F. S.«

»Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Krüger, als Rebe die Epistel beendet

hatte und das Blatt wieder lächelnd auf den Tisch zurücklegte.

»Und sorgt Sie das wirklich, was ein Strohwisch schmiert?« sagte er.

»Ich kann mir doch nicht denken, daß es auch nur den geringsten Einfluß

auf das Publikum selber haben könnte; also lassen Sie ihn schreiben.

Notiz darf man ja doch von einem solchen Menschen micht nehmen.«

»Das sagen _Sie_, lieber Rebe,« rief der Director; »aber ich kenne die

Welt und mein Publikum besser, und ich versichere Ihnen, der Artikel hat

Sie hier zu Grunde gerichtet.«

»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«

»Ja, wollen _Sie_ es denn versuchen?« rief Krüger erstaunt. »Mann

Gottes, ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie bei Ihrem ersten Auftreten

ausgepfiffen werden!«

»Ich habe keine Furcht, Herr Director,« sagte Rebe ruhig und

entschlossen. »Mit solchen schmutzigen Waffen kann ich allerdings nicht

kämpfen und werde es nicht, aber wir können jetzt gleich an mir die

Probe machen, ob das Publikum wirklich ein Urtheil für sich selber hat,

oder ob es sich von jedem lumpigen Literaten leiten und an der Nase

herumführen läßt.«

»Aendern Sie einmal die Welt.«

»Ich will sie nicht ändern, ich will sie nur kennen lernen.«

»Na, das Vergnügen können Sie haben,« nickte Krüger; »so viel will ich

Ihnen aber sagen, ich habe Sie im Voraus gewarnt. Ich riskire nichts

dabei, denn ich bekomme jedenfalls ein volles Haus, und bin auch noch

immer erbötig, Sie für einen vollen Monat zu engagiren, aber mit der

Bedingung: fallen Sie beim ersten Auftreten gründlich durch, so ist

unser Contract gelöst.«

»Und soll Herr Doctor Strohwisch das Urtheil sprechen?« lächelte Rebe.

»Nein,« rief der Director, »Sie selber, denn nach der nächsten

Vorstellung bleiben wir nicht lange im Zweifel. Das Gute hat es

jedenfalls, daß wir genau wissen, woran wir sind.«

»Gut, ich nehme es an,« nickte Rebe; »ich bin fest entschlossen, dieser

Nichtswürdigkeit zu begegnen, und hoffe das Beste.«

»Hoffen, lieber Freund, hoffen ist gar nichts,« sagte der Director.

»Aber wollen Sie wenigstens dieses Mal einen guten Rath annehmen?«

»Und welchen, Herr Director?«

»Sie haben den ersten nicht befolgt und, will ich recht ehrlich

sein, vielleicht auch gut daran gethan. Ein solcher Mensch wie dieser

Strohwisch und alle diese Art Leute ist nicht zu kaufen, sondern nur

zu miethen, das heißt, mit Einer Zahlung können Sie sich ihrer nie

versichern. Sie brauchen immer Geld und sind unersättlich. Aber wenn es

Ihr Stolz auch nicht zuließ, jenen Burschen zu bestechen, so glaube ich,

werden Sie doch nichts dagegen haben, seine Pläne zu kreuzen.«

»Wenn das auf ehrenvolle Weise geschehen kann.«

»Ehrenvolle Weise?« sagte der Director, den Kopf ungeduldig herüber und

hinüber werfend. »Wenn mich ein unreines Thier anrennt, so sehe ich,

daß ich ihm ausweichen kann, und jede Weise ist dabei ehrenvoll, denn

Selbsterhaltung bleibt das Hauptgesetz in der Natur. -- Ehrenvoll?

Nennen Sie es etwa ehrenvoll, wenn Sie den Abend ausgepfiffen werden?«

»Wenn es ohne mein Verschulden und ungerecht geschieht.«

»Und wer fragt danach? Ich bitte Sie um tausend Gottes willen, lassen

Sie doch nur die verfluchten Redensarten und werden Sie vernünftig

-- ohne mein Verschulden und unrecht! Lassen Sie Jemanden auf einen

falschen Verdacht hin einstecken und ihm den Kopf herunterschlagen,

glauben Sie, daß ihm das nachher eine Beruhigung sein kann, daß es ohne

sein Verschulden und ungerecht geschah? Lauter Redensarten; hier haben

wir es mit der Sache selber zu thun, und wenn Sie Alles geschickt

anfangen, läßt sich dem Musjö doch noch am Ende ein Paroli bieten.«

»Aber wie?«

»Das will ich Ihnen sagen; Geld kostet die Geschichte, weiter nichts.

Einige Dutzend Freibillets sollen Sie von mir haben, dann engagiren Sie

noch eine Anzahl kräftiger Kerle, die...«

»Mein lieber Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »auf solche

Spitzfindigkeiten verstehe ich mich nicht; da wäre ein Mittel, meiner

Meinung nach, eben so niedrig wie das andere.«

»Aber die größten Künstler thun es!« rief der Director in Verzweiflung.

»Das mögen sie mit ihrem Gewissen ausmachen,« sagte Rebe ruhig; »ich

habe vielleicht, wie ich Ihnen gern zugestehen will, ganz eigenthümliche

Begriffe von Ehre, aber meine Meinung ist auch die, daß solche

literarische Blutegel gar nicht existiren könnten und elend zu

Grunde gehen müßten, wenn Alle so dächten wie ich. Von mir sollen sie

wenigstens nie auch nur eines Groschens Werth Unterstützung bekommen,

und sind _sie_ nur die Ursache, daß ich am Theater nicht vorwärts komme,

gut, dann habe ich mir selber wenigstens keine Vorwürfe zu machen und

kann nachher mit Ehren die Bühne verlassen.«

»Wieder »Mit Ehren«,« rief der Director ungeduldig. »Gut, dann machen

Sie meinetwegen was Sie wollen, ich werde mir die Zunge nicht weiter

daran verbrennen; Sie haben's nicht besser verlangt. Und worin also

gedenken Sie das nächste Mal aufzutreten? Unser Repertoire kennen Sie

ja.«

»Ich möchte Sie um den Fiesco bitten, Herr Director.«

»Fiesco, hm -- meinetwegen; Eins ist so gut wie's Andere, und Fiesco

auch eigentlich lange nicht da gewesen. Also nächsten Mittwoch, wenn es

Ihnen recht ist, denn Sonntags bringt mir eine Posse mehr ein.«

»Und als zweite Rolle möchte ich Sie um den...«

»Thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns wegen der zweiten Rolle

noch nicht den Kopf zerbrechen. Erst wollen wir einmal sehen, wie die

erste abläuft.«

»Sie scheinen kein rechtes Vertrauen zu haben.«

»Hab' ich auch nicht,« sagte Krüger, »weil ich meine Pappenheimer kenne.

Also auf morgen werde ich die erste Probe ansetzen, Herr Rebe, Sie sind

doch fertig?«

»Ich könnte die Rolle morgen Abend spielen.«

»Alle Wetter, Sie wären in der That ein brauchbares Mitglied! Handor

mußte immer vierzehn Tage Zeit haben, und nachher haperte es noch.

Ueberlegen Sie sich nur die Sache mit den Freibillets noch einmal; ich

gebe Ihnen mein Wort...«

»Ich werde es mir überlegen, Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »und

bei jeder Stunde Nachdenken finden, daß ich so und nicht anders handeln

konnte.«

»Sehr schön, Herr Rebe,« sagte der Director trocken, »dann wollen wir

einmal am nächsten Mittwoch sehen, wie dick die Mauer sein wird, an der

Sie Ihren Kopf zu versuchen gedenken. Guten Morgen!«

»Guten Morgen, Herr Director!« sagte Rebe und verließ langsam und

nachdenkend das Haus.

Während Rebe die Unterredung mit dem Director hatte, wurde bei Pfeffers

ein ganz eigenes kleines Familienfest gefeiert.

Der Mutter kränklicher Zustand schien sich nämlich in den wenigen Tagen,

ja, man konnte fast Stunden sagen, so wesentlich gebessert zu haben,

daß Alles im Hause einen freundlicheren Charakter annahm. -- War es

die veränderte Diät gewesen? Der frühere Doctor, der Theaterarzt (der

»Thierarzt«, wie ihn Pfeffer gewöhnlich nannte), der die Stelle durch

Protection erlangt, hatte die arme Frau auf Gott weiß was curirt, und

ihr fast jede Nahrung entzogen. Es war eine ganz neue, von ihm erfundene

Hungercur, der, wie das Gerücht ging, bis jetzt erst wenige Menschen zum

Opfer gefallen. Dadurch aber kam Henriettens Mutter von Tag zu Tag mehr

herunter, bis sie zuletzt so schwach wurde, daß sie nicht einmal mehr

aufrecht sitzen konnte.

Wenn aber Jeremias auf der Welt irgend etwas haßte, so war es Hunger,

oder gar eine Hungercur, die den Körper natürlich so schwächen mußte,

daß er sich gar nicht mehr, nicht einmal gegen den Arzt, helfen und

schützen konnte. Er ruhte deshalb auch nicht, bis er Pfeffer, oder

vielmehr Auguste bewog, einen andern Doctor herbeizuziehen, und dieser

erklärte denn auch natürlich augenblicklich, daß sie der frühere

ganz falsch behandelt habe und die Kranke bei einer noch kurze Zeit

fortgesetzten ähnlichen Cur nicht sowohl ihrer Krankheit, als ihrem

Magen erlegen wäre. Nahrhafte Speisen wurden verordnet, und Jeremias

schleppte herbei, was nur aufzutreiben war: ein Glas stärkenden

kräftigen Weins; eine Stunde später stand ein Dutzend Flaschen alten

Portweins in der Stube, und dann wo möglich etwas Bewegung, vor der Hand

noch im Zimmer, und so viel frische Luft als thunlich.

Half dieses Alles, oder war es mehr ein Gemüthsleiden gewesen, das auf

der Seele der Kranken gelegen, aber schon seit gestern Abend trat eine

entschiedene Aenderung zum Besseren ein, und Henriette sang heute Morgen

wie eine Haidelerche im Hause herum.

Die Mutter saß am geöffneten Fenster, denn nach der gestrigen

stürmischen und kalten Nacht hatte sich die Luft gereinigt und die Sonne

schien warm und klar. Jeremias war fort gewesen, um Rebe aufzusuchen und

Näheres über seine weiteren Pläne und Aussichten zu hören, aber er

traf ihn nicht in seiner Wohnung und mußte unverrichteter Sache wieder

zurückkehren.

»Das ist ein ganz verzweifelter Mensch, Auguste,« sagte er, als er in

dem kleinen Zimmer auf und ab ging und sich den kahlen Kopf kratzte,

»wie ich gestern mit ihm sprach und ihm meine Hülfe in Allem, was

Jettchen betraf, antrug, faßte er mich bei der Hand und sagte: »Mein

lieber Herr Stelzhammer, ich danke Ihnen herzlich für Ihre guten und

freundlichen Absichten, und Sie wissen, daß Jettchen's Besitz das

Höchste ist, was ich erstrebe, aber ich bin auch fest entschlossen, ihn

mir selber zu verdanken. Ich will mir später nie Vorwürfe machen können,

daß ich durch meine Frau vorwärts gekommen sei.«

»Und da hat er ganz Recht,« sagte Pfeffer, der in diesem Augenblick

eingetreten war und die letzten Worte hörte, »der Rebe ist ein ganzer

Kerl, das sage ich noch einmal, und es thut mir jetzt schmählich leid,

daß wir ihn früher so unter der Kanone behandelt. Na, wie geht's heute

Morgen, Guste, besser? Donnerwetter, Du kriegst ordentlich wieder rothe

Backen!«

»Die höchste Zeit, daß ich von Brasilien herüber kam,« rief Jeremias,

»Ihr hättet sie hier heilig verhungern lassen.«

»Der verdammte Theaterfriseur,« fluchte Pfeffer, »na, komm Du mir über

die Schwelle, ausgenommen zu einem Krankheits- oder Pensionirungsattest!

Du meine Güte, wenn ich das erst einmal in Händen hätte und das

vermaledeite Komödienspielen an den Nagel hängen könnte!«

»Wünsch' Dir die Zeit nicht heran, Fürchtegott,« nickte die Frau, »alt

werden wir Alle früh genug, und doch zehntausendmal lieber von Morgens

bis Abends arbeiten, als so da liegen und anderen Menschen zur Last

fallen.«

»Zur Last fallen,« brummte Pfeffer, »wem bist Du schon zur Last

gefallen, und laß Du das das Jettchen hören, -- aber alle Wetter,«

unterbrach er sich plötzlich, aus dem Fenster sehend, »kommt denn da

nicht Fräulein Bassini wie ein orangefarbener Blitzstrahl angeschossen?

Na, die muß eine Neuigkeit haben, da möchte ich meinen Hals darauf

verwetten.«

»Kommt sie denn her?« fragte Jeremias.

»Eben ist sie in die Promenadenthür hineingefahren. Was das Frauenzimmer

für eine Eile hatte!«

»Wer weiß, was sie hat,« sagte seine Schwester.

»Sicher nichts Gutes,« nickte Pfeffer, »sonst liefe sie nicht so rasch,

darauf kannst Du Dich verlassen. Da ist irgend ein Unglück geschehen,

oder der Teufel sonst wo los. Ich kenne meine Schwester.«

»Wenn Du nur immer 'was auf die arme Lise bringen kannst,« lächelte die

Frau, »und Du hast sie doch lieb, und ich möchte keinem Andern rathen,

Uebles von ihr zu reden.«

»Wenn sie nur ein klein wenig Vernunft annehmen und sich nicht immer so

verflucht lächerlich machen wollte,« sagte Pfeffer, »sonst ist sie

ja gut genug, und auf's Theater paßt's. Sie spielt aber den ganzen

ausgeschlagenen Tag Komödie, von dem Augenblick an, wo sie Morgens

aufsteht, bis Abends, wenn sie wieder einschläft. Ein verrückteres

Frauenzimmer ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.«

»Habt Ihr es schon gelesen?« rief in diesem Moment die besagte Dame, wie

sie nur den Kopf zur Thür hereinsteckte, »habt Ihr das Schandblatt schon

gesehen? Es ist himmelschreiend, daß so etwas nur die Censur passirt. Da

könnte man ja eben so gut in Brasilien bei den Cannibalen leben.«

»Bitte,« meinte Jeremias.

»Nun, hab' ich es nicht gesagt?« lachte Pfeffer.

»Was hast Du gesagt, was ist vorgefallen?« rief die Schwester heftig.

»Na, das mußt _Du_ doch am besten wissen. Was hast Du denn da für ein

Zeitungsblatt in der Hand?«

»Habt Ihr das Stadtblatt noch nicht gelesen? Dann habt Ihr nichts

gelesen,« rief Fräulein Bassini mit Emphase.

»So, und was steht darin?«

»Eine Kritik über Rebe.«

»Alle Wetter! Gut?«

»Da lies, mach' Dir ein Vergnügen,« sagte Fräulein Bassini, »hier, von

Herrn Doctor Strohwisch, Deinem guten Freund.«

»Meinem guten Freund?« brummte Pfeffer, indem er das Blatt nahm und

leise vor sich hinmurmelnd an zu lesen fing.

»Und habt Ihr schon gehört,« fuhr indessen Fräulein Bassini fort, um

ja keine Zeit zu versäumen, »daß sich des Lumps, des Handor wegen die

beiden jungen Grafen von Monford und Bolten gestern duellirt haben und

Graf Bolten den Andern todtgeschossen hat?«

»Oh Du lieber Gott,« stöhnte Auguste, »die armen Eltern!«

»Ja, das ist nun nobel,« sagte die Schwester, »damit geben sie einander

die Ehre wieder, daß sie sich abschlachten. Die ganze Stadt ist voll

davon.«

»Und so reiche, vornehme Leute!«

»Ja, wie gut könnten die es haben; aber ob es wohl Jemand einmal weiß,

wenn es ihm wohl ist. Gott bewahre, immer will er's noch wohler haben,

bis er zuletzt drin sitzt. So reiche Menschen; sie sitzen ja im Geld,

sie wissen nicht wie tief, und silberne Spucknäpfe sollen sie in den

Zimmern haben; aber Hochmuth kommt vor dem Fall.«

»Alle Teufel!« rief Pfeffer, der indessen die Einleitung überflogen

hatte und jetzt zu dem Kern des Ganzen kam. Jeremias stand neben ihm und

sah ihm über die Schulter in's Blatt.

»Oh Du Lumpenkerl!« murmelte er leise vor sich hin, und ballte schon in

Gedanken die Faust.

»Das ist ja ein sauberer Patron!«

»Wie? Nu, was habe ich gesagt?«

»Was schreibt er denn?« fragte Auguste.

»Kannst die Bescherung gleich lesen -- ei Du Himmelhund, Du Verdammter!

Wenn er ihm fünf Thaler in den Rachen geschoben hätte --«

»Ja, schieb einmal, wenn Du nichts hast,« sagte Fräulein Bassini.

»Das ist derselbe Musjö, dem ich einmal auf Rebe's Treppe begegnet bin,«

rief Jeremias.

