Nobel verdiente mit dieser Erfindung nach der langen Reihe von

Mißerfolgen und Enttäuschungen ein mehr als fürstliches Vermögen. Da er

ohne Leibeserben starb, errichtete er in seinem Testament die berühmte

Nobelstiftung, welche alle zwei Jahre die bedeutendsten Leistungen

auf den wichtigsten Kulturgebieten mit einem recht ansehnlichen Preis

belohnt. --

Es wäre ganz falsch, aus dem bisher Gesagten zu folgern, daß die

Salpetersäure nur dem Krieg und der Zerstörungswut der Menschen

dient. Selbst wenn die Salpetersäure nur zur Fabrikation von

Sprengstoffen diente, dürfte man dies nicht behaupten, weil eben

auch die Sprengstoffe eine geradezu unersetzliche, friedliche Arbeit

leisten. Aber das Nitriergemisch dient gar nicht bloß zur Herstellung

von Sprengstoffen, sondern mindestens in gleichem Betrag zur

Gewinnung unzähliger Farben, Medikamente und anderer unentbehrlicher

Chemikalien. Aber auch die Sprengstoffe werden nicht allein zu

explosiven Zwecken verwendet, sondern ein Teil von ihnen wird wieder

in harmlose Gebrauchsstoffe des täglichen Lebens verwandelt: so macht

man aus Schießbaumwolle, indem man sie in einem Gemisch von Alkohol und

Äther auflöst, das +Kollodium+, und durch gewisse Beimengungen (von

Kampfer) das wichtige Hornersatzmittel +Zelluloid+, ohne das man heute

längst nicht mehr auskommen könnte. Auf ganz ähnliche Weise werden die

rauchschwachen Pulverarten hergestellt, die demnach dem Kollodium und

Zelluloid sehr nahe verwandt sind. Sie entwickeln ihre Sprengkraft erst

bei der Entzündung im geschlossenen Raum (der Patrone), zündet man

dagegen rauchschwaches Pulver in offener Aufschüttung an, so brennt

es langsam mit großer, lohender Flamme ab -- ganz ähnlich wie ein

angezündetes Stück Zelluloid. Diese rauchschwachen Pulver haben die

drei- bis vierfache Brisanz (Sprengkraft) des alten Schwarzpulvers.

Aber da sie beim Abbrennen braune, salpeterhaltige Dämpfe liefern,

greifen sie den Flintenlauf stärker an als das Schwarzpulver. Aus

diesem Grund können sie für die Jagd das Schwarzpulver durchaus nicht

ganz ersetzen.

[Illustration: Abb. 12. Spinndüse zur Kunstseideherstellung.]

Schüttet man Kollodium -- also sozusagen flüssige Schießbaumwolle

-- in Wasser, so gerinnt es; das Wasser entzieht ihm die

Alkohol-Äthermischung, infolgedessen scheidet sich die Schießbaumwolle

als weißliche Gallerte ab. Ein findiger Franzose namens Chardonnet

kam nun auf den Gedanken, auf diese Weise feine +Fäden+ herzustellen,

indem er das Kollodium durch ein sehr enges Metallrohr in Wasser

preßte. (Abbildung 12.) Aus der Rohrmündung trat ein weißer, wie Seide

glänzender Faden von Schießbaumwolle. Die Fäden ließen sich spinnen

wie Seide und hatten auch ihren Glanz. So wurde die erste +Kunstseide+

erfunden und nach ihrem Entdecker Chardonnet-Seide genannt. Sie hatte

aber den fatalen Fehler, explosionsartig zu verpuffen, wenn man ihr ein

Zündholz zu nahe brachte. Diese Eigenschaft war für Raucher, wenn sie

etwa eine Halsbinde aus Chardonnetseide trugen, nicht angenehm. Man

konnte indessen der Kunstseide ihre Explosivität, freilich nicht ohne

Schaden für die Haltbarkeit und zum Teil auch den Glanz, wieder nehmen,

wenn man sie in Schwefelammonium badete.

