dort mitsammen plaudernd, bis der Haushofmeister endlich feierlich auf
den Grafen Monford zuschritt und ihm meldete, daß die Suppe servirt
werden könne.
»Meine Herrschaften, zur Tafel!« rief der Graf fröhlich; »meine Herren,
nehmen Sie sich Ihre Damen. Wo ist Hubert?«
»Er sprach eben im andern Zimmer mit der Mama,« sagte George.
»Rufe ihn einmal. Wo ist denn Paula? Sie war ja eben noch da.«
»Sie wird draußen auf der Terrasse sein; ich werde nachsehen.«
George ging hinaus, um die Schwester zu suchen; aber auf der Terrasse
war sie nicht, und von dort herein zogen jetzt die Gäste, dem
willkommenen Ruf zur Tafel folgend.
Langsam schritt Paar nach Paar in den zu Tageshelle erleuchteten Saal
und ordnete sich nach ihren, ihnen bestimmten Plätzen um die Tafel,
deren Pracht das Auge ordentlich blendete.
Riesige silberne Candelaber streckten ihre breitästigen Arme aus und
hielten zahllose flammende Wachskerzen. Prachtvoll gearbeitete Frucht-
und Blumenkörbe standen dazwischen, und den mittleren Theil deckten
sogar noch niedere Aufsätze von blank polirtem Silber, die wie eben so
viele Spiegel das Licht tausendfältig zurückstrahlten.
Was Deutschland nicht allein, nein, was die Welt an Blumen und Früchten
bot, war auf der Tafel angehäuft, von der saftigen Kirsche bis zur
goldgelben Banane und Ananas, und damit harmonirte der Saal selber, der,
so einfach auch decorirt, doch in jedem einzelnen Stück den Reichthum
sowohl wie den Geschmack des Besitzers verrieth.
Abgeschieden von den Gästen durch einen hohen, schwerseidenen Vorhang,
wie man ihn auf dem Theater wohl gemalt sieht, saß das Musikcorps, das
mit dem Wagner'schen Marsche aus »Tannhäuser« begonnen hatte, und nach
dem Tacte desselben ordneten sich unwillkürlich die Gäste; aber man
wollte sich setzen, und ungeduldig sah der Graf umher, denn Paula,
Hubert und George fehlten noch. Hatten sie den Ruf zur Tafel nicht
gehört?
Der Haushofmeister wurde hinausgeschickt, um nach ihnen zu sehen. Er
kehrte ebenfalls nicht wieder.
»Um Gottes willen,« flüsterte Helene ihrem Begleiter zu, »die Comtesse
wird doch nicht unwohl geworden sein; sie sah vorhin so bleich aus!«
»Das ist mir auch aufgefallen,« erwiderte dieser; »Graf Monford scheint
unruhig zu werden.«
»Eine kleine Störung,« lächelte der Staatsrath seiner Nachbarin,
einem gelben, aber sehr reichen Stiftsfräulein von Wurmholz, zu, »die
Elisabeth hat ihr Stichwort versäumt und der Festmarsch wird noch einmal
von vorn anfangen müssen.«
»Das junge Brautpaar,« sagte die Gnädige achselzuckend, »wird draußen
auf der Terrasse schwärmen und nicht bedenken, daß wir Hunger haben; es
ist schon ein Viertel nach Neun.«
»Grausame Liebe!« stöhnte der Staatsrath.
Der Graf wurde in der That unruhig, denn solch ein Verstoß gegen die
Etiquette gehörte mit zu den unangenehmsten Dingen, die ihm, wie er
glaubte, überhaupt passiren konnten.
Ein anderer Diener wurde hinausgeschickt, um den Haushofmeister zu
suchen. Er kehrte nach einigen Minuten zurück und flüsterte dem Grafen
einige Worte zu.
»Entschuldigen Sie einen Augenblick, meine verehrtesten Herrschaften,«
sagte der Graf ruhig, »ich glaube, meine arme Paula ist unwohl geworden;
aber es wird nichts zu sagen haben.«
Er verließ mit festen, langsamen Schritten den Saal. Draußen am Eingang
stand George.
»Nun, was ist? Was habt Ihr? Wo ist Paula?«
»Fort, Vater!« stöhnte George, der leichenblaß aussah.
»Fort?«
»Ihr Kammermädchen hat vorhin einen kleinen Koffer fortgetragen; mein
Jean will sie gesehen haben, und der Gärtner behauptet, hinten am
Drahtthor habe ein Wagen gehalten.«
»Wo ist Hubert?« sagte der alte Graf tonlos und hielt sich an dem
nächsten Sessel fest.
»Er läßt meinen Rappen satteln.«
Der alte Herr sah seinen Sohn stier an, dann drehte er sich langsam um,
als ob er in den Saal zurückschreiten wollte; aber hier verließen ihn
die Kräfte. George konnte eben noch zuspringen, um ihn in seinen Armen
aufzufangen.
20.
Hamlet, Prinz von Dänemark.
Director Krüger, den wir verlassen haben, als er im Conversationszimmer
von all' der Angst und Aufregung wie gerädert zusammenknickte, sollte
aber noch nicht zu Ruhe kommen, denn wieder mußte das Orchester
Nachricht haben, was es jetzt spielen sollte, da es den Trauermarsch
doch nicht noch einmal beginnen konnte. Außerdem kam Fräulein Bellachini
eben, von rauschendem Applaus und einer erneuten Blumensalve verfolgt,
athemlos und erhitzt, aber mit einem ganz seligen Gesicht in das
Conversationszimmer und warf dem Director lachend einen Blumenregen vor
die Füße. Der mußte er etwas Angenehmes sagen, sonst gab sie ihm das
zehnfach in allerlei Aergerniß wieder zurück, denn genau so stolz wie
eine Sängerin auf ihre Kehle, ist eine Tänzerin natürlich auf ihre Füße.
»Mein liebes, verehrtes Fräulein,« sagte er, sich mit einem innerlichen
Seufzer von dem Sopha emporrichtend, »Sie haben getanzt wie ein junger
Gott, wie eine Sylphide, eine Bajadere, eine Triade oder Gott weiß, wie
die Dinger heißen -- Sie haben getanzt wirklich zum -- zum Küssen. --
Erlauben Sie, daß ich Ihnen im Namen Deutschlands um den Hals falle...
»Mein bester Herr Director...«
Der Director fiel; während er sie aber etwas tragisch umarmte, sah er an
der Thür Sulzer stehen und rief zugleich aus:
»Schicken Sie doch zum Donnerwetter zum Kapellmeister, daß er irgend
etwas Schwermüthiges spielt -- aber kurz! -- Ist denn der Rebe fertig?«
»Er läßt eben sagen, es könne angehen.«
»Mein liebes Fräulein, der Erbprinz wird entzückt sein,« sagte Krüger,
sie bei Seite schiebend. -- »Jetzt müssen Sie aber hinaus, Sulzer, und
die Veränderung anzeigen.«
»Mit der Krone?«
»Meinetwegen mit dem Reichsapfel -- das ist ja alles Ein Deubel! Haben
Sie in's Orchester geschickt?«
»Ja -- was soll ich denn anzeigen?«
»Sagen Sie nichts von Rebe!« rief Krüger rasch -- »wegen plötzlich
eingetretener Heiserkeit des Herrn Handor hätte eins der Mitglieder die
Rolle des Hamlet gleich und ohne Vorbereitung übernommen -- Direction
bäte um Nachsicht.«
»Soll ich Meier's dicken Backen auch gleich anzeigen?«
»Den werden sie selber sehen -- na, wenn das heut Abend gut geht...«
»Wär' es nicht eigentlich passend, Herr Director, wenn Sie selber vorher
hinauf in die Loge zum Erbprinzen gingen und ihm...«
»Mit meiner großcarrirten Hose?« rief Krüger, »auf die mir noch der
Esel, der Schulze, vorher die Lampe gegossen hat? Sehen Sie einmal den
Oelflecken -- machen Sie, daß Sie hinauskommen!«
»Da fängt die Ouvertüre schon wieder an.«
»Na, dann warten Sie, bis sie fertig ist -- nachher aber gleich -- der
Vorhang braucht gar nicht wieder zu fallen -- Sie gehen nur ab.«
Es war jetzt in der That weiter nichts zu thun. Unten im Orchester
spielten sie eins jener monotonen Stücke, die gewöhnlich in Schauspielen
die Zwischenacte ausfüllen und nichts sind, als ein musikalisches
Geräusch, bei dem sich das Publikum ungestört unterhalten kann, und Aus-
und Eingehende die Thüren werfen.
»Ist denn Rebe _noch_ nicht unten?« fragte der Director ungeduldig --
»wenn wir jetzt noch einmal eine Pause machen müssen...«
»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Director,« sagte aber dieser selber,
indem er in vollem Costüm auf seinen Chef zutrat.
Er hatte die vorher aufgetragene Schminke abgenommen und sah eigentlich
bei Lampenlicht geisterhaft bleich aus -- aber zu der Rolle paßte es.
Das Costüm saß seiner schlanken, edlen Gestalt ebenfalls wie angegossen,
und Krüger sah ihn ordentlich überrascht an.
»Und Sie haben wirklich noch Courage?«
»Sie sehen mich vollständig bereit, meinen Platz auszufüllen.«
»Na, Gott gebe seinen Segen dazu -- Sie haben es selber gewollt.«
Die Musik schwieg; Sulzer gab das Zeichen zum Aufziehen des Vorhanges
und trat dann rasch hinaus.
»Wer da?« schrie ihm Mauser aus dem Souffleurkasten, als ersten Ausruf
Bernardo's, entgegen, denn er hatte mit Schmerzen auf den Beginn
gewartet und glaubte natürlich, es sollte jetzt losgehen. Sulzer
stutzte, und im Parket, wo man den Ruf deutlich gehört hatte, lachten
Einige. König Claudius sammelte sich aber rasch wieder, und vortretend
und zuerst den Erbprinzen, dann das Publikum mit einer ehrerbietigen
Verbeugung begrüßend, brachte er die Anzeige der stattfindenden
Veränderung.
Das Publikum nahm dieselbe ruhig hin, und nur ein leises Flüstern lief
durch's Parterre, denn kein Name war genannt und Niemand wußte, wer
jetzt den Hamlet spielen solle. König Claudius ließ sich aber auf keine
weiteren Erklärungen ein, und Mauser selber unten im Souffleurkasten
war in der äußersten Spannung, wer von Allen die Hauptrolle im Stücke so
rasch übernommen haben konnte, daß er selber keine Ahnung davon hatte.
König Claudius aber war abgegangen. Aus der Coulisse trat der
wachthabende Posten, Francisco, vor und schulterte seine Hellebarde, und
Bernardo trat von der andern Seite auf.
Die erste Scene ging auch ruhig vorüber, und nur die Spannung des
Publikums wurde mit der Verwandlung gesteigert.
Jetzt traten der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes und die
Hofleute mit Gefolge auf, und Aller Augen hingen an dem Prinzen, aber
jetzt nicht an dem Erbprinzen, sondern an dem von Dänemark, den man mit
seinem bleichen Antlitz nicht einmal gleich erkannte. Aber plötzlich
-- Niemand wußte, woher er gekommen -- flog der Ruf in einem hörbaren
Zischeln durch das Theater:
»Rebe -- Rebe spielt den Hamlet!«
Auf einer der vordersten Bänke saß Jeremias, der heute Rebe, wenn auch
in einer kleinen Rolle, auf dem Zettel gefunden hatte und, ohne daheim
etwas davon zu sagen, in's Theater gegangen war, um ihn selber einmal
spielen zu sehen. War es überhaupt die letzte Rolle, in der er hier
auftreten sollte. Sein Nachbar rief jetzt ebenfalls: »Rebe spielt den
Hamlet!«, und es gab ihm einen ordentlichen Stich in's Herz, als er den
Ausruf hörte.
»Rebe den Hamlet -- na, wenn das gut geht!« stöhnte er, gleich
dem Director -- »was ist denn da vorgefallen und dem unseligen,
verzweifelten Menschen in den Kopf gestiegen? Wenn er sich da blamirt --
und natürlich wird er --, ist er für immer verloren!« -- Jeremias wäre
auch jetzt mit Vergnügen fortgegangen, denn er glaubte zu ahnen, was
geschehen würde, und mochte das Elend nicht mit ansehen; aber es war
unmöglich. Er saß gerade in der Mitte im Parquet, und die Sitze waren so
eng, daß die ganze eine Reihe hätte aufstehen müssen, um ihn hinaus zu
lassen, und was für Aufsehen würde das mitten im Act erregt haben! Er
mußte schon bleiben, wo er war, und geduldig still halten. Was auch
geschah, er konnte es doch nicht mehr ändern.
Und wie unbefangen der Mensch dabei aussah, und wie blaß aber auch!
Während der König mit Polonius sprach, unterhielt er sich mit den
Hofleuten, als ob ihn die ganze Geschichte gar nichts anginge. Im Hause
selber herrschte dabei noch immer einige Unruhe, und das flüsterte und
zischelte an allen Ecken und Enden. In dem Augenblick aber, wo sich der
König an Hamlet wandte:
»Doch nun, mein Vetter Hamlet, und mein Sohn...«
herrschte Todtenstille, und man hätte ein Blatt Papier können fallen
hören.
Hamlet sprach aber seine kurzen Sätze einfach und verständig, die ersten
Worte nur noch etwas leise -- er war noch zu befangen. Trotzdem verstand
man jede Silbe, denn das Publikum wagte kaum zu athmen, und schon bei
der Anrede an die Mutter:
»Scheint, gnäd'ge Frau? Nein -- ist! Mir gilt kein Scheint...«
schien er seine ganze Fassung erlangt zu haben oder hatte vielmehr das
Publikum so vergessen, daß er nur Auge und Ohr für seine Rolle hatte,
und nach dem Abgange der Uebrigen, bei den heftigen Worten:
»Zerschmölze doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging' und löst' in einen Thau sich auf!
Oh, hätte nicht der Ew'ge sein Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord! Gott, oh Gott,
Wie ekel, schal und flach, wie unersprießlich
Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt...«
sprach er sie mit einer solchen edlen und auch in keiner Bewegung
übertriebenen Leidenschaft, daß der Director, der indessen hinter der
Coulisse wie auf glühenden Kohlen stand, fast unwillkürlich in sich
hineinmurmelte: »Gut, bei Gott, recht gut! Verfluchter Kerl, der Rebe,
wenn er nur so fortführe! Am Ende käme er noch unausgepfiffen durch.«
Rebe schien aber nichts Derartiges zu fürchten, denn in der nächsten
Scene mit Horatio, Bernardo und Marcellus benahm er sich mit so edlem
Anstand und sprach, was er zu sprechen hatte, so durchaus im Geist der
Rolle, daß das Staunen im Zuschauerraume wuchs, während er die Damen
durch seine wie für den Hamlet geschaffene Gestalt schon halb gewonnen
hatte. Aber trotzdem regte sich keine Hand, Alles saß lautlos und
still, wie erwartungsvoll, daß plötzlich irgend etwas Außerordentliches
geschehen solle, bis zu der Scene mit dem Geist, wo er diesem folgt und
ihn endlich stellt.
Barthel war schauerlich als Geist. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt,
daß ein im Fegfeuer leidendes Gespenst, wenn es einmal über der Erde
erscheine, auch seine dort unten erlittenen Qualen deutlich kund geben
müsse, und wimmerte seine Rolle kläglich ab. Die Haßburger hatten sich
aber an ihn gewöhnt; sie wußten es nicht anders, als daß der Geist
wimmern muß, und nur die Fremden im Theater schüttelten mit dem Kopf,
wagten aber kein Urtheil kund zu geben.
