»Fort? Aber wohin?« rief der kleine Mann in Verzweiflung. »Kann mir denn
Niemand sagen, wo sie sich jetzt aufhält?«
»Bei Blshrad.«
»Herr Gott, wieder so ein Name!« stöhnte Jeremias. »Aber wo liegt das?«
»Wo das liegt?« sagte der Mann erstaunt.
»Ich meine, ob es weit von hier ist?«
»Ne,« sagte der Bursche.
»Aber wie komm' ich hin?«
»Wie Sie hinkommen? Na, ganz leicht; grad' über die Straße hinüber, das
vierte oder fünfte Haus links.«
»Hier im Ort?« rief Jeremias und fuhr mit Blitzesschnelle von seinem
Sitz empor.
»Nu ja, versteht sich,« nickte der Mann; »das Weibsen hatte kein Geld
mehr, und der Wirth hier, mit nur einer ordentlichen Stube im Hause, wo
sich Fremde unterbringen ließen, konnte die doch nicht Jemandem lassen,
der nicht einmal mehr dafür bezahlte. Es war aber auch zu kalt, um sie
auf die Straße zu setzen; sie wäre draußen erfroren, und da ist sie
derweil bei Blshrads untergebracht.«
Die Frau fuhr aber wieder dazwischen und redete auf den Fuhrknecht ein,
während dieser ihr beifällig zunickte.
»Was sagt sie?« fragte Jeremias.
»Wenn Ihr zu dem kranken Weibsen gehörtet,« meint sie, »so solltet Ihr
auch das zahlen, was sie hier noch schuldig ist, denn die paar Lumpen,
welche sie zurückbehalten hätte, wären nicht die Hälfte werth.«
»Oh Du mein großer Gott,« seufzte Jeremias vor sich hin, »zu welch'
erschrecklichem Elend bin ich da gekommen!«
»Und wollen Sie's zahlen?« fragte der Mann.
»Ja, Alles -- gewiß!« rief Jeremias in furchtbarer Aufregung; »führen
Sie mich nur hinüber. -- Hier, guter Mann, hier haben Sie Geld,
kommen Sie mit hinüber und zeigen Sie mir das Haus; ich möchte keinen
Augenblick mehr versäumen. Oh das arme, unglückliche Geschöpf!«
32.
Paula.
Der Fuhrknecht betrachtete erstaunt das Silbergeld, das ihm Jeremias in
die Hand drückte, war aber auch rasch erbötig, den reichen Lohn mit so
leichter Mühe zu verdienen, und trank nur eben noch vorsichtig sein Glas
aus, daß ihm indessen niemand Fremdes darüber kam. Dann führte er den
kleinen Mann ohne Weiteres über die Straße hinüber in das kaum hundert
Schritt entfernte Haus, wo die Kranke, der Aussage der Wirthin nach,
jetzt untergebracht sein sollte.
»Aber hier wohnt sie doch nicht?« rief Jeremias ordentlich erschreckt
aus, als ihn der Fuhrknecht auf eine Hütte zuführte, die eher einem
Stall, als einer menschlichen Wohnung glich, »das ist ja doch gar nicht
möglich!«
»Wenn es die ist, die Sie suchen und die Ihr Mann hier hat sitzen
lassen,« brummte der Bursche, der schon Angst hatte, daß er das Geld
wieder herausgeben müsse -- »gewiß. Gehen Sie doch nur erst einmal
hinein.«
Jeremias, doch wahrlich mit manchem Außergewöhnlichen auf seinen
langen Reisen und Irrfahrten vertraut, schauderte, als er den kalten,
schmutzigen, niedern Raum betrat; sein Führer schien aber hier bekannt,
und an ihm vorbeigleitend, öffnete er die Zimmerthür und rief einer dort
sitzenden, widerlich häßlichen Frau etwas auf Böhmisch zu.
Diese nickte nur und deutete auf eine andere Thür, und als Jeremias,
wirklich zitternd vor Furcht, die Gesuchte in diesem entsetzlichen
Aufenthalt zu finden, vorwärts trat, stieß sein Führer eine andere
niedere Thür auf, die zu einer kaum zehn Fuß im Quadrat haltenden Kammer
führte.
Dort stand ein Bett -- wenn ein erbärmliches Holzgestell mit Stroh
darauf so genannt werden kann, und auf demselben, mit einer einzigen
dünnen, noch überdies zerrissenen wollenen Decke überworfen, lag eine
schmächtige weibliche Gestalt. Nur ein ungewisses Licht fiel durch ein
fensterartiges Loch im Dach in den öden Raum, der nicht einmal geheizt
werden konnte, und neben dem Lager stand ein zerbrochener irdener Krug
mit Wasser, wahrscheinlich als einzige Labung.
»Großer, allmächtiger Gott,« rief Jeremias, »das hier, die
Jammergestalt, ist doch nicht die Comtesse Monford?«
Wie er den Namen nannte, hob die Kranke den Kopf, und ein wachsbleiches
Gesicht, mit unnatürlich großen, dunkeln Augen, starrte ihn an. Er
kannte es nicht -- aber die Hand, welche die Decke zurückschob, war zart
und fein, und die Finger daran so dünn, daß es fast aussah, als ob sie
bei der geringsten Anstrengung abbrechen müßten.
Jeremias stand sprachlos vor Entsetzen, aber der kleine praktische
Mann hielt sich auch nicht lange bei unnützen Gefühlsäußerungen auf.
Ordentlich krampfhaft faßte er den Mann, der ihn hierher geführt, am
Arm, und zog ihn wieder hinaus vor die Thür und dem Wirthshause zu.
»Nun, ist sie's nicht?« rief dieser.
»Ja, ja -- kommt -- kommt nur mit« -- -- er mußte Jemanden haben, der
für ihn sprach, und athemlos betrat er wieder die dumpfe, dunstige
Wirthsstube.
Hier aber war indeß der Wirth selber zurückgekehrt, der ein ziemlich
gutes Deutsch sprach, und Jeremias hatte das kaum ausgefunden, als er
auf ihn einstürmte.
»Habt Ihr ein gutes Zimmer hier im Hause?«
»Ja, Herr!«
»Was geheizt werden kann?«
»Ja, Herr!«
»Habt Ihr ein gutes, warmes Bett?«
»Ist auch zu beschaffen; es stehen zwei drin!«
»Wollt Ihr mir das Zimmer für einen guten Preis vermiethen?«
»Warum nicht -- wenn Ihr baar Geld zahlt?«
»Hier ist Geld -- ist es geheizt?«
»Nein, Herr, was sollen wir ein Zimmer heizen, in dem Niemand wohnt.«
»Könnt Ihr es gleich heizen, aber rasch?«
»Gewiß,« rief der Wirth, der staunend die Anzahl Silberstücke
betrachtete, die ihm Jeremias in Todesangst in die Hand gedrückt, und
dann rief er in böhmischer Sprache seiner Frau ein paar Worte zu, die
rasch zum Ofen humpelte, dort einen. Arm voll trockenes Holz nahm und
das Zimmer damit verließ.
