[Illustration: Abb. 24. Schematische Darstellung der

Leuchtgas-Fabrikation. a = Ofen, b = Kühler, c = Gaswäscher, d =

Reiniger, f = Gasometer, g = Ableitung mit Brenner.]

Im rohen, ungereinigten Leuchtgas sind noch einige Stoffe enthalten,

welche seine Anwendung zum Brennen ganz unmöglich machen würden,

nämlich +Schwefelwasserstoff+ und +Zyan+. Denn diese Stoffe sind

nicht bloß sehr übelriechend und ungewöhnlich giftig, sondern das

Schwefelwasserstoffgas wird auch beim Verbrennen nicht angenehmer, weil

es sich in ein stechend riechendes, saures, die Metalle angreifendes

Gas (schweflige Säure) verwandelt, welches noch obendrein die Farben

der Kleider, Teppiche und Vorhänge ausbleicht. Deshalb muß das rohe

Gas vor der Verwendung zum Brennen gereinigt werden. Dies geschieht,

indem man das Rohgas über natürlichen Raseneisenstein leitet, der im

wesentlichen aus der +Eisenbase+ besteht. Dieser geht zum Teil (durch

die Einwirkung des Schwefelwasserstoffes) in +Schwefeleisen+, zum

Teil (durch die Einwirkung der Zyanverbindungen) in +Berlinerblau+

über. Wenn die Gasreinigungsmasse nach einiger Zeit unwirksam geworden

ist, so breitet man sie an der Luft aus und schaufelt sie öfters

um. Dadurch nimmt das Schwefeleisen, in welches sich die Hauptmenge

der Reinigungsmasse verwandelt hatte, Sauerstoff auf und geht in

schwefelsaures Eisen über, welches wieder von neuem als Reinigungsmasse

verwendbar ist. Dies nennt man die +Regenerierung+ (Wiederherstellung)

der Reinigungsmasse. Schließlich, wenn die Masse nach mehrfacher

Regenerierung ziemlich erschöpft ist, ist sie erst recht wertvoll

geworden durch ihren Gehalt an Berlinerblau, der nicht selten bis 10 %

der Masse beträgt. Dieser wertvolle, aber noch unreine Bestandteil

wird nun durch Kochen mit Kalkmilch usw. in +gelbes Blutlaugensalz+

(Ferrozyankalium) umgewandelt, woraus man wieder einerseits

(durch Vermischen mit Eisenchloridlösung) das reine Berlinerblau,

andrerseits (durch Schmelzen) das wichtige +Zyankalium+ gewinnt.

Zyankalium und Zyannatrium werden in ungeheuren Mengen als goldlösende

Auslaugungsmittel für goldführende Gesteine in Südafrika verbraucht,

ferner in der Herstellung galvanischer Metallüberzüge (Vernickeln,

Versilbern, Vergolden) zum Zusammensetzen der Bäder. So liefert in der

chemischen Technologie ein Gebiet Hilfsstoffe für ein anderes.

Auf diese Weise erhält man schließlich das technisch „reine“ Leuchtgas.

Es wird bekanntlich in großen, schmiedeeisernen Gasometern aufgefangen

und durch deren Gewicht in das Rohrleitungsnetz gepreßt. Dabei ergeben

sich aus dem Gesetz der Druckverteilung höchst eigentümliche Folgen.

Man sollte nämlich erwarten, daß die ungeheuer schwere Gasometerglocke,

deren Gewicht bei großstädtischen Anlagen in die Hunderttausende

von Zentnern geht, das Gas mit viel zu hohem Druck in die

Verbraucherleitungen preßte. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Gerade

die größten Leitungsnetze haben den geringsten Gasdruck aufzuweisen.

Dies erklärt sich daraus, daß der Leitungsdruck und der Druck der

Gasometerglocke zueinander im Verhältnis der Flächen stehen, auf welche

sie wirken. Hat die Leitung einen Querschnitt von 1 Quadratzentimeter,

die Gasometerglocke aber eine Innenfläche von 1 Quadratmeter = 10000

Quadratzentimeter, so entströmt das Gas aus der Leitung mit einem

Druck, welcher den zehntausendsten Teil vom Gewicht der Gasometerglocke

beträgt. Nun haben aber die Gasometerglocken eine ganz andere

Innenfläche als 1 Quadratmeter, nämlich den tausendfachen Betrag oder

noch mehr. Infolgedessen müssen diese Glocken ein gewaltiges Gewicht

haben, um das Gas in die Verbraucherleitung mit einem solchen Druck

pressen zu können, wie er für Brennzwecke erforderlich ist (6–12 ~cm~

Wasserhöhe).

