»Wie?« rief Jeremias verblüfft.
»Hrzib!« wiederholte noch einmal Mauser mit einem ganz entschiedenen
Kopfschleudern.
»Du meine Güte,« sagte Jeremias, »ich glaubte vorhin, Sie hätten
geniest!«
»Ja, Sie müssen auch niesen, wenn Sie's aussprechen wollen,« versicherte
Mauser; »ganz verfluchte Namen, die böhmischen, die Zunge geht Einem
ordentlich entzwei.«
»Und wie weit von hier liegt das Dorf?«
»Ach, mit der Eisenbahn kommen Sie bald hin; aber garantiren kann ich
Ihnen nicht, daß sie noch dort ist. Sie war damals krank im Wirthshause;
ich sah sie in der Gaststube und hätte sie auch gern angeredet, aber
sie zog sich so furchtsam vor mir zurück, daß sie mir leid that, und ich
dachte mir auch, daß es ihr gerade nicht angenehm sein könnte, Jemanden
aus Haßburg zu begegnen.«
»Und wie kommt man am besten dorthin?«
»Wie Sie hinkommen? Sie fahren bis Podiebrad mit der Bahn und nehmen
sich dort einen Wagen oder Schlitten. Wo logiren Sie denn hier?«
»Im Schwarzen Roß.«
»Donnerwetter, Sie geben's fein; aber der Wirth dort kann Ihnen genau
die Route beschreiben. Ich fürchte, Sie machen eine Metzgerfahrt, denn
ich kann mir nicht denken, daß sich das arme Weibchen in dem Nest zwei
Monate aufgehalten hat.«
»Und ihr Mann war damals bei ihr?«
»Gott bewahre, der bummelte in der Welt herum. Wie mir die
Wirthsleute sagten, hatte er sie dort gelassen und versprochen, gleich
zurückzukehren, war aber schon vierzehn Tage fort, und wie er jetzt
hierher kam, trieb er sich mit einem so gemeinen Geschöpf herum -- pfui
Teufel!«
»Aber Sie nannten doch dort ihren Namen, daß die Leute in ihre Heimath
schreiben konnten?« rief Jeremias.
»Wo's mich nicht juckt, kratz' ich mich nicht,« sagte Mauser; »wenn
sie das wollte, konnte sie's selber thun. Werde mich hüten und mich in
Familien-Angelegenheiten mischen -- einmal gemacht, und nicht wieder.«
»Ob man wohl noch heut Abend hinkommen könnte?« sagte Jeremias, der
keine Ruhe mehr hatte.
»Sie sind wohl toll!« rief Mauser; »es dämmert schon und die Nächte
sind stockdunkel. Wenn Sie Nachts von Podiebrad fort wollten und bei dem
Schnee vom Wege abkämen, könnten Sie Hals und Beine brechen. Wollen
Sie absolut nachsehen, so fahren Sie morgen früh mit Tagesanbruch weg;
nachher haben Sie den ganzen Tag vor sich. 's wird doch ein vergebener
Gang sein, denn sie ist nicht mehr dort.«
»Und in welchem Wirthshause war sie?«
»In welchem? Glauben Sie, daß in dem Nest mehr wie eins ist? Ne, da
können Sie nicht irre gehen.«
»Aber den Namen von dem verwünschten Ort behalt' ich in meinem Leben
nicht. Wie hieß er?«
»Hrzib; na warten Sie, ich gehe nachher mit Ihnen in Ihr Hotel und
beschreib' es dem Wirth selber. Das wird das Gescheidteste sein -- wie?«
»Sie sind ein Goldmann, Herr Mauser; ich weiß nicht, wie ich es Ihnen
danken soll.«
»Bitte,« schrie Mauser; »trinken wir noch ein Seidel?«
»Sechs, wenn Sie wollen,« rief Jeremias, »da ich heut Abend doch nicht
mehr fahren kann; denn ich glaube selber, es ist am besten, ich warte
bis morgen früh.«
»Denken Sie nur gar nicht daran.«
»Dann sind Sie auch heut Abend mein Gast, und Sie haben sich noch
außerdem eine sehr wackere Familie zum höchsten Dank verpflichtet.«
»Reden wir nur gar nicht mehr davon,« schrie Mauser, äußerst vergnügt
über die Aussicht eines fidelen Abends; »famoser Zufall, daß wir uns
hier getroffen haben, und -- Apropos, wie geht es denn Fräulein Bassini,
Ihrer Fräulein Schwägerin? Sie soll leben, Herr Stelzhammer, Sie soll,
hol' mich der Teufel, leben!«
Jeremias fand, daß dem kleinen Mann der starke Wein etwas zu Kopf
gestiegen war, und da jetzt auch schon mit anbrechendem Abend einzelne
Gäste eintrafen, schlug er ihm vor, noch einen kurzen Spaziergang zu
machen und dann im »Schwarzen Roß« zu soupiren.
