drinnen und arbeitete bis in die späte Nacht hinein, und der Jeremias
hatte es ihr streng verboten. Wettermädel das, und ihre Augen sahen so
schon roth genug vom vielen heimlichen Weinen aus! Aber er mochte die
Schwester nicht mehr stören, die wahrscheinlich schon schlief, sonst
wäre er gern noch einmal hinüber gegangen und hätte die Jette auch
in's Bett geschickt, oder ihr noch vielleicht gesagt, was heut Abend
vorgegangen; es brannte ihm ordentlich auf der Seele.
Das war aber heut Abend zu spät, morgen früh erfuhr sie's ja auch noch
früh genug. Er ging leise an sein Zimmer hinüber, um nicht zu viel
Geräusch zu machen, und er wollte aufschließen, denn der Schlüssel stak
immer von außen. Es war aber schon aufgeschlossen, wer konnte da drinnen
gewesen sein?
Kopfschüttelnd trat Pfeffer zu der Commode, auf der das Feuerzeug stand,
und entzündete ein Schwefelhölzchen, ließ es aber vor Schreck wieder
fallen, daß es verlöschte, als eine ruhige Stimme im Zimmer sagte:
»Guten Abend, Pfeffer; bist Du aber lange geblieben!«
»Herr Du meine Güte,« rief Pfeffer, aber immer noch mit unterdrückter
Stimme, indem er rasch ein neues Hölzchen entzündete, »wer, zum
Henker, hat sich denn da -- Jeremias,« setzte er jedoch in unbegrenztem
Erstaunen hinzu, als er beim Schein des aufflammenden Phosphors das
dicke, gutmüthige Gesicht seines Schwagers erkannte, »wo kommst Du denn
noch her?«
»Ich konnt's nicht mehr aushalten,« flüsterte Jeremias, »ich mußte
Dich heut Abend noch sprechen und sitze jetzt hier schon eine volle
Glockenstunde auf einer Lichtscheere, wie ich eben entdeckt habe, die'
auf dem verwünschten Stuhl gelegen hat. Junge, mir ist zu Muthe, als ob
ich tanzen müßte!«
»Auch eine sehr passende Zeit und Gelegenheit dafür,« brummte Pfeffer,
dem aber trotzdem nichts Lieberes hätte geschehen können, als daß er
seinen Schwager noch getroffen. Dabei zündete er das Licht an und setzte
es auf den Tisch. »Na, wie war's? Aber sprich leise, ich glaube, die
Guste schläft schon.«
»Licht haben sie noch; wie's dunkel war, schien es durch das
Schlüsselloch da drüben herein.«
»Das Blitzmädel arbeitet wieder bis nach Mitternacht; ich habe große
Lust, hinüber zu gehen und ihr die Lampe vor der Nase auszublasen. Du
warst im Theater?«
»Ja, Pfeffer.«
»Nun, wie -- bst -- ich glaube, die sprechen da drüben noch zusammen.«
»Jettchen,« hatte die Mutter, welche schon ein paar Stunden geschlafen,
die Tochter angerufen, »bist Du denn noch auf, Kind? Es muß ja schon so
spät sein.«
»Gar nicht, Mütterchen; aber morgen Abend ist ja der Ball, und ich muß
doch denen die Arbeit fertig machen, denen ich sie versprochen habe; und
der Brautkranz kam auch noch dazu.«
»Ist denn nicht noch Jemand drüben beim Fürchtegott?«
»Ich habe auch sprechen gehört. Vor einer Stunde etwa kam der Onkel nach
Hause, ich hörte wenigstens Schritte, und es ging Jemand in das Zimmer
nebenan, und dann hat sich nichts weiter gerührt. Jetzt kam wieder
Jemand, und nun sprechen sie mit einander.«
An die Verbindungsthür pochte es.
»Seid Ihr noch munter?« fragte Pfeffer's Stimme.
»Ja, Onkel.«
»Können wir einmal hinüberkommen?«
»Wir -- wer denn noch?«
»Der Jeremias.«
»Der Vater? War der es, der noch so spät kam? Es ist doch nichts
vorgefallen, Onkel?«
»Können wir noch einmal hinüberkommen?«
»Es ist zu spät, Fürchtegott,« sagte Jeremias abwehrend.
»Nie zu spät, eine gute Nachricht zu hören,« brummte Pfeffer; »wie?«
»Ja gewiß, Onkel; ich habe noch Licht.«
»Das weiß ich, Du kleine Hexe, und auch noch die Finger voll Blätter
und Staubfäden; na, warte!« Und sein Licht vom Tisch nehmend, winkte
er Jeremias und sah, als er sein Zimmer verließ, nur eben noch, wie
Jettchen in die Küche hineinhuschte.
Sie gingen hinüber. Das Bett der Kranken war jetzt im Wohnzimmer
aufgeschlagen worden, und die Frau, welche recht leidend aussah, hatte
sich aufgerichtet, um die beiden Männer begrüßen zu können.
»Nun, wie geht's heut Abend, Auguste? Wieder viel gehustet? Was machst
Du?«
»Es geht etwas besser, seit ich die häßliche Medicin nicht mehr trinken
muß.«
»War der neue Doctor da?« fragte Pfeffer rasch.
»Jeremias wollte es ja absolut; er behauptete immer, daß unser alter
Arzt mich falsch behandle.«
»Und was sagt der neue? Natürlich Alles verkehrt bisher, wie gewöhnlich,
und nun versucht er es einmal mit einer andern Quacksalberei; kommt mir
damit, das bleibt immer dasselbe.«
»Er hat mir fast gar keine gegeben,« sagte die Frau leise; »er
behauptet, ich wäre gar nicht krank, wenigstens könne er nichts
entdecken, was eine ernstliche Cur verlange. Nur vor Gemüthsbewegungen
solle ich mich hüten und nur besonders keine traurigen Gedanken machen,
denn es sehe ihm beinahe so aus, als ob mich nur die Furcht vor einer
Krankheit wirklich krank gemacht hätte.«
»Also mache Dir keine traurigen Gedanken!« lachte Pfeffer.
»Und kann ich denn anders?« sagte die Frau leise. »Sehe ich denn nicht
das arme Kind, das Jettchen, den ganzen Tag vor mir, wie es immer ruhig,
immer freundlich, mit keiner Klage auf dem Herzen auch mit jedem Tage
elender wird und sich verzehrt, und nur Abends, wenn sie glaubt, daß
ich schlafe, ihre Schmerzensthränen still und heimlich fließen läßt? Das
arme Jettchen! Aber was führt Dich noch so spät hierher, Jeremias? Es
ist doch nichts vorgefallen? Lieber Gott, ich habe jetzt immer eine
solche Angst, als ob irgend etwas recht Schlimmes eintreten müsse!«
»Und wenn's nun etwas recht Gutes wäre, Auguste,« sagte Jeremias, der
sich die ganze Zeit verlegen die Hände gerieben hatte -- »etwas recht
Gutes?«
»Recht Gutes?« rief die Frau aufmerksam werdend. »Ihr seht mir Beide so
sonderbar aus, und diese späte Stunde!«
»Wo steckt denn das Jettchen?«
»Hier ist sie schon, Onkel,« rief das junge Mädchen, die Thür öffnend.
»Guten Abend Vater! Ich hatte kurz vorher kochend Wasser gemacht,
weil die Mutter so hustete; das war den Augenblick wieder zum Kochen
gebracht, und da hab' ich Euch Beiden eine Tasse Thee aufgegossen. Onkel
trinkt ihn ja doch gern, wenn er Abends nach Hause kommt, nicht wahr?«
»Aber doch nicht um Mitternacht, Schatz; doch nun setze Dich einmal
dahin. Wie, Jeremias, nicht wahr? wir wollen den Beiden jetzt einmal
eine Geschichte erzählen?«
»Was hast Du nur, Onkel?«
»Dahin setzen und ruhig zuhören; erst gieb mir aber einmal den Zucker
her.«
Henriette gehorchte kopfschüttelnd, denn sie begriff gar nicht, was sie
aus dem Allen machen sollte. Der Onkel war aber innerlich vergnügt, das
hatte sie ihm auf den ersten Blick angesehen; was konnte nur vorgefallen
sein?
»So,« sagte jetzt Pfeffer, als er sich hinter den Tisch gesetzt und
behaglich seinen etwas späten Thee schlürfte, während ihn die beiden
Frauen erwartungsvoll ansahen -- »nun erzähl' einmal, Jeremias.«
»Nein, erzähl' Du's lieber,« meinte sein Schwager, »Du kannst's besser.«
»Hm, gut,« nickte Pfeffer, »dann will ich's erzählen; nun paßt einmal
auf. Heut Abend war also Hamlet im Theater.«
»Ist das Alles?« lächelte das junge Mädchen, als der Onkel schwieg.
»Doch nicht ganz,« sagte Pfeffer, der in Gedanken nach seiner
Cigarrentasche griff, sie aber wieder zurückschob und eine Prise nahm.
»Wie wir anfangen wollten, stellte sich nämlich die kleine Schwierigkeit
heraus, daß wir -- keinen Hamlet hatten.«
»Keinen Hamlet?«
»Handor kam nicht; die Ouvertüre spielte, die Tänzerin mußte ihre Künste
machen, und noch immer kein Hamlet.«
»Ja, aber was wurde denn da?«
»Es mußte ihn ein Anderer spielen,« sagte Pfeffer trocken.
»Ein Anderer?« fragte jetzt auch die Frau erstaunt. »Und wer konnte denn
in der kurzen Zeit den Hamlet übernehmen?«
»Rebe!« platzte Jeremias heraus.
»Rebe?« riefen die beiden Frauen fast erschreckt wie aus Einem Munde.
»Jetzt verdirbt mir der meine ganze Geschichte!« rief Pfeffer. »Konntest
Du denn nicht das Maul halten? Ich hätte sie noch eine ganze Stunde
rathen lassen.«
»Aber wie, um Gottes willen, war das möglich?« stöhnte Henriette,
während die Mutter ausrief:
»Und ging es gut?«
Jeremias wollte wieder etwas sagen; Pfeffer hatte ihn aber im Auge und
fuhr dazwischen:
»Halt, erst komm' ich! Ob es ging? Keine Hand rührte sich im Anfang,
Alles war todtenstill, und sie lachten nur, wie Meier mit einem dicken
Backen als Güldenstern auftrat. Krüger ging auf dem Theater herum, daß
es einen Stein hätte erbarmen sollen, gerade etwa wie Einer, der zum
ersten Mal auf einer Versenkung steht und nicht genau weiß, wann sie
mit ihm abgeht. Wir hatten übrigens Alle Heidenangst, und ich erwartete
jeden Moment, daß sie unten an zu pfeifen fingen. Aber ne -- auch der
zweite Akt ging vorüber, und im Parterre und Parket saßen sie wie die
Mauern.«
»Und dann?«
»Dann haben sie gejubelt und applaudirt und herausgerufen, wie ich's in
meinem Leben nicht für möglich gehalten!« rief jetzt Jeremias, der
nicht mehr länger an sich halten konnte. »Nein getobt haben sie, wie
die Indianer, und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel als
Anerkennung geschickt!«
»Und woher weißt Du denn das schon?« rief Pfeffer.
»Auf der Straße erzählten sich's die Leute. Wie ein Lauffeuer ging's von
Mund zu Mund.«
Die Frau hatte vor Freude die Hände gefaltet. Jettchen aber saß still
und bleich auf ihrem Stuhl und rührte und regte sich nicht, aber um ihre
Lippen zuckte es; sie wollte aufstehen, sie konnte nicht, und plötzlich
dem neben ihr sitzenden Vater um den Hals fallend, lehnte sie ihren Kopf
auf seine Schulter und schluchzte leise.
»Mein liebes, liebes Jettchen,« sagte Jeremias gerührt, »aber so weine
doch nicht, Schatz! Das ist doch keine Ursache zum Weinen, nicht wahr,
Fürchtegott? Das ist doch eher Ursache zum Fidelsein. Er hat seine Sache
brav gemacht, recht brav, er ist ein ganz tüchtiger Schauspieler, sie
Alle sagten da unten, der Handor hätte die Rolle in seinem ganzen Leben
nicht so gespielt, und ich habe selber mit applaudirt, daß mir noch
jetzt die Hände weh thun.«
»Und was war mit Handor?« fragte die Mutter, die sich immer noch nicht
von ihrem Erstaunen erholen konnte.
»Durchgebrannt ist er und wird wahrscheinlich nicht wiederkommen,« rief
Pfeffer. »Jetzt aber geht schlafen, und Du auch, Jettchen; es ist spät
und Ihr sollt mir nicht länger wach bleiben.«
»Ja, ich will auch nach Hause gehen,« sagte Jeremias.
»Fällt Dir gar nicht ein,« brummte Pfeffer. »Glaubst Du, daß ich nach
all' der Aufregung jetzt schlafen kann?«
»Aber es ist zwölf Uhr vorbei.«
»Gerade deswegen, die Nacht ist doch einmal angebrochen, und Jettchen
hat gewiß noch heißes Wasser.«
»Ja, Onkel.«
»Sehr schön; auf den dünnen Thee schläft sich's überhaupt erbärmlich;
da setzen wir uns noch drüben in meine Stube, rauchen eine vernünftige
Pfeife oder Cigarre -- hast Du welche mit, Jeremias?«
»Gute, aber ich habe mich im Theater darauf gesetzt.«
»Auf was Du nicht Alles gesessen hast! Na, es wird schon gehen, trinken
ein anständiges Glas Grog dazu und besprechen noch so Manches, was wir
auf dem Herzen haben.«
»Ich mache Dir gleich wieder heißes Wasser, Onkel.«
»Setz' uns lieber das Wasser und den Spiritus hinüber, Schatz, und
vergiß den Zucker nicht. Du, Dein Rum ist famos, Jeremias; ich bin mit
der einen Flasche schon halb fertig -- und morgen wollen wir dann das
Weitere sehen.«
»Und nun machst Du Dir auch keine traurigen Gedanken mehr, nicht wahr
Auguste; es wird ja jetzt Alles gut gehen,« sagte Jeremias herzlich.
»Jetzt nicht mehr, Kinder, jetzt nicht mehr,« sagte die Frau gerührt,
»und jetzt wird Jettchen auch die rothen Ränder um die Augen verlieren
und nicht mehr heimlich weinen.«
»Aber, beste Mutter!«
»Ruhe im Quartier!« rief Pfeffer; »ich habe eine ordentliche Sehnsucht
nach einem Glase Grog. Und nun gute Nacht! Du bist doch nicht böse, daß
wir Dich heut Abend noch einmal gestört haben?«
»Ich bin recht glücklich, Fürchtegott!«
»Na, also denn Abgang mit allseitiger Zufriedenheit!« rief Pfeffer,
griff Jeremias unter den Arm und schleppte ihn mit in sein Zimmer
hinüber, wo die beiden Männer noch wenigstens zwei Stunden zusammen
saßen, mit einander rauchten und tranken und zuletzt so vergnügt wurden,
daß Pfeffer wieder vor verhaltenem Lachen seinen bösen Husten bekam und
hinten in den Alcoven ging und den Kopf in's Bett steckte, damit die
Frauen nebenan nicht davon gestört würden.
24.
Am andern Morgen.
Lange hatten keine zwei, solcher Art zusammentreffende Ereignisse
die Gemüther einer Stadt so gleichzeitig und in allen Schichten der
Gesellschaft in Aufregung gesetzt, als die in den vorigen Capiteln
beschriebenen.
Da war fast kein Haus in Haßburg, bis zu der niedrigsten Hütte hinab,
das sich nicht für den einen oder den andern Theil der Tragödie
interessirte, denn Graf Monford war nicht besser und genauer in den
höheren, als Handor in den mittleren Kreisen bekannt; und selbst die
Handarbeiter und Tagelöhner nahmen Partei in der Sache, denn sie alle
kannten den sogenannten »alten Fritz«, den Maulwurfsfänger, der jetzt
nicht auf einem einfachen Wildfrevel erwischt sein durfte, sondern
jedenfalls bei der Flucht der jungen Gräfin mit geholfen haben mußte.
Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten Entstellungen dabei zum
Vorschein kamen, denn nichts ist so toll und unwahrscheinlich, das
nicht doch bei solchen Gelegenheiten eine Menge von Gläubigen und
Weiterträgern fände. Leider liegt es dabei nun einmal im Menschen
-- oder, wenn das zu allgemein ist, doch in dem größten Theil der
civilisirten Welt --, daß sie am liebsten Böses oder Nachtheiliges von
ihren Mitmenschen hören und es mit viel größerer Vorliebe nacherzählen,
als das Gegentheil. Selbst gute Menschen, die nie mit Absicht einem
Andern ein Unrecht oder einen Schaden zufügen würden, verweilen mit weit
gespannterem Interesse bei irgend einer Schreckenskunde, einem verübten
Verbrechen oder einem Unfall, wie bei irgend einem freudigen Ereigniß,
und betrifft die Sache nun gar bekannte, oder, noch mehr, befreundete
Familien, so können es die verschiedenen Persönlichkeiten kaum erwarten,
bis sie im Stande waren, der Sache die weiteste Verbreitung zu geben.
So verworren und unbestimmt alle solche »ersten Gerüchte« aber überhaupt
sind, etwas Wahres ist doch gewöhnlich daran, und die Gesellschaft hat
besonders eine kaum zu überschätzende Gabe im Combiniren, was ihr in
diesem Fall aber noch außerdem sehr erleichtert wurde.
Wie der Gedanke schon an jenem Abend in der »Hölle« aufgetaucht und
ausgesprochen worden, daß die Flucht des ersten Liebhabers am Theater
mit dem Verschwinden der jungen Gräfin auf das Genaueste in Verbindung
stehen könne, so verbreitete sich diese Erzählung des Geschehenen als
unwiderlegbare Thatsache am nächsten Morgen durch die ganze Stadt, und
die Gräfin Monford hätte jenes Abschiedsbillet ihrer Tochter nicht so
sorgfältig zu verbrennen gebraucht; der Inhalt desselben konnte nicht
genauer überall bekannt sein, und wenn es Feodor Strohwisch selber
gelesen hätte.
Es gab des Neuen aber in der That auf einmal zu viel, um es gleich
ordentlich zu sichten und zu verwerthen, und wahrlich, der Stoff, wenn
nur ordentlich eingetheilt, würde für den ganzen Sommer und bis spät
in den Herbst hinein gelangt haben, um die Gemüther in einer angenehmen
Aufregung zu erhalten. So puffte Alles mit Einem Mal in die Höhe; es war
ordentlich schade.
Und dabei sollten die Damen auch noch ihren Putz für den heut Abend
stattfindenden Ball herrichten, wo jede darauf brannte, Besuche zu
machen oder zu empfangen. Es war das schwierigste Stück Arbeit, das sie
in ihrem ganzen Leben geleistet, und nur die Aussicht, auch dafür
heut Abend wenigstens ihre Meinungen auszutauschen und noch eine Masse
interessanter Einzelheiten zu erfahren, konnte sie einigermaßen dafür
entschädigen.
Unberührt von dem Allen saß indessen der Held des vorigen Theaterabends,
Horatius Rebe, in seinem kleinen, ärmlichen Dachstübchen und träumte den
verlebten seligsten Tag seines Lebens noch einmal durch.
Er wußte von Allem nichts, weder von Handor's wirklichem Durchgehen,
noch von den Ereignissen, die sich in dem ihm überdies vollkommen
fremden gräflich Monford'schen Hause zugetragen, und das doch eigentlich
die directe Ursache seines gestrigen Triumphes gewesen.
Das Herz zum Zerspringen voll von Glück und Seligkeit, gab er sich ganz
dem einen erhebenden Gefühl hin, endlich seinen Beruf gefunden zu haben,
daß seine Zuversicht, sein Vertrauen zu sich selbst ihn nicht getäuscht
und daß er im Stande gewesen, nicht allein dem Publikum, nein, auch sich
selber zu beweisen, er verdiene den Namen eines Künstlers und sei besser
als das, wozu man ihn bis jetzt gemacht und gebraucht: ein Ausfüllsel
für werthvollere Stoffe.
Wie hatte ihn bis jetzt Alles unterdrückt und unter die Füße getreten,
vom Director nieder bis zum Souffleur, der ihm ja hier in seinem eigenen
Zimmer gesagt, daß er lieber Schuster oder Schneider werden, aber
jedenfalls die Bühne verlassen solle, weil er kein Talent dafür habe!
War ihm denn auch nur von Einer Seite Aufmunterung und Trost geworden
-- nur von Einer Seite? Aber ja, Henriette; sie allein hatte ihn immer
getröstet, wenn er schon verzweifeln wollte, sie allein war lieb und
freundlich mit ihm gewesen und hatte den armen Ausgestoßenen nie fühlen
lassen, wie verloren und verlassen er in der Welt stehe. Und würde er
sie wiedersehen? Gott allein wußte es; denn er ging heute Morgen einen
ernsten Gang, und jeden Augenblick erwartete er den Freund, einen alten
Commilitonen, der hier bei einem Arzt als Famulus eingetreten war,
zurück, um zu erfahren, welche Zeit er mit Herrn Handor für ihr
bestimmtes Rencontre ausgemacht und besprochen habe.
Und wenn er fiel? -- dann mit Gott, er fiel doch ehrenvoll! Er hatte
bewiesen und beweisen können, daß er den Kampf nicht muthwillig und in
Ueberschätzung seiner eigenen Kräfte gesucht, sondern daß er dazu durch
ungerechtfertigte Mißhandlung und Heruntersetzung gezwungen worden.
In diesem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe er noch »Herein«
rufen konnte, öffnete sich diese und der Erwartete trat ein.
»Nun, Frank, wie steht's?« rief ihm Rebe entgegen. »Wann ist die Zeit?
Je eher, desto besser!«
»Höre, Rebe,« sagte der junge Mann, »wenn Du absolut schlagen willst, so
mußt Du Dir schon einen Andern suchen, denn Handor ist fort!«
»Fort?«
»Ich hörte schon gestern Abend darüber munkeln, mochte Dir aber nichts
davon sagen, bis ich mich selber überzeugt hätte; aber es hat seine
Richtigkeit. Ausgekniffen nach allen Regeln der Kunst; aber wohl kaum
des Duells wegen, sondern mit einer jungen Dame aus einer der ersten
Familien der Stadt, der Comtesse Monford, und mit Hinterlassung eines
negativen Vermögens von circa zwanzigtausend Gulden.«
»Und gestern Abend schon?«
»Vor Dunkelwerden ist er noch gesehen worden; jetzt sucht ihn alle Welt,
und wird er wirklich eingebracht, möchte er wohl kaum im Stande sein,
Dir Genugthuung zu geben. Sei übrigens froh, denn Du bist auf diese Art
die unangenehme Geschichte am besten los geworden.«
»Ich begreife noch immer nicht...«
»Du wirst das Nähere schon über Tag hören, denn die ganze Stadt ist voll
davon; ich selber habe aber keine Zeit, denn ich muß zu Monfords hinaus,
wo gestern ein Mensch, der sich seit einigen Jahren hier im Lande
herumtreibt, beim Wildern vom Förster erwischt worden ist und einen
bösen Schuß in den Schenkel bekommen haben soll. Also auf Wiedersehen!
Sobald ich kann, komme ich zu Dir; die Sache ist aber abgemacht und Du
brauchst Dir deshalb nicht weitere Sorgen zu machen.« -- Und seinen Hut
aufsetzend, den er noch nicht einmal abgelegt, schoß er aus dem Zimmer.
Rebe ging eine Weile mit gekreuzten Armen in seinem kleinen Kämmerchen
auf und ab. Was war nicht Alles vorgefallen in den kurzen Tagen, wie
drängte sich Ereigniß auf Ereigniß, und wie würde sich selber jetzt sein
Schicksal gestalten? -- Handor fort auf Nimmerwiederkehren, denn
nach dem Geschehenen wäre ja doch seine Stellung am hiesigen Theater
unhaltbar gewesen. Sein eigener Contract war dabei mit dem heutigen Tage
abgelaufen, und er sollte jetzt die Stadt verlassen, in der er Alles
zurücklassen mußte, an dem sein Herz, seine Seele hing. Und war es doch
vielleicht möglich, daß er noch blieb? Waren die freundlichen Worte, die
ihm der Director gestern Abend nach der Vorstellung gesagt, nicht blos
eine leere Höflichkeitsform gewesen, die er heute vergessen hatte oder
vielleicht gar bereute?
Wieder klopfte es laut und herzhaft an, und auf Rebe's »Herein« öffnete
sich die Thür und Feodor Strohwisch stand in Lebensgröße auf der
Schwelle.
Rebe war in der That erstaunt, denn der gefürchtete Recensent Haßburgs
hatte ihn bis jetzt, wie er für ihn in der Kritik nie anders als
höchstens in einer höhnischen Bemerkung existirte, kaum eines Blickes
gewürdigt, wenn er ihm auf der Straße begegnete, ja, selbst die Form des
gewöhnlichen Anstandes so weit außer Acht gelassen, ihm nicht einmal auf
einen Gruß zu danken, so daß ihn Rebe von da an ebenfalls ignorirte. Und
der besuchte ihn jetzt?
Rede war so erstaunt, daß er nicht einmal gleich wußte, wie er ihn
empfangen solle. Feodor Strohwisch überhob ihn aber aller derartigen
Bedenklichkeiten, denn mit der liebenswürdigsten Cordialität streckte er
ihm, während er den Spazierstock unter dem Arm und den Hut auf dem Kopf
behielt, beide Hände entgegen und rief herzlich und entzückt:
»Lieber, bester Rebe, gestatten Sie mir, daß ich der Erste sei, der
Ihnen zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfolge Glück wünscht; Sie können
gar nicht glauben, wie ich mich darüber gefreut habe!«
»Herr Doctor,« sagte Rebe, der sich noch immer nicht von seinem
Erstaunen erholen konnte, »das ist in der That eine Ueberraschung, Sie
bei mir zu sehen.«
»Und das wundert Sie?« sagte Strohwisch vollkommen unbefangen; »ich muß
Ihnen nur gestehen, daß ich Ihr keimendes Talent schon lange im Stillen
beobachtet und erkannt habe, wenn ich auch natürlich nicht ahnen konnte,
daß es einmal plötzlich in einer solchen Flamme emporlohen würde.
Vortreffliches Bild, nicht wahr? Mit Krüger ist aber nichts anzufangen,
der reitet so lange auf seinen Steckenpferden herum, bis er sie alle zu
Schande geritten hat; denn wäre der meinem Rathe gefolgt, so würde er
Sie schon lange anständig beschäftigt haben -- aber Gott bewahre!«
»In der That, Herr Doctor?«
»Das können Sie mir glauben,« sagte Strohwisch, seinen Hut auf den Tisch
stellend und sich selber auf einen Stuhl werfend. Dabei sah er sich
augenscheinlich im Zimmer nach etwas um.
»Ich bin Ihnen dann in der That sehr zu Dank verpflichtet,« sagte
Rebe trocken, »und muß nur bewundern, wie geheimnißvoll Sie das Alles
betrieben haben.«
»Bescheidenheit, lieber Freund, vielleicht thörichte Bescheidenheit.
Aber =à propos=, haben Sie nirgendwo eine Cigarre? Meine Cigarrentasche
muß in einem andern Rock stecken.«
»Ich bedaure sehr, ich rauche gar nicht.«
»Sie rauchen nicht? Das ist merkwürdig, das müssen Sie sich noch
angewöhnen -- ein Künstler und nicht rauchen! Sie sind ein ganz
außerordentlicher Mensch, Rebe, ein ganz außerordentlicher Mensch!«
Dabei griff er in die Tasche, nahm die in dem andern Rock vermuthete
Cigarrentasche, und aus dieser eine Cigarre, biß sie ab und
entzündete sie dann mit dem auf dem Tisch neben dem Licht stehenden
Streichfeuerzeug.
»Und haben Sie auch schon davon gehört,« fragte Rebe endlich, da sein
Besuch keine Anstalt machte, das Gespräch wieder aufzunehmen, sondern
nur an seiner etwas schwergehenden Cigarre zog, »daß Herr Handor
wirklich durchgegangen sein soll?«
»Futsch,« erwiderte Strohwisch, indem er den Rauch in einer Wolke von
sich blies, »vollkommen futsch! Ich habe es schon lange erwartet; er
konnte sich auch hier nicht länger halten, oder wurde vielmehr nur noch
künstlich von mir über Wasser getragen. Es war vorbei, er hatte sich
ausgespielt; immer wieder dieselbe Geschichte, eine Rolle wie die
andere, ob er den Marquis Posa oder den Wetter vom Strahl, den Mar
Piccolomini oder den Faust spielte. Das Publikum ermüdete zuletzt und
sehnte sich nach einer frischen, natürlichen Kraft, und daher auch der
rasende Erfolg, den Sie gestern Abend errangen.«
»Aber Herr Handor war hier sehr beliebt.«
»Bah, gemacht; jeden Abend zwanzig Freibillets im Theater, und die,
richtig vertheilt, können 'was ausrichten. Sie glauben gar nicht, Rebe,
was ein einziges Paar Hände im rechten Moment bedeutet, und ich denke,
ich habe Ihnen gestern eine Probe davon gegeben, als ich im dritten
Act, wie ich das Publikum genugsam vorbereitet glaubte, mit einem Avec
einsetzte.«
»Sie, Herr Doctor?«
»Nun, versteht sich; daß das ein alter Prakticus war, konnten Sie doch
gleich am Zuschlagen hören. Das erste Rennen haben Sie dadurch gewonnen,
und jetzt kommt Alles darauf an, wie die Sache gehandhabt wird, um Ihnen
ohne allen Zweifel einen bleibenden Erfolg hier zu sichern.«
»Das würde wohl nutzlos sein,« meinte Rebe, »sich darüber den Kopf
weiter zu zerbrechen, denn mein Contract ist mit dem gestrigen Tage
abgelaufen. Es war der letzte Abend, der mir Gelegenheit bot, dem
Publikum doch wenigstens zu zeigen, daß ich nicht ganz so mittelmäßig
sei, als ich bis daher hingestellt worden.«
»Schwatzen Sie kein Zeug,« sagte Strohwisch mit einer Protectormiene,
»Sie jetzt Haßburg verlassen? Denken gar nicht daran -- der Director
wird doch kein Esel sein und darein willigen!«
»Es wird doch wohl so werden.«
»Und wo will er denn einen Andern herkriegen? Glauben Sie, die ersten
Liebhaber laufen auf der Landstraße herum, daß man nur einen Gensdarmen
hinzuschicken braucht, um sich einen einzufangen? Hahahaha, denken Sie
sich das Bild! Nein, wenn das Publikum mit Ihnen hier zufrieden ist,
so hat Krüger gar keine Wahl, und wer das Publikum eigentlich hier in
Haßburg ist, Rebe, ich dächte, das wüßten Sie doch -- das bin _ich_.«
»Sie, Herr Doctor?«
»Fragen Sie nicht so kindlich. Wer schreibt denn die Recensionen über
das hiesige Theater, und in wessen Händen liegt es denn, zu bestimmen,
ob ein Künstler hier reüssiren soll oder nicht? Sobald ich meine Hand
von ihm abziehe, ist er verloren, so lange ich ihn halte, jubelt ihm
das Publikum entgegen -- Publikum, wenn ich nur den Namen gar nicht mehr
hören müßte! Es ist eine zusammengelaufene, urtheilslose Masse, die nur
in höchst seltenen Fällen, selbst im Theater drin, eine eigene Meinung
kundzugeben wagt, bis sie erst einmal gehört und gelesen hat, wie die
Sache besprochen ist.«
»Aber gestern Abend war doch das Gegentheil der Fall.«
»Weil ich zu applaudiren an fing!« rief Strohwisch leidenschaftlich.