»Nein, da hört Alles auf,« schrie Pfeffer, »ei zum Teufel mit dem

Wisch!« und damit knillte er das Papier zusammen und schleuderte es auf

die Erde.

»Aber, Fürchtegott,« rief Fräulein Bassini erschreckt, »die Zeitung

gehört ja dem Schuhmacher, meinem Hausherrn -- was hat denn das arme

Papier nur gethan?« -- und sie hob es auf und glättete es wieder aus.

»Bitte, laß es mich einmal lesen,« sagte Auguste, und streckte die Hand

danach aus.

»Ja, ich möchte es auch einmal haben,« meinte Jeremias, »kann man denn

nicht so eine Nummer zu kaufen bekommen?«

»Gewiß, in der Expedition, aber das fehlte auch noch.«

»Ich möchte doch eine Nummer haben,« meinte der kleine Mann, indem

er sich heftig die Hände rieb, »und wenn es nur das wäre, um jedes

Mißverständniß zu vermeiden.«

»Mißverständniß?«

»Das ist schändlich,« sagte Henriettens Mutter, »wirklich boshaft,

niederträchtig, und ich begreife nur nicht, daß sich das Publikum dies

gefallen läßt. Er sagt ihnen doch darin mit dürren Worten: Ihr versteht

Alle nichts, daß ihr so ein Wesen von dem Rebe macht, ich bin der allein

Kluge!«

»Und so ein Lump kriegt ein Freibillet,« rief Pfeffer, »na, wenn ich

Director wäre, ich wollte Dich befreibilletten!«

»Der Mensch wird außerdem jetzt Alles daran setzen, um den armen Rebe

vollends zu ruiniren,« sagte Fräulein Bassini, »denn er darf jetzt ja

nicht einmal mehr applaudirt werden, sonst hätte er nicht Recht gehabt.«

»Natürlich,« sagte Pfeffer, »was der jetzt thun kann, thut er.«

»Und ich glaube nicht einmal, daß ihn der Director nach _der_ Recension

wieder spielen läßt,« fuhr Fräulein Bassini fort, »ich kenne ihn, und

was der für eine Angst vor diesem aufgesteckten Strohwisch hat, kann gar

kein Mensch glauben.«

»Dann geschieht ein Unglück,« sagte Jeremias, und seine Stimme hatte

etwas Feierliches, »dann geschieht wahrhaftig ein Unglück.«

»Na, was wird für ein Unglück geschehen,« brummte Pfeffer, »wer einmal

Pech haben soll, verliert die Butter vom Brode.«

»Da kommt Jettchen,« rief die Mutter rasch, die das junge Mädchen

draußen hörte, »thut die Zeitung weg; sagt ihr nichts davon, das arme

Kind kränkt sich sonst zu sehr.«

Fräulein Bassini schob sie rasch in ihre Tasche, aber wie Jettchen

eintrat, stockte das Gespräch, und Jeremias selber machte ein so

bestürztes Gesicht, daß sie gleich wußte, es war etwas vorgefallen.

»Guten Morgen mitsammen,« rief sie lachend aus, sah aber Alle dann

erstaunt im Kreise an und sagte: »Nun, was habt Ihr denn, Ihr seht mich

ja Alle so merkwürdig an, was ist denn? Mutter, es ist irgend etwas

geschehen?«

»Nichts, was uns beträfe, Kind,« fiel aber hier Fräulein Bassini ein,

die sich noch am ersten faßte, »aber hast Du noch nichts von dem Unglück

bei Monfords draußen gehört?«

»Leider ja,« nickte Jettchen traurig -- »Du lieber Gott, so ein junges,

hoffnungsvolles Blut, und in seinem frischesten Alter!«

»Kanntest Du den jungen Grafen?«

»Ich habe ihn draußen im Schlosse gesehen, als ich früher der Comtesse

manchmal Arbeiten hinaufbrachte, und in letzter Zeit ist er auch

manchmal mit Graf Rottack hier vorbeigeritten. Es war derselbe, Onkel,

der damals dem armen Jungen hier vor dem Hause, dem Graf Bolten

den Karren überritten hatte, Geld gab, um ihn für den Verlust zu

entschädigen.«

»Und der Nämliche hat ihn jetzt todtgeschossen?«

»Und was für Strafe bekommt er nun?«

»Strafe?« sagte Fräulein Bassini, »solche vornehme Herren werden sie

auch strafen! Uebrigens ist er noch dieselbe Nacht fortgereist, und nun

sucht ihn, wenn Ihr ihn haben wollt.«

»Aber was hast Du nur, Vater?« sagte Jettchen, die erstaunt Jeremias

betrachtete. Dieser war indessen in der Stube, sich immer die Hände

reibend, auf und ab gegangen, und so mit seinen eigenen Gedanken dabei

beschäftigt, daß er die Frage nicht einmal gleich hörte.

»Was ich habe, Kind?« sagte er dann, als Jettchen die Worte wiederholte,

»oh, oh, nichts, ich dachte nur in dem Augenblick gerade an 'was, ich

habe noch etwas zu thun, beinah' hätte ich's vergessen. Also guten

Morgen miteinander!«

»Wo willst Du denn hin, Jeremias?«

»Ich muß einmal nach Hause, ich komme nachher wieder!«

»Um zwölf Uhr essen wir.«

»Gut, ich werde kommen, sollte ich aber um zwölf Uhr nicht da sein,

so wartet nicht auf mich, denn es ist doch möglich, daß ich Abhaltung

bekäme,« und mit den Worten schoß er zur Thür hinaus.

»Was hat nur der Vater?« sagte Jettchen verwundert; »er sah so

merkwürdig verstört, so zerstreut aus.«

»Gott weiß es,« brummte Pfeffer, »irgend noch ein paar brasilianische

Schrullen vielleicht, die ihm im Kopf herumgehen! Laß ihn nur laufen,

der findet sich wieder zurecht, dafür ist mir gar nicht bange. Wo warst

Du, Jettchen?«

»Ich habe den Brautkranz fortgetragen,« sagte das junge Mädchen, »und

jetzt gar nichts weiter zu thun, als den bestellten Kranz für Graf

Rottack zu machen.«

»Das ist gescheidt, da kannst Du Dich endlich einmal ausruhen.«

»Aber die Zeit wird mir lang werden, und was hätte ich Alles zu thun

bekommen können! Wie viele Arbeiten waren bestellt, aber Vater wollte es

ja nicht leiden.«

»Ganz vernünftig von ihm, denn Du hättest Dich caput gearbeitet, das ist

sicher. Nun aber sieh nach Deiner Küche, Schatz, daß wir 'was zu essen

bekommen!«

»Ist Alles in Ordnung, Onkel,« nickte Jettchen, »brauche nur ein wenig

nachzulegen, denn während es kochte, bin ich blos die zwei Schritt

hinüber gelaufen. Punkt zwölf Uhr kann das Essen auf dem Tisch stehen.«

Jeremias stieg in einer unbeschreiblichen Stimmung die Treppe hinab,

und niemand Anders war die Veranlassung dazu, wie der arme, unselige

Recensent.

»Oh Du Federfuchser,« rief er dabei halblaut vor sich hin und ballte

die gar nicht so unansehnliche Faust gegen das Treppengeländer, »oh Du

verfluchter Federfuchser -- hätt' ich Dich, wie wollt' ich Dich!« Aber

er hatte ihn eben nicht, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als Rebe

aufzusuchen, um mit diesem zu besprechen, was sich etwa in der Sache

thun ließ, denn daß sich etwas thun ließ, davon war er fest überzeugt.

Rebe fand er allerdings, aber bei ihm selber auch nicht die geringste

Unterstützung in der Angelegenheit.

Rebe blieb dabei, daß die Persönlichkeit, von welcher der Angriff

stamme, so tief unter ihm stehe, daß er gar nichts in der Welt mit ihm

anfangen könne, und was das beträfe, gegen ihn zu agiren, so würde er

sich dadurch mit diesem Strohwisch genau auf Eine Stufe stellen, daran

sei also gar nicht zu denken. Die einzige Waffe, die er in Händen habe,

sei die, dem Publikum durch seine Darstellung zu beweisen, daß Jener

gelogen habe; weiter könne er nichts, weiter werde er nichts thun.

Jeremias suchte ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er sein Fortkommen

an hiesiger Bühne sichern wolle, und Rebe behauptete, das wäre nur

dadurch möglich, daß er alle Chancen liefe. Aber sich jetzt und für Eine

Vorstellung einen Erfolg sichern und damit alle übrigen noch in Frage

gestellt lassen, käme ihm ungefähr ebenso vor, als ob Jemand über einen

mächtigen Strom schwimmen wolle und zuerst in einem Teich versuche, ob

er sich eine so lange Zeit über Wasser halten könne, bei dem Versuch

aber Blasen unter die Arme binde. Er täusche Niemanden damit als sich

selber, und müsse dann später dafür büßen.

Es war mit dem Menschen nichts anzufangen, denn er blieb hartnäckig

dabei, daß er ehrenvoll siegen oder lieber seine Stellung aufgeben

und anderswo beginnen wolle; denn nur dadurch könne er sich seine

Selbstachtung und die Achtung anderer ehrenwerther Leute bewahren.

Jeremias mußte ihm ja wohl im Herzen Recht geben. Es war ganz hübsch und

ehrlich gehandelt, aber dumm, stockdumm, wenn er das auch nicht gerade

aussprach, und in voller Verzweiflung lief er endlich hinüber zu

Director Krüger, um von diesem vielleicht eine andere Ansicht zu hören.

Das Mittagessen bei Pfeffers hatte er lange vergessen und versäumt.

Hier fand er seinen Mann. Krüger, dem selber daran lag, daß sich Rebe

am hiesigen Theater behaupten möge -- denn wo fand er solchen ersten

Liebhaber gleich für die Gage wieder, mit der er sicher die erste Zeit

mit Rebe abschließen konnte --, gab Jeremias in Allem Recht und war so

vollkommen in jeder Hinsicht seiner Meinung, daß ein Gespräch fast ganz

unmöglich wurde.

Der Director theilte dem kleinen, lebendigen Fremden auch ganz

aufrichtig seine eigenen Ansichten über den Recensenten mit; weshalb

sollte er sich auch geniren? Strohwisch kostete ihm überhaupt jährlich

viel Geld, und Jeremias begriff zuletzt nur das nicht, wie man sich noch

mit einem solchen Menschen abgeben und in persönlichem Verkehr mit ihm

stehen konnte.

»Lieber Gott,« sagte der Director, »was will ich dagegen thun? Soll ich

mir mein ganzes Theater fortwährend schlecht machen lassen? Das Publikum

bekäme doch zuletzt, wenn es das alle und alle Tage hörte und läse,

einen Widerwillen dagegen und ginge mir schließlich gar nicht mehr

hinein; deshalb zahle ich ihm das Blutgeld und stopfe ihm das Maul.«

»Also wann ist Fiesco?«

»Nächsten Mittwoch; wenn Sie etwas thun könnten -- aber um Gottes

willen, ohne daß es Rebe erführe, denn er würde die ganze Geschichte

verderben --, so wäre es mir sehr angenehm, und auf meine Unterstützung

dürfen Sie rechnen.«

»Aber in welcher Art?«

»Ich will Ihnen sagen, was ich fürchte,« erwiderte Krüger. »Ich fürchte,

Strohwisch wird Anstalten getroffen haben, Herrn Rebe das nächste Mal

auspfeifen zu lassen; er hat mir genau dasselbe schon einmal gemacht.«

»Aber das Publikum wird sich das nicht gefallen lassen.«

»Lieber Gott, alle Menschen erfreuen sich zuweilen an einem Skandal,«

sagte Krüger, »und wenn nur drei oder vier in derartigen Arbeiten

geschickte Leute vortheilhaft im Parterre placirt sind, so finden sie

überall ein paar nichtsnutzige Jungen, die ihnen helfen. Sie glauben gar

nicht, wie das Pfeifen ansteckt.«

»Hurrjeh,« sagte Jeremias, »vielleicht käme er selber hinein; wenn ich

nur dann in der Nähe wäre!«

»Er selber würde sich wahrscheinlich ruhig verhalten, aber das Ganze

dirigiren.«

»Na, warten Sie 'mal, dagegen ließe sich doch am Ende noch 'was thun.

Apropos, haben Sie Polizei im Theater?«

»Auf die dürfen Sie nicht rechnen,« sagte der Director; »allerdings

stehen ein paar Mann im Vorsaal, aber bei derartigen Gelegenheiten

verhalten sie sich rein passiv.«

»Sehr schön,« sagte Jeremias, »weiter verlange ich nichts, und nun

empfehle ich mich bestens!«

»Sie sind fremd hier in der Stadt, Herr Stelzhammer?«

»Fremd allerdings; aber ich glaube, ich weiß Jemanden, der mich

unterstützen kann.«

»Darf ich fragen, wen?«

»Ihren Theaterdiener Peters.«

»Da sind Sie in vortrefflichen Händen,« lachte Krüger vergnügt; »aber

lassen Sie ihn um Gottes willen nicht ahnen, daß ich von der Sache etwas

weiß!«

»Haben Sie keine Sorge -- bitte, bemühen Sie sich nicht, ich finde

schon meinen Weg!« Und während der Director oben in seinem Zimmer, sich

vergnügt die Hände reibend, auf und ab ging, stieg Jeremias langsam die

Treppe hinunter.

Director Krüger wohnte zwei Treppen hoch, und jede Etage bestand aus

zwei Abtheilungen Stufen, die in dem alten Hause ziemlich steil aufwärts

führten, aber durch Seitenfenster hell erleuchtet wurden.

Jeremias war eben den ersten Absatz hinabgestiegen, als ein Herr dicht

unter ihm die Treppe heraufkam und zu ihm aufsah. Der Fremde, welcher

etwa einen Kopf größer als unser kleiner Freund sein mochte, stand noch

drei oder vier Stufen unter ihm, als er den Kopf zu ihm empordrehte und

Jeremias plötzlich halten blieb.

»Hurrjeh!« rief er aus, indem er sich so klein machte, daß er seinen

Kopf ziemlich in eine Richtung mit dem die Treppe Heraufkommenden

brachte und beide Hände dabei auf die Kniee stützte. »Habe ich nicht das

Vergnügen, den Herrn Doctor Strohwisch vor mir zu sehen?«

»Das ist allerdings mein Name,« sagte der Herr. »Und mit wem hab' ich

die Ehre?«

»Na, seh'n Sie einmal an,« rief Jeremias, ohne die Frage zu beantworten,

»und so hübsch allein unter vier Augen! Da erlauben Sie mir vielleicht,

Ihnen gleich zu sagen, mein lieber Herr Strohwisch, daß Sie ein ganz

miserabler, erbärmlicher Dintenkleckser und Schubbejack sind!«

»Sie alberner Esel!« rief der Doctor, der gar nicht gleich wußte, über

was er am meisten erstaunen sollte, über die kleine, geduckte, komische

Gestalt, die vor ihm kauerte und die er deshalb auch, was persönliche

Kraft anbetraf, bedeutend unterschätzte. »Was unterstehen Sie sich?

Fort, oder ich werfe Sie die Treppe hinab!«

»So?« sagte Jeremias, der nur auf eine solche Einladung gewartet zu

haben schien, drückte sich mit der Linken seinen Hut fest und hatte aber

auch im nächsten Moment schon den Doctor beim Kragen, der sich wie ein

Kind in seinem Griffe wand.

»Herr, lassen Sie mich los!« schrie er.

»Treppe hinunter -- so?« rief Jeremias. »Wundervolle Idee -- Kopf weg

unten!« Und ehe der »Doctor« nur einen Hülferuf ausstoßen konnte, hatte

er ihn herumgedreht, und wie ein Pfeil schoß er die Treppe hinab.

Jeremias' Blut war aber jetzt aufgeregt. Alberner Esel hatte er

ihn genannt -- was vorangegangen, zählte nicht -- und die Recension

geschrieben, und da unten kullerte er auf der Treppe herum. Unglücklich

für ihn trug Doctor Strohwisch auch ein spanisches Rohr in der Hand, und

Jeremias wußte eigentlich später gar nicht mehr recht, wie es gekommen

war; ehe er sich aber auf etwas besann, war er die Stufen hinab unten

bei seinem Schlachtopfer, hatte ihm den Stock aus der Hand gerissen und

zerwalkte ihn dabei nach Herzenslust.

Strohwisch schrie um Hülfe und versuchte zuletzt, zur Verzweiflung

getrieben, Gegenwehr; aber jetzt wurde Jeremias erst recht böse. In der

Etage, wo er sich befand, wurden Stimmen laut, und um den Kampfplatz

auf neutrales Gebiet zu verlegen, faßte er den Unglücklichen wieder beim

Kragen und warf ihn vor sich her den nächsten Absatz hinunter, von

wo nur noch eine niedere Stufenreihe bis zur Hausthür blieb, und hier

folgte Fortsetzung.

