immer. Dabei erfolgt dann ein wechselseitiger Austausch derart, daß
beide Salze ihre Säuren miteinander vertauschen. Ich möchte Ihnen da
doch ein prachtvolles Beispiel im Versuch vorführen. Sehen Sie diese
farblose Lösung: sie enthält salpetersaures Quecksilberoxyd. Und hier
eine zweite, ebenfalls farblose Flüssigkeit: es ist eine Lösung von
Jodkalium in Wasser (Jodkalium = jodwasserstoffsaures Kalium, das Salz
aus Jodwasserstoffsäure und Kalilauge). Nun schütte ich beide Lösungen
zusammen, und Sie sehen eine herrlich scharlachrote Färbung. Sie setzt
sich als dickes Pulver zu Boden, während die überstehende Flüssigkeit
farblos ist. Was ist dieses scharlachrote Pulver?
+Der Laie+: Wenn das jodwasserstoffsaure Kalium und das salpetersaure
Quecksilberoxyd ihre Säuren gegenseitig ausgetauscht haben, so kann
nur salpetersaures Kalium und jodwasserstoffsaures Quecksilberoxyd
entstanden sein. Der Niederschlag muß aus einem dieser beiden Stoffe
bestehen.
+Der Professor+: So ist es auch. Er besteht aus Jodquecksilber, wie
man der Kürze halber statt „jodwasserstoffsaures Quecksilber“ sagt.
Das andere Umsetzungsprodukt, das salpetersaure Kalium, ist in der
überstehenden, farblosen Flüssigkeit gelöst.
+Der Laie+: Wenn man also diese farblose Flüssigkeit vorsichtig vom
roten Bodensatz abgießt und eindampft, so erhält man Kristalle von
salpetersaurem Kalium?
+Der Professor+: Jawohl. Und das Jodquecksilber ist nur deshalb zu
Boden gesunken, weil es zu den „unlöslichen“ Salzen gehört. Es ist in
Wasser nur sehr wenig löslich. Setzt man aber mehr Jodkaliumlösung
hinzu, so sehen Sie, wie es sich darin wieder völlig auflöst.
+Der Laie+: Und die Lösung ist wieder ganz farblos geworden! Die
Farbe dieser Umsetzungsstoffe tritt offenbar nur dann zutage, wenn
sie unlöslich sind und infolgedessen als Niederschläge aus der Lösung
ausfallen.
+Der Professor+: Hier sind Sie entschieden im Irrtum. Ich zeige
Ihnen hier eine gelbe Lösung von salzsaurem Eisen und eine farblose
von rhodanwasserstoffsaurem Ammonium. Lassen Sie sich durch die
schrecklichen Namen nicht irre machen, es sind zwei echte, einfache
Salze. Wenn ich diese Lösungen zusammenschütte, so sehen Sie eine
prächtig blutrote +Lösung+ von rhodanwasserstoffsaurem Eisen. Hier
zeigt nur die +Farbe+ die Umsetzung an, denn ein Niederschlag ist
nicht entstanden. -- Ein zweites Beispiel: Hier ist eine farblose
Lösung von Chlorkalzium (salzsaurem Kalzium), und hier eine blaue von
salpetersaurem Kupfer. Ich gieße beide zusammen: es entsteht eine
grasgrüne Lösung von salzsaurem Kupfer.
+Der Laie+: Ich bin mir in dieser interessanten Sache über eine Frage
noch nicht im klaren: wenn ich salpetersaures Kalium mit Schwefelsäure
mische, so erwarte ich, daß schwefelsaures Kalium und Salpetersäure
entstehen. Wenn ich, umgekehrt, schwefelsaures Kalium mit Salpetersäure
mische, so erwarte ich aus denselben Gründen, daß salpetersaures
Kalium und Schwefelsäure entstehen. Was gilt nun? Beides zugleich kann
doch nicht richtig sein? Wie kann ich mir merken, welcher von beiden
Vorgängen der richtige ist?
+Der Professor+: Sie berühren hier eine außerordentlich wichtige Sache,
die ich Ihnen ausführlich erklären möchte. Wir wollen bei dem von Ihnen
gewählten Beispiel bleiben und wollen es in der Form einer Gleichung
anschreiben:
Salpetersaures Kalium + Schwefelsäure = schwefelsaures Kalium
+ Salpetersäure.