[Illustration: Abb. 25. Gasometer im Durchschnitt.]

[Illustration: Abb. 26. Eine Kerzenflamme.]

[Illustration: Abb. 27. Alter Schwalbenschwanzbrenner für Leuchtgas.]

Die Anwendung des Leuchtgases hat eine außerordentlich interessante

Geschichte. Zunächst brannte man es unmittelbar und offen als

Lichtquelle und trieb so eine ungeheure Verschwendung, denn die

Leuchtkraft einer einfachen Gasflamme ist recht gering, weil der

Hauptbestandteil des Leuchtgases, der Wasserstoff, fast nichtleuchtend

verbrennt. Denn das +Leuchten+ der Flamme kommt fast stets dadurch

zustande, daß darin irgendwelche feine Staubteilchen -- meistens

sind es Kohlenteilchen -- zur Glut erhitzt werden. Daher können nur

solche Gase mit helleuchtender Flamme verbrennen, welche sich in der

Hitze unter Rußbildung, also unter Abscheidung von Kohlenstäubchen,

zersetzen. Solche Gase sind die sogenannten Kohlenwasserstoffe,

also Verbindungen von Kohlenstoff und Wasserstoff. Sie zerfallen

in der Glühhitze ihrer eigenen Flamme in ihre beiden Elemente, von

welchen der Wasserstoff mit sehr heißer, aber nichtleuchtender Flamme

verbrennt, während die abgeschiedenen Rußteilchen zunächst durch das

Wasserstoffgas vor dem Verbrennen geschützt werden; dies hindert

aber nicht, daß sie durch die Hitze der Wasserstofflamme in hohe

Glut versetzt werden und dadurch diese Flamme leuchtend machen. Dann

aber kommen auch diese Teilchen am Rand der Flamme mit der Außenluft

in Berührung und verbrennen dadurch zu Kohlensäuregas, werden also

nichtleuchtend. Diese Vorgänge kann man in jeder leuchtenden Flamme,

z. B. in der Kerzenflamme (Abb. 26) und der Leuchtgasflamme alten

Stils (Abb. 27) gut erkennen. Man sieht zunächst dem Docht bzw. der

Gasausströmungsöffnung einen nichtleuchtenden Kern unverbrannten

„+kalten+“ (d. h. noch nicht glühenden) Gases. Dieser Kern ist umgeben

von der leuchtenden Zone der abgeschiedenen, glühenden Kohleteilchen,

und diese wieder ist von einer nichtleuchtenden, sehr heißen Zone

der verbrennenden Rußteilchen umgeben. Es ist demnach klar, daß die

Leuchtkraft einer Flamme davon abhängt, wieviel Kohlenstoffteilchen

in ihr abgeschieden und zum Glühen gebracht werden. Diese Frage ist

aber innig verknüpft mit dem Gehalt des Gases an „schweren“, d. i.

kohlenstoffreichen Kohlenwasserstoffverbindungen. Sobald man sich

darüber im klaren war, nämlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts,

begann man die Leuchtkraft des Gases planmäßig zu erhöhen, indem

man ihm „schwere“ Kohlenwasserstoffe beimengte. Solche sind z. B.