Oben in der zweiten Etage stand Director Krüger, schaute über das

Geländer hinab und hätte vor Wonne applaudiren mögen, wenn er es sich

nur getraut hätte. Unten in der ersten Etage war das Dienstmädchen

und dann der Herr Ober-Appellationsrath X. mit der Frau

Ober-Appellationsräthin und Fräulein Tochter herausgekommen. An der

Hausthür, da der Schall des Tumults hinausdrang, hatten sich ebenfalls

Leute gesammelt und drängten zuletzt bis in's Haus hinein. Und oben auf

dem ersten Absatze stand Jeremias und prügelte Strohwisch, bis er

den Stock in Atome zerschlagen hatte und seinen Arm nicht mehr rühren

konnte; dann warf er ihn den letzten Absatz hinunter, den Stummel des

spanischen Rohrs, mit einem sehr zierlich geschnitzten Elfenbeinknopfe

daran, hinter ihm her, und während er selber an ihm vorüberschritt,

sagte er: »So, Herr Doctor, jetzt wünsche ich Ihnen wohl zu bekommen.

Mein Name ist Jeremias Stelzhammer.«

»Herr Stelzhammer,« sagte da ein Mann in einem rothen Kragen, der sich

indessen durch die immer anwachsenden Zuschauer in das Haus gedrängt

hatte, »es thut mir leid, Sie in Ihrer Beschäftigung zu stören.«

»Bitte, ich bin eben fertig,« meinte Jeremias.

»Nun desto besser,« sagte der Mann; »aber nun ersuche ich Sie auch,

einmal ein bischen mit mir zu kommen, denn ich habe hier auf Ruhe und

Ordnung zu sehen.«

»Mein lieber Herr,« erwiderte Jeremias, jetzt nicht im Geringsten um die

Folgen besorgt, denn er sah wohl, daß er es hier mit einem Polizeidiener

zu thun hatte, »Ruhe herrscht jetzt, und daß der Herr da _ordentliche_

Prügel besehen hat, wird er Ihnen selber bezeugen können. Ich hoffe, Sie

sind nun befriedigt.«

»Doch nicht so ganz,« lachte der Gerichtsdiener, »Sie müssen mit.«

»Verhaften Sie den Kerl im Namen des Gesetzes!« schrie jetzt Strohwisch,

der sich kaum von seiner Betäubung erholt hatte. »Ich bin hier auf die

nichtswürdigste Weise von ihm angefallen und mißhandelt worden;

mein Eigenthum ist dabei zerstört, mein Stock in Selbstvertheidigung

zerschlagen, meine Hose zerrissen und beschmutzt...«

»Die Keile nennt er Selbstvertheidigung!« lachte Jeremias.

»Na,« meinte der Polizeidiener mit einem Blick auf die robuste Gestalt

des Doctors, »Sie sehen mir allerdings aus, als ob Sie sich hätten

wehren können; aber das ist einerlei, Sie mögen das Beide vor Gericht

ausmachen.«

»Aber ich werde doch nicht...«

»Ja, Sie müssen auch mit,« sagte der Mann trocken; »ich kann hier nicht

untersuchen, wer angefangen hat. Also bitte, machen Sie keine Umstände.«

Immer mehr Leute hatten sich indessen in das Haus gedrängt; denn was

sieht das Publikum lieber, als eine Prügelei mit späterer Abführung

der Betheiligten durch die Polizei, die gerade so dazu gehört, wie die

Verlobung von zwei verliebten Paaren am Ende eines Lustspiels.

»Meine Herren,« sagte der Diener der öffentlichen Sicherheit zu den

Eindrängenden mit jener Hochachtung, die er stets Leuten gegenüber

beobachtete, gegen welche »noch nichts Gravirendes bekannt geworden«,

»seien Sie so gut und gehen Sie nach Hause; Sie sehen, es ist Alles

vorüber. Bitte, machen Sie Platz, es kann ja kein Mensch durch.«

Die Leute gaben langsam Raum; aber Doctor Strohwisch brauchte noch

einige Zeit, um seine sehr derangirte Toilette etwas in Ordnung

zu bringen. Er wollte auch noch Schwierigkeiten machen, mit einem

Polizeidiener am hellen Tag durch die Straßen zu gehen, aber es half ihm

nichts. Der Mann des Gesetzes blieb unerbittlich wie das Gesetz selber,

und wenige Minuten später expedirte der würdige Beamte die beiden

Uebelthäter zum innigen Vergnügen einer Anzahl zerlumpt und anständig

gekleideter Straßenjungen nach dem Rathhaus hin. --

Die Straße herab kam Graf Rottack. Er sah ernst und angegriffen aus, und

als er dem Menschenknäuel begegnete, wollte er eben, vor der Berührung

damit zurückscheuend, nach der andern Seite der Straße hinüberbiegen,

als sein Blick auf Jeremias fiel und er erstaunt und verwundert stehen

blieb.

»Aber, Jeremias, um Gottes willen, was haben Sie denn gemacht? Was ist

vorgefallen?«

»Nur eine Kleinigkeit, Herr Graf,« lächelte der kleine Mann, aber doch

etwas verlegen, in solcher Gesellschaft gerade von ihm betroffen zu

werden; »ich und der Herr da geriethen ein wenig aneinander.«

»Ich leiste Bürgschaft für den Herrn,« sagte Felix zu dem

Gerichtsdiener; »mein Name ist Graf Rottack.«

»Thut mir leid, Herr Graf,« erwiderte der Mann ruhig, »das hier nicht

annehmen zu können. Meine Pflicht ist, die beiden Männer auf's Rathhaus

hinaufzuführen und die Anzeige zu machen. Dort notirt dann der Herr

Actuar den Fall, und wenn Sie mit hinaufgehen, so hat es nicht die

geringste Schwierigkeit, daß der Gefangene augenblicklich auf freien Fuß

kommt.«

»Schön.«

»Aber, bester Herr Graf!«

»Gehen Sie nur voran,« lächelte dieser, »denn escortiren möchte ich mich

nicht gern lassen; ich folge Ihnen aber augenblicklich.«

Er zog sich zurück, denn einige der Zuschauer, die vielleicht gehofft

hatten, daß irgend ein gewaltsames Einschreiten oder sonst ein amüsanter

Zwischenfall eintreten könne, preßten näher. Das Rathhaus war nicht weit

entfernt, und nachdem die beiden Feinde, nicht gerade zur Erbauung des

ziemlich bös zugerichteten »Doctors«, noch eine Weile in dem Vorsaal

hatten warten müssen, da gerade ein Dienstmädchen wegen versuchten

Diebstahls verhört wurde, kamen sie endlich vor.

Die Verhandlung war übrigens eine kurze; Jeremias, der vorher seinen

Vor- und Zunamen wie überhaupt eine kurze Lebensbiographie zu Protokoll

geben und erklären mußte, daß er noch nie vor Gericht gestanden,

leugnete nicht, den Doctor Strohwisch zuerst angefaßt und geprügelt

zu haben, und da Graf Rottack jetzt ebenfalls vorgelassen wurde und

erklärte, Bürgschaft für das Erscheinen des Herrn vor Gericht leisten zu

wollen, so wurde der Delinquent entlassen.

Der Doctor, eine allbekannte Persönlichkeit in Haßburg, blieb noch oben,

um seine Klage gegen den Ueberfall zu formuliren und gleich aufnehmen zu

lassen.

»Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, Jeremias,« rief Rottack, als

sie wieder zusammen auf der Straße waren, »was hat Sie denn zu einem

solchen Gewaltstreich bringen können? Wir sind doch hier nicht mehr in

Brasilien!«

»Mein lieber Herr Graf,« sagte der kleine Mann und schämte sich jetzt

ein wenig der Rolle, die er gespielt, »Sie haben Recht -- ich hätt's

nicht thun sollen, aber die Galle lief mir über. Der Mensch war ein

Recensent, und -- da hab' ich noch einmal den Hausknecht herausgekehrt;

aber ich verspreche es Ihnen, es soll zum letzten Mal geschehen sein,

denn ich darf Ihnen doch keine Schande machen!«

»Und was, beim Himmel, haben Sie mit den Recensenten zu thun?« lachte

Graf Rottack.

»Das ist weitläufig, das erzähle ich Ihnen ein andermal. Und wie geht es

der Frau Gräfin?«

»Sie ist unwohl,« seufzte Felix; »manches Leid verwandter Freunde hat

sie tief betroffen und angegriffen. Aber von Ihnen selber weiß ich gar

nichts weiter, seit wir uns bei jenem Fräulein -- wie hieß sie doch

gleich?«

»Bassini.«

»Ja, ganz recht -- bei jenem Fräulein gesehen. Haben Sie Frieden

mit Ihrer Familie geschlossen? Sie hätten uns wohl einmal, als alten

Freunden, Nachricht geben können.«

»Ich gestehe, daß ich wie ein schlechter Kerl gehandelt habe,« rief

Jeremias; »aber erstens wußte ich nicht, ob ich Ihnen recht kam, und

dann hab' ich die Zeit über so viel zu thun gehabt. Aber Gott sei Dank,

es geht Alles recht gut, und wenn Sie es mir erlauben, so komme ich

einmal in diesen Tagen und statte ausführlichen Bericht ab.«

»Das soll ein Wort sein, Jeremias,« sagte Graf Rottack, ihm die Hand

reichend. »Glauben Sie mir, wir haben die alten Freunde noch nicht

vergessen und viel zu wenig neue gefunden, um sie entbehren zu können.«

»Lieber Herr Graf...«

»Auf Wiedersehen, Jeremias!« Und Graf Rottack schritt, tief aufseufzend,

die Straße hinab.

28.

Die Contremine.

Der junge, hoffnungsvolle und in der Blüthe seiner Jahre dahingeraffte

Graf George von Monford war begraben worden und damit die Tragödie, die

einige Tage die Stadt beschäftigt, zu Ende gespielt. Sein Gegner,

der junge Graf Bolten, schien seit der Zeit verschwunden; er hatte

jedenfalls den Staat verlassen, und die Secundanten wurden verhört und

sahen ihrer formellen Strafe entgegen, die ihnen aber jedenfalls leicht

genug gemacht wurde.

Es ist auch eine eigene Sache um das Duell und die dagegen erlassenen

Gesetze. Wir Alle sind wohl darüber einig, daß es eine gegen die

Moralität verstoßende Sitte ist, wenn zwei Menschen in der Absicht,

einander zu tödten, gegen einander auftreten. Wir finden es auch

natürlich, daß der Staat eine Strafe darauf setzt, aber wie Wenige von

denen, die wirklich gegen eine solche »Unsitte« streiten, würden sich

selber ihr entziehen, wenn sie sich zu einem solchen Kampf gezwungen

sähen!

Ich bin weit davon entfernt, Die zu tadeln, die aus moralischen oder

religiösen Bedenken das Duell durchaus für sündlich halten und sich

deshalb nicht schlagen. Es ist das eine Gewissenssache, über die kein

Anderer ein Recht hat zu urtheilen -- aber man soll auch Die nicht

verdammen, die mit einem -- möglicher Weise irrigen Ehrgefühl eine

erlittene Beleidigung nur glauben durch Blut auswaschen zu können. Auch

bei ihnen ist es eine Gewissenssache, und wenn hierbei eine Majorität

entscheiden könnte, so wären sie ganz entschieden und unzweifelhaft im

Recht.

Muth? -- Es ist möglich, daß mehr moralischer Muth dazu gehört, eine

Herausforderung abzulehnen, als sie anzunehmen; aber das Duell selber

ist noch ein letztes Ueberbleibsel fast der alten, kräftigen Ritterzeit,

wo der Mann auch für sein eigenes gutes Recht einstand und nicht um

jeden Quark die Polizei belästigte. Das Duell hat manchen Uebelstand,

ja; mancher Streit wäre auch vielleicht ohne solch ein gewaltsames

Mittel beizulegen gewesen, mancher Familie endloser Jammer, namenloses

Leid erspart worden, aber trotzdem ist es in vielen Fällen nicht

möglich, es zu vermeiden. Es ist ein anerkanntes Uebel, aber ein

nothwendiges, und nur eine Umwandlung unserer Ansichten und Meinungen

könnte dem Zweikampf ein Ende machen.

Hier freilich hatte alte Sitte ein furchtbares und schweres Opfer

gekostet, den einzigen Sohn des Hauses, das letzte Kind, und wie das

Glück in früheren Jahren nicht müde geworden schien, all' seine Gaben

mit verschwenderischen Händen über die von Tausenden beneidete Familie

auszustreuen, so unerbittlich schritt jetzt das Unglück durch die

verödeten Räume seine erbarmungslose Bahn, das Haus der Freude in ein

Haus des Jammers wandelnd.

Der junge Graf war, von einem prächtigen Leichengepränge begleitet, in

die Familiengruft beigesetzt worden, und wie die unglücklichen Eltern

in das Schloß zurückkehrten, schien das sonst so gastfreie und allen

geselligen Freuden geöffnete Haus in ein düsteres Kloster verwandelt zu

sein.

Draußen das blitzende Thürschloß des Gartenthors deckte, der englischen

Sitte nach, ein Trauerflor -- der größte Theil der Dienerschaft war

entlassen worden; der alte Graf wollte die vielen Menschen nicht mehr um

sich sehen, die Fenster wurden verhängt und nur so weit geöffnet, um

das nöthigste Tageslicht herein zu lassen, und die Gräfin selber lag

gebrochen auf ihrem Bett.

Der Verlust Paula's hatte sie erschüttert, aber weit mehr ihren Zorn als

ihren Schmerz erweckt; der Verlust des Sohnes, an dem ihr Herz mit aller

Liebe hing, deren es nur fähig war, brach die Kraft, die sie bis dahin

aufrecht gehalten, und sie gab sich jetzt so wild und rücksichtsvoll

ihrem Grame hin, als sie den vorher hart und kalt in ihrer Brust

zurückgehalten.

Das war ein trauriges Leben jetzt in dem sonst so fröhlichen Hause, und

der alte Haushofmeister schlich wie ein Geist in den Räumen umher, als

ob er die Verlorenen suche und ihren Verlust noch nicht glauben könne,

noch nicht denken möge. So aufmerksam er aber dabei den Grafen selber

bediente, so scheu hielt er sich von der bis dahin geliebten Herrin

zurück, denn an dem Abend, an dem sie den Brief seiner lieben kleinen

Comtesse kalt und erbarmungslos in die verzehrende Flamme warf, hatte

sich sein Herz ihr entfremdet, und wieder und wieder zuckte ihm der

Gedanke durch den alten Kopf, daß Gottes Strafgericht dafür das jetzt

dem Untergang geweihte Haus betroffen habe.

Der Graf selber freilich brauchte fast keine Bedienung. Er verließ sein

Zimmer nur dann und wann, um eine halbe Stunde auf der Terrasse auf und

ab zu gehen und frische Luft zu schöpfen, fühlte sich aber so schwach,

daß ihn ein Diener dabei unterstützen mußte. Er sprach auch wohl immer

vom Reisen und befahl dem Haushofmeister drei-, viermal im Tage, die

Koffer zu packen und Alles herzurichten, aber der Ober-Medicinalrath,

der Morgens und Abends kam, schüttelte dazu mit dem Kopf.

Der Graf war unmittelbar nach den gehabten Aufregungen viel zu schwach,

um jetzt an eine Reise denken zu können. Er mußte sich jedenfalls erst

wieder, eine kurze Zeit wenigstens, erholen. In vier oder sechs Wochen

ließ sich eher darüber reden. Jetzt brauchte er vor allen Dingen

sorgsame Pflege und Ruhe.

Ruhe, Du großer Gott, Ruhe herrschte allerdings in dem Hause, aber die

Ruhe des Grabes, und wie schon Jeder die Stätte der Trauer von selber

mied, wurden selbst die wenigen Personen, die theilnehmend Trost spenden

wollten, abgewiesen.

Auch Graf Rottack war hinaufgefahren, um den Unglücklichen sein inniges

Beileid auszusprechen und vielleicht zugleich etwas Näheres über

Paula's jetzigen Aufenthalt zu erfahren, um die sich Helene sorgte und

abängstigte; aber weder Graf noch Gräfin nahmen einen Besuch an. Sie

ließen der Nachfrage danken, fühlten sich aber jetzt zu leidend, um

Fremde zu empfangen.

Rottack wandte sich sogar an den Haushofmeister, um von diesem etwas

über den gegenwärtigen Aufenthalt der Comtesse zu hören. Lieber Gott,

der alte Mann wußte selber nichts darüber und liebte seine Herrschaft

viel zu sehr, das von ihr weiter zu erzählen, daß sie mit eigenen Händen

die einzige Kunde ihres verlorenen Kindes vernichtet hätten -- und ein

weiterer Brief war doch nicht eingetroffen.

Graf Rottack mußte unverrichteter Sache wieder nach Haßburg

zurückkehren.

Empört war er aber hier, in dem sogenannten Stadtblatt einen ganz

gemeinen Artikel über die Verhältnisse des Monford'schen Hauses zu

lesen, auf welches Doctor Strohwisch eine specielle Malice zu haben

schien. Es ist wahr, der alte Graf hatte ihn früher nicht mit der

Hochachtung behandelt, die er glaubte als Vertreter der Presse

beanspruchen zu dürfen. Sein erster Besuch im Schlosse war allerdings

angenommen, aber nicht einmal durch eine abgegebene Karte erwidert

worden, sein zweiter schlug total fehl, und nicht eine einzige Einladung

war an ihn, trotz aller »Feste und Gelage«, wie er es nannte, ergangen.