Liest man die Gleichung von links nach rechts, so bedeutet sie den
einen, von rechts nach links aber den anderen Vorgang. Tatsächlich sind
nun beide Vorgänge möglich, beide finden auch wirklich statt, aber
unter merklich verschiedenen Begleitumständen. Ich vermische hier in
diesem Glasgefäß trockenes salpetersaures Kalium mit konzentrierter
Schwefelsäure: Sie sehen Dämpfe von Salpetersäure aufsteigen und
bemerken beim Anfassen des Gefäßes eine beträchtliche Erwärmung. Nun
vermische ich in einem zweiten Gefäß trockenes schwefelsaures Kalium
mit konzentrierter Salpetersäure. Sie sehen keine Dämpfe aufsteigen,
denn die vorhandene Salpetersäure verschwindet zum Teil, und Sie
bemerken, daß das Gefäß in diesem Fall sehr +kalt+ wird.
Aus dem ersten Vorgang müssen Sie schließen, daß reines salpetersaures
Kalium und reine Schwefelsäure nicht nebeneinander bestehen können,
ohne aufeinander einzuwirken. Also können diese beiden Stoffe unmöglich
allein als Endergebnis des zweiten Vorgangs auftreten. Aus dem zweiten
Vorgang erkennen Sie dagegen, daß auch schwefelsaures Kalium und
Salpetersäure unmöglich nebeneinander bestehen können, ohne aufeinander
einzuwirken. Also können diese beiden Stoffe nicht das ausschließliche
Endergebnis des ersten Vorgangs sein.
+Der Laie+: Demnach müßte man annehmen, daß in einem solchen Gemisch
alle vier Stoffe zugleich vorhanden sind: nämlich salpetersaures
Kalium, Schwefelsäure, schwefelsaures Kalium und Salpetersäure.
+Der Professor+: Dies ist auch tatsächlich der Fall. Aus dem ersten
Paar bildet sich fortwährend das zweite, aus dem zweiten bildet sich
gleichzeitig fortwährend das erste zurück. Somit halten die vier
Stoffe einander sozusagen das Gleichgewicht. Dies ist aber nicht
immer so möglich, wie in unserem Beispiel. Wenn nämlich einer der
neugebildeten Stoffe +unlöslich+ ist, so entzieht er sich dadurch dem
Einfluß des anderen. Das ist z. B. bei unserem schönen, scharlachroten
Jodquecksilber der Fall, wenn Sie Jodkalium mit salpetersaurem
Quecksilber zusammenbringen.
+Der Laie+: Sie wollen sagen, daß in diesem Fall das gebildete
Jodquecksilber sich mit dem ebenfalls neugebildeten salpetersauren
Kalium nicht wieder rückläufig umsetzen kann, weil das Jodquecksilber
unlöslich ist?
+Der Professor+: Ja. Dasselbe gilt für alle diejenigen chemischen
Vorgänge, bei welchen einer der neugebildeten Stoffe entweder unlöslich
ist, oder sich als Gas aus dem Wirkungsbereich der anderen Stoffe
entfernt. In allen diesen Fällen verläuft der chemische Vorgang
nur in einer Richtung und dauert so lange, bis die letzte Spur der
Ausgangsstoffe verschwunden ist, bis sich also kein unlöslicher oder
gasförmiger Stoff mehr neu bilden kann. In allen anderen Fällen
entsteht ein chemischer Gleichgewichtszustand.
+Der Laie+: Nun bleibt immer noch die Frage offen, wie weit in diesen
anderen Fällen der Prozeß in einer Richtung fortschreitet. Dauert dies
so lange, bis die vier Stoffe in gleichen Mengen vorhanden sind, oder
müssen sie im Verhältnis ihrer Molekulargewichte stehen, oder von
welchen Umständen sonst hängt das Gleichgewicht ab?