»Und kann Eure Frau eine gute, kräftige Suppe kochen, mit einem Huhn
darin und Eiern?«
»Eier haben wir jetzt nicht, Herr,« sagte der Mann, »aber ein Huhn ist
da, und die Suppe soll bald fertig sein.«
»Rasch nur, rasch,« rief Jeremias, »ich bezahle Alles!« Und wie ein
Pfeil schoß er aus der Thür hinaus, griff draußen im Schlitten alles
von wollenen Decken auf, was er fassen konnte, und rannte damit in das
gegenüber liegende Haus.
Der Fuhrknecht, der wohl gemerkt hatte, daß hier Geld zu verdienen war,
denn der kleine Fremde warf mit den Silberstücken nur so um sich, hatte
ihm dabei geholfen, und dort breitete er Alles, was er mitgebracht, über
die Kranke aus, um sie nur erst einmal zu erwärmen.
Das besorgt, ordnete er mit Hülfe seines Dolmetschers die aufgelaufene
Rechnung der Kranken -- nur wenige Gulden für den Aufenthalt, und
schickte diesen dann fort, um Leute herbeizuholen, welche die Kranke mit
ihrem Bett in das für sie bereite Zimmer tragen konnten, sobald es nur
durchwärmt war.
Was läßt sich mit dem Geld nicht Alles machen! Die Wirthin feuerte
ein, daß der Ofen knisterte; die Betten wurden durchwärmt, eine gute,
nahrhafte Suppe bereitet, und die Träger, denen Jeremias indessen an
Branntwein geben ließ, was sie trinken wollten, warteten geduldig, bis
der kleine wunderliche Fremde ihnen befehlen würde, das Bett mit der
Kranken aufzugreifen und in das Wirthshaus herüberzutragen.
Jeremias dachte dabei an Alles. Auch ein paar Mädchen hatte er indes
besorgt, welche die Kranke von ihrem Strohlager in das warme und weiche
Bett legen sollten, und als er Alles nun bereit hatte, ging er mit ihnen
hinüber, um sie abzuholen.
Die arme Kranke, die unter den vielen wollenen Decken zum ersten Mal
wieder nach langer Zeit mochte warm geworden sein, hatte diese über
ihren Kopf gezogen, und erst als sie die fremden Stimmen um sich hörte
und fühlte, daß ihr Bett selber angefaßt wurde, warf sie erschrocken die
Decke von ihrem Gesicht zurück.
»Um Gottes willen, was wollt Ihr mit mir? -- oh, laßt mich ruhig
sterben.«
»Freunde sind da, gnädige Frau,« antwortete aber Jeremias, dem die
Rührung fast die Stimme erstickte -- »Ihre Sorge und Noth hat aufgehört,
wir bringen Sie in ein anderes Haus, wo Sie ordentliche Pflege finden
sollen.«
Paula starrte ihn noch immer ängstlich an, auf ein Zeichen von Jeremias
hoben aber die vier Männer das Bett rasch empor, und ehe sie noch
Einspruch thun konnte, war es gedreht und im andern Zimmer und durch
dieses hin auf die Straße gebracht. Dort liefen Neugierige zusammen. Die
arme junge Frau hüllte sich erschreckt wieder in ihre Decken ein, und
wenige Minuten später befand sie sich im andern Hause.
Hier freilich mußte sie den Frauen überlassen werden, denn das
unbeholfene Gestell ließ sich nicht die schmale Treppe hinaufschaffen.
Aber diese wußten auch vortrefflich damit umzugehen, und mit Hülfe der
Decken und eines Stuhles trugen sie die Arme rasch und leicht hinauf und
legten sie in das für sie schon hergerichtete durchwärmte Bett.
Das in Ordnung und der Wirthin noch einmal die Suppe auf die Seele
bindend, beorderte Jeremias die Pferde wieder, um so rasch als möglich
zur Stadt zu fahren. Er versprach aber noch an dem Abend mit einem Arzte
zurückzukehren, und eine Viertelstunde später glitt der Schlitten unter
fröhlichem Schellengeklingel nach Podiebrad hinüber.
Jeremias that aber nichts halb. Von dort nahm er nicht allein den besten
Arzt mit, der aufzutreiben war, sondern auch eine gute und tüchtige
Krankenpflegerin, und schickte zugleich ein Telegramm nach Haßburg, das
nur die Worte enthielt: »Graf Rottack, Haßburg. Kommen Sie -- gefunden
-- krank -- elend. Prag, Schwarzes Roß. Jeremias.«
Mit dem Doctor und der Wärterin kehrte er noch an demselben Abend nach
dem Dorf zurück, und erst als er Alles gethan, was in seinen Kräften
stand und was überhaupt vor der Hand nur möglicher Weise zu thun
war, fuhr er wieder nach Prag zurück, um dort Rottack's Ankunft, der
jedenfalls den nächsten Zug benutzte, zu erwarten. Der mochte dann
bestimmen, was weiter geschehen solle.
Wie Jeremias aber nach Prag zurückkehrte, fand er schon ein antwortendes
Telegramm vor.
»Ich komme mit dem nächsten Zug; wenn wir weiter fahren müssen, seien
Sie am Bahnhof.«
Dadurch wurde allerdings die wenigste Zeit versäumt, und Jeremias
behielt auch in der That kaum Raum genug, um etwas zu genießen und
gleich darauf wieder nach dem Bahnhof hinaus zu fahren; denn wenn Graf
Rottack den ersten Abendzug benutzt hatte, konnte er zu Mittag recht gut
in Prag eintreffen.
Und er kam in der That, aber nicht allein, denn Helene hatte es sich
nicht nehmen lassen, ihn zu begleiten, und Jeremias, als er sie am
Coupéfenster entdeckte, rief ordentlich erschreckt aus: »Oh Du mein
Gott, die Frau Gräfin!«
Rottack ließ ihm aber keine lange Zeit, sich zu besinnen. »Mein
lieber Jeremias,« rief er, herausspringend und ihm herzlich die Hand
schüttelnd, »wie dankbar sind wir Ihnen! Aber wo ist die Unglückliche --
hier?«
»Noch zwei Stunden zu fahren, Herr Graf.«
»Lösen Sie rasch Billets, daß wir den Zug nicht versäumen.«
Das war bald geschehen und das Gepäck umgeschrieben. Jeremias stieg mit
ein und hatte nun Zeit genug, ihnen unterwegs all' die Einzelheiten zu
erzählen und was bis jetzt geschehen war. Helene zerfloß dabei fast in
Thränen; aber sie eilten ja doch auch nun zur Rettung herbei, und in
peinlicher Ungeduld zählte sie die Minuten, die sie noch von ihrem Ziele
trennten.