Man hatte ihn vollständig ignorirt, und er konnte deshalb eine so

günstige Gelegenheit, sich zu rächen, nicht unbenutzt vorüber lassen.

Leider verfehlte er aber dadurch vollkommen den beabsichtigten Zweck,

denn die Familie Monford war in Haßburg wirklich beliebt gewesen. Die

alten Herrschaften galten allerdings für stolz, aber kein

Nothleidender hatte je ihre Thür unbeschenkt verlassen, alle Armen-

und Wohlthätigkeits-Anstalten der Stadt waren von ihnen stets auf das

Freigebigste bedacht worden, und der junge Graf und die Comtesse durch

ihre Liebenswürdigkeit und ihr offenes, freundliches Betragen gegen

Jeden, mit dem sie in Berührung kamen, allbeliebt in ganz Haßburg

gewesen. Das furchtbare Schicksal der Eltern bei so schwerem Verlust

trug dann ebenfalls noch dazu bei, alle Schatten in dem allerdings etwas

übermüthigen Charakter der Gräfin selber zu verwischen; was mußte ihr

Mutterherz jetzt empfinden. -- Desto unangenehmer wurden die Leser fast

ohne Ausnahme von der rücksichtslosen Schadenfreude berührt, mit welcher

ein Leitartikel des Blattes das Unglück dieses edlen Hauses besprach.

Einen unglücklicheren Moment hätte Strohwisch auch nicht wählen können,

wenn ihm wirklich ein Erfolg am Herzen lag, als in derselben Nummer

den Versuch zu machen, die Entrüstung des Publikums gegen die

Theaterdirection aufzurufen, die an diesem Abend die Keckheit haben

wollte, ihnen Herrn Horatius Rebe nochmals als _Fiesco_ aufzuzwingen,

dem er ein gänzliches _Fiasco_ prophezeite.

Das Blatt wurde Herrn Rebe unter Kreuzband in's Haus geschickt.

Jeremias hatte es ebenfalls gelesen, aber er ließ sich an dem ganzen Tag

nicht bei Pfeffers blicken, sondern lief in einer merkwürdigen und an

ihm sehr ungewöhnlichen Aufregung in der Stadt herum. Die Klagesache mit

Strohwisch konnte es auch nicht sein, denn die war schon abgemacht und

er dieses Mal mit einer nicht unbeträchtlichen Geldstrafe davongekommen.

Er tauchte auch oft in abgelegenen Straßen in kleine, ganz unansehnliche

Spelunken ein, mit deren Bewohnern er einige Zeit verkehrte, stieg in

_dem_ Hause in den dritten, in jenem in den vierten Stock hinauf, und

entwickelte überhaupt eine Thätigkeit, wie er sie vielleicht seit seinen

Dienstjahren in Brasilien nicht mehr gezeigt hatte.

Um zwölf Uhr suchte er dabei kein Hotel auf, um sich nach der

ungewohnten Anstrengung zu restauriren, sondern eine ganz gewöhnliche,

noch dazu außer dem Weg gelegene Bierkneipe und Schenkwirthschaft, wo

er sich ein Glas Bier und eine Portion Graupen und Rindfleisch, die

einzigen Gegenstände, die auf der Speisekarte standen, geben ließ.

Er hatte dort aber noch nicht lange gesessen -- und es war dabei

augenscheinlich, daß er Jemanden erwartete, denn er sah fortwährend nach

der Thür -- als Peters, der Theaterdiener, auf der Schwelle erschien,

ihm ziemlich vertraut zunickte, seinen alten Hut an einen Nagel hing und

sich dann, wie zu einem alten Bekannten, neben ihn setzte.

»Na, das ist gescheidt, Peters, daß Ihr kommt,« sagte Jeremias.

»Werde doch die Fütterung nicht versäumen,« bemerkte dieser, »wo sollte

nachher die Kraft und Ausdauer herkommen!«

»Und Alles in Ordnung?«

»Alles; aber ich sage Ihnen, Herr Stelzhammer, ich fühle meine Beine

nicht, und habe den letzten Groschen von dem Gelde ausgegeben!«

»Hier ist mehr,« nickte ihm Jeremias zu, indem er ihm eine

Zwanziggulden-Note in die Hand drückte, »wenn es die Leute nur

vernünftig anfangen, daß es nicht auffällig wird.«

»Na, da können Sie sich ganz auf mich verlassen, aber der Durst...«

»Kellner, zwei Glas Bier!«

»Darin, dächt' ich, hätt' ich einige Uebung,« fuhr Peters fort, und

wischte sich schon im voraus nach dem Bier den Mund, »Alles mit dem

gehörigen Avec und zur rechten Zeit!«

»Und wenn welche pfeifen?«

»Desto besser, die werden hinausgefuhrwerkt. Uebrigens habe ich mir noch

einen Hauptkerl für derlei Sachen -- ein außerordentlich nützliches

Mitglied, wie unser Director sagt, hier um zwölf Uhr herbestellt, weil

ich ihn nicht zu Hause traf.«

»So? kommt er?«

»Gewiß; es ist eine Art verdorbenes Genie, der Gelegenheitsgedichte

und dergleichen macht und eigentlich mit dem »Doctor« befreundet; aber,

lieber Gott, er hat immer Durst; Ihr Wohl, Herr Stelzhammer, und ein

paar Gulden mehr auf die eine Seite können da schon 'was ausrichten!«

»Sie wissen, Herr Peters, daß es mir auf ein paar Gulden nicht ankommt.«

»Sehr hübsch von Ihnen, Herr Stelzhammer,« bemerkte Peters, »wollte, ich

könnte dasselbe von mir sagen.«

»Wenn die Sache gut abläuft, soll es Ihr Schade gewiß nicht sein!«

»Was thut man nicht im Interesse der Direction,« bemerkte Peters

bescheiden, »und wenn uns der Rebe nur ein klein wenig hilft, und ich

bin fest überzeugt, er wird seine Sache gut machen, so -- aber da kommt

er,« stieß er plötzlich seinen Nachbar heimlich mit dem Ellbogen an.

»Das ist der Hauptmatador von Allen -- aber jetzt ruhig, daß er nichts

merkt. Lassen Sie mich nur machen.«

Der Eintretende war eine ganz auffallende Erscheinung, ein baumstarker

Mensch mit blonden Haaren und blauen, etwas verschwommenen Augen. Die

Nase dabei ein wenig geröthet, das Gesicht unrasirt, ging er, in einen

braunen, sehr abgetragenen Ueberrock, trotz der warmen Witterung, bis

oben hin eingeknöpft, so daß auch nicht die Spur von reiner Wäsche

sichtbar wurde. Den Hut hatte er dabei keck und zuversichtlich auf einem

Ohr sitzen und in der Hand trug er ein dickes spanisches Rohr.

Wie er in die Thür trat, warf er einen Blick in das noch sehr spärlich

besetzte Zimmer, bemerkte Peters, nickte ihm huldvoll zu, hing dann

ebenfalls seinen Hut an den Nagel und setzte sich, ohne Jeremias weiter

zu beachten, dem Theaterdiener gerade gegenüber.

»Wollen Sie mit essen?« fragte der etwas schmutzig aussehende Kellner

ohne viele Umstände, »Graupen und Rindfleisch!«

»Danke -- Glas Bier!« war die Antwort. »Nun, Peters, wie geht's? Was

treibt Ihr?«

»Haben Sie denn schon gegessen, Herr Walther?« fragte dieser.

»Ich? -- hm -- nein -- speise gewöhnlich später...«

»Na, aber dann zur Gesellschaft. -- Heh, Kellner, Couvert für den

Herrn!« rief Peters, der sich alle gesellschaftlichen Formen angeeignet

hatte. »Die Herren kennen sich wohl noch nicht? Herr Walther, eine

literarische Größe; Herr Stelzhammer, ein Kaufmann aus Brasilien!«

»Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte Herr Walther mit

einem völlig gleichgültigen Gesicht, indem er verlangend nach dem eben

gebrachten Bier hinüber sah, und auch drei Viertel des Glases auf einen

Zug leerte. »Was wollten Sie denn, Peters? Sie waren bei mir im Hause.

Ich hatte einige Besuche zu machen.«

»Sind Sie schon auf heut Abend engagirt, Herr Walther?« fragte Peters,

der weitere Umstände nicht für nöthig hielt.

Herr Walther nickte einfach, während er die für ihn bestellten

Speisen in Empfang nahm und trotzdem, daß er sonst später speiste, mit

außerordentlichem Erfolg zu bearbeiten begann.

»Alle Wetter,« rief Peters, »das wäre mir aber nicht lieb! Sie selber

würden viel dabei versäumen, Herr Walther, denn es liegt uns viel daran,

daß die Vorstellung heut Abend eine befriedigende ist!«

»So?« sagte Herr Walther.

»Aber vielleicht ließe es sich doch noch vereinigen.«

»Möchte wohl schwerlich gehen, Peters, -- ich werde pfeifen,« sagte der

Herr mit einer bodenlosen Ruhe.

Jeremias zuckte zusammen, Peters gab ihm aber unter dem Tisch einen Stoß

mit dem Fuß.

»Hm,« meinte er dann, als ob in der Antwort nicht das geringste

Außergewöhnliche gelegen hätte, »das ist dann freilich etwas Anderes.

Schade, aber wenn's nicht ist, ist es nicht -- Sie hätten indeß ein

schön Stück Geld verdienen können!«

»Bah,« sagte Herr Walther verächtlich, und kaute das nicht ganz zarte

Stück Rindfleisch, »was Ihr schön Stück Geld nennt -- frei Entrée und

einen halben Gulden Klopfgeld. Die andere Seite ist bequemer, dabei kann

ich die Hände in den Taschen behalten.«

»Ja, halben Gulden,« lachte Peters, »da wäret Ihr dieses Mal schön

angekommen -- mit halben Gulden wird sich nicht befaßt, aber, wie

gesagt, wenn's nicht ist, ist es nicht,« und dabei fiel er wieder über

das Rindfleisch her.

Herr Walther saß ihnen eine Zeit lang schweigend gegenüber und sein

Blick streifte dabei ein paar Mal Jeremias. Daß der mit darunter stak,

hatte er im Nu weg, und der Mann sah noch dazu aus, als ob er zahlen

könne. Er trank sein Bier aus.

»Kellner, unsere Gläser sind leer!« sagte Jeremias, und Peters nickte

bestätigend mit dem Kopf. Der Riese machte eine halbe Verbeugung gegen

den kleinen Mann, als Anerkennung seines Verdienstes um das öffentliche

Wohl, nahm aber das Gespräch nicht wieder auf und schien die Sache an

sich kommen zu lassen. Peters aber sagte auch nichts weiter, eine höchst

überflüssige Bemerkung ausgenommen, daß er heute einen entsetzlichen

Durst habe, und trank stark dabei.

»Kellner, unsere Gläser sind leer!« rief Jeremias wieder nach einer gar

nicht etwa so langen Pause.

»Bitte,« sagte dieses Mal Herr Walther, schob aber doch dem Kellner sein

geleertes Glas hin. Die Stille wurde ihm aber unheimlich -- mit Essen

waren sie fertig. Jeremias nahm seine Cigarrentasche heraus, zündete

sich eine Cigarre an und offerirte dieselbe dann dem Gegenübersitzenden

und Peters. Beide Herren acceptirten.

»Donnerwetter,« sagte Peters, »das ist 'was Feines -- allen Respect!«

»Ausgezeichnet,« bemerkte Herr Walther, und blies den Rauch mit

Kennermiene durch die Nase. Sein =vis-à-vis= stieg augenscheinlich in

seiner Achtung; Strohwisch rauchte nichtswürdige Cigarren.

Der kleine Jeremias war aber ein praktischer Geschäftsmann und fühlte,

daß jetzt die beiden würdigen Leute viel besser mit einander zu Stande

kommen würden, wenn er nicht dabei wäre. Seine Gegenwart störte mehr,

als daß sie half. Er stand auf und sagte: »Ach, lieber Herr Peters, Sie

entschuldigen mich wohl; ich habe noch in der Nachbarschaft etwas zu

thun und hole Sie in einer Viertelstunde wieder ab, berichtigt ist Alles

-- habe die Ehre« -- und dabei drückte er dem Theaterdiener noch einen

Zehngulden-Schein in die Hand, aber so, daß Herr Walther Zeuge der

Bewegung sein mußte. Dann machte er einen kleinen Spaziergang, und

zwar eine volle Viertelstunde. Als er aber wieder in die Schenke

zurückkehrte, fand er Peters allein vor, der mit freudestrahlendem

Gesicht hinter einem frischen Kruge Bier saß.

»Nun?«

»Alles in Ordnung,« lachte dieser, »Sie alter Menschenkenner Sie --

capital gemacht -- ausgeßeugnet. Mit Ihnen möchte ich öfter zu thun

haben. Donnerwetter, wenn ich da bedenke, wie zäh unser Alter ist!«

»Und er wird _nicht_ pfeifen?« sagte Jeremias.

»Das Unmögliche dürfen wir nicht verlangen,« erwiderte achselzuckend

Peters, »aber -- er läßt sich 'rausschmeißen, und damit haben wir Alles

gewonnen. -- Ja, Sie lachen,« fuhr Peters halb beleidigt fort, »aber

glauben Sie etwa, daß das eine Kleinigkeit ist? Wenn _der_ Stand halten

will, bringen ihn zwölf Menschen nicht hinaus, und zu großen Skandal

müssen wir vermeiden, sonst mischt sich doch die Polizei hinein. So aber

ist Alles in Ordnung. Pfeifen muß er, das sieht ein Kind ein; er hat das

Geld dafür schon genommen, aber er bleibt nahe an der Thür stehen,

dann fuhrwerken wir ihn wie der Wind hinaus, und damit ist der ganzen

Opposition die Spitze abgebrochen.«

»Und das kostet?«

»Ein Heidengeld -- fünfzehn Gulden; er wollte es aber nicht einen

Kreuzer billiger thun. Seine Ehre stände auf dem Spiel.«

»Gut,« lachte Jeremias vergnügt; »kommt nicht darauf an, und für die

Uebrigen stehen Sie?«

»Jetzt habe ich keine Sorge weiter,« rief Peters, »nun muß ich aber

fort. Donnerwetter, es ist schon ein Uhr vorbei, und ich kann nur die

Beine unter die Arme nehmen!«

»Haben Sie noch etwas getrunken?«

»Nur noch vier Glas -- das geht jetzt mit auf die große Rechnung --

also adieu, Herr Stelzhammer, bei Pompeji sehen wir uns wieder.« Und mit

einer eleganten Verbeugung schoß er aus dem Zimmer. --

»Fiesco oder die Verschwörung zu Genua. Fiesco, Graf von Lavagna -- Herr

Rebe« stand mit groß gedruckten Buchstaben auf den feuerrothen Zetteln,

die überall in der Stadt angeklebt waren und die Augen auf sich lenken

mußten.

Zugleich hatte sich aber -- wer weiß denn durch wen solche Sachen

bekannt werden -- das Gerücht verbreitet, Rebe würde heut Abend

ausgezischt werden, und wer nicht aus Theilnahme für das Stück und die

Darsteller hineinging, suchte sich ein Billet zu verschaffen, um den

Skandal mit anzusehen, so daß schon um vier Uhr an der Kasse sämmtliche

Plätze vergriffen waren.

Insofern hatte der Director also ganz richtig speculirt. Er bekam ein

ausverkauftes Haus, sogar das Orchester mußte geräumt werden, und im

Uebrigen war er nach keiner Seite hin gebunden; er konnte daß Resultat

ruhig mit ansehen.

Rebe selber erfuhr von allen den gegen und für ihn gespielten Intriguen

natürlich nichts, denn er hielt sich den ganzen Tag in seinem Zimmer

verschlossen, um seine Rolle noch einmal fleißig durchzugehen. Ein paar

Mal hörte er Schritte auf der Treppe, und es klopfte bei ihm an, aber

er gab keine Antwort; denn nur dem Theaterdiener hatte er ein bestimmtes

Anpochen gelehrt, wie er sich bemerklich machen sollte, wenn er

vielleicht irgend etwas von der Direction zu bestellen hätte. Aber

dieser kam nicht, und allen Anderen blieb die Thür verschlossen.

So kam die Theaterzeit heran, und schon eine Stunde vor Oeffnung der

Kasse drängte sich das Publikum der Gallerie und des Steh-Parterres vor

den verschiedenen Thüren des Eingangs, mit Ungeduld die Erschließung

derselben erwartend, und kaum geöffnet, füllten sich die Räume.