»Tausendmal haben Sie ja den Beweis mit einem neuen Stück; sitzen
sie nicht drin wie die Stöcke und rühren keine Hand, bis sie erst
am nächsten Morgen gelesen haben, wie das Stück gefallen hat. Und
applaudiren sie wirklich einmal und rufen heraus, und ich beweise ihnen
am nächsten Morgen, daß sie sich blamirt haben, sehen Sie einmal zu, ob
nachher bei der zweiten Ausführung noch zehn Menschen im Theater sind!«
»Sie mögen in mancher Hinsicht nicht Unrecht haben.«
»In mancher Hinsicht? Lieber Freund, ich habe in jeder Hinsicht Recht.
Wer applaudirt denn im Theater? Beantworten Sie mir einmal die Eine
Frage. Der erste Rang? Fällt ihm gar nicht ein, das schickt sich nicht
für das vornehme Pack und strapazirt die Glacéhandschuhe auch zu sehr,
denn man kann sich nicht alle acht Tage ein Paar neue kaufen. Das
Parterre ist's, das den Ton angiebt, und der dritte Rang bildet das
Echo und macht den Spectakel, und fängt jedesmal deshalb an heraus zu
schreien, weil sie den Vorhang noch einmal wollen aufgehen sehen und
dadurch etwas mehr für ihr Geld bekommen. Wer sitzt aber im Parterre?
Der ehrliche Bürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, Bierbrauer,
Metzger, Posamentirer, lauter Leute, die sich blos für eine Kleinigkeit
amüsieren wollen und von denen Sie nicht verlangen können, daß sie auch
gleich ein fertiges Urtheil mit hineinbringen. Diese Leute repräsentiren
das Publikum, und der erste Rang, so sehr er auch die Nase darüber
rümpfen würde, wenn man ihm vorhalten wollte, daß er sich gerade von
diesen in seinem eigenen Urtheil bestimmen lasse, besteht doch aus
nichts als aufgeputzten Gliederpuppen, die Entrée bezahlen, das Theater
füllen und höchstens untereinander raisonniren.«
»Dann muß ich schon meine Chance nehmen, wie sie eben fällt,« sagte Rebe
achselzuckend, denn Doctor Strohwisch fing an ihm unangenehm zu
werden. »Wir wollen's abwarten. Sie haben mich gestern so freundlich
aufgenommen, daß ich wohl hoffen darf, sie werden mir auch ein
freundliches Andenken bewahren.«
»Andenken? Phantasie!« sagte Strohwisch. »Bilden Sie sich nur nicht ein,
daß Krüger Sie fortläßt, er darf es gar nicht, oder er hätte mich
auf dem Halse, und das riskirt er nicht. Nein, betrachten Sie Ihr
Wieder-Engagement als vollkommen gesichert; und dann, lieber Rebe, haben
Sie keine Sorge, ich mache die Geschichte, ich weiß Bescheid, und Sie
sollen einmal sehen, in acht Tagen kräht kein Hahn mehr nach Handor und
Sie spielen eine von seinen Rollen nach der andern ruhig weg.«
»Sie malen mir die Zukunft sehr verführerisch, Herr Doctor,« lächelte
Rebe, »aber die Hauptsache würde _ich_ doch wohl machen müssen, wenn es
wirklich dazu käme. Wenn die Kritik dabei ein wenig nachsichtig mit mir
verfahren wollte, so würde ich das dankbar anerkennen, denn ich kann
wohl sagen, ich bin durch mein langes Zurückhalten in kaum mehr als
Statistenrollen auch kaum mehr als ein Anfänger jetzt und muß wieder von
Neuem beginnen.«
»Und was zahlen Sie für die Spalte Honorar?« sagte der Doctor, der mit
einer liebenswürdigen Unbefangenheit, die nichts zu wünschen übrig ließ,
auf den Hauptpunkt übersprang.
»Zahlen für die Spalte?« sagte Rede wirklich überrascht, denn nach
seinen Ansichten von Ehrgefühl war es doch nicht denkbar, daß der
»Doctor« damit sagen wollte, er wünsche seine Recensionen von ihm
bezahlt zu haben. »Ich verstehe Sie nicht.«
»Sie sind wirklich kindlich,« lächelte Doctor Strohwisch; »Sie wissen
doch, daß ich meine Recensionen stets honorirt bekomme.«
»Aber doch nicht von dem Schauspieler!« rief Rebe ordentlich erschreckt.
»Nein, nicht von allen,« sagte der Doctor, »aber die haben sich die
Folgen dann auch selber zuzuschreiben.«
Rebe war ein seelensguter Mensch und hätte sich lieber das Aeußerste
versagt, ehe er im Stande gewesen wäre, irgend Jemanden wissentlich zu
beleidigen. Bei dieser Unverschämtheit, von der er bis jetzt wirklich
noch keinen Begriff gehabt, kochte ihm aber doch das Blut, und er mußte
sich Mühe geben, an sich zu halten.
Strohwisch dabei, mit keiner Ahnung, was in dem jungen Künstler vorging,
und in der Meinung, er überlege jetzt mit sich im Stillen, was er ihm
etwa bieten könne, sah ihn freundlich lächelnd an und blies ihm dazu den
Rauch seiner Cigarre in's Gesicht.
»Nun?« fragte er endlich.
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Doctor,« erwiderte ihm Rebe mit mühsam
errungener Fassung. »Erstlich ist die Sache mit einem Wieder-Engagement
hier noch im weiten Felde, ich glaube noch nicht einmal daran; wenn das
aber auch wirklich eintreten sollte, so bin ich fest entschlossen, was
ich erreiche, auch nur mir selber zu verdanken und nie im Leben eine
gute Kritik zu bezahlen, wenn ich sie mir nicht ehrlich verdient habe.
Ich werde mir die größte Mühe geben, ich werde fleißig lernen, und daß
ich der Sache Lust und Liebe entgegenbringe, deß ist Gott mein Zeuge.
Mehr kann aber auch kein Mensch von mir verlangen, und genüge ich damit
dem Publikum nicht, gut, dann setze ich meinen Stab weiter und will
versuchen, mich zu vervollkomnmen, bis ich den Rang erreicht habe,
nach dem ich strebe. Genüge ich ihm aber und finden Sie selber, daß ich
meinen Platz ausfülle, dann muß ich es Ihnen auch selber überlassen, was
Sie darüber schreiben wollen.«
»Mein lieber Herr Rebe,« sagte Strohwisch trocken, »mit diesen
Grundsätzen brauche ich kein Prophet zu sein, um Ihnen zu sagen, daß Sie
schon in den nächsten acht Tagen ausgepfiffen werden.«
»Herr Doctor!«
»Auf mein Wort, gar keine Frage,« lächelte Strohwisch; »ein Recensent
ist nun einmal nicht im Stande neutral zu bleiben. Entweder interessire
ich mich für oder gegen Sie, und jetzt haben Sie noch die Wahl. Seien
Sie vernünftig,« setzte er dann mit gutmüthigem Kopfschütteln hinzu;
»sehen Sie, ein Mensch kann ja doch nun einmal nicht mit seinem Schädel
durch eine Mauer rennen, und wie die Welt ist, ändern Sie sie ja doch
nicht. Wir wollen die Sache aber einfacher machen, Sie kennen doch das
Institut der Lebensversicherungen, nicht wahr? Nun gut; sehen Sie, wie
Sie dort Ihr Leben oder in einer andern Anstalt Ihre Möbel, Wäsche und
Kleider gegen eine Feuersbrunst versichern können, so versichern Sie bei
mir Ihre Carriere als Künstler, und ich will nicht hart mit Ihnen sein:
fünf Procent von Ihrer Gage -- beim Himmel, Sie dürfen sich nicht über
mich beklagen, und die ganze Geschichte kostet Sie im höchsten Fall
lumpige hundert Thaler das ganze Jahr.«
»Und wenn ich es für hundert Groschen, ja, für hundert Pfennige haben
könnte,« rief Rebe jetzt, von seinem Stuhl emporspringend und wirklich
ganz außer sich, »so würde ich mich vor mir selber schämen, einen
solchen -- Patron zu bestechen, wie Sie sich mir eben gezeigt haben!«
»Bitte,« sagte Strohwisch, sich mit spöttischer Höflichkeit von seinem
Stuhl erhebend, aber doch nicht gewillt weiter zu gehen, denn Rebe
war von sehniger Statur und muskulös gebaut. »Ich sehe, Sie sind
kein Geschäftsmann, Herr Rebe, und bedauere wirklich herzlich, Ihre
werthvolle Zeit heute Morgen so lange in Anspruch genommen zu haben. Ob
Sie recht daran gethan, mein freundliches Entgegenkommen in solcher Art
zurückzuweisen, mag die Zeit lehren. Für jetzt habe ich die Ehre, mich
Ihnen gehorsamst zu empfehlen!« Und seinen Hut aufgreifend, verließ er
mit einer sehr förmlichen Verbeugung das Zimmer.
Rebe fühlte sich eine Last von der Seele genommen, als der Mensch ging;
denn so lange er sich in seiner Nähe befand, war es ihm ordentlich, als
ob irgend ein böser Geist Macht über ihn gewinnen und ihn von seinem
ehrlichen Pfade ablenken wollte. Aber kehrte er noch einmal zurück?
Draußen knarrte wieder die Treppe. Aber nein, das waren zwei Personen;
er hörte Stimmen. Es wurde wieder geklopft.
»Herein!«
»Bitte, nach Ihnen, ich bin hier zu Hause!« hörte er Jemanden sagen. Das
war Peters. Die Thür öffnete sich weit und der Theaterdiener nöthigte
auch wirklich -- Rebe's Herz schlug hoch -- Henriettens Vater zuerst
hinein.
Jeremias hielt sich aber nicht lange bei der Vorrede auf. Er ging auf
Rebe zu, reichte ihm herzlich die Hand und rief: »Mein lieber Rebe, ich
komme hierher, um Ihnen Abbitte zu thun.«
»Mir, Herr Stelzhammer?«
»Ich habe Sie im Verdacht gehabt, daß Sie kein Schauspieler wären und
die Geschichte nur so aus Plaisir mitmachten; ich bin jetzt aber anderer
Meinung darüber. Bleiben Sie dabei, Sie gehören nirgends anders hin, und
-- ich hoffe, es soll noch Alles gut werden.«
»Mein bester Herr...«
»Nicht wahr, er hat seine Sache gut gemacht!« rief Peters, der selber
mit stolz auf den gestrigen Erfolg war, den der Director allerdings auch
seinen Beinen zu verdanken hatte. -- »Ja, ganz brav hat er's gemacht,
und hier, Herr Rebe, auch ein Brief vom Director. Sollen um zwölf
Uhr einmal zu ihm in's Bureau kommen, verstehen schon -- gratulire im
Voraus.«
»Und haben Sie bis dahin noch etwas vor?«
»Nicht das Geringste, Herr Stelzhammer.«
»Schön; hätten Sie etwas dagegen, mich einmal zu begleiten?«
»Wohin, Herr Stelzhammer?«
»Nu, natürlich in den Italienischen Keller,« sagte Peters mit einem
verschmitzten Lächeln; »wohin kann man einen Menschen um diese Tageszeit
wohl führen? Aber, Donnerwetter, was wollte denn der Doctor Strohwisch
schon bei Ihnen -- pumpen? Natürlich! Halten Sie sich den zum guten
Freunde, wenn ich Ihnen rathen soll; er hat ein bitterböses Maul.«
»War das der Herr, dem wir auf der Treppe begegneten?«
»Ja wohl, mit den kurzen Haaren und dem mopsigen Gesichte; aber er hat's
hinter den Ohren. Na, ich muß jetzt fort; vergessen Sie nicht, um zwölf
Uhr. Guten Morgen, meine Herren!« Und wie ein Pfeil schoß er wieder aus
der Thür hinaus.
»Und wohin soll ich Sie begleiten?«
»Das war der Theaterdiener, nicht wahr?«
»Ja, Peters.«
»Wohin Sie mich begleiten sollen? Wohin Sie wahrscheinlich recht gern
mitgehen,« lächelte der kleine Mann. »Sie wissen, was mein Schwager
Pfeffer von Ihrer Bewerbung um Jettchen hielt -- bitte, lassen Sie mich
ausreden. Pfeffer kennt das Theater durch und durch, und mit keiner
Aussicht, daß _Sie_ sich je eine unabhängige Stellung dabei erringen
könnten, hielt er es für seine Pflicht, ein Verhältniß abzubrechen, das,
wie er fürchtete, für Jettchen nur vergebliche Hoffnungen hatte und
aus dem doch nie etwas Ernstes werden konnte. Gestern Abend nun, oder
vielmehr noch diese Nacht, habe ich mit ihm die Sache überlegt, und wir
sind Beide zu dem Schluß gekommen, daß Sie...« Hier stak er fest, denn
er wußte jetzt nicht recht, wie er dem ihm mit hochgerötheten Wangen
gegenüber sitzenden jungen Mann die Sache weiter auseinander setzen
sollte.
»Und erlauben Sie mir, daß ich Henriette wiedersehen darf?« sagte
endlich Rebe mit leiser Stimme.
»Hurrjeh, deshalb bin ich ja hergekommen,« rief Jeremias, der sich
dadurch mit Einem Mal aller Verlegenheit enthoben sah. »Jetzt, auf
den Ruck wollen wir hingehen! Ich sage Ihnen, daheim ist es ein wahrer
Jammer die Zeit über gewesen, so hat sich das arme Ding, das Jettchen,
heimlich gesorgt und abgequält, und die Mutter ist dabei immer elender
und miserabeler geworden. Heute blüht Jettchen wie eine junge Rose und
singt im Hause herum, daß es eine Lust ist.«
»Mein lieber Herr Stelzhammer!«
»Machen Sie nur rasch, mir brennt's ordentlich unter den Sohlen,« rief
Jeremias; »weiß Gott, es war kein Spaß, das Leiden den ganzen Tag mit
anzusehen und nichts dabei thun zu können! Der Hamlet hat die ganze
Geschichte wieder auf die Strümpfe gebracht, und wenn Sie jetzt in Gang
bleiben, ist mir auch nicht bange.«
* * * * *
Es mochte etwa elf Uhr Morgens sein, als der junge Graf Hubert, sein
braves Pferd in Schweiß gebadet, in die Stadt zurückkehrte. Er war seit
Tagesanbruch draußen gewesen und sah wild und verstört aus. Sein Gesicht
glühte dabei und seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen.
Den Weg herunter kam in einem scharfen Trab George. Er hatte Hubert's
Pferd erkannt und wollte ihn sprechen.
»Um Gottes willen, Hubert, wo bist Du gewesen?« rief er den Freund
erschreckt an. »Wie siehst Du aus?«
»Du freilich siehst aus, als ob Du von einer Morgenpromenade kämest,«
erwiderte gereizt der junge Graf. »Wo ich war? Und das fragst Du auch
noch? Den Flüchtigen nach. Beim ewigen Gott, hätte ich ihn erreicht,
seine Minuten wären gezählt gewesen!«
»Und Du hättest Dich selbst unglücklich dadurch gemacht!«
»Unglücklich? Beim Teufel, glaubst Du, daß ich jetzt glücklich bin, wo
die ganze Stadt mit Fingern auf mich deuten wird? Tod und Hölle, ich
möchte rasend werden, wenn ich darüber nachdenke!«
George seufzte tief auf. Wie gern hätte er den Freund getröstet, aber
war er nicht selber jeden Trostes bar? Seine arme, arme Paula! --
»Handor hat wie ein Schuft gehandelt!« sagte er endlich düster.