+Der Professor+: Dafür sind +drei+ Umstände maßgebend: die
+Konzentration+ der Lösungen, ihre +Temperatur+ und der +Druck+, unter
welchem sie stehen. Denken Sie nur an die Darstellung der Salpetersäure
aus salpetersaurem Kalium und Schwefelsäure. Je mehr man dieses Gemisch
erwärmt, um so vollständiger wird die Salpetersäure aus dem Salpeter
„ausgetrieben“. Denn die Salpetersäure ist in der Hitze bestrebt,
sich als Dampf der Reaktion zu entziehen. Durch +Druck+anwendung kann
dies aufgehalten werden, weil Druck den Salpetersäuredampf wieder
verflüssigt. Denken Sie ferner an den Vorgang des +Kalkbrennens+.
Wenn man kohlensauren Kalk glüht, so zerfällt er in seine beiden
Oxydkomponenten, nämlich in das Metalloxyd +Kalziumoxyd+ und in
das Nichtmetalloxyd +Kohlendioxyd+. Dieses entweicht als Gas.
Schließt man aber das zu brennende Kalkstück in ein Gefäß ein, so
daß das Kohlendioxydgas nicht entweichen kann, so übt es auf seinen
Entstehungsherd einen Druck aus. Dieser Druck verhindert den weiteren
Zerfall des Kalkstücks.
+Der Laie+: Das sieht ja gerade so aus, als ob sich das zerfallende
Kalkstück einen Widerstand gegen seinen eigenen Zerfall in Gestalt
dieses Druckes erzeugt?
+Der Professor+: So ist es auch. Der ganze „+Satz vom chemischen
Gleichgewicht+“, den +Guldberg+ und +Waage+ in Christiania entdeckt und
als „+Massenwirkungsgesetz+“ bezeichnet haben, besagt nichts anderes,
als daß sich jeder chemische Vorgang während seiner Abwicklung von
selbst einen Widerstand erzeugt, der diese Abwicklung zu hemmen sucht.
Entsteht bei einem solchen Vorgang Wärme, so sind die neugebildeten
Körper ganz gewiß in der Hitze unbeständig; wird Wärme verbraucht, so
ist ebenso sicher anzunehmen, daß sie in der Kälte unbeständig sind.
Entsteht ein Gas, welches einen Druck ausübt, so hemmt dieser Druck
den Prozeß; wird aber dabei ein Gas verschluckt, so daß ein luftleerer
Raum entsteht, so ist dieses Vakuum bestrebt, die weitere Absorption
des Gases zu hindern. Und wenn in einer Lösung die neugebildeten Stoffe
aufeinander einwirken und die Ausgangsstoffe rückbilden, so ist dies
eben auch nichts anderes, als ein Widerstand gegen die Neubildung.
+Der Laie+: Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Sie haben mir
verwickelte Vorgänge, die ich niemals glaubte verstehen zu können, auf
ein großartig einfaches Grundgesetz zurückgeführt.
7. Die Salpetersäure und was man daraus macht.
Wenige Stoffe haben für unsere Zivilisation eine so große Bedeutung,
wie die Salpetersäure. Wir wollen uns daher mit ihr, mit ihrer
Darstellung und Anwendung etwas gründlicher befassen.
Die Salpetersäure wurde früher ausschließlich durch Erhitzen von
Salpeter mit Schwefelsäure dargestellt. Man benutzt dazu den billigen,
sogenannten „Natronsalpeter“ oder „Chilisalpeter“, welcher in Chile in
ungeheuren Lagern bergmännisch gewonnen wird. Diesen salzartigen Stoff
könnte man sich aus Natronlauge und Salpetersäure entstanden denken;
wenn man ihn mit konzentrierter Schwefelsäure erhitzt, so verbindet
sich die Natronlauge mit der Schwefelsäure zu schwefelsaurem Natrium,
während die Salpetersäure herausdampft und durch Abkühlung der Dämpfe
gewonnen werden kann. Man kann dies z. B. in gläsernen Gefäßen machen,
wie Abb. 10 zeigt.
Diese Darstellungsweise der Salpetersäure hängt von der Einfuhr des
Chilisalpeters ab, also von einem ausländischen Rohstoff. Dies war
schon in Friedenszeiten ein Anlaß, nach einer anderen Darstellungsart
zu suchen. Der Krieg hat dieses Bestreben der Deutschen mit Erfolg
gekrönt: sie benutzen jetzt als Ausgangsstoff für die Gewinnung der
Salpetersäure das Billigste, was man sich denken kann, nämlich die
+Luft+.