Schon von der nächsten Station unterwegs telegraphirten sie wegen eines
großen, bequemen Schlittens oder zwei kleinerer, die am Bahnhof bereit
stehen sollten, und Helene nahm sich hier wirklich kaum Zeit, etwas zu
genießen, als sie selber schon weiter drängte.
Etwa um zwei Uhr erreichten sie Podiebrad, und es war noch heller Tag,
als sie endlich das kleine, erbärmliche Dorf vor sich liegen sahen. --
Und dort lag Paula?
Helene saß bleich und die Hände gefaltet in ihrem Schlitten und sah
zitternd auf die kleinen erbärmlichen Hütten, die ihre Armuth und ihr
Elend nur zu deutlich verriethen. Und vor einer von diesen -- es war
wenigstens eine der größten -- hielt jetzt das Fuhrwerk. Ein anderer
Schlitten stand schon vor der Thür; es war der des wieder herüber
gekommenen Arztes, der ihnen unten in der Wirthsstube entgegentrat.
Er stattete den Fremden einen kurzen Bericht über den Zustand der
Kranken ab, der leider Helenens gehegte Furcht bestätigte. Ihr Zustand
war in der That bedenklich. Nach einem falschen Wochenbett der Kälte
und dem Mangel preisgegeben, wahrscheinlich noch von geistiger Aufregung
gequält, hatte die Arme ein bösartiges Fieber ergriffen, und möglich,
daß treue Pflege die Gefahr, in der sie schwebe, noch abwenden könne;
aber man möge sich auf das Schlimmste wenigstens gefaßt machen.
Helenen liefen, während er sprach, die hellen Thränen an den Wangen
nieder; aber sie unterbrach ihn mit keinem Wort, und erst als er geendet
hatte, sagte sie leise und bittend: »Darf ich zu ihr?«
»Sie hat gestern Abend wieder viel phantasirt,« meinte der Arzt, »ist
aber heute ruhiger, und wenn Sie nicht selber fürchten sie zu stark
aufzuregen...«
»Aber eine Wärterin muß sie ja doch haben!«
»Der Herr dort hat schon gestern eine recht brave Person dazu besorgt,«
sagte der Arzt, »und es ist wirklich Alles geschehen, was jetzt noch,
nachdem der richtige Zeitpunkt längst versäumt worden, nur irgend
geschehen konnte. Möglich aber auch, daß es die Kranke wesentlich
beruhigt, wenn sie ein befreundetes Gesicht an ihrem Lager sieht, dem
Herrn würde ich aber entschieden abrathen...«
»Ich gehe allein,« rief Helene; »haben Sie auch keine Furcht, Herr
Doctor, daß ich sie aufregen werde. Ich bin ruhig -- gewiß, ich bin
ruhig,« setzte sie rasch hinzu, als der Arzt wie zweifelnd mit dem Kopf
schüttelte; »ich werde sicher kein Wort sagen, was sie nur im Geringsten
erregen könnte. Aber das arme, verlassene Kind muß doch erfahren, daß
Freunde in der Nähe sind, die über sie wachen, und dieses Gefühl wird ja
dann auch gewiß zu ihrer Beruhigung mit beitragen.«
»So gehen Sie, gnädige Frau,« sagte der Arzt freundlich, »ich verlasse
mich ganz auf Sie, und bringen Sie der armen Dame, was ihr bisher so
ganz gefehlt hat: Trost.«
Helene legte Hut und Mantel ab; ihre Glieder zitterten so, daß sie sich
kaum aufrecht halten konnte. Sie mußte sich erst sammeln, erst wieder
Fassung erlangen. Aber ihr starker Geist überwand das bald.
»Ich bin schon ruhig, Felix,« sagte sie, unter Thränen lächelnd, als
ihr Gatte zu ihr trat und ihr freundlich zureden wollte. »Fürchte auch
nicht, daß mich oben eine solche Schwäche übermannen wird. Du kennst
mich ja, vertraue mir nur, und jetzt,« rief sie, indem sie mit ihrem
Tuch die letzten Thränenspuren entfernte, »laß mich gehen.«
Damit wandte sie sich entschlossen ab, schritt der Thür zu und die
kleine, enge Treppe hinauf. Nur der Arzt begleitete sie, und Rottack und
Jeremias blieben unten in der dumpfigen, wüsten Wirthsstube allein mit
ihren peinlichen Gedanken zurück.
Helene hatte sich auch nicht zu viel zugetraut. Sie fühlte recht gut,
wie viel gerade jetzt von ihrer Haltung, der Kranken gegenüber, abhing,
und leise und geräuschlos wohl, aber mit festen Schritten stieg sie
hinauf und öffnete selber die Thür, welche zu der armen Verlassenen
führte.
Ein Glück, daß ihr der Anblick erspart worden, wie Jeremias sie
gefunden, denn so ärmlich das Zimmer auch aussehen mochte, so war es
doch reinlich gehalten und durchwärmt, und das Bett dabei so gut, als es
nur in einer so geringen Schenke sein konnte.
Die Wärterin saß am Bett, als Helene eintrat, und stand schüchtern auf,
die Kranke aber lag, die Augen geschlossen, das bleiche, abgehagerte
Antlitz der Thür zugedreht, als ob sie schliefe.
Helenen zog sich das Herz zusammen. Allmächtiger Gott, wie sah die
Arme aus? -- Wohin war das fröhliche Lächeln der sonst so lieben Lippen
verschwunden, wohin das Roth der Wangen, das schelmische Grübchen im
Kinn? Und als sie die großen, dunkeln Augen aufschlug und erstaunt, fast
erschreckt die Eintretende anstarrte, da hätte Helene ihr um den Hals
fliegen und an ihrem Herzen den Gram ausweinen mögen, der ihr die Seele
zusammenschnürte. Aber sie bezwang sich.
»Meine liebe Paula,« sagte sie, indem sie mit lautlosem Schritt dem Bett
zuglitt und die herabhangende, fast durchsichtige Hand erfaßte, »mein
liebes, süßes Herz, wie geht es Dir?«
Paula antwortete ihr nicht. Mit immer wachsendem Staunen betrachtete sie
die bekannten Züge, lauschte sie den zärtlichen, liebevollen Lauten.
»Kennst Du mich nicht mehr, Paula?«
»Doch, doch,« flüsterte die Kranke, »Du bist der Engel, den ich
herbeigesehnt und der mich dorthin führen soll, wo kein Schmerz und
Kummer, kein Haß, keine Falschheit mehr ist -- oh, ich danke Dir,
Gott, danke Dir recht aus voller Seele, daß meine Leiden jetzt ein Ende
nehmen! Oh, wie leicht wird mir, wie wohl, wie froh, oh nimm mich zu
Dir! Dein armes, armes Kind -- oh laß mich scheiden!«
Sie fiel zurück, Todtenblässe deckte ihre Züge, sie war ohnmächtig
geworden.