das Azetylengas und der Benzoldampf. Diesen Vorgang nannte man das

+Karburieren+ des Leuchtgases (~carbo~ = die Kohle). Die Abbildungen

28 und 29 zeigen, wie man Wasserstoff darstellen und durch Überleiten

über benzolgetränkte Watte karburieren kann. -- Als nun seit dem

letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die elektrische Bogenlampe und

die Kohlenfadenglühlampe dem Gaslicht energische Konkurrenz machten,

bekamen es die Gastechniker mit der Angst zu tun und erfanden in der

Not die +Regenerativlampen+. Bei diesen wird die Leuchtkraft dadurch

erheblich gesteigert, daß sowohl das Gas als die Verbrennungsluft

vor ihrem Zusammentreffen durch die eigene Flammenhitze kräftig

vorgewärmt werden. Aber gegenüber der bequemen, billigen und die

Luft nicht verderbenden Glühlampe konnten auch die Siemensschen

Regenerativbrenner nicht standhalten, und es schien fast, als ob der

Gasbeleuchtung das Todesurteil gesprochen wäre. Der Gasverbrauch ging

in allen Städten gewaltig zurück. Da machte ein genialer Chemiker, Auer

von Welsbach in Wien, gerade rechtzeitig eine gewaltige Erfindung:

das Gasglühlicht. Er holte sozusagen aus den leuchtenden Flammen das

leuchtende Prinzip heraus, das glühende Kohlenstoffteilchen, fand es

für seinen Zweck (Wärme in Licht umzuwandeln) ganz unzulänglich und

ersetzte es daher durch eine viel wirksamere Substanz in einer viel

wirksameren Anordnung: durch die seltenen Erdmetalloxyde in der Form

des Glühstrumpfes. Seitdem, besonders auch seit der Erfindung des

Hängeglühlichts, ist die Gasbeleuchtung unbestritten die billigste

Beleuchtungsart der Gegenwart, mit welcher das elektrische Licht trotz

Metallfadenlampen, trotz Halbwattlampen und Intensivflammenbogenlampen

nicht mehr voll konkurrieren kann. Dies ergibt sich aus der

folgenden Tabelle, welche wir dem Werkchen von H. +Lux+ „Das moderne

Beleuchtungswesen“ (Leipzig 1914) entnehmen:

[Illustration: Abb. 28. Aus Zinkblechschnitzeln und verdünnter

Salzsäure entwickelt sich Wasserstoff, der mit nichtleuchtender Flamme

brennt.]

[Illustration: Abb. 29. Das Wasserstoffgas wird mit Benzol karburiert

und leuchtet nun sehr hell beim Brennen.]

Kosten einer Zimmerbeleuchtung von 200-Kerzenstärken-Helligkeit.

---------------------+----------------+----------------

| Zahl der | Betriebskosten

Lampenart | erforderlichen | für

| Lampen | 10 Stunden

---------------------+----------------+----------------

Petroleum | 10 | 1,75 M.

Spiritusglühlicht | 6 | 3,00 „

Gasglühlicht: | |

1. stehend | 3 | 0,53 „

2. hängend | 3 | 0,46 „

Kohlenfadenglühlampe | 10 | 3,20 „

Osramlampe | 5 | 1,17 „

[Illustration: Abb. 30. Normaler Auerbrenner (nach Lux).]

Dieser Sieg des Gases auf dem Gebiet des Beleuchtungswesens wurde noch

verstärkt durch seine Verwendbarkeit für Kochzwecke. Fällt es doch in

der Großstadt heutzutage keiner Frau mehr ein, Feuer auf dem Herd zu

machen! Denn überall hat sich der außerordentlich bequeme, reinliche

und billige +Gasherd+ eingebürgert. --

[Illustration: Abb. 31. Prinzip des Gasherds]

Bei der Herstellung des Gases entstehen auch +flüssige+ Nebenprodukte,

nämlich +Teer+ und +Gaswasser+ und +Koks+. Über die Mengenverhältnisse

gibt folgende Tabelle Aufschluß:

100 ~kg~ englische (Derbyshire-Silkstone-)Kohle liefern nach +Fischer+

(Chem. Technologie, Leipzig 1900) bei 800 ° Destillationstemperatur:

Koks 65 kg

Teer 7⅓ „

Gaswasser 10 „

Leuchtgas 21 cbm

Das wichtigste dieser Nebenprodukte ist der +Teer+, von dem auf diese

Weise in Europa jährlich etwa 40 Millionen Zentner gewonnen werden

(davon in Deutschland 10, in England 20 Millionen). Er bildet eine

tiefschwarze, glänzende Flüssigkeit von einer etwas dickflüssigen

Beschaffenheit, der man wirklich nicht ansieht, welche ungeheuren

Werte in ihr enthalten und aus ihr gewonnen werden. Um nur einige

seiner wichtigsten Bestandteile anzuführen, seien genannt: +Benzol+,

+Toluol+, +Naphthalin+, +Karbolsäure+ (Phenol), +Anthrazen+, +Kreosole+

(Karbolineum), +Pyridin+; aber was bedeuten diese fremdklingenden

Namen dem, der nicht Chemiker ist! Aber auch er wird aufhorchen, wenn

ich ihm erzähle, daß fast alle die prachtvollen Farbstoffe, womit

unsere Kleider und Stoffe und Papiere gefärbt sind, aus dem Teer

gewonnen werden. Aber auch +Schwerbenzin+, +Pech+, +Asphalt+ und

+schwarzer Eisenlack+ werden aus Bestandteilen des Teers gewonnen. Die

Scheidekunst, mittels deren der Teer in seine wichtigsten Bestandteile

zerlegt wird, ist im Grund ein sehr einfaches Verfahren, das uns

schon aus der Spiritusindustrie bekannt ist: die +Destillation+. Der

Teer wird in riesigen eisernen Kesseln zum Kochen erhitzt, die Dämpfe

werden in gekühlten Rohrschlangen verdichtet. So erhält man (nach

+Lunge+) hauptsächlich drei Destillate: den „+Vorlauf+“ (das, was

aus der Kühlschlange zuerst abläuft, also am leichtesten verdampfbar

ist), dann das „+Leichtöl+“, und schließlich das „+Schweröl+“. Was im

Teerkessel zurückbleibt, ist +Pech+ und wird zu Asphalt und Eisenlack

verarbeitet. Aus dem Vorlauf und Leichtöl gewinnt man durch wiederholte

Destillation die Flüssigkeiten +Benzol+ und +Toluol+, woraus viele der

obengenannten Teerfarbstoffe hergestellt werden. Das Schweröl enthält

dagegen mehr +Naphthalin+ und +Kreosole+. Diese vier Stoffe sind die

Muttersubstanzen nicht bloß für die Farbstoffindustrie, sondern auch

für die Gewinnung zahlloser Arzneimittel, mit welchen Deutschland die

ganze Welt versorgt hat. Außer den bekannten Desinfektionsmitteln

+Karbolsäure+, +Lysol+ und +Salizylsäure+ seien hier nur noch die

technisch wichtigen Teerabkömmlinge +Kumaronharz+ und +Solventnaphtha+

erwähnt. Das Kumaronharz, ein Bestandteil des Teerpechs, ist zwar kein

echtes Harz, hat aber so harzartige Eigenschaften, daß es jetzt während

des Weltkrieges die in Deutschland knapp gewordenen Harzvorräte für die

+Seifensiederei+ und +Papierleimung+ strecken hilft. Das Solventnaphtha

ist eine benzolartige Flüssigkeit von bedeutender Lösungsfähigkeit für

Harze, Fette und andere Stoffe (~solvere~ = auflösen).