Das war nicht abzuschlagen, und Jeremias brachte später den kleinen
fidelen Souffleur -- der glücklicher Weise heut Abend nicht zu
souffliren hatte, oder es wäre um das Stück geschehen gewesen -- auf
seine eigene Stube, wo sie bei einem delicaten Abendbrod und noch
delicateren Weinen so lange zusammen saßen, bis Mauser selber erklärte,
heute fände er den Heimweg nicht mehr, so viel sei sicher, und morgen
früh würde ihn der Nachtwächter wohl halb oder dreiviertel erfroren an
irgend einer Straßenecke treffen.
Dem wollte ihn Jeremias doch nicht aussetzen, ließ ihm also ein
Zimmer im Hotel geben, brachte ihn selber zu Bett, und traf dann seine
Vorbereitungen, um am nächsten Morgen mit dem Frühzug nach Podiebrad und
von da ohne Säumen nach jenem bezeichneten Dorf mit dem entsetzlichen
Namen hinüber zu fahren.
Am liebsten hätte er freilich gleich noch heut Abend nach Haßburg
hinüber telegraphirt, daß er eine Spur gefunden habe und ihr jetzt
folgen wolle, um Rottacks wenigstens einige Hoffnung zu machen. War
aber das junge, unglückliche Wesen nicht mehr in jenem kleinen Nest und
verlor er dort wieder ihre Spur -- was dann? Es blieb immer besser, erst
dort an Ort und Stelle seine Nachforschungen zu beginnen, was er auch
mit der größten Sicherheit thun durfte, denn wenn er die Comtesse auch
schon in Haßburg gesehen hatte, ihn kannte sie auf keinen Fall, selbst
wenn er auch seinen Namen nannte.
Beim Portier ließ er jetzt nur noch auf die Tafel schreiben, daß er
zur rechten Zeit geweckt sein wolle, und legte sich dann mit dem
beruhigenden Bewußtsein schlafen, doch jetzt ein bestimmtes Ziel zu
haben, dem er nachfahren könne, und nicht mehr länger in der Irre
umhersuchen zu müssen.
Jeremias hatte am vorigen Abend wie Mauser ganz tüchtig gebechert, aber
der kleine Mann konnte auch eine ordentliche Portion vertragen, und
um halb sechs Uhr am nächsten Morgen saß er schon fertig angezogen und
reisebereit vor seinem Kaffee, und unten klingelten auch gleich darauf
die mit tönenden Schellen behangenen Pferde, als der Kutscher aus
dem Thorweg heraus und vor das Haus fuhr, um dort seinen Passagier zu
erwarten und nach dem Bahnhof zu bringen.
Und der Wind pfiff nicht schlecht am Fluß herauf, der Himmel hatte sich
dabei umzogen, und es fing an gefrorenen Regen herunter zu werfen, der,
wo er in's Gesicht traf, wie Nadeln stach. Aber was half's; der
Weg mußte zurückgelegt werden, und mit einer Anzahl wollener Decken
versehen, die er sich vom Wirthe geborgt hatte, um nachher von Podiebrad
Fuhrgelegenheit zu nehmen und ordentlich eingepackt zu sein, warf er
sich in sein Coupé und sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, die ihm
Gewißheit über die Gesuchte bringen sollte.