Desto besser war Rebe, der in dieser Scene ordentlich aus sich
herausging, ohne aber eine einzige unnatürliche Bewegung zu machen oder
im Geringsten stark aufzutragen. Das Grausen, das ihn erfaßte, als er
den Geist erblickte, theilte sich dem Publikum mit, und wie der Geist
mit dem »Ade, ade, gedenke mein!« abwimmerte und Hamlet in die Worte
ausbrach:
»Oh Herr des Himmels! Erde! Was noch sonst?
Nenn' ich die Hölle mit? --«
hörte man hier und da einzelne leise Ausrufe von: »Gut! Recht brav!«
Aber keine Hand rührte sich.
Der Erbprinz selber schien ganz ergriffen von dem Spiel und gab
unwillkürlich wieder das vorher so gut eingeschlagene Zeichen zum
Applaudiren, indem er die Fingerspitzen der weißen Glacéhandschuhe vorn
zusammenbrachte -- aber es half nichts.
Bei der Tänzerin war es etwas Anderes gewesen und diese eine berühmte
Notabilität; sie mußte beklatscht werden, oder ganz Haßburg hätte sich
blamirt. Ihren Rebe aber, den kannten sie besser als irgend jemand
Anders, und da hinein ließen sie sich nicht reden, und wenn es vom
Erbprinzen selber gewesen wäre.
Der Vorhang fiel, und schweigend wie das Grab saß das ganze Haus, bis
plötzlich wieder das Zischeln und Flüstern begann und Einer dem
Andern seine Bemerkungen leise mittheilte, oder erst vorsichtig dessen
Ansichten hören wollte.
Jeremias athmete tief auf. Wie der Vorhang fiel, war ordentlich, als
ob ein Alp von seiner Brust genommen wäre, in einer solchen, fast
fieberhaften Spannung hatte er in den vorigen Scenen gesessen und
zugesehen. Jetzt war es vorbei, er konnte wenigstens einmal wieder
ordentlich Luft schöpfen, und ein eigenes, merkwürdiges Gefühl
durchzuckte ihn, als er dabei die verschiedenen, aber fast sämmtlich
günstigen Urtheile über den neuen Hamlet hörte.
»Na, nu seh' einmal ein Mensch an; wer hätte das dem Rebe zugetraut?
Nicht gemuckst hat er bis jetzt, und gethan, als ob er nicht Drei zählen
könnte, und nun rückt er auf einmal mit dem Hamlet heraus.«
»Na, aber der Handor hätt' ihn doch besser gespielt...«
»Nicht so viel, nicht die Probe; geschrieen hätt' er mehr, ja -- aber
der verfluchte Kerl sah ordentlich wie ein Prinz aus!«
»Ja, das war nichts,« sagte da ein Anderer, »die Scene mit dem Geist
kann ein Jeder spielen, die spielt sich von selber -- aber nachher
wollen wir einmal sehen! Mein Hamlet wär's nicht.«
»Ach was, er macht's so gut er kann,« meinte Einer auf einer hintern
Bank, »und wer weiß denn auch, wann er die Rolle übernommen hat? Der
Handor steht ja noch auf dem Zettel.«
»Was nur dem heute fehlt?«
»Fehlen? Er hat wieder 'was zu viel -- der Champagner wird heute gut
geschmeckt haben!«
»Daß ihm nur noch Jemand 'was borgt! Mir ist er auch noch hundertfünfzig
Thaler schuldig -- das ist ein leichtfertiger Patron.«
»Da ist der Rebe ordentlicher, der bezahlt Alles, was er kauft.«
»Ja, aber er kauft nichts,« lachte ein kleiner dicker Mann; »der arme
Teufel hat immer kein Geld...«
»Bst, es geht wieder an!« -- Das Gespräch war abgeschnitten.
Oben auf der Bühne hatte indessen eine andere Scene gespielt, und kaum
fiel der Vorhang, als der Director, ordentlich verlegen, auf Rebe zukam
und, sich die Hände reibend, sagte:
»Nun, Herr Rebe, ich gratulire! Es -- es geht ja recht gut. Ich -- ich
muß Ihnen gestehen, ich -- habe das nicht erwartet.«
»Sie glaubten, ich würde durchfallen, Herr Director?«
»Aufrichtig gesagt, ja; das Schwierigste haben Sie freilich noch immer
vor sich, aber bei einer so plötzlichen Uebernahme einer Rolle ist das
Publikum auch immer rücksichtsvoll genug, ein Auge zuzudrücken. Ich
hoffe doch jetzt wenigstens, daß wir das Stück zu Ende bringen.«
»Woran Sie bis dahin gezweifelt haben. Es freut mich wenigstens, Herr
Director, daß Sie, wenn ich morgen Haßburg verlasse, kein so hartes
Urtheil über mich fällen werden, als das bisher vielleicht der Fall
war. Ich habe Ihnen doch wenigstens bewiesen, daß ich nicht blos zum
Stühlehinaustragen zu verwenden bin, und daß Sie mir die Rolle des
Güldenstern mit recht gutem Gewissen hätten anvertrauen können.«
»Mein lieber Herr Rebe« (»lieber« Herr Rebe hatte er ihn noch nie
genannt), sagte der Director wirklich etwas verlegen, »es -- es thut
mir in der Seele leid, daß wir es nicht früher einmal mit einer etwas
bedeutenderen Rolle versucht haben! Halten Sie sich nur heut Abend
tapfer; das Publikum ist noch merkwürdig still, aber verlieren Sie den
Muth nicht, es geht doch vielleicht noch gut.«
»Mit ein klein wenig Nachsicht hoffe ich mein Versprechen zu lösen,«
sagte Rebe; »aber das Orchester beginnt schon wieder. Entschuldigen Sie,
Herr Director, ich komme nachher von der andern Seite, und möchte noch
einen Blick in meine Rolle werfen.«
»Bitte, lassen Sie sich um Gottes willen nicht stören!«
Der Director war die übertriebene Höflichkeit. Er kannte sich selber
nicht wieder, und Peters ging immer hinten auf dem Theater auf und ab
und schüttelte mit dem Kopf. So etwas war ihm in seiner Praxis noch
nicht vorgekommen.
Hinter der Scene stand Pfeffer als Todtengräber mit dem Geist.
»Wißt Ihr 'was Neues, Barthel?«
»Nichts, mein Prinz,« erwiderte Barthel mit den Worten des Güldenstern,
»außer daß die Welt ehrlich geworden...«
»So will ich's Euch sagen,« rief Pfeffer, »in dem Rebe steckt ein
Schauspieler!«
»Es brauchte kein Todtengräber vom Grabe herzukommen,« citirte Barthel
weiter, nur mit einer Veränderung des Textes, »uns das zu sagen -- aber
was für einer, ist die Frage.«
»Ein tüchtiger, wackerer Schauspieler!« rief Pfeffer in Eifer. »Hol'
mich der Teufel, der Handor reicht ihm das Wasser nicht in der Scene.«
»Bah,« sagte Barthel, der von der Schauspielkunst ganz eigene Ideen
hatte, »er sprach den Hamlet etwa gerade so, als ob Sie oder ich einen
Geist gesehen hätten und außer sich wären -- von Kothurn keine Spur --
man darf doch nie vergessen, daß man auf dem Theater ist!«
»Ich will Ihnen 'was sagen, Barthel,« meinte Pfeffer, »Sie sind ein Esel
und verstehen vom Hamlet gerade so viel wie der Peters!«
»Ich will _Ihnen_ 'was sagen, Pfeffer,« erwiderte Barthel, »wir
sind gute Freunde, aber Sie brauchen deshalb nicht gleich so grob zu
werden...«
»Ruhe da hinten, es geht an!« rief der Inspector aus der Coulisse
heraus, und im nächsten Augenblick ging der Vorhang wieder in die Höhe.
In der zweiten Scene erregte der neugeworbene Güldenstern mit seinem
dicken Backen einige Heiterkeit, denn der Regisseur hatte ihn nicht mit
angemeldet; aber das Publikum beruhigte sich bald darüber, denn Meier,
als welcher er bald erkannt wurde, war eine zu beliebte und allbekannte
Persönlichkeit in der Stadt, für deren bestes Bier er als Orakel galt,
als daß man ihn irgend hätte kränken mögen. Außerdem lag es auf der
Hand, daß er nur aus Gefälligkeit in Rebe's Rolle eingetreten sei. Der
Erbprinz lachte aber, daß er sich zurückbeugen und sein Gesicht mit dem
Tuch bedecken mußte, und Meier warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
Der zweite Act ging wieder so ruhig vorüber, als der erste. Nicht einen
einzigen Applaus bekam Hamlet, obgleich die Zuschauer doch bei Fräulein
Bellachini bewiesen hatten, daß sie applaudiren konnten. Peters ging um
den Director herum. --
»Herr Director!«
»Ja, Peters.«
»Der Rebe macht seine Sache gar nicht so schlecht; soll ich einmal
wieder in's Parterre hinunter und vielleicht mit einer Kleinigkeit...«
-- er zeigte dabei seine zwei hornharten Fäuste.
»Um Gottes willen, Peters!« rief der Director erschreckt. »Rebe ist
in dem Act viel schwächer, als im ersten -- ein einziges verkehrtes
Beifallszeichen, und der Teufel geht am Ende los! Wir wollen Gott
danken, wenn wir die Sache ruhig zu Ende bringen!«
»Wie Sie meinen; manchmal hängt's aber nur an einer Kleinigkeit...«
»Ja wohl thut's das,« rief der Director, »und wir wollen es selber
nicht muthwillig heraufbeschwören! Die Heidenangst, die ich heut Abend
ausstehe, werde ich überhaupt im Leben nicht vergessen!«
Als der Vorhang fiel, regte sich Niemand. Selbst der Erbprinz hütete
sich, einen zweiten Versuch zu machen, da der erste so gründlich
mißglückt war. Rebe schien etwas befangen, denn die übrigen Schauspieler
wichen ihm aus, aber er suchte seiner Furcht Herr zu werden.
Fräulein Bellachini tanzte wieder in diesem Zwischenact, und Rebe
benutzte die Zeit, um indessen hinter der Bühne mit dem Laertes, einem
jungen, ganz geschickten Schauspieler, die Zweikampf-Scene ein wenig
einzuüben, da diese in der Ausführung besondere Schwierigkeiten hat und
leicht lächerlich wird. Rebe selber wußte übrigens vortrefflich mit
der Stoßwaffe umzugehen, und da sich sein Gegner auch alle Mühe damit
gegeben hatte, ging es recht gut.
Jetzt kam der dritte Act -- kam die Scene mit der Mutter, und Rebe
entwickelte da eine so volle Kraft und schöne, edle Sprache, daß sich
im Publikum immer mehr ein Gefühl zu regen begann, er habe doch am
Ende wohl einen Beifall verdient, aber Jeder scheute sich den Anfang zu
machen.
Die Scene spielte er durch, von Anfang bis zu Ende ganz vortrefflich,
und todtenstill saß das Parterre dabei, denn der erste Rang hält es
gewöhnlich für unter seiner Würde, zu applaudiren. Es greift auch die
Glacéhandschuhe zu sehr an, und wie darf da der Schauspieler in Betracht
kommen, der all' seine Kräfte darangesetzt hat, seiner Aufgabe zu
genügen, und dem das Publikum durch nichts, nichts weiter auf der Welt
lohnen kann, als augenblicklichen Beifall!
So kamen die letzten Worte:
»Nun, Mutter, gute Nacht -- der Rathsherr da
Ist jetzt sehr still, geheim und ernst fürwahr,
Der sonst ein schelm'scher alter Schwätzer war.
Kommt, Herr -- ich muß mit Euch ein Ende machen --
Gute Nacht, Mutter...«
Aber das letzte »Gute Nacht, Mutter« sprach er so ergreifend, so
wunderbar wahr, daß dem kleinen Jeremias die Thränen in die Augen
traten.
Und keine Hand regte sich. Jetzt aber hielt sich Jeremias nicht länger.
Seine Handschuhe hatte er schon lange ausgezogen, um zu augenblicklichem
Dienst bereit zu sein -- jetzt hieb er ein, und wie der erste Schall
durch das Haus flog, war es, als ob ein Zauber gebrochen wäre, der bis
jetzt Alle befangen gehalten hätte.
Einen solchen Applaus hatte selber die berühmte Tänzerin nicht bekommen:
das ganze Haus dröhnte förmlich vom Klatschen und Beifallssturm, in das
der Erbprinz jetzt mit augenscheinlicher Freude und mit gutem Willen
einstimmte.
»Rebe 'raus!« gellte da zwischendurch eine Stimme, und: »Rebe 'raus!«
schrie das Publikum wie aus Einem Munde und als ob es das Versäumte
jetzt mit Lärmen und Toben wieder nachholen wollte.
Der Vorhang stieg in die Höhe, aber Rebe kam nicht. Die Ungeduld wuchs,
die Leute geberdeten sich wie toll und pochten, stampften, klatschten
und schrieen: »'Raus, 'raus! Rebe, Hamlet, Hamlet! Rebe, 'raus, 'raus,
'raus!«
Ein schützender Engel waltet über Allem -- Fräulein Rottenhöfer glaubte
oder hoffte, ihren Namen mitzuhören.
»Aber, Herr Rebe, so kommen Sie doch, wir werden ja gerufen!«
»Aber, mein bestes Fräulein...«
»Sind Sie ein wunderlicher Heiliger! So kommen Sie doch!« und seine Hand
ergreifend, zog sie den schüchternen Hamlet unter einem neuen Ausbruch
von Jubel und Beifall auf die Bühne hinaus.
Rebe stand wie betäubt, und Pfeffer ging immer um ihn herum, als ob er
ihn anreden wollte, änderte aber eben so oft seine Absicht wieder und
machte fortwährend und in Gedanken vergebliche Versuche, seine Hände in
die gewohnten Seitentaschen seines alten Rockes zu bringen. Das Costüm
hatte leider keine.
Fräulein Bellachini zürnte. Sie war auch gerufen, aber nicht so, und
beim zweiten Mal hatte man sogar -- da es Peters nicht mehr für nöthig
fand -- ihren Tanz nicht einmal =da capo= verlangt.
»Sie schreien wie verrückt,« sagte sie, als sie sich in ihre Garderobe
zurückzog; »ich bin froh, daß ich mich nur für diesen einen Abend
engagirt habe.«
Jetzt war aber Bahn für Rebe gebrochen. Schon im vierten Act, bei
den kleinen Scenen, wurde jede einigermaßen passende Stelle lebhaft
applaudirt, und im fünften Act, in der Scene mit dem Todtengräber,
brach der Sturm auf's Neue aus. Es war gut, daß Fräulein Bellachini
das Theater verlassen hatte. Nicht enden wollte aber der Beifall in der
Fechtscene, die auch wirklich vortrefflich von Beiden gegeben wurde, und
als der Vorhang endlich zum Schlusse fiel, ging es von Frischem an.
Erst mußten Alle heraus, nur Meier mit seinem dicken Backen fehlte, und
Fräulein Rottenhöfer erschien im Mantel und ohne Stroh in den Haaren.
Dann wurde Rebe noch besonders gerufen, und wie der Vorhang kaum wieder
herunter war, mußte er noch einmal heraus.
Etwas Derartiges war in Haßburg noch nicht geschehen, so lange die alte
Stadt stand.
Jetzt endlich beruhigte sich der See -- er hatte sein Opfer, und
der Director wollte eben auf Rebe zugehen, um ihm seine Anerkennung
auszusprechen, als der Hofmarschall aus der Loge des Erbprinzen auf die
Bühne kam und den Director ersuchte, einen Augenblick zu dem gnädigsten
Herrn heraufzukommen, der ihn zu sprechen wünsche.
»Mich? Heiland der Welt!« sagte Director Krüger erschreckt; »aber ich
-- ich bin ja nicht -- entschuldigen Sie einen Augenblick!« und wie
ein Wetter schoß er in das Conversationszimmer, wo er wild nach Peters
schrie.