Die =haute volée= kam später, aber sie kam, denn Viele hatten an jenem

ersten Abend dem so plötzlichen Auftreten Rebe's nicht beiwohnen können,

und man war überhaupt neugierig geworden, wie sich ein junger Künstler,

den man bis jetzt gewohnt gewesen als Statisten zu betrachten,

entwickeln würde. Außerdem sollte er ja auch des vielbesprochenen Handor

Platz einnehmen. Wirkliches Interesse für ihn fühlten nur Wenige. Was

kümmerte sie der Schauspieler, sie wollten sich amüsiren, und wenn es im

Theater ein wenig Skandal gab, desto besser; welchen trefflichen

Unterhaltungsstoff hatte man dann wieder auf morgen! Daß die Existenz

eines jungen Talents auf dem Spiel stand -- wer dachte daran, oder

sorgte sich deshalb?

Wie die Vorstellung aber heranrückte, wurde dem Director doch nicht

wohl bei der Sache, denn durch seine Kundschafter hatte er schon lange

erfahren, was für den Abend beabsichtigt, und wer dabei betheiligt war.

Und wo stak Peters? Ob er des Menschen wohl habhaft werden konnte, der

wie ein losgelassener Irrwisch in der Stadt umherschoß! Aber was konnte

ihm Peters auch helfen?

»Was will gescheh'n, es mag gescheh'n!«

declamirte er mit Pathos vor sich hin und ging dann in's Theater und auf

die Bühne, um zu sehen, ob dort wenigstens Alles in Ordnung und keine

Störung zu befürchten wäre.

Den Schauspielern selber hatte die Stimmung im Publikum aber auch nicht

verborgen bleiben können, und sie wußten aus eigener Erfahrung, welch

böses Zeichen es ist, wenn schon im Voraus bei einem Stück Skandal

angekündigt wird. Es giebt immer eine Masse nutzloses Volk, das mehr

Freude daran, als an einer guten Aufführung findet, und zuletzt den

Skandal, wenn er wirklich nicht ausbrechen sollte, provocirt.

Sie Alle wußten aber nicht, wie des Doctors Strohwisch boshafter Artikel

durch den Aufsatz über die Monford'sche Familie völlig paralysirt

worden. Der bessere Theil des Publikums, und, Gott sei Dank, bei jedem

Publikum die Mehrzahl, war entschieden entrüstet darüber, und dadurch

auch fest entschlossen, seinen Beifall nicht zurückzuhalten, wenn ihn

der Schauspieler wirklich verdienen sollte. Was sich dann im Parterre

vorbereitete, mußte man eben abwarten.

Um sechs Uhr sollte die Vorstellung beginnen. Etwa eine halbe

Stunde vorher betrat Jeremias, ziemlich erschöpft von dem heutigen

ereignißvollen Tag, Graf Rottack's Wohnung und wurde von dem Diener, der

ihn rasch wiedererkannte, sogleich gemeldet.

Graf Rottack war allein im Zimmer, als Jeremias in einer Transpiration,

die nichts zu wünschen übrig ließ, dasselbe betrat.

»Nun, Jeremias, wie geht's?« redete ihn der junge Graf freundlich an.

»Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen. Was treiben Sie?«

»Was ich in meinem Leben nicht geglaubt hätte, Herr Graf,« sagte der

kleine Mann, sich den ganzen Kopf abtrocknend; »ich werbe Leute an, um

im Theater zu applaudiren.«

»Wollen Sie selber auftreten?« lachte Felix. »Dann stelle ich Ihnen

meine Hände ebenfalls zur Verfügung.«

»Danke Ihnen,« nickte Jeremias, »ich nehme sie an, wenn auch nicht für

mich selber. Aber ich bin Ihnen noch die Erzählung von meinem neulichen

Abenteuer schuldig, und wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten, denn

lange kann ich selber nicht...«

»Setzen Sie sich, Jeremias -- für Sie immer.«

Jeremias ließ sich nicht lange nöthigen und erzählte jetzt dem jungen

Grafen mit kurzen Worten zwar, aber immer dabei nur das Hauptsächlichste

hervorhebend, seine eigene kleine Familienangelegenheit, zu welcher

der Schauspieler Rebe und dessen neulicher Erfolg in engster Beziehung

stand; dann die Bosheit jenes Literaten und sein neuliches Begegnen

mit demselben, und jetzt dessen rachsüchtige Machinationen, um den ihm

verhaßten Menschen zu stürzen, und seine eigene Contremine dagegen.

Rottack, welcher der Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit

gelauscht, denn Handor's Flucht stand ja in der genauesten Beziehung

dazu, seufzte tief auf.

»Wie wunderbar das in der Welt ist,« sagte er, »daß Eines Glück des

Andern Elend birgt! Während durch jenes Menschen Flucht Ihr junger

Freund Lorbeern erntet und sich eine Existenz erringt, geht auf der

andern Seite darüber ein altes edles Haus zu Trümmern.«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte Jeremias achselzuckend, »wie manches edle

Haus wird auch mit dem Untergang vieler armen Familien aufgebaut! Wer

kann's ändern? Der Himmel helfe dem nur, den's trifft; wir Anderen

schwimmen indessen sachte weiter. Aber, Herr Graf, was ich Sie fragen

wollte: gehen Sie heut Abend in's Theater?«

»Ich hatte nicht die Absicht, Jeremias. Meine arme Helene fühlt sich

noch recht angegriffen, und ich selber bin, aufrichtig gestanden, gerade

nicht in der Stimmung, Komödie zu sehen.«

»Sollte mir sehr leid thun,« sagte Jeremias, »ich hatte fest auf Sie

gerechnet.«

»Auf mich?«

»Ja, und Ihnen auch schon ein Billet besorgt für den ersten Rang.«

»Für mich?« lachte Felix. »Aber, bester Jeremias, wenn ich das Theater

besuchen wollte, würde ich mir doch das selber besorgen.«

»Kriegen aber keins mehr,« rief Jeremias, »das ist ja gerade die

Geschichte, nicht um eine Million; Alles ausverkauft bis in die Puppen

hinauf.«

»So voll wird es?«

»Na, da kommen Sie schön an; die eine Hälfte von Haßburg sitzt drin und

die andere steht vor der Thür.«

»In der That? Und hat Ihr Rebe wirklich brav gespielt?«

»Das nicht allein, er ist auch ein ehrlicher, anständiger Kerl, der sich

auf so gemeine Kniffe nicht einläßt, und da...«

»Haben _Sie_ ihm das besorgt,« lächelte Felix.

»'s ist beinahe so 'was; aber thun Sie mir den Gefallen und gehen Sie,

's ist wahrhaftig ein gutes Werk!«

»Und ich soll auch applaudiren?«

»Was Sie können; ziehen Sie nur keine Glacéhandschuhe an, es flappt

besser.«

»Das ist nicht übel,« lachte Rottack gerade heraus; »da werben Sie mich

also mit einem Freibillet zum Claqueur?«

»Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber hauen Sie nur tüchtig ein,« rief der

kleine unverwüstliche Bursche; »ich wirke unten.«

Graf Rottack schüttelte den Kopf. »Gut, Jeremias,« sagte er endlich,

»ich will gehen.«

»Bravo! Der erste Rang ist die Hauptsache.«

»Aber ich habe eine Bedingung zu stellen.«

»Stellen Sie.«

»Sie sind mit vielen Leuten des Theaters bekannt?«

Jeremias nickte.

»Schön, so bitte ich Sie, genaue Nachforschungen zu halten, ob jener

Handor nicht wieder irgendwo aufgetaucht und wo er dann zu finden ist.«

»Der ist Ihnen wohl auch noch schuldig?« rief Jeremias. »Ja, der hat

Gott und die Welt angepumpt.«

»Das nicht,« lächelte Graf Rottack; »aber mir liegt sehr viel daran,

seinen jetzigen Aufenthaltsort zu erfahren, und ich würde Ihnen

unendlich dankbar sein, wenn Sie mir Auskunft darüber brächten.«

»Ja, was an mir liegt, mein lieber Herr Graf, da können Sie sich fest

darauf verlassen. Ich habe freilich noch nicht viel Bekannte, aber

Pfeffer kennt die ganze Theaterwelt von A bis Z, und was der Eine

da nicht weiß, weiß der Andere. Irgendwo muß er ja doch wieder zum

Vorschein kommen.«

»Also verlasse ich mich auf Sie.«

»Das können Sie, und wenn -- Hurrjeh, da schlägt's Sechs -- machen Sie,

daß Sie hinüberkommen!« Und wie der Blitz war er zur Thür hinaus.

Er hatte sich auch in der That nicht verhört; die Schloßuhr schlug

gerade noch, als er vor die Thür trat, und er lief jetzt mehr, als er

ging, dem Theater zu, um sich, dort angekommen, zu seinem Sperrsitz

durchzuarbeiten.

Das Orchester beendete eben sein Vorspiel, und Jeremias hatte gerade

noch Zeit, einen Blick im Theater selber umher zu werfen, wo Kopf an

Kopf dicht gedrängt saß, als der Vorhang aufging.

Fräulein Rottenhöfer als Leonore trat auf; aber sie spielte heut Abend

befangen, und kein Wunder, denn überall im Theater hatte sich schon das

Gerücht eines beabsichtigten Tumults kund gegeben, und die Schauspieler

selber konnten unmöglich unter diesem Eindruck ihre Ruhe bewahren.

Pfeffer, heute übrigens nicht beschäftigt, ging in Todesangst hinter der

Scene auf und ab und allen Menschen scheu aus dem Wege, und der Director

selber hatte sich in seine kleine, völlig versteckte Loge geflüchtet,

von wo er Alles übersehen und doch selber nicht gesehen werden konnte.

Jetzt kam die vierte Scene mit Julia und Fiesco, und im Parterre lachte

Jemand laut; aber Alles sah ihn an, es war zu früh und wurde Ruhe

geboten.

Rebe übertraf sich selber; mit voller Ruhe und edlem Anstand und zuletzt

mit glühender, hinreißender Leidenschaft spielte er die Scene durch.

Seine ganze Persönlichkeit paßte dabei vortrefflich zu dem Grafen

Lavagna; ein reiches, geschmackvolles Costüm hob sie noch mehr hervor,

und die Damen waren entzückt von ihm.

Im Parterre wurde jetzt hier und da leise mit einander geflüstert, aber

da bei seinem Abgang kein Zeichen des Beifalls gegeben wurde, unterblieb

auch jede Gegendemonstration.

Jeremias hatte indessen immer vom Parket aus nach dem ihm bekannten

Platz im ersten Rang hinaufgesehen, ob Graf Rottack noch nicht

erschienen wäre.

Jetzt trat Fiesco wieder auf, und in der nächsten Scene mit den drei

schwarzen Masken erschien auch Graf Rottack und nahm seinen Platz ein.

Auch diese Scene ging vorüber und die mit Bourgognino, und jetzt kam die

Hauptscene mit dem Mohren, den Höfken ganz vortrefflich gab. Aber auch

hier regte sich noch nichts. Es war ordentlich, als ob Alle, die Rebe's

Spiel befriedigte, gefürchtet hätten, durch irgend ein Beifallszeichen

den angedrohten Tumult hervorzurufen, und die Gegenpartei schien strenge

Ordre zu haben, nicht zu beginnen, weil sie sich dadurch leicht in

Nachtheil setzen konnte.

Der Vorhang fiel, Todtenstille herrschte im Hause, bis sich dieselbe in

ein lautes Flüstern auflöste. Jeremias war aufgestanden und hatte sich

umgedreht. Sein Blick fiel auf ein rothes, dickes Gesicht mit blonden

Haaren, das ihm lächelnd zunickte, -- das war richtig Herr Walther. Er

stand nicht weit von der Thür, und wie er weiter suchte, erkannte er

auch mitten im Parket, aber auf einer der letzten Bänke desselben, den

Doctor Strohwisch, der ihn hämisch und wie triumphirend belorgnettirte.

Jeremias lief die Galle über. War der Bursche seines Sieges so gewiß?

Aber der Vorhang ging wieder auf, und jetzt ließ sich die für Alle

unerträglich werdende Aufregung nicht länger zurückhalten.

Schon in Fiesco's erstem Auftreten mit dem Mohren sprach Rebe die Worte:

»Von einem Schurken das anzuhören!« so ganz vortrefflich, daß im ersten

Range Einige applaudirten, unter ihnen Rottack; im Parterre wurde darauf

an zwei, drei Orten gezischt, aber das konnte auch Ruhe bedeuten. Damit

aber hatte der Kampf begonnen, denn die vorhin ihren Beifall gezeigt,

ärgerten sich jetzt, daß sie Jemand daran verhindern wollte.

Das Flüstern steigerte sich während der folgenden Scenen, die Rebe ganz

vortrefflich gab, wozu Director Krüger hinter seinem Gitter fortwährend

beifällig mit dem Kopf nickte; und als er sich vom Mohren den Arm ritzen

ließ und mit dem Ausruf: »Mörder! Mörder! Besetzt die Wege, -- riegelt

die Pforten zu!« abstürzte, kam es zum Ausbruch.

Jetzt wurde nicht allein vom Parterre aus, sondern auch vom ersten und

zweiten Range lebhaft applaudirt, während an den verschiedensten Stellen

das Zischen die Bravos zu übertäuben suchte.

Leonore und Rosa traten rasch auf, konnten aber nicht zu Worte kommen

und zogen sich bestürzt zurück. Darüber wurde gelacht, und jetzt ertönte

der erste Pfiff, mit dem Herr Walther selber das Zeichen gab und der an

verschiedenen Seiten ein Echo fand.

»Da haben wir's,« stöhnte Krüger und sank in seinen Stuhl zurück; »oh,

dieser Strohwisch!«

Aber die Opposition war stärker, als die Pfeifer vermuthet hatten.

Im Parterre wurde eine Bewegung bemerkbar, und nach verschiedenen

Richtungen hin drängten sich Menschen, während Parket und erster Rang

plötzlich fest entschlossen schienen, ihren mit Recht gespendeten

Beifall nicht übertäuben zu lassen.

»Rebe heraus!« tönte es auf einmal an verschiedenen Stellen, und ein

gellendes Pfeifen antwortete, -- das war Strohwisch selber.

»Hinaus mit dem Lump!« rief Jeremias, der sich nicht mehr mäßigen, aber

auch nicht von seinem Platz konnte, wo er eingekeilt saß. Wieder pfiff

es rechts und links. Aber »Hinaus, hinaus mit den Kerlen! Rebe heraus!

Bravo, bravo!« tobte es jetzt von allen Seiten, und Herr Walther, der in

voller Gemüthsruhe unter einer Parketloge lehnte und laut vor sich hin

pfiff, als ob er sich ganz allein in einer einsamen Gegend befände, sah

sich plötzlich von zu ihm andrängenden Leuten gefaßt und fortgeschoben.

»Na, holla,« rief er, »was ist das? Ich habe meinen Platz bezahlt!«

Aber er leistete dabei nur geringen Widerstand, und Strohwisch, der

aufgesprungen war, beobachtete in ziemlicher Spannung die Entfernung

seiner Hauptstütze.

»Rebe heraus!« schrie es jetzt wieder von verschiedenen Seiten, und ein

schallender Applaus folgte.

Wieder Zischen und Pfeifen, aber schon bedeutend in der Minorität und

nur vereinzelt. »Rebe heraus!« schrie das Publikum, und links und

rechts wurden indessen einige räthselhafte Individuen aus dem Parterre

hinausgeworfen. »Rebe heraus!«

Krüger war auf die Bühne gesprungen. Rebe weigerte sich, hinaus zu

gehen, aber auf des Directors Bitten und Beschwörungen gab er endlich

nach und trat hinaus.

Stürmischer Applaus und ein einzelner gellender Pfiff dazwischen, den

der von Verzweiflung getriebene Recensent als letzten Versuch selber

ausgestoßen. Jetzt aber war die Geduld des Publikums auch erschöpft.

»Hinaus mit ihm!« schrieen die ihm Nächsten, während das übrige Publikum

nur so viel stärker applaudirte. Strohwisch wollte sich wehren --

umsonst; er klammerte sich an die Parketlehne -- umsonst. Kräftige Arme

hatten ihn gefaßt, und während Rebe unter rauschendem Applaus abging,

beförderte das Parterre mit einer merkwürdigen Geschwindigkeit und unter

dem noch fortwährend lebhaften Applaudiren des ersten Ranges und dem

Jubelgeschrei der Gallerie den unglücklichen Recensenten vor die Thür.

Jetzt hatte Rebe gesiegt. In der Scene mit dem Maler und nachher mit

den Verschworenen wurde er rauschend applaudirt, ohne daß die Opposition

auch nur einen Gegenlaut gewagt, nach dem Acte wie nach allen übrigen

Acten stürmisch, und zum Schlusse sogar, etwas Unerhörtes für Haßburg,

dreimal hervorgerufen.

Krüger umarmte ihn auf der Bühne vor allen übrigen Mitgliedern und bat

sich seinen Besuch auf morgen früh aus, und das Publikum ging mit dem

beruhigenden Gefühl nach Hause, seinen Willen durchgesetzt und sich

vortrefflich amüsirt zu haben.

Daß Rebe ein ausgezeichneter Schauspieler sei, darüber war von dem

Augenblick an nur Eine Stimme in Haßburg, und sein Triumph wurde

vollkommen, als am nächsten Morgen die Nachricht die Stadt durchlief,

daß der Eigenthümer des Stadtblattes Herrn Doctor Strohwisch die

Redaction des Feuilletons gekündigt habe.