»Wer?« schrie Hubert mit einer vor innerer Bewegung fast unhörbaren
Stimme, indem er den Arm George's krampfhaft ergriff und nur wieder
loslassen mußte, weil er sein Pferd zugleich mit den Sporen berührte und
dieses mit ihm nach vorn sprang. Hubert, überdies schon zum Aeußersten
gereizt, stieß ihm die Sporen jetzt fest in die Seiten, und zugleich es
am Zügel zurückreißend, mißhandelte er das Thier, daß es vor Angst und
Schmerz kaum stehen konnte. Aber er hatte keinen Sinn für sein Roß,
nur gegen George zu riß er es wieder herum, und mit heiserer Stimme
wiederholte er: »Wer, sagtest Du, wer?«
»Handor, der Schauspieler,« erwiderte George; »es ist kein Zweifel mehr,
und Gott nur weiß es, wie er das Herz des armen Kindes so zu berücken
wußte!«
»Handor? Hahahahahaha,« lachte Hubert jetzt wild und grell auf, »das ist
zum Todtschießen! Handor, der Komödiant, mit der Comtesse Monford, der
Braut des Grafen Bolten, bei Nacht und Nebel und vom Verlobungsschmaus
weg, so recht zum Hohn entflohen! Und daher Deine Freundschaft mit
diesem Menschen, die ich mir bisher nicht zu erklären wußte; daher Deine
heimlichen Zusammenkünfte und Berathungen mit ihm!«
»Hubert, Du weißt nicht, was Du sprichst!« rief George.
»Weiß ich's nicht?« lachte Hubert in aufkochendem Zorn. »Und weil Ihr
mich zum Tölpel gemacht und meine Gutmüthigkeit benutzt habt, glaubst
Du, daß ich meine Sinne nicht wiederfände?«
»Du bist rasend, die Leute werden schon aufmerksam!«
»Aufmerksam? Hahaha, in der ganzen Stadt wird wahrscheinlich jetzt von
nichts Anderem gesprochen, und mit Fingern werden sie gleich auf uns
zeigen: Da, das ist der Bräutigam, dem die Braut davongelaufen, und das
da der Bruder, der sie zusammengekuppelt hat!«
»Du bist von Sinnen, Hubert!« rief George, der Mitleid mit der
Leidenschaft des Freundes fühlte. »Reite nach Hause und beruhige Dich
erst, dann wollen wir Alles besprechen; jetzt und in diesem Zustand
kannst Du mich nicht beleidigen.« Und damit lenkte er sein Pferd ab und
wollte den Weg hinabreiten.
»Kann ich Dich nicht beleidigen, Kuppler?« schrie in diesem Augenblick
der fast außer sich Gerathene, indem er sein schon überdies halb wild
gewordenes Thier mit den Sporen in mächtigen Sprüngen nach vorn trieb,
daß es in wenigen Sätzen George's Pferd eingeholt hatte. »So nimm das
wenigstens zum Lohn!« Und ehe es George verhindern oder den Schlag
pariren konnte, hieb er ihm mit der schweren Reitpeitsche mit voller
Kraft am Kinn herunter über die Brust.
George zügelte im Nu sein Thier ein. Er war todtenbleich geworden; aber
so bleich und starr sein Antlitz war, so ruhig hielt er sich im Sattel,
und wie Hubert sein springendes Thier nur erst einmal wieder gebändigt,
sagte George mit eisiger Kälte:
»Gott vergebe Dir Deinen Wahnsinn, ich kann es nicht, das fordert Blut!«
»Hab' ich Dich endlich warm gemacht?« lachte der junge Graf höhnisch,
und seinem Pferd die Zügel lassend, flog er mit ihm in Carrière die
Allee entlang.
25.
Wie das Glück wechselt.
In ihrem freundlichen Boudoir saß Helene, scheinbar mit einer kleinen
Arbeit beschäftigt; aber ihre Gedanken waren weit von da, und nicht
einmal der Kinder achtete sie mehr, die neben ihr auf dem Teppich
spielten und aus einem mächtigen Baukasten Schlösser aufzurichten
suchten, um sie nachher von Günther's Bleisoldaten stürmen und der Erde
gleichmachen zu lassen. Und wie sie dann jubelten und lachten, wenn der
stattliche Bau, den sie schon wenigstens noch einmal so hoch als Mamas
Fußbank aufgerichtet, polternd in sich zusammenstürzte und Helenchen
dann mit den kleinen Patschchen, vor Freude aufkreischend, dazwischen
herumstrich, damit auch nicht ein Stein auf dem andern blieb!
Man sagt: Kinder zerstören gern; aber es ist nicht wahr. Nur neubilden
wollen sie, nur dem, was sie besitzen, eine andere Form und Gestalt
geben, und daß sie dabei leichtsinnig mit dem, was ihnen gegeben,
umgehen und nach der Zerstörung oft nicht wieder im Stande sind, das
Geschehene ungeschehen zu machen -- ist es ihre Schuld, und thun wir
großen, erwachsenen Menschen nicht so oft, oh, so entsetzlich oft im
Leben genau dasselbe?
Und die Mutter sah das Alles nicht, hörte nicht einmal den Jubel
der Lieblinge über eine vollbrachte diminutive Heldenthat, und leise
tropften dann und wann große, helle Thränen von ihren Wangen nieder und
auf die Arbeit, daß sie das Tuch zu Hülfe nehmen mußte, um nur wieder
klar sehen zu können.
Geräuschlos war Felix eingetreten; aber kaum hatten ihn die Kinder
bemerkt, als sie aufsprangen und sich jubelnd an seine Kniee hingen; er
konnte sich ihrer kaum erwehren, und die Mutter wischte indessen rasch
und verstohlen die verrätherischen Tropfen weg, daß der Gatte sie nicht
sehen sollte.
»Helene,« sagte Felix und schlang leise seinen Arm um sie, »mein liebes,
liebes Frauchen, immer noch die trüben, traurigen Gedanken?«
»Ach, Felix,« seufzte die junge Frau, »soll ich fröhlich sein, wenn ich
an das Schicksal der armen Paula denke?«
»Es ist unerklärlich,« rief Graf Rottack, indem er sie losließ und zum
Fenster trat, »rein unerklärlich, wie das scheue, schüchterne Wesen
nicht allein zu diesem Entschlusse, nein, zu der Ausführung desselben
gelangte; denn hätte mir Jemand vorher gesagt, daß gerade Paula so
selbstständig, so rücksichtslos selbstständig auftreten könne, ich würde
ihn für thöricht erklärt haben.«
»Und ist es bestätigt, daß sie mit jenem Schauspieler entflohen ist?«
»Das Gerücht in der ganzen Stadt sagt allerdings Ja, und es bleibt uns
beinahe nichts Anderes zu glauben übrig, als ihm beizustimmen. Handor
ist gestern Abend, etwa zu der nämlichen Zeit verschwunden, so daß ein
junger Anfänger im Theater seine Rolle übernehmen mußte, und leider
lautet das, was ich über jenen Handor heute Morgen in der Stadt hörte,
trostlos genug für Paula's künftiges Lebensglück.«
»Arme, arme Paula!«
»Daß sich die Eltern versöhnen ließen, daran ist nun vollends
kein Gedanke,« fuhr Felix fort, »und ich fürchte, ich fürchte, das
unglückliche junge Mädchen hat einem leichtsinnigen, gewissenlosen
Menschen ihre ganze Zukunft anvertraut!«
»Und kann denn gar nichts geschehen, um sie zu retten?«
»Es ist die Frage,« sagte Felix ernst, »ob ihr Vater unter dem ersten
Eindruck dieser tödtlichen Kränkung auch nur den Versuch dazu machen
wird, und nachher -- ist es zu spät. -- Aber wer ist das? George Monford
-- großer Gott, wie todtenbleich er aussieht!«
Es war in der That George, der in diesem Augenblick vor dem Gartenthor
abstieg und sein Pferd am Zügel in die innere Einfriedigung hineinziehen
wollte. Felix sandte augenblicklich einen Diener hinaus, um es ihm
abzunehmen, und wenige Minuten später betrat der junge Graf das Zimmer,
in dem die beiden Gatten sich befanden.
Beide begrüßten ihn auf das Herzlichste. George selber war aber so
bewegt, daß er anfangs gar nicht im Stande schien, ihre freundlichen
Worte zu erwidern. Endlich sagte er leise:
»Was müssen Sie von mir denken, wenn ich schon wieder mit einer Bitte
nahe, die aber dieses Mal freilich keinen heitern Scherz betrifft!«
»Lieber Graf,« sagte Rottack herzlich, »Sie wissen, wie willkommen Sie
uns immer waren, aber nie mehr, als gerade jetzt, wenn Sie uns Hoffnung
machen, daß wir Ihnen in Ihrem Schmerze beistehen können!«
George erwiderte kein Wort, aber er preßte fest die Hand, die er in der
seinigen hielt. Sie wurden gestört, denn die Bonne kam herein, um die
Kinder abzuholen, und Helenchen wollte nicht mitgehen, weil Günther noch
einen kleinen Thurm aufgebaut hatte, den sie vorher umwerfen mußte.
Der Vater ließ sie gewähren, und indeß sie das Zimmer verließen, hatte
George auch seine volle Ruhe wiedergewonnen. -- Kaum schloß sich die
Thür hinter ihnen, als er leise sagte:
»Sie wissen Alles, was gestern vorgefallen, und insofern ist es mir eine
Erleichterung, daß ich das Entsetzliche nicht zu wiederholen brauche.
Wohin sich Paula gewandt, ist unbestimmt, nur die Richtung, welche
der Wagen letzte Nacht genommen haben muß, oder wir würden ihn sicher
überholt haben, macht es wahrscheinlich, daß sie nach dem Rhein zu
geflohen. Wer aber soll sie dort in jetziger Zeit, wo Tausende von
Fremden auf und ab schwärmen, verfolgen? Trotzdem hatte ich die Absicht,
die Reise heut Abend anzutreten; es ist aber möglich, daß ich daran
verhindert werde, und in diesem Fall möchte ich Sie dringend bitten,
Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinigen.«
»Oh, so gern, so gern,« rief Helene, »wenn wir nur eine Andeutung
bekommen können, nach welcher Himmelsgegend das unglückliche Kind
entflohen!«
»Wohl ist sie ein unglückliches Kind,« sagte George ernst, »denn ich
fürchte, sie gerieth in schlimme Hände; aber das zu bedenken ist jetzt
zu spät, und nur den Versuch müssen wir noch machen, sie zu retten, ehe
sie ganz verloren geht.«
»Und was sagen Ihre Eltern?«
»Von denen ist nichts zu hoffen,« seufzte George. »Die Mutter ist
unerbittlich, und nur den Vater könnte ich vielleicht noch gewinnen,
wenn nicht ein anderes Hinderniß dazwischen träte. Paula war immer
des Vaters Liebling, mit seiner ganzen Seele hing er an der Schwester;
deshalb traf ihn auch gestern die Schreckenskunde mit so furchtbarer
Schärfe, daß wir schon das Schlimmste fürchteten. Er war ganz außer sich
und phantasirte mit offenen Augen. Heute hat er sich erholt; er scheint
die Nacht ruhig geschlafen zu haben und war heute Morgen, als ich das
Schloß verließ, schon auf und am Fenster. Armer alter Mann, und was
steht ihm vielleicht noch bevor!«
»Geben Sie die Hoffnung noch nicht auf,« rief Helene bewegt, »Gott kann
noch Alles zum Besten lenken!«
»Ja,« sagte George leise, »aber bis dahin müssen wir thun, was in
unseren Kräften steht. Ich weiß nicht, woher es kommt,« fuhr er nach
einer kurzen Pause fort, »aber zu Ihnen, Frau Gräfin, und zu Ihrem
Gatten habe ich mich vom ersten Moment hingezogen gefühlt, habe
Vertrauen zu Ihnen gefaßt, und es war mir wunderbarer Weise immer, als
ob wir uns eigentlich gar nicht so fremd, als ob wir schon lange mit
einander bekannt, befreundet gewesen wären. Das gab mir damals den Muth,
sogleich ohne Weiteres zu Ihnen zu kommen und Sie um Beistand in einer
Sache zu bitten, die jetzt freilich anders geendet hat, als ich damals
dachte. Ihnen, Frau Gräfin, empfehle ich jetzt auch meine Paula. Ich
weiß, mit welcher Liebe die Schwester, der es genau so ging, an Ihnen
hing, wie oft sie in der kurzen Zeit von Ihnen sprach. Seien Sie ihr
eine Schwester, wenn ich -- vielleicht verhindert werden sollte, das
auszuführen, was ich heute begonnen.«
»Hier haben Sie meine Hand darauf,« sagte Helene, während sich ihre
Augen mit Thränen füllten; »wir werden sie wiederfinden, und was treue
Liebe vermag, sie zu trösten, ihr zu helfen, soll gewiß geschehen.«
»Ich danke Ihnen,« sagte George gerührt; »ich war davon überzeugt, ehe
ich zu Ihnen kam, und jetzt gehe ich fröhlicher an meine Arbeit, da ich
weiß, daß ich meine arme Paula nicht fremd, nicht hülflos ihrem Geschick
begegnen sehe. Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen.«
»Aber wollen Sie denn fort von hier?«
»Wahrscheinlich auf eine kurze Zeit, es ist wenigstens möglich, und
da ich rasch abgerufen werden könnte, wollte ich doch nichts versäumt
haben. Ich komme auch eben vom Telegraphenamte, wo ich in jener Richtung
an vier verschiedene Freunde in verschiedenen Orten telegraphirt habe.
Für den Fall aber, daß ich nicht hier sein sollte, gab ich Ihre Adresse
auf; Sie sehen, Frau Gräfin, wie fest ich auf Ihre Güte rechnete.«
»Aber Paula wird doch gewiß unmittelbar an ihre Eltern schreiben,« sagte
Felix.
»Ich glaube es auch, aber ich fürchte, meine Mutter nimmt, in der ersten
Zeit wenigstens, keine Briefe von ihr an, und der Vater ist so leidend,
daß ich nicht auf ihn rechnen kann.«
»Großer Gott,« seufzte Helene, »welches Unheil kann ein einziger
schlechter Mensch über eine glückliche Familie bringen, und wie
furchtbar schnell fiel der Schlag!«
»Furchtbar schnell,« wiederholte George leise und fast tonlos die Worte,
»ganz furchtbar schnell, und wir waren so glücklich, so ahnungslos
glücklich! Aber es hat nicht sein sollen,« fuhr er plötzlich mit
fester Stimme und sich wieder hoch aufrichtend fort, »und da es einmal
geschehen, müssen wir dem Schicksal trotzig die Stirn bieten.«
»Sie wollen schon fort?«
»Ja, ich habe heute Morgen noch viel zu thun.«
»Sie sind ganz blutig am Kinn, Graf George.«
»Noch ein Andenken dieser Nacht,« sagte George, während ihm das Blut in
die Schläfe stieg, »ich hatte einen wilden Ritt. So leben Sie wohl, Herr
Graf, leben Sie wohl, Frau Gräfin, Gott schütze Sie und lohne Ihnen, was
Sie an meiner Schwester thun!«
Er drückte Beiden die Hand, wandte sich rasch ab und verließ das Haus,
um draußen sein Pferd wieder zu besteigen.
* * * * *
In der nämlichen Zeit, in welcher George Monford Rottacks besuchte,
schritt Rebe an Jeremias' Seite Pfeffer's Wohnung zu, und wie leicht und
wie glücklich schlug ihm dabei das Herz!
