes, wodurch es zwar schwarz wird, aber

seine Struktur noch behält; darauf folgt die Bildung der +Braunkohle+

und dann die der +Steinkohle+. Der Vorgang der Vertorfung ist oft genug

in geschichtlicher Zeit erfolgt: in den großen Mooren Jütlands und

Schleswigs finden wir vertorfte Eichbaumstämme und Sumpfföhren neben

den Geweih- und Knochenresten der ausgestorbenen Riesenhirsche, Elche

und Rentiere; auch Reste von normannischen (Wikinger-) Schiffen aus

vertorftem Eichenholz haben sich gefunden. Aus dem Bett des Rheins

wurden die unteren, ganz schwarzbraun vertorften Teile der Eichenpfähle

gehoben, auf welche Cäsar vor fast 2000 Jahren seine Rheinbrücke hatte

bauen lassen.

Die Bildung der Braunkohle, welche die Holzstruktur verloren hat, geht

fast immer auf die +Tertiärzeit+ zurück, also auf jene Zeit vor etwa

200000–300000 Jahren mit italienischem Klima, in welcher wir die ersten

Menschenspuren bei uns nachweisen können, und in welcher die vielen

vulkanischen Basaltergüsse in der Eifel, im Vogelsgebirge, in der Rhön

und im böhmischen Mittelgebirge erfolgten und die Alpen entstanden sind.

Die Entstehung der Steinkohle aber reicht zurück bis in die ältesten

Zeiten organischen Lebens auf der Erde, als sich Böhmerwald,

Fichtelgebirge und Erzgebirge als höchste Gebirge Europas erhoben und

von Jura und Alpen noch keine Spuren vorhanden waren.

Welche chemischen Veränderungen mit dem Holz während dieser

Verwandlungen vor sich gegangen sind, das lehrt am besten ein Vergleich

der Analysen von Holz, Braunkohle und Steinkohle. Wir erinnern uns

dabei, daß der Hauptbestandteil des Holzes, der +Zellstoff+, aus

Kohlenstoff und Wasser im Verhältnis von 6 Atomen Kohlenstoff zu 5

Molekülen Wasser zusammengesetzt ist. Wir werden also beim Vergleich

unser Augenmerk hauptsächlich auf das Verhältnis dieser drei Elemente

Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zu richten haben.

Zusammensetzung:

---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------

| Kohlen- | Wasser- | Sauer- | Stick- |Schwefel |Asche

| stoff | stoff | stoff | stoff | |

---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------

Eichenholz | 50,22 | 6,0 | 43,4 | 0,1 | -- | 0,3

---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------

Braunkohle vom | 60,44 | 5,3 | 22,0 | Spur | 0,86 | 0,65

Bauersberg | | | | | |

---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------

Steinkohle von | 83,63 | 5,2 | 9,1 | 0,6 | -- | 1,53

Duttweiler | | | | | |

---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------

Englischer | 93,00 | 3,1 | 1,7 | 0,5 | 0,7 | 1,0

Anthrazit | | | | | |

---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------

Wir sehen, daß mit fortschreitender Verkohlung der Kohlenstoffgehalt

scheinbar zunimmt, weil der Gehalt an Wasserstoff und Sauerstoff

abnimmt. Daraus könnte man zunächst schließen, daß die natürliche

Verkohlung des Holzes bei der Braun- und Steinkohlenbildung der gleiche

Vorgang sei, wie die künstliche Verkohlung beim Erhitzen des Holzes,

z. B. die Meilerverkohlung. Aber dieser Schluß wäre ganz falsch.

Denn bei der künstlichen Verkohlung bleiben wirklich nur Kohle und

Aschenbestandteile zurück, aber in der natürlichen Steinkohle sind noch

eine Menge anderer Stoffe, die gerade beim Erhitzen erst verdampfen.

Diese Stoffe sind es, welche die Chemie der Steinkohle so interessant

machen.

Holz, Torf und Braunkohle haben die gemeinsame Eigenschaft, Kali- oder

Natronlauge in der Hitze braun zu färben. Die echten Steinkohlen tun

dies in der Regel nicht mehr, und man kann auf diese Weise im großen

und ganzen Steinkohlen und Braunkohlen gut unterscheiden; Farbe und

Aussehen sind nicht kennzeichnend, denn die Braunkohlen sind oft ganz

schwarz wie echte Steinkohle.