Helene sprach kein Wort, nur ihr Tuch tauchte sie in kaltes Wasser und
legte es der Kranken um die Schläfe, hielt ihr ein mitgebrachtes Flacon
unter die Nase und that Alles still und geräuschlos, um sie in's Leben
zurückzurufen.
Der Arzt hatte sie dabei unterstützt.
»Es wird vorübergehen,« flüsterte er leise, »bleiben Sie stark, gnädige
Frau -- vielleicht geht doch noch Alles gut.«
Nach einer langen Weile schlug Paula die Augen wieder auf. Helene war
über sie gebeugt und ihre Blicke begegneten sich.
»So hab ich nicht geträumt,« sagte Paula leise, »der Engel ist bei mir
geblieben.«
»Meine Paula, mein süßes, liebes Herz, kennst Du mich denn nicht mehr?
Kennst Du Deine Helene nicht?«
»Helene? Helene Rottack?« flüsterte die Kranke. »Aber -- wie kommen Sie
denn hierher, Frau Gräfin? Wie ist mir denn? Bin ich denn nicht...«
»Ich habe Dich gesucht und gefunden, Herz!« rief Helene, die nur mit
Gewalt die vorquellenden Thränen zurückdrängen mußte. »Jetzt bleib' ich
bei Dir, ich gehe nicht wieder von Dir fort, bis Du auf's Neue wohl und
gesund und kräftig bist. Darf ich bei Dir bleiben?«
»Bei mir?« flüsterte Paula, während ihr Blick scheu im Zimmer umherflog.
»Bei mir, der Ausgestoßenen, die ihren Bruder und Vater gemordet hat?
Bei mir?« Und dabei suchte sie Helenens Hand von sich fortzudrücken.
»Geh, geh fort, daß Dich nicht auch der Fluch trifft, der auf mir ruht!«
»Aber was sprichst Du, Paula?«
»Ich weiß Alles,« flüsterte die Arme, »in den Zeitungen stand es, die
ich draußen gelesen -- Alles -- Alles! Oh, daß ich gestorben wäre, um
nicht das -- das zu ertragen!«
»Hüten Sie die Kranke vor Aufregung!« flüsterte der Arzt.
»Nicht Alles ist wahr, was in den Zeitungen steht, mein Herz,« suchte
Helene sie zu beruhigen; »Dein Vater ist wohl krank, aber er lebt.«
»Er lebt -- ja,« sagte Paula düster -- »aber wie? Oh, Helene, und Du
hast Dich nicht von mir gewandt, wo mich Alles, Alles verlassen?«
»Nie, nie, mein armes Kind,« rief die junge Gräfin, »ich bleibe bei Dir;
Du darfst mich nicht von Dir weisen; es wird noch Alles gut werden --
hoffe nur, Paula!«
»Alles gut werden? Ja,« sagte die Arme leise, »wenn ich im Grabe liege
-- oh, daß ich ausruhen könnte von all' dem Herzeleid!«
Sie lag wieder still und ruhig. Helene suchte sie zu trösten, aber sie
antwortete nicht mehr, bis ihr Geist auf's Neue an zu wandern begann und
wilde, erschreckende Bilder vor die Seele heraufbeschwor. Sie jammerte
dabei nach ihrem Kinde, das man ihr weggenommen hätte, und wollte von
ihrem Lager aufspringen, so daß sie nur mit Mühe gehalten werden konnte;
dann lag sie wieder halbe Stunden lang still und wie todt.
Der Arzt schüttelte den Kopf, die Erregung war zuviel für die Kranke
gewesen; aber mit eines Engels Geduld saß Helene an ihrem Lager die
ganze Nacht hindurch, und kein Schlaf kam in ihre Augen.
Rottack und Jeremias, da der Arzt gegen Abend wieder nach der Stadt
zurück mußte, wo er auch ein paar gefährlich kranke Patienten hatte,
verbrachten die Nacht ebenfalls in trauriger Weise in der Wirthsstube
selber, und noch dazu in einem furchtbaren Tabaksdunst, da sich heute
eine Menge von Neugierigen eingefunden hatte, um die Fremden zu sehen,
die gekommen wären, die kranke Frau abzuholen.
Für heute ließ sich aber nichts mehr daran ändern, morgen konnte
vielleicht eher Rath geschafft werden. Beide waren ja auch überdies an
Beschwerden gewöhnt, und auf Stühlen und Bänken richteten sie sich ein,
so gut es eben gehen wollte.
Gegen Morgen endlich war die Kranke eingeschlafen, und Helene warf sich
ebenfalls in ihren Kleidern auf das noch im Zimmer befindliche Bett, um
ein klein wenig zu ruhen, während jetzt die Wärterin an dem Lager der
Kranken wachte.
Paula schlief lange und sanft, und als sie endlich erwachte und die
treue Freundin zu ihr trat, schlang sie ihren Arm um deren Nacken, zog
sie zu sich nieder und weinte still.
»Meine liebe, liebe Paula, Du darfst Dich nicht wieder aufregen, der
Arzt hat es streng verboten.«
»Und womit habe ich das verdient, Frau Gräfin,« flüsterte Paula, »daß
Sie mir in mein Elend gefolgt sind?«
»Oh, nicht den kalten Titel, Paula, nicht das fremde Sie,« rief Helene
bewegt, »nenne mich Helene, nenne mich Schwester, denn Gott ist mein
Zeuge, ich will Dir von jetzt an eine Schwester sein!«
»Meine liebe, gute Helene -- und Du bist mir nicht böse?«
»Ich Dir böse, Herz, wo ich mein eigen Leben für Dich hingeben könnte?«
Paula schüttelte leise mit dem Kopf und schloß die Augen wieder, und
Helene rührte sich nicht weiter, um ihr volle und ungestörte Ruhe zu
lassen.
So lag sie zwei volle Stunden in einer Art von Halbschlaf, aus dem sie
erst durch den zurückkehrenden Arzt wieder geweckt wurde.
Trotz der furchtbaren Aufregung des vergangenen Abends fand er die
Kranke aber heute bedeutend besser. Der Puls ging ruhiger und das Auge
war klarer.
Sie hatte jetzt Helenens Hand gefaßt, die sie, ohne ein Wort zu
sprechen, festhielt, als ob sie Furcht hätte, daß sie ihr wieder
entzogen werden könnte. Helene hielt mit einer rührenden Geduld bei ihr
aus, streichelte ihre Wange, küßte ihre Stirn und behandelte sie wie ein
krankes Kind, das nur durch Liebkosungen beschwichtigt sein will.