Heute bestehen nur noch wenige Fabriken, welche Chardonnetseide

herstellen. Ein anderes Verfahren hat dieses erste verdrängt, aber

für die Geschichte der chemischen Technologie wird es nie seine

Bedeutung verlieren. Zeigt uns diese Erfindung doch die unglaublichsten

Verwandlungskünste der Chemie, welche aus Baumwolle nicht bloß Pulver,

sondern auch Kollodiumballons, Zelluloidkämme und „echt“ seidene

Krawatten hervorzaubert.

8. Kohlehydrate und Alkohol.

Daß man heute das Holz der Waldbäume in Zeitungspapier umwandelt, weiß

jedes Kind. Daß man es aber auch in +Kunsthonig+ und in +Spiritus+

verwandeln kann, ist weniger bekannt. Ebensowenig wissen die meisten

Leute, daß Schießbaumwolle, rauchloses Pulver, Kollodium und Zelluloid

heutzutage viel weniger aus Baumwolle als aus Fichtenholz hergestellt

werden. Dies alles wollen wir uns nun klarzumachen versuchen.

Es gibt drei große Gruppen von Stoffen in der Natur, welche chemisch

ganz gleich zusammengesetzt sind und nur aus Kohlenstoff und den

Bestandteilen des Wassers bestehen. Verbindungen mit Wasser nennt man

in der Chemie „+Hydrate+“, deshalb heißt man diese drei Stoffgruppen

mit einer gemeinsamen Bezeichnung +Kohlehydrate+. Sie sind so

zusammengesetzt, als ob sie nur aus Kohle und Wasser beständen. Diese

drei Gruppen sind:

1. Die +Zellulose+ oder der +Zellstoff+. Er bildet den Hauptbestandteil

der +Baumwolle+ und des +Papiers+. Entfettete Verbandwatte ist fast

chemisch reiner Zellstoff, ebenso das Filtrierpapier der Chemiker. Aus

Zellstoff bestehen die Wände der Pflanzenzellen.

2. Die +Stärke-+ und +Gummiarten+. Während die Gummiarten, wie

arabisches Gummi und Kirschgummi, in heißem Wasser löslich sind, quillt

die Stärke in heißem Wasser nur zu Kleister auf.

3. Die +Zuckerarten+.

In bezug auf die chemische Zusammensetzung wurde schon erwähnt,

daß alle drei Stoffgruppen aus Kohlenstoff und den Elementen des

Wassers bestehen. Verrührt man in einem Weinglas einen Eßlöffel voll

gestoßenen Zucker mit konzentrierter Schwefelsäure zu einem Brei, so

entzieht die Schwefelsäure dem Zucker das Wasser, und es hinterbleibt

eine löcherige, gequollene Masse von schwarzer Kohle. Genauere

Untersuchungen haben ergeben, daß im Zellstoff, in den Stärke- und

Gummiarten auf 6 Atome Kohlenstoff ziemlich genau 5 Moleküle Wasser

enthalten sind, während die wichtigsten Zuckerarten auf dieselbe

Kohlenstoffmenge 6 Moleküle Wasser enthalten. Dies muß man wissen,

wenn man die märchenhaften Umwandlungsvorgänge verstehen will, welche

am Beginn dieses Abschnittes erwähnt worden sind. Denn man versteht

nun, daß der Zellstoff und die Stärke, welche doch beide die gleiche

Zusammensetzung haben, nur ein Molekül Wasser in sich aufnehmen müssen,

um in eine Zuckerart überzugehen. Beim bloßen Kochen erfolgt diese

Wasseraufnahme nicht leicht, man müßte zu diesem Zweck schon in einem

Druckkessel den Stärkekleister oder die Zellulose mit überhitztem

Wasser behandeln. Viel schneller geht die Verzuckerung vor sich, wenn

man sich gewisser chemischer Stoffe als Wasserüberträger bedient.