Noch hatte er nicht alle Schwierigkeiten besiegt, das wußte er recht
gut, ja, eigentlich war nur der erste Schritt auf seiner Bahn gethan;
aber er war doch gethan, es war ihm doch gestattet worden, in die
Arena einzutreten, und seiner eigenen Kraft anheimgestellt, den Sieg zu
erringen, und mehr verlangte er ja nicht, mehr hatte er nie verlangt.
Was jetzt auch kommen mochte, er konnte doch erproben, ob er wirklich
im Stande sei, eine ehrenvolle Stellung auszufüllen, und dann, wenn
das nicht möglich war, mit dem Bewußtsein zurücktreten, sein Aeußerstes
versucht zu haben. Gelang es ihm aber, blieb er Sieger, dann war auch
sein heißester Seelenwunsch erfüllt, das Ziel seines ganzen Strebens
erreicht, und er sah eine Laufbahn vor sich, deren Lasten und Mühen
selbst nur so viel Genüsse für ihn waren, weil eben seine ganze Seele
daran hing, sein ganzes Streben dem gewidmet war.
Und wie lieb und freundlich wurde er oben im Hause von Allen empfangen!
Wie hold erröthend trat ihm Henriette entgegen, und wie ganz verändert
war selbst der sonst immer mürrische und verdrießliche Fürchtegott
Pfeffer gegen ihn geworden!
»Rebe,« sagte er, sowie dieser nur das Zimmer betrat, indem er ihn bei
einem Knopf erwischte, »Sie sind ein verfluchter Kerl. Sie haben sich
gestern Abend vortrefflich herausgebissen, und wenn Sie auch wirklich
nicht in Haßburg bleiben, was aber doch vielleicht der Fall ist, so
werden Sie Ihr Glück auf jeder Bühne machen.«
»Herr Pfeffer, Sie glauben gar nicht, wie ich mich freue...«
»Ist auch gar nicht nöthig,« unterbrach ihn Pfeffer, »ich wollte Ihnen
auch nur sagen, daß es mir leid thut, früher grob gegen Sie gewesen zu
sein; aber Sie dürfen es mir auch nicht übel nehmen, denn was für
ein trauriges Exemplar der menschlichen Gesellschaft ein schlechter
Schauspieler ist, wissen Sie wahrscheinlich besser, als ich es Ihnen
sagen könnte.«
»Aber, Fürchtegott, so laß uns auch einmal zu Worte kommen,« bat die
Frau, welche heute aber viel wohler schien, als sie bis jetzt gewesen.
Ihre Wangen hatten ordentlich etwas Farbe bekommen und ein liebes,
freundliches Lächeln spielte um ihre Lippen.
»Bin schon fertig,« brummte Pfeffer; »'s ist doch merkwürdig, daß Frauen
nie leiden können, wenn ein Anderer spricht.«
»Mein lieber Herr Rebe,« sagte Henriettens Mutter, dem jungen Mann die
abgemagerte Hand entgegenstreckend, »es hat uns Alle recht herzlich
gefreut, als wir Ihren gestrigen Erfolg gehört; Gott wird Sie ja weiter
führen und noch Alles zum Guten lenken.«
»Meine liebe, verehrte Frau,« rief Rebe bewegt, »seien Sie versichert,
daß ich alles in meinen Kräften Stehende thun werde, um weiter zu
kommen, und schon daß ich Ihnen dies sagen darf, ist mir ein großer
Trost.«
»Er stichelt,« meinte Pfeffer.
»Und Jettchen?« sagte Rebe leise, indem er seine Hand gegen sie
ausstreckte.
»Ich habe es fest geglaubt, daß Sie Ihr Ziel erreichen würden,«
flüsterte das junge Mädchen, das wie mit Purpur übergossen da stand,
indem es die dargebotene Hand schüchtern nahm.
»Na, dann ist die Geschichte ja abgemacht,« rief Pfeffer, »und viel
besser, als ich gedacht habe, denn ich hatte mich schon wieder vor einer
Ueberschwemmung gefürchtet. Aber wo willst Du denn hin, Jeremias?«
»Bin gleich wieder da, warte nur einen Augenblick,« rief der kleine
Mann. Er hatte bis jetzt an der Thür gestanden und ein paar Mal
hinausgehorcht. Jetzt kam Jemand die Treppe herauf, und wenige Minuten
später kehrte Jettchen's Vater mit einer Flasche Champagner unter jedem
Arm zurück, die er unbedingt unterwegs bestellt haben mußte.
»So,« rief er, »und nun trinken wir vor allen Dingen erst einmal die
Gesundheit des neuen Liebhabers -- und Guste auch mit.«
»Aber darf ich Wein trinken?«
»Du? Erst recht, daß Du wieder zu Kräften kommst,« rief Pfeffer. »Der
Rebe scheint überhaupt auch, wie er bis jetzt ein heimlicher erster
Liebhaber war, ein heimlicher erster Doctor zu sein, denn die Geschichte
von gestern Abend hat Dich mehr auf den Strumpf gebracht, als bisher
alle Medicinflaschen. Apropos, Rebe, haben Sie den Director schon
gesprochen?«
»Ich erhielt vor einer halben Stunde etwa einen Brief von ihm, worin er
mich bittet, um zwölf Uhr auf das Bureau zu kommen.«
»Bittet -- so? Haben Sie ihn bei sich.«
»Hier ist er.«
»Lassen Sie einmal sehen. »Mein lieber Herr Rebe!« Wie der Lump
freundlich sein kann, wenn's ihm auf den Nägeln brennt. »Sie würden
mich sehr verbinden, wenn Sie mich um zwölf Uhr heute Morgen auf meinem
Bureau besuchen wollten. Ich habe Ihnen eine erfreuliche Mittheilung
zu machen.« Glaub' ich ihm, dem Cujon! »Ihr ganz ergebenster Krüger,
Director.« 's ist unglaublich,« rief Pfeffer, mit der Hand in den Brief
schlagend, »und wie schreibt er sonst!«
»Aber, Onkel,« sagte Jettchen, »Herr Rebe ist ja doch nicht mehr bei ihm
engagirt!«
»Ach was da, er hätte 'mal gestern nicht sollen den Hamlet spielen und
heute Morgen Herrn Director Krüger um eine Unterredung gebeten haben,
möchte sehen, wie der Brief gelautet haben würde! Aber wie viel Uhr
ist's jetzt?«
»Halb Zwölf.«
»Also nun erst anstoßen auf das Wohl unseres ersten jugendlichen
Liebhabers,« rief Jeremias und ließ in dem nämlichen Augenblick einen
Pfropfen knallen, als ein scharfer Schrei in der Thür ausgestoßen wurde.
»Oh, mein Gott, haben Sie mich erschreckt!« stöhnte Fräulein Bassini,
die auf der Schwelle stand.
»Ob die nicht jedesmal zum rechten Moment kommt,« rief Pfeffer lachend;
»na, her, Alte -- noch ein Glas, Jettchen!«
»Alte? Fürchtegott, ich verbitte mir Deine Grobheiten! Aber, mein lieber
Herr Rebe, Sie haben uns Alle gestern Abend...«
»Die Geschichte ist lange abgemacht,« rief Pfeffer, ihren Arm fassend
und sie auf einen Stuhl ziehend.
»Aber ich darf doch...«
»Champagner trinken, gewiß; da stoß mit Horatius an, denn er muß fort,
um ein neues Engagement abzuschließen.«
»Also wirklich?« rief Fräulein Bassini entzückt. »Oh, da gratulire ich
von ganzem Herzen!«
»Und Rebe soll leben, vivat hoch!« rief Pfeffer.
Pfeffer war überhaupt in einer überaus aufgeregten Stimmung, litt aber
trotzdem nicht, daß Rebe über eine Minute seiner Zeit blieb, damit er
den Director nicht warten ließ. Das schickte sich nicht für einen jungen
Künstler, wie er meinte. Er mußte aber versprechen, ihnen gleich nachher
das Resultat mitzutheilen, und dann drückte er ihm selber den Hut auf
den Kopf und schob ihn zur Thür hinaus.
Rebe fand den Director in seinem Bureau mit auf den Rücken gelegten
Händen auf und ab gehen.
»Mein lieber Herr Rebe,« rief er und streckte ihm die Hand entgegen, »es
freut mich ausnehmend, daß Sie meinem Wunsche so pünktlich nachkommen;
eben schlägt es Zwölf.«
»Herr Director, Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich nie säumig
gewesen bin.«
»Nie, gewiß nicht, nein wahrhaftig! Sie hielten immer musterhaft auf
Ordnung; aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
Rebe setzte sich und merkte dem Director an, daß er sich in irgend einer
Verlegenheit befand. Er schien wirklich nicht recht zu wissen, wie er
beginnen sollte, und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.
»Nun, wie haben Sie diese Nacht geschlafen?« begann er endlich.
»Nicht wahr, vortrefflich? Dachte es mir. Auf Lorbeern schläft sich's
vorzüglich,« setzte er lächelnd hinzu, »und ich muß Ihnen gestehen, daß
Sie die gestern reichlich und verdient geerntet haben.«
»Sie sind so gütig.«
»Bitte, Sie wissen, ich schmeichle nie; ein Theaterdirector kann das
auch nicht. Uebrigens haben Sie doch wohl erfahren, welchen Streich mir
Herr Handor gespielt?«
»Ich muß Ihnen gestehen, daß ich seine Flucht nicht begreife.«
»Es ist die bodenloseste Undankbarkeit, die mir je im Leben vorgekommen;
sie ist eigentlich undenkbar, classisch großartig, und er hat mich
dadurch in die furchtbarste Verlegenheit gesetzt.«
Rebe schwieg. Er war fest entschlossen, sich nicht anzutragen, und
Director Krüger durch den Ausruf in eine Sackgasse gerathen.
»Ja, furchtbarste Verlegenheit,« fuhr er nach einer etwas zu langen
Kunstpause fort, »aus der Sie uns allerdings für gestern Abend durch Ihr
kühnes Einspringen gerissen. Aber was jetzt weiter? Haben Sie sich schon
wieder engagirt, Herr Rebe?«
Rebe lächelte. »Sie wissen wohl, Herr Director, daß die Zeit dazu doch
etwas zu kurz gewesen wäre.«
»Hm, ja, und -- und hätten Sie Lust, an unserer Bühne noch ein paar
Versuche zu machen?«
»Mein Engagement ist mit dem heutigen Tage abgelaufen. Sie meinen auf
Gastrollen?«
»Hm, ja, und -- wenn auch --« Der Director rückte wieder herum. Er hatte
jedenfalls etwas, und Rebe konnte sich nicht denken, was es sein möchte.
»Hören Sie, Herr Rebe,« platzte er endlich heraus; »es kann nichts
helfen, ich muß aufrichtig mit Ihnen reden, denn das Drumherumgehen ist
meine Sache nicht; ich bring's nicht fertig.«
»Und ist das bei mir nöthig, Herr Director?«
»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr Krüger entschlossen fort. »Sie
wissen, daß Sie gestern dem Publikum ausnehmend gefallen haben; es hat
Ihnen davon jeden Beweis gegeben. Auch der Erbprinz war entzückt von
Ihrem Spiel. Das will aber Alles noch nichts sagen, denn allen Respect
vor Seiner Königlichen Hoheit, aber ein Urtheil in solchen Dingen haben
die Herren sehr selten. Die Hauptsache jedoch bleibt die, Sie haben
_mir_ gefallen, Herr Rebe, Sie haben mich hingerissen, die Thränen sind
mir altem Esel in die Augen gekommen, was mir, so lange ich fast denken
kann, nicht passirt ist, und gestern Abend, ja noch heute Morgen bis
etwa vor einer Stunde, war ich fest entschlossen, Sie unter jeder nur
einigermaßen annehmbaren Bedingung an unsere Bühne zu fesseln.«
»Und jetzt?« sagte Rebe erwartungsvoll.
»Da bekam ich,« fuhr der Director fort, »vor etwa einer halben Stunde
den Wisch da.« Und er zeigte auf einen neben Rebe auf dem Tisch
liegenden Brief. »Lesen Sie.«
Rebe nahm den Brief und las ihn laut:
»Mein lieber Herr Director! Ich möchte keine Zeit versäumen, Sie
wohlmeinend vor einem voreiligen Schritt zu warnen. Rebe hat gestern
Abend den Hamlet gespielt, und das Publikum, dadurch bestochen, daß er
eine so große Rolle so rasch übernehmen konnte, war artig genug, ihn für
die Gefälligkeit zu honoriren. Die Gegenwart des Erbprinzen trug dazu
bei, die Leute etwas aufzuregen. Ich selber hatte eine Claque für
Handor besorgt, die aus mißverstandenem Diensteifer das auf seinen
augenblicklichen Nachfolger übertrug, und für den Abend war das gut.
Lassen Sie sich aber um Gottes willen nicht verleiten, dem unglücklichen
Menschen auch nur noch Eine Rolle anzuvertrauen. Er hat auch nicht die
Spur von Talent, und ich werde ihm und dem Publikum das in meiner morgen
erscheinenden Recension beweisen. Danken Sie Gott, daß Sie ihn los sind,
denn Sie dürfen das Publikum gar nicht so in's Gesicht schlagen, ihm
ein Subject wie diesen jungen Anfänger für einen Künstler einzuschieben.
Aber meine Furcht ist gewiß grundlos, Sie denken wahrscheinlich eben
so wenig daran, wie ich es hoffe. Nur das Interesse für unser Institut
konnte mich bewegen, diese Zeilen an Sie zu richten.
Hochachtungsvoll Ihr ergebenster
Feodor Strohwisch.«
»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Director.