»Peters, Peters! Verfluchter Kerl, wo steckt der nur wieder?«
»Aber, Herr Director, hier bin ich ja -- ich habe vor Verzückung auf
Einem Bein gestanden!«
»Haben Sie meinen Frack mitgebracht? Ob ich es mir denn nicht immer
dachte, daß noch ein Unglück passiren würde! Meinen Frack will ich --
hören Sie denn nicht?«
»Aber da liegt er ja auf dem Sopha! Wo wollen Sie denn noch hin?«
»Zum Erbprinzen -- er hat ja nach mir verlangt!«
»Mit dem Fettfleck?«
»Herr Du mein Gott, an den Fettfleck habe ich gar nicht gedacht! Oh, daß
diesen Schulze der Teufel holte!«
»Glaube nur nicht, daß er unter den vielen Schulzes den richtigen
findet,« meinte Peters. »Aber warum nehmen Sie nicht Herrn Rebe's dunkle
Hosen? Er ist noch in der Garderobe.«
»Die sind mir ja um einen Fuß zu lang!«
»Krempeln wir auf,« sagte Peters.
»Es geht nicht mehr, er wartet!« ächzte der Director, der seinen
alten Rock schon abgeworfen hatte und sich in den etwas engen Frack
hineinzwängte -- »wo ist mein Hut? Ich halte meinen Hut vor!«
»Da sieht der Fettfleck beinah' noch besser aus,« sagte Peters; »Sie
haben den alten erwischt.«
»Na, dann kann's nichts mehr helfen; ein Unglück kommt nie allein, und
wenn ich jetzt in Oel eingekocht wäre wie eine Sardine, warten kann ich
ihn nicht länger lassen!«
»Das Schnupftuch hängt Ihnen hinten heraus,« sagte Peters.
Der Director steckte es in wilder Hast wieder ein, und sich unterwegs
die in Unordnung gerathenen Haare ein wenig zurecht drückend, schoß er
in voller Flucht zurück auf die Bühne, um sich dem übermäßig besternten
und beordenten Hofmarschall zur Verfügung zu stellen.
Dieser führte ihn auch ohne Weiteres der fürstlichen Loge zu, und
Krüger, etwa mit einem Gefühl wie ein Subalternbeamter, der vor einen
Vorgesetzten citirt ist und die Gewißheit hat, einen tüchtigen Rüffel zu
bekommen, folgte ihm so rasch er konnte.
Der Erbprinz erwartete ihn oben. Der Wagen stand schon lange unten,
seiner harrend, aber er blieb trotzdem zurück und sah indessen zu, wie
sich das Haus leerte.
»Herr Director Krüger, Königliche Hoheit.«
»Ah, lieber Director, es freut mich, Sie kennen zu lernen -- ich bin
Ihnen dankbar für Ihre Aufmerksamkeit!«
»Königliche Hoheit,« stotterte Krügen
»Heut Abend aber,« fuhr der Prinz fort, »bitte ich Sie, Ihrem Herrn
Rebe in meinem Namen für den Genuß zu danken, den er mir durch sein
vortreffliches Spiel bereitet hat. Er ist jetzt noch in Costüm, sonst
hätte ich ihn selber heraufrufen lassen, und so ersuche ich Sie denn,
ihm in meinem Namen diese Tuchnadel zu überreichen, die er mir
zum Andenken tragen mag,« und mit den Worten nahm er seine eigene
Brillantnadel aus der Cravatte und überreichte sie dem Director.
»Königliche Hoheit,« stammelte dieser wieder, »sind so gnädig...«
»Guten Abend, Herr Director, nochmals, ich bin Ihnen sehr dankbar!« und
fort war er, und in einer solchen Aufregung befand sich der Director,
daß er selbst seinen Fettfleck vergessen hatte, und in einem Zustand,
von dem er sich selber später keine Rechenschaft ablegen konnte, zurück
auf die jetzt leere und fast dunkle Bühne schoß. Er schüttelte dabei
fortwährend mit dem Kopf und murmelte in einem fort: »Noch gar nicht
dagewesen, noch gar nicht dagewesen!«
Rebe war noch in seiner Garderobe; Krüger folgte ihm dahin fast
willenlos.
»Herr Rebe, der Erbprinz läßt Ihnen in meinem Namen sagen...«
»In Ihrem Namen, Herr Director?«
»In seinem Namen, wollte ich sagen, daß er Ihnen unendlich dankbar für
den Genuß des heutigen Abends ist und Sie bittet, diese Tuchnadel --
Mensch, Sie haben ein Heidenglück! -- zu seinem Andenken zu tragen.«
»Herr Director!« sagte Rebe erschrocken.
»Es ist so, Rebe, bei Gott! Seine Königliche Hoheit war unendlich gnädig
und hat sich bei mir auch bedankt.«
»In der That?«
»Rebe,« fuhr der Director gerührt fort, »ich habe Ihnen Unrecht gethan,
Sie sind zurückgesetzt worden, ungerechter Weise zurückgesetzt worden
-- Sie hätten eigentlich besser beschäftigt werden müssen, und ich sehe
ein, daß Ihnen Unrecht geschehen ist.«
»Herr Director,« sagte Rebe ruhig, »es freut mich wenigstens, daß Sie
das noch im letzten Augenblick erkannt haben, und ich gebe Ihnen mein
Wort, daß das mein schönster Lohn heut Abend ist. Wir werden also
wenigstens in Frieden und Freundschaft scheiden.«
»Wir wissen noch gar nicht, ob wir scheiden, Rebe,« platzte der Director
heraus, »das wissen wir noch gar nicht! Kein Mensch weiß überhaupt,
was am nächsten Tag geschieht, ja, an dem nämlichen, und wenn mir heute
Morgen Jemand erklärt hätte, daß Sie heut Abend den Hamlet spielen
würden, so...« er schwieg erschrocken still, weil er sich beinahe
verschnappt hatte. Rebe aber fuhr lächelnd fort:
»Würden Sie ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt haben.«
»Lieber Herr Rebe, ich bitte Sie um Gottes willen...«
»Ich danke Ihnen für Ihre bessere Meinung heut Abend, Herr Director,
aber Sie entschuldigen jetzt. Ich fühle mich doch etwas angegriffen und
will machen, daß ich nach Hause komme.«
»Soll ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?«
Rebe lächelte. -- »Tausend Dank, nein -- ich wohne gar nicht so weit von
hier und bin gewohnt, den Weg im schlechtesten Wetter zu Fuß zu gehen.
Gute Nacht, Herr Director.«
»Gute Nacht, lieber Rebe, schlafen Sie recht wohl -- Sie können heute
auf Ihren Lorbeern ausruhen.«
Rebe knöpfte sich seinen Rock bis oben zu und verließ rasch die
Garderobe. Unten an der Treppe ging ein Mann in einem braunen Ueberrock
auf und ab -- es war Pfeffer. Rebe wollte mit einem Gruß an ihm
vorübergehen.
»Herr Rebe!« rief ihn Pfeffer an.
»Mein bester Herr Pfeffer...«
»Geben Sie mir Ihre Hand.«
Rebe schüttelte die dargebotene aus allen Kräften.
»Sie sind ein ganzer Kerl!« sagte Pfeffer, drehte sich ab und verschwand
hinter einer der Coulissen.
Rebe verließ das Theater; er schöpfte tief und anhaltend Athem, als er
die frische Nachtluft draußen erreichte. Es war ihm so leicht, so
froh zu Sinn, er fühlte den Boden kaum, auf den er trat. Mit raschen
Schritten eilte er nach Hause -- Essen und Trinken? Er dachte gar nicht
daran. Seine Glieder zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und als er
sein kleines, ärmliches Zimmer im vierten Stock erreichte, schob er den
Riegel hinter sich zu, warf sich auf das Sopha, barg sein Gesicht in den
Händen und weinte wie ein Kind.
21.
Der Wilddieb.
Unten im Stübchen des Haushofmeisters, im Monford'schen Schlosse saß der
alte Förster behaglich hinter einer Flasche Wein und einem großen Stück
Kuchen, fest entschlossen, es sich den heutigen Abend einmal gut sein
zu lassen -- kam es doch überhaupt nicht häufig vor -- als der
Wiesenmüller, der auf der Stadtseite an das Gut stieß und häufigen
Verkehr mit dem Haushofmeister hielt, das Zimmer betrat und sich mit zum
Tisch setzte.
Natürlich wurde ihm ebenfalls sogleich ein Glas vorgesetzt, und das
Gespräch drehte sich gerade um all' die verschiedenen Persönlichkeiten,
welche sich heute zu dem Freibier eingefunden, während Jonas, der
zwischen ihnen saß und immer noch glaubte, andere Leute merkten nicht,
daß er taub sei, mit hineinsprach und oft die verkehrtesten Dinge
vorbrachte.
»Der alte Fritz hat sich auch richtig eingefunden,« sagte der Müller;
»das ist ein durchtriebener Halunke und weiß seine Zeit vortrefflich
abzupassen.«
»Der Lump!« brummte der Förster in sein Glas hinein. »Der Graf hat ihm
ja verboten, sich nach Dunkelwerden auf dem Grund und Boden hier wieder
sehen zu lassen.«
»Ja, heute ist aber eine Ausnahme,« lachte der Holzhändler, »denn wenn
er bei hellem Tag erst käme, wär' die Geschichte vorbei und er kriegte
nichts mehr.«
»Schadete ihm auch nichts,« meinte der Müller, »und ich wollte, er hätte
die hiesige Gegend nie gesehen, denn seit er da ist, spür' ich's an
meinen Fischen.«
»Er stiehlt, wo er 'was kriegen kann,« nickte der Förster, »und meine
Fasanen wissen davon zu erzählen.«
»Und Eure Forellen auch,« lachte der Müller; »meinem Gevatter, dem
Mehlberg, hat er neulich sieben Pfund verkauft.«
»Der Cujon!« rief der Förster; »aber ich kann doch hier, Gott straf'
mich, nicht den ganzen Tag im Park stecken, wo ich da drüben das
große Revier und die Stadt in der Nähe habe, in der das Gesindel Alles
brauchen kann, was vorkommt. Wenn er sich aber hier am Fischwasser
herumtriebe, müßte ihn Jonas doch über Tag bemerkt haben. Habt Ihr den
Fritz schon einmal angeln sehen, Jonas?«
»Du lieber Gott,« sagte der alte Mann, der indessen seinen eigenen
Gedanken gefolgt war und jetzt merkte, daß er angeredet wurde, »als
kleines Kind hab' ich sie ja schon auf den Armen getragen!«
»Wen?« schrie der Müller.
»Die liebe Comtesse, und wenn mich Gott leben läßt, kann ich jetzt auch
vielleicht ihre Kindchen sehen.«
»Ob Ihr den alten Fritz nicht habt fischen sehen, fragt der Förster,«
schrie ihm jetzt der Müller in's Ohr.
Jonas sah ihn ganz erstaunt an, denn er begriff die Frage nicht einmal
gleich; endlich aber nickte er lächelnd mit dem Kopf und sagte:
»Den alten Fritz? Oh, gewiß, nach Maulwürfen. Seine Angelruthen stecken
ja über die ganze Wiese, und er ist darin ein tüchtiger Kerl, das muß
man ihm lassen; es macht's ihm Keiner nach.«
»Mit dem Alten ist ja nicht zu reden,« sagte der Förster halblaut, »und
wenn wir so schreien, hört's am Ende der Halunke da draußen und lacht
uns noch obendrein aus.«
»Hört einmal, Förster,« sagte der Müller leise, »der Maulwurfsfänger ist
mit allen Hunden gehetzt, und so hält es verdammt schwer, hinter
seine Schliche zu kommen; bei einem Glase Wein hat aber schon Mancher
ausgeplaudert, wovor er sich sonst wohl gehütet und sich lieber die
eigene Zunge abgebissen hätte. Wenn wir ihn nun einmal hereinriefen und
ihm ein bischen zusetzten?«
»Der trinkt uns Beide unter den Tisch,« brummte der Förster.
»Der noch lange nicht,« rief der Müller; »eine bessere Gelegenheit
finden wir auch im Leben nicht wieder. Merken kann er nichts, denn alle
Arten von Leuten sind heut Abend hier versammelt. Wollen wir's nicht
einmal versuchen?«
»Aber am Ende ist's dem Haushofmeister nicht recht, wenn wir den
Vagabonden hier in sein Zimmer bringen.«
»Ach was, zu dem Zweck hat er gewiß nichts dagegen, denn er mag ihn auch
nicht leiden, weil ihn der Lump immer so vornehm grüßt; und dann kommt
der auch nicht vor den nächsten zwei Stunden wieder herein, denn er
ist jetzt mit der Tafel beschäftigt, und nachher wird gespeist, wo er
ebenfalls dabei sein muß.«
»Na, meinetwegen, dann holt ihn; ich stehe mit ihm nicht so grün, daß
ich ihn einladen könnte, und er röche gleich Lunte.«
»Den wollen wir uns einmal langen,« lachte der Müller vergnügt vor sich
hin, indem er von seinem Sitz aufstand; »paßt auf, den kaufen wir uns.«
»Wollt Ihr schon fort?« fragte Jonas erstaunt.
Der Müller schüttelte nur mit dem Kopf und verließ langsam das Zimmer,
und der Förster qualmte indessen stärker aus seiner Pfeife, trank aber
nicht mehr, weil er sich das auf nachher aufsparen wollte! Der Müller
blieb aber entsetzlich lange; der alte schlaue Bursche wollte gewiß
nicht mit. Endlich kam er wieder herein.
»Na, das ist merkwürdig,« sagte er, »die ganze Zeit hat der Fritz da an
dem einen Baum gelehnt; der eine von meinen Burschen hat ihn deutlich
gesehen, und der Hund war auch bei ihm, und jetzt ist er fort und
nirgends mehr zu finden.«
»Er wird irgendwo an einem der Tische sitzen.«
»Gott bewahre; überall habe ich ihn gesucht, kein Mensch weiß etwas von
ihm, und der Berthold, der die Getränke zu vertheilen hat, will ihn noch
mit keinem Auge gesehen haben, und den hätte er sich gewiß gemerkt.«
»Dann hat die Canaille wieder 'was im Werk,« sagte der Förster, mit der
Faust auf den Tisch schlagend, »und glaubt, weil ich hier fest hinter
der Flasche sitze, daß ich ihm die Nacht nicht auf den Dienst passe. Ei
Du heiliger Kreuzhimmelschwerenöther Du!« Und mit den Worten stand er
von seinem Stuhle auf.
»Unmöglich wär's nicht,« lachte der Müller, »und dick genug hat er's
dazu hinter den Ohren. Aber was will er in der stockfinstern Nacht
machen? Der Mond geht erst um Mitternacht herum auf; da ist's nichts mit
dem Angeln und Wildern.«
»Und mit dem Netzfischen auch nicht, wie?« sagte der Förster, indem er
seine Flinte vom Nagel nahm. »Ne, Müller, wenn er nicht mehr da draußen
steckt, dann ist er auch im Park auf irgend eine Lumperei aus, und
da schmeckt mir doch hier kein Tropfen mehr, bis ich mich wenigstens
überzeugt habe. Wo ist denn mein Forstgehülfe?«
»Ja, der steht bei den Böllern und kann nicht fort, bis die abgefeuert
sind. Wartet lieber so lange, das wird nicht mehr so ewig dauern, und
Zwei sind besser als Einer.«
»Die Böller werden nicht eher abgefeuert, bis die Tafel fast vorüber
ist,« sagte einer der Diener, der sich einen Augenblick weggestohlen
hatte, um hier rasch ein Glas Wein zu trinken; »dann wird erst die
Gesundheit auf das Brautpaar ausgebracht.«
»So lange kann ich nicht warten,« brummte der Förster, indem er seinen
Hut aufstülpte; »brauche auch wahrlich keinen Gehülfen und werde mit dem
Lump schon allein fertig werden!«
»Was ist denn?« fragte der Lakai.