Um diese wertvolle Entdeckung zu verstehen, erinnern wir uns, daß sich
die Salpetersäure bildet, wenn man ein Oxyd des Stickstoffgases, also
eine Verbindung von Stickstoffgas mit Sauerstoffgas, in Wasser löst.
Nun besteht die Luft zufälligerweise aus einem +Gemeng+ dieser beiden
Gase. In der Luft sind sie nur miteinander gemengt, aber nicht chemisch
verbunden. Denn wenn man Luft z. B. in kaltem Wasser sich auflösen
läßt und dann durch Erwärmen wieder austreibt, so zeigt sich, daß
sich der Sauerstoff in reichlicherem Maße in Wasser gelöst hat als der
Stickstoff. Dies wäre nicht möglich, wenn in der Luft Sauerstoff und
Stickstoff chemisch aneinander gebunden wären.
Läßt man aber durch die Luft elektrische Funken schlagen, wozu sich
namentlich Wechselstrom von etwa 1000 Volt Spannung gut eignet, so
verbinden sich beide miteinander zu einem rotbraunen Gas, welches sich
in Wasser zu Salpetersäure auflöst. Dieses Gas zeigt so recht, wie
verschieden eine chemische Verbindung von einem bloßen Gemeng ihrer
Bestandteile ist: das +Gemeng+ ist farblos und für unsere Lunge zum
Atmen notwendig; die Verbindung dagegen ist rotbraun, für die Lunge
höchst giftig, und löst sich in Wasser zu Salpetersäure.
[Illustration: Abb. 10. Darstellung der Salpetersäure aus Salpeter und
Schwefelsäure.]
Als diese Erfindung, Salpetersäure aus Luft und Wasser darzustellen,
gemacht war, war sie noch lange nicht lebensfähig. Denn die
Geschicke solcher Erfindungen sind immer auf das engste mit der
Preis- und Rentabilitätsfrage verknüpft: es mußte gelingen, die
„Luft“-Salpetersäure zum gleichen Preis oder billiger herzustellen
als die Salpetersäure aus Chilisalpeter, dann war erst die Erfindung
technisch wertvoll. Wovon hängt nun der Preis beider Produkte
ab? -- Die Gewinnung des Chilisalpeters ist an der Fundstelle
ungemein einfach und billig; sein Preis wird daher, außer durch die
Nachfrage, im wesentlichen durch die Transportkosten bestimmt. Der
Preis der Luftsalpetersäure richtet sich hauptsächlich nach den
Gestehungskosten der verwendeten Elektrizität. Stellt man diese, wie
bei uns in Deutschland, durch Umwandlung aus Dampfmaschinenarbeit
her, so ist sie für die Salpetersäuregewinnung in der Regel zu
teuer. Dies ist aber nicht mehr der Fall, wenn die Elektrizität, wie
in Norwegen, aus natürlichen Wasserkräften gewonnen wird. Deshalb
ist Norwegen („~Norge~“ auf norwegisch) der eigentliche Sitz der
Luftsalpetersäuregewinnung. Es hat bereits im Jahre 1910 mehr als
260000 Zentner Kalksalpeter (sog. Norgesalpeter) im Wert von über
2 Millionen Mark ausgeführt. Die Erzeugung von Chilisalpeter hat
allerdings zurzeit noch etwa den vierzigfachen Wert.
Man verwendet die Salpetersäure sowohl im freien Zustand als flüssige
Säure, als auch in Form ihrer festen Salze. Sprechen wir zuerst von
dieser zweiten Anwendung. Es sind nur drei Salze der Salpetersäure,
welche in sehr großen Mengen angewendet werden: das salpetersaure
Natrium (Natronsalpeter oder Chilisalpeter), das salpetersaure
Kalium (Kalisalpeter) und das salpetersaure Kalzium (Kalksalpeter,
Norgesalpeter). Die wichtigste Anwendung des Natron- und des
Kalksalpeters ist die als +Düngemittel+. Er kräftigt durch seinen
Stickstoffgehalt das Blattwachstum außerordentlich, ist daher bei Mais,
Rüben, Kartoffeln und Klee mit Vorteil zu verwenden. Da aber beide
Salpeterarten im Regenwasser leicht löslich sind, gibt man nicht die
ganze Jahresdüngung auf einmal, sondern besser in kleineren Mengen
nach und nach. Der Kalksalpeter enthält um ⅐ weniger Stickstoff als
der Chilisalpeter; diese Tatsache ist beim Einkauf der Berechnung
des Preises und bei der Düngung der Berechnung der erforderlichen
Menge zugrunde zu legen. Bei der Gewinnung der Luftsalpetersäure
entsteht zugleich eine kleine Menge +salpetrige Säure+; diese verhält
sich ihrer chemischen Zusammensetzung nach zur Salpetersäure etwa
so, wie Mennige zum Bleisuperoxyd, d. h. sie ist etwas ärmer an
Sauerstoff. Die salpetrige Säure und ihre Salze sind aber für die
Pflanzen giftig. Wenn daher im Norgesalpeter etwas salpetrigsaurer
Kalk enthalten ist, so verschlechtert dies seine Wirkung beträchtlich.