Rottack fragte den Arzt, ob er einen Transport der Kranken nach der
nächsten Stadt wenigstens für möglich halte; davon wollte dieser aber
nichts wissen, auf keinen Fall für die Folgen stehen, und er unterblieb
deshalb. Der Arzt sorgte aber doch dafür, daß die beiden Herren
wenigstens ein Quartier und ein paar Betten bei dem Geistlichen bekommen
konnten, der sie in liebenswürdiger Weise aufnahm und nicht einmal darin
nachließ, als er erfuhr, daß sie »Ketzer« wären. Er selber hatte schon
die arme kranke Frau besucht und ihr auch in der That wenigstens das
nothdürftige Unterkommen bei den armen Leuten besorgt, und freute sich
jetzt aufrichtig, daß ihr die nöthige Hülfe geworden war.
So vergingen vierzehn volle Tage, in denen das Befinden der Kranken
herüber und hinüber schwankte. Mit heftigen Anfällen ausbrechender
Phantasien wechselten Tage der Ruhe -- aber die Anfälle wurden seltener
und schwächer, und der junge, kräftige Körper Paula's überwand endlich
die furchtbare Mißhandlung, die er erlitten hatte und der er fast
unterlegen wäre.
Wie sich aber ihre Nerven kräftigten, schloß sie sich so viel inniger an
Helene an, die wieder ihrerseits keine Mühe und Aufopferung scheute, wo
es der Pflege des geliebten Schützlings galt.
Nach vier Wochen etwa gestand endlich der Arzt die Möglichkeit zu, die
Kranke nicht allein in die nächste Stadt, sondern auch gleich nach Prag
transportiren zu können, wo sie doch bessere Pflege und Bequemlichkeit
fand, und wenn auch noch jede nur mögliche Vorsicht gebraucht werden
mußte hoffte er doch, daß die Reise ohne Gefahr für sie ablaufen würde.
Jeremias wäre schon längst gern fort, denn es drängte ihn nach Hause,
aber er wußte auch nicht, in wie weit er doch noch hier sich nützlich
machen könne, und seine natürliche Gutmüthigkeit ließ ihn eben nicht.
In der ganzen Zeit aber erwähnte Keines von Allen ein Wort über die
Vergangenheit. Jedes schien die Berührung derselben zu fürchten, und
jede Andeutung selber wurde vermieden. Was hätte es auch geholfen, Paula
selber hatte leider schon aus den geschwätzigen Zeitungen das Unglück
ihres Hauses erfahren, denn was wird, besonders bei einem stillen
politischen Zustand, lieber verbreitet, als Verbrechen und Unfälle. Was
ihr aber selbst geschehen, Du guter Gott, es lag zu klar und deutlich
vor Aller Augen, und wo es noch einer Ergänzung bedurft hätte, konnte
Niemand die besser als Jeremias nach dem geben, was er in Prag über
Handor und seine Begleiterin gehört.
Ihre Verbindlichkeiten hier waren jetzt bald abgemacht und geordnet.
Das Wetter hatte sich auch gebessert; der Frühling zog siegreich in
das Land, und Schnee und Eis schmolz vor seinem warmen Hauch und
die Haselbüsche trugen schon ihre Schäfchen. Schneeglöckchen und
Himmelsschlüssel fingen an auszukeimen und die Saaten deckte frisches
Grün.
Jeremias fuhr selber nach der Stadt hinüber und besorgte einen guten und
verschlossenen Wagen. Fest in Tücher und Decken eingepackt, wurde
dann die Kranke dort hinein gehoben und hinüber geschafft, und mit dem
Schnellzug erreichten sie Prag in kurzer Zeit.
Paula hatte nicht einmal gefragt, wohin man sie führe, denn wenn sich
ihr Körper auch unter der guten und sorgsamen Pflege auffällig kräftigte
und erholte, ihr Geist blieb noch immer gedrückt, und scheu und zitternd
schmiegte sie sich an Helene an, wenn ihr Fremde nahten. Selbst vor
Rottack hatte sie im Anfang Furcht, und nur auf Jeremias' Züge, so
flüchtig sie ihn bei jenem ersten furchtbaren Begegnen gesehen, schien
sie sich zu erinnern und bot ihm die Hand, als er zum ersten Mal zu ihr
in's Zimmer trat.
Rottacks selber aber waren noch unschlüssig, wohin sie Paula führen
sollten. Nach Haßburg? -- jeder Versuch, mit der stolzen, hartherzigen
Gräfin von Monford anzuknüpfen, war vergebens gewesen -- und sie hier
allein lassen?
Rottack selber wollte Haßburg wieder verlassen, sobald er dort seine
Angelegenheiten nur einigermaßen ordnen konnte, aber das war nicht in
zwei oder drei Tagen abgemacht und verlangte vielleicht eben so viele
Wochen, und so lange konnte er die noch immer kranke Paula nicht mit
seiner Frau allein lassen. Es war deshalb das Beste, er nahm sie, bis
er seine Uebersiedelung selber geordnet hatte, mit nach Haßburg in sein
eigenes Haus. Niemand brauchte deshalb zu wissen, wen er beherberge.
Die Hoffnung, sie mit ihren Eltern auszusöhnen, hatte er freilich längst
aufgegeben; aber er war fest entschlossen, Paula nicht mehr von sich zu
lassen, und da seiner armen Helene die Liebe der Mutter versagt
worden, so hoffte er, daß sie in der Liebe der Schwester ihren Frieden
wiederfinden würde.
Jeremias hatte sich übrigens jetzt dahin entschieden, voraus zu reisen,
denn hier in Prag konnte er ja doch nichts mehr nützen, und es drängte
ihn, seine eigenen Angelegenheiten daheim in Ordnung zu bringen.
Vorher mußte er aber noch eine Pflicht der Dankbarkeit abmachen, zu
der ihn Rottack selbst drängte. Diesem hatte er nämlich gesagt, daß er
einzig und allein durch den Souffleur, Mauser -- der Graf mußte sich
ja doch an den Türken erinnern, der so unbändig schrie -- auf die Spur
gekommen sei, und Rottack zwang ihm nun unter jeder Bedingung zehn
Louisd'or auf, die er dem Manne für seine Kunde geben sollte.
Daß es Mauser sehr gut brauchen konnte, wußte Jeremias, das war in
seinem ganzen Wesen unverkennbar, und verdient hatte er es auch,
denn ohne ihn wäre die ganze Reise umsonst gewesen und die arme Paula
wahrscheinlich in Noth und Elend »verdorben und gestorben«. Jeremias
suchte ihn deshalb auf, und wenn er auch das bezeichnete Haus mit
Leichtigkeit fand, hatte es doch seine Schwierigkeiten, bis er die fünf
steilen Treppen emporkletterte, über denen der Souffleur -- noch immer
in dem nämlichen ungewaschenen Schlafrock und mit demselben Fez auf,
thronte.