Nicht so reich an verschiedenen Stoffen, wie der Teer, aber

dennoch sehr wichtig und wertvoll ist das +Gaswasser+ der

Steinkohlengasdestillation. Denn dieses Gaswasser enthält und liefert

fast alles +Ammoniak+, welches für die Industrie und Landwirtschaft von

größter Wichtigkeit ist. Man destilliert zu diesem Zweck das Gaswasser

mit Kalkbrei und erhält so das Ammoniak als Gas von dem bekannten

stechend scharfen Geruch, wie er in Pferde- und Kuhställen herrscht,

in welchen sich Ammoniak durch Zersetzung des Harns bildet. Das

Ammoniakgas wird entweder durch Druck zu einer Flüssigkeit verdichtet

oder in Wasser, welches es sehr begierig aufnimmt, gelöst. Es wird zur

Herstellung zahlloser chemischer Präparate und wichtiger Sprengstoffe

(Roburit usw.) benutzt. In der Landwirtschaft bildet das schwefelsaure

Ammoniak eines der wirkungsvollsten Kunstdüngemittel, dessen Bedeutung

von Jahr zu Jahr wächst. --

Alle bisher genannten Nebenprodukte der Leuchtgasgewinnung bezogen

sich auf beste +Steinkohle+ als Ausgangsstoff. Wendet man aber an

ihrer Statt +Braunkohle+, Torf oder Holz an, so erhält man wohl

ebenfalls die Nebenprodukte Teer und Gaswasser, aber doch von

wesentlich anderer Zusammensetzung. Namentlich in Sachsen wird eine

besondere Braunkohle, die sogenannte Schwelkohle, auf Teer und Koks

verarbeitet („geschwelt“). Das entwickelte Gas dient teils zum Heizen

der Schwelretorten, teils zum Betrieb großer Gaskraftmaschinen. Das

Gaswasser ist in der Regel wertlos. Aber um so wertvoller ist der

geschwelte Teer, denn er ist die Muttersubstanz des +Paraffins+ und

wertvoller „Mineral“öle, die als +Schmieröle+ für Maschinen, zum Teil

auch als +Leuchtöle+ für Lampen („Solaröl“) und als +Benzin+ Verwendung

finden. Man gewinnt sie aus dem Schwelteer durch Destillation unter

vermindertem Luftdruck und durch Reinigen mittels konzentrierter

Schwefelsäure. Diese zerstört nämlich alle Unreinigkeiten und

verwandelt sie durch Wasserentziehung in Kohle, während sie das

Paraffin, Schmieröl, Petroleum und Benzin ganz unverändert läßt.

Nebenbei gesagt, kommt von diesem Verhalten der Name Paraffin:

„~parum affinis~“ heißt im Lateinischen soviel wie „wenig geneigt

zu (chemischen) Verbindungen“. Aus dem Paraffin werden dann die

bekannten durchscheinenden Kerzen gegossen. Wer sieht ihnen an, daß

sie einst einen Bestandteil der ordinären Braunkohle bildeten? -- Die

Öle, Solaröl und Benzin, sind etwas anders zusammengesetzt als die

eigentlichen Petroleum- und Benzinarten, welche aus dem Rohpetroleum

gewonnen werden; wegen ihrer Neigung zur Rußbildung eignen sie sich

nicht so gut wie diese zum Brennen, wohl aber zu chemischen Zwecken als

Auflösungsmittel für Harze und Fette.

Was bei der Schwelerei der Braunkohle in den Retorten zurückbleibt,

wird mit Wasser abgelöscht und bildet nun eine eigentümliche Art von

Koks, den sogenannten „+Grudekoks+“. Er ist zwar im Vergleich mit

Steinkohlenkoks minderwertig, hat aber doch gegenüber der Braunkohle

alle Vorteile des Koks, von welchen wir bald noch sprechen werden.

[Illustration: Abb. 32. Kohlenmeiler.]

Wieder anders und eigenartig verläuft die Schwelerei, die trockene

Destillation, beim +Holz+. Sie wird hauptsächlich des Rückstandes, der

wertvollen +Holzkohle+ wegen, vorgenommen, und jahrhundertelang hat

man den Prozeß in der +Meiler+verkohlung so roh betrieben, daß die

flüssigen und gasförmigen Nebenprodukte überhaupt nicht aufgefangen

wurden, sondern in die Luft verdampften. Mit dem Teer, der in der

Braunkohlendestillation so wertvoll ist, weiß man in der Holzschwelerei

auch heute noch nicht viel anzufangen; man verbrennt ihn, um ihn los

zu werden. Anders ist es aber mit dem +Gaswasser+. Es ist eine der

wichtigsten Quellen für die +Essig+gewinnung, denn es enthält, neben

1 % Methylalkohol („Holzgeist“), etwa 10 % Essigsäure. Der Speiseessig

besteht aus einer dreiprozentigen Lösung der Essigsäure. Man darf aber

nun beileibe nicht glauben, daß man das Gaswasser der Holzschwelerei

nur dreifach zu verdünnen brauchte, um es als Essig dem Salat zusetzen

zu können. Das gäbe einen üblen Salat, denn dieses Gaswasser ist durch

dunkelbraune, abscheulich stinkende Holzteerbestandteile verunreinigt

und mit einem Geruch behaftet, den man so leicht nicht wieder vergessen

wird, wenn man einmal nähere Bekanntschaft mit ihm gemacht hat. Aber

der Chemiker weiß sich zu helfen. Umdestillieren würde nichts nützen,

denn da würden neben Essigsäure und Wasser auch diese stinkenden

Stoffe mit überdestillieren. Also muß man versuchen, sie auf eine

andere Weise zu trennen. Man setzt Kalkbrei (die billigste Base)