Der boshafte Aufsatz über die Monford'sche Familie hatte ihm den Hals

gebrochen.

29.

Der Maulwurfsfänger.

In der Stadt Leben und Bewegung, lärmende Vergnügungen und fröhliches

Schaffen und Drängen -- draußen auf dem Monford'schen Stammsitz dumpfe

Schwüle und Grabesruhe.

Ja, die Sonne schien noch so warm und golden auf die schattigen

Waldungen und den sorgfältig gehaltenen Rasen nieder, die Blumen blühten

und dufteten wie vordem, der kleine Bergstrom rieselte rasch vorbei und

rauschte und plauderte, und die Nachtigallen sangen Abends ihr wunderbar

ergreifend Lied; aber still und geräuschlos glitten die Diener in

dem alten Schlosse umher, öffneten und schlossen die Thüren leise und

vorsichtig und sprachen nur flüsternd mit einander.

Der alte Graf hatte sich bis jetzt noch einigermaßen wohl gefühlt,

wenigstens jeden Tag seinen kurzen Spaziergang gemacht. Gestern Abend

aber, noch in später Stunde, war er plötzlich wieder, gerade als ihm der

Haushofmeister seinen Thee in's Zimmer brachte, vom Stuhle gefallen und

lag jetzt in dumpfem Hinbrüten in seinem Bette.

Der Ober-Medicinalrath war noch in der Nacht von Haßburg herausgeholt

worden und saß an dem Lager des Kranken. Das war keine Ohnmacht mehr

gewesen; der Tod hatte deutlich an des Lebens Pforte geklopft, und der

alte Arzt fühlte wieder und wieder den Puls des Kranken, stand dann auf,

ging in dem Zimmer auf und ab und setzte sich wieder am Bett nieder.

Die Gräfin kam nur selten in das Zimmer des Kranken, der allerdings

nicht bewußtlos, aber vollkommen theilnahmlos auf seinem Bette lag. Er

beantwortete auch keine der an ihn gerichteten Fragen, sah wohl nach der

Thür, wenn sich diese öffnete, starrte dann aber wieder halbe Stunden

lang zur Decke empor.

Des Ober-Medicinalraths Famulus war indessen von der Gärtnerwohnuug

herüber gekommen, um Bericht abzustatten und den Arzt zu bitten, sich

den Verwundeten dort oben selber einmal anzusehen. Es ging sehr schlecht

mit ihm, und er fürchtete, da eine Amputation an der Stelle unmöglich

war, das Schlimmste. Die Wunde nahm ungewöhnlich rasch einen bösartigen

Charakter an, da sich der Verwundete noch außerdem in heimlicher Weise

Branntwein verschafft und unmäßig davon getrunken hatte.

Der Ober-Medicinalrath schüttelte ungeduldig mit dem Kopf, versprach

aber im Laufe des Morgens hinüber zu kommen, und fragte, ob sich der

Geschossene nicht transportiren ließe.

Es war ganz unmöglich; bei der geringsten Bewegung schrie er laut auf.

Der alte Maulwurfsfänger befand sich wirklich in einer bösen Lage

und hatte die ganze Nacht ein heftiges Fieber gehabt. Erst mit der

Morgendämmerung ließ das etwas nach, und er fiel dann in einen unruhigen

Schlaf, aus dem er manchmal mit einem Schrei emporschreckte. Gegen

zehn Uhr wachte er auf und aß etwas Wassersuppe, aber er fühlte sich

todesmatt. Als ihm der junge Arzt nachher die Wunde verband, betrachtete

er sie selber auch kopfschüttelnd und sagte dann, indem er ihn fest

ansah:

»Hören Sie 'mal, Herr Doctor, die Ränder gefallen mir nicht; ich habe in

meinem Leben schon zu viel Derartiges gesehen. Das kommt mir beinahe vor

wie der Brand -- hm?«

»So weit ist's noch nicht,« beruhigte ihn Frank, »aber wenn Ihr noch

einen Tropfen Branntwein trinkt, steh' ich Euch für nichts.«

»Ja, jetzt hat's der Branntwein gethan,« nickte der Alte vor sich hin.

»Daß Ihr Doctoren doch immer genau wißt, woher es kommt, aber nie,

wohin es geht! Ich merke schon, wie die Geschichte ist, faul, überfaul,

und...« Er biß vor Schmerz die Zähne aufeinander und fiel, während der

Arzt die geöffnete Wunde wieder verband, auf sein Kissen zurück.

So lag er wohl eine halbe Stunde. Der Arzt war fortgegangen, und die

alte Wärterin, die ihn pflegen mußte, da man dem Kind im Hause das nicht

Alles überlassen konnte, war hinunter in die Küche gestiegen, um sich

ihr Mittagessen zu bereiten. In der Zeit mußte dann immer des alten

Jonas Enkelin bei ihm sitzen, um die Wärterin rufen zu können, wenn er

etwas verlangte, oder ihm selber vielleicht eine kleine Handreichung zu

thun.

Der Verwundete hatte eine Weile still gelegen Und auf seine Decke

niedergestarrt. Endlich sagte er leise:

»Bärbel!«

»Ja, Herr Fritz,« antwortete die Kleine, welche am Fenster stand und auf

die grünen Büsche hinausschaute, »wollt Ihr Wasser? Ich habe frisches

mit heraufgebracht.«

»Nein, Kind, jetzt nicht,« antwortete der alte Maulwurfsfänger; »aber

willst Du mir einen recht großen Dienst erweisen?«

»Ich darf Euch keinen Branntwein wieder bringen,« sagte die Kleine

erschreckt; »der Herr Doctor hat so mit mir gezankt.«

»Das sollst Du auch nicht, Kind,« lautete die matte Antwort; »den

letzten in diesem Leben werde ich wohl getrunken haben. Hast Du mir

nicht gesagt, daß Du jeden Tag zur Frau Gräfin hinaufgehst und ihr

Blumen bringst?«

»Ja, Herr Fritz, wenn die alte Rosie wieder zu Euch heraufkommt, gehe

ich gleich. Großvater hat sie schon abgepflückt -- immer Mittags.«

»Und siehst Du die Gräfin selber?«

»Ja, jedesmal; ich gehe immer gleich zu ihr in's Zimmer -- ich darf.«

»Willst Du mir einen Gefallen thun?«

»Recht gern, wenn ich kann.«

Der alte Maulwurfsfänger schwieg, zog aber von dem kleinen Finger der

linken Hand einen schmalen Goldreif mit einem kleinen grünen Stein

herunter. Vor acht Tagen noch war der Ring in's Fleisch gewachsen

gewesen, daß man ihn fast gar nicht mehr sehen konnte; jetzt fiel er

fast von selber ab.

»Willst Du mir auch versprechen, Bärbele, daß Du keinem Menschen etwas

von dem, was ich Dir jetzt sage, erzählst?«

»Es ist doch nichts Böses?« fragte das Kind erschreckt.

»Nein, Bärbele, nichts Böses, im Gegentheil, vielleicht macht es mich

wieder gesund. Aber höre, Kind; den Ring hier -- verlier ihn mir ja

nicht -- den Ring nimmst Du mit hinauf zur Frau Gräfin, und wenn Du ihr

die Blumen bringst, gieb ihr den Ring und sag' ihr, hier bei Euch im

Hause liege Jemand krank und wünschte sie noch einmal zu sprechen.«

»Aber die Frau Gräfin soll doch nicht zu Euch herüberkommen?« sagte das

Kind bestürzt; »das thut sie gewiß nicht.«

»Gieb ihr nur den Ring, Herz,« bat der Maulwurfsfänger, »und richte aus,

was ich Dir gesagt habe, weiter nichts. Willst Du das thun?«

»Gewiß; das ist nichts Böses.«

»Und Du sprichst mit keinem Menschen darüber?«

»Ich will's Keinem sagen, ich verspreche es Euch, und was man

verspricht, muß man halten, meinte die Mutter selig immer.«

»Ich danke Dir, Bärbel; ich werd's Dir auch gedenken. Geh jetzt mit

Deinen Blumen, je früher Du hinauf auf's Schloß kommst, desto besser;

denn -- wer weiß, wie lange es noch mit mir dauert.«

»Aber ich kann doch jetzt nicht fort, bis die Rosie wieder heraufkommt.«

»Geh nur, Kind, ich brauche jetzt nichts; ich schlafe so lange, und da

ist's besser, wenn ich Ruhe habe.«

Die Kleine zögerte einen Augenblick. Es war ihr nicht recht, daß sie

ihre Pflicht versäumen solle -- aber der Kranke bat sie so sehr.

»Ich will der Rosie sagen, daß sie dann und wann einmal heraufguckt,

und der Großvater muß auch gleich heimkommen,« nickte sie, band den Ring

dann in ihr kleines Taschentuch, daß sie ihn ja nicht verlor, und stieg

die Treppe hinab, um den Auftrag auszuführen. --

In ihrem Zimmer am offenen Fenster stand die Gräfin Monford in Trauer

gekleidet und sah gedankenvoll auf das freundliche Landschaftsbild

hinaus, das sich, jetzt freilich unbeachtet, unbewundert, vor ihr

entfaltete. Aber wie auch ihr Herz gebrochen sein mochte, ihr Stolz war

es nicht, ja, es schien weit eher, als ob er sich durch die furchtbaren

Verluste, die sie erlitten, noch mehr gehärtet, noch unzugänglicher

diese Brust einem wärmeren Gefühl gemacht habe.

Während ihres Gatten Krankheit waren noch zwei Briefe an diesen

eingelaufen, und zwar von Handor selber an den Grafen adressirt, doch

ohne nur einen Aufenthaltsort anzugeben, und so frech und unverschämt

nur Geld, große Summen für sich fordernd, ja, sogar mit Drohungen im

Falle der Weigerung gefüllt, daß die Gräfin sie im auflodernden Zorn

zerstörte. Und _dieses_ Menschen wegen hatte die eigene Tochter ihre

Eltern verlassen!

Kein Schmerz lag auch jetzt in den Zügen der finstern Frau; das war

Trotz allein, starrer, unbeugsamer Trotz dem Schicksal gegenüber,

und während ihr thränenloses Auge unter den zusammengezogenen Brauen

hervorblitzte, ballte sich unwillkürlich die weiße, mit Ringen bedeckte

Hand, als ob sie einem Feind begegne -- und doch stand ihr kein Feind

gegenüber; nur in der eigenen Brust wohnte er, und klopfte und bohrte

und mußte gewaltsam niedergehalten werden.

Ueber den Gartenplatz kam die kleine Bärbel mit ihren Blumen, sah die

Gräfin am Fenster stehen und machte ihren Knix. Aber die Gräfin bemerkte

sie gar nicht, wenn auch ihr Blick sie streifte, bis das Kind endlich,

das von der Dienerschaft immer unbelästigt hinaufgelassen wurde, draußen

schüchtern anklopfte.

Niemand antwortete; Bärbel klopfte noch einmal, und da noch immer keine

Antwort erfolgte, öffnete sie die Thür. Es war schon oft vorgekommen,

daß sich die Frau Gräfin nicht in ihrem Zimmer befand; dann ging sie

doch hinein und legte ihr die Blumen auf den Tisch. Heut aber mußte sie

ja drin sein, Bärbel hatte sie selber am Fenster gesehen. Wie sich die

Thür öffnete, drehte sich die Gräfin um und erblickte das Kind; Bärbel

war ihr Pathchen, und sie hatte die Kleine immer gern gehabt.

»Grüß Gott, Frau Gräfin!« sagte das Kind mit einem tiefen Knix, indem

sie ihr den Strauß entgegenhielt; »hier bring' ich die Blumen.«

»Ich danke Dir, Bärbel; leg' sie nur auf den Tisch, ich werde sie selber

in die Vase stellen.«

Die Kleine gehorchte und blieb dann zögernd stehen.

»Willst Du noch etwas, Bärbel?«

Bärbel drehte das Tuch verlegen in der Hand herum und knüpfte dann den

Ring heraus. »Ja, Frau Gräfin,« flüsterte sie; »bei uns liegt der arme

Mensch krank, der Maulwurfsfänger...«

»Ja, ich weiß, er ist vom Förster geschossen.«

»Ja, sehr, und da -- da hat er mich heute gebeten...«

»Nun, um was, Bärbel? Braucht er etwas?«

»Nein, Frau Gräfin,« sagte die Kleine ängstlich, denn es kam ihr jetzt

gar so entsetzlich vor, daß sie bestellen sollte, der alte, schmutzige

Maulwurfsfänger wolle die Frau Gräfin sprechen; »nein, er hat Alles und

die alte Rosie pflegt ihn.«

»Und was will er sonst? Was hast Du da, Bärbel?«

»Den Ring hat er mir gegeben,« sagte das Kind, jetzt gewaltsam Muth

fassend, denn es hatte ja versprochen den Auftrag auszurichten; »ich --

ich sollte ihn Euch bringen, Frau Gräfin.«

»Mir?« rief die Gräfin erstaunt. »Von wem?«

»Von dem alten Fritz, und er möchte -- er meinte, er -- er wäre recht

krank -- und er möchte die Frau Gräfin gern sprechen.« Das Kind seufzte

recht aus voller Brust auf -- jetzt war's heraus.

Die Gräfin schüttelte noch immer erstaunt mit dem Kopf; es mußte da

jedenfalls ein Irrthum obwalten, und die Kleine hatte irgend einen

Auftrag verkehrt ausgerichtet. »Und zu _mir_ solltest Du den Ring

bringen?«

»Ja, zu Euch, Frau Gräfin, und ihn Euch selber in die Hand geben.«

Die Gräfin streckte den Arm aus, und das Kind reichte ihr den kleinen

Goldreif, den sie mit zwei Fingern nahm und gleichgültig einen Moment

betrachtete; aber plötzlich wurde ihr Blick stier und haftete wie

entsetzt auf dem einfachen Schmuck.

»Wer gab Dir den Ring, Bärbel?« fragte sie und faßte des Kindes

Schulter. »Wer? Wo kommt er her?«

»Ach, Frau Gräfin, ich kann ja nichts dafür!« bat die erschreckte

Kleine; »der kranke Mann gab ihn mir.«

»Der Geschossene?«

»Ja, Frau Gräfin.«

»Und wie heißt er?«

»Ja, das weiß ich nicht,« sagte Bärbel, immer schüchterner werdend;

»Fritz heißt er, den alten Fritz nennen sie ihn im Dorfe.«

»Wo hat er den Ring her?« fragte die Gräfin, aber mehr mit sich selber,

als mit dem Kinde sprechend.

»Ja, das kann ich Euch auch nicht sagen,« rief die Kleine, immer

ängstlicher werdend. »Er wird ihn doch nicht gestohlen haben? Ich sollte

keinem Menschen etwas davon erzählen; aber ich kann ja wahrhaftig nichts

dafür!«

»Nein, Bärbel, beruhige Dich,« sagte die Gräfin, sich gewaltsam fassend,

»ich weiß, Du kannst nichts dafür; Du bist ein gutes Kind und hast nur

Deinen Auftrag ausgerichtet. Also ist der Mann wirklich so krank und

kann nicht ausgehen?«

»Ach Du lieber Gott,« sagte die Kleine, »nicht einmal tragen können

sie ihn; sehr krank ist er. Aber er wird den Ring doch nicht gestohlen

haben?«

»Nein, Kind, ich glaube nicht; ich -- ich werde ihn selber darum fragen

-- vielleicht hat er ihn gefunden.«

»Und er gehört Euch?«

»Ja, Bärbel. Aber nun geh wieder nach Hause. Sag' ihm, wenn ich heute

spazieren ginge, würde ich bei Euch einmal vorkommen und, wenn er so

sehr krank ist, sehen, ob sich etwas für ihn thun läßt.«

Bärbel knixte. Es war fast, als ob sie noch etwas sagen wollte; aber sie

brachte nichts mehr heraus und schien auch froh, wieder fort zu kommen,

denn die Sache mit dem Ring ging ihr doch noch immer im kleinen Kopf

herum.

In einer merkwürdigen Unruhe aber verließ sie die Gräfin, denn kaum

hatte sie die Thür hinter sich zugezogen, als sich diese in einen

Fauteuil warf und, ihr Antlitz mit den Händen deckend, eine lange Weile

regungslos sitzen blieb; dann sprang sie auf und betrachtete wieder den

Ring -- war es, daß ein Zweifel in ihr aufstieg, ob es der rechte sei?

Sie hielt ihn gegen das Licht und prüfte ihn genau, und ging dann,

während sie ihn an ihren Finger schob, mit unruhigen Schritten in dem

Gemach auf und ab. Plötzlich, wie zu einem Entschluß gekommen, blieb sie

am Tisch stehen und klingelte.

»Der Haushofmeister soll hereinkommen.«

Der Diener schloß die Thür wieder, und nach einer Weile kam der alte

Mann und fragte, was die Gräfin befehle.