In Podiebrad hatte es auch keine Schwierigkeit, ein Fuhrwerk nach jenem
Dorfe, dessen Namen er deutlich geschrieben auf einem Zettel bei sich
trug, zu finden, und gegen Mittag etwa erreichte er den kleinen Ort und
hielt bald darauf vor der Schenke -- einem traurigen, wüsten Aufenthalt.
Und hier sollte er die junge, an jede Bequemlichkeit von Jugend auf
gewöhnte Comtesse finden? Er schauderte ordentlich, als er sich die
Möglichkeit dachte, daß sie hier Monate lang allein und freundlos
gehaust habe. Das war auch gar nicht möglich, und er fürchtete jetzt
fast ebenso, ihr hier zu begegnen, wie er sich früher danach gesehnt
hatte, sie anzutreffen.
»Und was mache ich mit den Pferden, Herr?« fragte der Kutscher, als
Jeremias vor der Schenke aus dem Schlitten stieg.
»Stellt sie ein, Freund,« lautete die Antwort, »ein Stall wird doch
hier zu finden sein. Ich bleibe wahrscheinlich ein paar Stunden hier und
fahre dann wieder zurück.«
Damit trat er in das Haus und in die niedere, furchtbar geheizte
Gaststube, aus der ihm aber ein widerlicher Dunst entgegen schlug, daß
er ordentlich erschreckt einen Moment in der Thür stehen blieb, um seine
Lunge erst an diese Atmosphäre zu gewöhnen.
Gäste waren nicht im Zimmer, einen Fuhrknecht ausgenommen, der am Tisch
saß, ein großes Glas Branntwein vor sich hatte und aus einer kurzen,
schmutzigen Pfeife Wolken stinkenden Tabaksqualms ausstieß. Jeremias war
in Brasilien gerade nicht mit sehr vorzüglichem Tabak verwöhnt worden,
der hier roch ihm aber doch außer dem Spaß. Aber was half es; es mußte
ertragen werden, und mit einem freundlichen Gruß gegen den Mann, der
ihm nur kurz zunickte, wandte er sich an ein weibliches Individuum,
möglicher Weise die Wirthin oder auch vielleicht eine Dienstmagd, die
aber von Schmutz starrte, und fragte sie, ob hier im Hause eine Dame
seit einiger Zeit logire.
Die Antwort, welche er bekam, war böhmisch; das Frauenzimmer verstand
kein Wort Deutsch und zeigte nur dabei auf den Fuhrknecht, der ihr
wahrscheinlich als Dolmetscher dienen sollte.
Er wandte sich jetzt an diesen und wiederholte seine Frage, bekam aber
auch keine Antwort, denn der Mann unterhielt sich jetzt erst eine ganze
Weile mit der Frau in einem Kauderwälsch, von dem Jeremias natürlich
keine Sterbenssilbe verstand. Endlich drehte er wieder den Kopf nach ihm
herum.
»Wen suchen Sie?« sagte er allerdings auf Deutsch, aber so gebrochen,
daß Jeremias genau aufpassen mußte, wenn er die Worte verstehen wollte.
»Eine Dame,« sagte Jeremias, »die vor etwa zwei oder drei Monaten in
dieses Dorf gekommen und allein hier geblieben ist.«
»Eine Dame?« wiederholte der Mann erstaunt und mit dem Kopf schüttelnd.
»Was sollte die hier machen?«
»Ein junges Frauenzimmer,« lenkte Jeremias ein, der daran dachte, daß
der Bursche unter Dame vielleicht etwas ganz Anderes verstand.
»Ja so!« rief der Fuhrknecht, und jetzt begann wieder ein langes
Gespräch mit dem Weib hinter dem Ofen, das beschäftigt war, ein paar
Suppennäpfe auszuwischen. Jeremias wartete auch geduldig seine Zeit ab,
um die Beiden nicht zu stören.
»Sie kam mit einem Manne?« fragte endlich der Fuhrknecht wieder, und
Jeremias nickte nur.
»Und der Mann ging nachher fort und kam nicht wieder?«
»Dieselbe. Ist sie noch hier im Hause?«