»Weiter nichts,« lächelte Rebe, »als daß dieser selbe Herr Strohwisch
heute Morgen in aller Frühe bei mir war, mir zu meinem gestern
entwickelten Talent gratulirte und mir gegen ein mäßiges Honorar jede
Unterstützung versprach.«
»Aber das ist doch nicht möglich! Sie sagten es ihm doch zu?«
»Ich gab ihm zu verstehen,« sagte Rebe, während ihm das Blut in die
Schläfe stieg, »daß ich ihn, wenn er sich nicht gutwillig entfernte, die
Treppe hinunterwerfen würde!«
»Da haben wir's!« rief der Director aus, indem er wie besessen von
seinem Stuhl emporsprang und im Zimmer herumlief. »Unglückliches
Menschenkind, wissen Sie denn nicht, daß Sie der Recensent -- mit
Respect zu melden -- da wir doch unter uns sind -- hier todt machen kann
und auch wirktodt macht?«
»Durch sein Schimpfen?« sagte Rebe. »Mein lieber Herr Director, wenn ich
mir dadurch meinen Platz am Theater wahren könnte, daß ich einen dieser
erbärmlichen Lohnschreiber bezahlte, um mich zu loben, dann würde ich
noch heute der Bühne, an der ich mit ganzer Seele hänge, den Rücken
kehren.«
»Aber ändern Sie einmal die Welt,« rief der Director; »das Publikum
glaubt nun einmal, was es gedruckt sieht.«
»Und wer schreibt denn überhaupt all' diese Recensionen?« fuhr Rebe
fort. »Gehen Sie all' unsere Kritiker durch, und unter den Tausenden,
die davon leben, haben Sie kaum fünfzehn oder zwanzig ehrenwerthe und
tüchtige Männer, die auch wirklich selber etwas schaffen können. Die
Anderen sind lauter heruntergekommene oder noch nie oben gewesene
Literaten, die, nicht im Stande, etwas Selbstständiges zu arbeiten, sich
nun auf's hohe Pferd setzen und an uns armen Schauspielern, wenn wir
ihnen nicht das Blutgeld zahlen, oder an anderen Schriftstellern ihr
Gift und ihre Galle auslassen!«
»Aber was hilft Ihnen das? Es ist einmal so, und gegen den Strom kann
kein Mensch schwimmen.«
»Oh doch, Herr Director,« lächelte Rebe; »es geht allerdings etwas
langsamer, aber es geht.«
»Fangen Sie mit dem an,« rief Krüger, »der scheut sich vor keiner
schmutzigen Arbeit!«
»Das glaube ich Ihnen, das thun alle diese Herren nicht; aber ich
bezweifle doch, daß er das Publikum so in seiner Gewalt hat, um über
einzelne Individuen nach Belieben zu disponiren.«
»Passen Sie auf,« rief Krüger, »ich gebe Ihnen mein Wort, wenn er Sie in
seiner nächsten Nummer richtig herunter macht -- und das thut er jetzt,
darauf können Sie Gift nehmen, -- dann rührt sich am nächsten Abend
keine Hand, und was das Schlimmste ist, die Leute gehen vielleicht noch
ein- oder zweimal aus Neugierde in's Theater, wenn Sie spielen, aber
nachher bleiben sie aus wie Röhrwasser.«
»Ich muß es abwarten.«
»Bedenken Sie doch nur,« fuhr Krüger fort, »einem bösen Hunde giebt man
zwei Knochen. Was haben Sie denn davon, wenn Sie Tag um Tag im Blatt
heruntergerissen werden?«
»Aber wie kann ich's hindern?«
»Gleichen Sie's aus,« rief Krüger rasch, »Strohwisch ist kein Unmensch;
mit Geld ist Alles zu machen, und hier -- Apropos, lieber Rebe, eh'
ich's vergesse, hier habe ich auch Ihr Spielhonorar für gestern Abend.«
»Herr Director...«
»Bitte mir's aus, das stand nicht in Ihrem Contract, und wenn mir Jemand
gestern Abend das Messer auf die Brust gesetzt hätte, würde ich mit
Wonne das Vierfache bezahlt haben. Das dürfen Sie auch nehmen, Sie haben
sich's ehrlich und redlich verdient, und mein Dank für Sie bleibt dabei
immer noch derselbe.«
Dabei legte er ihm fünf Friedrichsd'or auf den Tisch, und Rebe's
Ehrgefühl sträubte sich erst, so nothwendig er das Geld auch brauchte,
dagegen, es anzunehmen, weil er gestern eben noch im Engagement
gestanden. Allerdings war es ein außerordentlicher Fall gewesen, und
Krüger, der, wenn er wollte, ganz liebenswürdig sein konnte -- er wollte
nur selten, -- bewies ihm mit einer solchen Herzlichkeit, daß er ihn
selber beleidigen würde, wenn er etwas verweigerte, was eine reine und
einfache Schuldsache der Direction sei, daß er es endlich nicht länger
ausschlagen konnte.
»Und -- nun,« sagte Krüger, »wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie
ohne Weiteres zu Strohwisch, Umstände brauchen Sie mit ihm nicht zu
machen, und drücken ihm zwei davon in die Hand. Sie sollen dann einmal
sehen, was für eine Recension morgen erscheint!«
»Da schenkt' ich sie lieber dem ersten armen Menschen, der mir begegnet,
Herr Director,« sagte Rebe. »Ich bin fest entschlossen, mir meinen Weg
zu erkämpfen; nur so kann ich mir selber genügen und Freude an der Sache
behalten. Im andern Falle müßte ich mich vor mir selber schämen.«
»Das ist sehr schön und ehrenwerth von Ihnen,« sagte der Director
trocken, »wird Ihnen aber hier den Hals brechen; Sie sollen sehen.«
»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Rebe,« erwiderte der Director nach einer
kurzen Pause. »Es ist wohl nicht nöthig, ein Wort über die Vergangenheit
zu verlieren -- das ist abgemacht, und ich gestehe ein, daß wir Sie
verkannt haben. Sie besitzen in der That ein schönes Talent, und ich muß
aufrichtig sagen, daß ich selber neugierig wäre, dessen Entwickelung zu
beobachten. Nach dem gestrigen Abend würde ich Ihnen auch augenblicklich
einen neuen jährigen Contract mit ganz annehmbaren Bedingungen angeboten
haben, wenn Sie sich nicht mit diesem Strohwisch verfeindet hätten.
Glauben Sie nicht etwa,« fuhr er rasch fort, als er sah, Rebe wolle
etwas darauf erwidern, »daß ich selber nur _so viel_ für das Urtheil
jenes Menschen gebe. Er versteht vom Theater so viel wie eine Kuh, aber
das Publikum liest trotzdem jeden Morgen sein Blatt, und ich weiß aus
Erfahrung, welchen Einfluß es, so absurd das klingen mag, ausübt. Aber
ich will Ihnen einen Vorschlag machen; es muß Ihnen selber daran liegen,
Ihr Talent auch noch in anderen Rollen zu erproben. Ich engagire Sie
deshalb für einen Monat -- nennen Sie das Gastrollen, wenn Sie wollen --
gebe Ihnen zweihundert Gulden für die Zeit und außerdem das Versprechen,
Sie wenigstens in acht großen Rollen zu beschäftigen. Sind Sie das
zufrieden?«
»Sie begegnen meinem innigsten Wunsche,« sagte Rebe erfreut, »denn
gerade um das hatte ich Sie bitten wollen.«
»Desto besser, die Sache wäre also abgemacht. Wenn Sie denn Courage
haben, so beißen Sie sich in der Zeit mit Strohwisch herum, und
behaupten Sie das Feld, was ich aber, ehrlich gesagt, bezweifle, so
sprechen wir weiter mit einander; behaupten Sie es nicht, nun, so haben
Sie in der Zeit wenigstens Ihre Kräfte geprüft und ich selber Zeit
gewonnen, mich nach einem andern ersten Liebhaber umzusehen. Ich glaube,
das ist ein ehrlicher Handel.«
»Für den ich Ihnen von Herzen dankbar bin,« rief Rebe, in die gebotene
Hand einschlagend; »nur Eine Bedingung habe ich noch zu stellen.«
»Und die wäre?«
»Daß Sie den Contract von gestern datiren und die fünf Friedrichsd'or
als Abschlagszahlung betrachten.«
»Sie sind ein komischer Kauz,« lachte der Director, »und ich muß
Ihnen gestehen, etwas Aehnliches ist mir in meiner Praxis noch nicht
vorgekommen. Meier ging gestern Abend gar nicht eher weg, bis er seine
versprochenen zehn Thaler hatte.«
»Also es bleibt dabei?«
»Darüber sprechen wir noch. Jetzt muß ich nach Hause, und heute Abend
kommen Sie um acht Uhr, wenn Sie können, einmal in meine Wohnung, daß
wir mit Sulzer das Repertoire bereden. Also auf Wiedersehen, Rebe, und
-- halten Sie sich tapfer!«
26.
Der reiche Mann.
Die Welt! Wie wunderbar verschieden der Begriff sich stellt. Für den
Einen ist es das weite, unermessene Universum mit seinen kreisenden
Sonnensystemen, für den Andern das enge Haus, der kleine, beschränkte
Raum am eigenen Herd.
Auch unsere Erde nennen wir die Welt, und in wie viel tausend Welten
zerspaltet sich ein einzig Städtchen drin, eine jede abgesondert für
sich mit ihren Sorgen und Freuden, ihren Leidenschaften, ihrem Ringen
und Streben.
Wen von uns Allen ist nicht schon einmal ein solch' Gefühl überkommen,
wenn er Abends in später Stunde durch eine Straße wanderte und
die verschiedenen, nur durch dünne Mauern getrennten erleuchteten
Familienwohnungen sah! Hier Licht und Glanz und laute Fröhlichkeit;
dort, dicht daneben, nur durch einen dunkeln Strich geschieden, Jammer
und Elend und bleicher Sorge nagende Pein; hier Einigkeit und Liebe
in dürftiger Dachkammer, und dicht darunter, daß Eins die Schritte des
Andern hört, Haß und Zwietracht.
So bildet jedes Haus, jede für sich abgeschlossene Wohnung in der That
eine eigene kleine, abgeschlossene Welt für sich selber. Da drinnen wird
geboren, gelebt, gestorben, ohne daß der Nachbar mehr davon erfährt,
als wir von jenen Sternen wissen, die Abends vom klaren Nachthimmel
niederfunkeln; und während wir heute ein Fest feiern und die Gläser
lustig zusammenklingen, drückt nebenan ein armes Weib dem Gatten die
müden Augen zu, und weinend knieen am Bett die armen Waisen.
Aber die Welt rollt und mit ihr Fortuna's Rad, den einen Sterblichen
hoch empor zu Glück und Freude hebend, während es zu gleicher Zeit
vielleicht den Nachbar unter seinem Gewicht zermalmt. Und wie rasch
wechselt das; wie sehnen wir thöricht oft den nächsten Tag, die nächste
Stunde herbei, anstatt uns der gegenwärtigen zu freuen, und wissen doch
nie, was in dem Schooße der herbeigesehnten für uns verborgen liegt;
Dank dem Himmel, daß wir es nicht wissen!
Wie wenige Tage, ja Stunden fast, waren erst vergangen, daß man in
Haßburg die Monford'sche Familie, über welche alle Gaben des Glücks
verschwenderisch ausgestreut schienen, beneidete, und jetzt? Kummer und
Leid waren in die prachtvollen Gemächer eingezogen, und doch hatte das
Unglück erst begonnen, die gierige Hand nach ihnen auszustrecken.
Still und geräuschlos glitten heute die sonst so übermüthigen Diener
durch die leeren Räume; scheu und lautlos thaten sie ihre Arbeit, und
wenn einer dem andern etwas zu sagen hatte, geschah es nicht mehr mit
fröhlichem Zuruf, sondern in leisem Flüstern.
Drinnen in seinem Zimmer, am offenen Fenster, den Kopf in die Hand
gestützt, saß der alte Graf und starrte hinaus in's Leere. Er hatte
sich von seinem gestrigen Anfall vollständig erholt, und der
Ober-Medicinalrath war schon vor einer Stunde wieder in der gräflichen
Equipage zurück in die Stadt gefahren. Was sollte er auch länger hier
thun; die beiden Verwundeten konnte sein Famulus besorgen.
Der Graf hatte heute Morgen durch den Haushofmeister erfahren, daß der
Maulwurfsfänger durch den Förster beim Wildern ertappt und in's Bein
geschossen sei. Die Anzeige war in der Stadt gemacht worden und die
Polizei herausgekommen, um den Thatbestand zu untersuchen. Aber was
kümmerten den alten Herrn diese gleichgültigen Menschen, er hatte andere
Dinge im Kopf; sie sollten ihn damit zufrieden lassen.
Da der Förster übrigens mit einem heftigen Wundfieber ebenfalls im Bette
lag, ließ man ihn jetzt gewähren, um den Termin etwas später anzusetzen
und zu untersuchen, ob er zu dem Schusse berechtigt gewesen, d. h. ob
er ihn in Selbstvertheidigung gethan, und dagegen sprach allerdings,
daß der Getroffene den Schuß nicht von vorn, sondern seitwärts und sogar
mehr von hinten bekommen hatte. Man wollte den alten Maulwurfsfänger
auch in das Krankenhaus bringen, aber der gerade dazu kommende Famulus
des Ober-Medicinalraths litt das nicht. Wie er die Wunde genauer
untersuchte, stellte sich heraus, daß der Knochen des Oberschenkels
zersplittert war, und der Verwundete lag in einem so heftigen Fieber,
daß an einen Transport gar nicht gedacht werden durfte. Die Polizei
konnte hier vor der Hand gar nichts thun, nicht einmal an Ort und Stelle
verhören, denn der Kranke phantasirte wild und toll durcheinander. Von
den Beiden lief ihnen auch jetzt Keiner fort, und sie mußten eben ruhig
liegen bleiben.
Die Gräfin befand sich in ihrem Zimmer; sie hatte es vermieden, heute
Morgen mit ihrem Gatten zusammen zu treffen. Sie wollte ihn nicht wieder
auf's Neue aufregen, wie sie dem Haushofmeister sagte. Ruhe war für ihn
das Beste. Nach ihrem Sohne hatte sie einigemal gefragt, aber George war
noch nicht zurückgekehrt. Sobald er kam, sollte er ihr gemeldet werden.
Es schlug gerade Zwölf auf der Schloßuhr, als er in den Hof einritt. Er
stieg langsam die Treppe hinauf, zu dem Zimmer seiner Mutter, die aber
erschrak, als sie seiner ansichtig wurde.
»Um Gott, George, wie siehst Du aus?« rief sie ihm entgegen, »Du bist
krank; Dein Gesicht gleicht einem Todten.«
»Es ist nichts, liebe Mutter, wie geht es dem Vater?«
»Besser, er ist auf. Der Ober-Medicinalrath meint, es sei nur eine
Ohnmacht gewesen und habe nichts zu sagen. Aber Du mußt Dich schonen.
Die Aufregung dieser Nacht hat Dich furchtbar angegriffen und Du bist
wohl auch ohne Speise und Trank geblieben.« Sie klingelte, und als der
Diener das Zimmer betrat, rief sie ihm zu: »Das Frühstück für meinen
Sohn; bringen Sie es herein.«
»Ich danke Dir, Mutter, ich fühle weder Hunger noch Durst.«
»Aber Du mußt etwas genießen, daß Du mir nicht auch am Ende krank wirst.
Wir haben Elend genug im Hause, das weiß Gott,« sagte sie mit düsterer
Stimme.
Wieder schwiegen Beide, und der Diener kam jetzt herein und brachte
einige Speisen, zu denen er eine Caraffe mit Portwein auf den Tisch
stellte.
George schenkte sich ein Glas Wein ein, das er leerte, und aß ein paar
Bissen; dann schob er den Teller zurück. Er war aufgestanden und ging
ein paar Mal im Zimmer auf und ab.
»Mutter,« sagte er endlich leise, indem er vor ihr stehen blieb, »Paula
wird sicher in diesen Tagen an Dich schreiben.«
»Nenne mir den Namen nicht mehr,« rief die Gräfin heftig, indem ihr
Blick selbst finster und drohend wurde, »ich will ihn nicht wieder
hören.«
»Es ist der Name Deiner Tochter, Mutter, -- Deines Kindes.«
»Ich habe keine Tochter mehr,« sagte die Gräfin, indem sie sich
gewaltsam emporrichtete. »Nie hat eine Tochter ihre Eltern tödtlicher
beleidigt, nie gewaltsamer die Bande zerrissen, die sie an sie banden.
Es ist geschehen, aber deshalb kein Rücktritt auch mehr möglich. Ich
kenne sie nicht mehr.«
»Das ist nicht möglich, Mutter,« rief George bewegt, »so unnatürlich
kann Dein Herz nicht denken! Paula war unser Aller Liebling, gut und
unschuldsvoll, und daß die Zunge eines schlauen, bübischen Verführers
sich in ihr Ohr zu stehlen wußte, oh, bedenke, daß es sie schon
unglücklich gemacht, laß sie nicht auch damit die letzte Stütze
verlieren, die sie auf der Welt hat, die Liebe, den Schutz ihrer
Eltern!«
»Der ward ihr im reichsten Maß zu Theil,« entgegnete mit
zusammengezogenen Brauen die Frau. »Kein Kind ist mehr geliebt und auf
Händen getragen worden, wie dieses falsche, undankbare Geschöpf. Laß sie
jetzt ernten, wo sie gesäet; auf unsere Liebe hat sie keinen Anspruch
mehr.«
»Aber der Vater wird sie nicht verstoßen,« rief George heftig, »er kann
es nicht, sie war von je sein Liebling!« Er wandte sich, als ob er zu
ihm eilen und seine Hülfe anflehen wolle.
