Nun ist aber schon seit längerer Zeit bekannt, daß einige Sprengstoffe

mit besonderer Vorliebe in der ungeheuren Hitze des elektrischen

Funkens entstehen: so das +Azetylen+, wenn man eine Kohlenbogenlampe

in Wasserstoffgas brennen läßt; das +Ozon+, wenn elektrische Funken

durch Sauerstoffgas schlagen; die verschiedenen +Stickstoffoxyde+, wenn

dem Sauerstoff Stickstoff beigemischt wird usw. Zunächst glaubte man,

daß die Elektrizität hierbei nur die Wärmemenge liefere, welche alle

endothermischen Verbindungen bei ihrer Entstehung aus den Elementen

aufnehmen. Man glaubte, daß diese starke Aufschluckung der Wärme die

Sprengstoffe im Augenblick ihres Entstehens vor der Wirkung der Hitze

gewissermaßen schütze. Man glaubte somit, daß diese Sprengstoffe

der Einwirkung des elektrischen Funkens nur einen Augenblick lang,

nämlich für den Augenblick ihrer Entstehung, ausgesetzt sein dürften,

solange sie nämlich diese Wärme durch Aufschluckung unschädlich

machten. Man hielt es also für eine unerläßliche Bedingung des

Gelingens, daß die gebildeten Sprengstoffe der weiteren Einwirkung der

elektrischen Gluthitze durch sofortige Abkühlung entzogen würden. Man

war so unerschütterlich von dem Dogma der „Unbeständigkeit“ dieser

Sprengstoffe überzeugt, daß man es Jahrzehnte hindurch gar nicht

für nötig hielt, die Frage überhaupt nur aufzuwerfen, ob denn die

endothermischen Verbindungen bei ihrer hohen Entstehungstemperatur

nicht auch bestehen könnten. Als diese Frage einmal aufgeworfen wurde,

war sie auch gleich beantwortet: +die Sprengstoffe denken gar nicht

daran, in der Blauglut des elektrischen Lichtbogens zu zerfallen,

sondern sie sind gerade bei den höchsten Temperaturen unzerstörbar

feste Verbindungen+. Sie verlieren also in der höchsten Glut ihren

unbeständigen Charakter und fangen an, beständig zu werden, wenn die

„beständigen“ exothermischen Verbindungen anfangen zu zerfallen.

Dieses sonderbare Gesetz gilt nicht bloß für chemisch einheitliche

Verbindungen, sondern es gilt auch für explosive +Gemische+ von

Elementen: das bekannte +Knallgas+, die höchst explosive Mischung von

zwei Raumteilen Wasserstoffgas mit einem Raumteil Sauerstoffgas, ist

oberhalb von 1800 ° nicht mehr explosionsfähig. Deshalb erzählt der

berühmte nordische Chemiker +Svante Arrhenius+ in seinem Buche über

die Chemie der Himmelskörper, daß es in der glühenden Sonne nur zwei

Arten von Stoffen gibt: chemische +Elemente+ und +endo+thermische

Verbindungen. Die gewöhnlichen, bei uns so beständigen exothermischen

Verbindungen zerfallen bei dieser Glut sämtlich in ihre Elemente.

Wärme kann also bei zwei Arten von chemischen Vorgängen auftreten:

entweder bei der +Entstehung+ exothermischer Verbindungen, oder beim

+Zerfall+ endothermischer Verbindungen. Die erste Art haben wir bereits

als einen Widerstand gegen die bevorstehende Veränderung erkannt. Nach

diesen Ausführungen wird es uns nicht schwer fallen, auch die zweite

Art der Wärmebildung als einen solchen Widerstand zu erkennen. Denn

die zerfallenden Sprengstoffe, welche Wärme abgeben, nähern sich doch

gerade dadurch demjenigen Zustand, in welchem sie nicht mehr zerfallen

können: dem Zustand höchster Erhitzung. Aber wie in jenem, so wird auch

in diesem Falle der Widerstand durch die Ableitung der Wärme in die

Umgebung teilweise wirkungslos gemacht.