Mauser erhob übrigens, als er ihn erblickte, ein solches
Freudengeschrei, daß die Leute aus der Etage unter ihm herausstürzten,
weil sie glaubten, es wäre Jemandem ein Unglück begegnet.
Jeremias mußte jetzt erzählen, aber er that das nur in aller Kürze, denn
er selber war mit seiner Zeit gedrängt; wie er aber zuletzt, im Namen
des Grafen Rottack, die zehn Louisd'or aus der Tasche nahm und auf
den Tisch legte, stand der Souffleur starr vor Schreck und Staunen. Er
wollte es erst gar nicht glauben, daß sie sein Eigenthum sein sollten,
blos dafür, daß er einen Abend mit »Stelzhammer gekneipt«. Als es
ihm dieser aber wieder und wieder versicherte und er sie in die Hand
genommen und gewogen, und wieder auf den Tisch gelegt und sich noch
einmal hatte bestätigen lassen, daß das fortan sein Eigenthum sei, da
kannte seine Ausgelassenheit keine Grenzen.
Wie ein Rasender sprang er in der Stube herum, den Fez schleuderte er in
die Ecke, ein Pantoffel flog da, einer dorthin, und das Haus dröhnte
von seinen Jubelrufen, die dem Kriegsgeheul der Indianer nicht unähnlich
waren.
Jeremias beruhigte ihn nur mit der größten Mühe, und als er sich endlich
zufrieden gab, wollte er absolut in seine Kleider fahren, um mit seinem
kleinen Wohlthäter, heute natürlich auf eigene Kosten, auszuprobiren, wo
der beste Wein sei. Jeremias wußte aber recht gut, daß er ihn dann den
ganzen Tag nicht wieder los würde, versprach ihm deshalb, wenn er es
irgend möglich machen könne, in einer Stunde etwa wieder herauf zu
kommen und ihn abzuholen, und eilte dann in das Hotel zurück, um von
Rottacks Abschied zu nehmen.
In derselben Zeit, in der Mauser oben in seinem Zimmer fertig angezogen
und mit einem schmählichen Durst saß und auf ihn wartete, fuhr Jeremias
auf den Bahnhof hinaus und eine halbe Stunde später gen Haßburg.
33.
Die Werbung.
Jeremias hatte schon von dem böhmischen Dorf aus, wie er nur etwa die
ungefähre Zeit seiner Rückkehr bestimmen konnte, nach Hause geschrieben,
und lauter Jubel empfing ihn hier, denn Rebe war in der Zeit nicht müßig
gewesen.
Director Krüger hatte seinen Contract contrasignirt, und wie er
selber der Liebling des Publikums geworden, besserten sich auch seine
pecuniären Verhältnisse.
In den vergangenen Monaten, wo er fast noch sparsamer gelebt als je,
kaufte er von der jetzt ziemlich hohen Gage nach und nach, was er in der
Wirthschaft brauchte. Jettchen's Aussteuer war ja schon von dem Vater
reichlich bedacht worden, und Alles jetzt bereit, um die Trauung in der
nächsten Zeit zu vollziehen. An demselben Sonntag, an dem Jeremias von
seiner Reise zurückkehrte, wurden sie zum ersten Mal aufgeboten, und
Jettchen fühlte sich selig in dem Gedanken, nun bald nicht mehr allein
zu stehen und dem Geliebten ganz anzugehören.
So eifrig das Jeremias früher auch selber betrieben hatte, so
niedergeschlagen zeigte er sich aber jetzt. Sein ganzer Humor schien
ihn verlassen zu haben, und wenn er sich auch fast noch herzlicher und
theilnehmender gegen Alle benahm, als bisher, so lag doch jedenfalls
etwas auf seiner Seele, das er Niemandem anvertrauen mochte.
Anfangs drang Pfeffer in ihn, ihm zu sagen, was ihn drücke. Geldsorgen
konnten das nicht sein, denn er schleppte Geschenke nach Geschenken für
Jettchen in's Haus -- aber was dann? Jeremias wich indeß allen Fragen
aus, und man mußte ihn endlich seinen Weg gehen lassen.
So war die Zeit immer mehr herangerückt. Es war Freitag geworden, am
Sonntag wurden die Brautleute zum letzten Mal aufgeboten und Montag
sollte die Hochzeit sein.
Jeremias hatte bei Pfeffers zu Mittag gegessen, aber fast kein Wort
dabei gesprochen. Nach dem Essen saß er auf dem Stuhl am Fenster, und
Jettchen war gerade hinausgegangen, um den Kaffee herein zu holen.
»Was siehst Du mich so sonderbar an, Jeremias?« sagte Auguste. »Ich weiß
gar nicht, wie Du heute bist.«
»Ich freue mich,« erwiderte der kleine Mann, aber mit ganz wehmüthiger
Stimme, »daß es Dir wieder so gut geht, Auguste. Du hast Dich in der
Zeit, wo wir in Böhmen steckten, merkwürdig erholt.«
»Wenn wir nur erst einmal herausbekommen könnten, was Sie in Böhmen
gemacht haben,« rief Fräulein Bassini.
»Wahrscheinlich,« meinte Pfeffer, »wird's nicht die ganze Stadt wissen
sollen, und deshalb erfährst Du's nicht.«
»Als ob ich nicht schweigen könnte!«
»So lange Du nichts weißt, gewiß. Aber 's ist wahr, die Guste hat sich
merkwürdig in der Zeit erholt; das dank' ihr aber der Teufel, keine
Sorgen mehr, gute Pflege -- das schlägt an!«
Jeremias nickte freundlich. »Ja,« sagte er, »und ich kann Euch jetzt mit
gutem Gewissen verlassen, denn für das Jettchen ist ja auch gesorgt.«
»Verlassen?« rief die Frau rasch. »Und willst Du wirklich wieder fort?«
»Ich muß, Auguste,« sagte der kleine Mann traurig. »Sieh, ich habe noch
so viel da drüben zu besorgen, eine Menge Land, Colonien, die jetzt in
fremden Händen sind und verwahrlost werden, wenn man nicht den Leuten
dann und wann auf die Finger sieht. Auch Geld hab' ich noch drüben
ausstehen, was ich nicht gern einbüßen möchte, und von dem Verkauf des
Hotels weiß ich auch nicht einmal, ob die Raten alle richtig eingezahlt
sind.«
»Hm,« brummte Pfeffer und schritt, den blauen Qualm ausblasend, in der
Stube nachdenkend auf und ab. Aber Auguste sagte kein Wort; sie sah
still und traurig vor sich nieder und seufzte tief auf.
»Und wann willst Du wieder fort, Jeremias?« fragte sie endlich so leise,
daß er die Worte kaum verstehen konnte.