Solch ein Stoff ist z. B. die Schwefelsäure. Sie wirkt nicht nur

wasserentziehend, sondern ebensooft auch wasseraddierend. Wenn man

daher Baumwolle oder Filtrierpapier oder Leinen mit konzentrierter

Schwefelsäure beträufelt, so lösen sie sich darin auf; aber die

Lösung enthält nun nicht mehr Zellstoff, sondern -- Traubenzucker.

Dieselbe Wirkung erzielt man durch andauerndes Kochen mit verdünnter

Schwefelsäure. Da die Schwefelsäure bei diesem Vorgang nur als

Wasserüberträger wirkt und selbst nicht angegriffen wird, so genügen

wenige Tropfen von ihr zur Verzuckerung großer Mengen von Zellstoff

oder von Stärkekleister. Um auf diese Weise Kunsthonig zu bereiten,

kann man z. B. einen Liter dicken Stärkekleister mit einigen Tropfen

Schwefelsäure verrühren und nun zwei Stunden lang kochen. Schon

unmittelbar nach dem Zusatz der Schwefelsäure wird der dicke Kleister

ganz dünnflüssig, weil die Stärke in ein gummiartiges Zwischenprodukt

zwischen Stärke und Zucker, nämlich in Dextrin, übergeht. Dieses wird

bei längerem Kochen ganz in Traubenzucker, den Hauptbestandteil des

Kunsthonigs, umgewandelt. Zuletzt entfernt man die Schwefelsäure wieder

aus dem Gemisch, indem man gepulverte Kreide hineinschüttet und dann

das Feste vom Flüssigen durch Filtrieren trennt. Die Schwefelsäure

treibt aus der Kreide unter Schäumen Kohlensäuregas aus und verwandelt

sie in schwefelsauren Kalk (Gips), wodurch sie selbst in eine

unlösliche Form gebracht wird. Die verbleibende Lösung muß nun in der

Wärme so lange eingedunstet werden, bis ein dicker, honigartiger Brei

von Traubenzucker übrigbleibt.

Will man aus Filtrierpapier oder Verbandwatte Kunsthonig bereiten, so

löst man am besten möglichst große Menge dieser Stoffe nach und nach,

unter Umrühren, in einer kleinen Menge konzentrierter Schwefelsäure

auf, verdünnt die Lösung mit Wasser, kocht sie einige Zeit und verfährt

dann mit Kreide wie vorhin.

Schwieriger ist es, Sägespäne in Kunsthonig zu verwandeln. Im Holz

sind nämlich neben dem Zellstoff noch 30–40 % andere Stoffe enthalten,

welche aus korkartigen und schleimigen Substanzen bestehen. Sie

verhalten sich gegen konzentrierte Schwefelsäure ganz anders als die

reine Zellulose: sie werden von ihr verkohlt, wie die Zuckerarten. Man

kann daher am Grad der Schwarzfärbung eines Papiers nach dem Betropfen

mit konzentrierter Schwefelsäure leicht erkennen, wieviel von diesen

Stoffen noch in dem Papier steckt. Um das Holz von ihnen zu reinigen

und in reinen Zellstoff umzuwandeln, gibt es zwei Wege: entweder

durch Erhitzen mit Natronlauge (Natronzellulose) oder durch Kochen

mit schwefligsaurem Kalk (Sulfitzellulose). Beide Reinigungsmittel

wirken lösend auf die zucker- und korkartigen Stoffe im Holz und

lassen den Zellstoff als eine graue, sehr mürbe Masse zurück, die sich

vom künftigen Zeitungspapier nicht sehr viel unterscheidet. Da aber

das Verfahren mit Natronlauge viel teurer ist, so ist es durch das

Sulfitverfahren fast ganz verdrängt worden. Deutschland allein erzeugt

so jährlich etwa 6 Millionen Zentner Zellstoff, der größtenteils zur

Papiererzeugung verwendet wird. Den meisten Kunsthonig stellt man

durch Verzuckerung von Stärkekleister her, namentlich in Amerika aus

Maisstärke. Dabei wird das Schwefelsäureverfahren angewendet.