»Oh, ein Fuchs holt mir die Fasanen weg, und dem hab' ich ein Eisen
gestellt,« sagte der Förster; »will nur einmal nachsehen, ob er drin
sitzt.«
»Na, viel Glück!« rief ihm der Mann nach.
»Esel!« brummte der Waidmann vor sich hin, als er die Thür zudrückte und
sich durch das Gedränge der draußen herumschwärmenden Gäste Bahn brach.
Er hatte Gift und Galle im Herzen und erwiderte nicht einmal manchen ihm
hier und da gebotenen Gruß.
Es trieb ihn auch, aus der Nähe des Schlosses fortzukommen, und rasch
schritt er den Weg entlang nach dem Fluß hinüber, um dort vielleicht
den »alten Cujon«, wie er ihn nannte, auf frischer That bei verbotenem
Fischfang zu ertappen, und ihn dann den Gerichten ausliefern oder
doch wenigstens die Anzeige machen zu können, denn eher wurden sie den
frechen Gesellen nicht aus der Gegend los. Konnte er aber erst einmal
eines Vergehens überwiesen werden, dann verstand es sich auch von
selbst, daß man ihn hier erst abstrafte und nachher als Ausländer
einfach über die Grenze schaffte.
Am Fluß selber kannte er genau jede Stelle, an der sich ein Fischdieb
einigen Erfolg versprechen durfte, und am Strom hinauf hielt er sich
ein Stück davon entfernt auf dem dunkeln und weichen Rasen, bis er einen
solchen Platz erreichte und dann mit aller Umsicht dort hinüberschlich
-- aber immer vergebens. Da, wo er den Wasserrand erreichte, flog ein
aufgescheuchter Vogel aus den Büschen, dort sprang ein Frosch in's
Wasser, lauter Zeichen, daß sie kürzlich von keinem Menschen belästigt
oder gestört worden, und er hatte den Drahtzaun schon fast erreicht, als
er draußen vor dem Thor ein Pferd schnauben hörte.
»Na?« sagte der Förster und blieb erstaunt stehen, »wer hält denn jetzt
da draußen vor dem Gitter? Die Gäste haben doch die Auffahrt alle vorn.«
-- Er wäre auch gern einmal vorgegangen, um den Kutscher zu fragen, was
er da zu thun habe, denn Stadtwagen durften den Weg gar nicht fahren;
knüpfte er aber hier ein Gespräch an, so verrieth er sich vielleicht dem
möglicher Weise ganz in der Nähe befindlichen Fischdieb. Nicht einmal
über das Gitter konnte er hier; ohne von dem Kutscher bemerkt und
dann jedenfalls angerufen zu werden, und da der Maulwurfsfänger nicht
innerhalb der Umzäunung stak, mußte er doch jedenfalls draußen sein, wo
er auch noch weniger eine Entdeckung zu fürchten brauchte.
Der Förster also, dem nicht so viel daran lag, zu wissen, wer hier
unbefugt fahre, da das auch eigentlich Sache des Haushofmeisters oder
des Gärtners war, als vielmehr dem Maulwurfsfänger nachzuspüren, zog
sich wieder in den Schutz der dichten Erlenschatten zurück und kreuzte,
da er hier nicht durch den Fluß konnte, die Wiese. Weiter oben brauchte
er dann nur dicht unter dem Holz über den Drahtzaun zu steigen und einen
kleinen Bogen zu machen, und kam dann immer wieder, und zwar an einem
der besten und bequemsten Fischplätze, an's Wasser.
Wie er den Waldrand erreichte und daran hinschlich, hörte er plötzlich
ein Geräusch im Gehölz, als ob Jemand mit einem Stock auf den Boden
schlüge. Er stutzte und horchte -- jetzt war Alles ruhig. -- Sollte
denn der verteufelte Kerl selbst in dieser Nacht seinen Fasanen wieder
nachstellen? Aber das war ja gar nicht möglich! Was hätte er denn in
der Dunkelheit mit ihnen ausrichten können? Wenn man gegen die Bäume
hinaufsah, war nichts als ein dunkler, undurchdringlicher Fleck zu
erkennen, in dem man nicht einmal einen weißen Vogel so groß wie ein
Truthahn unterschieden haben würde, viel weniger einen dunkeln Fasan,
der sich an einen der gleichfarbigen und dichtbelaubten Aeste schmiegte.
Das war vollkommen unmöglich, und wenn -- da wieder -- wieder das
nämliche Geräusch in den Büschen, genau so, als ob ein Rehbock den Grund
mit den Vorderläufen schlägt.
Der Förster horchte noch gespannt, um sich der genauen Richtung zu
vergewissern, als er hinter sich nach der Wiese zu ein Geräusch hörte
und den Kopf rasch dorthin drehte.
Er selber stand hier vollständig gedeckt mit seiner dunkeln Kleidung im
Schatten der Bäume; ihn konnte Niemand sehen, das wußte er gut genug, so
lange er sich wenigstens nicht von der Stelle bewegte, und sich langsam
dem neuen Geräusch zukehrend, erkannte er jetzt eine lichte Gestalt, der
eine andere, dunkler gekleidete wie ein Schatten folgte. Beide schritten
auf dem hier mitten durch die Wiese führenden Kiesweg entlang und
eilten, allem Anschein nach, der Richtung zu, in der er das Pferd hatte
schnauben hören.
»Das ist doch merkwürdig,« dachte er, indem er mit dem Kopf schüttelte,
»da drinnen im Schloß fängt die Geschichte gerade an, und da sind zwei
Damen, die jetzt schon genug davon haben? Und aus der Stadt können sie
auch nicht sein, denn wie kämen die mit ihrem Wagen da hinten an das
Gitter? Muß doch einmal nachher den Haushofmeister fragen. Oder ging'
ich nicht lieber gleich selber hin und sähe zu? Die Sache kommt mir
beinahe verdächtig vor und 'was Heimliches muß jedenfalls dahinter
stecken.«
Der Förster stand noch unschlüssig, was er thun sollte, als sich der
Lärm im Busch wiederholte, jetzt aber viel lauter und anhaltender, als
vorher. Es schlug in den Büschen, als ob Jemand mit Gewalt durch ein
Dickicht brechen wolle und nicht hindurch könne, oder an einem Busch
risse, der nicht nachgeben wollte.
Selbst die beiden Frauen auf dem Weg schienen das Geräusch gehört zu
haben, denn wie der Förster den Kopf noch einmal dorthin wandte, sah er,
daß sie ihren Schritt beeilten, und besonders die erste in dem lichten
Kleide flog wie ein gescheuchtes Reh den Weg entlang, während die
andere, welche etwas zu tragen schien, nicht so rasch folgen konnte und
eine Strecke zurückblieb. Zu jeder andern Zeit würde dem Förster diese
nächtliche und, wie es schien, sehr eilige Wanderung der beiden Damen
verdächtig vorgekommen sein und er wahrlich nicht versäumt haben, der
Sache näher auf die Spur zu kommen. Aber da drin im Busche war etwas
los; das klang jetzt genau, als ob sich ein Stück Wild irgendwo
gefangen habe oder vielleicht im Todeskampf mit den Läufen austräte. Was
kümmerten ihn die Frauenzimmer; sein Beruf lag dort im Busch drin,
und sich den Hut fest auf den Kopf ziehend, daß er ihm nicht in der
Dunkelheit von irgend einem vorstehenden Zweig abgeschlagen wurde,
tauchte er rasch in den schmalen Streifen Dickicht ein, der die Wiese
von dem Kiefernwäldchen abschied und etwa zwanzig Schritt breit sein
mochte. War es doch nur eine Anpflanzung von Blüthenbüschen, um mit
diesen die Lichtung zu verdecken, welche die hochstämmigen Kiefern
bildeten.
Der Förster hütete sich dabei viel Geräusch zu machen. Während er aber
selber durch die Büsche kroch, konnte er natürlich nichts hören, denn
die Zweige rauschten zu viel neben ihm. Nur erst wie er den Rand und
damit das offene Holz erreichte, hielt er wieder still und horchte; da
drüben raschelte und schlug es noch, aber auch von links her glaubte er
ein Geräusch zu hören, und als er den Kopf dorthin wandte, vernahm er
die Schritte eines Menschen, der sich unfehlbar in dem dichten Schatten
jenes angepflanzten Fichtenstreifens hielt, denn zu erkennen war in der
Dunkelheit und hier in einer Art von Wald nicht das Geringste.
So wie er selber aber nichts sehen konnte, so brauchte er jetzt auch
nicht zu fürchten, von jemand Anderem gesehen zu werden, und vorsichtig
aus dem Gebüsch heraustretend, glitt er mit auf den Kiefernadeln
vollständig geräuschlosem Tritt der Richtung zu, nach der er die
Schritte und jetzt auch noch das immer stärker werdende Rascheln in den
Büschen hörte.
Wer es sei, der hier bei Nachtzeit in dem Dickicht herumsprang, ließ
sich allerdings nicht unterscheiden, ja, der Förster hatte noch nicht
einmal die Gestalt erkennen können; aber das blieb sich gleich. Wer sich
auch hier befand, war auf faulen Pfaden und hatte hier nichts in der
Nacht zu suchen, und die Flinte gespannt in der rechten Hand, den Finger
am Bügel, um rasch damit nach dem Drücker herunterfahren zu können,
glitt er so leise, aber auch so rasch, wie er möglicher Weise konnte,
weiter auf seiner Bahn.
Das Geräusch der Schritte hörte er dabei, als er einen Moment anhielt,
um zu horchen, eine kurze Strecke vor sich; jetzt ließ es sich nicht
mehr unterscheiden, da es aus einer Richtung mit dem andern kam, das
stärker und heftiger wurde, aber genau auf der nämlichen Stelle blieb.
Der Förster war nahe genug gekommen, um sicher zu bestimmen, daß es
aus dem schmalen Fichtenstreifen herrührte, der an dem jetzt draußen
angebauten Haferfeld entlang lief. Was, um Gottes willen, war da nur
los? Hatte sich ein Stück Wild gefangen -- Schlingen? Zum ersten Mal
zuckte es dem alten Forstmann durch den Sinn: dort war eine Schlinge
gestellt, und er ertappte den Verbrecher jetzt auf frischer That.
Der Maulwurfsfänger indessen, mit keiner Ahnung, daß ihm sein
grimmigster und gefährlichster Feind so dicht auf den Fersen sei, sprang
so rasch er konnte der Richtung zu, in der er das gefangene Wild mit den
Läufen schlagen hörte. Er achtete dabei nicht einmal auf seinen kleinen
Spitz, der dicht hinter ihm folgte, dem aber das Geräusch in der
Nachbarschaft dabei nicht entgangen war.
Das kleine kluge Thier stutzte und knurrte leise, denn es wußte recht
gut, daß es nicht laut werden durfte -- der Maulwurfsfänger hatte es
schon seit langen Jahren darauf dressirt, -- aber sein Herr hörte nicht.
Er lief ihm nach, bis er dicht hinter ihm war, und knurrte stärker, aber
mit nicht besserem Erfolg. Der Maulwurfsfänger, von der Leidenschaft
ergriffen, hörte und sah nichts weiter, als seine Beute. Der Förster
saß, er hatte ihn selber gesehen, in der Stube des Haushofmeisters
hinter einer Flasche Wein; der Forstgehülfe war mit den Böllern
beschäftigt, weiter hatte er Niemanden zu fürchten, und es blieb ihm da
übrig Zeit, den Lohn für seine Mühen zu nehmen und fortzuschaffen.
Und mit Einem Sprung in das Dickicht hinein, war er auf dem gefangenen
Schmalthier und genickte es ab.
Jetzt war Alles todtenstill -- nein, da drinnen regte sich 'was, und
sein Spitz, der in diesem Augenblick dicht hinter ihm stand, knurrte
lauter.
»Was giebt's, Spitz?« rief der Alte erschreckt. »Kommt Jemand?«
Der Spitz knurrte noch einmal und schlug plötzlich laut an; der Wilddieb
erschrak, denn das war ein untrügliches Zeichen, daß ihm Gefahr in
unmittelbarer Nähe drohe. Fast unwillkürlich griff er freilich nach der
Schlinge, um diese zu lösen und seine Beute frei zu bekommen; aber die
Hände zitterten ihm dabei, und er horchte gespannt nach den Kiefern
hinüber.
Lange in Zweifel sollte er aber nicht bleiben. War der Förster schon
überhaupt in nächster Nähe, durch den Todeskampf des Thieres der
richtigen Stelle zugelenkt worden, so verrieth jetzt das Bellen des
Hundes nicht allein den genauen Punkt, sondern auch den, mit dem er es
hier zu thun hatte.
»Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Dich neunhäutige Canaille?«
schrie er, indem er in die jungen Fichten hineinsprang, während er mit
der Linken sein Gesicht gegen die schlagenden und stachlichten Büsche
schützte, in der Rechten aber noch immer das gespannte Gewehr hielt.
»Steh, Schuft, oder ich schieße Dich wie einen tollen Hund über den
Haufen!«
Der Maulwurfsfänger hatte im Nu die Gefahr erkannt, aber er verlor seine
Besinnung nicht. Der Förster durfte nicht schießen, das wußte er recht
gut, die Gesetze verboten es; vor ihm lag das weite Haferfeld, und mit
drei Schritten Vorsprung hätte ihn der Alte im Leben nicht eingeholt. So
half es denn nichts; die schon sicher geglaubte Beute mußte er freilich
im Stich lassen, aber für sich selber fürchtete er auch keinen Moment,
und mit einem leisen, eigenthümlichen Pfiff, den sein Spitz gut genug
kannte, richtete er sich empor und sprang über das erlegte Stück hinweg,
um das Freie zu gewinnen -- aber hier fing er sich im wahren Sinne des
Worts in seiner eigenen Schlinge.
Der starke Messingdraht war nämlich hoch genug gespannt, um den Kopf
eines Stück Wildes in seinen Bereich zu bringen, wonach er dann, sobald
sich etwas darin gefangen hatte, auf der einen Seite losriß, damit
die Schlinge auf der andern desto fester angezogen werden konnte. Das
Wildkalb hatte aber, von der Gewalt, die es festhielt, fortdrängend,
seinen Kopf auf die entgegengesetzte Seite gebracht, und als es im
Todeskampfe zusammenbrach, drückte es hier den Messingdraht mit sich
nieder. Wenn sich aber der kleine, schwanke Fichtenstamm, an welchem
derselbe befestigt war, auch halb niederbog, so blieb der Draht doch
an jener Seite höher gespannt, was der Mann natürlich in der Dunkelheit
nicht sehen konnte. Als er deshalb über das Wildkalb hinwegsprang, hakte
sein einer Fuß darin, und ehe er den andern vorbringen konnte, um sich
zu stützen, verlor er das Gleichgewicht und schlug der Länge nach auf
den Boden nieder.
Der Förster, welcher jetzt dicht an ihm war, bekam hier einen freieren
Blick, als unter den dunkeln Kiefern, da schon das lichte Haferfeld den
Hintergrund bildete. Er hatte die aufspringende Gestalt auch bemerkt,
und trotz seiner Jahre noch immer ziemlich rüstig, zögerte er keinen
Augenblick, den Verbrecher zu packen. Sprang er dann in das Feld, ei,
in die Beine durfte er ihn schießen, das war erlaubt, das wollte er
wenigstens verantworten, oder dachte auch vielleicht in dem Augenblick
gar nicht einmal daran, ob da eine Verantwortung nöthig sei. Nur erst
einmal haben, das Andere fand sich alles nachher. Da sah er, wie der
Flüchtling auf den Boden niederschlug, er hörte den Fall und setzte mit
einem Jubelruf hinterdrein.