Die Sprengstoffe haben, soweit ihr Verhältnis zur Wärme in Betracht

kommt, auf physikalischem Gebiet ein Gleichnis: dies sind die

unterkühlten Schmelzen. Wenn nämlich ein schmelzender Körper erstarrt,

so gibt er dabei beträchtliche Mengen Wärme ab. Er kann überhaupt nur

unter der Bedingung erstarren, daß ihn diese Wärme verläßt. Wir sind

aber an diesen Vorgang so gewöhnt, daß wir meistens ihm nicht viel

Beachtung schenken, sondern wir begnügen uns mit der Feststellung: „Die

Schmelze erstarrt, weil sie kalt wird“. Nun gibt es aber Schmelzen,

welche kalt werden können, ohne zu erstarren. Schmilzt man z. B. das

in der Photographie verwendete Fixiernatron, oder auch essigsaures

Natron, das man mit wenig Wasser durchfeuchtet hat, so kann man die

Schmelzflüssigkeit in einer Flasche kalt werden lassen, ohne daß sie

erstarrt. Es läßt sich aber leicht nachweisen, daß sich die erkaltete

Flüssigkeit in einem gleichsam erzwungenen, unnatürlichen Zustand

befindet: denn wenn man in sie ein einziges Kriställchen des festen

Salzes hineinwirft, so fängt sie augenblicklich an, zu erstarren. Aber

dabei entwickelt sich nun die ganze Wärmemenge, welche den flüssigen

Zustand der Körper vom festen unterscheidet, und das Gefäß wird so

warm, daß nur ein Teil seines Inhalts erstarren kann. Der Rest bleibt

infolge der freigewordenen Erstarrungswärme flüssig. -- Aus diesen

Vorgängen müssen wir schließen, daß die unter ihren Erstarrungspunkt

abgekühlten Schmelzen, welche dabei nicht erstarrt sind, sich in

thermischer Beziehung in einem ganz ähnlichen Zustand befinden wie

die Sprengstoffe; beide enthalten überflüssige Wärme in verborgenem

(latentem) Zustand. Beide geben diese Wärme bei entsprechender Reizung

ab und nähern sich infolge der auftretenden Erwärmung wieder dem

Zustand ihrer wahren Beständigkeit. Die endothermischen Verbindungen

sind also auf chemischem Gebiet das, was die unterkühlten Schmelzen auf

physikalischem sind.

Bis jetzt wurde nur von solchen chemischen Vorgängen gesprochen,

welche zwischen zwei Elementen stattfinden. Sie bestehen entweder in

einer Vereinigung oder in einem Zerfall. Weitaus die Mehrzahl aller

chemischen Vorgänge sind jedoch anderer Art: an ihnen beteiligen

sich nicht bloß chemische Elemente, sondern auch Verbindungen, und

zwar immer in der Art, daß Vereinigung und Zerfall gleichzeitig

nebeneinander einherschreiten. Solch einen Vorgang haben wir schon

kennen gelernt, als wir Bleiasche mit Holzkohle im Tiegel glühten.

Da +zerfiel+ die Bleiasche in metallisches Blei und Sauerstoff;

gleichzeitig +vereinigte+ sich dieser Sauerstoff mit der Kohle zu

Kohlensäuregas. Es hat also ein Austausch stattgefunden: das Blei

hat die Bleiasche verlassen, die Kohle ist an seine Stelle getreten.

Solche Austauschprozesse können entweder +einseitig+ sein, wie der

eben genannte, oder auch +wechselseitig+, wenn es sich nämlich um

zwei Verbindungen handelt, welche je einen Bestandteil gegeneinander

austauschen und dadurch in zwei neue Verbindungen übergehen. Es findet

dann also ein doppelter Zerfall und ein doppelter Wiederaufbau von

chemischen Verbindungen statt. Diese Vorgänge sind stets von sehr

interessanten Wärmebewegungen begleitet, welche wir jetzt näher

betrachten wollen.

[Illustration: Abb. 9. Wie man im Zimmer dünnflüssiges Eisen darstellen

kann, welches so heiß ist, daß es durch eine schmiedeeiserne Platte

hindurchschmilzt.]