Dieser Umstand erschwerte anfangs den Wettbewerb des Kalksalpeters
mit dem Chilisalpeter; inzwischen jedoch hat man gelernt, den Gehalt
des Kalksalpeters an dieser schädlichen Substanz auf ein Mindestmaß
herabzudrücken.
Während also die Salze der Salpetersäure für fast alle Pflanzen ein
hervorragendes Nahrungsmittel bilden, sind sie für den tierischen
Körper, also auch für den menschlichen, starke Gifte. Trinkt man
eine, wenn auch sehr verdünnte, Lösung von Salpetersäure, so wird
einem fast augenblicklich schlecht, und es folgt Erbrechen mit allen
Erscheinungen einer Vergiftung. Die Salze der Salpetersäure, also
alle Arten von Salpeter, wirken nicht so giftig wie die freie Säure.
Da aber im tierischen Magensaft etwas freie Salzsäure enthalten ist,
welche aus einer Salpeterlösung stets etwas Salpetersäure frei macht,
so ist auch der Genuß von Salpeterlösung gesundheitsgefährlich. Es ist
nicht überflüssig, dies zu wissen, weil der Salpeter die Eigenschaft
hat, geräucherte Fleischwaren mit schön roter Farbe zu konservieren.
Obgleich seine Anwendung verboten ist, findet man in den Rauchfleisch-
und Wurstwaren nicht selten Salpeter, dessen Genuß besonders für Kinder
schädlich ist.
Die hauptsächlichste Anwendung fand der Salpeter in vergangenen
Zeiten zur Bereitung des Schwarzpulvers. Dazu kann man aber weder den
Natronsalpeter noch den Kalksalpeter verwenden, weil diese beiden
Salze die Eigentümlichkeit haben, aus der Luft Wasser anzuziehen
und zu zerfließen. Man benutzt daher zur Schießpulverbereitung den
luftbeständigen Kalisalpeter. Dieser wird aus dem überseeischen
Natronsalpeter durch eine Wechselumsetzung in der Weise gewonnen,
daß man heißgesättigte wässerige Lösungen von Natronsalpeter und
+Chlorkalium+ miteinander vermischt. Dann findet folgende Umsetzung
statt:
salpetersaures Natrium + Chlorkalium = salpetersaures Kalium
(Chilisalpeter) (Kalisalpeter)
+ Chlornatrium.
(Kochsalz)
Es bildet sich also neben dem Kalisalpeter noch Kochsalz. Nach
dem Satz vom chemischen Gleichgewicht kann die Umsetzung keine
vollständige sein, weil die beiden neugebildeten Stoffe sich wieder
rückwärts miteinander zu den Ausgangsstoffen umsetzen. Indessen, ein
besonderer Umstand sorgt doch dafür, daß die Ausbeute an Kalisalpeter
reichlich genug ist: denn der Kalisalpeter ist in heißem Wasser viel
leichter löslich als das Kochsalz (etwa achtmal mehr), in kaltem
dagegen schwerer. Infolgedessen scheidet sich beim Vermischen der
heißgesättigten Lösungen von Chilisalpeter und Chlorkalium eine Menge
Kochsalz in fester Form aus, wodurch der rückläufige Prozeß sehr
eingeschränkt wird.