hinzu und verwandelt dadurch die Essigsäure in ihr festes Kalksalz,

welches mäßiges Erhitzen verträgt und in ziemlich reinem Zustand

zurückbleibt, wenn man die anderen Bestandteile abdestilliert. Diese

Salzform der Essigsäure bietet auch den Vorteil, daß man sie durch

Umkristallisieren (vgl. das 6. Kapitel!) reinigen kann. Um daraus

wieder Essigsäure, und zwar in ganz reiner Beschaffenheit, zu erhalten,

braucht man den essigsauren Kalk nur mit verdünnter Schwefelsäure zu

destillieren. Die „Essigessenz“ des Handels wird häufig so dargestellt,

ist also ein Produkt der Holzschwelerei. Ihr fehlen natürlich die

aromatischen Stoffe, welche der „natürliche“ Essig enthält, den man

durch saure Gärung alkoholischer Flüssigkeiten gewinnt. Solcher Essig

ist aber teurer, und zwar nicht bloß wegen der teureren Ausgangsstoffe,

sondern auch deshalb, weil Gärungsessig in der Regel nicht mehr als

4–5 % Essigsäure enthält (ein höherer Gehalt wirkt lähmend auf den

Erreger der Essiggärung). Wenn man also im Handel Essigessenz mit 30 %

Essigsäure gekauft hat, so kann man sicher sein, daß sie aus Holz

gemacht ist.

* * * * *

Wir müssen nun unsere Aufmerksamkeit auch den Rückständen der

Leuchtgasgewinnung schenken, dem +Koks+. Koks und Steinkohle zeigen

gegeneinander sehr wichtige Unterschiede. Beide sind ungemein wichtige

Brennstoffe, beide in ihrer Art unersetzlich, von beiden kann keiner

den anderen vertreten. +Die Steinkohle brennt mit Flamme, der Koks

glüht nur.+ Aus diesem Grunde kann der Koks seine wirksamste Hitze nur

unmittelbar da entwickeln, wo er liegt. Die Flammen der brennenden

Steinkohle dagegen tragen ihre Hitze so weit, als sie reichen. Sie

umspülen die Bratröhre und das Wasserschiff des Herdes, und sie tragen

ihre Wärme auch zu denjenigen Kochstellen der Herdplatte, welche vom

Rost weit entfernt sind. Ganz unentbehrlich sind die Steinkohlen

wegen ihrer Flammenbildung für die großen Muffel- und Tiegelöfen der

keramischen und der chemischen Industrie; denn diese Öfen heizen

sehr große Räume mit Feuerungen, welche verhältnismäßig sehr klein

sind. Dies ist also ein großer Vorteil der Steinkohlen vor dem Koks.

Aber diesem Vorteil stehen bedeutende Nachteile gegenüber: Die

Steinkohle +erweicht+ in der Wärme teigartig und bildet infolgedessen

auf dem Rost dicke und große Klumpen. Diese breiigen Klumpen können

natürlich nur an ihrer Außenseite brennen, weil das Innere für die

Verbrennungsluft unzugänglich ist. Deshalb ist das Schüren großer

Feuerungen mit Steinkohle nicht so ganz einfach und erfordert Übung

und Sachkenntnis vom Heizer. Im Gegensatz zum Koks erzeugt die

Steinkohle da, wo sie brennt, also auf dem Rost, zunächst am wenigsten

Hitze, weil die verdampfenden Teerbestandteile einen großen Teil der

Wärme zur Vergasung beanspruchen. Erst wenn die Kohle ihre flüchtigen

Bestandteile verloren hat und ganz verkokt ist, gibt sie auch auf dem

Rost eine große Hitze.

[Illustration: Abb. 33. Durchschnitt durch einen Koksvergaser.]

Chemische Unterhaltungen · 第 7 / 12 段