Schon die +einseitigen+ Austauschprozesse verlaufen am liebsten

in einer solchen Richtung, daß dabei Wärme entwickelt wird. Ein

überraschend schönes Beispiel dieser Art ist seit einiger Zeit unter

dem Namen des +Goldschmidtschen Eisenschmelzverfahrens+ bekannt

geworden. Wir haben schon früher gesehen, daß man das Eisen aus seinen

in der Natur vorkommenden Erzen mit Kohle im Hochofen ausschmilzt.

Die hierfür in Betracht kommenden Erze sind Verbindungen des Eisens

mit Sauerstoff und geben in der Glühhitze ihren Sauerstoff an die

Kohle ab. Es ist also ein einseitiger Austauschprozeß, der erst in der

Glühhitze vor sich geht. Nimmt man aber Aluminiummetall statt Kohle,

so braucht man das Gemisch nicht in einen Hochofen zu füllen, sondern

man kann die Reaktion im offenen Tontiegel erfolgen lassen. Es ist

nur nötig, das innige Gemisch von Eisenerzpulver und Aluminiumgrieß

an einer kleinen Stelle heftig zu erhitzen, indem man z. B. in den

gefüllten Tiegel ein Stück Magnesiumdraht steckt und ihn anzündet.

Sobald das brennende Magnesium mit dem Gemisch in Berührung kommt,

entzündet sich dieses und brennt mit ungeheurer Glutentwicklung langsam

nieder, ohne daß man von außen zu erhitzen braucht. Die freiwerdende

Wärme ist so groß, daß nicht bloß das sich bildende Eisen, sondern

auch das entstehende Aluminiumoxyd weißglühend und so dünnflüssig wie

Wasser werden. Das geschmolzene Eisen ist sogar dermaßen überhitzt,

daß man damit eine schmiedeeiserne Platte durchschmelzen kann, wenn

man es durch ein Loch im Tiegelboden auf diese Platte fließen läßt.

(Abb. 9.) Das geschmolzene Aluminiumoxyd, die Verbindung des Aluminiums

mit dem Sauerstoff des Eisenoxyds, erstarrt dabei zu einer ungeheuer

harten Masse, welche in allen Eigenschaften mit dem natürlichen

Mineral +Korund+ übereinstimmt. Seine Härte übertrifft die des besten

Stahls und wird selbst nur von der des Diamanten überragt. Man kann

mit den zerschlagenen Stücken dieser Masse auf Glas schreiben und

man kann Glasplatten damit fast ebenso gut zerschneiden, wie mit

einem Diamanten. Der Erfinder Goldschmidt hat sich dieses Verfahren

patentieren lassen zum Zusammenschweißen von großen Eisenstücken,

z. B. von Schienenstößen. Denn das flüssige Eisen im Tiegel ist so

entsetzlich heiß, daß man es nur in den Zwischenraum zwischen den

beiden Schienenköpfen fließen zu lassen braucht, um diese dauerhaft

miteinander zu verschmelzen. Man kann die außerordentliche Weißglut des

Tiegelinhalts nur durch dunkelgefärbte Brillengläser ohne Gefahr für

die Augen betrachten.

Was ist nun der Grund, daß man mit Kohle das Eisen aus dem Erz nur

unter großer Wärmezufuhr ausschmelzen kann, während die Ausschmelzung

durch Aluminium von selbst unter heftiger Wärmeabgabe erfolgt? --

Diesen Grund erkennen wir leicht in den Wärmewanderungen, welche bei

unserem Versuch erfolgen. Wir müssen uns nur darüber klar werden, daß

unsere Austauschreaktion eigentlich aus +zwei+ verschiedenen chemischen

Vorgängen besteht, nämlich:

I. Eisenerz = Eisen + Sauerstoff,

II. Sauerstoff + Aluminium = Aluminiumoxyd.

Der erste Vorgang, die Zerspaltung des Eisenerzes in seine beiden

Bestandteile, erfordert eine große Wärme+zufuhr+, da das Eisenoxyd eine

stark exothermische Verbindung ist. Der zweite Vorgang, die Bildung

des Aluminiumoxyds, +liefert+ eine noch viel größere Wärmemenge, als

für den ersten Vorgang verbraucht wird. Infolgedessen schließt die

Bilanz zwischen beiden Reaktionen mit einem starken Überschuß an

freigewordener Wärme ab. Nimmt man statt des Aluminiums Kohle an, so

liegt die Sache weniger günstig, und es ist dann notwendig, dem Gemisch

noch Wärme zuzuführen. Man könnte sich nun fragen, warum das Gemisch

aus Eisenoxyd und Aluminiumpulver so schwierig zu entzünden ist, da

es doch einen so gewaltigen Wärmeüberschuß in sich trägt. Denn es ist

eine ganz auffallende Tatsache, daß diese Mischung wenigstens an einer,

wenn auch noch so kleinen, Stelle bis auf Weißglut erhitzt werden muß,

um in Reaktion zu treten. Deshalb haben wir die Entzündung mit einem

brennenden Magnesiumdraht vorgenommen, welcher eine außerordentlich

hohe Temperatur erzeugt. Denn ein Zündholz oder eine glühende Kohle

würde ganz wirkungslos bleiben; ja, man könnte sogar den ganzen Tiegel

ohne Gefahr auf Rotglut erhitzen. Dies erklärt sich daraus, daß die

Aluminiumteilchen mit einer sehr dünnen, aber sehr schwer schmelzbaren

Haut von Aluminiumoxyd umhüllt sind, welche sie vor der Einwirkung des

Eisenerzes schützt, wenn nicht diese Hülle zuvor durch große Hitze

geschmolzen wird. Ist dies aber an einer noch so kleinen Stelle einmal

geschehen, so schreitet der Prozeß infolge der von ihm selbst erzeugten

Hitze selbsttätig vorwärts. +Die ganze Masse+ dürfte man auf keinen

Fall von außen her bis zur Weißglut erhitzen: sonst würde ohne Zweifel

eine heftige Explosion erfolgen, weil der große Wärmeüberschuß an allen

Stellen zugleich frei würde. --

Dieses Beispiel hat uns die thermischen Vorgänge bei einem

+einseitigen+ Austauschprozeß erläutert. Wie die Verhältnisse bei

+zweiseitigen+ Austauschvorgängen liegen, werden wir in einem späteren

Abschnitt kennenlernen.

6. Säuren, Basen und Salze.

(Ein Gespräch zwischen einem Laien und einem Chemieprofessor im

Laboratorium.)

+Der Laie+: Was ist eine +Säure+? Ist mit diesem Wort ein chemischer

Begriff verbunden, oder versteht man darunter schlechthin alles, was

sauer schmeckt?

+Der Professor+: Die Säure ist ein chemischer Begriff, und zwar, genau

betrachtet, ein recht verwickelter. Aber ich hoffe, daß ich Ihnen doch

eine Vorstellung davon geben kann. Sie wissen doch, was ein +Oxyd+ ist?

+Der Laie+: Ich denke, die Verbindung eines Elements mit Sauerstoff.

+Der Professor+: Ja. Und ferner ist Ihnen wohl bekannt, daß man

die Elemente nach ihren Eigenschaften oft in +Metalle+ und in

+Nichtmetalle+ unterscheidet?

+Der Laie+: Die Unterscheidung ist mir wohl bekannt, aber ich muß

gestehen, daß ich sie nicht gerade als scharf empfinde. Welche

Eigenschaften sollen für diese Unterscheidung maßgebend sein? Ich

denke, für die Metalle wird man wohl ihren Glanz, ihre Schwere, ihr

Leitungsvermögen für Wärme und Elektrizität als maßgebend betrachten.

Aber gibt es nicht auch leichte Metalle einerseits und glänzende und

schwere Nichtmetalle andrerseits?

+Der Professor+: Allerdings, z. B. die Metalle +Natrium+ und +Kalium+

und das nichtmetallische Element +Jod+. Der Unterschied zwischen

Metallen und Nichtmetallen ist in der Tat nicht scharf, und man kann

bei manchem Element im Zweifel sein, wohin man es rechnen soll. Aber

im großen und ganzen ist es doch eine berechtigte Unterscheidung, wenn

man sich nur nicht auf eine einzige Eigenschaft bei der Beurteilung

stützt, sondern vielmehr ihre Gesamtheit in Betracht zieht. Auch muß

man die Eigenschaften richtig bewerten: für die Metalle ist namentlich

ihre +Undurchsichtigkeit+ und ihr Leitungsvermögen für Elektrizität

kennzeichnend.