Es gibt noch eine zweite Methode, um stärkeartige Stoffe in Zucker

umzuwandeln. Sie spielt in der Natur und in der Technik eine große

Rolle. Dies ist die Verzuckerung mittels der sogenannten Enzyme.

Dies sind Eiweißstoffe von einer meist unbekannten Zusammensetzung,

welche auf die Stärkearten genau so wasseranlagernd wirken wie die

Schwefelsäure und dabei selbst ebensowenig verändert werden wie

diese. Ein solches Enzym ist z. B. im Speichel enthalten. Spuckt

man auf dicken, warmen Stärkekleister und rührt um, so wird er

schnell dünnflüssig, weil er sich in löslichen Zucker unwandelt.

Wenn wir also Brot, Kartoffeln oder andere stärkehaltige Speisen

essen, so werden sie bereits während des Kauens im Mund verflüssigt

und in Zucker umgewandelt. Große Mengen solcher Enzyme mit

stärkeverflüssigender Wirkung finden sich im Pflanzenreich mit allen

+Keimen+ vergesellschaftet. Sie liegen im Getreidekorn im Gewebe des

Keims (Abb. 13) und begleiten die Keimanlagen der Kartoffeln, die

sogenannten Augen. Ihre Aufgabe beginnt im Frühjahr, wenn der Keim

wächst und treibt. Dann braucht er Nahrung und hat doch selbst noch

keine Wurzeln und Blätter, mit welchen er sich aus dem Boden und aus

der Luft Nahrung besorgen könnte. Gerade aus diesem Grund ist ihm ein

förmlicher Speicher von Nahrungsvorräten angelagert: das Stärkemehl

im Getreidekorn, in der Kartoffel und in der Rübe hat diese Aufgabe.

Als Stärke können aber diese Nahrungsvorräte nicht in den Stoffwechsel

der jungen Pflanze eintreten, weil Stärke als solche nicht löslich

ist, weil aber Pflanze und Tier so eingerichtet sind, daß ihre

Nahrungsstoffe zunächst stets in den flüssigen Zustand gebracht werden

müssen, um durch die Adern und Saftgefäße fließen zu können. Deshalb

vermehren sich die Enzymeinlagerungen der Keime im Frühjahr und wirken

im gleichen Maße verzuckernd, verflüssigend auf die Vorratsstärke.

Je mehr der Keim wächst, um so mehr schwindet der Stärkevorrat, der

gerade so lange ausreicht, bis die junge Pflanze kräftig genug ist,

sich selbst zu ernähren. Bei den Kartoffeln macht sich die Verzuckerung

im Frühjahr unangenehm bemerkbar, denn sie schmecken in dieser Zeit

bekanntlich etwas süßlich.

[Illustration: Abb. 13. Roggenkorn (Längsschnitt).]

Diese Enzymvorräte in den Keimpflanzen macht man sich nun in der

chemischen Technik dienstbar, um damit Stärke in Zucker umzuwandeln.

Man benutzt dazu meistens die sogenannte +Diastase+, d. i. das Enzym

der keimenden Gerste. Angefeuchtete Gerstenkörner läßt man in Haufen

keimen, bis der Keim eine gewisse Länge erreicht hat, von der man

erfahrungsgemäß weiß, daß sie dem erreichbaren Höchstgehalt des Keims

an Diastase entspricht. Denn die Menge dieses Enzyms wächst mit der

Keimung. Dann wird die weitere Keimung unterbrochen, indem man die

gekeimte Gerste durch Erhitzen tötet. Sie heißt nun +Malz+. Um daraus

Diastase herzustellen, behandelt man es mit verdünntem Alkohol, welcher

die Diastase löst, und setzt dann zu der klaren Lösung absoluten

Alkohol, wodurch das Enzym als weißes Pulver ausgefällt wird. Dieses

etwas teure Gewinnungsverfahren ist übrigens in den meisten Fällen

entbehrlich, weil zerschrotetes Malz bereits alle Wirkungen der

Diastase zeigt. Setzt man daher solches Malzschrot zu einem Brei von

gekochten Kartoffeln, so zergeht dieser Brei in kurzer Zeit zu einem

flüssigen Gemisch von Dextrinlösung und Zuckerlösung, welches durch

weitere Einwirkung des Malzes bei etwa 60 ° größtenteils in Zucker

(Malzzucker) übergeführt wird.