»Hußmann,« sagte die Frau, welche indessen ihre ganze eiserne Ruhe

wiedergewonnen hatte, »was für ein Mensch ist das eigentlich, den in

jener Nacht der Förster geschossen hat? Wo kommt er her und wie lange

ist er schon da?«

»Ja, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann achselzuckend, »viel Genaues bin

ich auch nicht im Stande, Ihnen darüber zu sagen. Ich weiß nicht einmal

seinen vollen Namen, denn hier auf dem Schlosse wurde er nur immer Fritz

oder, wie ihn die Leute nannten, der alte Fritz, geheißen, der sich, wie

alle derartigen Subjecte, im Lande herumtreibt und dort eine Zeit lang

bleibt, wo er Beschäftigung findet.«

»Und wie lange ist er hier?«

»Es mögen jetzt drei oder vier Jahre sein, daß er in die Gegend kam, ich

weiß es wirklich selber nicht einmal mehr genau; es war das Jahr, wo die

Maulwürfe so überhand genommen hatten, und in deren Vertilgung zeigte er

sich außerordentlich geschickt. Nachher war er einmal wieder von Zeit zu

Zeit fünf bis sechs Monate verschwunden, dann kam er wieder. Jetzt mag

er auf's Neue seit etwa zwei Monaten in der Gegend sein, und der Förster

hatte ihn schon lange in Verdacht, daß er nicht blos den Maulwürfen und

anderem Ungeziefer nachstellte; er war aber zu schlau, als daß er ihn

erwischen konnte, und nur in -- in jener Nacht mochte er sich vielleicht

sicherer fühlen als sonst, und hatte wohl nicht geglaubt, daß der

Förster auf seinem Posten wäre.«

»Und hat er sich zu Zeiten im Schlosse selber gezeigt?«

»Nie, Frau Gräfin. Es ist eigentlich ein sonderbarer Kauz; mit den

Bedienten hat er nie verkehrt, und die haben ihn auch deshalb immer

verspottet, daß er stolz wäre. Es scheint ein heruntergekommenes

Subject, das vielleicht einmal bessere Tage gesehen hat. In der letzten

Zeit fing er aber auch an, sich dem Trunk zu ergeben, und das muß ihn

jetzt besonders so krank gemacht haben. Ich fragte vorhin den Doctor; er

wird's nicht lange mehr machen. Der Brand ist zu der Wunde gekommen,

und da sich das Bein nicht amputiren läßt, wird er wohl seinen letzten

Jagdfrevel verübt haben. Mir thut's leid um den Förster, der kommt

dadurch gewiß in Ungelegenheit, und hat sich doch nur seines eigenen

Lebens gewehrt. Außerdem macht er sich ein Gewissen daraus den armen

Menschen so schwer getroffen zu haben.«

Die Gräfin stand am Fenster und sah gedankenvoll hinaus. Der

Haushofmeister blieb an der Thür. Sie hatte ganz vergessen, daß er im

Zimmer war. Nach einer Weile fragte er endlich: »Befehlen Sie sonst noch

etwas, Frau Gräfin?«

»Ich? -- Nein -- ja so -- es ist gut, Hußmann; ich danke Euch!« Und der

alte Diener verließ geräuschlos das Gemach.

Oben im kleinen Gärtnerhäuschen ging es mit dem Kranken recht schlecht.

Der Ober-Medicinalrath war dort gewesen, hatte sich die Wunde angesehen

und Alles, was bis jetzt dafür geschehen war, gutgeheißen. Aber es

stellte sich schon wieder ein Fieber ein. Der Verwundete schien von

einer merkwürdigen Unruhe erfaßt zu sein und klagte auch über Schmerzen

im Körper, über ein krampfhaftes Gefühl in der Herzgegend. Der

Ober-Medicinalrath verordnete Ruhe und Eisumschläge und als einzige

Nahrung eine dünne Wassersuppe; dann nahm er Hut und Stock und verließ

den Patienten.

Bärbel war zurückgekommen und zum Kranken hinauf gegangen; aber die alte

Rosie saß noch im Zimmer, und sie wußte nicht, ob sie in deren Gegenwart

etwas von dem Ring und der Frau Gräfin erwähnen durfte. Aber der Kranke

kam ihr zu Hülfe.

»Rosie,« sagte er, »gebt mir doch einen Trunk frisches Wasser. Nein,

nicht von dem,« fuhr er fort, als die Alte ihm aus dem Kruge einschenken

wollte, »das steht schon so lange im Zimmer; bitte, holt mir frisches,

gleich vom Brunnen.«

»Geh, spring einmal hinunter, Bärbel, und hol' frisch Wasser,« sagte die

Alte; »Du hast junge Beine.«

»Nein, geht Ihr nur selber; die Bärbel soll mir indessen das Eis wieder

auflegen, sie versteht's so gut.«

»Na, ich dächte, ich hätt's auch immer geschickt gemacht.«

»Ja, Rosie; aber bitte, laßt's jetzt einmal die Bärbel thun!«

»Na, meinetwegen; mir kann's recht sein.«

Die alte Person war ein wenig in ihrer Ehre gekränkt, aber sie nahm den

Krug auf und humpelte damit, immer vor sich hin murmelnd, die Treppe

hinab.

»Nun, Bärbel, hast Du's ausgerichtet?«

»Ja; ich hab's Euch ja versprochen.«

»Gutes Kind; und ihr selber gegeben?«

»Ja.«

»Und was sagte sie?«

»Sie wunderte sich, wie Ihr zu dem Ringe kämt. Habt Ihr ihn gefunden,

Maulwurfsfänger?«

»Ja, Kind, ich hab' ihn gefunden im Park draußen. Und wird sie kommen?

Sagte sie es Dir?«

»Sie will vorkommen, wenn sie spazieren geht, und sehen, ob es Euch an

'was fehlt.«

Der Kranke athmete tief auf.

»Bärbel!«

»Ja, wollt Ihr 'was?«

»Da unten an dem Bettpfosten hängt meine Weste; geh einmal hin, Kind.«

»Wollt Ihr sie haben?«

»Nein; in der linken Tasche steckt ein blanker Thaler. Hast Du ihn

gefunden?«

»Ja, da ist er.«

»Behalt ihn, Bärbel, den sollst _Du_ haben.«

»Den ganzen Thaler?«

»Thu' ihn in Deine Sparbüchse, Kind.«

»Aber darf ich denn das viele Geld behalten? Großvater zankt gewiß.«

»Behalt es mir zum Andenken, ich kann Dir ja doch sonst nichts geben,

und Du hast mich so oft gepflegt.«

»Aber das muß ich dem Großvater sagen, heimlich darf ich ihn nicht

behalten.«

»Sag's nur dem Großvater, Kind, er wird Dir's erlauben. So, und nun leg'

mir das Eis auf; die Rosie wird gleich wiederkommen. Oh Gott, wie das

feuert und klopft! Du wirst's nicht mehr oft zu thun brauchen, Bärbel.«

Es war fast, als ob das viele Sprechen oder auch vielleicht die gerade

von dem Arzte verbotene Aufregung ihn übermäßig angegriffen habe. Er

schloß die Augen, war sehr blaß geworden und lag still und regunglos auf

seinem Bett.

Die Rosie wollte ihm das verlangte Wasser geben; aber er antwortete

ihr gar nicht, und Bärbel selber schlich sich leise hinunter, um den

Großvater im Park aufzusuchen und ihm das Geschenk zu zeigen.

Etwa nach einer Stunde öffnete der Kranke die Augen wieder und sah sich

verstört um. Nur die Rosie war bei ihm im Zimmer.

Ob er 'was haben wollte? Nein; er schien unruhig, aber die alte Frau

auch keine Person, gegen die er sich aussprechen konnte. Er schüttelte

mit dem Kopf und horchte nur immer hoch auf, wenn sich unten im Hause

etwas regte. Immer heftiger wurde dabei sein Fieber, und das vorher so

bleiche Gesicht flammte jetzt ordentlich in wilder Gluth.

Die Rosie war wieder einmal hinunter gegangen, um etwas zu besorgen,

als sie plötzlich rasch die Treppe heraufkam und mit ängstlicher Stimme

sagte:

»Herr Du meine Güte, die gnädigste Frau Gräfin ist selber unten und will

heraufkommen -- die Ehre! Und wie's hier aussieht -- na, die wird schön

schauen! Aber wer hat daran auch gedacht?« Und dabei schob sie hastig

Alles aus dem Wege, was sich eben nicht gut zeigen ließ, und wischte

noch mit ihrer Schürze den einen dem Bett gegenüber stehenden Stuhl ab,

auf dem sie gewöhnlich saß, als die Thür schon aufging und die hohe,

stattliche Gestalt der Gräfin auf der Schwelle stand.

Das kleine Gemach hatte vielleicht noch nie so ärmlich ausgesehen, als

in dem Augenblick, wo die elegante Gestalt der Dame in ihrem schwarzen

rauschenden Seidenkleide darin erschien, und der ängstliche, scheue

Blick, den sie darin umherwarf, zeigte, daß sie das fühlte. Aber im

nächsten Moment haftete ihr Auge schon fragend und forschend auf dem

Antlitz des Kranken, der, als er ihren Schritt auf der Treppe hörte,

unwillkürlich emporgezuckt war, vom Schmerz gebannt aber in seine alte

Lage zurücksank und finster die Zähne zusammengebissen auf seine Decke

niederstarrte.

Ganz versteinert über die »hohe Ehre« stand indessen die Rosie in der

Ecke und knixte nur einmal nach dem andern, um dem vornehmen Besuch ihre

Ehrfurcht zu erweisen.

Aber die Gräfin, deren Blick nur über sie hinglitt, sagte leise: »Geh'n

Sie hinunter, gute Frau, ich habe mit dem Kranken etwas zu sprechen.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

»Und kommen Sie nicht eher wieder herauf, bis ich Sie selber rufe.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

Die Alte war seelenfroh, da oben weg zu kommen, und wie ihr die Gräfin

nur so viel Raum an der Thür ließ, daß sie hindurch konnte, ohne auf ihr

Kleid zu treten, schoß sie die Treppe hinab.

Die Gräfin war mit dem Maulwurfsfänger allein; aber noch immer sprach

sie kein Wort, noch immer haftete ihr Blick wie fragend und ungewiß auf

den eingefallenen Zügen des vor ihr Liegenden, und erst als dieser keine

Miene machte, sie anzureden, und nur wie krampfhaft in die Decke griff,

sagte sie leise:

»Sie haben mich zu sprechen verlangt. Was kann ich für Sie thun?«

Der Maulwurfsfänger drehte langsam den Kopf nach ihr um, denn selbst

diese Bewegung that ihm weh; dann aber flüsterte er, daß die Worte kaum

zu dem Ohr der Gräfin drangen und trotzdem wie mit einem Schlage das

Blut aus ihren Wangen jagten:

»Also hast Du den Ring wiedererkannt, Ottilie? Bist Du wirklich

gekommen, um mir Lebewohl zu sagen?«

»Heiliger, allmächtiger Gott!« stöhnte die Gräfin und faßte ihr Herz

mit beiden Händen, als ob sie es festhalten wolle in der Brust. »Wäre es

denn möglich -- wäre es wahr...?«

»Es ist wahr, Frau Gräfin,« sagte der Alte, indem ein bitteres

Lächeln um seine Lippen spielte, »die Jammergestalt hier auf dem Bett,

zerschossen und von Krankheit und Alter gebrochen, eigentlich auch schon

halb verfault, mit dem schleichenden Tod in den Gliedern, ist Alles,

was von dem einst so lebenslustigen und gefeierten Friedrich von Sitrop

übrig geblieben. Wenig, nicht wahr? Verdammt wenig -- und das Wenige

selbst verstümmelt und mißhandelt!«

Die Frau stand, das Gesicht in den Händen bergend, mitten in der Stube;

kein Laut kam über ihre Lippen, aber die ganze Gestalt zitterte und

bebte, und des Alten Blick haftete fast wehmüthig und mitleidsvoll an

ihr. Endlich fuhr er leise fort: »Setz' Dich, Ottilie -- etwas näher zu

mir; ich kann nicht so laut sprechen und fühle, daß ich auch nicht mehr

lange sprechen werde. Ich weiß Alles, was Du fragen möchtest, ich will

Dir Alles mit wenigen Worten sagen. Aber dann -- mußt Du mir auch Eine

Frage beantworten -- nur eine einzige Frage, die mir lange Jahre am

Leben gefressen hat und die ich -- noch vor meinem Tode gelöst haben

möchte. Setz' Dich, die Zeit vergeht und die Secunden fangen an kostbar

zu werden.«

Die Gräfin machte eine Bewegung gegen das Bett, und der Spitz, der bis

jetzt nur leise und fast unhörbar geknurrt hatte, schlug laut an. Der

Maulwurfsfänger pfiff leise durch die Zähne und sagte dann: »Ruhig,

Spitz, es ist vorbei; Du wirst jetzt abgelöst von Deinem Posten. Sei

ruhig, mein Hund, ich bin's ja auch; hörst Du?«

Das kleine treue Thier knurrte zwar noch leise, aber es kauerte sich

wieder unter dem Bett zusammen und winselte nur noch ein wenig, als die

Gräfin fast mechanisch nach dem Stuhl griff und sich darauf niederließ.

Dann lag er ganz still, schob die Schnauze wieder in seine langen

Haare und blieb regungslos liegen, hielt aber immer noch die kleinen

blitzenden, schwarzen Augen mißtrauisch auf das Kleid des fremdartigen

Besuchs geheftet.

Auch der Kranke schien sich erst von der ungewohnten Anstrengung des

Redens zu erholen; dann fuhr er langsam fort:

»Die Geschichte ist sehr kurz. Mein Vermögen brachte ich durch -- im

Spiel; arbeiten konnte und wollte ich nicht; in Frankreich, wohin ich

flüchtete, fälschte ich einen Wechsel, um Geld zu bekommen, und wurde

eingekerkert. Ich saß lange Jahre und kehrte, endlich freigelassen, nach

Deutschland zurück; aber den Baron hatte ich im französischen Gefängniß

oder vielmehr schon vor dessen Thür gelassen, leben mußte ich, Geld

hatte ich keins, -- das Einzige, was ich verstand, war das Spiel und die

Jagd; Croupier mocht' ich nicht werden, so tief war ich doch noch

nicht gesunken, zum Förster wollte mich Niemand, da« -- ein bitteres,

höhnisches Lächeln zuckte um die Lippen des Kranken -- »benutzte

ich eine frühere Passion von mir, das Fallenstellen, und -- wurde

Maulwurfsfänger. Sechs Jahre wanderte ich so in Deutschland umher, mich

den Henker mehr um die übrige Welt scherend, bis es mir keine Ruhe mehr

ließ, den Ort wieder aufzusuchen, wo...«

Er schwieg plötzlich; Todtenstille herrschte in dem kleinen Raum,

nur das schwere Athmen der Frau unterbrach die Stille oder machte sie

vielmehr noch unheimlicher.

»Das ist eigentlich Alles,« sagte der Kranke nach einer Pause. »Du

kanntest mich nicht wieder; hübscher war ich auch nicht geworden, und

mir machte es Spaß, so incognito gerade mit _diesem_ Platz zu verkehren.

Da begegnete ich neulich im Park einer jungen fremden Frau -- wie ein

Messer stach mir deren Anblick durch's Herz, -- es war, als ob die

langen Jahre zurück, statt vorwärts gegangen wären, und Du, Ottilie, wie

ich Dich in all' Deiner Schönheit und Jugend gesehen, standest wieder

vor mir, wie vor einem Vierteljahrhundert an derselben Stelle.«

Die Gräfin war aufmerksam geworden; ihre Hände sanken langsam in ihren

Schooß, und das große Auge haftete fragend auf dem Sprechenden.

»Ich erfragte den Namen,« fuhr dieser endlich leise fort, »er klang mir

fremd -- Rottack -- ich hatte ihn nie gehört.«

»Rottack?« hauchte die Frau.

Der Maulwurfsfänger nickte, und sein Blick hing forschend an ihren

Zügen; aber er bekam keine Antwort. Angst und Schmerz lagen in ihrem

Antlitz, aber die Lippen blieben unbewegt.

»Rottack,« wiederholte er endlich, »Helene Rottack. Aber Du mußt reden,

Ottilie,« fuhr er heftiger fort, »die Zeit verfliegt, meine Pulsschläge

sind gezählt, Du mußt meine Frage beantworten!«

»Und welche Frage ist das?«, hauchte die Frau, die sich dem alten,

kranken Manne vollkommen willenlos gegenüber befand.

»Was ist aus dem Kind geworden?« sagte der Alte leise. »Als der Graf

aus Westindien zurückkehrte, konnte ich Dir nicht wieder nahen, denn

ich wußte, daß er mich haßte. Bald darauf mußte ich selber flüchten,

schreiben durfte ich nicht -- was ist aus dem Kind geworden, Ottilie?«

Die Frau barg ihr Gesicht wieder in den Händen, aber sie antwortete

nicht, und fast mitleidig ruhte der Blick des Kranken auf ihr.

»Fürchte nichts,« sagte er endlich leise, »ich weiß, welches furchtbare

Unglück Dich in der letzten Zeit betroffen hat. Ich hätte es vielleicht

verhindern können,« setzte er düster hinzu. »Aengstige Dich nicht, daß

diese Lippen, die so lange geschwiegen, jetzt plaudern könnten; ein

Sterbender spricht zu Dir -- was ist aus dem Kind geworden?«

»Es lebt!« hauchte die Gräfin.