+Der Laie+: Die Undurchsichtigkeit soll eine metallische Eigenschaft

sein? Aber Schwefel, Kohle, Porzellan sind doch gewiß keine Metalle

trotz ihrer Undurchsichtigkeit?

+Der Professor+: Jeder nichtmetallische Stoff läßt sich durch gewisse

Kunstgriffe, wie Umschmelzen oder Umkristallisieren aus Lösungen, in

eine durchsichtige Form verwandeln; ganz leicht gelingt dies bei den

Nichtmetallen Schwefel, Phosphor, Kohle, Bor, Silizium! Denken Sie

nur an den Diamanten, der die durchsichtige Form der Kohle ist. Auch

das Porzellan besteht aus an und für sich durchsichtigen, freilich

sehr kleinen Kristallen, die nur infolge ihres ungleichwertigen

Lichtbrechungsvermögens ein weißes Gemisch geben. Ein durchsichtiges

Metall gibt es dagegen nicht; zwar sind auch die Metalle in sehr

dünnen Lagen etwas durchscheinend, aber niemals, auch in den dünnsten

Schichten nicht, klar durchsichtig.

+Der Laie+: Also, den Unterschied zwischen Metallen und Nichtmetallen

zugegeben, wie kommen wir zum Begriff der Säure?

+Der Professor+: Sehr einfach: Sie brauchen nur das Oxyd eines

nichtmetallischen Elements in Wasser zu lösen.

+Der Laie+: Demnach wäre Schwefelsäure eine Verbindung von Schwefeloxyd

mit Wasser?

+Der Professor+: Ja.

+Der Laie+: Und Phosphorsäure eine Verbindung von Phosphoroxyd mit

Wasser?

+Der Professor+: Ja, und ebenso erhalten Sie Kohlensäure aus Wasser

und einem Oxyd des Kohlenstoffs, Borsäure aus Boroxyd und Wasser,

Salpetersäure aus Stickstoffoxyd und Wasser, Chlorsäure aus Chloroxyd

und Wasser usw.

+Der Laie+: Und was entsteht, wenn man ein Metalloxyd in Wasser auflöst?

+Der Professor+: Da kommt es zunächst darauf an, ob sich das Oxyd

in Wasser löst, was in verhältnismäßig wenigen Fällen erfolgt. Dann

kommt es darauf an, ob das Metalloxyd viel oder wenig Sauerstoff

enthält. Enthält es wenig, so gibt es mit Wasser eine +Lauge+ oder

+Base+. Enthält es viel, so hat seine Verbindung mit Wasser häufig die

Eigenschaften einer Säure.

+Der Laie+: Da ist es wohl möglich, daß die sauerstoffarmen Oxyde eines

Metalls basische Eigenschaften haben, während die sauerstoffreichen mit

Wasser Säuren geben?

+Der Professor+: Dies könnte man sogar fast als die Regel bezeichnen.

Jedenfalls gilt es für Chrom, Mangan, Eisen und viele andere

Metalle. Ihre „niederen“, d. h. sauerstoffarmen Oxyde sind in Wasser

unlöslich, haben aber trotzdem basische Eigenschaften; die höheren,

sauerstoffreichen Oxyde sind in Wasser löslich und bilden damit echte

Säuren.

+Der Laie+: Wie erkennt man eine Säure? Wodurch unterscheidet sie sich

praktisch von einer Base?

+Der Professor+: Zunächst ist es auffallend, daß die wässerigen

Lösungen der Säuren fast alle einen sauren Geschmack haben, obgleich

sie oft ungeheuer verschieden zusammengesetzt sind. Auch einige andere

Eigenschaften sind den meisten Säuren gemeinsam: sie färben blauen

Lakmusfarbstoff rot, sie lösen Metalle und Metalloxyde auf, sie

entwickeln mit Metallen, die sie lösen, Wasserstoffgas. Viele von ihnen

wirken auch wasserentziehend auf wasserhaltige Stoffe. Es läßt sich

nun nicht leugnen, daß manche von diesen Eigenschaften auch den Basen

zukommen: auch sie lösen manche Metalle unter Wasserstoffentwicklung,

auch sie wirken ätzend und wasserentziehend auf viele Stoffe. Aber

gegen Lakmus und andere Farbstoffe verhalten sich die Basen stets

umgekehrt und entgegengesetzt wie die Säuren: sie färben Lakmus, das

von Säure gerötet ist, wieder blau, Methylorange, das durch Säuren

gerötet ist, wieder gelb. Der Geschmack der Basen ist ebenfalls ganz

anders als der der Säuren.