»Wenn Du ihn tödten willst,« rief die Mutter heftig, »dann gehe jetzt
zu ihm und nenne ihm Deiner Schwester Namen! Er hat sich kaum von seiner
Schwäche erholt und der Arzt streng befohlen, daß Alles ihm ferngehalten
werden müsse, was ihn nur im Geringsten aufregen und an den erlittenen
Verlust mahnen könne. Versuch' es, aber die Folgen auf Dich selber!«
»Großer Gott,« stöhnte George, »was für Hülfe kann die Unglückliche
von fremden Menschen erhoffen, wenn die eigenen Eltern ihr Herz vor ihr
verschließen?«
»Sie hat sich fremden Menschen in die Arme geworfen,« sagte die Mutter
kalt, »fremde Menschen mögen ihr denn auch das ersetzen, was sie hier
muthwillig von sich gestoßen; sie hat keine Eltern mehr.«
»Arme Paula!« seufzte George. »Aber Eins versprich mir, Mutter. Bist
Du wirklich im Stande, ein Kind so von Deinem Herzen zu reißen, dann
gestatte wenigstens fremden Menschen, sich desselben anzunehmen, und
kommt ein Brief von Paula -- sie wird und muß ja schreiben, -- so sende
ihn an Rottacks, die mir zugesagt...«
»Bist Du wahnsinnig?« rief die Mutter, ordentlich erschreckt
emporfahrend. »An Rottacks? Und was haben _die_ mit unserem Hause zu
thun?«
»Es sind brave, treffliche Menschen, die Paula von Herzen lieb haben,«
sagte George bewegt; »bei denen kann sie dann wenigstens Rath und Trost
und vielleicht auch wieder den Weg zurück zum Herzen der Eltern finden.
Willst Du mir das versprechen, Mutter?«
»Du bist von Sinnen!« sagte die stolze Frau finster. »Soll ich selber
Fremden unserer Familie Schmach aufdecken? Ich begreife Dich nicht,
George. Aber,« fuhr sie plötzlich aufmerksam werdend fort, »was sollen
all' diese Reden? Bleibst Du denn nicht selber hier? Du sprichst gerade,
als ob Du Vorbereitungen zu einer größeren Reise träfest.«
»Es ist möglich, daß ich in diesen Tagen auf einige Zeit fortgehe,«
sagte George leise; »ich weiß es noch nicht, ich muß erst mit dem Vater
darüber sprechen.«
»Und willst Du uns nicht nach Italien begleiten?«
»Vielleicht -- vielleicht komme ich nach.«
»Du bist so sonderbar, George. Was hast Du?«
»Nichts, liebe Mutter; der Kopf thut mir weh vom vielen Denken und
Grübeln.«
Die Gräfin nickte leise vor sich hin, sie kannte das Gefühl selber.
»Wohin willst Du jetzt?«
»Zum Vater hinüber.«
»Rege ihn nicht auf; ich wollte lieber, Du miedest ihn für ein paar
Tage.«
»Er würde unruhiger werden,« sagte George, »wenn er mich nicht wie
gewöhnlich sähe.«
»Du willst mit ihm über -- die Entflohene sprechen?«
»Nein, Mama, fürchte das nicht. Ich muß es Gott anheimgeben, daß er Eure
Herzen wieder dem Kinde zuwendet; ich fühle, daß meine Stimme zu schwach
dafür ist. Lebe wohl, Mutter!«
Er nahm ihre Hand, sah ihr einen Moment ernst und traurig in die Augen,
schloß sie dann in die Arme und küßte ihre Wange.
Die Gräfin erwiderte die Umarmung nicht, sie duldete sie nur, sagte auch
kein Wort, und George verließ rasch das Zimmer.
Den Vater fand er noch immer in der nämlichen Stellung, wie er schon
Stunden lang gesessen. Erst als George sein Zimmer betrat, wandte er
zuerst rasch und wie erschreckt das Antlitz der Thür zu, stand dann auf
und sagte leise: »Ah, Du bist es, George!«
»Ja, lieber Vater. Ist Dir jetzt besser?«
»Gewiß, gewiß. Wo ist Deine Mutter?«
»In ihrem Zimmer drüben.«
»Ich werde zu ihr hinübergehen; es ist so einsam hier.«
»Recht einsam, Vater.«
Der alte Graf sah ihn rasch und streng an, strich sich aber dann mit der
Hand über die Stirn und sagte: »Es ist gut so, ich habe es gern, ich bin
gern allein. Aber wo hast Du denn den ganzen Morgen gesteckt?«
»Ich war in der Stadt, Vater; ich wollte...«
»Ich brauche nicht zu wissen, was Du wolltest.«
»Mein lieber, lieber Vater!« Er hatte des Vaters Hand ergriffen und
hielt sie fest in der seinigen.
Der alte Graf sah ihn an; dann legte er ihm die andere Hand auf den Kopf
und sagte leise: »Ich will zu Deiner Mutter gehen; laß mich jetzt los,
George.«
»Lebe wohl, Vater!«
»Gehst Du wieder fort?«
»Ja, ich habe versprochen um vier Uhr in der Stadt zu sein.«
»Gut, gut, aber bleibe nicht zu lange.«
George küßte die Hand, die er in der seinigen hielt. Der alte Graf aber,
als ob er fürchte, daß der Sohn noch von etwas Anderem sprechen werde,
machte sich los, winkte ihm mit der Hand und verließ dann rasch das
Zimmer.
Eine Viertelstunde später ritt George wieder langsam zum Thor hinaus.
Der Himmel hatte sich umzogen, der Wind heulte das Thal hinauf und ein
feiner Regen begann zu fallen. Er fühlte es nicht. Draußen vor dem Thor
hielt er sein Thier noch einmal an und wandte den Blick zurück auf das
Schloß.
»Lebt wohl!« sagte er leise und bewegt. »Gott beschütze Euch!« Und das
Pferd wieder herumwerfend, trabte er rasch auf der Straße hinab, die
nach Haßburg führte.
Ueber die bewaldeten Berge zogen die Wolken in wilder Hast; von dort
herüber leuchtete auch schon fahler Blitze Schein und der Wind riß an
den alten Bäumen, als ob er ihre Kraft und Zähigkeit erproben wolle.
Es war eine sehr lange Zeit in Haßburg schönes und trockenes Wetter
gewesen. Jetzt schien es, als ob sich die Elemente dafür entschädigen
wollten, um mit verstärkter Wuth ihren Reigen aufzuführen. Ein zündender
Blitz, als wenn sich das Firmament öffnete, und hinterdrein ein
Donnerschlag, der die Erde erbeben machte, und alle Schleusen des
Himmels öffneten sich.
* * * * *
Drin im Walde, am obern Ende des Parkes, mit dem Blick nach dem freien
Feld, lag das Häuschen des alten Gärtners Jonas, von ihm allein, seiner
elfjährigen Enkelin, die er zu sich genommen, weil ihre Eltern sie nicht
ernähren konnten, und einer alten Verwandten bewohnt. Das Haus aber, zu
einer Gärtnerwohnung eingerichtet, hatte mehr Räumlichkeiten, als der
alte Mann benutzen konnte, und der kleine Erker, der sich aber im Winter
nicht gut heizen ließ, stand deshalb vollkommen leer.
Hierher hatte man den armen Verwundeten gebracht, und vom Schlosse
selber war schon heute Morgen, nachdem man ihn gestern Abend nur
nothdürftig auf Laub und eine wollene Decke gelegt, ein ordentliches
und weiches Bett heruntergeschafft, damit ihm wenigstens diese
Bequemlichkeit nicht fehle.
Der junge Famulus, Rebe's Freund, Frank Hesse, stand neben seinem Lager.
Er hatte eben die furchtbare Wunde untersucht und verbunden und der
Kranke kaum den Schmerz überwunden, den er dabei gefühlt, wenn er auch
keinen Klagelaut ausstieß, sondern die Qual wie ein Mann ertrug.
»Nun, Herr Doctor,« sagte er endlich, als sich seine Nerven wieder ein
wenig beruhigt und er die Lippen von einander bringen konnte, »glauben
Sie, daß ich's noch lange mache?«
»Lieber Freund,« lautete die ermuthigende Antwort, »gebt Euch keinen
solch' traurigen Gedanken hin; es ist ja nur ein Schuß in's Bein, der
kann bald wieder heilen.«
»Aber der Knochen ist gebrochen,« sagte der Maulwurfsfänger; »ich
fühl's, morsch entzwei, und ob der sich wieder zusammenleimen läßt, der
Teufel weiß es.«
»Der Knochen ist allerdings gebrochen,« sagte der junge Arzt, »aber
darum doch nicht alle Hoffnung verloren. Der Schuß muß außerordentlich
nahe abgefeuert sein.«
»Viel Zeit hatte er allerdings nicht,« brummte der Maulwurfsfänger,
bitter vor sich hinlachend, »denn ich war eigentlich schon in den
Büschen drin; es können vielleicht eine acht oder zehn Schritt
gewesen sein, vielleicht nicht so viel. Die Schrote haben höllisch
zusammengehalten, nicht wahr?«
»Es ist beinahe wie ein Kugelschuß,« bestätigte der Arzt. »Habt Ihr denn
noch Schmerzen?«
»Nicht mehr, als um einen gewöhnlichen Menschen verrückt zu machen,«
sagte der arme Teufel; »ich kann aber einen Puff vertragen. Wie lange
leb' ich noch, Doctor?«
»Unsinn, schwatzt nicht solches Zeug! Ihr werdet noch manchem Maulwurf
gefährlich werden.«
»Glaub's kaum,« brummte der Alte, »so viel versteh' ich auch von der
Geschichte. Schienen kann man den alten Knochen da oben nicht mehr,
abnehmen auch nicht, also friß, Vogel, oder stirb. Wir müssen's
abwarten, wie Schrader in der Gosse. Ich will auch gar nicht wissen,
wie lang's noch dauern könnte, wenn sich der Schuß ausheilen sollte, ich
meine nur, wenn -- der Brand dazu käm', wie viel Zeit ich dann noch etwa
zum Leben hätte.«
»Darüber sprechen wir später,« sagte Frank, dem besonders daran lag, daß
sich der Verwundete keinen trüben Gedanken hingeben und dadurch seine
Lage verschlimmern sollte. »Jetzt seid guten Muths, Freund, es geschieht
hier Alles, was für Euch geschehen kann, und bis Ihr transportirt werden
könnt, müßt Ihr nun schon hier aushalten.«
»Transportirt? Ja,« brummte der Verwundete, »ich weiß schon, auf dem
alten, verdammten schwarzen Leichenkasten -- thut mir nachher kein
Finger und kein Bein mehr weh.«
»Vor der Hand noch nicht,« lachte Frank. »Uebrigens hütet Euch vor
spirituösen Getränken -- keinen Branntwein, keinen Wein und kein Bier;
den Kaffee hier könnt Ihr trinken, der regt nicht auf.«
»Nein, das weiß Gott,« sagte der Maulwurfsfänger, »höchstens die Galle,
daß man ein solches Spülwasser Kaffee nennt; also auf Wasser und Brod
gesetzt?«
»Nur für kurze Zeit; sobald das Wundfieber vorüber ist, dürft Ihr wieder
kräftige Nahrung zu Euch nehmen.«
»Aber das ist vorüber.«
»Doch nicht ganz; heute Morgen habt Ihr noch eine Menge tolles Zeug
geschwatzt.«
»Bah, das thu' ich immer,« sagte der Alte; »aber meinetwegen -- nur
Einen Wunsch hätt' ich.«
»Und der ist?«
»Den Förster möcht' ich gern einmal anschau'n, wie dem sein Gesicht
heut' Morgen aussieht,« lachte der Verwundete ingrimmig in sich hinein.
»Ruhig, Spitz,« fuhr er aber gleich darauf, den Hund beschwichtigend,
fort, als dieser plötzlich zu knurren anfing. »Ob der nur den Titel
des Schuftes hören kann, ohne sich selber zu giften! Ruhig, mein Hund,
unsere Zeit kommt doch vielleicht noch einmal!«
Er fiel matt und erschöpft auf sein Lager zurück, denn das viele
Sprechen hatte ihn angestrengt, und der junge Arzt suchte jetzt dem
kleinen Mädchen -- denn mit dem alten, tauben Jonas war nichts zu reden
-- begreiflich zu machen, in welcher Art sie den Kranken zu behandeln
habe. Das Kind fürchtete sich aber vor dem alten, ungeselligen Burschen,
der, wenn er allein war, immer vor sich hin lachte oder fluchte; ebenso
auch vor dem kleinen, bissigen Hund, der sie immer anknurrte, wenn sie
zum Lager wollte, und Frank beschloß deshalb, selber hinüber in das Dorf
zu gehen, um eine erfahrene Wärterin zu engagiren. Der Zustand der Wunde
war allerdings bedenklich und es durfte in der Behandlung derselben
nichts versäumt werden.
Das Gewitter hatte nachgelassen, der Wind sich aber von Südwest nach
Nordwest herumgedreht, und ein feiner, kalter Regen peitschte auf die
Erde nieder. Wie der Abend endlich dämmerte, war es recht kalt und
unfreundlich geworden, ja, so rauh, daß die Gräfin dem einen Diener
befahl, in ihrem Kamin ein kleines Feuer anzuzünden. Es fröstelte sie,
und der Raum kam ihr heute überdies so öde vor.
Es war völlig Nacht geworden und der Haushofmeister, von einem
Diener begleitet, der zwei große silberne und prachtvoll gearbeitete
Armleuchter auf den Tisch stellte, hatte die schwerseidenen Gardinen
vorgezogen.
Am Kamin, den Blick stier und nachdenkend auf die glühenden Kohlen
darin geheftet, saß die Gräfin, neben ihr am Tisch, mit einem Haufen von
Zeitungen und Büchern vor sich, der Graf. Aber kein Wort wurde zwischen
ihnen gewechselt, keine Frage gestellt, und der alte Herr hielt eben
eine große, bunt und elegant gedruckte Karte zwischen den Fingern, die
Einladung zu dem heutigen Ball in Haßburg. Nur sein Blick haftete darauf
und seine Lippen zogen sich zu einem bittern Lächeln zusammen.
»Wo nur George heute bleibt?« sagte die Gräfin endlich, aber mehr zu
sich selber, als zu ihrem Gemahl sprechend, leise vor sich hin. »Er
weiß, wie allein wir hier sind.«
Die Thür ging auf und sie wandte rasch den Kopf; aber es war nur der
Haushofmeister, der die Theemaschine mit den Tassen hereinbringen ließ.
Draußen heulte der Nordwest und fegte die Terrasse rein; die
dichtbelaubten Bäume rauschten und schüttelten schon hier und da einige
vergilbte Blätter los, die vom Sturm weit hinab in's Thal getragen
wurden.
»Ist der Briefträger noch nicht dagewesen?« fragte der Graf.
»Noch nicht,« erwiderte der Haushofmeister, »aber er kann jeden
Augenblick kommen; es ist jetzt seine Zeit, Herr Graf.«
»Wie das da draußen stürmt!«
»Der Regen hat nachgelassen, Herr Graf; aber einen solchen Sturm weiß
ich mich nicht zu entsinnen, seit wir hier oben wohnen. Es ist, als ob
er die Bäume aus der Erde reißen wollte.«
»Arme Menschen, die jetzt draußen in Wind und Wetter sind,« nickte der
Graf, »arme Menschen!«
Der Haushofmeister seufzte tief auf, aber er wagte nicht weiter etwas
zu sagen, ordnete das Theeservice, rückte den kleinen Tisch mit der
Maschine etwas näher zu seiner Herrin hin, und verließ dann das Gemach.
So verging wieder eine halbe Stunde. Draußen wurde die Vorsaalthür
geöffnet und schlug gleich darauf, vom Sturm gefaßt, wieder heftig zu.
Der Graf schreckte empor, beruhigte sich aber wieder und nippte an einer
Tasse Thee, die ihm die Gattin eingeschenkt.
Schritte draußen -- der Haushofmeister kam selber herein; er trug einen
silbernen Teller in der Hand, auf dem ein Brief lag. Aber seine Hand
zitterte, und mit vor Freude fast bebender Stimme rief er: »Ein Brief,
Herr Graf, ein Brief, der Postbote hat ihn eben gebracht!«
Unwillkürlich streckte der Graf die Hand danach aus, aber er ließ sie
wieder sinken. »Woher ist er?« fragte er leise.