»Gleich nach der Hochzeit,« lautete die Antwort; »der Dampfer geht,
glaub' ich, am Dreizehnten oder Fünfzehnten, und ich möchte noch ein
paar Tage in Bordeaux bleiben, um dort Manches einzukaufen.«
»Der Vater will fort?« rief Jettchen erschreckt, die eben den Kaffee
gebracht und die letzten Worte gehört hatte. »Um Gottes willen, nein,
Vater, Du darfst uns jetzt nicht wieder verlassen!«
»Es muß sein, liebes Herz,« sagte der kleine Mann gerührt, während sie
ihre Arme um ihn schlang, »es muß sein; gern thu' ich's ja auch nicht,
das darfst Du mir wohl glauben, und ich -- ich komme auch wohl bald
wieder zurück, sobald ich mich losmachen kann drüben. Wo ist denn der
Rebe eigentlich hin?«
»Er hatte etwas wegen seines Anzuges für morgen zu bestellen,« sagte
Fräulein Bassini; »er muß gleich wiederkommen.«
»Und wie traurig wird Horatius sein,« sagte Jettchen, »wenn Du uns so
bald wieder verläßt und Dich gar nicht mehr an unserem Glücke freust!
Jetzt ist mir der ganze frohe Tag verdorben, denn ich werde ja doch nur
immer an den Abschied denken.«
»Ich wollte Euch eigentlich gar nichts davon sagen,« bemerkte Jeremias
kleinlaut, »bis dicht vor dem Abschied, aber es ging doch nicht an;
es ist doch noch so Manches zu besprechen, und da -- da bleibt's immer
besser, man weiß es eine Weile vorher, daß man sich danach richten
kann.«
»Und kannst Du die Geschichte da drüben denn gar nicht durch jemand
Anders besorgen lassen?« fragte Pfeffer noch einmal, indem er vor ihm
stehen blieb. »Du sagtest doch früher, Du hättest einen zuverlässigen
Mann drüben.«
»Es geht nicht, Kinder, es muß sein,« schüttelte Jeremias mit dem Kopf;
»'s thut mir selber leid genug, aber läßt sich eben nicht ändern, und,
Du lieber Gott, das junge Volk braucht mich ja auch nicht mehr, die
haben jetzt genug mit einander zu thun.«
»Und wir Alten?« sagte Pfeffer.
»Na, ich -- ich hab' Euch ja doch jetzt einmal wieder gesehen und
weiß, daß es Euch gut geht, und alles Andere -- aber da kommt Rebe,«
unterbrach er sich rasch, indem er seinen Hut nahm; »sagt's ihm
nachher, wenn ich weg bin, ich möchte die Geschichte nicht noch einmal
durcharbeiten. »Nun, wo haben Sie gesteckt, Rebe?« fragte er diesen, als
er vor der Thür an ihm vorbei wollte. »Jettchen hat sich schon gesorgt,
daß der Kaffee kalt würde.«
»Sie wollen fort?«
»Ich komme nachher wieder.«
»Dann gehen Sie doch einmal bei Rottacks vorbei, Herr Stelzhammer.
Er begegnete mir vorhin auf der Straße und bat mich, Ihnen das
auszurichten.«
»Sie sind zurück?«
»Seit heute früh. Eben ist auch die Nachricht eingetroffen, daß in
dieser Nacht der alte Graf Monford gestorben sei; da draußen ist's jetzt
recht öde geworden.«
»Du lieber Gott,« seufzte Jeremias, »also doch noch! Ja, da will ich
gleich zu Rottacks gehen.«
Und Rebe freundlich zunickend, schritt er an ihm vorüber aus der Thür
und die Treppe hinab.
Es war ihm recht weh und weich zu Sinn, aber die Anderen durften ja doch
nichts davon merken, und sich tüchtig zusammennehmend, schritt er
den kurzen Weg hinüber nach Rottack's Haus, wo er auf das Herzlichste
begrüßt wurde. Er fand dort auch zu seiner Freude, daß sich Paula wieder
so weit erholt hatte, um die Reise ungefährdet fortsetzen zu können.
Nicht einmal die Dienerschaft im Hause wußte aber, wer die junge Fremde
sei, die krank und verschleiert angekommen, und jede Möglichkeit eines
Ausplauderns war dadurch abgeschnitten.
Jeremias wunderte sich freilich manchmal im Stillen, weshalb gerade
Rottacks ein so aufopferndes Interesse an der jungen unglücklichen
Comtesse nahmen, aber seine eigenen Pläne beschäftigten ihn doch auch
zu sehr, um lange darüber nachzudenken, und danach gefragt hätte er
überdies nie; was kümmerte das auch ihn, und er hatte Rottacks viel zu
lieb, als ihnen einen andern Beweggrund zuzuschreiben, wie aufopfernde
Freundschaft.
Dem jungen Grafen Rottack -- Helene war bei der Kranken in ihrem eigenen
Zimmer -- entging aber dagegen nicht die auffallend gedrückte Stimmung
seines kleinen Freundes, denn eine solche augenscheinliche Schwermuth
war er nicht an ihm gewohnt. Er fragte ihn deshalb direct um die
Ursache, und Jeremias gestand ihm denn nach einigem Zögern endlich mit
einem gewaltsam heraufgezwungenen Humor, daß er wieder nach »Brumsilien«
zurück wolle, um dort nach seinem Eigenthum zu sehen, und daß es ihm
schwer werde, jetzt von hier fortzugehen.