»Es lebt?« rief der Kranke. »Und -- und heißt Helene?«

Die Gräfin antwortete nicht, aber ohne zu ihm aufzusehen, neigte sie

leise das Haupt.

»Gott sei Dank!« stöhnte der Mann. »Aber -- mir wird auf einmal so

wunderbar schwach zu Sinn -- es flackert mir vor den Augen. Gieb mir

Deine Hand, Ottilie -- laß uns versöhnt scheiden -- so, das ist lieb von

Dir -- Gott segne Dich -- so -- und nun geh -- Du darfst nicht länger

hier bleiben. Schick' mir die Rosie herauf -- die Alte oder die Bärbel,

wenn sie unten ist. Oh, mein Gott, wie das brennt -- das Eis ist

fortgeschmolzen und zu glühend heißem Blei geworden...«

Die Gräfin hatte ihm die Hand gereicht; sie war aufgestanden, und ihre

Brust hob sich stürmisch, ihr Antlitz deckte Leichenfarbe. Sie wollte

sprechen, aber sie konnte nicht. Willenlos, fast bewußtlos hatte sie

bis jetzt in der Gegenwart des Furchtbaren gehandelt; was sie sich

vorgenommen, ehe sie das Haus betrat, wie sie mit kalter Verachtung

seiner Anklage begegnen, sein Erkennen verleugnen wolle -- es war

hingeschmolzen, als jene Jammergestalt auf dem Bett, der Schatten

dessen, der einmal im Leben ihre ganze Seele füllte, vor ihr lag. Alte

Erinnerungen, Reue, Zerknirschung und Mitleid bestürmten ihr Herz; aber

ihre Kräfte verließen sie, die Luft hier drohte sie zu ersticken.

»Leb' wohl!« flüsterte sie, und wie von Furien gejagt, floh sie aus dem

Zimmer hinaus in's Freie, in die Einsamkeit.

Draußen wurde ihr leichter. Wohl eine Stunde lang ging sie in dem weiten

Park auf und ab. Endlich wandte sie sich wieder dem Schlosse zu und ging

in ihr Zimmer hinauf.

Noch hatte sie nicht ihren Hut abgelegt, als es leise an die Thür

klopfte.

»Herein!«

Bärbel stand auf der Schwelle. »Ach, Frau Gräfin,« sagte die Kleine,

und die hellen Thränen liefen ihr an den Wangen nieder, »ich bin nicht

hergeschickt, aber -- ich -- ich wollte Ihnen nur melden, daß der alte

Maulwurfsfänger eben gestorben ist.«

»Todt?«

»Die Rosie sagt's. Er liegt kalt und starr auf dem Bett.«

Die Gräfin winkte mit der Hand; Bärbel verließ schüchtern das Zimmer.

Die Gräfin Monford wankte zu ihrem Sopha, und Thränen -- Thränen, die

ersten, die sie seit langen Jahren vergossen, netzten ihr die Wangen.

Sie war glücklich, denn sie konnte weinen.

30.

Pfeffer dictirt einen Brief.

Wochen vergingen und Monate. Die rauhen Herbststürme traten ein, Schnee

fiel, und der Winter deckte die freundlichen Hügel und Gebirgszüge um

Haßburg mit seiner weißen Decke und die Wasser mit Eis, und noch

hatte die Monford'sche Familie mit keinem Menschen in der Stadt wieder

verkehrt, noch hatte die Gräfin selber die Stadt nicht wieder betreten,

oder auch nur einen einzigen Besuch selbst ihrer früheren intimsten

Freunde angenommen.

Der Zustand des Grafen schleppte sich freilich auch nur langsam hin: die

früher eingetretenen Schlaganfälle hatten sich mehrfach wiederholt, und

so sehr Beide gewünscht haben mochten, diesen Ort, der jetzt für sie so

furchtbare Erinnerungen trug, zu verlassen und eine andere Gegend, ein

wärmeres Klima zu ihrem Aufenthalt zu wählen, so schüttelte doch

der alte Ober-Medicinalrath dazu auf das Entschiedenste den Kopf und

beharrte dabei, daß der Graf jetzt an eine Reise gar nicht denken dürfe,

wenn er sich nicht muthwillig der größten Gefahr aussetzen wolle. Ihm

bliebe vor der Hand nichts weiter übrig, als abzuwarten, ob sich sein

sehr bedenklicher Zustand bessern würde, wozu er die Hoffnung keineswegs

aufgegeben habe. Träte der Fall ein, dann würde er selber eine Reise

nach Italien oder einem andern warmen Himmelsstrich dringend anrathen.

Ganz verändert war indessen die Gräfin selber geworden. Wie sie früher

die Pflege des Kranken fast ausschließlich der Dienerschaft überlassen

hatte, so wich sie seit jenem Tag, an welchem sie das Gärtnerhaus

besucht, fast nicht mehr von dem Lager des Gatten, und wachte, wenn sich

sein Zustand dann und wann verschlimmerte, halbe Nächte neben seinem

Bett. Sie war auch viel freundlicher mit den Leuten selber geworden,

und sogar der alte Haushofmeister, der ihr seit jenem Abend, wo sie den

Brief verbrannte, lange Wochen durch wohl ehrerbietig, aber doch wie

scheu ausgewichen war, fing an sich ihr wieder zu nähern und Mitleid

mit ihr zu fühlen, denn er, vor allen Anderen, sah und fühlte die

Veränderung zum Besseren, die mit ihr vorgegangen. Fiel sie doch mit

einer wahren Hast über alle Briefe her, die ihr gebracht wurden, und

legte sie dann traurig und oft mit einer unterdrückten Thräne bei Seite,

wenn keiner von ihnen mehr die jetzt so heiß ersehnten Schriftzüge des

verlorenen Kindes trug.

Aber Paula schien verschwunden; kein Brief von ihr war mehr

eingetroffen, keine Zeitung nannte Handor's Namen, keine Nachforschung,

die sie im Geheimen, besonders durch den Ober-Medicinalrath, anstellen

ließ, führte zu irgend einem Resultat. Sie mußte todt sein oder

Deutschland verlassen haben, denn alle Nachfragen blieben fruchtlos.

In Haßburg selber hatte man die Monford'sche Familie, die für Wochen

lang das Tagesgespräch gebildet, fast vergessen. Eine Zeit lang

wurde die Erinnerung daran wohl noch durch die nach dem Tode

des Maulwurfsfängers gegen den Förster eingeleitete Untersuchung

aufgefrischt, und dieser auch wegen Tödtung -- aber mit mildernden

Umständen, da er selber dabei verwundet worden -- zu zwei Monaten

Gefängnißstrafe verurtheilt. Jetzt hatte er diese abgesessen und Niemand

sprach mehr davon oder dachte noch daran. --

Freundlicher hatten sich indessen die Verhältnisse in der Pfeffer'schen

Familie gestaltet.

Rebe's Erfolg am hiesigen Theater konnte als gesichert betrachtet

werden, denn nach der Aufführung des Fiesco wagte sich keine Opposition

mehr heraus -- oder wurde vielmehr nicht mehr bezahlt und fiel deshalb

von selbst weg. -- Strohwisch hatte Haßburg verlassen, und Rebe

bekam dadurch freien Raum und ehrliches Spiel, sich seine Stellung am

Haßburger Theater zu erkämpfen, was er ehrenvoll that. Nacheinander,

aber von dem vorsichtigen Director immer noch nur von Monat zu Monat

engagirt, trat er in den bedeutendsten und schwierigsten Rollen auf und

zeigte sich bald als ein so talent- und geistvoller Schauspieler, daß

ihn das Publikum immer lieber gewann und ihm jetzt allabendlich die

deutlichsten und lebhaftesten Zeichen seines Beifalls gab.

Aber trotzdem veränderte er seine Lebensart nicht. Seine Gage war schon

jetzt eine sehr anständige, und er hätte mit Leichtigkeit ein besseres

Quartier nehmen und besser leben können. Das Rechtlichkeitsgefühl aber,

das ihn bisher geleitet, führte ihn auch weiter, und wenn er schon

offen und ehrlich um Henriettens Hand bei den Eltern angehalten und ihre

freudige Einwilligung erlangt hatte, weigerte er sich doch, Henriette

früher heimzuführen, als er sich selber so viel Geld erspart habe, um

seiner Frau eine freundliche und angemessene Heimath gründen zu können.

Jeremias erbot sich allerdings augenblicklich, ihm jede verlangte und

nöthige Summe vorzustrecken, aber Rebe wies Alles, wenn auch freundlich

und dankend, doch entschieden zurück. Er wollte sich selber und aus

sich selber heraus seinen eigenen Herd gründen, und Henriette hatte ihn

deshalb nur um so lieber.

Darin stimmte er aber ganz mit Pfeffer überein, daß er jetzt bei Krüger

auch auf einen bestimmten und längeren Contract dringen müsse, denn das

Provisorium hatte lange genug gedauert. Rebe schrieb auch deshalb an

Krüger, und heute war eine schriftliche Antwort eingelaufen, worin

sich der Director in den schmeichelhaftesten Ausdrücken erbot,

einen fünfjährigen Contract mit Rebe als erstem Liebhaber und Helden

einzugehen, und ihm ein Concept desselben unter sehr annehmbaren

Bedingungen beilegte.

Rebe hatte augenblicklich zustimmen wollen, Pfeffer that aber

Einspruch und behauptete, daß in einer so wichtigen Angelegenheit auch

nothwendiger Weise großer Kriegsrath gehalten werden müsse. Außerdem sei

es nicht einmal gerathen, diesem »Blutsauger«, wie er seinen Director

im vertraulichen Gespräch gewöhnlich nannte, zu zeigen, daß man

augenblicklich zuschnappe, sobald er einen Brocken hinhielt. Er müsse

zappeln, er müsse eine Zeit lang in Ungewißheit gehalten werden, dann

erst dürfe man hoffen, auf einen andauernd guten Fuß mit ihm zu kommen;

sonst setze er seinen Schlachtopfern doch augenblicklich wieder den

Daumen auf's Auge.

Rebe wollte dagegen protestiren, aber es half ihm nichts; er wurde

gerade nicht überstimmt, aber von Pfeffer überschrieen, und willigte

endlich lächelnd in einen »großen Rath«, der an diesem Nachmittag bei

Pfeffer zusammenkommen und Rebe's Entschluß bestimmen solle.

Pfeffer's Schwester, die sich merkwürdig in den letzten Monaten erholt

hatte und schon tüchtig wieder im Hause wirthschaftete, arrangirte

mit Jettchen einen großen Kaffee, und selbst Fräulein Bassini war dazu

eingeladen worden und erschien, eine halbe Stunde vor der Zeit, im

höchsten Staat und Putz, so daß Pfeffer augenblicklich in sein Zimmer

stürzte, den alten Schlafrock abwarf, ein weißes, allerdings etwas

»mitgenommenes« Halstuch umband und in seinen alten blauen Frack mit

blanken Knöpfen hineinfuhr, dazu ein Paar schmutzige Glacéhandschuhe

anzog, seinen Cylinderhut aufsetzte und der Schwester nun, in der linken

Hand die lange Pfeife und an den Füßen noch immer die grüngestickten

Schlapp-Pantoffeln, entgegen ging, um sie höchst förmlich zu begrüßen.

Pfeffer hielt denn auch, als Alle versammelt waren, in diesem Costüm

seinen Vortrag, und Jeremias saß dabei und lachte, fing aber an mit

dem Kopf zu schütteln, als sein Schwager Rebe aufzuhetzen begann, den

Contract zurück zu weisen und höhere Bedingungen zu fordern. Die Gage

war nämlich von Krüger selber so hoch gestellt, wie sie nur Haßburg

mit seinen bescheidenen Verhältnissen zahlen konnte, und Jeremias

protestirte heftig gegen jede solche Ueberschreitung des Möglichen.

Pfeffer gab endlich nach.

»Gut, Kinder,« sagte er, während Fräulein Bassini daneben saß und an

einem entsetzlich langen, brennend rothen Strumpf strickte, »ich habe

nichts dagegen, wenn Rebe denn für eine solche Lumpengage bleiben soll,

wo er in Berlin und Wien das Doppelte bekommen könnte...«

»Wenn nicht dort alle Stellen besetzt wären, Herr Pfeffer...«

»So habe ich auch nichts dagegen,« fuhr Pfeffer fort, »aber in Einer

Sache müßt Ihr mir folgen -- Rebe muß ihm einen derben Brief schreiben,

in dem er den Contract allerdings annimmt, aber diesem Blutegel, diesem

Krüger, auch zu verstehen giebt, daß er ihn durchschaut und sich seines

Werthes vollkommen bewußt ist.«

»Aber, bester Herr Pfeffer,« sagte Rebe, »ich bin nicht im Stande

einen Brief zu schreiben, in dem ich etwas Anderes sagen soll, als ich

wirklich denke.«

»Dann werde ich Ihnen dictiren,« rief Pfeffer.

»Aber, Fürchtegott...« bat die Frau.

»Mach' mich nicht böse,« rief aber Pfeffer jetzt gereizt, »setzen Sie

sich dahin, Rebe, dort liegt ein Briefbogen und Feder und Tinte, und

fangen Sie an!«

»Aber willst Du das nicht lieber _mir_ dictiren, Onkelchen?« bat

Henriette, »Horatius kennt doch noch nicht so genau Deine Art und

Weise.«

»Ach was, Art und Weise -- er muß sich hinein finden, und so viel

Verstand wird er doch wohl haben! Schreiben Sie, Rebe!«

Seine Schwester Auguste saß dabei und schüttelte lächelnd den Kopf, aber

sie sagte kein Wort; ja, als Jeremias auch dagegen reden wollte, faßte

sie nur seinen Arm und flüsterte: »Laß ihn nur machen! Er will nun

einmal seinen Willen haben; das Jettchen wird schon Alles wieder in die

Reihe bringen!«

Rebe schien nicht halb damit einverstanden, aber er mochte Pfeffer auch

nicht böse machen, setzte sich also an den Schreibtisch, rückte sich den

Bogen zurecht, tunkte die Feder ein und sagte: »Also, Herr Pfeffer?«

Fürchtegott Pfeffer ging noch immer -- eine höchst possirliche Gestalt

-- mit seinem Frack und den grüngestickten Pantoffeln, wie der langen

Pfeife -- in der Stube auf und ab und blies den Rauch in kleinen hellen

Wolken von sich.

»Sind Sie so weit?«

»Ja!«

»Gut! so fangen Sie an. Ueberschrift: Herrn Director Krüger hier, --

Mohrengasse 42, erste Etage, rechts, -- erste Etage, rechts. Haben Sie

rechts?«

»Nur weiter, ich komme schon mit!«

»Also -- Schafskopf...«

»Aber, Herr Pfeffer,« sagte Rebe und sah verwundert zu ihm auf.

»So schreiben Sie doch nur, ich verliere ja sonst den Faden.«

Rebe schüttelte mit dem Kopf, und Henriette stand, mit der Hand seine

Stuhllehne gefaßt, und sah ihm lächelnd über die Schulter.

»Schreibe nur -- schreibe,« flüsterte sie, und ein eigener Zug von

Muthwillen zuckte ihr dabei über das liebe Antlitz.

»Haben Sie Schafskopf?«

»Ja, Herr Pfeffer!«

»Haben Sie endlich eingesehen, was ich Ihnen hier bin und leiste...«

»Aber,« wollte Rebe wieder remonstriren, Jettchen hielt ihm jedoch rasch

den Mund zu und flüsterte wieder: »Schreibe nur!« Er wurde gar nicht

klug aus ihr. Den Brief konnte er doch nicht dem Director schicken, das

ging ja unmöglich an.

»Was ich Ihnen hier bin und leiste -- haben Sie das?«

»Leiste,« wiederholte Rebe kopfschüttelnd.

»Das Lumpengeld, was Sie mir bieten, ist freilich kaum die Hälfte

dessen, was ich verdiene...«

Rebe schrieb jetzt -- er wollte wenigstens einmal sehen, was daraus

würde, war aber fest entschlossen, nie in dieser Weise selber zu

antworten.

»Haben Sie verdiene?«

»Verdiene...«

»Und in den zwei Monaten Urlaub, die Sie vernünftiger Weise

eingeschoben...«

»Eingeschoben,« sagte Rebe.

»Werde ich das Dreifache herausschlagen -- aber ich komme doch in der

Zeit...«

»In der Zeit...«

»Aus der Schmiere hier fort...«

Rebe lachte, aber er schrieb weiter.

»Ich fühle, daß Sie mir mit dem Contract das Fell über die Ohren

ziehen -- über die Ohren ziehen -- aber ich hoffe doch mit -- dem Gelde

auszukommen -- Hol' Sie der Deubel -- so, und nun Ihren Namen darunter.«

»Und den Brief soll ich fortschicken?«

»Gewiß!« nickte Pfeffer. -- »Aber nun lesen Sie mir erst einmal vor, was

Sie geschrieben haben.«

Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie« · 第 10 / 16 题