Hier aber störte ihn der Spitz, der ihm mit Wuthgekläff nach den
Beinen fuhr, so daß er unwillkürlich erschreckt zur rechten Seite
hinüberprallte, wo er ebenfalls gegen den starken Draht stieß. Das aber
war kein Hinderniß. Ein Tritt nach dem Hund machte ihm einen Augenblick
Luft; den Draht hielt er in der Hand und bückte sich geschwind darunter
durch, und so rasch war das Alles gegangen, daß er dem zu Boden
Geworfenen schon die Hand auf den Rock legte, als sich dieser von der
Erde wieder emporschnellte und jetzt mit Einem Satz in's freie Feld
hinausfliehen wollte.
Aber so leicht ging das nicht mehr. Der alte Förster hatte ihn wie mit
eisernem Griff am Rock, und fühlte jetzt nicht einmal, daß ihm der Köter
wieder nach den Beinen fuhr.
»Steh, Hund!« schrie er, die Flinte noch immer mit der Rechten haltend,
»oder, Gott straf' mich, ich schieß' Dich zusammen!«
»Alter Tropf,« zischte der zur Verzweiflung getriebene Wilddieb zwischen
den Zähnen durch, »Du hältst mich noch nicht!« Und den Arm herumwerfend,
schnitt er ihm mit dem scharfen Genickfänger, den er noch immer in der
Hand hielt, quer durch das Gesicht hinüber. In demselben Moment that
er einen Ruck, und während der Förster, durch Schmerz und Schreck
übermannt, einen Augenblick in seinem Griff nachließ, riß er sich
los und sprang jetzt, nicht in das offene Haferfeld, sondern in das
Fichtendickicht hinein, wohin ihm der Alte mit der Wunde gar nicht
folgen konnte.
Der Förster fühlte, wie ihm das Blut in's rechte Auge rann, und fast
rasend vor Wuth, riß er die Flinte an die Backe und drückte ab. Sehen
konnte er nichts, denn die Gestalt des Flüchtigen war schon im Dickicht
verschwunden; nur die Richtung hielt er, und fast unwillkürlich tief, um
keinen Mord zu begehen. Aber zeichnen wollte er den Halunken, daß er ihm
morgen seine Thäterschaft beweisen konnte, und kein Gericht in der Welt
hätte ihn deshalb, wie er meinte, verurtheilen dürfen.
Erst mit dem Schuß selber kam er eigentlich wieder zur Besinnung und
horchte jetzt in den Wald hinein, während er sich mit der linken Hand
in's Gesicht fühlte. Heiland der Welt, was ihm der Schuft für einen
Schnitt versetzt hatte, und wie das brannte und blutete! Seine ganze
Hand war naß, und er fühlte, wie ihm der warme Strom in den Bart
hineinlief. Aber nichts regte sich im Gebüsch; war der Bursche doch in's
freie Feld hinausgeflohen? Er sprang dort hinüber, aber er konnte nichts
sehen. Das rechte Auge war schon völlig zugeklebt, und vor dem linken
flimmerte es ihm wie tausend Sterne und Lichter.
Da drinnen war es ihm eben, als ob er etwas hätte rascheln hören; jetzt
Alles wieder ruhig, es konnte eine Maus gewesen sein -- oder hatte er
den Menschen todtgeschossen?
Es fing an ihm unheimlich da draußen allein im Walde zu werden -- und
wie ihn sein Gesicht schmerzte! Was konnte er auch weiter jetzt hier
thun? Es blieb am besten, er ging zurück in's Schloß, um dort seinen
Bericht abzustatten und sich die Wunde verbinden zu lassen, es wurde ihm
überhaupt schon so weich und schwach um's Herz und in den Gliedern.
Das war ein schöner Festabend, wo er einmal hatte recht vergnügt sein
wollen; Jesus, wie mußte er jetzt aussehen und die Leute erschrecken,
wenn er dort zurück zu den fröhlichen Menschen kam -- und heute gerade
Verlobung! Aber allein wäre er nicht mehr im Stande gewesen, sein
eigenes, fast eine halbe Stunde entferntes Forsthaus zu erreichen; er
wollte, daß er erst die kurze Strecke nach dem Schloß zurückgelegt, so
schwer, so furchtbar schwer wurden ihm die Glieder.
Draußen am Haferrand konnte er nicht hingehen; dort war ein tiefer
Graben, über den er jetzt nicht zu springen wagte. Er taumelte in das
Kieferwäldchen zurück, um wieder auf den freien Kiesweg im Innern
des Parks zu kommen. Dort hatte er auch nicht mehr so weit nach dem
Schlosse. Jetzt erreichte er die Büsche, die ihn noch vom Wege trennten;
dort hindurch führte irgendwo ein schmaler Pfad, aber wie sollte er den
jetzt finden? Er mußte gerade hindurch, und wie weh das that, wenn ihn
einer der Zweige auf die Wunde schlug, und wie schwindelig er wurde! Es
war ihm ordentlich, als ob der Boden unter seinen Füßen schwanke; aber
weiter, nur weiter, daß er wieder zu Menschen, zu Hülfe kam und dort
seine Geschichte erzählen konnte.
Jetzt sah er den lichteren Grasplatz vor sich -- da war auch der Weg
-- Gott sei Dank! Den Park entlang galoppirte ein Reiter, was das Pferd
laufen wollte; war das der Maulwurfsfänger? Aber wo hatte der so schnell
das Pferd herbekommen? Es wurde ihm immer schwächer zu Sinn; seine
Gedanken verwirrten sich, weite, glänzende Regenbogen flimmerten ihm vor
den Augen und der ganze Park drehte sich mit ihm. Hatte er denn auch die
rechte Richtung eingeschlagen und lag das Schloß dorthin zu oder dort
drüben? Er war ganz irre geworden und blieb stehen; wie ihm die Kniee
zitterten! Er streckte den Arm aus, um sich an etwas zu halten; aber
die tastende Hand griff nichts weiter, als die elastischen Zweige der
nächsten kleinen Büsche.
Noch that er einige Schritte vorwärts über den Weg hinüber auf den
Rasen; er fühlte, daß er umsinken müsse -- dann schwanden ihm die Sinne
und er brach ohnmächtig, wo er stand, zusammen.
22.
Ein gestörtes Fest.
Lautlose Stille herrschte in dem Festsaal, als der alte Graf ihn
verlassen hatte und nicht zurückkehrte. Man wußte, es war etwas
geschehen -- aber was? Die Gräfin behauptete noch immer ihren Platz;
ein Diener war an ihr vorbeigegangen und hatte ihr einige Worte
zugeflüstert. Sie hielt sich stolz aufrecht und suchte ruhig auszusehen.
War es möglich, noch einen Eclat zu vermeiden? Der Gedanke allein hielt
ihre Sinne gefesselt.
Helene befand sich in einer furchtbaren Unruhe. Irgend etwas mußte
vorgefallen sein. Selbst die Diener sahen verstört aus -- irgend etwas
Entsetzliches -- und Paula's Aufregung vorher! -- Aber die Musik, die
hinter ihrem Vorhang nichts davon bemerkte, spielte noch immer den
Festmarsch weiter.
»Meine Gnädige,« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu, »wie mir
scheinen will, fallen wir mit unserem Tannhäuser vollständig aus der
Rolle. Die Verwirrung tritt schon ein, ehe der Festmarsch zu Ende ist,
und jetzt wird gleich der Chor der Pilger erschallen. Ich fürchte, wir
bekommen heut Abend nichts zu essen.«
»Das wäre entsetzlich!« sagte das alte Stiftsfräulein mit einem
giftigen Blick über die Tafel. »Und doch hat der Graf da Silber genug
aufgeschichtet, um das Banket eines Kaisers zu überfüllen.«
»Ich habe einen starken Verdacht, daß die Platten -- plattirt sind,«
flüsterte der Staatsrath.
»Wohl möglich,« meinte das Fräulein; »lieber Gott, es ist ja Alles
Schein heutzutage auf der Welt!« -- und sie hatte wirklich Ursache, so
zu reden, denn sie selber trug falsche Locken, falsche Zähne und falsche
Wattirungen, und der Staatsrath, mit einem boshaften Blick über ihre
Gestalt, flüsterte:
»Wie Recht haben Sie, meine Gnädige! Aber da kommt George, er sieht
blasser aus, wie gewöhnlich.«
Der alte Graf Bolten, der sich bis jetzt außerordentlich ruhig gehalten
und nicht von seinem Platz bewegt hatte, ging auf ihn zu, nahm seinen
Arm, flüsterte einen Augenblick mit ihm und verließ dann den Saal.
»Was ist, George?« sagte die Gräfin. »Warum kommt der Vater nicht
zurück? Wo bleibt Paula? Unsere Gäste warten...«
»Ein plötzliches Unwohlsein hat den Vater ergriffen,« sagte George mit
heiserer, fast tonloser Stimme. »Es thut mir leid, die Gesellschaft zu
stören; ich fürchte, er wird nicht bei der Tafel erscheinen können.«
Die Trompeten hinter dem Vorhange schmetterten ihre fröhlichen Weisen
so stark hervor, daß die Worte beinahe unverständlich wurden. George
schritt zu dem Vorhang, schlug ihn zurück und gebot Ruhe.
Mit einem Mißklang hörten die Leute überrascht mitten im Tact auf, und
eine unheimliche Stille lag in dem Moment auf dem Saal. Da trat der alte
Graf Bolten wieder in den Saal und sagte mit ernster, aber vollkommen
leidenschaftsloser Stimme:
»Meine Herrschaften, es thut mir leid, Sie benachrichtigen zu müssen,
daß wir uns in keinem Hause der Freude, sondern in einem Hause der
Trauer befinden. Meinen alten Freund Graf Monford hat ein ernster Unfall
betroffen, der seine Familie an sein Lager fesseln muß -- die Tafel ist
aufgehoben, denn es würde unmöglich sein, unter diesen Umständen noch
längere Störung hier zu verursachen.«
»Aber was fehlt ihm? Was ist geschehen?« rief es von allen Seiten.
»Hoffentlich nichts,« erwiderte abweisend der alte Herr, »was uns
verhindern könnte, in einigen Wochen, ja, vielleicht in einigen Tagen
wieder eben so fröhlich hier zusammen zu kommen -- Frau Gräfin, erlauben
Sie mir, daß ich Ihnen meinen Arm biete und Sie hinüber zu Ihrem Gemahl
führe.«
»Jetzt kommt der Chor der Pilger, meine Gnädige; habe ich es Ihnen nicht
gesagt? Und wie gut die Suppe riecht!« flüsterte der Staatsrath seiner
Nachbarin zu.
»Meine Nerven!« stöhnte diese und machte eine Bewegung, als ob sie sich
an seinen Arm hängen wollte, dem der Hofmann aber geschickt auswich,
indem er that, als ob er es gar nicht bemerkte, und sich rasch ab zu
einem Andern der Gesellschaft wandte. Die Dame wurde deshalb _nicht_
ohnmächtig.
Aber eine grenzenlose Verwirrung hatte sich indessen der Gäste
bemächtigt. Felix war rasch zu Helenen hinüber gegangen. Er wollte
mit George sprechen, aber dieser war seiner Mutter schon gefolgt, und
aufdrängen durfte er sich nicht. Er fühlte auch recht gut, daß man jetzt
der Familie keinen größeren Gefallen thun könne, als sie sobald als
irgend möglich von der Gegenwart Fremder zu befreien; deshalb Helenens
Arm ergreifend, flüsterte er ihr rasch zu:
»Komm, mein Herz, hier ist weiter nichts zu thun, als uns zu entfernen.
Bei der wundervollen Nacht gehen wir recht gut zu Fuß in die Stadt
zurück; laß uns ein wenig eilen, daß wir nicht in den Troß kommen.« Er
nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal, und das war das Zeichen zum
allgemeinen Aufbruch.
Draußen auf dem Gang stand ein alter Diener, der dem Grafen seinen Rock
gab.
»Können Sie mir nicht sagen, Freund, was vorgefallen ist?«
»Der große Gott weiß es!« sagte der Alte, und die Thränen standen ihm
in den Augen -- »aber Geheimniß kann's nicht mehr bleiben: die junge
Comtesse ist fort und Graf Bolten ihr nach. Draußen im Park fiel eben
ein Schuß, die Diener wollen mit Fackeln hinaus -- das überlebt der alte
Herr nicht.«
»Großer Gott, Paula?« rief Helene. Felix aber, ihr selber den Mantel
umwerfend und ihren Arm in den seinen ziehend, führte sie hinaus in's
Freie.
Nicht so rasch kam die übrige Gesellschaft fort. Viele der Damen,
ja, die meisten trugen weiße Atlasschuhe, da man sehr stark auf einen
kleinen Ball gerechnet hatte. Sollten sie in diesen den weiten Weg in
die Stadt zurücklegen? Aber die Wagen konnte man doch auch unmöglich
hier erwarten, und ein anderes Haus war nicht in der Nähe. Boten über
Boten wurden jetzt vorausgeschickt, Leute waren dazu genug versammelt,
um die Wagen zu beordern, daß sie wenigstens entgegenkamen, oder an
Droschken auftrieben, was sich finden ließ -- am Theater hielten jetzt
eine Menge --, und wie die wilde Jagd hetzten eine Anzahl von jungen
Burschen den Weg hinab und an Rottacks vorüber.
Immer leerer wurde es oben im Schlosse, immer unheimlicher. George
selber war auf einem zweiten Pferd davongesprengt -- wohin? Er wußte es
selber nicht.
In Paula's Zimmer stand die Gräfin und las ein kleines Briefchen, das
sie versiegelt auf der Tochter Toilettentisch gefunden. Ihr Gesicht
war marmorbleich, aber keiner ihrer eisenharten Züge verrieth, welche
Gefühle in diesem Augenblick ihr Inneres bewegten.
In dem Zettel, der »An meine Eltern« überschrieben war, standen nur
folgende wenige Worte: »Lieber Vater, liebe Mutter! Ich kann den jungen
Bolten nicht heirathen, ich würde unglücklich mein ganzes Leben sein.
Ich liebe mit aller Kraft meiner Seele Rudolph Handor und werde sein
Weib. Oh, verzeiht Eurer armen Tochter!«
Sie faltete das Billet zusammen, kleiner und kleiner, bis es einen
dünnen Streifen bildete, und fast mechanisch hob sie es dann empor zum
Licht, entzündete es und sah zu, bis es sich verzehrte, ja, die Spitzen
ihrer weißen Glacéhandschuhe versengte. Dann schritt sie langsam hinüber
zu ihrem Gatten, der noch immer bewußtlos auf einem Sopha lag, während
ihm der Haushofmeister mit zitternden Händen kalte Umschläge um die
Schläfe machte. Der alte Graf Bolten stand daneben, die rechte Hand auf
den Tisch gestützt, in starrer Ruhe und verwandte keinen Blick von dem
unglücklichen alten Manne.
Drei Boten waren nach verschiedenen Aerzten gesandt, um sie rasch
herbeizurufen; sie konnten aber noch nicht da sein, der Weg war zu weit.
Die Gräfin trat in's Zimmer; Graf Bolten rührte sich nicht und wandte
ihr den Blick nicht einmal zu. Sie zog ihre weißen Glacéhandschuhe aus,
nahm dem Haushofmeister das nasse Tuch ab und sagte tonlos:
»Sehen Sie nach der Tafel -- daß alle Fremden das Haus verlassen --
einige junge Leute behalten Sie zurück, wenn wir vielleicht noch Boten
gebrauchen sollten.«
»Zu Befehl, Frau Gräfin.«
»Wo ist George?«
»Fort -- er hat sich ein Pferd satteln lassen.«
»Es ist gut -- sehen Sie nach dem Hause.«
Der Haushofmeister zog sich mit einer Verbeugung und einem traurigen
Blick auf seinen Herrn zurück; er wäre noch so gern bei ihm geblieben,
aber seine Pflicht rief ihn auf seinen Posten. Die Frau Gräfin hatte
Recht: die Masse dort aufgestellten Silbers durfte nicht ohne Aufsicht
bleiben -- daß sie nur daran gedacht hatte!