Erhitzt man Holz in einem Gefäße bis zum Glühen des Gefäßes, so

entweichen brenzliche Dämpfe, und es hinterbleibt lockere, poröse,

federleichte Holzkohle. Erhitzt man aber eine der natürlich

vorkommenden Kohlearten, so entweichen zwar ganz ähnliche Dämpfe,

aber es hinterbleibt eine viel dichtere, schwerere und härtere

Kohle, welche man bekanntlich +Koks+ nennt. Auch die Dämpfe

lassen in ihrer Beschaffenheit wichtige Unterschiede erkennen:

die Verflüchtigungsprodukte des Holzes sind +sauer+ und röten

angefeuchtetes Lakmuspapier deutlich; die der Steinkohle sind dagegen

infolge ihres Ammoniaküberschusses +alkalisch+ und bewirken, daß

gerötetes Lakmuspapier wieder blau wird. Kühlt man die brenzlichen

Dämpfe ab, so erhält man in beiden Fällen eine braunschwarze

Flüssigkeit, welche deutlich aus zwei übereinandergelagerten Schichten

besteht, die sich offenbar nicht miteinander mischen können, weil sie

sich zueinander verhalten wie Öl und Wasser. Die obere, leichtere

Schicht ist ganz schwarz und besteht aus dickem Teer; die untere,

mehr braun gefärbte Flüssigkeit, ist dagegen wässerig und läßt sich

mit Wasser in jedem Verhältnis mischen. Außer dem kohligen Rückstand

und diesen beiden Flüssigkeiten entsteht beim Erhitzen des Holzes

und der Kohlearten noch ein vierter, sehr wichtiger Stoff, nämlich

das +Leuchtgas+. Die Gewinnung und weitere Verarbeitung dieser

vier Produkte hat eine gewaltige und sehr interessante Industrie

hervorgerufen, mit der wir uns nun etwas näher beschäftigen wollen.

[Illustration: Abb. 23. Leuchtgasgewinnung im kleinen.]

Betrachten wir zunächst das +Leuchtgas+. Seine Gewinnung aus Steinkohle

wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts in England entdeckt. Unsere

Abbildung 23 zeigt, wie man sich das Gas selbst bereiten kann.

Man füllt eine kleine gläserne Retorte, am besten eine aus schwer

schmelzbarem, sog. böhmischem Glas, halb mit Steinkohlengrus und

erhitzt sie kräftig mit einer großen Spiritus- oder Gasflamme. An den

Retortenhals ist eine sogenannte „Vorlage“, ein Glasballon mit zwei

Halsöffnungen, mittels Korks luftdicht angeschlossen. In dieser Vorlage

sammelt sich der Teer und das Teerwasser, während das Gas durch ein

Glasröhrchen entweicht, das man in den zweiten Hals eingesetzt hat.

Die Zusammensetzung des Leuchtgases wechselt in sehr weiten Grenzen,

je nach der Kohlensorte, welche man zu seiner Darstellung verwendet.

Durchschnittlich besteht es +zur Hälfte+ aus +Wasserstoffgas+,

welches bekanntlich 14½mal leichter als Luft ist. Infolgedessen

ist auch das Leuchtgas ⅓ bis ½mal leichter als Luft. Die andere

Hälfte des Leuchtgases besteht zum größeren Teil aus „Methan“ oder

+Sumpfgas+, einer Verbindung von Kohlenstoff und Wasserstoff, aus

welcher auch die Gasblasen bestehen, welche aus den schlammigen

Böden der Seen oft emporsteigen. Der Rest besteht vorwiegend aus dem

giftigen +Kohlenoxydgas+ sowie aus ein wenig Kohlensäuregas und aus

komplizierteren Verbindungen von Kohlenstoff mit Wasserstoff, wie

Äthylen, Azetylen usw. Das Kohlenoxydgas, dessen Menge im Leuchtgas

zwischen 6 und 12 % schwankt, ist sein gefährlichster und schädlichster

Bestandteil, denn er verursacht die zahllosen Leuchtgasvergiftungen,

welche in unseren Großstädten meistens von den Beteiligten absichtlich

herbeigeführt werden, und in ihrem Gefolge viele, zwar in der Regel

nicht beabsichtigte, aber darum nicht minder gefährliche Explosionen.

Es ist vielleicht sehr wenig schmerzhaft, aber gewiß nicht sehr

anständig, sich durch Öffnen der Gashähne mit Leuchtgas zu vergiften;

denn in vielen Fällen fordert diese Methode des Selbstmords noch

weitere Opfer an Menschenleben, wenn ahnungslose Hausgenossen das

betreffende Zimmer mit brennendem Licht betreten und dadurch eine

Explosion des gefährlichen Leuchtgas-Luft-Gemisches hervorrufen. Leider

hat man diesen üblen Bestandteil des Leuchtgases bis jetzt nicht in

befriedigender Weise beseitigen können.

Eine Leuchtgasanalyse zeigt folgende Prozentgehalte der genannten Gase:

Wasserstoffgas 52,79 %

Sumpfgas 34,43 %

Kohlenoxydgas 7,19 %

Äthylen, Azetylen usw. 4,01 %

Kohlensäuregas 1,58 %

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Chemische Unterhaltungen · 第 6 / 12 段