+Der Laie+: Wie verhalten sich nun diese beiden gegnerischen Stoffe

zu einander? Was tritt ein, wenn man eine Säure und eine Base

zusammenbringt?

+Der Professor+: Sie vereinigen sich miteinander, oft unter sehr

heftiger Reaktion, zu einem +Salz+. Dabei wird stets das Wasser,

welches in der Säure und in der Base chemisch gebunden ist, wieder

abgestoßen.

+Der Laie+: Also bestehen die Salze aus Verbindungen von Metalloxyden

mit Nichtmetalloxyden?

+Der Professor+: Ja, und man kann sie dementsprechend ebenso gut aus

diesen durch Zusammenschmelzen darstellen. So können Sie z. B. das

Kupfersalz der Phosphorsäure, welches man phosphorsaures Kupfer oder

Kupferphosphat nennt, entweder so herstellen, daß Sie die Kupferbase in

Phosphorsäure auflösen, oder durch Zusammenschmelzen von Kupferoxyd mit

Phosphoroxyd.

+Der Laie+: Warum heißt man diese Stoffe +Salze+? Hat dieser Name etwas

mit dem Kochsalz zu tun, womit wir die Speisen salzen?

+Der Professor+: Ja. Das Kochsalz entsteht beim Zusammenbringen von

Natronlauge und Salzsäure. Es ist sozusagen ein Normaltypus des

Begriffes „Salz“, denn es vereinigt alle kennzeichnenden Eigenschaften

der Salze in sich. Es löst sich in Wasser und kristallisiert aus

dieser Lösung beim Verdunsten des Lösungsmittels aus; es erhöht den

Siedepunkt, den osmotischen Druck und die elektrische Leitfähigkeit

des Lösungsmittels und erniedrigt seinen Gefrierpunkt. Es rötet weder

blauen, noch bläut es geröteten Lakmusfarbstoff. Es tauscht gegen

stärkere Säuren seine Säure, gegen stärkere Basen seine Base aus.

+Der Laie+: Sind denn diese Eigenschaften wirklich kennzeichnend für

die Salze? Gibt es nicht auch unlösliche Salze?

+Der Professor+: Allerdings, sogar recht viele. Aber selbst die

„unlöslichsten“ unter ihnen, wie das schwefelsaure Barium, sind eben

doch nicht ganz unlöslich; sie sind in Wasser nur so wenig löslich,

daß wir es nur schwierig bemerken. Aber in der Natur sind selbst diese

schwerlöslichen Stoffe aus wässerigen Lösungen im Lauf langer Zeiten

in prächtigen, großen Kristallen abgeschieden worden. Wir können daher

auch die sogenannten unlöslichen Salze nur als schwerlöslich betrachten

und müssen für sie dieselben Gesetze als gültig annehmen, welche für

die löslichen Salze gelten.

+Der Laie+: Sie sagten vorhin, das Kochsalz röte weder den blauen,

nach bläue es den geröteten Lakmusfarbstoff. Ist dies auch für alle

Salze kennzeichnend? Ich dächte, ein Salz, das aus einer sehr starken

Säure und einer sehr schwachen Base besteht, müßte auch noch saure

Eigenschaften besitzen.

+Der Professor+: Dies ist auch tatsächlich der Fall. Das Kupfersulfat

und überhaupt viel Schwermetallsalze der Schwefelsäure, Salzsäure und

Salpetersäure reagieren noch deutlich sauer, weil diese drei Säuren

viel stärker sind als die Schwermetallbasen. Dagegen reagieren z.

B. das phosphorsaure und das borsaure Natrium wie Basen, weil die

Natronlauge als Base in diesen Salzen viel stärker ist als die Säuren,

an die sie gebunden ist.