Dieser chemische Prozeß bildet die Grundlage für zwei ungeheure

Gewerbe: für die +Bier+bereitung und für die +Spiritus+herstellung.

Diese beiden Prozesse beruhen nämlich darauf, daß Malz- und

Traubenzucker durch +Gärung+ in Alkohol (Spiritus) übergeführt werden.

Dagegen vermögen die Stärkearten als solche nicht zu gären, auch nicht

alle Zuckerarten sind gärbar: gerade z. B. der Rüben- oder Rohrzucker,

unser beliebter Speisezucker, ist +nicht+ gärungsfähig. Um also Stärke,

Zellulose oder Rohrzucker in Alkohol zu verwandeln, muß man diese

Verbindungen zuerst in +Trauben-+ oder +Malz+zucker überführen. Diesen

Vorgang nennt der Chemiker +Inversion+, den so gewonnenen Trauben- und

Malzzucker auch wohl +Invert+zucker.

Bei der =Bierbereitung= scheint die Sache besonders einfach zu liegen,

weil das Korn der Gerste sowohl die Stärke als auch das zu ihrer

Invertierung nötige Enzym, die Diastase, enthält. Aber es ist klar,

daß gerade aus demselben Grund alles darauf ankommt, die +Keimung+

der Gerste, bei welcher die Diastase gebildet und ein großer Teil

der Stärke in Zucker verwandelt wird, im richtigen Augenblick zu

unterbrechen. Auch die Art dieser Unterbrechung ist nicht gleichgültig:

tötet man die Gerste durch heiße Luft oder Rauch, so wird ein

erheblicher Teil der Diastase zerstört, aber die Verzuckerung der

Stärke begünstigt. Will man möglichst viel Diastase haben, um die

Verzuckerung der Stärke erst später erfolgen zu lassen, so tötet man

das Malz nur durch Trocknen an der Luft bei gewöhnlicher Temperatur.

Man nennt solches enzymreiches Malz: Grünmalz. Die vollständige

Umwandlung der Gerstenstärke in Zucker erfolgt erst beim +Einmaischen+

(Maischen = altes Wort für Mischen). Dieser Vorgang ist ziemlich

einfach und besteht nur darin, das geschrotete Malz etwa eine Stunde

lang mit heißem Wasser von 50–60 ° zu verrühren. Dazu dienen besondere

Bottiche mit mechanischen Rührwerken, die Maischbottiche. Die so

hergestellte Zuckerlösung heißt +Würze+. Ihr wird auf das Hektoliter

etwa 1 Kilogramm +Hopfen+ zugesetzt, um sie vor zu schnellem Verderben

zu bewahren. Die Hopfenblüte enthält nämlich Bitterstoffe von stark

konservierenden Eigenschaften. Diese Würze muß nun bloß noch der Gärung

unterworfen werden, um in Bier überzugehen.

[Illustration: Abb. 14. Ein Stückchen roher Kartoffel in 400fach.

Vergröß. (zeigt die geschichteten Stärkekörner innerhalb geschlossener

Zellwände.)]