Eine halbe Stunde verging so. Graf Bolten rührte sich nicht, er schien
wie aus Stein gehauen, und nicht regungsloser war der Ohnmächtige auf
dem Sopha, dem die Gattin ruhig und mechanisch die Umschläge wechselte.
Endlich fuhr ein Wagen vor. So still war es im Hause geworden, daß man
deutlich das Knirschen der leichten Räder auf dem Kies hören konnte. Es
war einer der Aerzte, der in Carrière herausgejagt sein mußte.
Draußen vor dem Fenster wurden auch Stimmen laut und Leute kamen mit
Fackeln. Weder Graf Bolten noch Gräfin Monford beachteten es. Der Arzt
schien einen Augenblick da draußen aufgehalten zu sein; es dauerte
wenigstens unverhältnißmäßig lange, ehe er eintrat, oder däuchte ihnen
die Zeit nur so lang? Endlich kam er und trat zu dem Lager des Kranken,
dessen Hand er nahm, um den Puls zu fühlen.
»Gnädige Gräfin, ich bedauere unendlich...«
»Was halten Sie von seinem Zustand, Doctor?«
Der Doctor schüttelte mit dem Kopf -- endlich frug er leise:
»Liegt irgend eine bestimmte Ursache dieser heftigen Störung der
Lebensthätigkeit vor? Schreck oder Gemüthsbewegung?«
»Es ist möglich,« erwiderte kaum hörbar die Gräfin.
Der Arzt nickte, ohne etwas weiter zu fragen oder den Puls des Kranken
loszulassen. Er hielt einen Aderlaß für nothwendig, aber ehe er ihn
anwenden konnte, schlug der Kranke die Augen auf und stierte den Doctor
bestürzt an.
»Mein bester Herr Graf, wie fühlen Sie sich jetzt? Es ist Ihnen
plötzlich unwohl geworden, nicht wahr?«
Der Graf antwortete nicht. Er schloß die Augen wieder und legte seine
Hand gegen die Stirn, als ob er sich auf etwas besänne. Er trug noch
seine weißen Handschuhe, und der Arzt entfernte sie jetzt vorsichtig,
was der Leidende ruhig geschehen ließ, und rieb ihm dann die Schläfe mit
=Eau de Cologne=.
»Ich danke Ihnen, Doctor,« sagte der Kranke nach einiger Zeit -- es
waren die ersten Worte, die er wieder sprach --; »bitte, legen Sie mir
die Handschuhe nicht fort, ich muß zur Gesellschaft zurück.«
Der Doctor sah die Gräfin fragend an.
»Heute Abend nicht mehr, George,« sagte diese. »Du hast sehr lange in
Ohnmacht gelegen, die Gäste sind längst nach Hause, es ist spät.«
Der Kranke sah sie rasch an, und wieder fuhr er sich nach der Stirn, lag
aber eine Weile ruhig. Endlich sagte er leise:
»Schicke George und Paula zu mir her; ich will sie sprechen.«
»Die Kinder sind schon im Bett,« erwiderte die Gräfin -- »morgen früh --
heute halte Dich nur ganz ruhig, daß Du morgen wieder wohl und kräftig
bist. Fühlst Du Dich besser?«
Der Arzt hatte zu Graf Bolten aufgesehen, als dieser ihm ein Zeichen gab
und das Zimmer verließ. Der Arzt folgte ihm nach einigen Secunden.
»Was halten Sie von dem Zustand des Kranken? Glauben Sie, daß es eine
bloße Ohnmacht war?«
»Ich -- hoffe, ja. -- Hat der Graf Monford dieses Zucken des linken
Augenlides schon öfter gehabt?«
»Ich glaube nicht; ich habe es nie bemerkt.«
»Es kann Schwäche im Auge sein; ich hoffe, es ist nicht mehr.«
»Und was fürchten Sie sonst?«
»Oh, nichts, in der That nichts! Nur im ersten Augenblick fürchtete ich,
daß es ein leichter Schlaganfall sein könne. Er ist aber ja schon wieder
vollkommen bei Besinnung.«
Der Graf nickte langsam mit dem Kopf und sagte endlich:
»Gehen Sie wieder zu dem Kranken hinein, Doctor, ich will nach Hause
fahren. Ich glaube, Ruhe wird ihm am wohlsten thun. Gute Nacht,
Doctor. Morgen früh bitte ich Sie, mir Nachricht zu senden, wie Sie ihn
verlassen haben."
»Sehr gern, Herr Graf, ich werde nicht ermangeln -- da draußen haben sie
ja auch einen Verwundeten...«
»Einen Verwundeten?« fragte der Graf hastig und erschreckt.
»Den alten Förster. Sie brachten ihn eben in's Haus, wie ich ankam, aber
es scheint nichts Gefährliches zu sein. Nur ein Schnitt oder ein Hieb
durch's Gesicht -- er war von Blutverlust wahrscheinlich ohnmächtig
geworden. Ich werde dann gleich nach ihm sehen.«
Der Graf zog seinen Ueberrock allein an, denn die Diener waren alle
hinausgegangen, nahm seinen Hut, nickte dem Arzt noch einmal zu
und verließ das Haus, um sich erst der Richtung hinter dem Schlosse
zuzuwenden, wo er noch die Fackeln sah.
Allgemeine Bestürzung herrschte indessen auch unter der Dienerschaft,
der das Vorgefallene natürlich kein Geheimniß bleiben konnte, ja, die
das eigentlich Geschehene sogar schon früher wußte, als die Herrschaft
selber. Der junge Gärtnerbursche hatte nämlich erzählt, daß er, als er
im Park heraufgekommen wäre, ein paar Frauen bemerkt hätte -- Damen mit
großen, weiten Kleidern, die rasch den Weg hinabgeeilt wären und von
denen die eine etwas Schweres getragen hätte. Vorher aber habe er
einen Wagen unten am Drahtthor halten sehen, und ein Herr dort habe ihn
gefragt, ob die Tafel schon begonnen hätte. Er glaubte damals, daß der
Herr mit zu den Gästen gehöre, vielleicht einer der Rittergutsbesitzer
aus der Nachbarschaft, der den Weg durch den Wald gekommen sei; nur daß
er nicht mitging oder das Thor nicht geöffnet haben wollte, wunderte ihn
-- auf was wartete er denn noch? Aber er mußte sich selber eilen, daß er
das Tractement nicht versäumte. Die Damen, denen er nachher begegnete,
machten ihn stutzig, und er erzählte, was er gesehen, dem einen Lakai,
der jetzt seinerseits die Kammerjungfer der gnädigen Comtesse suchte,
sie aber nirgends finden konnte. Ehe man aber der Herrschaft selber
Mittheilung davon machen konnte, war die Flucht der Comtesse oder
wenigstens ihre Abwesenheit schon bemerkt, und der Bericht des Gärtners
konnte nur die Richtung andeuten, die sie genommen. Bald darauf sprengte
Graf Bolten fort, und gleich danach fiel der Schuß in derselben Gegend.
Der Haushofmeister hatte eine Anzahl von Pechfackeln herausschaffen
lassen, um sie heute vielleicht beim Heimfahren der Herrschaften zu
verwenden. Mit einigen von diesen machte sich nun eine Anzahl junger
Burschen, darunter der Forstgehülfe, auf, um den Park abzusuchen, und da
sie sich auf den Wegen vertheilten, trafen sie hier auf den ohnmächtig
gewordenen alten Förster, den sie jetzt zurück zum Schloß trugen.
Mehrere wurden freilich nach dem Drahtthor geschickt, um dort nach dem
Wagen zu sehen, aber der war natürlich fort. Nur die Gleise desselben
fanden sie im Sande, wo er gehalten, dann hatte er den dort einzigen Weg
nach dem Dorfe eingeschlagen -- aber wohin dann weiter? Im Dorf selber
liefen vier Wege nach vier verschiedenen Richtungen ab -- welchen
hatte der Wagen nun verfolgt? Das Dorf lag auch zu weit, um dort jetzt
nachzusehen; auch ging der Wind heut Abend ziemlich heftig, und sie
hätten sich mit den Pechfackeln, die fortwährend Funken abwarfen, doch
nicht zwischen die Strohdächer hineinwagen dürfen. Die Bauern würden es
gar nicht gelitten haben.
Der Förster erholte sich übrigens sehr rasch wieder und kaum wie sie
ihn in des Haushofmeisters Zimmer auf ein schnell hergerichtetes Lager
gelegt hatten. Blutverlust mußte die Ursache seiner Ohnmacht gewesen
sein, vielleicht auch der Schmerz der Wunde mit der Aufregung. Wie aber
das vorquellende Blut gerann, hörte auch die Blutung von selber auf; der
Alte sah aber schrecklich aus.
Der Schnitt ging ihm über dem rechten Auge weg quer über die Nasenwurzel
und dann schräg die linke Backe hinab, den er vollständig geschlitzt
hatte, daß er auseinander klaffte. Seine Kleider waren dabei bis hinab
wie mit Blut getränkt, und die Leute fürchteten zuerst, daß er noch
vielleicht eine andere und gefährlichere Wunde an sich habe. Er wurde
deshalb ausgezogen und untersucht; es ergab sich aber glücklicher Weise
nichts Derartiges, und als er wieder zu sich kam, bestätigte er auch,
daß er nirgends sonst getroffen sei; nur den Schnitt habe ihm der
verfluchte Kerl, der Maulwurfsfänger, gegeben, als er ihn beim Wildern
erwischt, und die kleine Kröte, der Spitz, müsse ihn auch in die Beine
gebissen haben -- der eine Hinterlauf schmerze ihn schändlich da unten
um die Wade herum.
Das erwies sich in der That so; die Hose war dort an drei oder vier
Stellen zerrissen und das scharfe Gebiß der kleinen Bestie tief in das
Bein eingedrückt, daß das Blut daran herunter gelaufen.
Also mit der Flucht der Comtesse hatte diese Verwundung, wie die
Leute anfangs geglaubt, gar nichts zu thun. Dem alten Manne that
aber besonders die zerschnittene Backe so weh, daß ihm das Sprechen
außerordentlich schwer wurde. Er wollte noch etwas sagen, ließ es aber
wieder sein und flüsterte nur das Eine Wort: »Doctor --« dann legte er
den Kopf zurück, um sich auszuruhen. Der Doctor war aber noch drinnen
beim Grafen und konnte nicht herausgerufen werden -- er sollte sich nur
noch ein klein Weilchen gedulden, er käme gleich.
Jetzt fuhren noch rasch hintereinander zwei Wagen vor, in denen die
beiden anderen herbeigerufenen Aerzte saßen. Der eine von diesen wurde
auch sofort bedeutet, daß er, so schnell er irgend könne, hinüber in des
Haushofmeisters Zimmer käme, wo ein Verwundeter läge; vorher mußten die
beiden Herren aber pflichtschuldigst zum Grafen hinein. Der eine fragte
nur: »Was für eine Wunde?«
»Ein Schnitt durch's ganze Gesicht.«
»Nun, das ist nicht so gefährlich, ich komme gleich hinüber« -- und
damit war er rasch verschwunden, und der Förster mußte warten.
Bei dem Grafen aber konnten sie gar nichts thun. Er hatte sich wieder
erholt, fühlte sich jedoch noch sehr angegriffen und beantwortete die an
ihn gerichteten Fragen zuerst nur ganz unvollständig und dann gar nicht
mehr, und winkte endlich mit der Hand -- er wollte allein sein.
Die Aerzte zogen sich zu einer Berathung zurück, das heißt, keiner von
ihnen wollte den andern fragen, was er über die Sache denke -- er hätte
sich dadurch etwas vergeben können --, sondern nur seine Meinung geltend
machen. Der Hausarzt, ein Ober-Medicinalrath, behandelte die Sache auch
sehr cavalièrement. -- Es hatte nichts zu sagen: er kannte die Natur des
Grafen -- morgen würde nichts von der heutigen Schwäche übrig sein. Es
war nur eine Nervenaufregung oder Ueberreizung, er hoffe das Beste. Die
beiden anderen Herren waren ja doch nur aus Versehen, oder in der Angst,
ihn nicht gleich zu treffen, gerufen worden.
Der zuerst gekommene Arzt widersprach dem vollkommen und hielt es
für einen Nervenschlag, der vielleicht wiederkehren könne. Der
Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln -- was half es ihm zu
widersprechen! Er hatte die Behandlung des Kranken ja doch von jetzt ab
allein, und die Consultation war eine bloße Höflichkeitsform. Er bat die
Herren, ihn zu entschuldigen, da er noch einen andern Fall im Hause zu
behandeln habe, und ging zu dem alten Förster hinüber.
Hier aber war nicht viel zu thun. Er nähte die furchtbare Wunde ziemlich
gleichmüthig zu, wobei er sich erkundigte, woher der Alte den Schnitt
habe, legte dann einen Verband um, betrachtete sich die Bißwunden, ließ
sie auswaschen, verordnete kalte Umschläge und ließ sich dann von dem
Haushofmeister ein Zimmer anweisen. Er wollte hier übernachten, falls
die Frau Gräfin noch einmal nach ihm verlangen sollte.
Der alte Förster fühlte sich indeß durch das Zunähen der Wunde und den
Verband sehr erleichtert; er ließ sich noch ein Glas Wein geben, um sich
ein wenig zu stärken, und verlangte dann nach seinem Forstgehülfen.
Während er so da lag, war ihm doch die Sache mit dem Schuß, und daß
er nachher noch ein Rascheln in den Büschen gehört hatte, im Kopf
herumgegangen. Wenn er den Menschen nun doch, obgleich er blind in den
Busch gefeuert und tief gehalten, getroffen? Der Forstgehülfe stand noch
draußen und besprach die Familienverhältnisse mit einem der Lakaien,
der höchst entrüstet über die Flucht war, denn das Kammermädchen schien
Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und nicht ihm einmal hatte sie sich
entdeckt!
»Herr Förster, Sie haben nach mir verlangt!«
»Ach, Wenzel, sind Sie das? Stopfen Sie mir erst einmal meine Pfeife;
sie steckt in der linken Rocktasche und der Tabaksbeutel in der
rechten.«
»Ja wohl, Herr Förster.« Die Pfeife wurde gestopft und gebracht. Wenzel
zündete einen Fidibus an, aber das Rauchen wollte nicht recht gehen.
Hatte die Pfeife keinen Zug, oder that ihm dabei die Backe so weh? Der
Forstgehülfe selber probirte, sie zog vortrefflich; der Förster nahm sie
noch einmal zwischen die Lippen, aber es ging nicht. Er seufzte tief auf
und gab sie Wenzel zurück.
»Rauchen Sie sie selber, Wenzel,« sagte er traurig; »es geht nicht. Der
verfluchte Maulwurfsfänger!«
»Und weiter soll ich nichts?« fragte der Forstgehülfe, der, dem Auftrag
gehorsam, die Pfeife zwischen die Zähne nahm.
»Doch Wenzel; setzen Sie sich einmal einen Augenblick hierher. Das Maul
thut mir so weh, ich kann nicht laut sprechen. Nehmen Sie sich Jemanden
mit einer Laterne mit, und gehen Sie auf den Platz zurück, wo Sie mich
vorher gefunden haben. Das wissen Sie doch, wo das war?«
»Ja wohl, Herr Förster.«
»Gut, von da an gehen Sie auf meinem Schweiß zurück bis zu dem
Fichtenstreifen, der am Hafer hinläuft. Sie können nicht fehlen, er muß
überall auf den Büschen sitzen. Dort finden Sie eine Drahtschlinge, die
der verdammte Halunke, der Maulwurfsfänger, gelegt hat, und ein
Stück Wild darin; ich weiß nicht, was es ist, ich hatte keine Zeit,
nachzusehen.«
»Der Lumpenkerl!« sagte der Forstgehülfe in gerechter Entrüstung -- »ob
ich's mir nicht immer gedacht habe!« und qualmte stärker.