»Ja, mein bester Herr, das Postzeichen kann ich nicht erkennen, es
schwimmt mir Alles vor den Augen; aber die Schriftzüge kenn' ich, die
lieben Schriftzüge!«
»Ich will ihn nicht haben,« sagte der Graf und wandte den Kopf zur
Seite, als ob er sich seiner Schwäche bewußt sei; »ich will ihn nicht
haben.«
»Aber die gnädige Frau Gräfin nimmt ihn dann,« sagte der alte Mann; »oh,
dem Himmel sei Dank, da kommt doch endlich Nachricht!«
Er hielt den Teller der Gräfin hin, und sein Blick dankte ihr, als sie
den Arm danach ausstreckte.
Finster und schweigend nahm die Gräfin den Brief; nur Einen Blick warf
sie auf die Adresse -- es waren die Schriftzüge ihrer Tochter --
und ohne weiter ein Wort zu sagen, schleuderte sie den Brief auf die
glühenden Kohlen im Kamin.
»Frau Gräfin!« schrie der alte treue Diener fast entsetzt auf, »er
ist von Ihrer Tochter, von der lieben, lieben Comtesse!« Und fast
unwillkürlich wollte er zuspringen, um das auflodernde Papier noch zu
retten.
»Halt!« sagte die Gräfin streng, indem sie den Arm abwehrend
vorstreckte. »Hußmann, Ihr überschreitet Eure Grenzen!«
Der alte Herr hatte ebenfalls fast unwillkürlich eine Bewegung gemacht,
als das Papier in die Flamme flog, aber es war nur ein Moment gewesen;
dann nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und murmelte leise vor sich
hin: »Es muß sein, es muß sein; es geht nicht anders!«
Eine Rettung des Briefes war nicht mehr möglich. Die Gluthhitze des
Kamins hatte ihn in wenigen Secunden zerstört, nur noch ein kleiner
Haufe schwarzer, krustender Asche lag auf den Kohlen. Der alte Mann ließ
den Teller, den er in der Hand hielt, sinken, und ein paar helle Thränen
glänzten ihm in den Augen; aber er sagte kein Wort weiter -- er
durfte nicht. Die Frau Gräfin hatte ihn ja schon in seine Schranken
zurückgewiesen, und das noch nie nöthig gehabt, noch nie, so lange er
zurückdenken konnte, die vielen, vielen Jahre. Er konnte nichts weiter
sagen, es war ihm verboten worden, und daß er das Kind, die gnädige
Comtesse, hatte mit erziehen helfen und ihre Jugend mit fast Vaterliebe
überwacht, lieber Gott, er war ja nur ein Diener des Hauses, und das
vielleicht mehr als seine Schuldigkeit gewesen; wie hätte er können
Ansprüche darauf gründen, die ihm noch nie, selbst im Traum nicht,
eingefallen waren!
Nur das Eine stand fest, das arme, verlassene Mädchen hatte geschrieben,
an ihre Eltern geschrieben; in ihrer Macht war es gewesen zu erfahren,
wo sie jetzt weile, wie es ihr gehe -- und der Brief von der Flamme
rettungslos und für immer zerstört worden! Mit dem Bewußtsein verbeugte
sich der alte Mann demüthig, und mit einem recht schmerzlichen Blick
auf seinen Herrn, der über den Tisch gebeugt saß und nur immer leise vor
sich hin mit dem Kopf nickte, verließ er das Zimmer.
»Es ist Alles vorbei,« sagte der Graf flüsternd, als der Haushofmeister
schon lange die Thür wieder hinter sich zugezogen hatte -- »Alles
vorbei, Alles vorbei! Wo nur George bleibt? Und so glücklich hätten wir
sein können, so glücklich!«
Er nahm eine Zeitung auf, als ob er darin lesen wollte; aber die
Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, er sah nur ein großes Blatt Papier
mit flimmernden Zeichen, und nur manchmal warf er den Blick fast wie
vorwurfsvoll nach der Gattin hinüber -- aber sie hatte doch Recht
gehabt. Es durfte ja nicht sein, es durfte ja nicht sein, die Ehre des
Hauses, stand auf dem Spiel, und der mußte jedes Opfer gebracht werden,
jedes -- selbst das eigene Kind!
Aber die Ehre des Hauses forderte noch mehr.
Wieder war eine kleine Zeit verflossen, da wurden draußen vor dem
Hause Stimmen laut, als ob eine Anzahl fremder Menschen unten im Garten
ankäme.
Die Gräfin horchte dort hinüber; jetzt war Alles wieder ruhig und die
Hausthür ging auf und fiel wieder zu. Dann sprangen einzelne Leute im
Schloß selber rasch vorüber. Was war das?
Sie ergriff die neben ihr stehende Glocke und drückte darauf, daß der
Ton hell und laut durch den stillen Raum schallte. Niemand gehorchte dem
Ruf. Wo war der Diener, den seine Pflicht in das Vorzimmer bannte? Die
Gräfin wiederholte ungeduldig das Zeichen.
Da öffnete sich rasch die Thür und einer der jüngsten Lakaien stürzte
mit verstörtem Angesicht herein.
»Was ist, Charles? Was habt Ihr da draußen? Weshalb hört Niemand?«
»Ach, gnädige Frau Gräfin,« rief der junge Bursche ganz entsetzt, »sie
-- sie bringen ihn!«
»Ihn -- wen?« rief der Graf und sprang von seinem Sitz empor.
»Den jungen Herrn Grafen.«
»George?« schrie die Gräfin, und Leichenblässe deckte ihre Züge.
»Ja,« jammerte der junge Mensch, »ganz blutig und so blaß!«
Der Graf gab keinen Laut von sich; einen der schweren silbernen
Armleuchter griff er auf und schritt der Thür zu.
»Ich bitte Dich um Gottes willen, George, bleib hier!« rief die Gräfin,
die ebenfalls aufgesprungen war und seinen Arm faßte.
Der Graf sah sie mit einem eisig kalten Blick an. »Willst Du mich auch
noch von meinem _letzten_ Kinde trennen?« sagte er mit einer Stimme, die
gar keinen irdischen Ton mehr hatte, und als ihn die Gräfin erschreckt,
entsetzt frei ließ, verließ er das Zimmer, aus dem sie ihm fast
willenlos, an allen Gliedern zitternd, folgte.
Sie sollten nicht lange über das Geschehene in Zweifel bleiben.
»Es hilft nichts, wir können es nicht verheimlichen,« hörten sie den
Hofmeister sagen, »der Stern des alten Hauses ist gesunken!«
Unten die Hausthür war geöffnet; fremde Männer trugen eine Bahre herein,
auf der ein Sterbender lag.
Der alte Graf schritt die Treppe hinab, als ob er auf Luft gegangen
wäre; er fühlte keine Stufe unter sich, er sah nichts als ein
todtenbleiches Antlitz, das von dem Licht zweier Fackeln und darüber
gehaltener Kerzen furchtbar deutlich erhellt wurde.
»George,« sagte er, und er selber hörte nicht einmal den Laut der Worte,
»George, was ist geschehen?«
»Unterstützt meinen Vater,« sagte der Verwundete leise, »und dann tragt
mich hinauf in mein Zimmer -- vorsichtig, es thut gar zu weh!«
Zwei der Diener sprangen zum alten Herrn, aber nur den Armleuchter ließ
er sich aus der Hand nehmen, den er noch fest und kräftig hielt; er
selber stand aufrecht, die rechte Hand, in der er den Leuchter gehalten,
noch immer in der nämlichen Stellung emporgehoben, und sein Blick
haftete wie gebannt an dem bleichen Antlitz seines Sohnes.
»Was ist geschehen?« wiederholte er, als sich die Mutter mit einem
gellenden Aufschrei an die Bahre des geliebten Kindes, an dem ihr Herz
mit allen Fasern hing, warf.
Ein Arzt in Uniform begleitete den Trauerzug. Er konnte eben noch
verhindern, daß die Unglückliche nicht auf den Verwundeten fiel und
seine Schmerzen vergrößerte.
»Hinauf mit Euch, Leute,« rief er, »rasch in das Zimmer, daß der Kranke
zu Ruhe kommt! Wollen Sie sich nicht der Dame annehmen?«
Die Worte galten dem Haushofmeister, der, kaum eines Gedankens fähig,
neben dem Entsetzlichen stand.
Weitere Worte waren auch unnütz. Während der Arzt selber das Kopfende
der Bahre mit unterstützte und alle Diener zusprangen, hoben sie
dieselbe leicht und sicher empor und trugen sie rasch die Treppe hinauf
in das Zimmer, wo sie den Unglücklichen gleich mit der Matratze, auf der
er hierher geschafft worden war, auf sein eigenes Lager legten.
George, todtenbleich und matt, während die Mutter jetzt an seinem Bett
kniete und seine Hand gefaßt hielt, war erschöpft und schloß die Augen,
und der Graf, den Arm des Arztes ergreifend, sagte mit leiser, aber
fester Stimme:
»Was ist vorgefallen? Sie sind verpflichtet, es mir zu sagen; ich muß
Alles wissen!«
»Es kann auch leider kein Geheimniß bleiben, Herr Graf,« sagte der Arzt
achselzuckend; »der junge Herr hatte heute Nachmittag um vier Uhr ein
Rencontre mit dem jungen Grafen Bolten.«
»Mit Hubert?«
»Mit dem jungen Grafen Hubert; Graf Bolten hatte den ersten Schuß und
traf seinen Gegner gleich zu furchtbar sicher. Bereiten Sie sich auf das
Schlimmste vor,« flüsterte er ihm leise zu, »Rettung ist unmöglich, die
Kugel hat die Lunge verletzt.«
Der Arm des Grafen sank wie gelähmt an seiner Seite nieder, als der
Verwundete die Augen aufschlug und leise sagte: »Vater! -- Mutter!«
»Mein George, mein liebes Kind, wir sind hier, wir sind bei Dir! Um
Gottes willen, was fehlt Dir?«
»Es ist vorbei,« flüsterte der Sterbende, -- »ich -- kann nicht -- mehr
sprechen. Seid gut -- mit Paula -- lebt -- wohl!«
Er schloß die Augen und ein Zucken lief über seinen ganzen Körper.
»George, George!« schrie die Mutter und warf sich über ihn. Er rührte
sich nicht mehr, es war vorbei, und während der Graf, ein wahres Bild
des Entsetzens, an seinem Lager stand und den Blick, wie durch einen
Zauber gebannt, nicht von dem starren Antlitz des Todten nehmen konnte,
lehnte der alte Haushofmeister in der Ecke und schluchzte laut.
27.
Die Recension.
Am nächsten Morgen um zehn Uhr ging Rebe wieder, wie verabredet, zum
Director Krüger, um dort das Repertoire für die nächste Vorstellung
mit ihm zu besprechen. Er traf den Director in einer nicht geringen
Aufregung, und als er nur das Zimmer betrat, rief ihm dieser schon, mit
der Hand auf den Tisch zeigend, entgegen:
»Sehen Sie, habe ich Ihnen das nicht vorausgesagt? Jetzt können Sie die
Folgen Ihres Leichtsinns erkennen.«
»Aber, bester Herr Director!«
»Haben Sie das Stadtblatt von heute Morgen schon gelesen?«
»Nein, noch nicht.«
»Na, dann machen Sie sich einmal ein Vergnügen. Da liegt der Wisch auf
dem Tisch; Strohwisch thut sein Aeußerstes.«
»In der That?« lächelte Rebe, indem er das Blatt aufnahm und hineinsah.
»Aber es wird dann auch das Aeußerste sein, und er ist nachher fertig.«
»Der? Noch lange nicht, da kennen Sie den nicht. Aber lesen Sie nur --
nein, bitte, laut. Ich habe nur einen Blick darauf geworfen, weil mich
der Grimm packte. Es ist wirklich ein malitiöser Kerl!«
Rebe las: »Theater in Haßburg. Hamlet, Prinz von Dänemark. Zur
Feier...«
»Das können Sie überschlagen,« unterbrach ihn der Director, »das
ist blos die Einleitung, und die Geschichte haben wir selber mit
durchgemacht. Gleich da unten geht's an: Wir sind uns einer Versäumniß
bewußt...«
»Ah, da. »Wir sind uns einer Versäumniß bewußt, dem Publikum nicht schon
gestern über das Stück berichtet zu haben; aber wir müssen gestehen,
daß wir volle vierundzwanzig Stunden gebraucht haben, um uns von unserem
Erstaunen über das Gesehene und Erlebte zu erholen. Herr Horatius Rebe
den Hamlet -- wenn wir es nicht selber mit gelitten und ertragen hätten,
wir würden es jetzt noch nicht glauben und das Ganze für einen wüsten,
unnatürlichen Traum halten. Aber leider ist es nur allzu wahr, und wir
müssen die Thatsache constatiren, daß Herr Horatius Rebe allerdings
vorgestern Abend den Hamlet, diesen dänischen Prinzen, auf eine Weise
mißhandelt hat, die unserem Nationalgefühl nichts zu wünschen übrig
ließ. Wir geben auch zu, daß ohne Herrn Horatius Rebe eine Störung
in der Vorstellung stattgefunden haben würde, das heißt, die ganze
Vorstellung wäre unmöglich geworden. Aber war das Publikum nicht
zehntausendmal besser daran, wenn es sein Geld zurück, als diesen
entsetzlichen Hamlet vorgesetzt erhalten?
»Was wir dabei nicht begreifen, ist die bodenlose Selbstüberschätzung
dieses jungen »Künstlers«, der es wagen konnte, ohne zu erröthen -- denn
er sah blaß aus, daß wir eine Zeit lang im Zweifel waren, welches der
Geist sei -- dem urtheilsfähigen und feingebildeten Haßburger Publikum
eine solche Qual zu bereiten. Die Noth entschuldigt dies keineswegs,
denn er konnte sich doch unmöglich einbilden, die geistvolle Auffassung
eines Handor uns ersetzt zu haben -- also was sonst? Er hat nur eine
Rolle hergesprochen, damit das Stück gegeben werden konnte -- nur damit
kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Publikum das Eintrittsgeld
zurückzuzahlen.
»Wir haben die Gutmüthigkeit des Publikums bewundert, daß es sich das
gefallen ließ und sogar dem Delinquenten noch applaudirte; es sollte ihm
das vielleicht in etwas die Angst vergüten, die er gehabt. Nun, Gott
sei Dank, der Abend ist auch überstanden und wird hoffentlich nicht
wiederkehren.
Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels.
»Herr Horatius Rebe mag ein recht lieber, braver Mensch und ein guter
Bürger sein, aber wir können es ihm Schwarz auf Weiß geben, daß er ein
sehr mittelmäßiger Schauspieler ist. Sein Hamlet war der Beweis dafür:
keine Idee einer höheren Auffassung, keine Faser von Genialität,
kein Funke jenes göttlichen Feuers, das die der Kunst Geweihten auch
durchdringen und sie und dadurch den Zuschauer elektrisiren muß.
»Das Einzige, was uns Herr Rebe an jenem Abend gezeigt, ist, daß er
ein gutes Gedächtniß hat; möge er deshalb nie vergessen, daß er seine
ruhmreiche Laufbahn wohl noch immer auf einer kleinen Winkelbühne
Deutschlands fortsetzen kann, daß es aber dem Haßburger Publikum nicht
zugemuthet werden darf, einen solchen Genuß zum zweiten Male zu leiden.
Wir warnen die Direction wohlmeinend vor einem solchen Mißbrauch des
Vertrauens und hoffen, daß diese milde Rüge genügt hat, Herrn Horatius
Rebe dem hiesigen kunstsinnigen Publikum nicht mehr gefährlich zu
machen.