Die Verzuckerung der +Kartoffelstärke+ für die Spiritus- und

Schnapsbereitung ist wesentlich weniger schwierig als die

Bierwürzebereitung. In den +rohen+ Kartoffeln ist die Stärke von

Zellhäuten umschlossen, welche sie vor dem Angriff der Enzyme

vollkommen schützt. (Abb. 14.) Kocht man die Kartoffeln, so wird

dadurch ein Teil dieser Zellhäute zersprengt und geöffnet, weil die

Stärke im heißen Wasser mit großer Kraft zu Kleister aufquillt. +Ganz+

findet diese Sprengung jedoch nur dann statt, wenn man die Kartoffeln

mit überhitztem Dampf von etwa 2–3 Atmosphären Druck behandelt. Der

Dampf erfüllt allmählich auch die stärkehaltigen Zellen, deren Wände

er langsam durchdringt. Öffnet man nun plötzlich ein Bodenventil des

Kartoffeldämpfers, so werden die Kartoffeln nicht bloß durch diese

Öffnung herausgepreßt, sondern zugleich ganz fein zerstäubt. Denn durch

das Öffnen des Ventils wird der Druck des Dampfes auf die Außenfläche

der Kartoffeln plötzlich aufgehoben, während der in den Zellen

befindliche gespannte Dampf nicht so rasch durch die Zellwände dringen

kann und sie daher explosionsartig zersprengt.

Diesen „aufgeschlossenen“ Kartoffelstaub versetzt man nun mit

geschrotetem Grünmalz (d. i. mit diastasereichem, an der Luft

getrocknetem Malz). Er wird dadurch sofort zu einer gärungsfähigen,

zuckerreichen Masse verflüssigt.

=Die Gärung.= -- Rein chemisch betrachtet, besteht die Gärung in

einem Zerfall des Zuckermoleküls in +Alkohol+ und +Kohlensäure+. Die

Kohlensäure entweicht unter Schäumen, der Alkohol sammelt sich in

der gärenden Flüssigkeit an. Dieser Zerfall wird durch die +Hefe+

bewirkt. Die Hefe, eine breiige, säuerlich riechende Masse, besteht

aus mikroskopisch kleinen Lebewesen, welche zu den Pilzen gerechnet

werden müssen, und zwar zu den +Spaltpilzen+ oder Bakterien. Der Name

„Spalt“pilze bezieht sich auf ihre wichtige Fortpflanzungsweise, welche

darin besteht, daß sich jede Hefezelle durch Abschnürung in zwei

Stücke spaltet, welche durch rasches Wachstum bald wieder die Größe

der Mutterzelle erreichen. Durch diese Spaltung wächst die Menge der

Hefezellen ganz außerordentlich schon in wenigen Stunden an.

Was nun den Gärungsvorgang betrifft, so hat man früher geglaubt, er

sei an das +Leben+ der Hefepilze gebunden. Man glaubte, die lebenden

Hefezellen ernährten sich mit dem gärbaren Zucker, und den Alkohol und

die Kohlensäure hielt man sozusagen für die Fäkalstoffe dieser Zellen.

In gewissem Sinne ist diese Auffassung auch richtig; falsch ist nur

die Anschauung, als ob zur Zuckerspaltung das Leben, die „Seele“ der

Hefezellen notwendig wäre. Denn Professor +Buchner+ hat Hefezellen

ausgepreßt und mit dem sorgsam filtrierten Preßsaft, in welchem

durchaus keine lebenden oder toten Hefeorganismen mehr enthalten

waren, hat er in Zuckerlösungen genau die gleichen Gärungsvorgänge

hervorgerufen, welche darin durch lebende Hefe erzeugt werden. Damit

hat er bewiesen, daß die Gärung -- ähnlich der Inversion von Stärke

in Zucker -- durch chemische Stoffe im Hefeleib, durch Enzyme,

hervorgerufen wird. Diese Enzyme haben sich bei näherer Untersuchung

als sehr verwickelt gebaute Eiweißstoffe erwiesen. Sie werden beim

Gärungsvorgang nicht verändert. Die Enzyme des Hefeleibes wirken am

besten bei Blutwärme, also bei etwa 37 °, und werden durch Erhitzen

über 60 ° zerstört, also genau wie die zuckerbildenden Enzyme des

Speichels und des Malzkeims und die verdauenden Enzyme des Darmsaftes.