»Halten Sie's Maul und hören Sie zu!« sagte der Förster -- »gerade wo
das Stück liegt, hab' ich gestanden, auf der andern Seite drüben und
links hinein in die Fichten geschossen; die Schrote müssen noch in den
Zweigen sitzen. Nehmen Sie sich lieber zwei Laternen mit, daß Sie besser
sehen können, und suchen Sie mir die Fichten ab, ob ich den Lump nicht
doch vielleicht zu Holz geschossen habe.«
»Glauben Sie, daß er etwas hat?«
»Ich weiß es nicht; hingehalten hab' ich -- ein bischen tief -- aber
ich konnte nichts sehen; der Schweiß lief mir in's Auge und stockfinster
war's auch, und der Kerl stak in dem jungen Holz drin -- aber nachher
hat's geraschelt; es ist doch möglich, daß ihm ein paar Schrote in die
Beine gefahren sind -- 's ist zwar nur Nummer sechs, aber ich möchte
doch nicht gern, daß der Kerl die Nacht im Busch läge. Machen Sie, daß
Sie fortkommen. Wenn Sie zurück sind, sagen Sie mir Antwort, dann will
ich einschlafen.«
Der Forstgehülfe gehorchte dem Befehl; junge Burschen, die ihn begleiten
wollten, waren noch genug da, und die Fackeln aufgreifend, welche schon
vorher benutzt worden, schritt der kleine Trupp rüstig durch den Park,
bis sie die Gegend erreichten, wo sie vorher den Förster gefunden.
Hier übernahm der Forstgehülfe die Leitung. Zuerst mußten sie noch
eine kurze Zeit nach der wirklichen Stelle suchen, aber die war bald
gefunden, denn in den erst am Nachmittag frisch geharkten Wegen
waren die vielen Fußtritte deutlich erkennbar. Und dort lag auch
die Blutlache. Hier über den Weg war der alte Mann herübergekommen,
Blutzeichen fanden sich überall, die an den Kleidern niedergetropft;
dort war er aus den Büschen herausgekommen, ein paar Zweige, an die er
sich gehalten, fanden sie eingeknickt, niederhangend und voller Blut
-- überall hingen in der That die Spuren und führten deutlich zu dem
Fichtenstreifen hinüber, wo der von dem gefangenen Wildkalb geschlagene
Fleck ihnen schon von Weitem die Stelle zeigte.
»Himmelhund!« fluchte der Forstgehülfe, als er das verendete Thier, noch
in der Schlinge festsitzend, fand und sich jetzt niederbog, um es frei
zu machen und mit zum Schloß zu nehmen -- »wenn ihm der Alte doch nur
den.... vollgeschossen hätte!«
»Da knurrt ein Hund!« rief Einer der Leute. Alle horchten, und deutlich
hörten sie jetzt aus den Büschen heraus einen menschlichen Ruf nach
Hülfe.
»Da liegt er!« rief der Forstgehülfe, und sich rasch emporrichtend,
griff er nach einer der Fackeln und preßte durch die Fichtendickung der
Stelle zu, von der er den Ruf zu hören geglaubt. Er brauchte nicht weit
zu gehen. Kaum zehn Schritt in den Fichten drin schlug ein kleiner Hund
an, und dort fanden sie, bleich und mit Blut bedeckt, aber bei voller
Besinnung, den Maulwurfsfänger, der hier den Schuß erhalten hatte und
zusammengebrochen war.
»Hallo! wen haben wir da?« rief der Forstgehülfe, während er scheu vor
dem Anblick zurückprallte und der Hund ein wüthendes Geheul ausstieß.
Die dichten Büsche ließen auch kaum die Gestalt erkennen, denn die
Fichtenzweige bogen sich von allen Seiten über ihn hin.
»Tragt mich zu Jonas hinüber,« bat der Unglückliche -- »mir ist das Bein
zerschossen, ich kann nicht mehr!«
Der Vorschlag war in der That vernünftig. Des alten Gärtners Haus
lag kaum dreihundert Schritt von dort im Dickicht drin, während die
Entfernung nach dem Schloß die dreifache gewesen wäre. In's Schloß
hätten sie ihn aber überhaupt gar nicht schaffen dürfen; dort herrschte
überdies schon Verwirrung genug, und wenn jetzt der angeschossene Mensch
noch dazu gekommen wäre -- das ging gar nicht. Der alte Jonas hatte aber
oben in seinem Hause noch ein kleines Zimmerchen, das gar nicht benutzt
wurde. Dort konnten sie ihn bequem unterbringen, und die einzige
Schwierigkeit war jetzt nur, ihn aus dem Dickicht heraus auf den Weg zu
schaffen. Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf. --
»Seid Ihr bös getroffen?«
»Das Bein ist ab -- unter der Hüfte -- die Geschichte ist aus.«
Der Jäger wollte etwas darauf erwidern, aber er fühlte selber, daß
die Zeit dazu nicht passend wäre. Der arme Teufel schien hart genug
gestraft, und jetzt blieb ihnen nichts weiter übrig, als ihm so rasch
als möglich Hülfe zu bringen.
Einer der Leute -- denn es waren deren mehr herausgekommen, als sie
zum Fortschaffen brauchten -- mußte gleich in's Schloß zurück, um den
Ober-Medicinalrath zur Gärtnerwohnung zu begleiten, den anderen befahl
der Forstgehülfe, der sich ziemlich gut zu helfen wußte, ihre Jacken
auszuziehen und den Verwundeten, so gut es eben ging, hinein zu legen,
während drei auf jeder Seite trugen. Er selber ging ihnen dabei mit
seinem Beispiel voran und zog seinen Rock aus, und sie stellten dadurch
eine erträgliche Bahre her, um den Verwundeten so schmerzlos als irgend
möglich fortzuschaffen.
Zwei von den Leuten mußten vorangehen und die Büsche zurückbiegen; wie
sie aber den Verwundeten aufgreifen wollten, fiel der Hund wie toll über
sie her und biß nach ihnen.
»Ruhig, Spitz,« sagte der arme Teufel mit schwacher Stimme, »'s ist aus
mit uns Beiden; zurück, Spitz, zurück, komm, mein Hund!«
Das kleine kluge Thier winselte kläglich und zeigte noch immer die
Zähne; aber es war ordentlich, als ob es verstand, was sein Herr zu ihm
gesagt, denn es widersetzte sich nicht mehr den fremden Männern, die den
Hülflosen jetzt so sorgsam wie nur irgend möglich auffaßten und aus dem
Busch hinaustrugen.
Sobald sie erst einmal den offenen Weg erreichten, ging es etwas besser,
und der Maulwurfsfänger klagte auch nicht. Nur als sie ihn etwas weiter
am Teich vorbeitrugen, stöhnte er: »Wasser -- will mir Keiner einen
Tropfen Wasser geben?«
Einer der Männer sprang hinunter und holte Wasser in seinem Hut, von
dem der Verwundete gierig trank; dann lag er wieder still, bis sie
das kleine, ziemlich einsam gelegene Haus erreichten und ihm dort, mit
Laubstreu und einer wollenen Decke drüber, ein Lager zurecht machen
konnten. Einer blieb oben, um die Nacht bei ihm zu wachen, denn man
durfte ihn nicht hülflos dort zurücklassen.
Bald darauf kam auch der Ober-Medicinalrath, der, nachdem er die Wunde
untersucht hatte, den Kopf bedenklich schüttelte.
»Heut Abend scheint ja hier auf dem Schloß der Teufel los gewesen zu
sein,« sagte er, »und Ihr habt genug Unglücksfälle für ein ganzes Jahr.
Haltet Euch still, Freund, das ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«
»Ich werde bald still genug sein,« flüsterte der Alte.
»Nun, so arg ist's nicht,« beruhigte der Arzt; »ein Schuß in's Bein ist
noch kein Schuß in den Leib, und ich denke, ich bringe Euch wieder auf
die Füße. Wo seid Ihr zu Hause?«
»Fragt die Maulwürfe, die könnten's Euch eben so gut sagen; für jetzt
wohne ich in Haßburg in der Färbergasse.«
»Ich will dafür sorgen, daß Ihr heut Abend noch bessere Pflege bekommt,«
sagte der Ober-Medicinalrath, »denn nach der Stadt kann ich Euch mit dem
Bein nicht transportiren lassen; wir müssen eine Entzündung vermeiden.
Habt Ihr eine gute Natur?«
»Wie ein Pferd,« sagte der Alte.
»Gut, dann hoffe ich Euch durchzubringen; aber Ruhe und keine
spirituösen Getränke, überhaupt keine Aufregung. Diese Nacht macht ihm
kalte Umschläge; ich will sehen, vielleicht bekomme ich noch Eis in der
Stadt und schicke Euch davon heraus. Gute Nacht!«
»Gute Nacht, Herr Doctor!« sagte der Maulwurfsfänger, schloß die Augen
und legte sich auf seinem Lager zurück. -- --
Unten im Schloß war die Gräfin in dem Zimmer, in welchem der Graf lag,
in fieberhafter Ungeduld auf und ab gegangen; aber der weiche Teppich
ertödtete jeden Schall, so daß der Kranke, der wie schlafend lag, nichts
davon hören konnte. Sie erwartete Nachricht von George, von Hubert, denn
das Furchtbare war geschehen, ihre Tochter hatte sie vor den Augen
der Welt compromittirt, aber das Furchtbarste konnte ihr doch nicht
aufbehalten bleiben. Beide junge Leute waren den Flüchtigen nach,
die kaum eine Viertelstunde, ja vielleicht nicht einmal zehn Minuten
Vorsprung hatten, und Einer von ihnen mußte sie ja doch überholt haben.
Aber sie kamen nicht zurück; Minute nach Minute, Stunde nach Stunde
verging, und vergebens horchte sie den klappernden Hufen eines der
Pferde.
Der Ober-Medicinalrath kehrte zurück und erkundigte sich nach seinem
Patienten. Er schlief, oder lag wenigstens regungslos auf seinem Sopha,
wie er ihn vorher verlassen hatte, schien auch nicht zu hören, was um
ihn her vorging, beantwortete wenigstens keine der an ihn gerichteten
Fragen.
Der Ober-Medicinalrath wollte sich auf sein Zimmer zurückziehen und
rieth der Gräfin, ebenfalls schlafen zu gehen. Bei dem Kranken konnte ja
eine Wache zurückbleiben und sie augenblicklich rufen, sobald er etwas
verlange; ihr selber würde diese unnöthige und gewaltsame Aufregung nur
schädlich sein. Die Gräfin verweigerte es; sie wollte wachen, sie war
nicht müde.
Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln und verließ das Zimmer; _er_
war müde.
Wieder verging eine halbe Stunde -- da hörte sie Hufschläge auf dem
Pflaster des Hofes, die anhielten. Sie öffnete rasch das Fenster
und horchte hinaus. Stimmen konnte sie hören, aber keine Worte
unterscheiden. Sie klingelte, und es dauerte eine Weile, bis ein Diener
kam.
»Wer ist da gekommen?«
»Graf Hubert.«
»Ich lasse ihn bitten, in das Empfangszimmer zu gehen.«
»Er ist schon wieder fort, Frau Gräfin,« sagte der Lakai.
»Schon wieder fort?«
»Ja, er fragte nur, ob Niemand zurückgekommen wäre, und dann, ob Graf
George im Hause sei. Als wir das verneinten, sprang er aus dem Sattel,
warf Einem der Stallleute den Zügel zu und schlug rasch den Weg nach der
Stadt zu Fuß ein.«
»Und Graf George, mein Sohn, ist noch nicht zurückgekehrt?«
»Nein, Frau Gräfin.«
»Was waren das für Leute mit Fackeln, heut Abend?«
»Der Förster hat einen Wilderer erwischt und auf ihn geschossen, den
alten Maulwurfsfänger, der immer in den Park kam, und dem Förster hat er
das ganze Gesicht mit dem Messer zerschnitten.«
»Der Maulwurfsfänger?«
»Ja, Frau Gräfin. Der Förster hat ihn in's Bein geschossen; er liegt
oben beim tauben Jonas im Hause.«
Die Gräfin hörte schon gar nicht mehr, was er sprach. »Sobald mein Sohn
zurückkehrt, werde ich gerufen,« sagte sie, »ich muß ihn sprechen, ehe
er zu Bett geht. Der Haushofmeister soll dann einen Augenblick zu meinem
Mann kommen; ich muß mich umziehen. Wo ist mein Kammermädchen?«
»Draußen, glaub' ich, Frau Gräfin; sie war vorhin in der Küche.«
»Sie soll in mein Zimmer kommen.«
Die Befehle waren rasch erfüllt, und die Gräfin zog sich hastig in
ihr Zimmer zurück, um ihren Ballstaat mit einem einfachen Hauskleid
zu vertauschen. Der Schmuck drückte sie, den sie trug, und das schwere
Seidenkleid, dessen Rauschen ihr wie Hohn und Spott in den Ohren klang.
Kaum war sie umgekleidet, als Graf George auf müde gerittenem Pferd
zurückkehrte. Es war indessen nahe an zwölf Uhr geworden.
Der Diener kam und meldete der Gräfin die Rückkehr ihres Sohnes, und
die Dame sagte rasch: »Er soll in den Speisesaal kommen, ich will ihn
sprechen.«
Noch zögerte sie einen Augenblick; aber der Graf schlief, wie es schien,
fest. Er hielt die Augen geschlossen und athmete leicht. Sie bog sich
über ihn und horchte seinen Athemzügen; er regte sich nicht, und leise
verließ sie das Gemach, um George zu sprechen.
Dieser hatte indessen sein Pferd abgegeben und der Mutter Botschaft
erhalten. Er betrat gleich nach ihr den Saal, dessen Tafel noch mit
allem Geschirr, wie es die Gäste verlassen, gedeckt stand -- wo hätten
die Diener Zeit gehabt, es fortzuräumen? Nur das Silber war beseitigt
und verschlossen, mit Ausnahme der schweren silbernen Armleuchter, von
denen noch zwei auf dem Tisch brannten. Weder die Gräfin noch der junge
Graf hatten ja zu Nacht gespeist, und das Essen mußte doch für sie
bereit gehalten werden, wenn sie danach fragen sollten.
»Wo warst Du, George?« rief ihm die Mutter entgegen, wie er nur die
Schwelle betrat. »Hast Du sie gefunden?«
George schüttelte finster mit dem Kopf. »In die Nacht bin ich hinein
geritten,« sagte er, »was mein Pferd laufen konnte; hätte ich zufällig
den rechten Weg getroffen, so mußte ich sie erreichen, ehe sie den
ersten Meilenstein hinter sich wußten. Aber im Dorfe gehen vier Wege ab
-- ich habe keine Spur von ihnen entdeckt.«
»Und jetzt?«
»Ich bin nur zurückgekommen, um zu hören, ob Hubert sie vielleicht
gefunden. Weit kann sie ja doch nicht sein, allein mit ihrem
Kammermädchen.«
»Hubert ist zurück -- umsonst! Und glaubst Du, daß sie allein gereist
ist?«
»Nun, mit Bertha; Beide sind sie ja gesehen worden, wie sie durch den
Park eilten.«
»Und weißt Du, wer im Wagen auf sie gewartet hat?«
»Im Wagen?« wiederholte George erschreckt.
»Jener Schauspieler Handor,« sagte die Mutter mit furchtbarer Ruhe.
»Handor?« schrie George emporfahrend.