Diesen Kalisalpeter, der also durch eine Umwandlung (Inversion) aus
dem Chilisalpeter gewonnen wird, nennt man +Inversions+salpeter. Das
Chlorkalium, welches zu seiner Darstellung gebraucht wird, findet sich
in Deutschland in den Steinsalzlagern in ungeheuren Mengen. Obgleich
nun das aus Kalisalpeter, Schwefel und Holzkohle zusammengesetzte
Schwarzpulver seit der Erfindung des rauchschwachen Pulvers bei weitem
nicht mehr in so großen Mengen verbraucht wird, wie früher, gehen doch
noch etwa 1½ Millionen Zentner jährlich durch den Handel, die einen
Wert von 30 Millionen Mark bedeuten.
Weit umfangreicher und bedeutungsvoller ist die Verwendung der +freien
Salpetersäure+. Sie hat nämlich die Eigenschaft, eine große Anzahl von
Stoffen, wie Baumwolle, Holzstoff, Papier, Stärke- und Zuckerarten,
Glyzerin, Benzol usw. in +Sprengstoffe+ umzuwandeln, wenn man sie damit
kurze Zeit in Berührung läßt. Diesen Umwandlungsvorgang nennt der
Chemiker das +Nitrieren+ der Stoffe (vom lateinischen Wort ~nitrum~,
der Salpeter). Beim Nitrieren entsteht als Nebenprodukt immer Wasser,
welches als Widerstand gegen den Nitrierungsvorgang wirkt, weil es
die Salpetersäure verdünnt und schwächt. Deshalb setzt man stets eine
gewisse Menge konzentrierte Schwefelsäure hinzu, welche bekanntlich
auf das Wasser eine stark anziehende Kraft ausübt und dadurch
seine schädliche Wirkung wieder aufhebt. Will man also einen Stoff
nitrieren, so legt man ihn eine Viertelstunde lang in ein Gemisch von
konzentrierter Salpetersäure (1 Teil) und konzentrierter Schwefelsäure
(1–2 Teile). Dann gießt man die Säure ab und wäscht nun den nitrierten
Stoff in kaltem, fließendem Wasser so lange und so gründlich aus, bis
ein aus ihm herausgepreßter Tropfen auf der Zunge keine Spur von saurem
Geschmack mehr erzeugt.
So kann man z. B. Watte, Löschpapier, baumwollene Stoffe sehr
leicht und bequem in +Schießbaumwolle+ verwandeln, welche nach dem
Trocknen eine drei- bis viermal größere Sprengkraft besitzt als das
Schießpulver. Man muß, wenn man diese Versuche selbst ausführen will,
nur beachten, daß die „konzentrierte“ Salpetersäure des Handels in der
Regel etwa 40 % Wasser enthält und dann zur Nitrierung unbrauchbar
ist, auch wenn man sie mit Schwefelsäure vermischt. Ist man nicht
sicher, ob man genügend starke Salpetersäure vor sich hat, so ist es
am besten, sie aus Salpeter und Schwefelsäure selbst herzustellen oder
man benutzt als Nitriergemisch ein Gemeng von zerriebenem Salpeter mit
konzentrierter Schwefelsäure, welches in jeder Beziehung dieselben
Dienste tut.
[Illustration: Abb. 11. Darstellung von Schießbaumwolle durch Eintragen
von Watte in Salpeterschwefelsäure.]
Diese nitrierten Körper bilden die Grundlage aller Sprengstoffe und
rauchschwachen Pulverarten. Es ist unnötig, auf ihre Wichtigkeit
besonders hinzuweisen; wurden doch in diesem Weltkrieg von
Sprengstoffen dieser Art so ungeheure Mengen angefertigt, daß sie alle
anderen künstlichen Erzeugnisse weit hinter sich lassen. Aber auch
für die friedliche Arbeit spielen die Sprengstoffe eine große Rolle:
der Abbau der Steinbrüche, die Anlage von Weg- und Tunnelbauten
erfordern mitten im Frieden gewaltige Mengen von Sprengstoffen.
Derjenige von ihnen, welcher am meisten von sich reden gemacht hat, ist
das +Dynamit+ (auf deutsch etwa soviel wie „Kraftstoff“ bedeutend).