Praktisch betrachtet ist das Leben der Hefezellen aber doch für den

Gärungsvorgang nicht bedeutungslos, weil die Hefezellen, indem sie

sich selbst vermehren, auch die wirksamen Mengen der gärungserregenden

Enzyme vermehren und somit die Gärung beschleunigen.

Das Ende der Gärung tritt nicht etwa dann ein, wenn der ganze

vorhandene Zucker in Alkohol und Kohlensäure gespalten ist, sondern es

hängt von einem anderen Umstand ab. Der erzeugte Alkohol wirkt nämlich

lähmend auf seinen Erzeuger und hemmt sowohl die Vermehrung der Hefe,

als auch die alkoholbildende Wirkung ihres Enzyms. Die Gärung erzeugt

also in ihren Produkten sich selbst einen Widerstand.

[Illustration: Abb. 15. Bierhefe (Saccharomyces cerevisiae).]

[Illustration: Abb. 16. Carlsberger Unterhefe Nr. 1 (nach Fischer,

Technologie).]

Theoretisch gibt es also gar nichts Einfacheres als die Herstellung

von Bier und von Spiritus durch Gärung: man braucht nur die oben

beschriebene Bierwürze und die süße Kartoffelmaische mit Hefe zu

versetzen und gären zu lassen, bis die Gärung von selbst aufhört. In

Wirklichkeit müssen aber doch noch einige Umstände berücksichtigt

werden, die freilich zum Interessantesten gehören, was die

naturwissenschaftliche Forschung der letzten drei Jahrzehnte entdeckt

hat. Man hat nämlich gefunden, daß es eine ungeheure Anzahl von

verschiedenen Hefearten gibt, die sich zwar ihrem Aussehen nach

nicht viel voneinander unterscheiden (Abb. 15 u. 16), um so mehr

aber nach ihrem Verhalten bei der Gärung. Zwar spalten sie alle die

Hauptmengen des Zuckers in Alkohol und Kohlensäure; aber neben diesem

Hauptvorgang erzeugt jede Hefeart noch einen gewissen Prozentsatz von

Nebenprodukten. Diese Nebenprodukte sind z. B. Fuselöle, Buttersäure,

Weinsäure, Essigsäure, Glyzerin und viele andere Substanzen von mehr

oder weniger auffallendem Geschmack und Geruch. Die Menge und die

Zusammenstellung dieser Nebenprodukte ist für jede der vielen Hefearten

anders, aber auch kennzeichnend, so daß man unter Umständen sofort am

Geschmack des Bieres erkennen kann, welche Hefeart die Gärung erregt

hat. Aber nicht bloß der Geschmack des Bieres hängt von der Hefeart

ab, sondern auch seine Klarheit, die Beschaffenheit und Haltbarkeit

seiner Schaumdecke, sein Geruch, seine Haltbarkeit. Nach diesen

Feststellungen ist es begreiflich, daß gerade den großen Brauereien

daran gelegen war, sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse für die

Bierbereitung nutzbar zu machen. Denn vorher kam es gar oft vor, daß

die Eigenschaften des Bieres durch eingedrungene fremde Hefesorten

verdorben wurden, welche bei der Gärungstemperatur üppig wucherten.

So findet sich z. B. in den Pferdeställen eine Bakterienart, welche

dadurch gekennzeichnet ist, daß sie unter dem Mikroskop stets in

paketartigen Bündeln von 4–8 Einzelpilzen erscheint (Abb. 17). Daher

hat sie den wissenschaftlichen Namen ~Sarcinae~ (= das Gepäckstück)

erhalten. Diese Sarcinen verursachen eine Gärung mit widerlich

schmeckenden Nebenprodukten. Da nun die Brauereien für den Vertrieb

des Bieres stets mit Pferden arbeiten müssen, so war es früher fast

unvermeidbar, daß mit dem aufwirbelnden Straßenstaub Sarcinenkeime in

die Gärbottiche gerieten und dem Bier einen Stallgeschmack gaben.

[Illustration: Abb. 17. Das Aussehen der Sarcinen.]

Chemische Unterhaltungen · 第 5 / 12 段