»Still,« sagte die Mutter, »wir brauchen unsere Schande nicht selber
in die Welt zu schreien, es wird das ohnedies zeitig genug von anderen
Leuten geschehen!«
»Aber es ist nicht möglich,« rief George aus, der sich indessen auf die
Einzelheiten besann -- »Handor spielte heut Abend in der nämlichen Zeit,
in der Paula entfloh, in der Stadt den »Hamlet«, und das Theater
ist keinesfalls vor zehn Uhr aus gewesen, ja, kaum dann, da ich mich
erinnere, daß auch noch in den Zwischenacten etwas angezeigt war.«
»Ich habe den Brief, den mir Paula zurückgelassen, verbrannt,« sagte
die Mutter kalt; »sie nennt darin mit einfachen Worten ihren Verführer.
Möglich aber, daß sie allein von hier fortgefahren, wenn er wirklich
gespielt hat, um sich dann nach der Vorstellung irgend ein Rendezvous
zu geben und gemeinschaftlich ihre Reise fortzusetzen; aber in dem Wagen
hat ein Herr gewartet.«
»Im Wagen?«
»Der Gärtnerbursche hat ihn selber gesprochen.«
George ging mit gekreuzten Armen im Saale auf und ab. Auf dem Tisch,
neben den beiden zurückgelassenen Gedecken standen noch mehrere Flaschen
Wein. Er nahm die eine und goß in ein Wasserglas ein; aber er sah nicht,
was er ausgoß, so flimmerte es ihm vor den Augen, und die rothe Fluth
schoß über das Tischtuch. Dann stürzte er den Inhalt des Glases hastig
hinunter.
»Gute Nacht, Mutter!«
»Wo willst Du hin?«
»Noch einmal fort; ich habe mir nur den Schimmel satteln lassen und muß
vor Tag wenigstens die Spur haben. Das darf nicht sein, das darf nicht
sein, es ist zu furchtbar!«
»Und welchen Zweck hast Du dabei?«
»Welchen Zweck?« rief George erstaunt. »Dir Deine Tochter wieder
zuzuführen -- die Ehre unseres Hauses zu retten!«
»Ich habe keine Tochter mehr!« sagte die Gräfin mit eisiger Kälte. »Und
die Ehre unseres Hauses? Glaubst Du, daß es morgen in der Stadt noch
_eine_ Dienstmagd giebt, die nicht am Brunnen die Ehre unseres Hauses
bespräche?«
Ehe George etwas darauf erwidern konnte, öffnete sich plötzlich die
Thür, und der alte Graf, mit einem Antlitz, das auch jeder Blutstropfen
verlassen hatte, und gläsernen, stieren Augen, betrat den Saal.
»Mein Vater!«
»Bitte, meine verehrten Herrschaften, behalten Sie Platz!« sagte der
alte Herr mit markerschütternder Freundlichkeit; »meine Paula wird
gleich erscheinen -- nur ein leichtes Unwohlsein.«
»Großer, allmächtiger Gott,« stöhnte George und barg das Antlitz in den
Händen, »das ist schrecklich!«
Der alte Graf ging zum Tisch, setzte sich dort auf einen Stuhl und
stützte den Kopf in die Hand; während er aber so da saß, liefen ihm die
großen, hellen Thränen an den Wangen nieder.
»Mein lieber, lieber Vater!« rief George, sprang zu ihm und umschlang
ihn mit den Armen.«
»George,« rief der alte Mann und sah ihn an, »bist Du mir noch
geblieben?«
»Mein guter Vater, darf ich Dich jetzt zu Bett geleiten?«
»Ja, geh zu Bett, George,« drängte auch die Frau, »die Ruhe wird Dir
gut thun; es ist spät geworden.« Und sie half ihm dabei von der andern
Seite, um ihn vom Stuhl aufzuheben. Der alte Graf richtete sich aber von
selber empor.
»Ja, Kinder,« sagte er, »ich will zu Bett gehen, ich bin recht müde
geworden. Deinen Arm, George; so, das geht schon. Gute Nacht, Ottilie,
gute Nacht!« Und mit festen Schritten verließ er, von dem Sohn gestützt,
den Saal.
23.
Nach dem Theater.
Gleich nach der Vorstellung des »Hamlet« ging Fürchtegott Pfeffer nicht
unmittelbar nach Hause, denn er fühlte sich so merkwürdig aufgeregt,
daß er die Entschuldigung für sich hinreichend hielt, erst noch in der
»Hölle« einen Schoppen Wein zu trinken und etwas Warmes dazu zu
essen. Daheim fand er doch nichts weiter, als eine Tasse Thee und ein
Butterbrod, oder wenn er wollte, ein Glas Bier. An jedem andern Abend
hätte er sich aber auch vollständig damit begnügt, und war es in der
That gar nicht besser gewohnt; heute drängte es ihn aber außerdem, wenn
er es sich auch nicht selber gestehen wollte, Menschen zu sehen und
ein Urtheil über die Vorstellung zu hören. Er fühlte mit Einem Wort das
Bedürfniß, sich etwas mittheilen zu lassen.
Gedrängt voll saß aber die Stube schon, als er sie betrat, und ein
Durcheinanderwogen, Sprechen und Debattiren war dort, daß man sein
eigenes Wort kaum hören konnte. Aber auch kein Wunder, denn die
Vorstellung heut Abend hatte nicht allein schon genug Stoff geboten,
sondern man wollte auch den Fackelzug erwarten, der vor dem »Paradies«
vorbei mußte und den zu betrachten der Wirth der »Höllengesellschaft«
eins von seinen Zimmern vornheraus eingeräumt hatte. Sobald der Zug
ankam, sollten sie gerufen werden.
Jetzt dachte aber fast Niemand an etwas Anderes oder sprach von etwas
Anderem, als dem Erfolg Rebe's, und es war eigentlich nur Eine Stimme:
daß er die Bewohner von Haßburg auf das Aeußerste überrascht und
Niemand ihm ein solches Talent zugetraut habe. Allerdings gab es
auch Andersgesinnte, und unter diesen Doctor Strohwisch, der in der
unbestimmten Hoffnung herübergekommen war, Rebe hier zu finden und eine
Flasche Champagner mit ihm zu trinken, und jetzt, da er ihn nicht fand,
Manches an der »Auffassung« zu tadeln hatte. Er sollte den »tiefen
Sinn« einzelner Stellen nicht erfaßt und gewürdigt, Anderes wieder zu
»trivial« gesprochen haben, und wie die verschiedenen Recensentenphrasen
alle heißen -- aber er wurde überstimmt.
»Spielen Sie einmal den Hamlet,« rief der Maler Arnold dem Doctor
entgegen, »so rein vom Blatt weg, ohne Vorbereitung, ohne eine Probe,
ohne nur vorher in die Rolle hineinzusehen, und mit kaum Zeit genug, in
die Lumpen hineinzufahren! Die Nase rümpfen kann ein Jeder, aber meinen
Hals zum Pfande, daß unter hundert Schauspielern nicht zehn, ja, nicht
drei sind, die ihm das nachmachen!«
»Nun ja, ich habe ja nichts dagegen,« sagte Strohwisch einlenkend, denn
er war verschiedener Ursachen wegen noch nicht mit sich im Reinen, ob er
entschieden für oder gegen Rebe auftreten solle; er mußte erst mit ihm
»sprechen«. »Er hat in der That das Außerordentliche geleistet, und ohne
ihn hätte die Vorstellung gar nicht stattfinden können.«
»Wo, zum Henker, kann aber Handor gesteckt haben?« rief einer der
Officiere; »hat ihn denn Niemand gesehen?«
»Meine Herren,« sagte Trauvest, »meine Meinung ist die, daß ihn auch
Niemand wieder sehen wird.«
»Nicht wiedersehen?« rief Alles durcheinander. »Woher wissen Sie das?«
»Das will ich Ihnen sagen,« meinte Trauvest ruhig, indem er einen
Pfropfen aus einer Flasche Rüdesheimer zog und sie auf den Tisch
stellte. »Heute gegen Abend war er hier, ziemlich aufgeregt, und ließ
sich eine Flasche Champagner geben. Morgen ist der Erste, und er hatte
versprochen, da zu zahlen; ich konnte sie ihm nicht gut verweigern.
Da hinten an der Tischecke saß er, ganz allein, den Kopf in die Hand
gestützt, und schüttete das edle Getränk nur so hinunter; dann stand er
plötzlich auf, warf den Mantel um, sagte »Gute Nacht, Trauvest!« und
weg war er. Ich hatte freilich noch immer kein Arges daraus, denn ich
dachte, die Rolle ginge ihm im Kopf herum, weil mir Höfken erzählt
hatte, daß er den Morgen auf der Probe kein Wort davon gewußt, bis
ich heut Abend hörte, daß er gar nicht gekommen wäre und Herr Rebe den
Hamlet spielen wolle. Da wurde mir nicht wohl bei der Sache, und ich
machte mich in sein Logis hinüber -- aber wo war Herr Handor? Sein Wirth
schien selber schon Angst gekriegt zu haben, weil so viel Nachfrage nach
ihm gewesen, und tüchtig auf der Kreide steht er da drüben ebenfalls,
das können Sie sich wohl denken. Wir gingen deshalb zu ihm in die Stube
hinauf, und da blieb denn wohl kein Zweifel, daß Herr Handor eine kleine
Reise angetreten, wobei überdies noch das Mädchen bestätigte, daß er
gegen Abend einen Koffer weggeschickt habe. Einige alte Kleidungsstücke,
ein paar Stiefel und zwei oder drei Bücher lagen allerdings noch im
Zimmer, das war Alles, die Commodenkasten standen leer und der Vogel war
ausgeflogen.«
»Merkwürdig,« rief Barthel, »und morgen ist Gagetag!«
»Ja, als ob er die nicht schon weg hätte!« lachte Höfken. »Wenn aber
nun der Rebe nicht eingetreten wäre, das hätte eine Heidenwirthschaft
gegeben; und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel
geschenkt.«
»Alle Wetter,« rief Strohwisch, »ist das begründet?«
»Ich habe selber dabei gestanden, wie sie Krüger herunter brachte; aber
hol' mich Dieser und Jener, er hat sie auch verdient!«
»Habt Ihr's schon gehört?« rief in diesem Augenblick einer der
gewöhnlichen Gäste, der Doctor Kleemann, welcher besonders viel
populär-medicinische Aufsätze für Zeitungen schrieb und Stammgast in der
»Hölle« war.
»Nun, was ist jetzt wieder?« rief Arnold. »Haben sie ihn erwischt?«
»Erwischt -- wen?«
»Den Handor.«
»Was hat denn der ausgefressen?«
»Durchgegangen ist er.«
»Alle Wetter!«
»Aber was wollten Sie denn erzählen?«
»Oben bei Monfords sollte doch heute Verlobungsabend sein und große
Gesellschaft war geladen.«
»Ja, welche Alle im ersten Range fehlten.«
»Sie hätten eben so gut in's Theater gehen können,« sagte Kleemann, »aus
der Verlobung ist nichts geworden; das wird einen Skandal geben in der
=haute volée=!«
»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Strohwisch ganz Ohr, denn solchen
Stoff konnte er brauchen. »Alle Wetter, heut Abend jagen sich ja
ordentlich die Neuigkeiten; ich kenne mein Haßburg gar nicht wieder!«
»Was vorgefallen ist?« rief Kleemann; »ein Hauptspaß. Ich war heut Abend
beim Ober-Medicinalrath, als etwa vor einer halben Stunde ein Bote vom
Monford'schen Schlosse ganz außer Athem heruntergestürzt kam, um den
Ober-Medicinalrath, der dort Hausarzt ist, hinaufzurufen. Den alten
Grafen hat der Schlag gerührt, denn wie sie sich eben zur Tafel setzen
wollten, wo die Verlobung proclamirt werden sollte, geht die junge
Comtesse heimlich durch.«
»Die Comtesse Monford,« rief Arnold ordentlich erschreckt, »das
wunderhübsche, liebliche Mädchen -- aber mit wem?«
»Gott weiß es; hinten im Park soll ein Wagen gehalten haben, und der
angeführte Bräutigam war zu Pferde nach. Wahrscheinlich erwischt er sie
auch wieder, denn Vorsprung hatten sie nicht viel -- aber der Skandal,
und in _der_ Gesellschaft!«
»Donnerwetter,« sagte Höfken, seine Faust auf den Tisch legend und ganz
verdutzt im Kreise herumsehend, »das wäre eigentlich ein merkwürdiges
Zusammentreffen: die Comtesse fort und Handor ebenfalls ausgekniffen --
dem traue ich Alles zu!«
»Glauben Sie wirklich?« rief Strohwisch rasch; »die Vermuthung liegt
allerdings nahe.«
»Unmöglich ist's nicht,« sagte ein Anderer, »der Handor hatte in der
letzten Zeit so viel und heimlich mit dem jungen Grafen zu verkehren.«
»Na, der soll wohl dabei geholfen haben?« rief Arnold verächtlich. »Daß
der Welt doch eigentlich nie etwas erwünschter ist, als ein Skandal,
wenn er nur nicht sie selber betrifft!«
»Sollten wir etwa bemänteln helfen, was in der =haute volée= vorgeht?«
rief Strohwisch.
»Bemänteln? Davon ist keine Rede; aber nur nicht schmutziger machen, als
es wirklich ist!« rief Arnold. »Und überhaupt, was geht uns irgend eine
Familienangelegenheit an? Kehre Jeder vor seiner eigenen Thür, da hat er
gerad' genug zu thun!«
»Sie paßten schön zu einem Zeitungs-Redacteur,« rief Strohwisch lachend.
»Allerdings für kein Blatt, das nur den Stadtklatsch ausbeutet!« sagte
Arnold trocken, der den Menschen überhaupt nicht leiden konnte.
»Meine Herren, der Fackelzug!« rief in diesem Augenblicke Trauvest, dem
ein Kellner die Meldung gemacht hatte, daß der Zug gerade die Straße
heraufkam; »das Zimmer vorn ist offen.«
Alles sprang in die Höhe, um den Zug mit anzusehen, und das Gespräch war
unterbrochen. Die Gäste strömten auch alle nach vorn, um den für
Haßburg sehr seltenen Anblick eines solchen Schauspiels zu genießen, und
Pfeffer, der heut Abend, seiner sonstigen Gewohnheit ganz entgegen, kein
Wort in die Unterhaltung eingeworfen, nahm seinen Hut, zahlte seinen
Schoppen Wein und schritt langsam in die vom Volk gefüllte Straße
hinaus, nicht etwa, um den Fackelzug mit anzusehen, sondern gleich
querüber in eine Seitenstraße einzubiegen und seine eigene Wohnung
ungestört zu erreichen.
Er hatte auch ruhig die über Handor's Flucht ausgesprochene Vermuthung
mit angehört, aber es interessirte ihn nicht, denn mit jenen Kreisen kam
er nie in Berührung und kannte sie gar nicht. Andere Dinge gingen ihm
aber im Kopf herum, und vorzüglich, ja, ausschließlich die Wendung,
welche Rebe's Geschick unstreitig mit dem heutigen Abend genommen hatte,
und das Einzige, was ihn dabei ärgerte, war, daß er ihm selber früher
jedes Talent abgesprochen.
»Wer konnte das aber auch denken, wer konnte das auch denken?« murmelte
er dabei immer vor sich hin; »so ein Duckmäuser, so ein verwünschter
Duckmäuser! Und wie geheim er das Alles gehalten hat -- und was wird
die Jette dazu sagen? Nun ist's ganz vorbei, nun ist dem Faß der Boden
ausgestoßen! Und Jeremias, der hat die ganze Geschichte mit angesehen,
seine Glatze leuchtete ja ordentlich unten im Parket -- merkwürdig, rein
merkwürdig!«
Er hatte sein Haus erreicht, -- denn diese abgelegenen Straßen schienen
heut Abend von Menschen ganz gesäubert zu sein, so war Alles dem
Fackelzuge zugeströmt -- schloß auf und tastete sich die dunkle Treppe
hinauf. Wie er über den Gang schritt, sah er durch das über der Thür
angebrachte Fenster, das der Küche über Tag dürftiges Licht geben mußte,
bei seiner Schwester drinnen noch die Lampe hell brennen.