+Der Laie+: Solche Salze nennt man dann wohl „+saure Salze+“, bzw.

„+basische Salze+“?

+Der Professor+: O nein! Diese Namen bedeuten etwas ganz anderes,

nämlich chemische Verbindungen von Salzen mit einem Überschuß ihrer

eigenen Säuren bzw. Basen. So kann sich z. B. 1 Molekül Kaliumsulfat

mit 1 Molekül Schwefelsäure zu „+saurem Kaliumsulfat+“ verbinden;

ebenso 1 Molekül Kohlensäure mit 1 Molekül kohlensaurem Natrium zu

„+saurem kohlensaurem Natrium+“ (Natriumbikarbonat). Viele dieser

sauren Salze reagieren gegen Lakmus durchaus nicht sauer, sondern

alkalisch, weil ihre Säure viel schwächer als ihre Base ist. Dies

gilt z. B. vom Natriumbikarbonat, vom Borax, der sogar einen großen

Überschuß an Borsäure enthält, vom sauren Natriumphosphat und vielen

anderen Salzen.

+Der Laie+: Sie erwähnten vorhin, daß man den Säurebestandteil eines

Salzes durch eine stärkere Säure austreiben könne. Ich denke mir, daß

dies eine vorteilhafte Darstellungsweise für alle schwächeren Säuren

sein müßte.

+Der Professor+: Sie haben recht. Die Methode ist für den Chemiker

geradezu unersetzlich, weil er durch die +Kristallisation+ unreine

Säuren auf dem Umweg über ihre Salze leicht und vollständig reinigen

kann. Die Säuren haben nämlich häufig nur eine geringe Neigung zu

kristallisieren, oder sie tun es, wie z. B. Essigsäure, nur in ganz

reinem Zustand. Ihre Salze kristallisieren dagegen meistens leicht und

hinterlassen dabei alle Unreinigkeiten in der „Mutterlauge“, d. i.

in dem nicht kristallisierenden Rest der Lösung. Will man also z. B.

aus dem stinkenden, braungefärbten, rohen Holzessig reine Essigsäure

darstellen, so verfährt man etwa folgendermaßen: man schüttet in den

Holzessig Natronlauge oder kohlensaures Natrium und erhält so eine ganz

unreine Lösung von essigsaurem Natrium. Diese läßt man in der Wärme

solange eindunsten, bis beim Abkühlen der größte Teil des essigsauren

Natriums sich in Kristallen abscheidet. Dieses beständige Salz kann

man nun beträchtlich erhitzen, so daß die meisten Verunreinigungen

herausdestillieren, ohne daß es selbst Schaden leidet. Dann löst man es

nochmals in Wasser auf und „kristallisiert es um“, d. h., man scheidet

aus dieser Lösung abermals durch Eindampfen die Hauptmasse des Salzes

in Kristallen ab. Diese sind nun fast als ganz rein zu betrachten.

Erhitzt man sie mit Schwefelsäure, so verdrängt diese durch ihre große

Stärke die Essigsäure, und es hinterbleibt schwefelsaures Natrium,

während die Essigsäure herausdestilliert. So kann man viele Säuren

chemisch rein darstellen.

+Der Laie+: Ist denn die Essigsäure eine Verbindung eines

Nichtmetall-Oxydes mit Wasser?

+Der Professor+: Nein. Sie hat eine viel kompliziertere

Zusammensetzung. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen ausdrücklich

sagte, ich vermöchte Ihnen nur einen Begriff von dem zu geben, was

Säuren und Basen sind. Dieser Begriff ist aber nicht erschöpfend; es

gibt noch viele Säuren und auch viele Basen, die weder ein Metalloxyd

noch ein Nichtmetalloxyd enthalten. Um auch diese zu verstehen, müßten

wir uns zuerst mit der +Ionen-Theorie+ vertraut machen. Dies wollen wir

aber, wegen der erforderlichen bedeutenden Vorkenntnisse, lieber auf

später vertagen.

+Der Laie+: Können zwei verschiedene Salze ebenfalls aufeinander

einwirken?

Chemische Unterhaltungen · 第 3 / 12 段