Die Erfindung des Dynamits durch den Schweden +Alfred Nobel+ war
eigentlich insofern +keine+ Erfindung, als der wirksame Bestandteil
dieses Sprengstoffes, das +Nitroglyzerin+, schon lange bekannt war.
Man hat dieses Nitroglyzerin oder +Sprengöl+ schon jahrelang in
amerikanischen Apotheken als -- Kopfwehmittel (!) kaufen können,
ohne daß man von seiner Gefährlichkeit viel Aufhebens gemacht hätte.
Diese Gefährlichkeit trat eben erst durch Nobels Versuche zutage,
das Nitroglyzerin in großen Mengen für Sprengzwecke zu verwenden.
Es erwies sich in größeren Mengen, bei ballonweiser Verpackung, als
zu empfindlich gegen Stöße und gegen schroffen Temperaturwechsel.
Es zeigte sich die Unmöglichkeit, durch bloße Vorschriften über die
Behandlung dieses Stoffes seine Explosion zu verhindern, und Alfred
Nobel mußte es wiederholt erleben, daß seine Fabriken in die Luft
flogen und sozusagen spurlos verschwanden. Dies hatte seinerseits
zur Folge, daß ihm die Errichtung solcher Fabriken wegen der damit
verbundenen Gefahren nach und nach in den meisten Ländern verboten
wurde. Die ungeheure Bedeutung der Erfindung des Dynamits liegt nun
darin, daß diese Erfindung dem Sprengöl alle Gefährlichkeit benahm,
ohne seine Explosivkraft wesentlich zu schwächen. Man macht sich davon,
ohne Versuche gesehen zu haben, nicht leicht eine richtige Vorstellung.
Bringt man einen Tropfen Nitroglyzerin auf eine glatte, etwas
angefeuchtete Steinfläche und schlägt man mit einem Hämmerchen darauf,
so erfolgt eine starke Detonation, und der Stein wird zertrümmert.
Dagegen ist Dynamit gegen Schlag und Stoß so unempfindlich, daß Nobel
in Gegenwart des Königs von Schweden ein Faß voll Dynamit von einem
Kirchturm herab auf das Straßenpflaster fallen und zerschellen lassen
konnte, ohne daß es explodierte. Es ist nicht leicht möglich, Dynamit
durch bloßen Schlag zur Explosion zu bringen. Aber auch Feuer ist
dem Dynamit nicht ohne weiteres gefährlich: hält man ein brennendes
Streichholz an einen nußgroßen Klumpen Dynamit, so brennt er langsam,
völlig geräuschlos, mit großer, gelbgrüner Flamme ab, welche einen
feinen Sprühregen von Kieselgurteilchen ausstößt. Dynamit ist also
in bezug auf Ungefährlichkeit der Handhabung geradezu ein idealer
Sprengstoff: Kinder und Narren können ihn mit dem besten Willen nicht
zu Unfug verwenden. Man muß sich geradezu fragen: was muß man tun,
um diesen Stoff überhaupt zur Explosion zu bringen? -- Die Antwort
heißt: man muß +Initialzündung+ anwenden. Man muß die Explosion an
einem Punkte einleiten (~initium~ = Anfang, Einleitung). Dies geschieht
durch Entzündung einer kleinen Menge Knallquecksilber, welches sich
durch Stoß, Schlag oder Erhitzen ziemlich leicht zur Explosion bringen
läßt. Dabei reißt es die Dynamitmasse gleichsam mit sich und bewirkt,
daß diese vollständig explodiert. Durch solche Initialzündung kann man
sogar manche Stoffe, die auf andere Weise gar nicht explodierbar sind,
zur Explosion bringen, so z. B. das Azetylengas.
Nobels Erfindung, die so gewaltige Folgen haben sollte, war im Grunde
verblüffend einfach: sie besteht nämlich darin, das flüssige Sprengöl
mit einer möglichst geringen Menge (25 %) eines feinen, sehr porösen
Sandes (der sog. Infusorienerde) zu einem Brei zu vermengen. Dieser
einfache Gedanke hat auf der Erde geradezu Umwälzungen hervorgebracht.
Nun erst war es möglich, die Sprengkraft des Nitroglyzerins unbegrenzt
auszunützen, da man nun den Sprengstoff ohne Gefahr in beliebigen
Mengen herstellen, transportieren und aufbewahren konnte.