»Aber haben Sie mir denn nicht selber gesagt,« fragte der junge Graf,
»daß Ihnen Rohrland in Santa Clara Alles besorgt und daß Sie dem
das Ganze übergeben hätten? Auf Rohrland können Sie sich doch fest
verlassen.«
»Felsenfest,« bestätigte Jeremias, »besser als auf mich selber.«
»Und weshalb da die Reise, wenn Sie nicht gern gehen?«
»Herr Graf,« sagte Jeremias entschlossen und sah sich vorher wie scheu
im Zimmer um, ob sie auch ganz allein wären, »ich -- ich will Ihnen
reinen Wein einschenken; ich muß Jemanden haben, mit dem ich einmal
offen sprechen kann, es drückt mir sonst wahrhaftig das Herz ab.«
»Und daß Sie Keinen haben, Jeremias, der wärmeren Antheil an Ihnen
nimmt, wissen Sie doch,« sagte der junge Graf herzlich. »Kann ich
Ihnen mit etwas helfen, so reden Sie frei. Haben Sie vielleicht zu viel
Ausgaben gehabt und brauchen Sie Geld? Heraus mit der Sprache, offen und
ehrlich! Ich bin reich, und wo ich Ihnen helfen kann...«
Jeremias schüttelte den Kopf. »Das wär's nicht,« sagte er mit einer
komischen Verlegenheit, »Geld wär' da, und wie ich zurückkam, fand
ich sogar wieder einen Wechsel von Rohrland vor; ich habe mehr als ich
brauche, oder doch vollkommen genug.«
»Aber was, um Gottes willen, kann Sie sonst so niederdrücken? Ihr
Lieblingswunsch, die Verheirathung Ihrer Tochter mit dem jungen Rebe,
ist seiner Verwirklichung nahe, Ihre Frau hat sich, wie Sie mir selber
sagen, vollkommen wieder erholt und ist gesund, an Geld fehlt es Ihnen
auch nicht -- also an was sonst? Heraus mit der Sprache, Jeremias; Sie
haben uns mit wahrer Aufopferung beigestanden, machen Sie mir jetzt auch
die Freude, daß ich Ihnen helfen kann.«
Er hatte ihm dabei eine Cigarrenkiste und einen Stuhl hingeschoben, und
Jeremias, sich immer noch verlegen beider bedienend, sagte: »Ja, sehen
Sie, Herr Graf, das ist allerdings eine wunderliche Geschichte; es fehlt
mir eigentlich an gar nichts, als -- an der Hauptsache.«
»An der Hauptsache?«
»Sobald Jettchen geheirathet hat,« fuhr Jeremias fort, »so zieht
selbstverständlich die Mutter zu den Kindern, und auch Pfeffer hat
sich oben in dem Hause Stübchen und Kammer mit einer reizenden Aussicht
gemiethet. Soll ich mich dann mutterseelenallein hier irgendwo als
Junggeselle einquartieren und auf meine alten Tage da verloren sitzen?«
»Ja, aber weshalb ziehen Sie denn nicht zu Ihren Kindern?«
»Ich?« rief Jeremias ordentlich erschrocken. »Ja, aber das geht ja
doch gerade nicht. Von meiner Frau bin ich geschieden, und so lange
sie krank, elend und in Noth war, konnte kein Mensch etwas Uebles darin
sehen, wenn ich in dem Hause aus und ein ging. Jetzt aber, wo sie wieder
rüstig und gesund ist und mir mein früheres nichtsnutziges Betragen
vollständig vergeben hat, darf ich nicht in ein und dasselbe Haus mit
ihr ziehen. Denken Sie nur, was die Leute darüber reden würden, und wo
sie über Schauspieler oder was mit ihnen zusammenhängt losziehen können,
thun sie's ja doch nur gar zu gern. So aber als Fremder hier zu wohnen,
wo man eine Familie im Orte hat, das -- hielt ich auf die Länge der Zeit
nicht aus, und da ist's besser, ich gehe bei Zeiten.«
Die Unterhaltung zwischen Rottack und Jeremias stockte eine Weile, weil
Letzterer schwieg; dann aber fragte Graf Rottack: »Also in Brasilien
haben Sie wirklich nichts Wichtiges zu thun, nichts wenigstens, was
Ihnen nicht Rohrland eben so gut besorgen könnte?«
»Gar nichts,« schüttelte Jeremias mit dem Kopf; »das war nur eine
Ausrede, denn sagen kann ich's ihnen ja doch nicht.«
»Und Ihre Frau ist Ihnen wieder gut?«
»Es ist ein wahrer Engel von einer Frau, und ich fühle erst jetzt, was
ich für ein Esel gewesen bin.«
»Dann erklären Sie mir aber auch Eins: weshalb lassen Sie sich nicht
wieder mit Ihrer Frau trauen?«
»Hurrjeh,« rief Jeremias, von seinem Sitz emporfahrend, »das geht ja
aber doch nicht; wir sind ja geschieden!«
»Aber lieber, bester Freund,« lachte Rottack, »warum geht denn das
nicht? Ich kenne verschiedene Beispiele, daß sich früher geschiedene
Gatten wieder haben trauen lassen. Sie sind ja Beide frei und
unabhängig, und wer in aller Welt will Sie daran hindern oder könnte es
Ihnen, wenn Sie Ihre Frau noch lieben, verdenken?«
»Und Sie glauben wirklich?« rief Jeremias, ganz verstört von all' den
Gedanken, die ihm jetzt durch den Kopf schossen.
»Glauben -- was soll ich glauben?« sagte der junge Graf. »Die Sache ist
außer aller Frage. Sie erwerben sich dadurch ein Recht, für die Frau,
der Sie einst ewige Treue versprochen und dann ein bischen gewissenlos
durchgingen, auch in ihrem Alter zu sorgen und das, was sie gelitten,
wieder an ihr gut zu machen; und seien Sie überzeugt, daß man es Ihnen
überall sogar hoch anrechnen und Sie deshalb schätzen und lieben wird.«
»Ach, mein bester Herr Graf,« sagte Jeremias, indem er wieder in
seinen Stuhl zurücksank, »das ist ja schon seit langen Monden mein
Lieblingswunsch gewesen, schon wie Auguste noch krank war, um sie aller
Sorge für das Kind zu entheben; aber -- ich habe nie geglaubt, daß es
möglich wäre, und dann -- wenn ich es mir manchmal so dachte, fehlte es
mir immer an der Courage, es ihr zu sagen.«
»Fehlt es Ihnen noch daran?« lächelte Rottack.
»Ja,« sagte Jeremias kleinlaut; »ich brächt's nicht über die Lippen.«
»Soll ich dann Ihren Freiwerber machen?«
»Sie -- Sie wollten?«
»Und warum nicht? Trüg' ich doch nur dazu bei, einer braven Frau ihren
braven Mann wiederzugeben, und wie glücklich werden die Ihrigen sein,
wenn Sie sich nicht wieder von ihnen trennen wollen.«
»Ach Gott, ja, und ich auch,« seufzte Jeremias; »es war immer mein
Lieblingswunsch gewesen, aber nur ganz im Stillen, mich an dem nämlichen
Tag mit meiner seligen Frau -- ach, Unsinn, das Wort kommt mir immer auf
die Zunge -- mit meiner geschiedenen Frau wieder trauen zu lassen, an
welchem Jettchen Hochzeit machte.«
»Das wäre allerdings ein wenig rasch,« lachte Rottack, »und möchte
Schwierigkeiten machen. Ihre Papiere haben Sie?«
»Alles in musterhafter Ordnung.«
»Brasilianischer Bürger dazu, hm, wir wollen einmal sehen. Aber erst
müssen wir doch wohl mit Ihrer Frau sprechen.«
»Und Sie wollten das wirklich thun?«
»Hören Sie einmal, Jeremias,« sagte Graf Rottack, indem er aufstand
und seinen Hut nahm. »Bleiben Sie einmal da sitzen. Das Sprüchwort sagt
freilich: Gut Werk will Weile haben. Aber ich denke, ein gutes Werk kann
man nicht zu bald thun. Da stehen die Cigarren, in den Caraffen dort
auf dem Buffet steht Portwein und Sherry, wenn Sie in der Zeit einer
Stärkung bedürfen sollten. In einer halben Stunde bringe ich Ihnen
Antwort.«
»Ich trinke Ihnen indessen den ganzen Portwein aus,« sagte Jeremias.